bekannt geworden seid.«
Als ich wieder auf der Straße war und, dem Erlebten nachsinnend, den
Weg nach meiner Herberge einschlug, wurde mir klar, daß ich für den
Admiral kein Unbekannter mehr war, und ich konnte nicht im Zweifel
sein, wem ich es zu verdanken hatte. Die Freude, an ein ersehntes
Ziel, das mir schwer zu erreichen schien, so leicht gelangt zu sein,
war mir von guter Vorbedeutung für meine beginnende Laufbahn, und die
Aussicht, unter den Augen des Admirals zu arbeiten, gab mir ein Gefühl
von eigenem Wert, das ich bisher noch nicht gekannt hatte. Alle diese
glücklichen Gedanken traten aber fast gänzlich zurück vor etwas, das
mich zugleich anmutete und quälte, lockte und beunruhigte, vor etwas
unendlich Fragwürdigem, von dem ich mir durchaus keine Rechenschaft
zu geben wußte. Jetzt nach langem, vergeblichen Suchen wurde es mir
plötzlich klar. Es waren die Augen des Admirals, die mir nachgingen.
Und warum verfolgten sie mich? Weil es _ihre_ Augen waren. Kein Vater,
keine Mutter konnten ihrem Kinde getreuer diesen Spiegel der Seele
vererben! Ich geriet in eine unsagbare Verwirrung. Sollten, konnten
ihre Augen von den seinigen abstammen? War das möglich? Nein, ich hatte
mich getäuscht. Meine Einbildungskraft hatte mir eine Tücke gespielt,
und um diese Gauklerin durch die Wirklichkeit zu widerlegen, beschloß
ich eilig, in meine Herberge zurückzukehren und dann auf der Insel St.
Louis meine Bekannten von den drei Lilien aufzusuchen.
Als ich eine Stunde später das hohe, schmale Haus des Parlamentrats
betrat, das, dicht an der Brücke St. Michel gelegen, auf der einen
Seite in die Wellen der Seine, auf der andern über eine Seitengasse
hinweg in die gotischen Fenster einer kleinen Kirche blickte, fand ich
die Türen des untern Stockwerks verschlossen, und als ich das zweite
betrat, stand ich unversehens vor Gasparde, die an einer offenen Truhe
beschäftigt schien.
»Wir haben Euch erwartet,« begrüßte sie mich, »und ich will Euch zu
meinem Ohm führen, der sich freuen wird, Euch zu sehn.«
Der Alte saß behaglich im Lehnstuhle, einen großen Folianten
durchblätternd, den er auf die dazu eingerichtete Seitenlehne stützte.
Das weite Gemach war mit Büchern gefüllt, die in schön geschnitzten
Eichenschränken standen. Statuetten, Münzen, Kupferstiche bevölkerten,
jedes an der geeigneten Stelle, diese friedliche Gedankenstätte.
Der gelehrte Herr hieß mich, ohne sich zu erheben, einen Sitz an
seine Seite rücken, grüßte mich als alten Bekannten und vernahm mit
sichtlicher Freude den Bericht über meinen Eintritt in die Bedienung
des Admirals.
»Gebe Gott, daß es ihm diesmal gelinge!« sagte er. »Uns Evangelischen,
die wir leider am Ende doch nur eine Minderheit unter der Bevölkerung
unserer Heimat sind, ohne verruchten Bürgerkrieg Luft zu schaffen,
gab es zwei Wege, _nur_ zwei Wege: entweder auswandern über den Ozean
in das von Kolumbus entdeckte Land -- diesen Gedanken hat der Admiral
lange Jahre in seinem Gemüte bewegt und, hätten sich nicht unerwartete
Hindernisse dagegen erhoben, wer weiß! -- oder das Nationalgefühl
entflammen und einen großen, der Menschheit heilbringenden auswärtigen
Krieg führen, wo Katholik und Hugenott Seite an Seite fechtend in der
Vaterlandsliebe zu Brüdern werden und ihren Religionshaß verlernen
könnten. Das will der Admiral jetzt, und mir, dem Manne des Friedens,
brennt der Boden unter den Füßen, bis der Krieg erklärt ist! Die
Niederlande vom spanischen Joche befreiend, werden unsre Katholiken
widerwillig in die Strömung der Freiheit gerissen werden. Aber es
eilt! Glaubt mir, Schadau, über Paris brütet eine dumpfe Luft.
