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Hausbücherei
9
Hausbücherei
der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
9. Band
[Illustration]
Hamburg-Großborstel
Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
1910
26.--35. Tausend
Novellenbuch
1. Band
Conrad Ferd. Meyer ▣ Friedr. Spielhagen
Ernst v. Wildenbruch ▣ Detlev v. Liliencron
[Illustration]
Hamburg-Großborstel
Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
1910
26.--35. Tausend
Inhaltsverzeichnis zu den übrigen Bänden des Novellenbuchs
Band 2 (Hausbücherei Band 10):
Dorfgeschichten
_Ernst Wichert_: Ewe.
_Heinrich Sohnrey_: Lorenheinrich.
_Wilhelm von Polenz_: Zittelgusts Anna.
_Rudolf Greinz_: Simerls guter Tag.
Band 3 (Hausbücherei Band 14):
Geschichten aus deutscher Vorzeit
_Adolf Schmitthenner_: Tilly in Nöten.
_J. J. David_: Frühschein.
_Wilhelm Hauff_: Jud Süß.
Band 4 (Hausbücherei Band 15):
Seegeschichten
_Joachim Nettelbeck_: Schiffbruch.
_Wilhelm Hauff_: Das Gespensterschiff.
_Hans Hoffmann_: Die unversicherte Brigg.
_Wilhelm Jensen_: An der See.
_Wilhelm Poeck_: Dütsche Blaujacken vör de Takuforts.
_Johannes Wilda_: Kapitän Karpfs Abenteuer in Haïti.
Band 5 (Hausbücherei Band 22):
Frauennovellen
_Clara Viebig_: Brennende Liebe.
_Lulu von Strauß und Torney_: Um den Hof.
_Lou Andreas-Salomé_: Eine Nacht.
_Marthe Renate Fischer_: Auf dem Wege zum Paradies.
Band 6 (Hausbücherei Band 23):
Kindheitsgeschichten
_Adolf Schmitthenner_: Der Seehund.
_Helene Aeckerle_: Ein Opfer.
_Meinrad Lienert_: Das Gespenst.
_Marga von Rentz_: Krokus.
_Hans Land_: Die Büßerin.
_Adolph Bayersdorfer_: Die Tintenhose.
_Charlotte Niese_: Die Wiege.
_Thomas Mann_: Die Tanzstunde.
Band 7 (Hausbücherei Band 24):
Kriegsgeschichten
_Carl Beyer_: Ein Kampf auf der Ostsee um das Jahr 1400.
_Heinr. v. Kleist_: Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege.
_W. von Conrady_: In Rußland 1812.
_Max von La Roche_: Todesritt.
_Detlev von Liliencron_: Portepeefähnrich Schadius.
_Theodor Fontane_: Drei Kriegsgefangene.
[Illustration]
Inhaltsverzeichnis
zum 1. Bande des _Novellenbuches_.
Seite
Vorwort zum Novellenbuch 6--7
Vorbemerkungen zum ersten Bande 8
_Meyer, Conrad Ferdinand_: Das
Amulet 9--111
_Wildenbruch, Ernst von_: Archambauld 112--138
_Spielhagen, Friedrich_: Breite Schultern 139--172
_Liliencron, Detlev von_: Greggert
Meinstorff 173--194
[Illustration]
Vorwort
zum Novellenbuch.
Eine der schönsten Sammlungen der deutschen Literatur ist der »Deutsche
Novellenschatz«, den Paul Heyse in Gemeinschaft mit Hermann Kurz in den
Jahren 1871 bis 1876 herausgab. Die Sammlung fand so großen Beifall,
daß dem »Deutschen Novellenschatz«, obwohl er 24 Bände umfaßte,
1884 und 1885 der »Neue Deutsche Novellenschatz« mit 12 Bänden,
herausgegeben von Paul Heyse und Ludwig Laistner, folgen konnte. Beide
Sammlungen hatten den Zweck, aus der überreichen Fülle guter Novellen,
die das deutsche Schrifttum aufwies, die besten herauszusuchen und in
billigen Bänden einem größeren Leserkreise darzubieten.
Seit der Herausgabe der letzten Sammlung sind zwei Jahrzehnte
verflossen, und die deutsche Literatur hat sich während dieser Zeit
kraftvoll weiter entwickelt. Kein Wunder daher, daß heute vielfach
das Bedürfnis empfunden wird, sich in eine ähnliche Bändereihe zu
vertiefen, die die besten Novellen der letzten zwanzig Jahre vereinigen
müßte. Die Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung will versuchen, eine
solche Sammlung herauszugeben, in der Hoffnung, dem von ihr erstrebten
Ziel dadurch abermals näher zu kommen: unseren Dichtern durch
Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des deutschen Volkes zu
setzen.
Strenge Beschränkung auf Erscheinungen der letzten zwanzig Jahre
liegt übrigens nicht in ihrer Absicht. Auch Novellen aus früheren
Jahren gedenkt sie in die Sammlung aufzunehmen, wenn sie dessen würdig
erscheinen.
Hamburg-Großborstel,
1. Oktober 1904.
_Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung._
[Illustration]
Vorbemerkungen
zum ersten Bande
Die Novelle »Das Amulet« von Conrad Ferdinand Meyer ist mit
freundlicher Erlaubnis der Erben des Verfassers und der
Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus dem 1. Bande von Conrad Ferdinand
Meyers »Novellen« (Leipzig: H. Haessel, 24. Auflage 1902).
Für die Abdruckserlaubnis von »Archambauld« schulden wir Herrn Ernst
von Wildenbruch Dank.
Die Spielhagensche Novelle »Breite Schultern« ist mit gütiger Erlaubnis
des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Friedrich
Spielhagens »Sämtlichen Romanen« Bd. 17 (~Quisisana~, Erzählungen)
(Leipzig: L. Staackmann, 1904).
»Greggert Meinstorff« von Detlev von Liliencron endlich ist mit
freundlicher Erlaubnis des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung
abgedruckt aus Detlev von Liliencrons »Sämtlichen Werken« Band 2 (Aus
Marsch und Geest) (Berlin-Leipzig: Schuster & Löffler, 2. Auflage 1904).
[Illustration]
Conrad Ferdinand Meyer:
Das Amulet.
[Illustration]
Conrad Ferdinand Meyer wurde am 11. Oktober 1825 in Zürich geboren und
starb in Kilchberg bei Zürich am 28. November 1898.
In der französischen Schweiz, im Juragebiet hat er einen großen Teil
seiner Jugend verlebt, hat er wohl die frischesten und stärksten
Eindrücke seiner Jugendzeit empfangen und ist er mit französischer
Sprache und Literatur besonders vertraut geworden. Auch hat er 1857
eine Reise nach Paris gemacht, und nachdem ihm das Studium der Rechte,
das er in Zürich betrieb, wenig Freude gemacht, hat er viele Jahre
hindurch auf eigene Hand Geschichte studiert. Auf diesen Wegen hat er
wohl auch das Material und die Anregung zu seiner herrlichen Novelle
»Das Amulet« gefunden.
