Während ich meinen Heimweg einschlug, ergriff mich ein unendlicher

Jammer. Dieser unklare Mensch also war es, von dem die Entscheidung der

Dinge abhing. -- Wo sollte bei so knabenhafter Unreife und flackernder

Leidenschaftlichkeit die Stetigkeit des Gedankens, die Festigkeit des

Entschlusses herkommen? Konnte der Admiral für ihn handeln? Aber

wer bürgte dafür, daß nicht andere, feindliche Einflüsse sich in der

nächsten Stunde schon dieses verworrenen Gemütes bemächtigten! Ich

fühlte, daß nur dann Sicherheit war, wenn Coligny in seinem König eine

selbstbewußte Stütze fand; besaß er in ihm nur ein Werkzeug, so konnte

ihm dieses morgen entrissen werden.

In so böse Zweifel verstrickt, verfolgte ich meinen Weg, als sich eine

Hand auf meine Schulter legte. Ich wandte mich und blickte in das

wolkenlose Gesicht meines Landsmannes Boccard, der mich umhalste und

mit den lebhaftesten Freudenbezeugungen begrüßte.

»Willkommen, Schadau, in Paris!« rief er, »Ihr seid, wie ich sehe,

müßig, das bin ich auch, und da der König eben verritten ist, so müßt

Ihr mit mir kommen, ich will Euch das Louvre zeigen. Ich wohne dort,

da meine Kompanie die Wache der innern Gemächer hat. -- Es wird Euch

hoffentlich nicht belästigen,« fuhr er fort, da er in meinen Mienen

kein ungemischtes Vergnügen über seinen Vorschlag las, »mit einem

königlichen Schweizer Arm in Arm zu gehn? Da ja Euer Abgott Coligny

die Verbrüderung der Parteien wünscht, so würde ihm das Herz im Leibe

lachen ob der Freundschaft seines Schreibers mit einem Leibgardisten.«

»Wer hat Euch gesagt ...« unterbrach ich ihn erstaunt --

»Daß Ihr des Admirals Schreiber seid?« lachte Boccard. »Guter Freund,

am Hofe wird mehr geschwatzt, als billig ist! Heute morgen beim

Ballspiel war unter den hugenottischen Hofleuten die Rede von einem

Deutschen, der bei dem Admiral Gunst gefunden hätte, und aus einigen

Äußerungen über die fragliche Persönlichkeit erkannte ich zweifellos

meinen Freund Schadau. Es ist nur gut, daß Euch jenes Mal Blitz und

Donner in die drei Lilien zurückjagten, sonst wären wir uns fremd

geblieben, denn Eure Landsleute im Louvre hättet Ihr wohl schwerlich

aus freien Stücken aufgesucht! Mit dem Hauptmann Pfyffer muß ich Euch

gleich bekannt machen!«

Dies verbat ich mir, da Pfyffer nicht nur als abgezeichneter Soldat,

sondern auch als fanatischer Katholik berühmt war, willigte aber gern

ein, mit Boccard das Innere des Louvre zu besichtigen, da ich den viel

gepriesenen Bau bis jetzt nur von außen betrachtet hatte.

Wir schritten neben einander durch die Straßen, und das freundliche

Geplauder des lebenslustigen Fryburgers war mir willkommen, da es mich

von meinen schweren Gedanken erlöste.

Bald betraten wir das französische Königsschloß, das damals zur

Hälfte aus einem finstern mittelalterlichen Kastell, zur andern Hälfte

aus einem neuen, prächtigen Palast bestand, den die Medicäerin hatte

aufführen lassen. Diese Mischung zweier Zeiten vermehrte in mir den

Eindruck, der mich, seit ich Paris betreten, nie verlassen hatte, den

Eindruck des Schwankenden, Ungleichartigen, der sich widersprechenden

und mit einander ringenden Elemente.

Nachdem wir viele Gänge und eine Reihe von Gemächern durchschritten

hatten, deren Verzierung in keckem Steinwerke und oft ausgelassener

Malerei meinem protestantischen Geschmacke fremd und zuweilen ärgerlich

war, Boccard aber herzlich belustigte, öffnete mir dieser ein Kabinet

mit den Worten: »Dies ist das Studierzimmer des Königs.« --

Da herrschte eine gräuliche Unordnung. Der Boden war mit Notenheften

und aufgeblätterten Büchern bestreut. An den Wänden hingen Waffen. Auf

dem kostbaren Marmortische lag ein Waldhorn.