Die Guisen suchen einen Krieg zu vereiteln, der den jungen König
selbständig und sie entbehrlich machen würde. Die Königin Mutter ist
zweideutig -- durchaus keine Teufelin, wie die Heißsporne unsrer
Partei sie schildern, aber sie windet sich durch von heute auf morgen,
selbstsüchtig nur auf das Interesse ihres Hauses bedacht. Gleichgültig
gegen den Ruhm Frankreichs, ohne Sinn für Gutes und Böses, hält sie
das Entgegengesetzte in ihren Händen, und der Zufall kann die Wahl
entscheiden. Feig und unberechenbar wie sie ist, wäre sie freilich
des Schlimmsten fähig! -- Der Schwerpunkt liegt in dem Wohlwollen
des jungen Königs für Coligny, und dieser König ...« hier seufzte
Chatillon, »nun, ich will Euerm Urteil nicht vorgreifen! Da er den
Admiral nicht selten besucht, so werdet Ihr mit eignen Augen sehen.«
Der Greis schaute vor sich hin, dann plötzlich den Gegenstand des
Gesprächs wechselnd und den Titel des Folianten aufblätternd, frug er
mich: »Wißt Ihr, was ich da lese? Seht einmal!«
Ich las in lateinischer Sprache: Die Geographie des Ptolemäus,
herausgegeben von Michael Servetus.
»Doch nicht der in Genf verbrannte Ketzer?« frug ich bestürzt.
»Kein anderer. Er war ein vorzüglicher Gelehrter, ja, so weit
ich es beurteilen kann, ein genialer Kopf, dessen Ideen in der
Naturwissenschaft vielleicht später mehr Glück machen werden, als seine
theologischen Grübeleien. -- Hättet Ihr ihn auch verbrannt, wenn Ihr im
Genfer Rat gesessen hättet?«
»Gewiß, Herr!« antwortete ich mit Überzeugung. »Bedenkt nur das Eine:
was war die gefährlichste Waffe, mit welcher die Papisten unsern Kalvin
bekämpften? Sie warfen ihm vor, seine Lehre sei Gottesleugnung. Nun
kommt ein Spanier nach Genf, nennt sich Kalvins Freund, veröffentlicht
Bücher, in welchen er die Dreieinigkeit leugnet, wie wenn das nichts
auf sich hätte, und mißbraucht die evangelische Freiheit. War es nun
Kalvin nicht den Tausenden und Tausenden schuldig, die für das reine
Wort litten und bluteten, diesen falschen Bruder vor den Augen der Welt
aus der evangelischen Kirche zu stoßen und dem weltlichen Richter zu
überliefern, damit keine Verwechslung zwischen uns und ihm möglich sei
und wir nicht unschuldigerweise fremder Gottlosigkeit geziehen werden?«
Chatillon lächelte wehmütig und sagte: »Da Ihr Euer Urteil über Servedo
so trefflich begründet habt, müßt Ihr mir schon den Gefallen tun,
diesen Abend bei mir zu bleiben. Ich führe Euch an ein Fenster, das
auf die Laurentiuskapelle hinüberschaut, deren Nachbarschaft wir uns
hier erfreuen und wo der berühmte Franziskaner Panigarola heute Abend
predigen wird. Da werdet Ihr vernehmen, wie man _Euch_ das Urteil
spricht. Der Pater ist ein gewandter Logiker und ein feuriger Redner.
Ihr werdet keines seiner Worte verlieren und -- Eure Freude dran haben.
-- Ihr wohnt noch im Wirtshause? Ich muß Euch doch für ein dauerndes
Obdach sorgen, -- was rätst du, Gasparde?« wandte er sich an diese, die
eben eingetreten war.
