Bisher haben die Jungen klar und sicher gesprochen. Als sie aber diese
Frage beantworten sollen, fangen sie an, sich fortgesetzt zu
widersprechen. Sie vermögen nicht genau anzugeben, wie der Junge
ausgesehen hat. Sie können nicht einmal sagen, ob er auf einem Sattel
saß oder nur auf einer Matte, und über die Farbe des Pferdes und das
Brandzeichen wissen sie gar nichts. Dagegen stimmt die Zeit wieder, denn
sie behaupten, es sei ungefähr etwas mehr als eine gute Stunde her, seit
Carlos fortgeritten sei. Das wäre also um acht Uhr gewesen. Und um diese
Zeit lief der Junge aus der Hütte fort, um rüber zur Pumpe zu rennen, wo
Manuel war und der Vater die Geige spielte. Seitdem hat ihn die Mutter
nicht mehr gesehen. Als alle Anwesenden, mit Ausnahme der Mutter,
erklären, daß sie die Erzählung der beiden Jungen für glaubhaft halten,
weil mehrere Männer und Burschen vorübergeritten seien und die Jungen
gar keinen Grund hätten, zu schwindeln in einer so ernsten Sache, setzt
sich Garza aufs Pferd und reitet nach Magiscatzin, um nach Carlos zu
fragen. Es ist möglich, jener Junge auf dem Pferde ist nicht aus der
Gegend hier, sondern macht eine Reise und hat Carlos in Magiscatzin
abgesetzt, und Carlos kann nicht zurück. Der Junge ist doch nur sechs
Jahre alt und mag leicht unüberlegte Streiche dieser Art machen. Nun
sitzt er wahrscheinlich in jenem kleinen Dorf und heult, weil er nicht
zurück kann in der Nacht. Durch die Beschäftigung des Aufsattelns, durch
das Fortreiten ihres Mannes und infolge der Zuversicht aller übrigen
Leute wird die Garza ein wenig von ihren schweren Befürchtungen
abgelenkt. Sie fühlt sich leichter, setzt sich zu anderen Frauen auf
eine Bank und mischt sich in deren alltägliches Geschwätz über
alltägliche Dinge.
Manuel steht gegen einen Baum gelehnt. Er weiß nicht recht, was er tun
soll. Zu den Mädchen gehen, da herumsitzen und kichern, hat er keine
Lust. Endlich aber macht er sich doch auf und geht langsam auf jenes
hübsche Mädchen zu, mit der er schon früher am Abend geplaudert hatte.
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Sleigh war an der ganzen Sache ziemlich uninteressiert gewesen. Was ihn
überhaupt lebhaft in Bewegung bringen könnte, habe ich bis heute nicht
erfahren können. Aber vielleicht lerne ich etwas mehr von ihm, besser
über ihn, wenn ich ihn später wieder einmal treffe. Als die Aufregung
sehr hoch ging, sagte er mir, daß er wieder rübergehen wolle, um zu
sehen, ob die Kuh jetzt vielleicht hereingekommen sei. Nun ist er
zurück. Die Kuh ist noch nicht da, und sein Gespräch dreht sich nur
darum, wo die Kuh sein könne und warum sie nicht komme.
Da kommt ein Junge an uns vorüber und geht zu Manuel. Ich folge ihm, um
zu hören, was er will.
„Das ist ja gar nicht wahr, daß der Carlos nach Magiscatzin geritten
ist“, sagt er sehr laut zu Manuel. „Der Carlos ist mit einem Jungen nach
Tamalan geritten, aber nicht auf einem Pferde, nein, auf einem Esel.“
„Hast du es gesehen?“ fragt Manuel mißtrauisch.
„Natürlich habe ich es gesehen, sonst würde ich es dir doch nicht
sagen.“
„Warum hast du denn das nicht früher gesagt?“
„Ich habe doch nicht gewußt, daß die andern erzählt haben, Carlos sei
nach Magiscatzin geritten“, sagte der Junge entschuldigend.
Die Garza hat das alles gehört. Sie ist aufgeschnellt und kommt so rasch
herbei, als sei sie in einem Satz hergesprungen.
„Was sagst du da?“ schreit sie auf den Jungen ein und schüttelt ihn bei
beiden Schultern.
Der Junge wiederholt seine Rede und schwört bei allen Heiligen, daß er
Carlos habe auf einem Esel fortreiten sehen, in der Richtung nach
Ocampo.
Die Garza läßt den Kopf tief zwischen ihren Schultern versinken, und sie
erscheint plötzlich ganz klein und zusammengedrückt. Ihr Mund steht weit
offen, und ihr Blick flackert irre hin und her.
Der Pumpmeister rüttelt sie energisch am Arm. Er fürchtet, daß sie
stehend sterben werde, wenn er sie nicht aufwecke. Dabei sagt er: „Regen
Sie sich doch nicht auf, Carmelita, regen Sie sich doch nur nicht auf.
Warten Sie doch erst einmal ruhig ab, bis Garza zurück ist.“
Die Frau sagt nichts darauf. Sie hat augenscheinlich überhaupt nichts
gehört. Der flackernde irre Blick schweift weiter ruhelos umher.
Einer der Eseltreiber des Packzuges sagt nun: „Ich kenne den Weg nach
Tamalan. Es ist ein ganz verfluchter Weg. Wenn man ihn nicht genau
kennt, kommt man in der Nacht nicht mehr wieder. Habt ihr eine Mula oder
einen Esel, dann will ich rüberreiten und nach dem Jungen herumhören.
Meine Esel sind müde.“
Sogleich wird ihm ein Esel angeboten. Als er abreitet, kommt noch ein
Junge mit einem Esel an, um ihn zu begleiten.
„Habt ihr auch Zündhölzer?“ ruft der Pumpmeister hinter ihnen her.
„Wir haben genug“, wird ihm zurückgerufen.
Die Garza wird immer aufgeregter. Die leise Hoffnung, die sie hatte, als
die Leute alle so zuversichtlich waren, der Junge müsse in Magiscatzin
sein, ist völlig verflogen. Stark war in ihr diese Hoffnung ja nie
gewesen. Nun aber fällt die Frau zurück in jenen Zustand der Gewißheit,
den sie besaß von jenem Augenblicke an, als sie den Kleinen vermißte.
Was niemand sonst wissen kann, sie, die Mutter, weiß es: der Junge kommt
nie wieder! Herz und Instinkt sagen ihr die Wahrheit. Alle mögen leugnen
und zweifeln, sie zweifelt nicht. Sie hat ernsthaft keine Sekunde lang
gezweifelt.
Mit dieser endgültigen Wiederkehr der Gewißheit verfliegt der irre
flackernde Blick aus ihren Augen. Sie rafft sich zusammen. Sie muß etwas
tun für ihr Kind, wäre es auch nur, um seinen kleinen Körper noch einmal
zu liebkosen.
Sie eilt hinweg, zurück über die Brücke, heim in die häusliche Hütte.
Eine Minute darauf sieht man sie auf der anderen Seite des Flusses mit
einer Laterne durch die Gebüsche am Ufer streifen. Bald kriecht sie
tiefer in den Dschungel, bald wieder kommt sie näher zum Ufer. Mit weit
ausgestrecktem Arm leuchtet sie in das Wasser. Zuweilen ruft sie den
Namen des Kindes. Es klingt gespensterhaft. Hier auf dieser Seite haben
die Leute das Gefühl, als ob auf das Rufen eine Antwort folgen würde,
die grauenhaft sein müsse.
Eine Weile steht sie dann drüben am Ufer, überlegend, was wohl zu tun
sei. Die Laterne hängt am Arme herunter und beleuchtet die so festlich
gekleidete Frau. Das Gesicht aber, das von unten her sein Licht
empfängt, während oben und von allen Seiten die tiefen schwarzen
Schatten der Nacht liegen, ähnelt weder einem menschlichen, noch einem
tierischen Antlitz. Es ist eine grausige Fratze und Maske, die sich mit
keinem Dinge auf Erden vergleichen läßt.
Hier, auf dieser Seite des Flusses, stehen die Leute in Gruppen und
sehen hinüber zu der einsamen Mutter, die mit der Laterne am Ufer steht,
um nach ihrem einzigen Kinde zu suchen. Zwei feindliche Lager, durch den
Fluß getrennt; zwei gegenüberstehende Welten. Die eine Welt in ihrem
tiefsten Schmerze, die andere hilfsbereit, aber doch im Herzen froh, daß
es der andere ist, den es traf.
Es gehen einige Männer hinüber, um der Frau beim Suchen zu helfen. Sie
kriechen ziellos in dem Dornengebüsch herum. Daß sie den Jungen dort
finden könnten, glaubt keiner von ihnen; sie wollen nur der Mutter
zeigen, daß sie nicht allein sei, daß man alles tun wolle, was nur in
der Macht der Menschen liegt, um ihr zu helfen.
Die Frau bewegt sich langsam auf die Brücke zu. Während sie über die
Brücke geht, leuchtet sie bei jedem Schritt in das Wasser hinunter. Aber
das Wasser ist dick und gelb; der Schein der Laterne dringt nicht eine
Handbreit unter die Oberfläche. Sie ist nun wieder auf dieser Seite. Die
Pumpmeisterin legt ihr die Hand auf die Schulter und redet tröstend auf
sie ein: „Wir wollen doch erst einmal sehen. Der Kleine ist wirklich mit
den Jungen fortgeritten, das ist ganz sicher. Kommen Sie, setzen Sie
sich auf die Bank und denken Sie jetzt nicht mehr daran; das können wir
noch immer genug tun, wenn die Leute zurück sind.“
„Carlos ist nicht fortgeritten“, die Garza sagt es mit fester
Bestimmtheit. „Er reitet nicht fort, wenn Manuel hier ist.“
„Ach, Kinder!“ erwidert die Pumpmeisterin. „Sie haben nur das eine, da
wissen Sie nicht viel über Kinder. Ich weiß das besser von meinen Gören.
Woran man gar nicht denkt, das tun sie gerade zuerst.“
Die Garza hat die Laterne vor sich auf den Erdboden gestellt. Sie dreht
sich um und blickt mit schweren müden Augen zum Fluß hinüber. Dann
wendet sie ihr Gesicht wieder der Gruppe zu, in der sie steht.
Unschlüssig und ratlos sieht sie alle der Reihe nach an. Den Kopf legt
sie schwerfällig in den Nacken und schließt für eine Weile die Augen.
Plötzlich aber reckt sie sich zusammen und ruft mit keuchender Stimme:
„Der Junge ist im Fluß. Er ist ertrunken!“
Erstarrt stehen die Anwesenden, als habe der Blitz zwischen sie
eingeschlagen. Die Pumpmeisterin kann vor Entsetzen kaum schlucken.
Endlich sagt sie: „Segne Sie Gott, Carmelita, wie können Sie nur so
etwas Sündhaftes und Schauderhaftes sagen!“
Die Garza jedoch stößt einen tiefen Seufzer aus. Sie fühlt sich erlöst
von einem Klumpen, der ihr seit langem in der Kehle gelegen hat und sie
zu ersticken drohte. Sie reckt und dehnt den Hals, und ihr Blick wird
mit einem Male sachlich und brutal nüchtern. Alles Irre und Flackernde
ist daraus verschwunden. Sie steht bewußt und sicher in der Welt wie
vielleicht nie zuvor im Leben.
Während die Leute noch wie entgeistert sind, nicht wissen, was sie tun
oder sprechen sollen, redet die Garza frisch weg, um sich noch mehr Luft
zu schaffen.
„Der Junge war ja so wild und ausgelassen den ganzen Abend. Er wußte ja
kaum, was er tat, und wo er rannte. Ich konnte ihn nicht halten im
Hause, er mußte wieder hinüber zu Manuel und rannte fort wie ein
Wirbelwind. Er kennt den Weg und die Brücke ganz genau. Aber da hat er
die neuen Schuhe an und war nicht ganz sicher auf den Beinchen. Als ich
vorhin zum ersten Male hier über die Brücke kam, wäre ich beinahe ins
Wasser gefallen. Ich sah die Laterne hier hängen und ging drauf zu; erst
als ich gegen den Balken stieß, fiel mir ein, daß die Brücke gar nicht
auf die Laterne zuläuft, sondern weit ab. Und als ich das bemerkte, da
kam mir der Gedanke, wenn der Junge so wild drauflosläuft, dann fällt er
sicher ins Wasser. Und als ich dann hier drüben ankam, war meine erste
Frage die nach dem Jungen. Ich würde sonst vielleicht gar nicht an ihn
sofort gedacht haben. Aber ich wußte gleich, es ist schon zu spät, denn
mein Herz war ganz voll Angst.“
Niemand hat sie unterbrochen, und eine gute Weile spricht kein einziger
der Zuhörenden. Dann aber sagt die Pumpmeisterin: „Aber das ist ja ganz
unmöglich, man würde doch gehört haben, wenn der Junge in den Fluß
stürzt.“
Ich blicke seitwärts, und meine Augen treffen die des Sleigh, der im
gleichen Moment aufschaut und mich ansieht. Weder er noch ich fühlen das
Bedürfnis, irgend etwas zu sagen.
„Nein, nein,“ sagt jetzt ein Mann, „das würde man sicher gehört haben.
Das platscht doch, wenn so ein Junge in den Fluß fällt. Auch fällt so
ein Junge nicht rein und ist gleich lautlos verschwunden. Der schreit
und strampelt und macht Lärm.“
„Natürlich“, mischt sich nun der Pumpmeister ins Gespräch. „Ich kenne
doch den Jungen, es verging doch kein Tag, wo er nicht hier
herumgeschwommen und herumgeplantscht hat im Wasser. Er ist wie ein
Fisch. Der hätte sich schon herausgekrabbelt, und wenn er das nicht
gekonnt hätte, dann hätte er geschrien. Er ist doch Wasser gewöhnt.“
Die Garza hört dem allen zu, als ob über etwas gesprochen würde, das sie
gar nicht berühre. Nun aber fühlt sie sich verpflichtet, ihren Jungen zu
verteidigen: „Gewiß hätte er sich herausgearbeitet, oder hätte er
geschrien, aber er konnte es ja nicht mehr. Er hatte doch die neuen
Stiefelchen an. Er hat gewiß, als er so ausgelassen drauflostrabte, mit
den Stiefeln gegen den Balken gestoßen. Wäre er barfuß gewesen, hätte er
sich halten können. Aber die Sohlen waren spiegelglatt. Ehe er wußte,
was überhaupt geschah, da war er übergekippt und hatte mit dem Kopf auf
den Balken geschlagen, und ehe er zur Besinnung kam, war er schon unter
dem Wasser. Er hat gar keine Zeit gehabt, zu strampeln oder zu
schreien.“
Mit dieser Rede schließt die Garza ihre Erzählung ab. Sie hat nichts
mehr zu sagen, und niemand kann sie überzeugen, daß es anders wäre oder
daß der Junge nicht im Flusse sei.
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Die Leute freilich geben sich keineswegs zufrieden. Man erinnert sich
der Jungen, die auf der Brücke saßen und sangen, gerade zu der Zeit, als
das Unglück sich zugetragen haben solle. Aber die Jungen haben nichts
gehört und nichts gesehen. Sie saßen am Ende der Brücke mit dem Gesicht
zum Wasser und dachten nur an ihr Singen. Dicht in ihrer Nähe ist der
Junge nicht hineingefallen. Außerdem ist es so schwarze Nacht, daß sie
es auch kaum bemerkt haben würden, wenn sie die Brücke im Auge gehabt
hätten. Einen Platsch haben sie auch nicht gehört. Wenn sie ihn gehört
haben, so haben sie ihn nicht aufgenommen, denn hochspringende große
Fische platschen ebenfalls. Aber daß diese Burschen, die am nächsten
waren, nichts bemerkt haben, veranlaßt die Leute, der Garza einzureden,
sie bilde sich Dinge ein, die gar nicht geschehen könnten.