Ich begnügte mich von der Türe aus einen Blick in dies Chaos zu werfen,

und weitergehend frug ich Boccard, ob der König musikalisch sei.

»Er bläst herzzerreißend,« erwiderte dieser, »oft ganze Vormittage

hindurch und, was schlimmer ist, ganze Nächte, wenn er nicht hier

nebenan,« er wies auf eine andere Türe, »vor dem Amboß steht und

schmiedet, daß die Funken stieben. Jetzt aber ruhen Waldhorn und

Hammer. Er ist mit dem jungen Chateauguyon eine Wette eingegangen,

welchem von ihnen es zuerst gelinge, den Fuß im Munde das Zimmer auf

und nieder zu hüpfen. Das gibt ihm nun unglaublich zu tun.« --

Da Boccard sah, wie ich traurig wurde, und es ihm auch sonst passend

scheinen mochte, das Gespräch über das gekrönte Haupt Frankreichs

abzubrechen, lud er mich ein, mit ihm das Mittagsmahl in einem nicht

weit entlegenen Gasthause einzunehmen, das er mir als ganz vorzüglich

schilderte.

Um abzukürzen, schlugen wir eine enge, lange Gasse ein. Zwei Männer

schritten uns vom andern Ende derselben entgegen.

»Sieh,« sagte mir Boccard, »dort kommt Graf Guiche, der berüchtigte

Damenfänger und der größte Raufer vom Hofe, und neben ihm -- wahrhaftig

-- das ist Lignerolles! Wie darf sich der am hellen Tage blicken

lassen, da er doch ein vollgültiges Todesurteil auf dem Halse hat!«

Ich blickte hin und erkannte in dem Vornehmern der Bezeichneten den

Unverschämten, der gestern Abend im Scheine der Fackeln Gasparde

mit frecher Geberde beleidigt hatte. Auch er schien sich meiner

näherschreitend zu erinnern, denn sein Auge blieb unverwandt auf mir

haften. Wir hatten die halbe Breite der engen Gasse inne, die andere

Hälfte den uns entgegen Kommenden frei lassend. Da Boccard und

Lignerolles auf der Mauerseite gingen, mußten der Graf und ich hart

aneinander vorüber.

Plötzlich erhielt ich einen Stoß und hörte den Grafen sagen: »Gieb

Raum, verdammter Hugenott!«

Außer mir wandte ich mich nach ihm um, da rief er lachend zurück:

»Willst du dich auf der Gasse so breit machen wie am Fenster?«

Ich wollte ihm nachstürzen, da umschlang mich Boccard und beschwor

mich: »Nur hier keine Scene! In diesen Zeiten würden wir in einem

Augenblicke den Pöbel von Paris hinter uns her haben, und, da sie

dich an deinem steifen Kragen als Hugenotten erkennen würden, wärst

du unzweifelhaft verloren! Daß du Genugtuung erhalten mußt, versteht

sich von selbst. Du überlässest mir die Sache, und ich will froh sein,

wenn sich der vornehme Herr zu einem ehrlichen Zweikampfe versteht.

Aber an dem Schweizernamen darf kein Makel haften, und wenn ich mit dem

deinigen auch mein Leben einsetzen müßte! --

Jetzt sage mir um aller Heiligen willen, bist du mit Guiche bekannt?

Hast du ihn gegen dich aufgebracht? Doch nein, das ist ja nicht

möglich! Der Taugenichts war übler Laune und wollte sie an deiner

Hugenottentracht auslassen.«

Unterdessen waren wir in das Gasthaus eingetreten, wo wir rasch und in

gestörter Stimmung unser Mahl hielten.

»Ich muß meinen Kopf zusammenhalten,« sagte Boccard, »denn ich werde

mit dem Grafen einen harten Stand haben.«

Wir trennten uns und ich kehrte in meine Herberge zurück, Boccard

versprechend, ihn dort zu erwarten. Nach Verlauf von zwei Stunden trat

er in meine Kammer mit dem Ausrufe: »Es ist gut abgelaufen! Der Graf

wird sich mit dir schlagen, morgen bei Tagesanbruch vor dem Tore St.