Die Kunstgesetzgeber verlangen von dem eigentlichen Epiker oder
Erzähler, daß er objektiv verfahre, d. h., daß er niemals seine
eigenen Gedanken und Gefühle in die Erzählung mische, sondern nur
die Erlebnisse, Meinungen, Empfindungen und Handlungen seiner
Gestalten darstelle. Ob diese Forderung immer berechtigt ist, soll
hier nicht untersucht werden; es soll nur gesagt werden, daß Meyer
sie in höchstem Maße erfüllt -- in so hohem Maße, daß man zuweilen
glauben könnte, er fühle überhaupt nicht mit seinen Gestalten,
sondern stehe ihnen und ihren Schicksalen kalt gegenüber. So hat
man denn auch wohl bei gewissen Novellen und Gedichten Meyers von
»Marmorkälte« gesprochen. Vielleicht aber handelt es sich um ein
Gefühl, das nur dem oberflächlichen Sinne nicht gleich bemerkbar
wird, und aus vielen seiner Gedichte und Novellen, so auch aus dem
»Amulet«, schlagen jedenfalls die Flammen des Mitgefühls hell und
heiß genug heraus. Dazu aber zeigt der große Schweizer bei aller
Kraft des Gefühls die männlich-ruhige Hand des Bildners; wenn man
seine Novellen liest, sieht man unwillkürlich Bild um Bild -- ja, oft
wirkt eine ganze Novelle wie ein großes, einheitliches, in tiefen
Farben leuchtendes Gemälde. Berühmt ist die Meyersche Kunst in der
klaren und scharfen Charakteristik historischer Personen; so ist in
der hier vorliegenden Novelle die kurze Schilderung Karls IX. während
seines Besuches bei Coligny ein bewundernswertes Stück, und mit nicht
geringerer Lebendigkeit treten der Herzog von Anjou, Katharina von
Medici, Coligny, der berühmte Denker Michel Montaigne, der böhmische
Fechtmeister, der liebenswürdig abergläubische Boccard und der Held der
Novelle aus dem düstern Hintergrunde der Zeit hervor. Aber nicht nur
im einzelnen waltet die Kunst des Dichters, auch die Gesamtstimmung:
der Blutdunst und der meuchlerische Lärm der Bartholomäusnacht wie
die unheilvolle Schwüle, die ihr voraufgeht, sind mit wunderbarer
Sicherheit festgehalten. Der Leser, der die düster-prächtige Ballade
Meyers »Die Füße im Feuer« kennt, wird bekannte Farben und Lichter
wiederfinden.
O. E.
[Illustration]
Das Amulet.
Erstes Kapitel.
Heute am 14. März 1611 ritt ich von meinem Sitze am Bielersee
hinüber nach Courtion zu dem alten Boccard, den Handel um eine mir
gehörige mit Eichen und Buchen bestandene Halde in der Nähe von
Münchweiler abzuschließen, der sich schon eine Weile hingezogen hatte.
Der alte Herr bemühte sich in langwierigem Briefwechsel um eine
Preiserniedrigung. Gegen den Wert des fraglichen Waldstreifens konnte
kein ernstlicher Widerspruch erhoben werden, doch der Greis schien
es für seine Pflicht zu halten, mir noch etwas abzumarkten. Da ich
indessen guten Grund hatte, ihm alles Liebe zu erweisen, und überdies
Geldes benötigt war, um meinem Sohn, der im Dienste der Generalstaaten
steht und mit einer blonden runden Holländerin verlobt ist, die erste
Einrichtung seines Hausstandes zu erleichtern, entschloß ich mich, ihm
nachzugeben und den Handel rasch zu beendigen.
Ich fand ihn auf seinem altertümlichen Sitze einsam und in
vernachlässigtem Zustande. Sein graues Haar hing ihm unordentlich in
die Stirn und hinunter auf den Nacken. Als er meine Bereitwilligkeit
vernahm, blitzten seine erloschenen Augen auf bei der freudigen
Nachricht. Rafft und sammelt er doch in seinen alten Tagen, uneingedenk
daß sein Stamm mit ihm verdorren und er seine Habe lachenden Erben
lassen wird.
Er führte mich in ein kleines Turmzimmer, wo er in einem wurmstichigen
Schranke seine Schriften verwahrt, hieß mich Platz nehmen und bat
mich, den Kontrakt schriftlich aufzusetzen. Ich hatte meine kurze
Arbeit beendigt und wandte mich zu dem Alten um, der unterdessen in den
Schubladen gekramt hatte, nach seinem Siegel suchend, das er verlegt zu
haben schien. Wie ich ihn alles hastig durcheinanderwerfen sah, erhob
ich mich unwillkürlich, als müßt' ich ihm helfen. Er hatte eben wie in
fieberhafter Eile ein geheimes Schubfach geöffnet, als ich hinter ihn
trat, einen Blick hineinwarf und -- tief aufseufzte.
In dem Fache lagen neben einander zwei seltsame, beide mir nur zu wohl
bekannte Gegenstände: ein durchlöcherter Filzhut, den einst eine Kugel
durchbohrt hatte, und ein großes rundes Medaillon von Silber mit dem
Bilde der Muttergottes von Einsiedeln in getriebener, ziemlich roher
Arbeit.
Der Alte kehrte sich um, als wollte er meinen Seufzer beantworten, und
sagte in weinerlichem Tone:
»Jawohl, Herr Schadau, mich hat die Dame von Einsiedeln noch behüten
dürfen zu Haus und im Felde; aber seit die Ketzerei in die Welt
gekommen ist und auch unsre Schweiz verwüstet hat, ist die Macht der
guten Dame erloschen, selbst für die Rechtgläubigen! Das hat sich an
Wilhelm gezeigt -- meinem lieben Jungen.« Und eine Träne quoll unter
seinen grauen Wimpern hervor.
Mir war bei diesem Auftritte weh ums Herz und ich richtete an den Alten
ein paar tröstende Worte über den Verlust seines Sohnes, der mein
Altersgenosse gewesen und an meiner Seite tödlich getroffen worden war.
Doch meine Rede schien ihn zu verstimmen, oder er überhörte sie, denn
er kam hastig wieder auf unser Geschäft zu reden, suchte von neuem nach
dem Siegel, fand es endlich, bekräftigte die Urkunde und entließ mich
dann bald ohne sonderliche Höflichkeit.
Ich ritt heim. Wie ich in der Dämmerung meines Weges trabte, stiegen
mit den Düften der Frühlingserde die Bilder der Vergangenheit vor mir
auf mit einer so drängenden Gewalt, in einer solchen Frische, in so
scharfen und einschneidenden Zügen, daß sie mich peinigten.
Das Schicksal Wilhelm Boccards war mit dem meinigen aufs engste
verflochten, zuerst auf eine freundliche, dann auf eine fast
schreckliche Weise. Ich habe ihn in den Tod gezogen. Und doch, so
sehr mich dies drückt, kann ich es nicht bereuen und müßte wohl heute
im gleichen Falle wieder so handeln, wie ich es mit zwanzig Jahren
tat. Immerhin setzte mir die Erinnerung der alten Dinge so zu, daß ich
mit mir einig wurde, den ganzen Verlauf dieser wundersamen Geschichte
schriftlich niederzulegen und so mein Gemüt zu erleichtern.
[Illustration]
Zweites Kapitel.