Die Garza sagt nichts darauf.
Jeder der Anwesenden weiß einen neuen Gedanken aufzubringen, um zu
beweisen, daß es so, wie die Garza annimmt, nie gewesen sein könne, daß
es überhaupt ganz und gar ausgeschlossen sei, daß der Junge in den Fluß
gefallen sei, und vor allen Dingen, daß es undenkbar wäre, daß er so
geräuschlos in den Fluß gestürzt sein könne. Niemand unterstützt die
Mutter in ihrer Meinung. Man glaubt den Jungen an den allerunmöglichsten
Stellen, an denen ein Junge nur sein könne, selbst im Feuerloch des
Dampfkessels der Pumpe, aber im Fluß glaubt ihn niemand.
Schließlich wenden sich ein paar der Männer an mich, weil ich gar nichts
sage, und fragen mich geradezu, was ich von der ganzen Sache denke. Ich
weiß, wo der Junge ist, und Sleigh weiß es auch. Sleigh blickt mir
gerade ins Gesicht, während ich gefragt werde von den Männern, die mir
am nächsten stehen in der Gruppe. Ich sehe, daß Sleigh die Achseln
zuckt, als ob man die Frage an ihn gerichtet hätte.
Und ich antworte: „Was kann ich da sagen? Ich kenne ja nicht die
Schlupfwinkel hier herum, in die sich der Junge verkriechen könnte.“
Ja, ob ich denn glaube oder es für möglich halte, daß der Junge in den
Fluß gefallen sei?
„Möglich,“ sage ich, „möglich ist alles, und möglich ist durchaus, daß
der Kleine ins Wasser gefallen ist. Wo Wasser ist, kann immer jemand
hineinfallen, ob er will oder nicht.“
„Der Senjor hat recht,“ antwortet einer der Männer, „im vorigen Jahr ist
doch hier in demselben Wasser, nur weiter unten, der Ägypter ertrunken,
der dort seine Hütte hatte und Gemüse pflanzte.“
„Das lag aber ganz anders,“ erwidert einer, „der Ägypter badete und kam
an eine tiefe Stelle, wo er versank und nicht wieder heraufkam.“
Ein alter Indianer kommt etwas näher und fragt mich: „Was denken Sie
denn, Senjor, was wir tun könnten?“
„Ich denke, wir suchen den Fluß ab. Wenn der Junge im Fluß ist, müssen
wir ihn ja finden, und dann wissen wir wenigstens, wo er ist. Wenn die
Männer zurückkommen und haben ihn nicht gefunden, und wir finden ihn im
Flusse auch nicht, dann müssen wir wohl den ganzen Dschungel absuchen.“
Die Garza ist mit ihrer Laterne schweigend zur Brücke gegangen, sie hat
die Brücke überquert, und sie steht jetzt an der anderen Seite der
Brücke, nicht weit vom Ufer. Nach einer Weile leuchtet sie über den Rand
in das Wasser hinunter, und dann stößt sie einen markerschütternden
Schrei aus.
Ein paar Jungen rennen hinüber und kommen zurück mit der Botschaft, daß
die Frau durchaus nichts im Wasser gesehen hat. Es war kaum nötig, uns
das zu sagen; denn jeder wußte, daß sie an jener Stelle nichts sehen
konnte, selbst wenn der Junge dort versunken sein sollte.
Nun beginnt die Frau unausgesetzt gellend zu schreien. Wenn der eine
Schrei verklungen ist, ertönt gleich darauf der folgende. Es ist das
Wehklagen indianischer Frauen, die einen Toten beweinen. Es klingt nicht
wie Weinen, es klingt vielmehr wie ein den Himmel anklagendes
langgezogenes Schreien. Viele große Säugetiere, denen der Gefährte oder
das Junge erschossen, erschlagen oder geraubt wurde, schreien und klagen
in genau der gleichen Weise. Hört man dieses wehklagende Schreien der
Frauen zum ersten Male, glaubt man nicht, daß es ein Schreien des
Trauerns wäre. Lebt man länger unter den Indianern, hört man den tiefen
Schmerz aus dem Schreien so deutlich heraus wie aus dem stillen Weinen
einer europäischen Frau.
Wäre der Tod des Jungen gewiß oder hätte man gar seinen kleinen Leichnam
gefunden, so würden sofort alle Frauen in dieses Schreien, das man
kilometerweit hören kann, mit einstimmen. Einstimmen mit all dem
Mitgefühl und der Mittrauer, die eine Mutter und eine Gattin der anderen
aus der Tiefe eines warmen und stark empfindenden Herzens zeigen kann.
Aber die Frauen, noch nicht überzeugt von dem Tod des Jungen, bleiben
ruhig und tasten nur nach ihren Kindern und legen die Säuglinge sofort
an die Brust als den sichersten Platz, den sie ihnen bieten können.
Zwei Männer gehen hinüber und führen die unaufhörlich schreiende Frau
zart und besorgt auf diese Seite des Flusses, um sie auf eine Bank zu
setzen.
Die Pumpmeisterin kommt sofort heran, gibt ihr Wasser zu trinken und
streichelt sie mütterlich.
Die Männer stehen eine Weile herum, nicht wissend, was zu tun. Sie
fühlen sich unbehaglich in Anwesenheit der Mutter, die ihr Kind verloren
hat und die, trotz der Zartheit, mit der sie behandelt wird, jetzt
eigentlich ganz allein in der Welt ist. Es überkommt die Männer nach und
nach ein Schuldbewußtsein, daß sie mehr für die Mutter hätten tun
können. Sie stehen herum, drücken sich herum und reden kaum. Sie zwingen
sich, nicht nach der Mutter zu sehen, und wenn die Frau hin und wieder
aufschreit, werden ihre Gesichter zerquält. Das Unbehagen, das sie
belästigt, wird endlich so stark, daß sie das einzige tun, was Männer
auf der ganzen Erde tun, welche Hautfarbe sie auch immer haben mögen,
sobald sie sich überflüssig zu fühlen beginnen. Sie fangen an, tätig zu
werden, sich zu beschäftigen, nur um nicht in Gegenwart der Mutter so
schuldbewußt dazustehen.
Ohne viele Worte zu machen, ohne daß jemand die Führung übernimmt,
beginnen sie zu arbeiten wie ein Ameisenvolk. Sie schleppen Holz herbei
und zünden auf beiden Ufern große Feuer an, auf jedem Ufer zwei Feuer,
so angelegt, daß die Längsseiten der Brücke beleuchtet werden. Einer
entkleidet sich und geht in den Fluß. Er beginnt entlang der Brücke zu
tauchen. Das ist ein Wagnis und kann das Leben kosten. Das Wasser ist,
besonders auf dem Grunde, mit Dornengestrüpp, das sich von den Ufern
losgerissen hat, bedeckt und kann sich leicht um die Füße oder Arme des
Tauchenden schlingen. Da sind große, grausig aussehende Krebse auf dem
Grunde, Schlangen und was sonst noch alles ein Fluß im tropischen
Dschungel nur beherbergen mag.
Ein anderer und wieder ein anderer springt in den Fluß. Und bald sind
sechs tiefbraune Männer im Fluß. Die Mädchen und Frauen stehen auf der
Brücke oder an den Ufern und sehen den Bemühungen der nackten Männer zu.
Die sehnigen schlanken Körper der Männer, die alle so jünglingshaft
erscheinen, haben einen stumpfen metallischen Glanz. Das lange
strähnige, dichte Haar erscheint noch schwärzer und massiger, wenn die
Köpfe auftauchen und von Wasser triefen. Während sie sich an den
Brückenpfeilern anklammern, um neuen Atem zu schöpfen, blicken sie
zuweilen hinauf zu den Frauen und Männern, die auf der Brücke stehen,
und wenn sie auch nichts sagen, so steht doch in ihren traurigen Augen
immer wieder die Nachricht: „Nada! Nada! Nichts! Nichts!“
Ein uralter Indianer mit weißem Haar ist unter den tauchenden Männern.
Seine Brust ist nicht mehr so voll wie die der jüngeren Männer, und er
kann nicht so lange tauchen wie die übrigen, aber wenn die anderen
aufgeben wollen, weil jetzt in der Nacht nicht viel zu erwarten sei,
ermuntert er sie immer wieder zu neuer Tätigkeit.
Der Pumpmeister kommt mit einem mächtigen Eisenhaken, den er an ein
langes Tau gebunden hat, und schrittweise geht er an der Brücke entlang,
wirft den Haken weit hinaus in den Fluß und zieht ihn langsam heran.
Aber immer, wenn man glaubt, er hat den Körper gefunden, so ist es nur
dickes moderiges Dschungelgebüsch, das der Haken gepackt hat.
Von den Ufern lodern die Feuer, und auf der Brücke stehen Männer und
Burschen, halten flammende Holzscheite hoch empor, um das Wasser zu
erleuchten. Andere laufen mit brennenden Scheiten auf der Brücke
entlang, andere an den Ufern, teils um ausgehende Leuchtscheite wieder
anzuflammen, teils um dort das Wasser zu erleuchten, wo besonders
gefährliche und unübersichtliche Stellen sind und von wo aus die
tauchenden Männer nach Licht rufen.
Ich sehe Sleigh an der Pumpe stehen und gehe hinüber zu ihm. „Hätte man
ein Boot,“ sage ich, „könnte man mehr tun. Es ist schade, daß der
Pumpmeister keines hat.“
„Da ist ein Boot, weiter unten am Fluß,“ sagt Sleigh, „der Holländer hat
eins. Das ist aber einige Meilen runter. Da können wir vor Sonnenaufgang
nicht hin.“
Er geht zu einer Gruppe von Männern, die über andere Dinge reden und
augenblicklich keine Teilnahme an dem Ereignis nehmen, weil man ja nicht
immerfort dasselbe tun kann.
9
Es ist ein Bild, unvergleichlich in seiner Großartigkeit. Da sind die
lodernden Feuer. Dunkelrote und braune Burschen stehen herum, werfen
neue Scheite auf oder stirren das Feuer, um ihm mehr Leuchtkraft zu
geben. Auf der Brücke stehen Männer mit brennenden Ästen, die sie hoch
empor halten, oder die sie, auf der Brücke kniend, zum Wasser richten,
das die wechselnden Bilder widerspiegelt. Frauen und Mädchen, in ihren
bunten Tanzkleidern und mit Blumen im Haar, Säuglinge im Arm oder Kinder
an der Hand, stehen auf der Brücke oder wandern umher, sprechend zu
anderen Frauen, oder in das Wasser blickend oder schnell zu einem Punkte
laufend, wo gerufen worden ist, als habe man etwas gefunden oder
entdeckt. Die flackernden, flammenden Scheite werfen das Licht bald
hierhin, bald dorthin, wie der leichte Wind es weht. Die eine oder
andere Gestalt, die man ins Auge fassen will, steht bald im vollsten
Lichte da, bald im schwärzesten Schatten, bald im schwelenden Rauch
halbverschleiert, bald in einer lächerlich grotesken Form,
hervorgebracht durch wechselnde Streifen von hellem Licht, tiefem
Schatten und wehendem Rauch.
Dann tauchen die braunen nackten Gestalten im Wasser auf oder unter,
klammern sich an den Brückenpfeilern fest, um sich für eine Weile
auszuruhen oder die Pflanzen, die sich ihnen um die Beine geschlungen
haben, abzuzerren. Hin und wieder kriecht einer an das Ufer und geht zum
Feuer, um die erstarrten Hände anzuwärmen. Breitbeinig steht er am
Feuer, den Rücken dem Flusse zugekehrt und streckt die offenen Hände
vorwärts zum Feuer, während ihm ein Bursche eine angezündete Zigarette
in den Mund schiebt.
Hier drüben fängt ein Kind, das eingeschlafen war, zu weinen an, und ein
zweites wacht davon auf und schreit. Schnell kommen die Mütter herbei
und geben ihnen zu trinken. Die kleineren Kinder sind nun alle
eingeschlafen und liegen zusammengekauert auf dem Erdboden. Manche sind
eingewickelt in ein Tuch, manche in eine Decke, manche in eine
Reitmatte, manche liegen auf einem leeren alten Sack, und wieder andere
liegen auf dem nackten Erdboden. Die größeren Kinder, soweit sie nicht
interessiert an dem Tauchen der Männer sind, wo sie sich in einem fort
darüber streiten, ob Sanchez bis sechzig unter Wasser war oder ob Jose
diesmal bis hundert unten bleiben würde, drücken sich herum und
besprechen Streiche, die sie an anderen Jungen verüben wollen, oder sie
probieren irgend eine neue Schleuder aus. Andere musizieren auf einer
Mundharmonika.
Die Esel des Packzuges grasen in der Nähe des Ufers, und wenn sie gerade
nichts weiter wissen, trompeten sie in die Nacht. Sie fühlen sich
außerordentlich wohl, in der Nähe so vieler lodernder Feuer und
herumlaufender Menschen zu sein. Käme jetzt ein Jaguar vorüber, sie
würden ihn dreist einladen, er möge ihnen doch ein wenig Gesellschaft
leisten, denn sie haben gar keine Angst vor ihm.
Die Pumpmeisterin steht in ihrer Küche und kocht Kaffee. Was sie Küche
nennt, und was die Mehrzahl der anwesenden Leute eine großartige Küche
nennen würden, ist ein offener Raum. Nein, Raum kann man nicht sagen.
Die Küche hat nur eine Wand, und diese Wand ist gleichzeitig die Wand
der Hütte. Das Grasdach der Hütte ist hier weit überhängend und bildet
so die Küche. Damit das überhängende Dach infolge der Schwere nicht
herunterbrechen kann, ist es an beiden Ecken sowie in der Mitte mit
einem Stamm gestützt. Durch diese drei rohen Stämme wird die Küche
abgegrenzt. Der Küchenofen ist eine große flache Kiste, die mit Erde
ausgefüllt ist und auf vier Pfählen ruht in einer Höhe, daß sie recht
handlich für die Frau ist. Auf dieser Erde in der Kiste brennt ein
offenes Holzfeuer, dessen Flammen durch einige rohe Steine
zusammengehalten werden, damit die Hitze dicht an die Blechkanne kommt,
die unmittelbar auf dem brennenden Holze steht. In einem irdenen Topfe,
der neben der Kanne auf dem Feuer steht, sind schwarze Bohnen zum Kochen
aufgestellt, für den Fall, daß jemand Hunger bekommen sollte. Ein Blech
steht bereit, auf dem die Pumpmeisterin Tortillas anzuwärmen gedenkt.
Der Schilfkorb, in dem sie die Tortillas, die vom letzten Mahle
übriggeblieben sind, aufbewahrt, hängt an einem Draht, der an einem der
Stämme befestigt ist, die das Gras des Daches halten.
Die Garza ist zu ihrer eigenen Hütte gegangen. Was sie dort sucht oder
erwartet, weiß sie selbst nicht zu sagen. Sie kommt jetzt wieder über
die Brücke zurück, die Laterne an der herunterhängenden Hand tragend.