Michel. Er empfing mich nicht unhöflich, und als ich ihm sagte, du

wärest von gutem Hause, meinte er, es sei jetzt nicht der Augenblick,

deinen Stammbaum zu untersuchen, was er kennen zu lernen wünsche, sei

deine Klinge.

Und wie steht es damit?« fuhr Boccard fort, »ich bin sicher, daß du ein

methodischer Fechter bist, aber ich fürchte, du bist langsam, langsam,

zumal einem so raschen Teufel gegenüber.«

Boccards Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an, und nachdem er nach

ein paar Übungsklingen gerufen -- es befand sich zu ebener Erde neben

meinem Gasthause ein Fechtsaal -- gab er mir eine derselben in die Hand

und sagte: »Nun zeige deine Künste!« --

Nach einigen Gängen, die ich im gewohnten Tempo durchfocht, während

Boccard mich vergeblich mit dem Rufe: Schneller, schneller! anfeuerte,

warf er seine Klinge weg und stellte sich ans Fenster, um eine Träne

vor mir zu verbergen, die ich aber schon hervordringen gesehn hatte.

Ich trat zu ihm und legte meine Hand auf seine Schulter.

»Boccard,« sagte ich, »betrübe dich nicht. Alles ist vorher bestimmt.

Ist meine Todesstunde auf morgen gestellt, so bedarf es nicht der

Klinge des Grafen, um meinen Lebensfaden zu zerschneiden. Ist es nicht

so, wird mir seine gefährliche Waffe nichts anhaben können.« --

»Mache mich nicht ungeduldig!« versetzte er, sich rasch nach mir

umdrehend. »Jede Minute der Frist, die uns bleibt, ist kostbar und

muß benützt werden -- nicht zum Fechten, denn in der Theorie bist du

unsträflich, und dein Phlegma,« hier seufzte er, »ist unheilbar. Es

gibt nur ein Mittel, dich zu retten. Wende dich an Unsre liebe Frau von

Einsiedeln, und wirf mir nicht ein, du seiest Protestant -- einmal ist

keinmal! Muß es sie nicht doppelt rühren, wenn einer der Abtrünnigen

sein Leben in ihre Hände befiehlt! Du hast jetzt noch Zeit, für deine

Rettung viele Ave Maria zu sprechen, und glaube mir, die Gnadenmutter

wird dich nicht im Stiche lassen! Überwinde dich, lieber Freund, und

folge meinem Rate.« --

»Laß mich in Ruhe, Boccard!« versetzte ich, über seine wunderliche

Zumutung ungehalten und doch von seiner Liebe gerührt.

Er aber drang noch eine Weile vergeblich in mich. Dann ordneten wir das

Notwendige für morgen, und er nahm Abschied.

In der Türe wandte er sich noch einmal zurück und sagte: »Nur einen

Stoßseufzer, Schadau, vor dem Einschlafen!« --

[Illustration]

Sechstes Kapitel.

Am nächsten Morgen wurde ich durch eine rasche Berührung aus dem

Schlafe geweckt. Boccard stand vor meinem Lager.

»Auf!« rief er, »es eilt, wenn wir nicht zu spät kommen sollen! Ich

vergaß gestern, dir zu sagen, von wem der Graf sich sekundieren

läßt, -- von Lignerolles. Ein Schimpf mehr, wenn du willst! Aber es

hat den Vorteil, daß, im Falle du --« er seufzte -- »deinen Gegner

ernstlich verwunden solltest, dieser ehrenwerte Sekundant gewiß reinen

Mund halten wird, da er tausend gute Gründe hat, die öffentliche

Aufmerksamkeit in keiner Weise auf sich zu ziehen.« --

Während ich mich ankleidete, bemerkte ich wohl, daß dem Freund eine

Bitte auf dem Herzen lag, die er mit Mühe niederkämpfte.

Ich hatte mein noch in Bern verfertigtes, nach Schweizersitte auf

beiden Seiten mit derben Taschen versehenes Reisewams angezogen und

drückte meinen breitkrämpigen Filz in die Stirne, als mich Boccard auf

einmal in großer Gemütsbewegung heftig umhalste und, nachdem er mich

geküßt, seinen Lockenkopf an meine Brust lehnte. Diese überschwengliche

Teilnahme erschien mir unmännlich, und ich drückte das duftende Haupt

mit beiden Händen beschwichtigend weg. Mir däuchte, daß sich Boccard in

diesem Augenblicke etwas an meinem Wams zu schaffen machte; aber ich

gab nicht weiter darauf acht, da die Zeit drängte.