Ich bin im Jahre 1553 geboren und habe meinen Vater nicht gekannt, der
wenige Jahre später auf den Wällen von St. Quentin fiel. Ursprünglich
ein thüringisches Geschlecht, hatten meine Vorfahren von jeher in
Kriegsdienst gestanden und waren manchem Kriegsherrn gefolgt.
Mein Vater hatte sich besonders dem Herzog Ulrich von Würtemberg
verpflichtet, der ihm für treu geleistete Dienste ein Amt in seiner
Grafschaft Mümpelgard anvertraute und eine Heirat mit einem Fräulein
von Bern vermittelte, deren Ahn einst sein Gastfreund gewesen war, als
Ulrich sich landesflüchtig in der Schweiz umtrieb. Es duldete meinen
Vater jedoch nicht lange auf diesem ruhigen Posten, er nahm Dienst
in Frankreich, das damals die Picardie gegen England und Spanien
verteidigen mußte. Dies war sein letzter Feldzug.
Meine Mutter folgte dem Vater nach kurzer Frist ins Grab, und ich wurde
von einem mütterlichen Ohm aufgenommen, der seinen Sitz am Bielersee
hatte und eine feine, eigentümliche Erscheinung war. Er mischte
sich wenig in die öffentlichen Angelegenheiten, ja er verdankte es
eigentlich nur seinem in die Jahrbücher von Bern glänzend eingetragenen
Namen, daß er überhaupt auf Bernerboden geduldet wurde. Er gab sich
nämlich von Jugend auf viel mit Bibelerklärung ab, in jener Zeit
religiöser Erschütterung nichts Ungewöhnliches; aber er hatte, und
das war das Ungewöhnliche, aus manchen Stellen des heiligen Buches,
besonders aus der Offenbarung Johannis, die Überzeugung geschöpft,
daß es mit der Welt zu Ende gehe und es deshalb nicht rätlich und ein
eitles Werk sei, am Vorabend dieser durchgreifenden Krise eine neue
Kirche zu gründen, weswegen er sich des ihm zuständigen Sitzes im
Münster zu Bern beharrlich und grundsätzlich entschlug. Wie gesagt, nur
seine Verborgenheit schützte ihn vor dem gestrengen Arm des geistlichen
Regimentes.
Unter den Augen dieses harmlosen und liebenswürdigen Mannes wuchs
ich -- wo nicht ohne Zucht, doch ohne Rute -- in ländlicher Freiheit
auf. Mein Umgang waren die Bauernjungen des benachbarten Dorfes und
dessen Pfarrer, ein strenger Calvinist, durch den mich mein Ohm mit
Selbstverleugnung in der Landesreligion unterrichten ließ.
Die zwei Pfleger meiner Jugend stimmten in manchen Punkten nicht
zusammen. Während der Theologe mit seinem Meister Calvin die Ewigkeit
der Höllenstrafen als das unentbehrliche Fundament der Gottesfurcht
ansah, getröstete sich der Laie der einstigen Versöhnung und fröhlichen
Wiederbringung aller Dinge. Meine Denkkraft übte sich mit Genuß an der
herben Konsequenz der calvinischen Lehre und bemächtigte sich ihrer,
ohne eine Masche des festen Netzes fallen zu lassen; aber mein Herz
gehörte sonder Vorbehalt dem Oheim. Seine Zukunftsbilder beschäftigten
mich wenig, nur einmal gelang es ihm, mich zu verblüffen. Ich nährte
seit langem den Wunsch, einen wilden jungen Hengst, den ich in Biel
gesehen, einen prächtigen Falben, zu besitzen, und näherte mich mit
diesem großen Anliegen auf der Zunge eines Morgens meinem in ein Buch
vertieften Oheim, eine Weigerung befürchtend, nicht wegen des hohen
Preises, wohl aber der landeskundigen Wildheit des Tieres, das ich zu
schulen wünschte. Kaum hatte ich den Mund geöffnet, als er mit seinen
leuchtend blauen Augen mich scharf betrachtete und mich feierlich
anredete: »Weißt du, Hans, was das fahle Pferd bedeutet, auf dem der
Tod sitzt?« --
Ich verstummte vor Erstaunen über die Sehergabe meines Oheims; aber ein
Blick in das vor ihm aufgeschlagene Buch belehrte mich, daß er nicht
von meinem Falben, sondern von einem der vier apokalyptischen Reiter
sprach.
Der gelehrte Pfarrer unterwies mich zugleich in der Mathematik und
sogar in den Anfängen der Kriegswissenschaft, soweit sie sich aus den
bekannten Handbüchern schöpfen läßt; denn er war in seiner Jugend als
Student in Genf mit auf die Wälle und ins Feld gezogen.
Es war eine ausgemachte Sache, daß ich mit meinem siebzehnten Jahre in
Kriegsdienste zu treten habe; auch das war für mich keine Frage, unter
welchem Feldherrn ich meine ersten Waffenjahre verbringen würde. Der
Name des großen Coligny erfüllte damals die ganze Welt. Nicht seine
Siege, deren hatte er keinen erfochten, sondern seine Niederlagen,
welchen er durch Feldherrnkunst und Charaktergröße den Wert von Siegen
zu geben wußte, hatten ihn aus allen lebenden Feldherrn hervorgehoben,
wenn man ihm nicht den spanischen Alba an die Seite setzen wollte;
diesen aber haßte ich wie die Hölle. Nicht nur war mein tapferer Vater
treu und trotzig zum protestantischen Glauben gestanden, nicht nur
hatte mein bibelkundiger Ohm vom Papsttum einen übeln Begriff und
meinte, es in der Babylonierin der Offenbarung vorgebildet zu sehen,
sondern ich selbst fing an, mit warmem Herzen Partei zu nehmen.
Hatte ich doch schon als Knabe mich in die protestantische Heerschar
eingereiht, als es im Jahre 1567 galt, die Waffen zu ergreifen, um Genf
gegen einen Handstreich Alba's zu sichern, der sich aus Italien längs
der Schweizergrenze nach den Niederlanden durchwand. Den Jüngling litt
es kaum mehr in der Einsamkeit von Chaumont, so hieß der Sitz meines
Oheims.
Im Jahre 1570 gab das Pazifikationsedikt von St. Germain en Laye den
Hugenotten in Frankreich Zutritt zu allen Ämtern, und Coligny, nach
Paris gerufen, beriet mit dem König, dessen Herz er, wie die Rede
ging, vollständig gewonnen hatte, den Plan eines Feldzugs gegen Alba
zur Befreiung der Niederlande. Ungeduldig erwartete ich die jahrelang
sich verzögernde Kriegserklärung, die mich zu Coligny's Scharen rufen
sollte; denn seine Reiterei bestand von jeher aus Deutschen, und der
Name meines Vaters mußte ihm aus frühern Zeiten bekannt sein.
Aber diese Kriegserklärung wollte noch immer nicht kommen, und zwei
ärgerliche Erlebnisse sollten mir die letzten Tage in der Heimat
verbittern.
Als ich eines Abends im Mai mit meinem Ohm unter der blühenden Hoflinde
das Vesperbrod verzehrte, erschien vor uns in ziemlich kriechender
Haltung und schäbiger Kleidung ein Fremder, dessen unruhige Augen
und gemeine Züge auf mich einen unangenehmen Eindruck machten. Er
empfahl sich der gnädigen Herrschaft als Stallmeister, was in unsern
Verhältnissen nichts andres als Reitknecht bedeutete, und schon war
ich im Begriff, ihn kurz abzuweisen, denn mein Ohm hatte ihm bis jetzt
keine Aufmerksamkeit geschenkt, als der Fremdling mir alle seine
Kenntnisse und Fertigkeiten herzuzählen begann.