Eine Weile sieht sie den Tauchenden zu, dann geht sie weiter zur Pumpe,
völlig gedankenlos und in einer Weise, als ginge sie das alles, was hier
geschieht, nichts an.
Manuel sitzt stumpf und brütend auf einer Bank. Als er die Garza
plötzlich vor sich sieht, blickt er sie groß mit leeren Augen an wie
irgendeine Fremde. Dann, als ob ihm etwas einfiele, steht er rasch auf,
geht über die Brücke und wandert auf dem sandigen Wege, der auf der
anderen Seite durch den Dschungel zu fernen Dörfern führt, in die Nacht
hinaus.
Der Pumpmeister wirft unermüdlich seinen schweren eisernen Haken hinaus
in den Fluß und zieht ihn sorgfältig ein, manchmal leer, manchmal mit
einer Last Wasserpflanzen und Gestrüpp beladen.
Die Tauchenden fangen an müde zu werden. Immer seltener tauchen sie
unter, und immer länger müssen sie sich an die Brückenpfeiler klammern
oder in der Nähe des Ufers ausruhen, wo das Wasser weniger tief ist und
wo sie stehen können. Da das Wasser nun kühler wird, fangen sie auch
noch an zu frieren. Der weißhaarige Alte muß aufgeben. Bald schwimmen
auch die jüngeren ans Ufer, holen sich ihre Hosen, Hemden und Sandalen
und laufen zu den Feuern, die ebenfalls Zeichen von Müdigkeit zeigen und
lange nicht mehr so lodernd und lebhaft brennen wie eine Stunde bevor.
Denn die Burschen und Männer müssen immer weiter in den Dschungel
kriechen, um das notwendige Holz heranzuschleppen.
Schließlich fallen die Feuer gänzlich zusammen, und sie sind bald nur
noch Gluthaufen. Die flammenden Äste und Scheite, die auf der Brücke als
Fackeln dienten, sind nur noch funkensprühende Keulen, die ausgedient
haben und wertlos sind, nun ins Wasser geschleudert oder in die
Gluthaufen am Ufer geworfen werden.
An der Pumpe ist eine der Laternen ausgegangen, und ein Junge läuft mit
der Laterne zu den Hütten, um Petroleum zu borgen.
Zwei der Taucher stehen an einem Gluthaufen auf dieser Seite und
rauchen. Sie haben sich nicht angekleidet, sondern nur das Hemd um die
Hüften gewickelt, um wieder bereit zu sein, sobald sie gerufen werden
sollten. Denn es kann ja jemand einen neuen Gedanken haben.
Die Leute alle, insbesondere die Männer, die im Fluß getaucht haben,
halten nun die Geschichte, die die Garza erzählte, für wahrscheinlich,
und dennoch glaubt niemand, daß der Junge im Wasser ist. Sie haben
keinen andern Gegenbeweis als allein nur den, daß ein Mensch, auch wenn
er nur ein Junge ist, nicht so leicht und geräuschlos stirbt. Der Tod
ist ein so großer Vorgang, daß er nie schweigend sein kann. Da ist immer
Geschrei damit verknüpft oder Schießen oder Stechen oder
Mit-dem-Pferde-Stürzen oder der Krach eines gefällten Baumes oder das
Plätschern und Kreischen eines ins Wasser Gefallenen oder das
Herumwälzen des an den Blattern Erkrankten. Daß der Tod inmitten von
sechzig oder mehr Menschen, die sich zum Tanze versammelt haben, so ganz
still erscheinen kann, ohne daß sich auch nur die Luft bewegt, das
begreift keiner von diesen Leuten. Man hat auch nur alles das getan, um
der Mutter zu zeigen, daß sie nicht allein auf der Welt ist, und daß man
das einzige Hemd, das man hat, hergeben würde, könnte man ihr dafür den
Sohn zurückbringen.
Nun beginnen einige Männer mit einer langen Stange, die sie sich
geschaffen haben dadurch, daß sie zwei dünne Stämme mit Bast
zusammenbanden, den Grund des Flusses an der Brücke entlang abzutasten,
weil jemand den Gedanken hatte, man könne mit einer Stange den Körper
deutlich fühlen, falls er überhaupt im Wasser sei.
Das Bild hat sich inzwischen völlig verändert.
An den glimmenden verlöschenden Feuern sitzen oder stehen die braunen
Gestalten herum, rauchend und redend. Sie sind so ungewiß beleuchtet,
daß man nur bewegende Schatten sieht. Ein erregtes Gespräch hebt an, das
plötzlich abbricht, als habe es die Nacht verschlungen, um bei einer
anderen Gruppe auszubrechen, als sei es unterirdisch hinübergekrochen.
Dann hört man nur halblautes Reden, aber man sieht heftige und
eindringliche Gesten. Auf der Brücke sitzen andere, kauern oder halten
die Beine über den Rand der Brücke und schaukeln mit den Füßen. Andere
wieder, die nichts Besseres zu tun wissen, wehen die verglimmenden Äste
durch die schwarze Luft und zeichnen funkelnde Figuren.
Irgendwo in einem Winkel der Nacht wird auf der Mundharmonika gespielt.
Aus einem anderen Winkel der Finsternis hört man das Kichern eines
Mädchens und das hastige, unterdrückte und erregte Sprechen eines
Mannes. Dann wieder, von einem anderen Winkel her ein hartes,
abweisendes Hin- und Herreden eines Paares, das sich verkrochen hat. Von
ferner her tönt das unternehmende lustige Pfeifen eines Burschen, der in
der Stimmung eines Siegers zu sein scheint. Auf dem Pumpplatze haben
sich wieder Gruppen gebildet, die meist mit langen Pausen sprechen, weil
schon alles zwanzigmal gesagt worden ist. Die Frauen und Mädchen sitzen
herum oder gehen, ohne sich jedoch vorzudrängen, zur Küche der
Pumpmeisterin, wo sie heißen Kaffee in kleinen Emailletassen erhalten.
Der Kaffee ist schwarz, und jedesmal, wenn die Frau eine Tasse
hinreicht, deutet sie auf eine Konservenbüchse, die mit Zucker gefüllt
ist, und neben der ein kleiner Löffel liegt.
Die Pumpmeisterin hat nur fünf Tassen, alle verschieden in Form und
Farbe, und mit diesen fünf Tassen versorgt sie alle Frauen mit Kaffee.
Aber der Kaffee ist bald alle, und die Pumpmeisterin beeilt sich,
frischen zu kochen.
Niemand trinkt mehr als eine kleine Tasse, manche der Frauen trinkt die
Tasse nur halb und reicht die andere Hälfte ihrer Nachbarin; denn die
Nacht ist nun recht hübsch kühl geworden, und jedem wird ein Schluck
heißer Kaffee wohl tun.
Auf der Brücke sind einige der Männer immer noch damit beschäftigt, die
Längsseiten der Brücke Schritt für Schritt mit der Stange abzutasten.
Jetzt krähen die Hähne zum erstenmal in der Nacht. Also ist es elf Uhr.
10
Der Pumpmeister hat sein Suchen und Fischen mit dem Haken aufgegeben.
Der Haken liegt verlassen auf der Brücke, und der Pumpmeister steht nun
auch bei den Gruppen in der Nähe der Pumpe. Er erzählt von einigen
Todesfällen, die er erlebt hat, die aber in gar keiner Beziehung zu
diesem Ereignis stehen.
Die Garza war die erste, der Kaffee angeboten wurde. Sie ist der
respektierte Ehrengast der Pumpmeisterin. Und die Pumpmeisterin ist hier
in dieser Dschungelsiedlung ungefähr dasselbe, was eine Baronin in einem
armseligen Bergdörfchen in einem europäischen Lande ist. Sie kann ein
wenig lesen und ein wenig schreiben, und sie ist deshalb eine
hochgebildete Frau, die in die Schule gegangen ist. Ihre Kinder haben
keine Läuse oder nur hin und wieder ein paar, und sie laufen nur selten
nackt herum. Wenn sie auch nicht gerade immer ein Hemd an haben, so doch
wenigstens eine Hose oder ein Röckchen. Das kann man nicht einmal von
den Kindern Sleighs sagen. Die Frau Pumpmeisterin selbst hat vier
verschiedene Musselinkleider und wenigstens drei Hemden. Mehr hat sie
nicht, das weiß jeder. Hosen hat sie sogar vier, von denen zwei aber
nicht mehr ganz für voll gerechnet werden können. Sie hat Ohrringe,
echtes Gold. Auch hat sie einen spanischen Kamm fürs Haar, der mit
Perlchen besetzt ist. Diese Perlchen, weiß auch jeder, sind aber nicht
echt. Der Pumpmeister hat einen Sonntagsanzug mit einer Jacke. Sie haben
eine Uhr im Hause, eine Weckuhr, ferner einen Spiegel, sogar ein Messer,
nicht zu reden von den beiden Gabeln, die sie haben. Und was das größte
ist, ein eisernes Bett mit Drahtmatratze. Wer hat das sonst noch?
Vielleicht der Präsident in der Hauptstadt. Aber kein Wunder, der
Pumpmeister gehört ja zur Eisenbahn. Da ist nichts in der Welt, das
größer wäre. Und was die Pumpmeisterin sagt, ist mehr wert, als was der
Priester sagt, bei dem man nie weiß, was er meint und was er vielleicht
hintennach beabsichtigen mag. Wenn man mit der Frau Pumpmeisterin gut
befreundet ist, kann man die Königin von England leicht entbehren. Ob
die Königin von England zwei Paar gelbseidene Strümpfe hat und drei
Taschentücher, von denen eines gestickte Kanten hat, das soll erst noch
bewiesen werden. Denn was die Leute so erzählen, darf man noch lange
nicht immer glauben.
In eine Gruppe, die weiter ab von der Pumpe steht, kommt plötzlich
Bewegung. Man hört schnelles Sprechen und Fragen.
„Der Junge war nicht da?“ klingt nun eine Stimme deutlich heraus.
Der Eseltreiber und der ihn begleitende Junge sind von Tamalan
zurückgekommen.
„Nein, er war nicht dort.“
„Habt ihr denn überall herumgefragt?“
„Ganz natürlich. Alles schlief, und wir sind in jede Hütte gegangen,
haben die Leute aufgeweckt und nach dem Kleinen gefragt.“
„Habt ihr euch auch erkundigt, ob vielleicht der Kleine durchgekommen
ist?“
„Auch das haben wir getan. Es ist heute niemand aus Tamalan hier herum
gewesen und auch niemand aus der hiesigen Gegend dort vorbeigekommen.
Die Hunde würden gelärmt haben, wenn da jemand in der Nacht
durchgeritten wäre.“
„Und auf dem Wege?“
„Auf dem Wege war keine frische Spur, wir haben abgeleuchtet. In der
Richtung nach Tamalan sind die nicht geritten.“ Die redende Gruppe kommt
näher heran, bis sie im Licht der Laterne steht. Das Gespräch ebbt ab,
weil man nichts mehr zu fragen weiß.
Die Garza steht auf von ihrem Sitz und sieht auf den Eseltreiber, der
seine Augen verlegen von einem zum andern wandern läßt. Er will jetzt
etwas zur Garza sagen. Aber in diesem Augenblick setzt sie sich wieder.
Sie weiß es schon. Der Eseltreiber wendet sich langsam um. Er hat einen
Ausdruck im Gesicht, als ob er am Tode oder wenigstens am Verschwinden
des Kleinen schuld wäre. Erst als er ganz aus dem Gesichtskreis der Frau
heraus ist, sich zwischen eine Gruppe von Männern gemischt hat und eine
Zigarette raucht, fühlt er sich wieder wohler.
Ich gehe zur Brücke, wo ein Indianer weiter mit der Stange tastet,
während ein anderer dicht neben ihm auf der Brücke kniet und mit einer
Laterne immer da ins Wasser leuchtet, wo der andere mit der Stange
hineinfühlt.
Da mit einemmal läßt der Mann die Stange auf dem Grunde, dreht sich um,
sieht mich mit großen Augen an und sagt halblaut: „Senjor, ich habe ihn.
Da fühlen Sie selbst.“
„Seien Sie ganz ruhig, Perez,“ gebe ich zur Antwort, „sonst haben wir
gleich alle Leute hier, und wir können nichts tun. Wir wollen erst
durchaus sicher sein. Halten Sie die Stange ruhig an der Stelle.“
Ich trete nun dicht an seine Seite und nehme ihm die Stange behutsam ab.
Ich taste am Grunde und fühle in der Tat etwas, das ein menschlicher
oder tierischer Körper sein könnte. Vorsichtig, um den Grund nicht
aufzurühren und den Körper vielleicht fortschwemmen zu lassen, hebe ich
die Stange und führe sie, leise suchend, wieder nach unten, um das
Gefühl voll in die Fingerspitzen zu lenken. Und wieder fühle ich den
Körper.
„Na?“ fragt Perez.
„Sicher bin ich noch nicht“, erwidere ich.
Ich taste nun weiter, ob dieser Fund auch die Ausdehnung eines
menschlichen Körpers hat, denn bis jetzt haben wir ja nur einen Ballen,
der die Brust oder der Unterleib sein kann oder der Oberschenkel. Aber
der Fund hat keine Ausdehnung in der Länge, sondern die Ausdehnung geht
gleichmäßig nach jeder Richtung, und nach langem geduldigen Abfühlen
komme ich zur Überzeugung, daß der vermeintliche Körper ein versandeter
Ballen Gras oder dünner Strauchäste ist, der sich dort unten irgendwie
festgehakt hat. Was immer es auch sein mag, der Körper eines Kindes ist
es nicht. Perez sieht ein, daß er sich geirrt hatte. Er gibt jetzt auch
auf, setzt sich auf die Brücke und dreht sich eine Zigarette.
Nach einer Weile gehen wir zur Pumpe, und die Pumpmeisterin bietet uns
Kaffee an, Bohnen und Tortillas; denn inzwischen waren die Männer an die
Reihe gekommen, Kaffee trinken zu dürfen. Der Kaffee steht in den fünf
Tassen eingegossen auf einem hölzernen Gegenstand, den die Pumpmeisterin
ihren Küchentisch nennt. Wer von den Männern Durst auf Kaffee empfindet,
kommt heran, nimmt sich eine Tasse, schüttet Zucker hinein, und wenn er
sie ganz oder halb ausgetrunken hat, stellt er sie wieder auf das Brett,
damit ein anderer trinken kann. Auf Frijoles und Tortillas habe ich
augenblicklich keinen Appetit, dagegen tut der Schluck Kaffee mir so
wohl, daß die Pumpmeisterin mir das Behagen ansieht und lächelnd fragt:
„Mas?“ Da ich sehe, daß drei volle Tassen unberührt dastehen und die
Männer offenbar alle schon getrunken haben in der Zeit, während ich mit
Perez an der Brücke fischte, kann ich dem Angebot nicht widerstehen,
wofür mich die Pumpmeisterin dankbar anblickt, daß ich ihren Kaffee für
so gut befinde.
Die Brücke ist nun ganz verlassen. Niemand ist in ihrer Nähe. Hier
stehen die Leute wieder in Gruppen umher und schwatzen. Die Mädchen und
Frauen sitzen herum, wo sie etwas zum Sitzen gefunden haben, und
schwatzen und lachen. Durch den Kaffee ist alles mehr lebendig geworden.