Gasparde antwortete heiter: »Der Schneider Gilbert, unser
Glaubensgenosse, der eine zahlreiche Familie zu ernähren hat, wäre
wohl froh und hochgeehrt, wenn er dem Herrn Schadau sein bestes Zimmer
abtreten dürfte. Und das hätte noch das Gute, daß der redliche, aber
furchtsame Christ unsren evangelischen Gottesdienst wieder zu besuchen
wagte, von diesem tapfern Kriegsmanne begleitet. -- Ich gehe gleich
hinüber und will ihm den Glücksfall verkündigen.« -- Damit eilte die
Schlanke weg.
So kurz ihre Erscheinung gewesen war, hatte ich doch aufmerksam
forschend in ihre Augen geschaut, und ich geriet in neues Staunen. Von
einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben, mir ohne Aufschub dieses
Rätsels Lösung zu verschaffen, kämpfte ich nur mit Mühe eine Frage
nieder, die gegen allen Anstand verstoßen hätte, da kam mir der Alte
selbst zu Hilfe, indem er spöttisch fragte: »Was findet Ihr Besonderes
an dem Mädchen, daß Ihr es so starr betrachtet?«
»Etwas sehr Besonderes,« erwiderte ich entschlossen, »die wunderbare
Ähnlichkeit ihrer Augen mit denen des Admirals.«
Wie wenn er eine Schlange berührt hätte, fuhr der Rat zurück und sagte
gezwungen lächelnd: »Gibt es keine Naturspiele, Herr Schadau? Wollt Ihr
dem Leben verbieten, ähnliche Augen hervorzubringen?«
»Ihr habt mich gefragt, was ich Besonderes an dem Fräulein finde,«
versetzte ich kaltblütig, »diese Frage habe ich beantwortet. Erlaubt
mir eine Gegenfrage: da ich hoffe, Euch weiterhin besuchen zu dürfen,
der ich mich von Euerm Wohlwollen und von Euerm überlegenen Geiste
angezogen fühle, wie wünscht Ihr, daß ich fortan dieses schöne Fräulein
begrüße? Ich weiß, daß sie von ihrem Paten Coligny den Namen Gasparde
führt, aber Ihr habt mir noch nicht gesagt, ob ich die Gunst habe, mit
Eurer Tochter oder mit einer Eurer Verwandten zu sprechen.«
»Nennt sie, wie Ihr wollt!« murmelte der Alte verdrießlich und fing
wieder an, in der Geographie des Ptolemäus zu blättern.
Durch dies absonderliche Benehmen ward ich in meiner Vermutung
bestärkt, daß hier ein Dunkel walte, und begann die kühnsten Schlüsse
zu ziehn. In der kleinen Druckschrift, die der Admiral über seine
Verteidigung von St. Quentin veröffentlicht hatte und die ich auswendig
wußte, schloß er ziemlich unvermittelt mit einigen geheimnisvollen
Worten, worin er seinen Übertritt zum Evangelium andeutete. Hier war
von der Sündhaftigkeit der Welt die Rede, an welcher er bekannte, auch
selber teilgenommen zu haben. Konnte nun Gaspardes Geburt nicht im
Zusammenhange stehn mit diesem vorevangelischen Leben? So streng ich
sonst in solchen Dingen dachte, hier war mein Eindruck ein anderer;
es lag mir diesmal ferne, einen Fehltritt zu verurteilen, der mir
die unglaubliche Möglichkeit auftat, mich der Blutsverwandten des
erlauchten Helden zu nähern, -- wer weiß, vielleicht um sie zu werben.
Während ich meiner Einbildungskraft die Zügel schießen ließ, glitt
wahrscheinlich ein glückliches Lächeln durch meine Züge, denn der Alte,
der mich insgeheim über seinen Folianten weg beobachtet hatte, wandte
sich gegen mich mit unerwartetem Feuer:
»Ergötzt es Euch, junger Herr, an einem großen Mann eine Schwäche
entdeckt zu haben, so wißt: er ist makellos! -- Ihr seid im Irrtume.
Ihr betrügt Euch!«
Hier erhob er sich wie unwillig und schritt das Gemach auf und nieder,
dann, plötzlich den Ton wechselnd, blieb er dicht vor mir stehen, indem
er mich bei der Hand faßte: »Junger Freund,« sagte er, »in dieser
schlimmen Zeit, wo wir Evangelischen aufeinander angewiesen sind und
uns wie Brüder betrachten sollen, wächst das Vertrauen geschwind; es
darf keine Wolke zwischen uns sein. Ihr seid ein braver Mann, und
Gasparde ist ein liebes Kind. Gott verhüte, daß etwas Verdecktes Eure
Begegnung unlauter mache. Ihr könnt schweigen, das trau' ich Euch zu;
auch ist die Sache ruchbar und könnte Euch aus hämischem Munde zu Ohren
kommen. So hört mich an!
Gasparde ist weder meine Tochter, noch meine Nichte; aber sie ist bei
mir aufgewachsen und gilt als meine Verwandte. Ihre Mutter, die kurze
Zeit nach der Geburt des Kindes starb, war die Tochter eines deutschen
Reiteroffiziers, den sie nach Frankreich begleitet hatte. Gaspardes
Vater aber,« hier dämpfte er die Stimme -- »ist Dandelot, des Admirals
jüngerer Bruder, dessen wunderbare Tapferkeit und frühes Ende Euch
nicht unbekannt sein wird. Jetzt wißt Ihr genug. Begrüßt Gasparde als
meine Nichte, ich liebe sie wie mein eigenes Kind. Im übrigen haltet
reinen Mund und begegnet ihr unbefangen.«
Er schwieg, und ich brach das Schweigen nicht, denn ich war ganz
erfüllt von der Mitteilung des alten Herrn. Jetzt wurden wir, uns
beiden nicht unwillkommen, unterbrochen und zum Abendtische gerufen,
wo mir die holdselige Gasparde den Platz an ihrer Seite anwies. Als
sie mir den vollen Becher reichte und ihre Hand die meinige berührte,
durchrieselte mich ein Schauer, daß in diesen jungen Adern das Blut
meines Helden rinne. Auch Gasparde fühlte, daß ich sie mit andern Augen
betrachte als kurz vorher, sie sann und ein Schatten der Befremdung
glitt über ihre Stirne, die aber schnell wieder hell wurde, als sie mir
fröhlich erzählte, wie hoch sich der Schneider Gilbert geehrt fühle,
mich zu beherbergen.
»Es ist wichtig,« sagte sie scherzend, »daß ihr einen christlichen
Schneider an der Hand habt, der euch die Kleider streng nach
hugenottischem Schnitte verfertigt. Wenn euch Pate Coligny, der
jetzt beim König so hoch in Gunsten steht, bei Hofe einführt und die
reizenden Fräulein der Königin Mutter Euch umschwärmen, da wäret Ihr
verloren, wenn nicht Eure ernste Tracht sie gebührend in Schranken
hielte.«
Während dieses heitern Gespräches vernahmen wir über die Gasse, von
Pausen unterbrochen, bald lang gezogene, bald heftig ausgestoßene Töne,
die den verwehten Bruchstücken eines rednerischen Vortrags glichen, und
als bei einem zufälligen Schweigen ein Satz fast unverletzt an unser
Ohr schlug, erhob sich Herr Chatillon unwillig.
»Ich verlasse euch!« sagte er, »der grausame Hanswurst da drüben
verjagt mich.« -- Mit diesen Worten ließ er uns allein.
»Was bedeutet das?« fragte ich Gasparde.
»Ei,« sagte sie, »in der Laurentiuskirche drüben predigt Pater
Panigarola. Wir können von unserm Fenster mitten in das andächtige Volk
hineinsehen und auch den wunderlichen Pater erblicken. Den Oheim empört
sein Gerede, mich langweilt der Unsinn, ich höre gar nicht hin, habe
ich ja Mühe, in unsrer evangelischen Versammlung, wo doch die lautere
Wahrheit gepredigt wird, mit Andacht und Erbauung, wie es dem heiligen
Gegenstande geziemt, bis ans Ende aufzuhorchen.« --
Wir waren unterdessen ans Fenster getreten, das Gasparde ruhig öffnete.
Es war eine laue Sommernacht, und auch die erleuchteten Fenster
der Kapelle standen offen. Im schmalen Zwischenraume hoch über uns
flimmerten Sterne. Der Pater auf der Kanzel, ein junger, blasser
Franziskanermönch mit südlich feurigen Augen und zuckendem Mienenspiel,
geberdete sich so seltsam heftig, daß er mir erst ein Lächeln
abnötigte; bald aber nahm seine Rede, von der mir keine Silbe entging,
meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.
»Christen,« rief er, »was ist die Duldung, welche man von uns verlangt?
Ist sie christliche Liebe? Nein, sage ich, dreimal nein! Sie ist eine
fluchwürdige Gleichgültigkeit gegen das Los unsrer Brüder! Was würdet
ihr von einem Menschen sagen, der einen andern am Rande des Abgrunds
schlummern sähe und ihn nicht weckte und zurückzöge? Und doch handelt
es sich in diesem Falle nur um Leben und Sterben des Leibes. Um wie
viel weniger dürfen wir, wo ewiges Heil oder Verderben auf dem Spiele
steht, ohne Grausamkeit unsern Nächsten seinem Schicksal überlassen!
Wie? es wäre möglich, mit den Ketzern zu wandeln und zu handeln, ohne
den Gedanken auftauchen zu lassen, daß ihre Seelen in tödtlicher Gefahr
schweben? Gerade unsre Liebe zu ihnen gebietet uns, sie zum Heil zu
überreden und, sind sie störrisch, zum Heil zu zwingen, und sind sie
unverbesserlich, sie auszurotten, damit sie nicht durch ihr schlechtes
Beispiel ihre Kinder, ihre Nachbarn, ihre Mitbürger in die Flammen
mitreißen! Denn ein christlich Volk ist ein Leib, von dem geschrieben
steht: wenn dich dein Auge ärgert, so reiße es aus! Wenn dich deine
rechte Hand ärgert, so haue sie ab und wirf sie von dir, denn, siehe,
es ist besser, daß eines deiner Glieder verderbe, als daß dein ganzer
Leib in das nie verlöschende Feuer geworfen werde!« --
Dies ungefähr war der Gedankengang des Paters, den er aber mit einer
leidenschaftlichen Rhetorik und mit ungezügelten Geberden zu einem
wilden Schauspiel verkörperte. War es nun das ansteckende Gift des
Fanatismus oder das grelle von oben fallende Lampenlicht -- die
Gesichter der Zuhörer nahmen einen so verzerrten und, wie mir schien,
blutdürstigen Ausdruck an, daß mir auf einmal klar wurde, auf welchem
Vulkan wir Hugenotten in Paris stünden.
Gasparde wohnte der unheimlichen Szene fast gleichgültig bei und
richtete ihr Auge auf einen schönen Stern, der über dem Dache der
Kapelle mild leuchtend aufstieg.
Nachdem der Italiener seine Rede mit einer Handbewegung geschlossen,
die mir eher einer Fluchgeberde als einem Segen zu gleichen schien,
begann das Volk in dichtem Gedränge aus der Pforte zu strömen, an
deren beiden Seiten zwei große brennende Pechfackeln in eiserne Ringe
gesteckt wurden. Ihr blutiger Schein beleuchtete die Heraustretenden
und erhellte zeitweise auch Gaspardes Antlitz, die das Volksgewühle mit
Neugierde betrachtete, während ich mich in den Schatten zurückgelehnt
hatte. Plötzlich sah ich sie erblassen, dann flammte ihr Blick empört
auf, und als der meinige ihm folgte, sah ich einen hohen Mann in
reicher Kleidung ihr mit halb herablassender, halb gieriger Geberde
einen Kuß zuwerfen. Gasparde bebte vor Zorn. Sie ergriff meine Hand
und indem sie mich an ihre Seite zog, sprach sie mit vor Erregung
zitternder Stimme in die Gasse hinunter:
»Du beschimpfst mich, Memme, weil du mich schutzlos glaubst! Du irrst
dich! Hier steht Einer, der dich züchtigen wird, wenn du noch einen
Blick wagst!« --
Hohnlachend schlug der Kavalier, der, wenn nicht ihre Rede, doch die
ausdrucksvolle Geberde verstanden hatte, seinen Mantel um die Schulter
und verschwand in der strömenden Menge.
Gaspardes Zorn löste sich in einen Tränenstrom auf, und sie erzählte
mir schluchzend, wie dieser Elende, der zu dem Hofstaate des Herzogs
von Anjou, des königlichen Bruders, gehöre, schon seit dem Tage ihrer
Ankunft sie auf der Straße verfolge, wenn sie einen Ausgang wage, und
sich sogar durch das Begleit ihres Oheims nicht abhalten lasse, ihr
freche Grüße zuzuwerfen.
»Ich mag dem lieben Ohm bei seiner erregbaren und etwas ängstlichen
Natur nicht davon sagen. Es würde ihn beunruhigen, ohne daß er mich
beschützen könnte. Ihr aber seid jung und führt einen Degen, ich zähle
auf Euch! Die Unziemlichkeit muß um jeden Preis ein Ende nehmen. -- Nun
lebt wohl, mein Ritter!« fügte sie lächelnd hinzu, während ihre Tränen
noch flossen, »und vergeßt nicht, meinem Ohm gute Nacht zu sagen!« --
Ein alter Diener leuchtete mir in das Gemach seines Herrn, bei dem ich
mich beurlaubte.
»Ist die Predigt vorüber?« fragte der Rat. »In jüngeren Tagen hätte
mich das Fratzenspiel belustigt; jetzt aber, besonders seit ich in
Nîmes, wo ich das letzte Jahrzehnt mit Gasparde zurückgezogen gelebt
habe, im Namen Gottes Mord und Auflauf anstiften sah, kann ich keinen
Volkshaufen um einen aufgeregten Pfaffen versammelt sehen ohne die
Beängstigung, daß sie nun gleich etwas Verrücktes oder Grausames
unternehmen werden. Es fällt mir auf die Nerven.« --
Als ich die Kammer meiner Herberge betrat, warf ich mich in den
alten Lehnstuhl, der außer einem Feldbette ihre ganze Bequemlichkeit
ausmachte. Die Erlebnisse des Tages arbeiteten in meinem Kopfe fort,
und an meinem Herzen zehrte es wie eine zarte, aber scharfe Flamme. Die
Turmuhr eines nahen Klosters schlug Mitternacht, meine Lampe, die ihr
Öl aufgebraucht hatte, erlosch, aber taghell war es in meinem Innern.
Daß ich Gaspardes Liebe gewinnen könne, schien mir nicht unmöglich,
Schicksal, daß ich es mußte, und Glück, mein Leben dafür einzusetzen.
[Illustration]
Fünftes Kapitel.
Am nächsten Morgen zur anberaumten Stunde stellte ich mich bei dem
Admiral ein und fand ihn in einem abgegriffenen Taschenbuche blätternd.
»Dies sind,« begann er, »meine Aufzeichnungen aus dem Jahre
siebenundfünfzig, in welchem ich St. Quentin verteidigte und mich dann
den Spaniern ergeben mußte. Da steht unter den tapfersten meiner Leute,
mit einem Kreuze bezeichnet, der Name Sadow, mir dünkt, es war ein
Deutscher. Sollte dieser Name mit dem Eurigen derselbe sein?«
»Kein andrer als der Name meines Vaters! Er hatte die Ehre, unter Euch
zu dienen und vor Euern Augen zu fallen!«
»Nun denn,« fuhr der Admiral fort, »das bestärkt mich in dem Vertrauen,
das ich in Euch setze. Ich bin von Leuten, mit denen ich lange
zusammenlebte, verraten worden, Euch trau' ich auf den ersten Anblick
und ich glaube, es wird mich nicht betrügen.«
Mit diesen Worten ergriff er ein Papier, das mit seiner großen
Handschrift von oben bis unten bedeckt war: »Schreibt mir das ins
Reine, und wenn Ihr Euch daraus über manches unterrichtet, das
Euch das Gefährliche unsrer Zustände zeigt, so laßt's Euch nicht
anfechten. Alles Große und Entscheidende ist ein Wagnis. Setzt Euch und
schreibt.« --
Was mir der Admiral übergeben hatte, war ein Memorandum, das er an
den Prinzen von Oranien richtete. Mit steigendem Interesse folgte ich
dem Gange der Darstellung, die mit der größten Klarheit, wie sie dem
Admiral eigen war, sich über die Zustände von Frankreich verbreitete.