»Ich führe die Stoßklinge,« sagte er, »wie Wenige, und kenne die hohe
Fechtschule aus dem Fundament.«
Bei meiner Entfernung von jedem städtischen Fechtboden empfand ich
gerade diese Lücke meiner Ausbildung schmerzlich und trotz meiner
instinktiven Abneigung gegen den Ankömmling ergriff ich die Gelegenheit
ohne Bedenken, zog den Fremden in meine Fechtkammer und gab ihm
eine Klinge in die Hand, mit welcher er die meinige so vortrefflich
meisterte, daß ich sogleich mit ihm abmachte und ihn in unsre Dienste
nahm.
Dem Ohm stellte ich vor, wie günstig die Gelegenheit sei, noch im
letzten Augenblick vor der Abreise den Schatz meiner ritterlichen
Kenntnisse zu bereichern.
Von nun an brachte ich mit dem Fremden -- er bekannte sich zu
böhmischer Abkunft -- Abend um Abend oft bis zu später Stunde
in der Waffenkammer zu, die ich mit zwei Mauerlampen möglichst
erleuchtete. Leicht erlernte ich Stoß, Parade, Finte, und bald führte
ich, theoretisch vollkommen fest, die ganze Schule richtig und zur
Befriedigung meines Lehrers durch; dennoch brachte ich diesen in helle
Verzweiflung dadurch, daß es mir unmöglich war, eine gewisse angeborene
Gelassenheit los zu werden, welche er Langsamkeit schalt und mit seiner
blitzschnell zuckenden Klinge spielend besiegte.
Um mir das mangelnde Feuer zu geben, verfiel er auf ein seltsames
Mittel. Er nähte sich auf sein Fechtwams ein Herz von rotem Leder,
das die Stelle des pochenden anzeigte, und auf welches er im Fechten
mit der Linken höhnisch und herausfordernd hinwies. Dazu stieß er
mannigfache Kriegsrufe aus, am häufigsten: »Alba hoch! -- Tod den
niederländischen Rebellen!« -- oder auch: »Tod dem Ketzer Coligny! An
den Galgen mit ihm!« --
Obwohl mich diese Rufe im Innersten empörten und mir den Menschen
noch widerlicher machten, als er mir ohnehin war, gelang es mir
nicht, mein Tempo zu beschleunigen, da ich schon als pflichtschuldig
Lernender ein Maß von Behendigkeit aufgewendet hatte, das sich nun
einmal nicht überschreiten ließ. Eines Abends, als der Böhme gerade
ein fürchterliches Geschrei anhob, trat mein Oheim besorgt durch die
Seitentüre ein, zu sehen, was es gäbe, zog sich aber entsetzt zurück,
da er meinen Gegner mit dem Ausruf: »Tod den Hugenotten« mir einen
derben Stoß mitten auf die Brust versetzen sah, der mich, galt es
Ernst, durchbohrt hätte.
Am nächsten Morgen, als wir unter unsrer Linde frühstückten, hatte der
Ohm etwas auf dem Herzen, und ich denke, es war der Wunsch, sich des
unheimlichen Hausgenossen zu entledigen, als von dem Bieler Stadtboten
ein Schreiben mit einem großen Amtssiegel überbracht wurde. Der Ohm
öffnete es, runzelte im Lesen die Stirn und reichte es mir mit den
Worten: »Da haben wir die Bescherung! -- Lies, Hans, und dann wollen
wir beraten, was zu tun sei.«
Da stand nun zu lesen, daß ein Böhme, der sich vor einiger Zeit in
Stuttgart als Fechtmeister niedergelassen, sein Weib, eine geborene
Schwäbin, aus Eifersucht meuchlerisch erstochen; daß man in Erfahrung
gebracht, der Täter habe sich nach der Schweiz geschlagen, ja, daß man
ihn, oder jemand, der ihm zum Verwechseln gleiche, im Dienste des Herrn
zu Chaumont wolle gesehen haben; daß man diesen, dem in Erinnerung des
seligen Schadau, seines Schwagers, der Herzog Christoph sonderlich
gewogen sei, dringend ersuche, den Verdächtigen zu verhaften, selbst
ein erstes Verhör vorzunehmen und bei bestätigtem Verdachte den
Schuldigen an die Grenze liefern zu lassen. Unterzeichnet und besiegelt
war das Schreiben von dem herzoglichen Amte in Stuttgart.
Während ich das Aktenstück las, blickte ich nachdenkend einmal darüber
hinweg nach der Kammer des Böhmen, die sich, im Giebel des Schlosses
gelegen, mit dem Auge leicht erreichen ließ, und sah ihn am Fenster
beschäftigt, eine Klinge zu putzen. Entschlossen, den Übeltäter
festzunehmen und der Gerechtigkeit zu überliefern, erhob ich doch
unwillkürlich das Schreiben in der Weise, daß ihm das große, rote
Siegel, wenn er gerade herunter lauerte, sichtbar wurde -- seinem
Schicksal eine kleine Frist gebend, ihn zu retten.
Dann erwog ich mit meinem Ohm die Festnehmung und den Transport des
Schuldigen; denn daß er dieses war, daran zweifelten wir beide keinen
Augenblick.
Hierauf stiegen wir, jeder ein Pistol in der Hand, auf die Kammer des
Böhmen. Sie war leer; aber durch das offene Fenster über die Bäume des
Hofes weg -- weit in der Ferne, wo sich der Weg um den Hügel wendet,
sahn wir einen Reiter gallopieren, und jetzt beim Hinuntersteigen trat
uns der Bote von Biel, der das Schreiben überbracht hatte, jammernd
entgegen, er suche vergeblich sein Roß, welches er am hintern Hoftor
angebunden, während ihm selbst in der Küche ein Trunk gereicht wurde.
Zu dieser leidigen Geschichte, die im Land viel Aufsehn erregte und im
Mund der Leute eine abenteuerliche Gestalt gewann, kam noch ein anderer
Unfall, der machte, daß meines Bleibens daheim nicht länger sein konnte.
Ich ward auf eine Hochzeit nach Biel geladen, wo ich, da das Städtchen
kaum eine Stunde entfernt liegt, manche, wenn auch nur flüchtige
Beziehungen hatte. Bei meiner ziemlich abgeschlossenen Lebensweise
galt ich für stolz, und mit meinen Gedanken in der nahen Zukunft, die
mich, wenn auch in bescheidenster Stellung, in die großen Geschicke
der protestantischen Welt verflechten sollte, konnte ich den innern
Händeln und dem Stadtklatsch der kleinen Republik Biel kein Interesse
abgewinnen. So lächelte mir diese Einladung nicht besonders, und nur
das Drängen meines ebenso zurückgezogenen, doch dabei leutseligen
Oheims bewog mich, der Einladung Folge zu leisten.