Wir gingen schweigend durch die morgenstillen Gassen, während es leise

zu regnen anfing, durchschritten das Tor, das eben geöffnet worden war,

und fanden in kleiner Entfernung vor demselben einen mit verfallenden

Mauern umgebenen Garten. Diese verlassene Stätte war zu der Begegnung

ausersehn.

Wir traten ein und erblickten Guiche mit Lignerolles, die unsrer

harrend zwischen den Buchenhecken des Hauptganges auf- und

niederschritten. Der Graf grüßte mich mit spöttischer Höflichkeit.

Boccard und Lignerolles traten zusammen, um Kampfstelle und Waffen zu

regeln.

»Der Morgen ist kühl,« sagte der Graf, »ist es Euch genehm, so fechten

wir im Wams.« --

»Der Herr ist nicht gepanzert?« warf Lignerolles hin, indem er eine

tastende Bewegung nach meiner Brust machte.

Guiche bedeutete ihn mit einem Blicke, es zu lassen.

Zwei lange Stoßklingen wurden uns geboten. Der Kampf begann, und ich

merkte bald, daß ich einem an Behendigkeit mir überlegenen und dabei

völlig kaltblütigen Gegner gegenüber stehe. Nachdem er meine Kraft mit

einigen spielenden Stößen wie auf dem Fechtboden geprüft hatte, wich

seine nachlässige Haltung. Es wurde tötlicher Ernst. Er zeigte Quart

und stieß Sekunde in beschleunigtem Tempo. Meine Parade kam genau

noch rechtzeitig: wiederholte er dieselben Stöße um eine Kleinigkeit

rascher, so war ich verloren. Ich sah ihn befriedigt lächeln und machte

mich auf mein Ende gefaßt.

Blitzschnell kam der Stoß, aber die geschmeidige Stahlklinge bog sich

hoch auf, als träfe sie einen harten Gegenstand, ich parierte, führte

den Nachstoß und rannte dem Grafen, der, seiner Sache sicher, weit

ausgefallen war, meinen Degen durch die Brust. Er verlor die Farbe,

wurde aschfahl, ließ die Waffe sinken und brach zusammen.

Lignerolles beugte sich über den Sterbenden, während Boccard mich von

hinnen zog.

Wir folgten dem Umkreise der Stadtmauer in flüchtiger Eile bis zum

zweitnächsten Tore, wo Boccard mit mir in eine kleine, ihm bekannte

Schenke trat. Wir durchschritten den Flur und ließen uns hinter dem

Hause unter einer dicht überwachsenen Laube nieder. Noch war in der

feuchten Morgenfrühe alles wie ausgestorben. Der Freund rief nach

Wein, der uns nach einer Weile von einem verschlafenen Schenkmädchen

gebracht wurde. Er schlürfte in behaglichen Zügen, während ich den

Becher unberührt vor mir stehen ließ. Ich hatte die Arme über der Brust

gekreuzt und senkte das Haupt. Der Tote lag mir auf der Seele.

Boccard forderte mich zum Trinken auf, und nachdem ich ihm zu Gefallen

den Becher geleert hatte, begann er:

»Ob nun gewisse Leute ihre Meinung ändern werden über Unsre liebe Frau

von Einsiedeln?« --

»Laß mich zufrieden!« versetzte ich unwirsch, »was hat denn sie damit

zu schaffen, daß ich einen Menschen getötet?« --

»Mehr als du denkst!« erwiderte Boccard mit einem vorwurfsvollen

Blicke. »Daß du hier neben mir sitzest, hast du nur ihr zu danken! Du

bist ihr eine dicke Kerze schuldig!«

Ich zuckte die Achseln.

»Ungläubiger!« rief er und zog, in meine linke Brusttasche langend,

triumphierend das Medaillon daraus hervor, welches er um den Hals

zu tragen pflegte, und das er heute morgen während seiner heftigen

Umarmung mir heimlich in das Wams geschoben haben mußte.

Jetzt fiel es mir wie eine Binde von den Augen.

Die silberne Münze hatte den Stoß aufgehalten, der mein Herz

durchbohren sollte. Mein erstes Gefühl war zornige Scham, als ob

ich ein unehrliches Spiel getrieben und entgegen den Gesetzen des

Zweikampfes meine Brust geschützt hätte. Darein mischte sich der Groll,

einem Götzenbilde mein Leben zu schulden.

»Läge ich doch lieber tot,« murmelte ich, »als daß ich bösem

Aberglauben meine Rettung verdanken muß!« --

Aber allmählich lichteten sich meine Gedanken.

Gasparde trat mir vor die Seele und mit ihr alle Fülle des Lebens. Ich

war dankbar für das neu geschenkte Sonnenlicht, und als ich wieder in

die freudigen Augen Boccards blickte, brachte ich es nicht über mich,

mit ihm zu hadern, so gern ich es gewollt hätte. Sein Aberglaube war

verwerflich, aber seine Freundestreue hatte mir das Leben gerettet.

Ich nahm von ihm mit Herzlichkeit Abschied und eilte ihm voraus durch

das Tor und quer durch die Stadt nach dem Hause des Admirals, der mich

zu dieser Stunde erwartete.

Hier brachte ich den Vormittag am Schreibtische zu, diesmal mit der

Durchsicht von Rechnungen beauftragt, die sich auf die Ausrüstung der

nach Flandern geworfenen hugenottischen Freischaar bezogen. Als der

Admiral in einem freien Augenblicke zu mir trat, wagte ich die Bitte,

er möchte mich nach Flandern schicken, um an dem Einfalle teilzunehmen

und ihm rasche und zuverlässige Nachricht von dem Verlaufe desselben zu

senden.

»Nein, Schadau,« antwortete er kopfschüttelnd, »ich darf Euch nicht

Gefahr laufen lassen, als Freibeuter behandelt zu werden und am

Galgen zu sterben. Etwas anderes ist es, wenn Ihr nach erklärten

Feindseligkeiten an meiner Seite fallen solltet. Ich bin es Euerm Vater

schuldig, Euch keiner andern Gefahr auszusetzen als einem ehrlichen

Soldatentode!« --

Es mochte ungefähr Mittag sein, als sich das Vorzimmer in auffallender

Weise füllte und ein immer erregter werdendes Gespräch hörbar wurde.

Der Admiral rief seinen Schwiegersohn, Teligny, herein, der ihm

berichtete, Graf Guiche sei diesen Morgen im Zweikampfe gefallen, sein

Sekundant, der verrufene Lignerolles, habe die Leiche vor dem Tore St.

Michel durch die gräfliche Dienerschaft abholen lassen und ihr, bevor

er sich flüchtete, nichts anderes zu sagen gewußt, als daß ihr Herr

durch die Hand eines ihm unbekannten Hugenotten gefallen sei.

Coligny zog die Brauen zusammen und brauste auf: »Habe ich nicht streng

untersagt -- habe ich nicht gedroht, gefleht, beschworen, daß keiner

unsrer Leute in dieser verhängnisvollen Zeit einen Zwist beginne oder

aufnehme, der zu blutigem Entscheide führen könnte! Ist der Zweikampf

an sich schon eine Tat, die kein Christ ohne zwingende Gründe auf sein

Gewissen laden soll, so wird er in diesen Tagen, wo ein ins Pulverfaß

springender Funke uns Alle verderben kann, zum Verbrechen an unsern

Glaubensgenossen und am Vaterlande.« --

Ich blickte von meinen Rechnungen nicht auf und war froh, als ich die

Arbeit zu Ende gebracht hatte. Dann ging ich in meine Herberge und ließ

mein Gepäck in das Haus des Schneiders Gilbert bringen.

Ein kränklicher Mann mit einem furchtsamen Gesichtchen geleitete mich

unter vielen Höflichkeiten in das mir bestimmte Zimmer. Es war groß und

luftig und überschaute, das oberste Stockwerk des Hauses bildend, den

ganzen Stadtteil, ein Meer von Dächern, aus welchem Turmspitzen in den

Wolkenhimmel aufragten.

»Hier seid Ihr sicher!« sagte Gilbert mit feiner Stimme und zwang mir

damit ein Lächeln ab.