Die Welt scheint nicht mehr so düster auszusehen. Man hat vollständig
vergessen, was während der letzten Stunden alle Anwesenden erfüllte. Die
zunehmende Müdigkeit der Leute, die alle seit Sonnenaufgang auf den
Beinen sind, läßt die Gefühle erschlaffen. Man sieht die Garza sogar
zwei- oder dreimal lachen. Es hat sich dadurch, daß der Junge im Fluß
nicht gefunden wurde, die Gewißheit festgesetzt, daß der Kleine nicht
ins Wasser gefallen ist, sondern daß er entweder nach Magiscatzin
geritten ist, wie die beiden Jungen behaupten, oder aber, daß er in
irgendeinem Winkel sich hingelegt hat und eingeschlafen ist.
Man hat sich darüber geeinigt, daß man warten wolle, bis Garza von
Magiscatzin zurück ist. Sollte er den Jungen nicht bringen und auch
nichts erfahren haben, so wolle man bis Sonnenaufgang hier beieinander
sitzenbleiben und dann bei Tageslicht von neuem den Fluß absuchen. Die
Stimmung ist im Grunde die gleiche, die bis zu jenem Augenblick
herrschte, an dem der Junge vermißt wurde.
Ein paar Männer, denen das Herumstehen zu langweilig wurde, haben sich
wieder zur Brücke aufgemacht und fangen abermals an, mit der Stange zu
tasten und mit dem Haken zu fischen. Plötzlich fängt auch die Garza
wieder an zu schreien, und sie rennt wie rasend zu der Brücke und
gebärdet sich, als ob sie hineinspringen wolle. Sie schwenkt die Laterne
über das Wasser, während sie sich weit hinüberlehnt, und schreit
unaufhörlich: „Mein Kleiner! Mein Liebling! Ninjo, ninjo mio!“ Der
Pumpmeister und noch ein anderer Mann laufen herbei und halten sie fest.
Sie wehrt sich, schlägt um sich und kreischt: „Laßt mich los! Was wollt
ihr denn von mir?“
11
In der Nähe der Pumpe bildet sich jetzt eine Gruppe von Männern, die
immer größer wird. Es wird lebhaft geredet, zugestimmt, genickt,
gestikuliert. Der Wortführer ist jener weißhaarige alte Indianer, der
mit den jungen Männern getaucht und endlich, ganz blau gefroren, hatte
aufgeben müssen. Die Gruppe, den heftig redenden Alten in der Mitte,
bewegt sich der Hütte des Pumpmeisters zu.
Auch die Brücke wird wieder belebter, obgleich sich doch nichts Neues
ereignet hat. Überall sieht man eine merkwürdige Geschäftigkeit. Hier
auf der Brücke weiß man nicht, was jene Gruppe beabsichtigt. Aber man
legt offenbar keinen Wert darauf, es zu erfahren. Es wird immer emsiger
gefischt und getastet.
Nun gehe ich hinüber zur Pumpe, und ich höre, wie der Alte zu der
Pumpmeisterin sagt: „Eine starke Kerze, ja.“
„Ich habe nur ein paar dünne im Hause“, antwortet die Frau.
„Wer hat denn wohl hier eine dickere Kerze?“ fragt der Alte.
„Ich glaube nicht, daß jemand hier überhaupt Kerzen hat, und wenn da
noch welche sind, dann auch nur die dünnen. Aber die fallen ja immer
zusammen“, erklärt die Pumpmeisterin.
„Ja, wenn wir nur eine Kerze hätten“, wiederholt der Alte.
„Oiga!“ sagt nun die Pumpmeisterin. „Ich habe noch eine Kerze, aber
das ist eine geweihte, die ich noch hier habe von einem
Corpus-Christi-Fest.“
„Die ist um so besser,“ nickt der Alte, „bringen Sie die nur her.“
Die Pumpmeisterin nimmt eine Laterne und verschwindet in ihrer Hütte.
Der Alte sieht sich um und entdeckt eine Kiste, die bisher als Sitz
diente. Er schleift die Kiste unter das Licht der Laterne und bricht ein
Brett heraus. Es ist ein ganz dünnes Brett, etwas länger als breit. Er
sieht über die Fläche und untersucht, ob das Brett auch ganz eben ist,
ob auch alle vier Ecken gleichmäßig aufliegen.
„Das Brett wird gehen“, sagt er zu den Umstehenden, die nicht wissen,
was er vorhat.
Nun kommt die Pumpmeisterin heraus, sie hat in der Hand eine
halbabgebrannte Kerze, von der Art jener starken Kerzen, die von Kindern
bei kirchlichen Festen getragen werden.
Der Alte legt das Brett auf den Erdboden, hängt die Laterne ab, stellt
sie neben das Brett und markiert mit dem Fingernagel die genaue Mitte
des Brettes. Dann zündet er die Kerze an, tropft auf den markierten
Mittelpunkt des Brettes Stearin und klebt die Kerze mit großer Sorgfalt
auf dem Brette fest. Die Laterne hängt er nun wieder zurück an den
Stamm.
Die Männer, die herumstehen, sehen aufmerksam zu, wissen jedoch nicht,
worauf das alles abzielt, fragen aber auch nicht, um den Alten nicht zu
stören.
Nun hebt der Alte das Brett mit dem brennenden Licht auf und trägt es
vor sich zum Ufer des Flusses. Die Männer und auch eine Anzahl Frauen
folgen ihm. Auf der Brücke wird man aufmerksam. Das Suchen und Fischen
wird eingestellt, und auch diese Leute kommen näher, bleiben aber alle
auf der Brücke stehen, um das Ereignis besser zu beobachten.
Eine uralte Indianerin hockt auf der Brücke, sieht auch zu, ist aber
nicht neugierig und viel weniger interessiert an den Vorgängen als sonst
irgend jemand. Sie raucht und raucht. Immer wenn sie einen Zug getan
hat, betrachtet sie die Zigarette und drückt das Maisblatt etwas fester
zusammen. Ich habe das Empfinden, daß sie außer dem alten Manne die
einzige Person hier ist, die weiß, was da vor sich gehen soll. Ich hocke
mich neben sie und gehe geradeswegs auf den Kernpunkt los: „Was wollen
denn die da tun?“
„Die werden jetzt den Bastard suchen.“ Sie sagt das so leicht und so
selbstverständlich, als ob sie an dem Erfolge nicht mit dem leisesten
Gedanken zweifle.
„Wie meinen Sie das, Senjora? Suchen?“
„Ja suchen. Und nun werden sie ihn auch gleich haben, wenn er überhaupt
im Wasser ist.“
„Wir haben doch die ganze Zeit gesucht und haben ihn nicht gefunden“,
sage ich, um sie mehr zum Reden und zum Erklären zu bringen.
Sie grinst ironisch. „Wie das heutzutage die Esel tun, die ja so klug
sind und alles besser wissen, so werden die das Böckchen nie finden. Da
können sie alle miteinander suchen, vier Wochen lang. Und wenn er nicht
von selber auftreibt und die Caimans und das Fisch- und Krabbenzeug noch
etwas von ihm übriglassen, so kriegt ihn sein Vater nie mehr zu
Gesicht.“
„Aber was hat denn das Licht damit zu tun? Wir haben doch tausendmal und
überall herumgeleuchtet, und das Licht ist doch nicht heller als die
Fackeln und Feuer, die wir hatten.“
„Ihr mit euren Laternen und Haken und Stangen. Das ist alles für den
Hund, aber nicht für einen Menschen. Das Licht findet ihn ganz von
selbst, wir brauchen nur aufzupassen, wo es hingeht.“
„Wie kann denn das Licht ihn finden, wenn wir ihn nicht finden?“
Auf diese Frage schweigt sie eine Weile, zieht ein paarmal an der
Zigarette, betrachtet sich die Zigarette dann mit gedankenvollen Augen
und sieht mich an, als ob sie überlegen wolle, ob ich einer Antwort wert
sei.
Ich dränge nicht, sondern blicke nur hinüber zu der Gruppe, die sich
jetzt in einem Kreise um den Alten sammelt, der in der Mitte steht und
das Brett mit dem Licht in halber Armeslänge vor sich hält. Er sieht
jetzt aus wie ein alter heidnischer Priester, der eine geheimnisvolle
religiöse Handlung vorzunehmen bereit ist.
Die Alte betrachtet mich mit halbgeschlossenen Augen, und da sie
offenbar bemerkt, daß ich sehr ernst bleibe und die Vorgänge am Ufer mit
keiner Geste oder Miene abfällig beurteile, spricht sie, mich
unausgesetzt im Auge behaltend: „Der Junge ruft doch unausgesetzt.“
„Der Junge ruft?“ frage ich erstaunt. „Ich höre nichts.“
„Freilich nicht“, sagt die Alte. „Ich kann das auch nicht hören. Kein
Mensch kann das Rufen hören. Aber das Licht hört das Rufen.“
„Das Licht?“ frage ich. Und weil ich glaube, nicht genau verstanden zu
haben, was sie in ihrem vermischten Dialekt gesagt hat, frage ich noch
einmal: „Sie wollen sagen, das Licht hört das Rufen!“
„Wenn er überhaupt im Wasser ist, dann ruft er. Und er wird das Licht zu
sich heranrufen. Und das Licht wird kommen. Das Licht wird zu ihm kommen
und wird bei ihm stehenbleiben, weil es seiner Stimme folgen muß.“
Es war Nacht. Beinahe Mitternacht. Und es war im Dschungel, und ich war
mitten unter Indianern. Als die Alte das so erzählte, als ob es sich um
irgend etwas ganz Alltägliches handele, kam mir der Gedanke, daß
entweder sie irre ist, oder ich bin es. Aber ich hatte auch gleichzeitig
das Gefühl, daß in dieser Umgebung, unter diesen Umständen und unter
diesen Vorgängen, die sich seit nun etwa vier Stunden zugetragen hatten,
alles andere, was die Alte mir erzählt haben würde, unnatürlich
geklungen hätte, daß sie gar nicht anders reden konnte, als sie in
Wirklichkeit tat.
Ich blieb bei ihr hocken. Sie sagte nichts mehr, rauchte ruhig weiter
und blickte gleichgültig zu der großen Gruppe hinüber. Der Alte hielt
das Brett mit dem brennenden Licht noch weiter vor sich und begann nun
laut zu reden. Es war wie eine Beschwörung. Nach einer langen Reihe von
Worten folgte jedesmal ein Satz, der durch eine Pause eingeleitet wurde
und mit gehobener Stimme gesprochen wurde. Dieser Satz wurde von allen
Anwesenden in einem singenden getragenen Tone als Refrain
nachgesprochen.
Alle Männer hatten den Hut in der Hand und folgten der Zeremonie ernst
und feierlich.
Es kam häufig das Wort „Heilige Jungfrau“ darin vor, was als Refrain
gesprochen wurde. Aber das Gefühl, daß, wenn die Indianer beten, sie
zwar den Namen des christlichen Gottes und der christlichen Heiligen auf
den Lippen tragen, jedoch in ihrer Vorstellung ihre alten heidnischen
Götter haben, hatte ich vorher nie so stark und unabweisbar empfunden
wie in dieser Nacht. Sie sprachen „Heilige Jungfrau“, aber sie meinten
die indianische Göttin Cioacoatl. Wie kann ein zimtbrauner Indianer sich
vorstellen, daß die gnadenreiche Göttin, die er bittet, in seinem Herzen
zu wohnen, eine weiße Hautfarbe hat, die Farbe, die ihn an Leichen und
an Aas erinnert, die Farbe einer Haut, deren Ausdünstung ihm unangenehm
ist? Die Namen der Götter und Göttinnen hat er gewechselt, ihre Gestalt,
ihre Hautfarbe, ihr Wesen nicht.
Diese Beschwörung geht eine gute Weile nun vor sich. Endlich hebt der
Alte das Brett sehr hoch, so hoch seine Arme reichen, so daß es sich im
Wasser widerspiegelt, und spricht noch einen langen Satz, der mit einem
von allen gesprochenen Refrain endet.
Blitzschnell hat sich Perez ausgekleidet, und während er bis zu den
Schenkeln im Wasser steht, reicht ihm der Alte das Brett mit der
brennenden Kerze.
Perez hält das Brett hoch über sich und watet in den Fluß, bis ihm das
Wasser über die Hüften reicht. Jetzt wartet er eine Zeit, damit das
Wasser, das durch sein Waten in Bewegung gekommen ist, sich beruhige.
Dann setzt er ganz behutsam das Brett auf den Wasserspiegel und watet so
ruhig als möglich zum Ufer zurück. Das Brett folgt ihm ein klein wenig,
weil das Hinauswaten einige schwache Wellen zurückließ.
12
Nun steht das Brett ruhig im Wasser, als ob es entscheiden wolle, wohin
es zu gehen habe.
Perez wickelt sich sein Hemd um die Lenden und tritt vom Ufer zurück, um
von der Brücke aus das Brett zu beobachten. Aller Leute, die anwesend
sind, bemächtigt sich jetzt eine atemlose Spannung. Die Männer haben die
Hüte noch in der Hand, oder sie haben sie irgendwo hingeworfen. Niemand
raucht. Man hört nicht ein Wort. Nur das Singen und Tschirpen des
Dschungels tönt in der Luft. Gebannt hängen alle Augen an dem Licht.
Niemand weiß, ob das Wunder vor sich gehen werde, wie es Jahrhunderte,
vielleicht Jahrtausende vor sich gegangen ist. Ein einziger Glaube
erfüllt diese Versammlung von Menschen, und nicht einer denkt, daß jenes
Licht versagen könne. Es muß versagen, wenn der Junge nicht im Wasser
ist; denn wenn er nicht ertrunken ist, kann er nicht rufen, und das
Licht kann nur dem Rufe folgen. Plötzlich ein unterdrückter Aufschrei
und der gleichzeitige Atemzug eines vielköpfigen Körpers:
Das Brett hat sich bewegt.
Unendlich langsam schwimmt es vom Ufer fort nach der Mitte des Flusses
zu. Es bleibt stehen, wiegt und wackelt ein wenig auf dem Wasser und
rückt, kaum merklich, wieder weiter voran.
Die ganze Front der geländerlosen Brücke ist mit Menschen besetzt, die
auf dem Boden knien, die Hände auf den Balken stützen, den Kopf weit
über den Rand der Brücke halten und mit stieren Augen auf das Brett
starren. Niemand wagt zu atmen, teils aus Spannung, teils aus einem
Gedanken heraus, daß der Atem den Lauf des Brettes beeinflussen könne.
Ich sehe alle diese braunen, dunkelroten und dunkelgelben Gestalten der
Reihe nach an. Die schwarzen Augen spiegeln in einem Funken das Licht
auf dem Brette wider. Nackte Körper und von zerfetzten Hemden
halbbedeckte Körper. Auf den Scheiteln und in den Nacken das dicke,
schwarze, strähnige, ölig glänzende Haar. Die Füße nackt oder mit rohen
Sandalen bekleidet. Dazwischen die Frauen mit ihren roten, grünen,
blauen und gelben Gazekleidern und mit grellfarbenen Blumen im Haar,
durch den Gegensatz ihrer europäisch erscheinenden, in modernen Fabriken
hergestellten Kleidung viel unheimlicher wirkend als die Männer, deren
halbe oder zerlumpte Kleidung natürlicher und harmonischer erscheint.