Den Frauen gegenüber war ich schüchtern. Von kräftigem Körperbau und
ungewöhnlicher Höhe des Wuchses, aber unschönen Gesichtszügen, fühlte
ich wohl, wenn ich mir davon auch nicht Rechenschaft gab, daß ich
die ganze Summe meines Herzens auf _eine_ Nummer zu setzen habe, und
die Gelegenheit dazu, so schwebte mir dunkel vor, mußte sich in der
Umgebung meines Helden finden. Auch stand bei mir fest, daß ein volles
Glück mit vollem Einsatz, mit dem Einsatze des Lebens wolle gewonnen
sein.
Unter meinen jugendlichen Bewunderungen nahm neben dem großen Admiral
sein jüngerer Bruder Dandelot die erste Stelle ein, dessen weltkundige,
stolze Brautfahrt meine Einbildungskraft entzündete. Seine Flamme, ein
lothringisches Fräulein, hatte er vor den Augen seiner katholischen
Todfeinde, der Guisen, aus ihrer Stadt Nancy weggeführt, in festlichem
Zuge unter Drommetenschall dem herzoglichen Schlosse vorüberreitend.
Etwas derartiges wünschte ich mir vorbestimmt.
Ich machte mich also nüchternen und verdrossenen Herzens nach Biel
auf den Weg. Man war höchst zuvorkommend gegen mich und gab mir
meinen Platz an der Tafel neben einem liebenswürdigen Mädchen. Wie
es schüchternen Menschen zu gehen pflegt, geriet ich, um jedem
Verstummen vorzubeugen, in das entgegengesetzte Fahrwasser, und um
nicht unhöflich zu erscheinen, machte ich meiner Nachbarin lebhaft
den Hof. Uns gegenüber saß der Sohn des Schultheißen, eines vornehmen
Spezereihändlers, der an der Spitze der aristokratischen Partei
stand; denn das kleine Biel hatte gleich größeren Republiken seine
Aristokraten und Demokraten. Franz Godillard, so hieß der junge Mann,
der vielleicht Absichten auf meine Nachbarin haben mochte, verfolgte
unser Gespräch, ohne daß ich anfänglich dessen gewahr wurde, mit
steigendem Interesse und feindseligen Blicken.
Da fragte mich das hübsche Mädchen, wann ich nach Frankreich zu gehen
gedächte.
-- »Sobald der Krieg erklärt ist gegen den Bluthund Alba!« erwiderte
ich eifrig.
-- »Man dürfte von einem solchen Manne in weniger respektwidrigen
Ausdrücken reden!« warf mir Godillard über den Tisch zu.
-- »Ihr vergeßt wohl«, entgegnete ich, »die mißhandelten Niederländer!
Keinen Respekt ihrem Unterdrücker, und wäre er der größte Feldherr der
Welt!«
-- »Er hat Rebellen gezüchtigt«, war die Antwort, »und ein heilsames
Beispiel auch für unsre Schweiz gegeben.«
-- »Rebellen!« schrie ich und stürzte ein Glas feurigen Cortaillod
hinunter. »So gut, oder so wenig Rebellen, als die Eidgenossen auf dem
Rütli!« --
Godillard nahm eine hochmütige Miene an, zog die Augenbrauen erst
mit Wichtigkeit in die Höhe und versetzte dann grinsend: »Untersucht
einmal ein gründlicher Gelehrter die Sache, wird es sich vielleicht
weisen, daß die aufrührerischen Bauern der Waldstätte gegen Österreich
schwer im Unrecht und offener Rebellion schuldig waren. Übrigens gehört
das nicht hieher; ich behaupte nur, daß es einem jungen Menschen ohne
Verdienst, ganz abgesehen von jeder politischen Meinung, übel ansteht,
einen berühmten Kriegsmann mit Worten zu beschimpfen.«
Dieser Hinweis auf die unverschuldete Verzögerung meines Kriegsdienstes
empörte mich aufs Tiefste, die Galle lief mir über und: »Ein Schurke!«
rief ich aus, »wer den Schurken Alba in Schutz nimmt!«
Jetzt entstand ein sinnloses Getümmel, aus welchem Godillard mit
zerschlagenem Kopfe weggetragen wurde und ich mich mit blutender, vom
Wurf eines Glases zerschnittener Wange zurückzog.
Am Morgen erwachte ich in großer Beschämung, voraussehend, daß ich, ein
Verteidiger der evangelischen Wahrheit, in den Ruf eines Trunkenboldes
geraten würde.
Ohne langes Besinnen packte ich meinen Mantelsack, beurlaubte mich bei
dem Oheim, dem ich mein Mißgeschick andeutete und der nach einigem Hin-
und Herreden sich damit einverstanden erklärte, daß ich den Ausbruch
des Krieges in Paris erwarten möge, steckte eine Rolle Gold aus dem
kleinen Erbe meines Vaters zu mir, bewaffnete mich, sattelte meinen
Falben und machte mich auf den Weg nach Frankreich.
[Illustration]
Drittes Kapitel.
Ich durchzog ohne nennenswerte Abenteuer die Freigrafschaft und
Burgund, erreichte den Lauf der Seine und näherte mich eines Abends den
Türmen von Melun, die noch eine kleine Stunde entfernt liegen mochten,
über denen aber ein schweres Gewitter hing. Ein Dorf durchreitend,
das an der Straße lag, erblickte ich auf der steinernen Hausbank der
nicht unansehnlichen Herberge zu den drei Lilien einen jungen Mann,
welcher wie ich ein Reisender und ein Kriegsmann zu sein schien, dessen
Kleidung und Bewaffnung aber eine Eleganz zeigte, von welcher meine
schlichte kalvinistische Tracht gewaltig abstach. Da es in meinem
Reiseplan lag, vor Nacht Melun zu erreichen, erwiderte ich seinen Gruß
nur flüchtig, ritt vorüber und glaubte noch den Ruf: »Gute Reise,
Landsmann!« hinter mir zu vernehmen.
Eine Viertelstunde trabte ich beharrlich weiter, während das Gewitter
mir schwarz entgegenzog, die Luft unerträglich dumpf wurde und kurze,
heiße Windstöße den Staub der Straße in Wirbeln aufjagten. Mein Roß
schnaubte. Plötzlich fuhr ein blendender und krachender Blitzstrahl
wenige Schritte vor mir in die Erde. Der Falbe stieg, drehte sich und
jagte in wilden Sprüngen gegen das Dorf zurück, wo es mir endlich unter
strömendem Regen vor dem Tore der Herberge gelang, des geängsteten
Tieres Herr zu werden.
Der junge Gast erhob sich lächelnd von der durch das Vordach
geschützten Steinbank, rief den Stallknecht, war mir beim Abschnallen
des Mantelsacks behilflich und sagte: »Laßt es Euch nicht reuen, hier
zu nächtigen, Ihr findet vortreffliche Gesellschaft.«
»Daran zweifle ich nicht!« versetzte ich grüßend.