Den Krieg mit Spanien um jeden Preis und ohne jeden Aufschub
herbeizuführen, dies, schrieb der Admiral, ist unsre Rettung. Alba
ist verloren, wenn er von uns und von Euch zugleich angegriffen wird.
Mein Herr und König will den Krieg; aber die Guisen arbeiten mit aller
Anstrengung dagegen; die katholische Meinung, von ihnen aufgestachelt,
hält die französische Kriegslust im Schach, und die Königin Mutter,
welche den Herzog von Anjou dem Könige auf unnatürliche Weise vorzieht,
will nicht, daß dieser ihren Liebling verdunkle, indem er sich im Feld
auszeichnet, wonach mein Herr und König Verlangen trägt, und was ich
ihm als treuer Untertan gönne und, so viel an mir liegt, verschaffen
möchte.
Mein Plan ist folgender: Eine hugenottische Freischar ist in diesen
Tagen in Flandern eingefallen. Kann sie sich gegen Alba halten --
und dies hängt zum großen Teil davon ab, daß Ihr gleichzeitig den
spanischen Feldherrn von Holland her angreift -- so wird dieser Erfolg
den König bewegen, alle Hindernisse zu überwinden und entschlossen
vorwärts zu gehn. Ihr kennt den Zauber eines ersten Gelingens.
Ich war mit dem Schreiben zu Ende, als ein Diener erschien und dem
Admiral etwas zuflüsterte. Ehe dieser Zeit hatte, sich von seinem
Sitze zu erheben, trat ein sehr junger Mann von schlanker, kränklicher
Gestalt heftig erregt ins Gemach und eilte mit den Worten auf ihn zu:
»Guten Morgen, Väterchen! Was gibt es Neues? Ich verreise auf einige
Tage nach Fontainebleau. Habt Ihr Nachricht aus Flandern?« Jetzt wurde
er meiner gewahr, und auf mich hindeutend, frug er herrisch: »Wer ist
der da?«
»Mein Schreiber, Sire, der sich gleich entfernen wird, wenn Eure
Majestät es wünscht.«
»Weg mit ihm!« rief der junge König, »ich will nicht belauscht sein,
wenn ich Staatsgeschäfte behandle! Vergeßt Ihr, daß wir von Spähern
umstellt sind? -- Ihr seid zu arglos, lieber Admiral!«
Jetzt warf er sich in einen Lehnstuhl und starrte ins Leere; dann,
plötzlich aufspringend, klopfte er Coligny auf die Schulter, und als
hätte er mich, dessen Entfernung er eben gefordert, vergessen, brach er
in die Worte aus:
»Bei den Eingeweiden des Teufels! wir erklären seiner katholischen
Majestät nächstens den Krieg!« Nun aber schien er wieder in
den früheren Gedankengang zurückzufallen, denn er flüsterte mit
geängstigter Miene: »Neulich noch, erinnert Ihr euch? als wir Beide in
meinem Kabinet Rat hielten, da raschelte es hinter der Tapete. Ich zog
den Degen, wißt Ihr? und durchstach sie zweimal, dreimal! Da hob sie
sich, und wer trat darunter hervor? Mein lieber Bruder, der Herzog von
Anjou, mit einem Katzenbuckel!« Hier machte der König eine nachahmende
Geberde und brach in unheimliches Lachen aus. »Ich aber,« fuhr er fort,
»maß ihn mit einem Blicke, den er nicht ertragen konnte und der ihn
flugs aus der Türe trieb.«
Hier nahm das bleiche Antlitz einen Ausdruck so wilden Hasses an, daß
ich es erschrocken anstarrte.
Coligny, für den ein solcher Auftritt wohl nichts Ungewöhnliches hatte,
dem aber die Gegenwart eines Zeugen peinlich sein mochte, entfernte
mich mit einem Winke.
»Ich sehe, Eure Arbeit ist vollendet,« sagte er, »auf Wiedersehen
morgen.« --