»Mich freut es,« erwiderte ich, »bei einem Glaubensbruder Herberge zu

nehmen.« --

»Glaubensbruder?« lispelte der Schneider, »sprecht nicht so laut, Herr

Hauptmann. Es ist wahr, ich bin ein evangelischer Christ, und -- wenn

es nicht anders sein kann -- will ich auch für meinen Heiland sterben;

aber verbrannt werden, wie es mit Dubourg auf dem Greveplatze geschah!

-- ich sah damals als kleiner Knabe zu -- hu, davor hab' ich einen

Schauder!« --

»Habt keine Angst,« beruhigte ich, »diese Zeiten sind vorüber, und das

Friedensedikt gewährleistet uns Allen freie Religionsübung.«

»Gott gebe, daß es dabei bleibe!« seufzte der Schneider. »Aber Ihr

kennt unsern Pariser Pöbel nicht. Das ist ein wildes und ein neidisches

Volk, und wir Hugenotten haben das Privilegium, sie zu ärgern. Weil wir

eingezogen, züchtig und rechtschaffen leben, so werfen sie uns vor, wir

wollen uns als die Bessern von ihnen sondern; aber, gerechter Himmel!

wie ist es möglich, die zehn Gebote zu halten und sich nicht vor ihnen

auszuzeichnen!«

Mein neuer Hauswirt verließ mich, und bei der einbrechenden Dämmerung

ging ich hinüber in die Wohnung des Parlamentrats. Ich fand ihn höchst

niedergeschlagen.

»Ein böses Verhängnis waltet über unsrer Sache,« hub er an. »Wißt Ihr

es schon, Schadau? Ein vornehmer Höfling, Graf Guiche, ward diesen

Morgen im Zweikampfe von einem Hugenotten erstochen. Ganz Paris ist

voll davon, und ich denke, Pater Panigarola wird die Gelegenheit

nicht versäumen, auf uns Alle als auf eine Genossenschaft von Mördern

hinzuweisen und seinen tugendhaften Gönner -- denn Guiche war ein

eifriger Kirchgänger -- in einer seiner wirkungsvollen Abendpredigten

als Märtyrer des katholischen Glaubens auszurufen ... Der Kopf schmerzt

mich, Schadau, und ich will mich zur Ruhe begeben. Laßt Euch von

Gasparde den Abendtrunk kredenzen.«

Gasparde stand während dieses Gesprächs neben dem Sitze des alten

Herrn, auf dessen Rückenlehne sie sich nachdenkend stützte. Sie war

heute sehr blaß, und tiefernst blickten ihre großen blauen Augen.

Als wir allein waren, standen wir uns einige Augenblicke schweigend

gegenüber. Jetzt stieg der schlimme Verdacht in mir auf, daß sie,

die selbst mich zu ihrer Verteidigung aufgefordert, nun vor dem

Blutbefleckten schaudernd zurücktrete. Die seltsamen Umstände, die mich

gerettet hatten und die ich Gasparde nicht mitteilen konnte, ohne ihr

kalvinistisches Gefühl schwer zu verletzen, verwirrten mein Gewissen

mehr, als die nach Mannesbegriffen leichte Blutschuld es belastete.

Gasparde fühlte mir an, daß meine Seele beschwert war, und konnte den

Grund davon allein in der Tötung des Grafen und den daraus unsrer

Partei erwachsenden Nachteilen suchen.

Nach einer Weile sagte sie mit gepreßter Stimme: »Du also hast den

Grafen umgebracht?«

»Ich,« war meine Antwort.

Wieder schwieg sie. Dann trat sie mit plötzlichem Entschlusse an mich

heran, umschlang mich mit beiden Armen und küßte mich inbrünstig auf

den Mund.

»Was du immer verbrochen hast,« sagte sie fest, »ich bin deine

Mitschuldige. Um meinetwillen hast du die Tat begangen. Ich bin es, die

dich in Sünde gestürzt hat. Du hast dein Leben für mich eingesetzt. Ich

möchte es dir vergelten, doch wie kann ich es.« --

Ich faßte ihre beiden Hände und rief: »Gasparde, laß mich, wie heute,

so morgen und immerdar dein Beschützer sein! Teile mit mir Gefahr und

Rettung, Schuld und Heil! Eins und untrennbar laß uns sein bis zum

Tode!«

»Eins und untrennbar!« sagte sie.