»Ich spreche natürlich nicht von mir,« fuhr er fort, »sondern von einem
alten, ehrwürdigen Herrn, den die Wirtin Herr Parlamentrat nennt --
also ein hoher Würdenträger -- und von seiner Tochter oder Nichte,
einem ganz unvergleichlichen Fräulein ... Öffnet dem Herrn ein Zimmer!«
Dies sprach er zu dem herantretenden Wirt, »und Ihr, Herr Landsmann,
kleidet Euch rasch um und laßt uns nicht warten, denn der Abendtisch
ist gedeckt.«
»Ihr nennt mich Landsmann?« entgegnete ich französisch, wie er mich
angeredet hatte. »Woran erkennt Ihr mich als solchen?«
»An Haupt und Gliedern!« versetzte er lustig. »Vorerst seid Ihr ein
Deutscher, und an Eurem ganzen festen und gesetzten Wesen erkenne ich
den Berner. Ich aber bin Euer treuer Verbündeter von Fryburg und nenne
mich Wilhelm Boccard.« --
Ich folgte dem voranschreitenden Wirte in die Kammer, die er mir
anwies, wechselte die Kleider und stieg hinunter in die Gaststube, wo
ich erwartet war. Boccard trat auf mich zu, ergriff mich bei der Hand
und stellte mich einem ergrauten Herrn von feiner Erscheinung und einem
schlanken Mädchen im Reitkleide vor mit den Worten: »Mein Kamerad und
Landsmann ...« dabei sah er mich fragend an.
»Schadau von Bern,« schloß ich die Rede.
»Es ist mir höchst angenehm,« erwiderte der alte Herr verbindlich,
»mit einem jungen Bürger der berühmten Stadt zusammenzutreffen, der
meine Glaubensbrüder in Genf so viel zu danken haben. Ich bin der
Parlamentrat Chatillon, dem der Religionsfriede erlaubt, nach seiner
Vaterstadt Paris zurückzukehren.«
»Chatillon?« wiederholte ich in ehrfurchtsvoller Verwunderung. »Das ist
der Familienname des großen Admirals.«
»Ich habe nicht die Ehre, mit ihm verwandt zu sein,« versetzte der
Parlamentsrat, »oder wenigstens nur ganz von fern; aber ich kenne ihn
und bin ihm befreundet, so weit es der Unterschied des Standes und des
persönlichen Wertes gestattet. Doch setzen wir uns, meine Herrschaften.
Die Suppe dampft, und der Abend bietet noch Raum genug zum Gespräch.« --
Ein Eichentisch mit gewundenen Füßen vereinigte uns an seinen vier
Seiten. Oben war dem Fräulein, zu ihrer Rechten und Linken dem Rat
und Boccard und mir am untern Ende der Tafel das Gedeck gelegt.
Nachdem unter den üblichen Erkundigungen und Reisegesprächen das
Mahl beendigt und zu einem bescheidenen Nachtisch das perlende
Getränk der benachbarten Champagne aufgetragen war, fing die Rede an,
zusammenhängender zu fließen.
»Ich muß es an Euch loben, Ihr Herren Schweizer,« begann der Rat, »daß
Ihr nach kurzen Kämpfen gelernt habt, Euch auf kirchlichem Gebiete
friedlich zu vertragen. Das ist ein Zeichen von billigem Sinn und
gesundem Gemüt, und mein unglückliches Vaterland könnte sich an Euch
ein Beispiel nehmen. -- Werden wir denn nie lernen, daß sich die
Gewissen nicht meistern lassen, und daß ein Protestant sein Vaterland
so glühend lieben, so mutig verteidigen und seinen Gesetzen so
gehorsam sein kann, als ein Katholik!«
»Ihr spendet uns zu reichliches Lob!« warf Boccard ein. »Freilich
vertragen wir Katholiken und Protestanten uns im Staate leidlich; aber
die Geselligkeit ist durch die Glaubensspaltung völlig verdorben.
In früherer Zeit waren wir von Fryburg mit denen von Bern vielfach
verschwägert. Das hat nun aufgehört, und langjährige Bande sind
zerschnitten. Auf der Reise,« fuhr er scherzend zu mir gewendet fort,
»sind wir uns noch zuweilen behilflich; aber zu Hause grüßen wir uns
kaum.«
»Laßt mich Euch erzählen: Als ich auf Urlaub in Fryburg war, -- ich
diene unter den Schweizern seiner allerchristlichsten Majestät -- wurde
gerade die Milchmesse auf den Plaffeyer Alpen gefeiert, wo mein Vater
begütert ist und auch die Kirchberge von Bern ein Weidrecht besitzen.
Das war ein trübseliges Fest. Der Kirchberg hatte seine Töchter, vier
stattliche Bernerinnen, mitgebracht, die ich, als wir Kinder waren, auf
der Alp alljährlich im Tanze schwenkte. Könnt Ihr glauben, daß nach
beendigtem Ehrentanze die Mädchen mitten unter den läutenden Kühen ein
theologisches Gespräch begannen und mich, der ich mich nie viel um
diese Dinge bekümmert habe, einen Götzendiener und Christenverfolger
schalten, weil ich auf den Schlachtfeldern von Jarnac und Moncontour
gegen die Hugenotten meine Pflicht getan?«
»Religionsgespräche,« begütigte der Rat, »liegen jetzt eben in der
Luft; aber warum sollte man sie nicht mit gegenseitiger Achtung
führen und in versöhnlichem Geiste sich verständigen können? So bin
ich versichert, Herr Boccard, daß Ihr mich wegen meines evangelischen
Glaubens nicht zum Scheiterhaufen verdammt, und daß Ihr nicht der
Letzte seid, die Grausamkeit zu verwerfen, mit der die Kalvinisten in
meinem armen Vaterlande lange Zeit behandelt worden sind.«
»Seid davon überzeugt!« erwiderte Boccard. »Nur dürft Ihr nicht
vergessen, daß man das Alte und Hergebrachte in Staat und Kirche nicht
grausam nennen darf, wenn es sein Dasein mit allen Mitteln verteidigt.
Was übrigens die Grausamkeiten betrifft, so weiß ich keine grausamere
Religion als den Kalvinismus.«
»Ihr denkt an Servet?« -- sagte der Rat mit leiser Stimme, während sich
sein Antlitz trübte.
»Ich dachte nicht an menschliche Strafgerichte,« versetzte Boccard,
»sondern an die göttliche Gerechtigkeit, wie sie der finstere neue
Glaube verunstaltet. Wie gesagt, ich verstehe nichts von der Theologie,
aber mein Ohm, der Chorherr in Fryburg, ein glaubwürdiger und gelehrter
Mann, hat mich versichert, es sei ein kalvinistischer Satz, daß,
eh' es Gutes oder Böses getan hat, das Kind schon in der Wiege zur
ewigen Seligkeit bestimmt, oder der Hölle verfallen sei. Das ist zu
schrecklich, um wahr zu sein!«
»Und doch ist es wahr,« sagte ich, des Unterrichts meines Pfarrers mich
erinnernd, »schrecklich oder nicht, es ist logisch!«
»Logisch?« fragte Boccard. »Was ist logisch?«
»Was sich nicht selbst widerspricht,« ließ sich der Rat vernehmen, den
mein Eifer zu belustigen schien.