Der Gedanke an die mysteriöse Handlung, die diese unheimlichen Gestalten
vornehmen, ihre abergläubische Hoffnung, daß das Wunder sich vollziehen
werde, das trübe Licht der Laternen von der Pumpe her, das flackernde
Aufflammen eines der Uferfeuer, das wieder angefacht worden ist, das
schwimmende Brett mit dem Licht im Wasser, das der Mittelpunkt aller
Augen ist, das dumpfe Schweigen dieser Masse von Menschen und das Singen
des Dschungels, beginnt so entsetzlich auf mir zu lasten, daß ich fühle,
mich nur durch einen gewaltigen Schrei von dem Alpdruck, der mir die
Kehle abschnürt, befreien zu können. Wo ist die Welt? Wo ist die
Menschheit geblieben? Ich bin auf einem anderen Planeten, von dem ich
nie mehr zurück kann, zu meiner Rasse, zu meinen Wiesen und meinen
Wäldern und meinen Bergen. Ein einziger hier braucht jetzt nur
aufzustehen, mit dem Finger auf mich zu weisen und zu sagen: „Der da,
der Weiße, der Fremde, der ist schuld; der hat das Unglück über die
Mutter und über uns alle gebracht. Er ist hierher gekommen, und sofort
hat der Fluß, der ihn haßt, uns das Kind geraubt. Seht ihr es nicht an
seinen Augen, mit denen er unsere Kinder vergiftet?“
Ich wäre nicht der erste Weiße, der in ein Indianerdorf kam und mit
seinen Augen ein oder zwei oder gar noch mehr Kinder mordete, gesunde
Frauen tödlich erkranken, kräftige Männer im Busch verunglücken ließ,
Hühnern die Eier aus dem Neste wegguckte und die Jaguare herbeisang, um
die schönsten jungen Kühe zu schlagen. Und wenn sie mir hier meine
Zauberei und Morderei heimzahlen und ich nicht wieder zurückkehre, wer
wird je erfahren, wo ich geblieben bin, wo meine Gebeine faulen und
meine Knochen bleichen? Die Geier arbeiten schneller als die Alligatoren
und die Riesenkrebse. „Auf einer Reise durch den Dschungel umgekommen.“
„Beim Fischen von Alligatoren gepackt worden.“
Aber warum sollte ich Unbehagen empfinden? Da steht ja Sleigh, weiß am
Körper wie ich, Gedanken, die ich denke, Sprache, die ich spreche. Er
steht hinter den Knienden und blickt ebenfalls nach jenem Brette. Sollte
diese Masse von einem dummen, ihr aber sehr vernünftig erscheinenden
Gedanken ergriffen werden, Sleigh ist meine Rettung. Er würde an seinem
großen Hute rücken und würde sagen: „Aber das dürft ihr doch nicht
machen. Das ist ja dumm. Er hat den Jungen nicht ins Wasser geworfen.“
Dann würde er sich zu mir wenden und sagen: „Ich muß nach der schwarzen
Kuh sehen, vielleicht ist sie jetzt hereingekommen.“ Und dann würde er
mich allein lassen. Wenn ich in Stücke gerissen bin, wird er
zurückkommen und zu den Leuten sagen: „Wer hätte so etwas gedacht? Ich
glaube nicht, daß er den Jungen ins Wasser geworfen hat.“ Sleigh! Wer
ist Sleigh? Er lebt ein halbes Menschenalter unter diesen Indianern, er
hat eine Indianerin zur Frau und hat Kinder mit ihr. Er ißt nur
indianische Kost und fühlt sich in einem Hause, wie es hier Weiße haben,
ungemütlich. Nicht der aus einer Kreuzung hervorgegangene Wolfshund ist
er, nein, er ist der aus Bewußtsein und aus Gleichgültigkeit gegenüber
dem zivilisierten Menschen sich selbst erzeugte Wolfshund. Ohne eine
Miene zu verziehen, wird er dabeistehen, wenn diese erregte Masse
plötzlich eine lächerliche Idee bekommt und mich zerfleischt.
* * * * *
Das Brett ist jetzt etwa fünf Schritte vom Ufer entfernt. Es rastet
wieder eine Weile, beginnt nun zu quirlen und gerät quirlend in die
Strömung des Flusses. Die Strömung ist eine ganz leichte, sie ist kaum
bemerkbar, aber doch vorhanden. Einen Schritt folgt das Brett der
langsamen Strömung, dann bleibt es stehen und quirlt wieder auf der
Stelle.
Abermals folgt es der Strömung drei oder vier Schritte, was eine gute
Weile in Anspruch nimmt. Und abermals steht es, quirlt herum und kommt
nun ganz langsam zurück, der Strömung entgegen.
Die Menge findet nichts Auffallendes oder gar Verwunderliches in der
Tatsache, daß jenes Brett der Strömung entgegengleitet. Das erscheint
diesen Leuten in dem Falle durchaus natürlich. Sie sind nunmehr
überzeugt, daß der Junge im Wasser ist, daß er ruft, und daß er nicht
die Strömung hinuntergeschwemmt ist.
Das Brett kommt zurück, so langsam freilich, daß man sein Kommen nur
bemerken kann, wenn man die Punkte markiert, wo es vor einer Weile war,
und wo es jetzt ist.
Nun hat es sich verfangen in dem Geäst eines irgendwo am Ufer
abgerissenen Strauches, der sich in Wasserpflanzen festgehängt hat.
Regungslos sieht die Menge zu, und auf den Gesichtern vieler zeigt sich
Enttäuschung. Einer der Männer will hineinspringen, um das Brett zu
befreien, aber der alte Indianer verbietet es ihm und sagt: „Kein
Strauch und nichts kann das Brett festhalten. Laßt uns geduldig warten.“
Und in der Tat, es dauert nicht allzulange, da quirlt das Brett wieder
und dreht sich aus den umklammernden Ästen heraus. Es schwimmt weiter
der Strömung entgegen, und langsam kommt es wieder auf die Brücke zu.
Nun steht es am siebenten Pfeiler, stößt leicht gegen ihn und wird
wieder abgestoßen. Es beginnt nunmehr auf den sechsten Pfeiler
loszuwandern. Dort angekommen steht es lange und ganz ruhig.
„Jetzt steht es! Da ist der Junge!“ wird von einem Dutzend Stimmen
gleichzeitig gerufen.
„Laßt uns warten!“ sagt der Alte. „Das Licht steht noch nicht.“
Und kaum hat er das gesagt, da löst sich das Brett von dem Pfeiler los
und wandert, immer längsseit der Brücke haltend, auf den fünften Pfeiler
zu. Auf seinem Wege wird es wieder und wieder von der leisen Strömung
getroffen, wodurch es mehrere Male von der Brücke einen Fuß oder einen
halben abgetrieben wird. Aber immer kommt es zurück zur Brücke mit einer
Beharrlichkeit, als würde es von einem festen Willen gelenkt.
Es hängt nun wieder am fünften Pfeiler. Aber nicht lange. Dann dreht es
sich um diesen Pfeiler und wandert schneckenlangsam unter die Brücke.
Die Leute klammern sich mit den Händen fest an dem Balken und stecken
die Köpfe weit herunter, um die Wanderung des Brettes besser verfolgen
zu können. Ein großer Teil springt erregt auf und läuft auf die andere
Längsseite der Brücke hinüber, weil man jetzt von der anderen Seite
ebensoviel bereits sehen kann wie von dieser. Andere wieder haben sich
in die Mitte der Brücke flach auf den Bauch gelegt und stieren durch die
weiten Spalten der Bretter auf das Wasser hinunter. Das Brett ist immer
dieser Pfeilerverstrebung entlang gekrochen, bis es endlich mitten unter
der Brücke ist. Dort hält es eine Weile und wandert nun, immer genau
mitten unter der Brücke haltend, auf den vierten Pfeiler zu, jedoch nur
auf die Länge eines Fußes.
Hier steht es nun. Und hier steht es jetzt wie genagelt. Es kehrt sich
weder an Strömung noch an die leichte Brise, die über das Wasser fegt.
Der Menschen bemächtigt sich eine ganz ungeheuerliche Erregung. Man hört
ihr schweres Atmen. Den meisten bricht dicker perlender Schweiß aus. Das
lastende Schweigen wird von einem gelegentlichen Flüstern unterbrochen,
so schüchtern, als habe man Angst vor der eigenen Stimme.
Das Brett beginnt nun, ohne sich auch nur einen Finger breit von der
Stelle fortzubewegen, zu tänzeln und zu schaukeln und dreht sich dabei
langsam im Kreise. Es macht den Eindruck, als wolle es nach unten gehen,
auf den Grund des Flusses, und als sei auf der Unterseite des Brettes
ein Haken, an dem es nach unten gezerrt würde.
Der Alte beobachtet das Brett sehr scharf und ausdauernd. Endlich sagt
er: „Da könnt ihr jetzt tauchen. Da liegt der Kleine.“
Eine Stelle, an der ihn niemand gesucht, niemand vermutet hätte. Denn
wie kann er, der über den Rand der Brücke gestolpert ist, unter der
Brücke liegen?
Perez ist schon im Wasser, und sofort folgen ihm zwei andere Männer.
Perez ist der erste an der Stelle. Er schiebt das Licht beiseite und
taucht unter.
Nach wenigen Sekunden kommt er wieder hoch und ruft: „Der Junge ist da.
Ich habe ihn gefühlt.“
Die Leute auf der Brücke sind alle aufgestanden und sehen auf Perez, der
von dem flackernden Licht trübe beleuchtet, ein unheimlich entsetztes
Gesicht zeigt.
Die Garza hat den Mund weit aufgerissen, kann aber nicht schreien. Sie
ballt eine Faust und steckt sie in den Mund. In ihren Augen jagen
Grauen, Angst vor der letzten brutalen Wahrheit und ein schwacher
Glimmer von Zweifel und Hoffnung. Nicht wissend, wohin ihren Blick zu
lenken, starrt sie mit einem Ruck nach der Richtung auf den Weg nach
Magiscatzin, wo der letzte Funke der Hoffnung ruhen bleibt.
Kein Wort fällt, man hört nur das leichte Scharren von Füßen auf der
Brücke.
Perez ist wieder getaucht und mit ihm einer der Männer.
Sie kommen hoch mit den Händen voll faulen Ästen und Gestrüpp.
Dann tauchen sie aufs neue. Es blubbert, abgerissene Pflanzen und
kleines Gesträuch quirlen hoch. Triefend taucht einer der Männer auf,
und drei oder vier Sekunden später erscheint auf der Wasserfläche etwas
Schwarzes, das langsam hochkommt, bis man erkennt, es ist der dichte
Haarschopf des Perez. Sein Kopf ist nun ganz über Wasser. Er schüttelt
sich, prustet, atmet und schluckt und kommt nun weiter nach oben. In
seinen Armen hat er den kleinen Carlos, dessen Beinchen, mit den neuen
Stiefelchen an den Füßen, in einen unnatürlich spitzen Winkel
eingekrümmt sind.
„Chiquito mio!“ schreit die Garza und rennt zum Ufer, wo sie Perez
erwartet.
Perez kommt herangewatet und steigt die niedrige Uferböschung empor. Nun
steht er vor der jungen Mutter, die in ihrem grünen flimsigen Tanzkleide
und mit den glutroten Blumen im Haar ihn mit weit ausgestreckten Armen
empfängt. Mit unsagbar trauriger Geste, wie sie nur Tiere und Menschen
des Urwaldes und Dschungels ausdrücken können, legt er den kleinen
Leichnam in die ausgestreckten Arme der Mutter. Er tut es mit solcher
Zartheit, als wäre der Körper hauchdünnes Glas.
In diesem Augenblick schreien die Pumpmeisterin und eine Anzahl anderer
Frauen schrill auf, und der Schrei geht in das klagende Trauerschreien
über, das eine Weile andauert und dann abebbt.
Die Garza hat den Kleinen gegen ihre Brust gepreßt. Mit der einen freien
Hand quetscht sie seine feuchten und geschrumpelten Händchen.
Perez schleicht sich scheu hinweg, als habe er das ganze Herzeleid
verursacht.
13
Ein älterer Indianer kommt herbei, redet auf die Mutter ein und nimmt
ihr das Kind ab. Er hält den kleinen Körper an den Füßen hoch, und aus
dem Munde fließt nichts als Blut und nur ganz wenig Wasser. An der Stirn
wird jetzt eine dicke Beule sichtbar. Nase und Mund sind verquollen, und
der Oberkiefer ist aufgeschlagen. Ich taste den nach unten hängenden
Schädel ab und fühle ein kleines Loch. Eine Laterne ist jetzt zur Hand,
und ich sehe, daß dieses Loch offenbar von einem Nagel herrührt.
Ein anderer Mann preßt nun den Leib des Knaben, aber auch jetzt fließt
nur wenig Wasser aus dem Munde, während immer noch Blut sickert.
Der Garza laufen die Tränen dick aus den Augen, und sie schnüfft
ruckweise und schwer mit der Nase, die sie einige Male mit dem Kleide
abputzt. Sie versucht, die Knie des Kleinen durchzudrücken, damit die
Beinchen, die so spitzwinklig in den Kniegelenken eingekrümmt sind, daß
die Hacken beinahe die Oberschenkel berühren, gerade werden mögen. Trotz
ihres Schmerzes denkt sie doch schon an die „schöne Leiche“, die das
Kind sein soll, das letzte, was sie für ihren Kleinen tun kann. Und mit
den spitzen Beinchen dürfte die Leiche wohl nie schön aussehen. Aber die
Knie sind schon ganz starr, und es gelingt ihr nicht. Endlich versucht
der Mann, der bisher den Leib auspreßte, die Knie durchzubiegen, und
nach langem geduldigen Kneten, Drücken und Ziehen gelingt es ihm auch.
Während der Mann an den Knien massiert, streichelt die Mutter die
kleinen Stiefelchen, deren fabrikneuer Lackglanz an vielen Stellen der
langen Einwirkung des Wassers widerstanden hat. Sie drückt und preßt die
Stiefelchen, und während sie, zweifellos, dumpf die geheimnisvollen Wege
des Schicksals empfindet, daß die aus inniger Bruderliebe dargebotene
Gabe gleichzeitig die mittelbare Ursache des Todes des beschenkten
Kindes wurde, beginnt das hineingewürgte Weinen sie zu ersticken und
nun, zum erstenmal, seit der Kleine vor ihren Augen ist, stößt sie einen
markerschütternden Schrei aus, der die tiefe Nacht des Dschungels
aufzureißen scheint.
Die wenigen Sekunden Schweigen, die diesem Wehschrei folgen, wirken so
beklemmend, als versänke die Welt. Und abermals stößt die Garza einen
Schrei aus. Diesmal ist er aber nicht so gell, jedoch mehr gezogen und
klagend.
Die Männer, die herumstehen, fühlen sich gedrückt und scheu. Sie
schlagen die Augen nieder, tasten an ihrem Gesicht oder an ihren
Kleidern verlegen hin und her. Angesichts des Schmerzes der Garza
schrumpfen sie in sich zusammen und werden ganz klein und ärmlich. Sie
ahnen den Schmerz der Mutter, denn sie alle haben eine Mutter gehabt,
eine Mutter, die, wie alle Mütter nichteuropäischer Völker, ihre Kinder
mit einer, uns tierisch anmutenden, Zärtlichkeit lieben und behandeln.