[Illustration]

Siebentes Kapitel.

Seit dem verhängnisvollen Tage, an welchem ich Guiche getödtet und

Gaspardes Liebe gewonnen hatte, war ein Monat verstrichen. Täglich

schrieb ich im Kabinet des Admirals, der mit meiner Arbeit zufrieden

schien und mich mit steigendem Vertrauen behandelte. Ich fühlte, daß

ihm die Innigkeit meines Verhältnisse zu Gasparde nicht unbekannt

geblieben war, ohne daß er es jedoch mit einem Worte berührt hätte.

Während dieser Zeit hatte sich die Lage der Protestanten in Paris

sichtlich verschlimmert. Der Einfall in Flandern war mißlungen, und

der Rückschlag machte sich am Hofe und in der öffentlichen Stimmung

fühlbar. Die Hochzeit des Königs von Navarra mit Karls reizender, aber

leichtfertiger Schwester erweiterte die Kluft zwischen den beiden

Parteien, statt sie zu überbrücken. Kurz vorher war Jeanne d'Albret,

die wegen ihres persönlichen Wertes von den Hugenotten hoch verehrte

Mutter des Navarresen, plötzlich gestorben, an Gift, so hieß es.

Am Hochzeittage selber schritt der Admiral, statt der Messe

beizuwohnen, auf dem Platze der Notredame in gemessenem Gange auf und

nieder und sprach, er der sonst so Vorsichtige, ein Wort aus, das in

bitterster Feindseligkeit gegen ihn ausgebeutet wurde. »Notredame,«

sagte er, »ist mit den Fahnen behängt, die man uns im Bürgerkrieg

abgenommen; sie müssen weg und ehrenvollere Trophäen an ihre Stelle!«

Damit meinte er spanische Fahnen, aber das Wort wurde falsch gedeutet.

Coligny sandte mich mit einem Auftrage nach Orleans, wo deutsche

Reiterei lag. Als ich von dort zurückkehrte und meine Wohnung betrat,

kam mir Gilbert mit entstellter Miene entgegen.

»Wißt Ihr schon, Herr Hauptmann,« jammerte er, »daß der Admiral gestern

meuchlerisch verwundet worden ist, als er aus dem Louvre nach seinem

Palaste zurückkehrte? Nicht tötlich, sagt man; aber bei seinem Alter

und der kummervollen Sorge, die auf ihm lastet, wer kann wissen, wie

das endet! Und stirbt er, was soll aus uns werden?« --

Ich begab mich schleunig nach der Wohnung des Admirals, wo ich

abgewiesen wurde. Der Pförtner sagte mir, es sei hoher Besuch im

Hause, der König und die Königin Mutter. Dies beruhigte mich, da ich

in meiner Arglosigkeit daraus schloß, unmöglich könne Katharina an der

Untat Anteil haben, wenn sie selbst das Opfer besuche. Der König aber,

versicherte der Pförtner, sei wütend über den tückischen Angriff auf

das Leben seines väterlichen Freundes.

Jetzt wandte ich meine Schritte zurück nach der Wohnung des

Parlamentrats, den ich in lebhaftem Gespräche mit einer merkwürdigen

Persönlichkeit fand, einem Manne in mittleren Jahren, dessen bewegtes

Geberdenspiel den Südfranzosen verriet und der den St. Michaelsorden

trug. Noch nie hatte ich in klugere Augen geblickt. Sie leuchteten von

Geist, und in den zahllosen Falten und Linien um Augen und Mund bewegte

sich ein unruhiges Spiel schalkhafter und scharfsinniger Gedanken.

»Gut, daß Ihr kommt, Schadau!« rief mir der Rat entgegen, während

ich unwillkürlich das unschuldige Antlitz Gaspardes, in dem nur die

Lauterkeit einer einfachen und starken Seele sich spiegelte, mit

der weltklugen Miene des Gastes verglich, »gut, daß Ihr kommt! Herr

Montaigne will mich mit Gewalt nach seinem Schlosse in Perigord

entführen ...«

»Wir wollen dort den Horaz zusammen lesen,« warf der Fremdling ein,

»wie wir es vor Zeiten in den Bädern von Aix taten, wo ich das

Vergnügen hatte, den Herrn Rat kennen zu lernen.«

Novellenbuch, 1. Band · 第 3 / 9 段