»Die Gottheit ist allwissend und allmächtig,« fuhr ich mit
Siegesgewißheit fort, »was sie voraussieht und nicht hindert, ist
ihr Wille, demnach ist allerdings unser Schicksal schon in der Wiege
entschieden.«
»Ich würde Euch das gern umstoßen,« sagte Boccard, »wenn ich mich jetzt
nur auf das Argument meines Oheims besinnen könnte! Denn er hatte ein
treffliches Argument dagegen ...«
»Ihr tätet mir einen Gefallen,« meinte der Rat, »wenn es Euch gelänge,
Euch dieses trefflichen Arguments zu erinnern.« --
Der Fryburger schenkte sich den Becher voll, leerte ihn langsam und
schloß die Augen. Nach einigem Besinnen sagte er heiter: »Wenn die
Herrschaften geruhn, mir nichts einzuwerfen und mich meine Gedanken
ungestört entwickeln zu lassen, so hoff' ich, nicht übel zu bestehn.
Angenommen also, Herr Schadau, Ihr wäret von Eurer kalvinistischen
Vorsehung seit der Wiege zur Hölle verdammt -- doch bewahre mich Gott
vor solcher Unhöflichkeit -- gesetzt denn, ich wäre im Voraus verdammt;
aber ich bin ja, Gott sei Dank, kein Kalvinist ...« Hierauf nahm er
einige Krumen des vortrefflichen Weizenbrotes, formte sie mit den
Fingern zu einem Männchen, das er auf seinen Teller setzte mit den
Worten: »Hier steht ein von Geburt an zur Hölle verdammter Kalvinist.
Nun gebt Acht, Schadau! -- Glaubt Ihr an die zehn Gebote?«
»Wie, Herr?« fuhr ich auf.
»Nun, nun, man darf doch fragen. Ihr Protestanten habt so manches Alte
abgeschafft! Also Gott befiehlt diesem Kalvinisten: Tue das! Unterlasse
jenes! Ist solches Gebot nun nicht eitel böses Blendwerk, wenn der Mann
zum Voraus bestimmt ist, das Gute nicht tun zu können und das Böse tun
zu müssen? Und einen solchen Unsinn mutet Ihr der höchsten Weisheit zu?
Nichtig ist das, wie dies Gebilde meiner Finger!« und er schnellte das
Brotmännchen in die Höhe.
»Nicht übel!« meinte der Rat.
Während Boccard seine innere Genugtuung zu verbergen suchte, musterte
ich eilig meine Gegengründe; aber ich wußte in diesem Augenblicke
nichts Triftiges zu antworten und sagte mit einem Anfluge unmutiger
Beschämung: »Das ist ein dunkler, schwerer Satz, der sich nicht
leichthin erörtern läßt. Übrigens ist seine Behauptung nicht
unentbehrlich, um den Papismus zu verwerfen, dessen augenfällige
Mißbräuche Ihr selbst, Boccard, nicht leugnen könnt. Denkt an die
Unsitten der Pfaffen!«
»Es gibt schlimme Vögel unter ihnen,« nickte Boccard.
»Der blinde Autoritätsglaube ...«
»Ist eine Wohltat für menschliche Schwachheit,« unterbrach er mich,
»muß es doch in Staat und Kirche wie in dem kleinsten Rechtshandel eine
letzte Instanz geben, bei der man sich beruhigen kann!«
»Die wundertätigen Reliquien!«
»Heilten der Schatten St. Petri und die Schweißtüchlein St. Pauli
Kranke,« versetzte Boccard mit großer Gelassenheit, »warum sollten
nicht auch die Gebeine der Heiligen Wunder wirken?«
»Dieser alberne Mariendienst ...«
Kaum war das Wort ausgesprochen, so veränderte sich das helle Angesicht
des Fryburgers, das Blut stieg ihm mit Gewalt zu Haupte, zornrot sprang
er vom Sessel auf, legte die Hand an den Degen und rief mir zu: »Wollt
Ihr mich persönlich beleidigen? Ist das Eure Absicht, so zieht!«
Auch das Fräulein hatte sich bestürzt von seinem Sitze erhoben, und
der Rat streckte beschwichtigend beide Hände nach dem Fryburger aus.
Ich erstaunte, ohne die Fassung zu verlieren, über die ganz unerwartete
Wirkung meiner Worte.
»Von einer persönlichen Beleidigung kann nicht die Rede sein,« sagte
ich ruhig. »Wie konnte ich ahnen, daß Ihr, Boccard, der in jeder
Äußerung den Mann von Welt und Bildung bekundet und der, wie Ihr selbst
sagt, gelassen über religiöse Dinge denkt, in diesem einzigen Punkte
eine solche Leidenschaft an den Tag legen würdet.«
»So wisset Ihr denn nicht, Schadau, was im ganzen Gebiete von Fryburg
und weit darüber hinaus bekannt ist, daß Unsere liebe Frau von
Einsiedeln ein Wunder an mir Unwürdigem getan hat?«
»Nein, wahrlich nicht,« erwiderte ich. »Setzt Euch, lieber Boccard, und
erzählt uns das.«
»Nun, die Sache ist weltkundig und abgemalt auf einer Votivtafel im
Kloster selbst.
In meinem dritten Jahre befiel mich eine schwere Krankheit, und ich
blieb in Folge derselben an allen Gliedern gelähmt. Alle erdenklichen
Mittel wurden vergeblich angewendet, kein Arzt wußte Rat. Endlich
tat meine liebe, gute Mutter barfuß für mich eine Wallfahrt nach
Einsiedeln. Und, siehe da, es geschah ein Gnadenwunder! Von Stund an
ging es besser mit mir, ich erstarkte und gedieh und bin heute, wie
Ihr seht, ein Mann von gesunden und geraden Gliedern! Nur der guten
Dame von Einsiedeln danke ich es, wenn ich heute meiner Jugend froh
bin und nicht als ein unnützer, freudeloser Krüppel mein Herz in Gram
verzehre. So werdet Ihr es begreifen, liebe Herrn, und natürlich
finden, daß ich meiner Helferin zeitlebens zu Dank verbunden und
herzlich zugetan bleibe.«
Mit diesen Worten zog er eine seidene Schnur, die er um den Hals trug
und an der ein Medaillon hing, aus dem Wams hervor und küßte es mit
Inbrunst.
Herr Chatillon, der ihn mit einem seltsamen Gemisch von Spott und
Rührung betrachtete, begann nun in seiner verbindlichen Weise: »Aber
glaubt Ihr wohl, Herr Boccard, daß jede Madonna diese glückliche Kur an
Euch hätte verrichten können?«
»Nicht doch!« versetzte Boccard lebhaft, »die Meinigen versuchten es an
manchem Gnadenorte, bis sie an die rechte Pforte klopften. Die liebe
Frau von Einsiedeln ist eben einzig in ihrer Art.«
»Nun,« fuhr der alte Franzose lächelnd fort, »so wird es leicht
sein, Euch mit Euerm Landsmanne zu versöhnen, wenn dies bei Euerm
wohlwollenden Gemüt und heitern Naturell, wovon Ihr uns allen schon
Proben gegeben habt, noch notwendig sein sollte. Herr Schadau wird
seinem harten Urteile über den Mariendienst in Zukunft nicht vergessen
die Klausel anzuhängen: mit ehrenvoller Ausnahme der lieben Frau von
Einsiedeln.«
»Dazu bin ich gerne bereit,« sagte ich, auf den Ton des alten Herrn
eingehend, freilich nicht ohne eine innere Wallung gegen seinen
Leichtsinn.