Sie ahnen das Weh der Mutter, aber weil sie Männer sind, können sie das
Weh nicht fühlen. Und weil sie in diesem Gefühl von der Natur
benachteiligt wurden, kommen sie sich jetzt allesamt so arm, so
erbärmlich und so schuldbewußt vor. Keiner wagt die Mutter zu berühren
oder sie zu trösten, sie stehen da wie kleine Jungen, die sich schämen.
Da kommt die Pumpmeisterin herbei, umarmt die Garza, als ob sie sie
zerpressen wollte, und küßt sie wie wild auf den Mund, auf die Backen,
auf die tränenden Augen. Sie hebt ihr feines Kleid auf und trocknet der
Garza die Tränen und die Nase und küßt sie wieder und wieder. Dann haben
sie beide ihren Kopf auf die Schulter der anderen gelegt, halten sich
fest umarmt und schreien und schreien.
Wer hätte geglaubt, daß die feine Pumpmeisterin sich je so gehen lassen
würde. Die Mütter. Die Mütter. Und die Männer werden noch kleiner, noch
beschämter, noch ärmer und haben nur einen Wunsch: Auch weinen zu
können. Sie verzerren die Gesichter und möchten am liebsten zehn Meilen
weit entfernt sein.
Die Männer beneiden die beiden, die den kleinen Leichnam hochhalten und
sich damit beschäftigen können. Nur etwas zu tun haben. Und die Männer
fangen an, sich zu drehen und auf den Beinen hin und her zu treten, sie
sehen sich um, ob nicht irgendwo eine Arbeit für sie wartet. Sie klauben
Holz auf und werfen es wieder fort, weil es ja nun nicht mehr nötig ist,
ein Feuer anzuzünden.
Sleigh kommt heran, steht eine Weile unschlüssig da und sagt dann zu
mir: „Ich werde Kaffee kochen gehen, damit die Garza was Warmes kriegt.“
Die Pumpmeisterin löst sich nun aus den Armen der Garza und betrachtet
den Kleinen, der immer noch mit den Füßen hochgehalten wird, weil man
nicht weiß, was man Besseres tun soll. Sie hebt den Kopf an, streicht
das Haar zurück und streichelt das Gesicht. Über ihre Hände läuft das
wässerige Blut, und mit ihrem Kleide wischt sie dem Kleinen den
blutenden Mund und die blutbeschmierte Nase ab. Das Blut läuft aber
gleich wieder nach.
Der Kleine hat die Stiefelchen an und kurze neue Strümpfchen. Das kurze
Höschen ist alt, geflickt und hat eine Menge Löcher, wie die Hose eines
jeden kleinen Jungen, der nur die eine Hose hat für den allgemeinen
Gebrauch. Hosenträger hat er nicht. An deren Stelle ist eine Strippe,
die von einem vorderen Knopf rechts nach einem hinteren Knopf links über
die Schulter geht. Dann hat er noch ein weißes zerrissenes Hemdchen an.
Während er jetzt so hoch hängt, rutscht aus einer der Hosentaschen ein
kleines Holzpfeifchen hervor. Als es herunterfallen will, fängt es die
Garza auf, und als sie es betrachtet, fängt sie an zu weinen, diesmal in
einem stillen wehmütigen Zuge, der sie durch und durch schüttelt. Sie
schiebt das Pfeifchen oben in ihre offene Brust.
„Hat er keinen Hut gehabt?“ fragt einer der Männer.
Erregt und als ob sie von einem Zauberbann erlöst wären, drängen die
Männer, die diese Frage gehört haben, heran. Es gibt Arbeit. Sie dürfen
ins Wasser springen, um den Hut zu suchen und herauszufischen.
Aber die Hoffnung auf Tätigkeit war verfrüht, denn die Mutter sagt, daß
der Hut im Hause sei. Das sei mit einer der Gründe gewesen, warum sie
nicht geglaubt habe, daß er fortgeritten sei. Die Hälfte von dem, was
sie sagt, muß man sich freilich selbst zusammenreimen.
Wir stehen noch am Ufer, dicht neben dem Anfang der Brücke. Durch die
Laterne, die hier einer hochhält, wird ein Teil der Brücke beleuchtet.
Ich sehe auf, weil ich an Sleigh denke, der, wie mir erscheint, vor
einer Woche zu mir gesagt hat, daß er Kaffee kochen gehen wolle.
Da kommt einer von der anderen Seite des Flusses über die Brücke. Er
geht schwer und schleppend wie ein sehr alter Mann. Wenn er den Fuß
hebt, so ist es, als klebe der Fuß fest und als müsse er ihn erst
jedesmal losreißen. Den Kopf hält er ganz tief gebeugt. Ehe ich sehe,
wer es ist, kenne ich ihn an seinem städtischen Texashute. Manuel.
Jetzt hat er den Anfang der Brücke hier erreicht. Eine Weile steht er
still, dann kommt er langsam heran, ohne aufzusehen. Er ist bleich,
soweit es die Farbe seiner Haut nur zuläßt. Sein Gesicht ist ganz schmal
geworden. Seine Augen sind matt und müde.
Die Garza sieht auf zu dem großen Jungen. Ihre Augen stehen dick mit
Wasser. Sie öffnet den Mund und will etwas sagen. Aber dann läßt sie den
Mund zuklappen wie ein Automat.
Manuel steht nun ganz dicht vor den beiden Männern, die den Jungen
halten. Den Kopf ganz tief auf die Brust gesenkt, hebt er langsam die
Arme und streckt sie weit vor sich hin mit den offenen Handflächen nach
oben.
Der Indianer, der den Jungen hochhält, sieht Manuel an wie einen Geist,
der plötzlich erschienen ist. Dann stützt er den Kopf des kleinen
Leichnams mit der einen Hand, hält den Körper wagerecht und legt ihn
schweigend in die hingestreckten Arme des großen Bruders.
Niemand sagt ein Wort. Aber alle Männer und Burschen, die inzwischen
ihre Hüte wieder aufgesetzt hatten, nehmen jetzt die Hüte ab, auch die
beiden Männer, die sich bis zu diesem Augenblicke mit dem Kleinen
beschäftigt hatten.
Eine Weile steht Manuel jetzt so da, den Kopf immer noch tief auf die
Brust gesenkt und den Kleinen in den vorgestreckten Armen haltend wie
ein Opfer, das dargebracht werden soll. Er ist jetzt der einzige, der
den Hut auf hat. Und dieser hellgraue, breitrandige, hohe Hut über dem
tiefbraunen Gesicht, das man kaum als Gesicht erkennen kann, läßt den
Vorgang unwahrscheinlicher erscheinen als einen fremdartigen Traum.
Mir wird das Bild so unerträglich, daß ich dasselbe Angstgefühl bekomme,
das ich für einige Sekunden empfand, während das Brett auf dem Wasser
schwamm. Um dieses Gefühl zu zerstreuen, entschließe ich mich, zu
handeln, irgend etwas zu tun. Ich gehe rasch auf Manuel zu, berühre
seinen Arm und sage: „Bitte!“
Ob Manuel es gehört hat oder nicht, weiß ich nicht. Er verrät durch
keine Miene, daß er verstanden hat, was ich sagte. Ich aber lege meine
Hand auf die Brust des Kleinen, schiebe das Hemdchen zurück und lege
mein Ohr auf die Stelle, wo sein Herz ist. Ich weiß, daß der Junge so
gut wie tot war, ehe er das Wasser berührt hatte, und daß er bestimmt
tot war, fünf Minuten nachdem ich den Platsch – nein, nachdem ich den
Fisch im Wasser hatte hochspringen hören. Denn es war ein Fisch.
Zweifellos. Ich möchte nicht, daß dieser Platsch mir mein ganzes Leben
hindurch im Ohr klinge, wenn ich für eine Sekunde meine Gedanken ruhen
lasse.
Der kleine Körper ist eiskalt, und auch nicht das leiseste Klopfen
seines so fröhlichen Herzens ist zu vernehmen. Es hat auch niemand hier
gehofft. Aber sie lassen mich handeln. Ich hebe den Kopf hoch, man sieht
mich fragend an, und als ob ich nicht ganz sicher gewesen sei, lege ich
mein Ohr ein zweites Mal auf die kleine Brust. Diesmal länger, und ich
fühle die Kälte des Todes noch stärker als zuvor. Als ich nun wieder den
Kopf hebe, wende ich mich ab, ohne jemand anzublicken, obgleich ich
weiß, daß alle Augen auf mich gerichtet sind, als ob ich etwas
Unerwartetes zu erzählen hätte. Aber man begreift durch mein Abwenden,
daß Unerwartetes nun nicht mehr eintreten kann.
Mein Angstgefühl ist verflogen. Durch diese Handlung bin ich in die
Trauergemeinde aufgenommen worden, sie zählen mich zu den ihrigen, weil
ich an ihrem Schmerze Anteil nehme.
14
Manuel schreitet langsam über die Brücke, mit dem Kleinen vor der Brust.
Neben ihm geht die Garza, von einer Frau begleitet, die ihren Arm um die
Schulter der trauernden Mutter geschlungen hat. Hinterher folgen alle
Männer und Burschen, den Hut in der Hand. Als Manuel an der Stelle der
Brücke angekommen ist, unter der Carlos gefunden wurde, bleibt er einen
kurzen Moment stehen. Die Garza stößt einen klagenden Schrei aus, und
die Frau schlingt sie fester in ihre Arme, um sie zu trösten. Einer der
Männer tritt zur Seite, ergreift sein Machete und haut an dieser Stelle
des Seitenbalkens eine tiefe Kerbe in das Holz als ein Denkmal. Der Zug
geht weiter, erreicht das andere Ufer und kommt über die
Dschungellichtung zu dem gekehrten Platze der Hütte, wo am Abend der
Garza fiedelte und Carlos dem großen Bruder das Haar zerzauste.
Wir kommen in die Hütte. In ihrem Innern ist sie eine der ärmlichsten
Indianerhütten, die ich je gesehen habe. Weder Tisch noch Stühle noch
Bank. Nicht einmal das einfache, zusammenklappbare Holzgestell mit einem
darüber gespannten Segeltuch, das hier der Mehrzahl der Bevölkerung als
Bett zu dienen hat, ist vorhanden. Ein Gerüst aus dünnen rohen
Baumstämmchen, mit Bast und Bindfaden zusammengehalten, wird von dem
Ehepaar als Bett benutzt. Eine alte Decke, als Kissen ein Bündel Gras.
Der Schlafplatz der Jungen ist oben auf dem Grasdach der Hütte, mit dem
Himmel als Decke und Moskitonetz.
In der Hütte sind vorausgeeilte Frauen schon tätig gewesen. Sie haben
Kerzen herbeigeschafft, sie in leere Flaschen gesteckt und auf Kisten
aufgestellt. Die Hütte bekommt dadurch ein feierliches Aussehen, das die
Garza, als sie beim Eintreten die Lichter erblickt, zu einem erneuten
Ausbruch des Schmerzes hinreißt. Aber sie schüttelt den Schmerz diesmal
rasch ab und fängt an, sehr geschäftig zu werden. Zuerst weiß sie nicht
recht, wo beginnen. Sie rennt in diese Ecke, dann in jene, ergreift
diesen Gegenstand, dann wieder einen andern und legt ihn wieder aus den
Händen. Dann endlich geht sie zu einer Kiste, die auf dem Erdboden steht
und die der Kleiderschrank der Familie ist, und nimmt einen völlig
zerknitterten und verkrumpelten Ballen Stoff heraus. Sie hält ihn eine
Weile in der Hand und dreht sich suchend um.
Da sitzt Manuel hockend auf einem Sack, der zu einem Drittel mit
Maiskolben gefüllt ist. Er sitzt da wie eine Bronzestatue, den Kopf noch
immer gesenkt und auf den Armen den kleinen Bruder vor sich.
Sleigh erscheint im Eingang des Jacalito. Auf dem Kopfe trägt er seinen
Tisch, den einzigen, den er hat. Er läßt ihn jetzt herunter und bringt
ihn in die Hütte, wo er ihn in der Mitte, dem Eingang gegenüber
aufstellt. Gleich darauf kommt die Pumpmeisterin mit zwei weißen
Bettüchern, die sie auf dem Tisch ausbreitet.
Manuel steht auf und legt den Kleinen auf den Tisch. Er sieht auf ihn
nieder, dann dreht er sich um und geht hinaus in die Nacht.
Die Garza umklammert die kleinen Händchen, die zerweicht und alt
aussehen, und preßt sie so hart, als wollte sie ihnen damit wieder Wärme
einflößen. Nun sieht sie, daß der Kopf flach liegt und daß wieder Blut
aus Mund und Nase sickert. Sie geht zu ihrer Bettstatt und kommt mit
einer Handvoll Gras zurück, das sie ihm als Kissen unterlegen will. Auf
halbem Wege bleibt sie stehen, sieht auf ihr Kind und läßt das Gras
fallen. Eine Frau läuft fort und kommt im Augenblick zurück mit einem
kleinen schmutzigen Kinderkopfkissen. Die Pumpmeisterin kramt in den
Lumpen herum, sucht sich etwas zusammen, und sie näht mit flinken
Fingern ein zweites Kissen.
Die Kissen und die weißen Tücher bekommen große nasse blaßrote Flecken,
die sich immer weiter ausdehnen.
Die Garza zieht dem Kleinen nun die Stiefelchen aus, die Strümpfe, die
zerflickte und zerlöcherte Hose und das zerrissene Hemdchen.
Die Pumpmeisterin findet einen Kamm und kämmt dem Kleinen das Haar. Erst
macht sie einen Scheitel links, dann gefällt er ihr nicht, und sie macht
ihn rechts.
Die Hähne krähen zum zweitenmal in der Nacht. Es ist ein Uhr.
Die Garza hebt jetzt den zerknüllten Ballen Stoff von der Erde auf und
verwandelt ihn zu einem ganz billigen blauen Matrosenanzug, den
Sonntagsanzug des Kleinen und sein größter Stolz. Sie zieht ihm das
Höschen und das Jäckchen an. Der große Matrosenkragen hat drei schmale
weiße Kanten. In seinem geflickten Höschen, der quer über die Schulter
gezogenen Strippe und dem zerrissenen Hemd sah der Junge schön aus, ein
echtes Kind des Dschungels. Nun aber sieht er aus, als sei er in einer
Fabrik in Manchester, Chemnitz oder New Jersey per Gros als Nr. 3½
angefertigt worden. Immerhin, sein braunes, wenn auch verquollenes
Gesichtchen, die strengen Züge seines reinen unvermischten
Indianerblutes triumphieren über die blaßhäutigen Krämer, die eine Welt
zu vergiften suchen. Über seinem Gesicht vergißt man die Peitschmeister
und Schwitzhöhlen New Yorks, wo die weißen Sklaven sich die Schwindsucht
anarbeiten, damit der Sohn des Dschungels in einem billigen
Matrosenanzug, dessen Sinn hier niemand versteht, begraben werden kann.
Denn zu seinen Lebzeiten hat der Junge den Anzug nur ein einziges Mal
getragen, und das war, als er ein Jahr jünger war.
Weder die Hosen noch die Jacke lassen sich zuknöpfen, weil der Anzug
lange nicht mehr paßt, und weil der Körper nun auch noch aufgeschwollen
ist. Die Garza versucht es immer wieder, und immer wieder ist es
vergebens. Endlich preßt sie den Körper so fest zusammen, daß sie
zuknöpfen kann, und nun sitzt der Anzug so prall, daß man meint, er
müsse gleich platzen. Sie wringt die Strümpfe aus und hält sie gegen das
kleine Feuer, das auf dem Erdboden in der Hütte brennt, und wo ein
irdener Topf mit Wasser aufgestellt ist für Kaffee. Dann zieht sie dem
Kleinen die Strümpfe an und endlich auch die neuen Stiefelchen.
Während der ganzen Zeit schnaubt sie mit der Nase, ohne ein Taschentuch
zu gebrauchen, das sie ja auch gar nicht besitzt. Wenn es ihr ein wenig
zu viel wird, hebt sie ihr Kleid an und gebraucht es für diesen Zweck,
oder sie nimmt einen Lumpen auf, der mit aus der Kiste gerissen wurde.
An der einen Seite der Wand ist ein Brett befestigt dadurch, daß zwei
Bindfaden nach je einer Ecke des Brettes gehen, während die Hinterkante
des Brettes auf zwei kurzen Pflöcken aufliegt. Auf diesem Brett steht,
gegen die Staketenwand gelehnt, ein Muttergottesbild ohne Rahmen.
Daneben einige kleine Bildchen mit Heiligen und mit einem Spruch oder
Gebet auf der Rückseite. Vor dem Muttergottesbilde steht ein Glas mit
einem Lichtchen, das nie ausgehen darf. Aber wenn man kein Öl kaufen
kann und auf Dinge zu achten hat, die wichtiger für das Leben sind, so
geht das Lichtchen eben doch aus, wie es mit allen Sachen geht, die ewig
sind. Aber die Pumpmeisterin hat auch dieses Lichtchen in Ordnung
gebracht, und es glimmt wieder. Auf dem Brettchen stehen noch verwelkte
Blumen in mehreren zerbrochenen Scherben. Außerdem lag das Nähzeug
darauf, das die Pumpmeisterin für das Kissen gebrauchte, der Kamm,
Haarnadeln, Streichhölzer und noch so allerlei andere Kleinigkeiten,
darunter das Spielzeug des Kleinen: ein kleines, verbogenes und
verschrammtes Blechauto, ein Angelhaken, eine Schleuder aus einem alten
Autoreifen gefertigt, eine bunte Glaskugel, zwei Messingknöpfe, ein
abgebrochener Flaschenkork, einige Zigarettenbildchen und die kleine
Gitarre, die Manuel mitgebracht hat. An der Seite des Brettes, über die
Ecke gehängt, ist ein ganz billiger Rosenkranz.
Durch Aufstellen von dünnen Stämmchen, die mit Bast verbunden und oben
am Dache befestigt sind, ist auf dreiviertel Breite der Hütte eine Wand
geschaffen worden, die einen schmalen Raum der Hütte abtrennt, in dem
alte Säcke liegen, Sattel- und Zaumzeug, ein alter Korb, in dem die
Hühner die Eier hineinlegen und ausbrüten. Außerdem hängt hier das
Wochentagskleid der Garza. Die paar Lebensmittel, die im Hause sind,
etwas Kaffee, brauner Rohzucker, Reis, Fett und Bohnen sind in einem
zerrissenen Schilfkorbe, der an einem Drahte in der Hütte hängt, damit
die Ratten und Mäuse nicht heran können. Dieser Korb baumelt so im Wege,
daß er immerfort in Bewegung ist, weil immerwährend von jemand, der
größer ist als die Garza, mit dem Kopfe daran gestoßen wird. Aber
niemand denkt daran, den Korb für diese Zeit anderswo hinzuhängen.
Gegenüber dem Feuer auf der Erde, an der Wand, steht das Blech zum
Backen der Tortillas, drei braune Tontöpfe, von denen einer halb
zerbrochen ist, eine eiserne alte Pfanne und der große Stein, auf dem
mit einem knüppelartigen kleineren Stein der Mais zermahlen wird.
Es sind inzwischen noch mehr Kerzen gebracht worden, vier brennen neben
dem Leichnam und zwei sind vor das Muttergottesbild gestellt worden.
Durch diese brennenden Kerzen, durch die vielen Leute, die in der Hütte
sind, aus- und eingehen und durch die Frauen, die alle ihre
Sonntagskleider anhaben des Tanzes wegen, sieht der Jacalito, die Hütte,
gar nicht mehr so arm aus. Er sieht wahrhaft festlich aus und reich, und
man vergißt zuweilen ganz, weshalb diese festliche Stimmung hier in der
Hütte lagert.
15
Die Mehrzahl der Leute ist vor der Hütte geblieben, wo sie auf dem
Erdboden hocken, rauchen und schwätzen. Ab und zu kommen einige hinein,
während andere wieder hinausgehen.
Der mittlere Junge, der halbverrückte, hockt gleich rechts beim Eingang
der Hütte auf dem Boden und heult still vor sich hin. Niemand achtet auf
ihn, und er selbst macht sich nicht bemerkbar, faßt nirgends zu und
kümmert sich um gar nichts. Ob er um den kleinen Stiefbruder weint, oder
darum, weil er die Frauen weinen sieht, oder weil er nichts Besseres zu
tun weiß, oder weil er glaubt, es sei seine Pflicht zu weinen, genau so
gut wie es sonst seine Pflicht ist, zu essen, wenn er gerufen wird, das
weiß niemand zu sagen. Aber niemand interessiert sich auch für ihn. Er
ist der Fremde hier, der einzige Fremde seit dem Augenblicke, wo ich zur
Trauergemeinde zähle.
Manuel kommt jetzt still hereingeschlichen. Er sieht auf den Kleinen,
geht dann zu dem Altarbrett, nimmt den halbabgebrochenen Blechkamm
herunter und kämmt dem Kleinen den Scheitel wieder auf die andere Seite.
Er gebraucht dazu eine unglaublich lange Zeit. Die Pumpmeisterin steht
dicht daneben, zwischen dem Leichnam und dem Altarbrett, und näht aus
Pappstreifen und aus goldenem, silbernem, rotem und blauem Papier, das
sie sich zu verschaffen gewußt hat, eine Krone zusammen mit einem Kreuz
darauf. Das Kreuz hat einer der Männer mit seinem Messer aus einer
Konservenbüchse geschnitten und mit Hilfe tropfenden Stearins mit
Goldpapier beklebt. Die Pumpmeisterin nimmt unzählige Male Maß rund um
das Köpfchen herum, damit das Krönchen auch passen möge. Die Tränen
kollern ihr immer über das bunte Papier, das sie verarbeitet; aber
immer, wenn sie das Krönchen aufpaßt und es bei jedem Aufsetzen schöner
aussieht, lächelt sie. Und jedesmal, wenn sie es zurückgenommen hat von
dem Kopfe des Kleinen, kommt ihr eine neue Idee, um wieviel schöner und
lieblicher noch sie das Krönchen gestalten könne. Zwei Männer sind damit
beschäftigt, dem Kleinen die Knie, die noch immer zu spitz nach oben
stehen und verkrampft aussehen, durchzubiegen. Nach einer Weile glückt
es auch, und man legt ein Brettchen, das mit einem Steine belastet ist,
über die Knie, um sie eine Zeit so zu halten, damit sie nicht wieder
zurückknicken.
Ich sehe, daß der Mund weit offen hängt. Es stört mich durchaus nicht,
und ich finde, daß diese Geste für einen kleinen Jungen, der so
plötzlich in eine neue Welt sieht, ganz natürlich ist und er gut seine
Reise so antreten kann, ohne daß es ihm jemand übelnehmen wird. Aber die
Mutter denkt anders darüber, und sie stellt sich eine schöne Leiche
feierlicher vor. Sie versucht, den Mund zu schließen. Aber der Mund will
nicht halten. Ich lasse mir einen Streifen von einem alten Hemd geben
und binde ihn dem Kinde über den Unterkiefer und den Scheitel.
Wenn irgendein Indianer sich an dem Jungen betätigt, so wird kaum darauf
geachtet, und man sieht sehr gleichgültig zu. Sobald ich aber herankomme
und das Kind auch nur berühre, drängen sie alle um mich herum, und was
nur in der Hütte Platz findet, strömt von draußen herein. Es macht auf
mich ganz den Eindruck, als ob sie alle von mir erwarten, daß ich ein
großes Wunder verrichten, den Kleinen gar wieder ins Leben zurückrufen
würde. Denn der Gedanke, daß ich dem Jungen etwa gar nachträglich noch
etwas Böses durch den Blick meiner Augen oder durch die Berührung meiner
Hände antun könnte oder möchte, ist lange verschwunden. Ich kenne die
Leute hier nur seit drei Tagen, aber sie kennen mich alle. Mein Ruf ist
bis hierher gedrungen, lange, ehe ich kam. Und dieser Ruf wurzelt in
einer Geschichte, die sich in einem fern von hier liegenden
Indianerdorfe, das aber zu demselben Flußgebiete gehört, vor längerer
Zeit zugetragen hat. Im Mittelpunkt jener Geschichte war auch ein toter
Indianer, den ich, nachdem er schon acht Stunden tot war, wieder zum
Leben, oder richtiger, zum Atmen brachte, und den ich auch, das ist
unerschütterlicher Glaube der Leute jenes Dorfes, ins Leben
zurückgerufen haben würde, wenn sich nicht ein Teufel von einem
nichtswürdigen Spanier hineingemischt hätte, der eine gegenteilige
Behandlungsweise anordnete, der man folgte, und die den Indianer
innerhalb von zwanzig Minuten, was alle Anwesenden mit eigenen Augen
sahen, tötete. Daß jene Geschichte bis in dieses ferne Dschungeldorf
schon gedrungen war, erfuhr ich erst einige Tage später.
Jedenfalls wird dieses Hochbinden des Unterkiefers anerkennend
beurteilt, und ich rutsche dadurch in den engeren Kreis der
Trauergemeinde.
Die Pumpmeisterin, mit Hilfe eines Mannes, biegt nun die Ärmchen über
die Brust und bringt die kleinen Hände zum Falten. Weder die Arme, noch
die Hände wollen halten. Deshalb werden sie nun mit einem Bindfaden, der
in das Fleisch einschneidet, zusammengebunden.
Dem Kleinen ist das Krönchen aufgesetzt worden. Verwunderlich, mit wie
geringen Mitteln die Frau ein solches kleines Kunstwerk zuwege gebracht
hat. Wenn man nicht ganz dicht dabeisteht, kommt man nicht auf die Idee,
daß die Krone aus Papier ist. Würde der Kleine nicht diesen
entsetzlichen Matrosenanzug aus New Jersey oder Crimmitschau anhaben,
der einen mehr zum Weinen als zum Lachen bringen kann, würde das Kind
aussehen wie der in einer armen Hütte aufgewachsene Sohn eines
entthronten texkukischen Königs, der im Tode seine Würde zurückerhalten
hat.
Die Pumpmeisterin betrachtet den Knaben eine Weile lächelnd, und es
kommt ihr ein neuer Gedanke. Der Kleine ist noch nicht schön genug. Sie
geht hinaus, bricht einen dünnen Zweig von einem Strauche und beginnt
nun, mit dem Papier, das sie noch zur Hand hat, jenen Zweig
auszuschmücken. Und als es getan ist, da ist ein goldenes Zepter
entstanden mit einem kleinen Kreuz am oberen Ende.
Sie bindet dem Kleinen die Hände los. Die Arme spreizen ein wenig
auseinander, und die Händchen, die dadurch auch auseinandergehen, stehen
starr über der Brust frei in der Luft. Durch das Ineinanderfalten der
Hände sind die Finger gespreizt worden. Sie sind in dieser Form erstarrt
und sehen aus wie Krallen, die irgend etwas über der Brust packen
wollen. Die Frau legt das Zepter in die kleinen Hände, schließt sie
wieder, biegt sie abermals zum Falten ineinander und bindet sie endlich
zusammen.
Gerade als sie damit fertig ist, tritt Garza, der von Magiscatzin
zurückgekommen ist, in den Eingang der Hütte.
Er steht ganz still im Eingang. Dann blickt er, ohne mit der leisesten
Geste in seinem Gesicht zu verraten, was in ihm vorgeht, auf seinen
Prinzen und sein Nesthäkchen. Nun nimmt er langsam den Hut ab und kommt
ganz nahe heran. Die Garza, die Pumpmeisterin und alle übrigen, die in
der Hütte sind, sehen ihn an. Sie alle wissen, wie sehr er den Kleinen,
das einzige Kind, das er von seiner jungen Frau hat, liebt.
Mit leeren Augen, als ob da nichts wäre, sieht er auf den kleinen
Leichnam. Er versteht das nicht und faßt es nicht. Es kommt ihm gar
nicht zum Bewußtsein, daß der Junge tot ist, daß er ihn nie wieder
herumlärmen hören wird. Nach einer Weile dreht er sich um und blickt auf
den Boden, als ob er etwas suche. Als er wieder aufsieht, kollern ihm
die Tränen aus den Augen wie kleine Kieselsteine. Er fragt nicht wann,
er fragt nicht wo, er fragt nicht wie. Er ist ganz interesselos. Er
wendet sich ab, macht eine scharrende Bewegung mit dem einen Fuß, steht
dann eine Weile am Eingang, mit dem Kopf gegen den Stamm gelehnt, und
geht hinaus.
Ein paar Männer, seine näheren Freunde, kommen auf ihn zu. Er aber sieht
sie nicht. Er verläßt den Hof, setzt sich wieder auf sein Pferd und
reitet fort.
Ich gehe nun hinüber zu Sleigh. Hier vor der Hütte liegen die Leute
herum und schlafen. Andere sitzen und schwätzen. Wieder andere gehen
oder kommen. Aus allen Hütten sieht man Licht schimmern. Die Esel
schreien kläglich, und der Dschungel singt sein ewiges Lied,
unbekümmert, was um ihn herum vor sich geht. Ihm gegenüber zählen die
Menschen für nichts, er verachtet sogar ihren Dünger, den er gar nicht
annimmt, sondern den Fliegen und Käfern überläßt.
Sleigh pustet am Feuer und hat nun endlich den Kaffee fertig.
„Wollen Sie eine Tasse trinken?“ fragt er mich.
„Bringen Sie den nur erst einmal da rüber zu den Frauen, damit die etwas
bekommen“, sage ich.
„Gut,“ erwidert er, „ich koche gleich eine zweite Kanne, dann können Sie
davon haben.“
Das Mädchen schläft auf dem Boden unter ihrem Moskitonetz ruhig weiter.
Wahrscheinlich hat ihr Sleigh das von dem Jungen erzählt. Aber das läßt
sie kühl.
„Wollen Sie nicht so gut sein und die Tassen bringen?“ Sleigh deutet auf
das Brett, wo einige Emailletassen stehen. „Zwei lassen Sie nur hier für
uns.“
Ich nehme die Tassen, und wir ziehen ab, hinüber zu den Garzas. Sleigh
stellt den Kaffee und die Tassen hin und bietet der Garza zu trinken an.
Sie nimmt die Tasse und trinkt mechanisch den heißen Kaffee hinunter.
Auch die Pumpmeisterin und einige andere Frauen kosten von dem Kaffee.
Dann dreht sich die Pumpmeisterin eine Zigarette und reicht das
Tabakbeutelchen der Garza, die auch zu rauchen beginnt, aber sich nicht
setzt, sondern steht oder herumhantiert. Viel kann man jetzt nicht mehr
tun. Endlich setzt sie sich doch, hält es aber nicht aus. Sie springt
auf und läuft hin und her, bald dies in die Hand nehmend, bald jenes
wieder fallen lassend. Die Kerzen biegen sich und müssen wieder gerade
gestreckt werden, damit sie nicht so schnell verbrennen. Ein paar andere
Kerzen liegen in einer Schüssel mit Wasser, um sie kühl zu halten. Dann
fangen die Frauen an, aus den Lumpen, aus alten Kleidern und Hemden
bunte Bänder, Stickereieinsätze und Häkelkanten abzutrennen, um das für
den weiteren Aufputz des kleinen Leichnams zu verwenden.
16
Sleigh und ich, wir gehen wieder zurück zu seiner Hütte. Bei dem
zylinderlosen rauchenden Blechlämpchen, das kaum Licht verbreitet,
sitzen wir um den leeren Platz herum, wo sonst der Tisch steht, der ja
jetzt einem anderen Zwecke dient. Wir blinzeln rüber in das offene
Holzfeuer, wo die Kaffeekanne mit frischem Wasser aufgestellt ist, das
Sleigh, wie ich gesehen habe, eben aus dem Fluß geschöpft hat.
Daran denke ich jetzt gerade, und ich sage: „Hören Sie, Sleigh, wo
bekommen Sie denn hier das Wasser her zum Trinken, Kochen und Waschen?“
Er sieht mich erstaunt an und erwidert: „Ich denke, das ist doch groß
genug, daß man es sehen kann, wo wir das Wasser herholen.“
„Doch nicht vom Flusse?“ frage ich. Ich frage das keineswegs erschreckt,
denn ich lebe zu lange in den Tropen, im Busch, im Dschungel und auf
Dörfern, um zu wissen, was Wasser bedeutet.
„Meinen Sie wirklich aus dem Flusse dort?“ wiederhole ich meine Frage,
weil er ein ganz dummes Gesicht macht.
„Ja denken Sie denn vielleicht, wir lassen uns das Wasser in zugekorkten
Bierflaschen von Mexico City oder gar aus dem Yosemite-Tal per Post
schicken? Sie sollten doch wahrhaftig nicht eine so unerlaubte Frage
stellen. Haben Sie denn seinerzeit, als wir uns an dem Dreckpfuhl da
oben trafen, nicht mit Wonne geschlürft, ohne zu fragen, wer eine halbe
Stunde vorher reingespuckt hat?“
„Was das Spucken anbelangt, da muß ich Ihnen schon sagen, daß ich noch
nicht gesehen habe, daß ein Indianer ins Wasser spuckt, das andere Leute
zum Trinken gebrauchen müssen. Amerikaner habe ich aber schon oft in
Zisternen und Tanks spucken sehen. Brunnen im Kriege zu vergiften, das
haben auch nur die Weißen erfunden; wenn die Indianer es rechtzeitig
gelernt und getan hätten, wäre Mexiko nie spanisch geworden.“
„So bös meint das einer auch nicht, wenn er schon mal ins Wasser spuckt.
Er denkt sich nichts dabei. Ich freilich tu es nicht.“
„Recht haben Sie, Sleigh,“ sage ich, „er denkt sich nichts dabei. Das
ist eben die Sünde. Aber nun zu dem Wasser da aus dem Flusse –“
Er sieht mich eine Weile grinsend an und antwortet: „Das Wasser, das Sie
bisher getrunken haben, solange Sie hier in diesem Hause sind, war das
Wasser aus dem Flusse. Sie glauben doch nicht, daß ich für Sie besonders
das Wasser erst abkoche oder ehnt–ke–eime, wie Sie das nennen.“
„Sie wissen ganz gut, was ich meine,“ antworte ich, „da ist doch nun
gerade der Kleine darin ertrunken, kaum fünfzig Schritt von hier.“
„Ja, das weiß ich. Na und was weiter? War der Kleine vielleicht ein
Giftpilz?“
Sleigh hat recht. Und daß da hin und wieder einer im Flusse ertrinken
mag, ist schließlich auch nicht schlimmer, als wenn die Kühe, Pferde und
Esel in das Wasser gehen, sich halbe Stunden lang darin aufhalten, um
sich abzukühlen, Männer, Frauen und Kinder darin baden und Wäsche darin
gewaschen wird.
„Mich,“ sagt Sleigh nach einigen Minuten Schweigens, „mich interessiert
viel mehr das mit dem Licht und dem Brett. Es ist doch eigentlich eine
ganz merkwürdige Sache. Meine Frau hat mir schon davon erzählt. Die tun
es daheim auch. Und das Licht findet den Ertrunkenen immer.“
„Immer?“ frage ich zweifelnd.
„Immer!“ bestätigt Sleigh. „Meine Frau hat mir erzählt, daß dieses Licht
sogar in einer ganz starken Strömung stromauf geht, wenn der Ertrunkene
in jener Richtung liegt.“
„Das bezweifle ich ganz entschieden, ich glaube es einfach nicht und
halte das für übertrieben.“
„Meine Frau hat es selbst gesehen, und ich glaube es“, sagt Sleigh, ohne
sich aufzuregen. „Diese Indianer können eben mehr als wir.“
„Auch das bezweifle ich“, antworte ich und meine es so. „Der Indianer
kann nicht mehr als wir und weiß viel weniger als wir. Kein Farbiger
kann mehr, auch nicht ein Chinese oder ein Inder. Das sind alles
Märchen, die man sich erzählt, weil man die Sprache nicht genügend
kennt, weil einem die Sitten und Gebräuche fremd sind und darum
geheimnisvoll anmuten. Ich kann Sie versichern, Mann, daß ich Durst und
Hitze leicht ertrug, wenn Indianer umklappten oder vom Felde mußten.“
„Das gebe ich zu,“ sagt Sleigh, „Sie und wir alle haben den Willen, das
und das zu tun. Die Leute legen keinen Wert darauf, den Willen zu haben.
Sie fragen sich: Wozu? Für den Weißen den Sklaven zu machen? Aber Sie
wissen doch ebensogut, wie ich es weiß, daß die Indianer sich von einer
Klapperschlange beißen oder einem Gift-Skorpion stechen lassen und es
tut denen gar nichts, während unsereiner in ein paar Stunden alle ist
auf Nimmerwiedersehen.“
„Jeder von denen ist auch nicht immun“, widerspreche ich.
„Sicher nicht, weil eben nicht jeder die Mittel kennt.“
„Und die sterben an Fieber und an anderen dummen Sachen genau so gut wie
wir.“
„Natürlich, sie sind ja Menschen.“ Damit steht Sleigh auf und stirrt das
Feuer, um den Kaffee zu beschleunigen.
Nachdem er sich wieder gesetzt hat, sagt er: „Wenn Sie der Meinung sind,
daß hier keine geheimen Naturkräfte, die nur die Eingeborenen kennen,
mitwirken, dann geben Sie mir doch eine natürliche Erklärung.“
„Das eben kann ich nicht. Die Erklärung finde ich nicht.“ Und in der
Tat, ich wüßte nicht einmal, in welcher Richtung ich eine Erklärung für
den merkwürdigen Vorgang suchen soll.
Mir steigt eine Erinnerung an eine andere Methode auf, die ich einmal
sah, und ich sage: „Ich habe einmal etwas gesehen, das zuerst sehr
geheimnisvoll erschien, mir aber später, als ich darüber nachdachte,
klar wurde. Ich habe einmal gesehen, wie ein Ertrunkener gefunden wurde
dadurch, daß man Pulverladungen unter Wasser explodieren ließ und der
Ertrunkene zum Vorschein kam. Aber das wirkt nur, wenn der Verunglückte
schon einen Tag oder gar länger im Wasser ist. Durch die Explosionen
wird das Wasser aufgerührt, und der Körper, der ja jetzt schon an und
für sich versucht, hochzukommen, wird an die Oberfläche getrieben.“
„Das ist natürlich“, erwidert Sleigh. „Aber so einfach liegt dieser
Vorgang hier nicht. Ich lebe lange genug hier unter diesen Leuten, und
ich habe so viele merkwürdige Dinge gesehen, daß ich sie Ihnen gar nicht
erzählen will, weil es ja doch zwecklos wäre, denn Sie würden nichts
davon glauben.“ Mit Sleigh sich in solche Gespräche einzulassen, führt
zu nichts. Ich weiß es nicht seit heute nur, ich weiß es länger. Er
glaubt es und sucht nicht nach irgendeiner Erklärung. Darum drehen sich
Unterhaltungen dieser Art mit ihm immer im Kreise. Im Grunde genommen
ist es mir auch gleichgültig. Ich habe es gesehen vom ersten Anbeginn
bis zum letzten Ausgang. Die Handlungen waren durchaus klar. Unter einer
Suggestion stand ich keineswegs, ich war nicht einmal schläfrig, sondern
vollauf munter. Freilich, einen Zeugen, einen weißen Zeugen habe ich
nicht. Sleigh ist kein Zeuge. Seine Kritik, wenn er überhaupt an
irgendeinem Dinge in der Welt Kritik übt, was ihm nie einfällt, zählt
nicht mit, wenn es sich um Angelegenheiten handelt, deren Mittelpunkt
Indianer sind. In seiner Vorstellung sind die Indianer mit allen
geheimnisvollen Kräften ausgestattet, von denen man nur je geträumt hat.
Er glaubt alles und schließt jedes neue Kapitel ab mit dem, was seine
Augen sahen, seine Ohren hörten und seine Frau ihm erzählte.
Es macht vielleicht die Umgebung. Ich überrasche mich selbst damit, daß
ich anfange, nach keiner Erklärung zu suchen, sondern es so hinzunehmen,
wie ich es sah. Warum nicht? Es lebt sich hier leichter und schöner,
harmonischer und beglückender, wenn man sein Hirn nicht mit Grübeleien
belastet. Nimm es hin, wie es ist, freue dich darüber, liebe, tanze und
sterbe. Das ist hier – vielleicht überall – der ganze Sinn des Lebens.
Alles andere ist der Unsinn des Lebens, aus dem alles Unheil und
Herzeleid entspringt.
Ich sehe auf und bemerke, daß Sleigh die Hütte verlassen und das
Lämpchen mitgenommen hat. Und auf dem krachenden Korbstuhl vor mir, von
dem man sich nicht erklären kann, wie er überhaupt noch zusammenhalten
mag, sitzt Perez. Perez, der Indianer, der den Kleinen aus dem Flusse
brachte.
„Hören Sie, Perez, Sie wollten mir doch zwei Gelbhauben besorgen, zwei
junge?“
„Ich bin jetzt lange nicht im Busch gewesen. Ich gehe auch vorläufig
nicht rauf.“ Er sitzt breitbeinig auf dem Stuhl, dessen Sitzhöhle nur
noch eine Handbreit über dem Erdboden ist. Die Hände hängen zwischen den
Beinen weit herunter.
„Warum gehen Sie denn nicht in den Busch? Brennen Sie keine Kohle mehr?“
„Ja, sehen Sie, Senjor, der Gringo da oben sagt, ich hätte ihm sein
Maultier gestohlen, ich sei ein Bandit.“
„Das glaube ich nicht, daß Sie ein Bandit sind, ich glaube auch nicht,
daß Sie die Mula gestohlen haben.“
„Bestimmt nicht, Senjor, bei der Heiligen Jungfrau und dem Kinde nicht.
Ich will doch hier gleich in die Hölle versinken, wenn ich ein Bandit
bin. Der Gringo ist nicht ehrlich. Er sagt, er hätte meine Fußspuren
neben denen seiner Mula außerhalb des Fences gesehen und durch den Busch
verfolgt. Ich gehe da nie hin, wo er die Fußspuren gesehen hat.“
„Ich habe davon gehört. Senjor Griggs sagt, die Mula sei hundertfünfzig
Pesos wert gewesen.“
„Esta bien, Senjor, da können Sie gleich sehen, daß der Gringo kein
ehrlicher Mann ist. Achtzehn Pesos haben mir diese vereiterten
Hundesöhne in Llerra für die Mula bezahlt, und dann sagt dieser Mann
hundertfünfzig Pesos. Es ist ja zum Lachen. Und nun gar noch zu sagen,
ich hätte das Tier gestohlen, das ist eine so niederträchtige Lüge.
Anständig ist es nicht. Ganz gewiß nicht.“ Er ist aufgestanden und zum
Feuer gegangen, um sich seine Zigarette anzuzünden.
Sleigh kommt zurück mit dem Lämpchen und einem irdenen Topf voll
frischgemolkener Milch.
„Die Kuh ist jetzt hereingekommen. Ich weiß nicht, wo die gesteckt hat“,
sagt er, schüttet Kaffee in das kochende Wasser und bringt die Kanne
her.
Er gießt mir Kaffee ein und dann sich selbst. „Sie bekommen gleich meine
Tasse, Perez“, sagte er zu dem Indianer.
„Schon gut“, erwidert der.
„Lag der Kleine gleich so flach auf dem Boden?“ fragt Sleigh.
„Nein, die Füße und die Hände waren in Wasserkraut verwickelt“, sagt
Perez. „Ich glaube nicht, daß er je hochgekommen wäre, wenn wir ihn
nicht geholt hätten.“
„Wie wußten Sie denn, daß der Junge an dieser Stelle war?“ frage ich.
„Das Licht stand doch über ihm. Das haben Sie ja selbst mit eigenen
Augen gesehen.“
„Allerdings. Aber wie kann denn das Licht wissen, wo der Junge ist, wenn
es keiner von uns allen weiß?“
„Aber das ist doch sehr einfach, Senjor. Er ruft das Licht heran, und
das Licht muß kommen. Da ist durchaus nichts Unheimliches dabei.“
Sleigh lacht: „Da hören Sie es. Es ist ganz einfach. Gar nichts
Unheimliches dabei. Ich habe es Ihnen doch schon gesagt. Das ist das
ganze Geheimnis. Zaubern können die so wenig wie wir. Der Junge ruft,
und das Licht kommt. Alles sehr klar wie der helle Tag.“
„Also, Perez, wie ist es mit den jungen Gelbhauben?“
„Ich gehe nicht rauf in den Busch. Es hat keinen Zweck. Die haben kaum
zu brüten angefangen. Warum soll ich da in dem Busch herumkriechen, wenn
ich doch keine bringen kann, weil jetzt keine da sind. Zwei Monate
später.“
Er hat nun seinen Kaffee in der Hand und schlürft ihn langsam hinein.
Sleigh gießt mir noch eine Tasse voll und trägt den Rest der Kanne rüber
zu den Garzas.
Nach einer Weile kommt er wieder. Er geht zum Feuer, um sich eine
Zigarette anzuzünden. Dann hockt er sich nach Indianersitte auf den
Boden, weil keine andere Sitzgelegenheit vorhanden ist. Das Mädchen
unter dem Moskitonetz auf dem Boden hat vor einer Weile ihrem weinenden
Kinde zu trinken gegeben und schnarcht jetzt, daß die Hütte bebt.
Perez und Sleigh werden schläfrig, lassen den Kopf sinken und blinzeln
schwer mit den Augen. Als Sleigh im Schlafe fühlt, daß die Zigarette
ausgegangen ist, erhebt er sich und geht zum Feuer. Nachdem die
Zigarette wieder glüht, steht er eine Weile mit dem Rücken gegen einen
Pfosten gelehnt und nickt abermals ein. Er schläft jedoch nur einen
Wink, dann wird er wach und geht zum Eingang. Er sieht zu dem klaren
Nachthimmel auf und sagt: „Es ist zwei Uhr vorbei.“