Da ergriff der gutmütige Boccard meine Hand und schüttelte sie
treuherzig. Das Gespräch nahm eine andere Wendung, und bald erhob sich
der junge Fryburger, gute Nacht wünschend und sich beurlaubend, da er
morgen in der ersten Frühe aufzubrechen gedenke.
Nun erst, da das erregte Hin- und Herreden ein Ende genommen hatte,
richtete ich meine Blicke aufmerksamer auf das junge Mädchen, das
unserm Gespräch stillschweigend mit großer Spannung gefolgt war, und
erstaunte über ihre Unähnlichkeit mit ihrem Vater oder Oheim. Der alte
Rat hatte ein fein geschnittenes, fast furchtsames Gesicht, welches
kluge, dunkle Augen bald wehmütig, bald spöttisch, immer geistvoll
beleuchteten; die junge Dame dagegen war blond, und ihr unschuldiges,
aber entschlossenes Antlitz beseelten wunderbar strahlende blaue Augen.
»Darf ich Euch fragen, junger Mann,« begann der Parlamentrat, »was Euch
nach Paris führt? Wir sind Glaubensgenossen, und wenn ich Euch einen
Dienst leisten kann, so verfügt über mich.«
»Herr,« erwiderte ich, »als Ihr den Namen Chatillon ausspracht, geriet
mein Herz in Bewegung. Ich bin ein Soldatenkind und will den Krieg,
mein väterliches Handwerk, erlernen. Ich bin ein eifriger Protestant
und möchte für die gute Sache so viel tun, als in meinen Kräften steht.
Diese beiden Ziele habe ich erreicht, wenn mir vergönnt ist, unter den
Augen des Admirals zu dienen und zu fechten. Könnt Ihr mir dazu helfen,
so erweist Ihr mir den größten Dienst.«
Jetzt öffnete das Mädchen den Mund und fragte: »Habt Ihr denn eine so
große Verehrung für den Herrn Admiral?«
»Er ist der erste Mann der Welt!« antwortete ich feurig.
»Nun, Gasparde,« fiel der Alte ein, »bei so vortrefflichen Gesinnungen
dürftest du für den jungen Herrn ein Fürwort bei deinem Paten einlegen.«
»Warum nicht?« sagte Gasparde ruhig, »wenn er so brav ist, wie er das
Aussehen hat. Ob aber mein Fürwort fruchten wird, das ist die Frage.
Der Herr Admiral ist jetzt, am Vorabend des flandrischen Krieges, vom
Morgen bis in die Nacht in Anspruch genommen, belagert, ruhelos, und
ich weiß nicht, ob nicht schon alle Stellen vergeben sind, über die er
zu verfügen hat. Bringt Ihr nicht eine Empfehlung mit, die besser wäre
als die meinige?«
»Der Name meines Vaters,« versetzte ich etwas eingeschüchtert, »ist
vielleicht dem Admiral nicht unbekannt.« -- Jetzt fiel mir aufs Herz,
wie schwer es dem unempfohlenen Fremdling werden könnte, bei dem großen
Feldherrn Zutritt zu erlangen, und ich fuhr niedergeschlagen fort: »Ihr
habt Recht, Fräulein, ich fühle, daß ich ihm wenig bringe: ein Herz und
einen Degen, wie er über deren tausende gebietet. Lebte nur sein Bruder
Dandelot noch! Der stünde mir näher, an den würde ich mich wagen! War
er doch von Jugend auf in allen Dingen mein Vorbild: kein Feldherr,
aber ein tapferer Krieger; kein Staatsmann, aber ein standhafter
Parteigenosse; kein Heiliger, aber ein warmes, treues Herz!« --
Während ich diese Worte sprach, begann Fräulein Gasparde zu meinem
Erstaunen, erst leise zu erröten, und ihre mir rätselhafte Verlegenheit
steigerte sich, bis sie mit Rot wie übergossen war. Auch der alte Herr
wurde sonderbarer Weise verstimmt und sagte spitz:
»Was werdet Ihr wissen, ob Herr Dandelot ein Heiliger war oder nicht!
Doch ich bin schläfrig, heben wir die Sitzung auf. Kommt Ihr nach
Paris, Herr Schadau, so beehrt mich mit Euerm Besuche. Ich wohne auf
der Insel St. Louis. Morgen werden wir uns wohl nicht mehr sehen. Wir
halten Rasttag und bleiben in Melun. Jetzt aber schreibt mir noch Euern
Namen in diese Brieftasche. So! Gehabt Euch wohl, gute Nacht.« --
[Illustration]
Viertes Kapitel.
Am zweiten Abende nach diesem Zusammentreffen ritt ich durch das Tor
St. Honoré in Paris ein und klopfte müde, wie ich war, an die Pforte
der nächsten, kaum hundert Schritte vom Tor entfernten Herberge.
Die erste Woche verging mir in der Betrachtung der mächtigen Stadt und
im vergeblichen Aufsuchen eines Waffengenossen meines Vaters, dessen
Tod ich erst nach mancher Anfrage in Erfahrung brachte. Am achten Tage
machte ich mich mit pochendem Herzen auf den Weg nach der Wohnung des
Admirals, die mir unfern vom Louvre in einer engen Straße gewiesen
wurde.
Es war ein finsteres, altertümliches Gebäude, und der Pförtner
empfing mich unfreundlich, ja mißtrauisch. Ich mußte meinen Namen
auf ein Stück Papier schreiben, das er zu seinem Herrn trug, dann
wurde ich eingelassen und trat durch ein großes Vorgemach, das mit
vielen Menschen gefüllt war, Kriegern und Hofleuten, die den durch
ihre Reihen Gehenden mit scharfen Blicken musterten, in das kleine
Arbeitszimmer des Admirals. Er war mit Schreiben beschäftigt und winkte
mir zu warten, während er einen Brief beendigte. Ich hatte Muße, sein
Antlitz, das mir durch einen gelungenen, ausdrucksvollen Holzschnitt,
der bis in die Schweiz gelangt war, sich unauslöschlich eingeprägt
hatte, mit Rührung zu betrachten.
Der Admiral mochte damals fünfzig Jahre zählen, aber seine Haare waren
schneeweiß, und eine fieberische Röte durchglühte die abgezehrten
Wangen. Auf seiner mächtigen Stirn, auf den magern Händen traten die
blauen Adern hervor, und ein furchtbarer Ernst sprach aus seiner Miene.
Er schaute wie ein Richter in Israel.
Nachdem er sein Geschäft beendigt hatte, trat er zu mir in die
Fensternische und heftete seine großen blauen Augen durchdringend auf
die meinigen.
»Ich weiß, was Euch herführt,« sagte er, »Ihr wollt der guten Sache
dienen. Bricht der Krieg aus, so gebe ich Euch eine Stelle in meiner
deutschen Reiterei. Inzwischen -- seid Ihr der Feder mächtig? Ihr
versteht Deutsch und Französisch?« --
Ich verneigte mich bejahend.
»Inzwischen will ich Euch in meinem Kabinet beschäftigen. Ihr könnt mir
nützlich sein. So seid mir denn willkommen. Ich erwarte Euch morgen um
die achte Stunde. Seid pünktlich.« --
Nun entließ er mich mit einer Handbewegung, und wie ich mich vor ihm
vorbeugte, fügte er mit großer Freundlichkeit bei: