„Dann muß ich melken gehen“, erwidert er darauf. „Perez, kommen Sie
mit?“
„Freilich.“ Er schlief so fest, daß ihm die Zigarette aus der schlaffen
Hand gefallen ist. Er ist aber sofort munter, sucht gleich die
Zigarette, nimmt das Lämpchen, zündet die Zigarette daran an und folgt
mit dem Lämpchen Sleigh, der mit einem Eimer zum Korral geht, wo die
Kühe stehen.
„Sie können sich hinlegen und ein wenig schlafen“, sagt Sleigh zu mir,
ehe er in der Nacht verschwindet.
17
Da die Hütte nun stockfinster ist und ich wirklich nichts Besseres zu
tun weiß, taste ich mich zu jener Ecke, wo das Bett steht. Das Bett?
Hängematte wäre richtiger. Aber gegenüber dem Lattengestell, das die
Garzas haben und Bett nennen, ist das hier ein Luxusbett.
Stiefel aus, reinbalanciert, Moskitonetz dicht gezupft und
losgeschlafen.
Alligatoren, Brücken, Eseltreiber, Pumpen, Königinnen von England,
Kinderleichen, nackte Indianer, brennende Kerzen unter Wasser, Kühe mit
einem Jaguar im Genick, selbstspielende Mundharmonikas, auf Maultieren
reitende Banditen, ein vom Erdboden verschwundenes Kanada,
unausgebrütete Gelbhauben, geigensingende Muttergottesbilder, die mit
Stahlfedermatratzen tanzen wollen – nein, ich kann nicht einschlafen. Es
ist alles Wirbel und Dröhnen im Kopfe, aber kein Schlafen. Dann drösele
ich doch ein, und Mister Griggs liegt im Wasser. Ich kann ihn deutlich
liegen sehen, weil das Wasser ganz klar ist. Ich habe den Mann nie
gesehen, weiß aber, daß er Griggs heißt und Gelbhauben auf Hufspuren
ausbrütet. Niemand sieht ihn im Wasser, weil ich auf Griggs zeige und
sage: Da liegen zwei neue Kinderstiefel. Die Chinesen lassen Pulver
unter Wasser explodieren, um die Kaffeekanne, die in einem Maissack
ertrunken ist und von Alligatoren festgehalten wird, hochzutreiben. Von
der Explosion wache ich auf. Und wieder höre ich die Explosion und
abermals, bis ich völlig wieder wach bin und höre, daß draußen
geschossen wird.
Ich stehe auf und ziehe mir wieder die Stiefel an. Schlafen kann ich ja
doch nicht. Es ist noch schwarze Nacht. Ich sehe nach hinten durch das
Geflecht der Hütte und bemerke das dünne Flämmchen der Blechlampe, das
den melkenden Sleigh und den danebenhockenden Perez, dessen Geschwätz
ich bis hier höre, ungewiß beleuchtet.
Die Stiefel an und den Hut auf, gehe ich zum Eingang der Hütte. Drüben
bei den Garzas ist helloderndes Feuer. Und beim Schein dieses Feuers
sehe ich zahlreiche Männer, die von ihren Pferden steigen und ihre
Revolver abfeuern. Ich hin. Die Mehrzahl der Männer kenne ich, alle
Indianer.
Ein hier im Lande geborener Spanier ist darunter, der in Quintero eine
Tienda unterhält, einen Laden, in dem man alles bekommt. Die Kunde von
dem Verschwinden des Jungen ist, schneller als die Post das könnte, auf
zehn Meilen im Umkreise schon verbreitet. Trotz der Nacht. Und die Leute
sind mit Pferden gekommen, um suchen zu helfen. Sie haben auch
Feuerwerkskörper gleich mitgebracht für den Fall, daß der Junge nur tot
gefunden wird.
Wenn unter den Indianern ein Kind stirbt, so werden zahllose sehr
krachende und knallende Feuerwerkskörper abgebrannt, um dem Himmel
anzuzeigen, daß ein Engel ankommt. Bei Erwachsenen Feuerwerk
abzubrennen, wäre verkehrt, weil man den Teufel nicht unnützerweise
darauf aufmerksam machen soll, wenn ein alter Sündenknochen zum
Verhandlungstermin erscheint. Deshalb geht die Bestattung von
Erwachsenen geräuschlos vor sich. An kleinen Kindern ist der Höllenonkel
nicht so sehr interessiert, da ärgert er sich, wenn er das Böllern hört,
weil ihm eine zukunftsreiche Seele verlorengeht, während im Himmel sich
alle festlich rüsten, sobald sie das Knallen hören, um den kleinen
Engel, der unterwegs ist, herzlich empfangen zu können.
Daß der Junge inzwischen gefunden ist, haben die neu angekommenen Leute
schon vernommen. Die Feuerwerkskörper nimmt der fünfzehnjährige
Stiefbruder, der Halbverrückte, gleich in Verwahr. Von diesem
Augenblicke an hat er für nichts anderes mehr Sinn, als sich mit der
Knallerei zu befassen. Einer muß es ja sowieso tun, und er ist der
Nächste dazu. Zu weinen hat er längst aufgehört, und für ihn kommt nun
der lustige Teil der Veranstaltung.
Die Männer nehmen alle den Hut ab und gehen nacheinander in die Hütte,
um sich den Kleinen anzusehen und die Garza dadurch von ihrem Kummer
abzulenken, daß jeder fragt, wie es gekommen sei.
Die Garza erzählt es wieder und immer wieder und natürlich immer mit den
gleichen Worten. Durch dieses so häufige Wiederholen der traurigen
Geschichte wird das Ereignis immer alltäglicher, immer nüchterner, immer
sachlicher. Ihr selbst scheint es zuweilen, als sei das eine durchaus
natürliche Begebenheit, an der gar nichts Außerordentliches zu sehen
ist. Je häufiger die Geschichte erzählt wird, je mehr wird sie der
Tragik entkleidet, je mehr wird sie zu einem bloßen Wortgeläute, zu
einem Bericht, zu einem Ereignis, das irgendeiner anderen fremden Person
geschehen ist. Die Begebenheit wird unpersönlich, sie wird
geschichtlich, sie verläßt Herz, Seele und Geist und wird klingendes
lautes Wort. Zu ihrem Erstaunen fühlt die Frau, daß sie jetzt schon
manchmal auf den kleinen Leichnam blicken kann mit dem abrückenden
Gedanken, daß er ihr Kind gar nicht sei. Ihr Kind war ein lustiger,
munterer, immer geschwätziger Bub und nicht so ein kalter stumpfer
Klumpen, wie er daliegt. Durch den Anzug und durch die Krone und das
Zepter ist er überhaupt noch weiter von ihr abgerückt und ihr sehr fremd
geworden. Und wenn sie wieder weint, so ist es eigentlich schon gar
nicht mehr so oft des Jungen wegen. Sie weint ihretwegen, sie kommt sich
so bemitleidenswert vor, daß sie nun kein Kind mehr hat, dem sie
leibliche Mutter ist. Auf diesem Gefühlswege und wenn sie einige andere
Frauen bemerkt, die herum sind, kommt es ihr zum Bewußtsein, daß sie
nicht einmal eine Ausnahme ist, für die sie sich den ganzen Abend hielt.
Sie ist nur die übliche Mutter. Was sie zu leiden hat, ist das Los einer
jeden Mutter auf Erden. Aber es ist gewiß die Müdigkeit und die
ungeheure Abspannung nach diesen entsetzlichen Stunden, daß sie jetzt
gefaßter ist.
Die Männer kommen wieder heraus und sitzen nun vor der Hütte herum, wo
sich ein Heerlager aufgetan hat. Männer, Burschen, Frauen und Mädchen
liegen herum und schlafen oder dröseln vor sich hin. Mehrere Burschen
helfen dem Morano beim Knallen. Sie dürfen aber nur das Feuer schüren,
an dem Morano die Körper entzündet, oder sie dürfen diejenigen Kracker
in die Hand nehmen und noch mal versuchen, die nicht gezündet haben und
die Morano fortgeworfen hat.
Die Männer haben auch Tequila mitgebracht, und die Flasche geht rund.
Auch der Garza wird die Flasche hineingebracht, und sie tut einen
gesunden Zug von diesem feuerscharfen Schnaps, der normale Menschen mit
einem Ruck auf die hinteren Kanten wirft. Aber diese mit Chile
ausgeschwefelten Kehlen und Mäuler können noch ganz andere Dinge,
unheimliche Dinge schlucken, ohne eine Muskel des Gesichts zu verziehen.
Einer jener Männer, die jetzt gekommen sind, ein ganz armer Indianer,
nimmt nun ein Buch aus der Hosentasche und blättert darin eine Weile
herum. Und dann fängt er an zu singen. Lesen kann er nicht. Aber die
gedruckten Worte geben ihm doch ein Bild, durch das er sich auf die
Versanfänge leichter besinnen kann. Manche Strophe singt er dreimal oder
noch öfter. Sobald er begonnen hat, fallen einige andere Männer in den
Gesang mit ein.
Nun beginnt er die zweite Strophe, und im Innern der Hütte fallen auch
die dort herumsitzenden Frauen, darunter die Pumpmeisterin, in den
Gesang mit ein, zuerst ein wenig zurückhaltend, dann kräftiger. Manchmal
singt der Indianer allein, weil sich die übrigen Zigaretten drehen oder
wieder einen Schluck aus der Flasche nehmen oder des Singens müde sind.
Der Mann aber singt ununterbrochen. Er trinkt keinen Schnaps, denn er
ist ein Kommunist und gehört zu den Agraristas, zu jener energischen
Gruppe von indianischen Landarbeitern, die das alte indianische
Gemeinde-Landrecht wieder einführen wollen, das die Spanier bei der
Eroberung durch blutige Gewalttaten aufhoben und für ungültig erklärten.
Der Sänger wird von niemand bezahlt, er singt aus reiner Menschenliebe,
um der Mutter über den Schmerz hinwegzuhelfen, denn das Kind wird weder
von einem Geistlichen in das Grab gebetet, noch von einem Arzt
angesehen. Das kostet Geld, und weil Priester und Arzt zwei Tagereisen
weit entfernt wohnen, würde es noch mehr kosten. Außerdem kann das
Begräbnis so lange nicht aufgeschoben werden, denn trotzdem es noch
kühle Nacht ist, stinkt der Junge schon außerhalb der Hütte.
Gesungen werden Kirchenlieder. Ohne Zweifel. Denn ab und zu hört man
etwas wie Heilige Jungfrau aus den Reimen heraus. Aber niemand, der
Kirchenlieder kennt, würde glauben, man sänge hier jetzt solche Lieder.
Denn der Gesang hat weder im Rhythmus noch in der Melodie auch nur die
allerfernste Ähnlichkeit mit dem, was wir uns unter Kirchenchorälen
vorstellen. Wahrscheinlich wurde so gesungen, als die ersten spanischen
Mönche hier durch die Dschungel zogen. Niemand unter den lebenden
Menschen weiß, wie Choräle vor vierhundert Jahren in Europa gesungen
wurden, denn die geschriebenen Noten aus jener Zeit geben uns darüber
nicht mehr Aufschluß als die ägyptischen Hieroglyphen uns etwas aussagen
über die Aussprache und Betonung ägyptischer Worte. Ein- oder zweimal in
ihrem ganzen Leben haben die Männer hier eine Kirche besucht, wo die
Choräle mit der Orgel begleitet wurden. Drei- oder viermal im Jahre
kommt ein Priester in eines der Dschungeldörfer, wo er die Beichte hört
und Absolution erteilt. Dann wird gesungen ohne Musikbegleitung. So
bleibt etwas von der wahren Melodie, wie sie die Orgel festhalten kann,
im Gedächtnis der Leute haften. Das übrige verschwindet ganz aus dem
Gedächtnis und wird nun mit Teilen aus anderen weltlichen Gesängen und
Tänzen vermischt. Bei Totenfeiern wird dann gesungen, und jedesmal kommt
eine neue Beimischung durch neue Sänger hinzu. Nun aber können die
Eingeborenen überhaupt nicht so singen, wie wir meinen, daß gesungen
werden muß. In ihren Gesängen klingt heute noch die schrille Note der
Gesänge ihrer heidnischen Vorfahren durch, und diese Note ist so
urmächtig, daß sie den ganzen Gesang allein zu tragen hat.
Dieser Totensänger ist weit bekannt und gesucht als der beste Sänger.
Man folgt seinem Gesange mit Andacht und Rührung, und glänzende Augen
sind bewundernd auf seinen Mund gerichtet.
Als die erste Strophe begann, fing die Garza in der Hütte an gellend zu
schreien und zu jammern. Sie verfiel in eine Raserei des Schmerzes und
hämmerte mit ihren beiden harten Fäusten auf ihren eigenen Schädel ein,
als wollte sie ihn in Stücke zertrümmern. Sie warf sich über den
Leichnam und schrie: „Mein Kleiner! Mein Kleiner! Warum? Warum?“ Und
dann begann sie wahnsinnig zu fluchen in der gräßlichsten Art und Weise.
Schließlich gab man ihr die Tequila-Flasche. Sie wehrte sich dagegen und
versuchte, die Flasche herunterzuschlagen. Aber endlich hatte sie doch
den Mund so voll mit dem Schnaps, daß sie schlucken mußte, und man hielt
die Flasche an ihren Mund und goß immer noch hinterher. Das
Betäubungsmittel half nicht viel. Sie wurde ein wenig müde und stumpf.
Doch wenn sie des Gesanges gewahr wurde und die Frauen in der Hütte
mitsangen, stieß sie aufs neue ihre erschütternden Schreie aus.
Der Junge an dem großen Feuer läßt in kurzen Zeitunterbrechungen seine
Raketen und Kracker knallen. Und hat der Gesang für eine Weile
ausgesetzt, so wird die Garza durch das Knallen wieder daran erinnert,
daß der Kleine oben als Engel erwartet wird.
Der Gesang hat für eine Weile aufgemuntert, aber nun fallen die Leute
doch wieder in ihre Müdigkeit zurück. Die meisten legen sich glatt auf
die Erde, kauern sich ineinander wie Hunde und schlafen sofort. Andere
halten den Tequila für den wertvolleren Teil des gegenwärtigen Lebens
und schlafen darum nicht, weil sie fürchten, um einen Schluck zu kurz zu
kommen.
Auch drinnen in der Hütte sitzen die Frauen schläfrig, und zwei haben
sich auf das Staketengestell gelegt, das den Garzas als Bett dient. Auf
dem Erdboden glimmt das Feuer. Töpfe stehen daran, aber niemand kümmert
sich darum, was darin ist, ob es kocht, ob es überflüssig ist oder ob
man die Töpfe absetzen könne. Niemand weiß offenbar, wer die Töpfe
angesetzt hat und zu welchem Zwecke. Aber es fragt auch niemand. Man ist
ziemlich interesselos geworden.
18
Der Gesang hat nun aufgehört. Der Sänger hat die letzte Viertelstunde
nur noch mit Mühe gesungen, so heiser war er geworden. Alle, die noch
nicht schlafen, drücken sich jetzt herum und versuchen, sich zu
entfernen, ohne die Garza zu beleidigen oder ihr wehe zu tun. Es wird
geredet und gestanden und wieder gesetzt, bis die Männer, die
nachträglich gekommen waren, um zu singen, zu ihren Pferden gehen,
aufsitzen und unter auffallend vielem und auffallend lautem Reden
davonreiten. Sie sind alle vorher noch einmal in die Hütte gegangen,
haben sich den Kleinen noch mal angesehen und der Frau die Hand gegeben.
Die Frau hatte zu jedem „Gracias!“ gesagt und war dann mitten in der
Hütte stehengeblieben, ohne den Fortreitenden nachzublicken.
Aber die Garza bleibt dennoch nicht allein.
Inzwischen ist die Sonne aufgegangen, und der helle Tag ist erschienen
wie mit einem Sprung. Er drängt sich in die Hütte, wo die Kerzen
flackernd und rauchend weiter neben der Leiche brennen.
Das helle Tageslicht gibt der Hütte wieder ein anderes Aussehen. Man
hatte sich an die Nacht so gut gewöhnt, daß man nichts Unheimliches und
nichts Außergewöhnliches während der letzten Stunden mehr empfunden
hatte. Der Tag aber zerstört das mitleidslos. Eine neue Unheimlichkeit
erfüllt die Hütte, und man muß sich in der neuen Unheimlichkeit erst
wieder zurechtfinden.
Jetzt erst, nicht in der Nacht, wirken die brennenden Kerzen
gespensterhaft. Und gespensterhaft sieht die verweinte, verhärmte und
hohläugige Garza jetzt aus. Sie hat noch immer das meergrüne Gazekleid
an mit den völlig verwelkten Blumen im Gürtel. In der Nacht sah das
Kleid natürlich aus, jetzt aber gehört es weder zu der Frau, noch zu der
Hütte, noch zu dem kleinen Leichnam. Das Kleid hat sich ganz und gar von
der Frau losgesagt, es hat keine Gemeinschaft mehr mit ihr. Die Frau ist
die Mutter des Kleinen noch immer, aber das Kleid hüllt nicht länger
mehr den Körper der Mutter ein. Es ist ein dreckiger Fleck, der der
Mutter in jeden Winkel folgt. Und da der schmierige Fleck immer hinter
ihr ist, kann die Mutter ihn nicht sehen und wegwischen.
Der kleine Junge war schön, und er war er selbst in der Nacht. Jetzt ist
er nicht mehr er selbst, nicht mehr schön, nicht mehr der kleine Junge.
Der helle Tag hat ihn zu einem stinkenden Kadaver gemacht, der in einen
Affenanzug gewickelt ist. Der Oberkiefer beginnt bereits zu verwesen,
der Mund ist grünlich geworden, die Oberlippe ist aufgebrochen, und
widerlicher gelbgrüner Eiter kriecht daraus hervor. Um die Gelenke der
gefalteten Hände sieht man die tiefen Rinnen, die jener Bindfaden, der
die Hände in faltender Geste zusammenhalten sollte, eingeschnitten hat,
und die faltenden Hände sehen aus, als habe ein Folterknecht sie zur
Strafe gefaltet.
Der erste Strahl der Sonne fällt durch die dünnen zusammengebundenen
Stämmchen der Wand in die Hütte. Die Garza folgt dem Strahl mit den
Augen und blickt in die Sonne und dann auf den Jungen, und nun sieht
auch sie zum erstenmal, daß der Junge gegangen ist, daß dort Aas liegt,
das sie nicht mehr küssen kann, ohne sich zu schaudern und zu schütteln.
Und der Morgenwind, der durch die Wände fegt, hebt eine dicke Wolke
unerträglichen Gestanks von dem Aas auf und wirft sie ihr ins Gesicht.
Die Mutter wendet sich ab und seufzt tief auf.
Als sie wieder hinblickt zu dem Aas, sieht sie, daß zwei dicke grüne
Fliegen auf der Oberlippe sitzen, und daß die Hütte von anderen Fliegen
zu summen beginnt, die auf das Aas zufliegen. Und die Frau deckt ein
Tuch über das Gesicht. Sie kann das Gesicht ihres Kindes nicht mehr
sehen.
Aber sie hat keine Gelegenheit, sich ihrem Schmerze hinzugeben oder sich
hinzusetzen und zu brüten. Mit dem anbrechenden Tage sind Frauen und
Männer angekommen von fernen Plätzen. Denn die Nachricht von dem Tode
des Kleinen verbreitet sich immer weiter, und sobald die Leute davon
hören, setzen sie sich auf ihre Esel oder Mulas und ziehen zu der
beweinenswerten Mutter, ihr zu sagen, daß man sie liebe, und daß man mit
ihr weine. Und da es Sonntag ist, fällt es den Leuten leichter, zu
kommen.
Die Männer steigen ab, helfen dann den Frauen und Kindern von den
Tieren, drehen sich eine Zigarette und beginnen mit anderen Männern, die
herumstehen, zu schwatzen.
Die Frauen gehen nacheinander in die Hütte, bleiben eine Weile stehen,
betrachten den Leichnam, und dann gehen sie zur Garza, umarmen und
küssen sie. Dann fangen sie an zu weinen, und die Garza beginnt nun
wieder zu schreien und nimmt das Tuch von dem Gesicht des Kleinen. Die
Frauen, die Berge von Blumen mitgebracht haben, dicke Kränze und Gold-
und Silberpapier, stellen das beiseite und gehen näher zu dem Leichnam,
um ihn sich genau anzusehen.
„Er sieht so schön aus, der kleine Carlos!“ sagt die eine Frau
bewundernd und ehrlich. Sie wiederholt es noch einmal, um es zu
bekräftigen.
Aber die Garza hat es bereits beim ersten Male gehört, trotz ihres
Schluchzens, und sofort hört sie auf zu weinen. Ein Lächeln des Stolzes
huscht über ihr Gesicht, und sie sagt dankbar: „Muchas gracias,
Senjoras! Muy muchas gracias!“ Sie bedankt sich überschwenglich für die
Bewunderung der aufgeputzten Leiche, als habe man ihr persönlich eine
Schmeichelei gesagt. Aber es ist keine Schmeichelei, die Frauen meinen
es so. Die Leute sind alle bitterarm, und die angekommenen Frauen sind
meist barfuß, haben nichts weiter als ein schwarzes Baumwolltuch um den
Kopf gelegt, um die Sonne abzuhalten, und durchlöcherte und geflickte
Kattunkleider verhüllen ihren Körper nicht überall. Diejenigen, die ihre
Säuglinge mithaben, geben ihnen nun, neben dem Leichnam sitzend, zu
trinken, wobei sie abwechselnd weinen und abwechselnd fragen, wie es
gekommen sei.
Die Garza hat das Gesicht des Kleinen sofort wieder zugedeckt. Der
Gestank des Kadavers, der mit jeder Minute, mit der die Sonne höher
kommt, immer unerträglicher wird, der Geruch der schwelenden Kerzen, das
schwere Ausatmen der Tausende von Blumen, die so peinvoll sterben und
nicht sterben wollen, der beißende Rauch des großen Feuers, wo die
Kracker angezündet und abgeschossen werden, dieser beißende Rauch, der
durch den Wind in die Hütte getrieben wird, der Geruch von Schnaps,
Kaffee, Zigaretten und Schweiß lastet in der Hütte und zieht nicht ab,
weil er sich unter dem Grasdach festnistet. In zwei Stunden wird die
Morgenbrise vorüber sein, und dann wird bis elf Uhr kein winziger
Lufthauch sein, und das Innere der Hütte wird schlimmer sein als das
Innere eines Ofens, in dem Tierkadaver langsam verbrannt werden. Die
Leute aber sitzen und tun so, als ob sie es nicht empfinden; die Garza
muß dort sein, und also bleiben auch sie da.
Die Männer haben ihre Zigaretten ausgeraucht. Sie nehmen nun ihre Hüte
ab und kommen herein wie verlegene Schuljungen. Einer nimmt das Tuch vom
Gesicht, die Männer kommen näher heran, stehen eine Weile, dann gehen
sie wieder hinaus. Das Hinausgehen ist noch verlegener als das
Hereinkommen. Sie wissen nicht, ob sie der Garza die Hand geben sollen
oder nicht, ob sie etwas sagen oder fragen sollen oder ob sie besser
ganz schweigen. Es sieht aus wie Verlegenheit, aber in Wahrheit sind die
Leute nie verlegen. Ihr Benehmen wird nur geleitet von dem einen
Gedanken: Was tun, um die Mutter ihren Schmerz vergessen zu lassen?
Trotz ihrer unbeschreiblichen Armut, einer Armut, bei der Kartoffeln und
Kaffee ein Festmahl sind, von dem sie tagelang, wenn nicht wochenlang
sprechen, trotz ihrer Lumpen, trotz ihrer Unkenntnis des Lesens und
Schreibens, sie alle sind von einer rührenden Höflichkeit. Ihre
Zeremonien sind nicht leere Gesten, sie sind Teile ihres Wesens, eines
Wesens, das in tausend Jahre alter Kultur wurzelt. Ihr Takt wird von
ihrem Herzen bestimmt, nicht von Formeln, die ihnen eingetrommelt
wurden.
Ich sitze auf einer Kiste neben dem Ausgang. Die Männer müssen an mir
vorüber, um hinauszugehen. Es ist soviel Platz, daß sie schlendernd
vorübergehen können, ohne daß sie mich berühren müssen. Aber jeder
einzelne, der an mir vorbeigehen will, bleibt erst stehen und sagt: „Con
su permiso, Senjor! Mit Ihrer gütigen Erlaubnis!“ Worauf ich, der ich
nur unter meinesgleichen unhöflich bin, weil man mich sonst für
idiotisch halten würde, antworte: „Pase, Senjor!“, und der Mann sagt:
„Gracias, Senjor! Ich danke!“ Nun erst geht er wirklich vorüber, denn
meinen Blick und meinen Atem zu kreuzen, ohne ein höfliches Wort zu
sagen, wäre ihm unerträglich. Aber wenn auf der Kiste nicht ich, der
Weiße, sitzt, sondern ein verlumpter Indianer, so wird der
Vorübergehende genau die gleichen Worte gebrauchen und sie mit einer
Geste der Hand begleiten. Denn was bin ich in seinen Augen denn mehr als
jener verlumpte Alte?
So höflich und so taktvoll sind die Leute, und sie alle nennen sich
Katholiken, aber ich habe nur einmal seit gestern abend gesehen, daß sie
das Kreuz in die Luft malen, und das war nur, als der Alte ein Kreuz
über das Brett machte, ehe es ins Wasser gesetzt wurde. Während den
Leuten alle Gesten aus dem Herzen kommen, das Schlagen des Kreuzes und
das Herumfingern am Rosenkranz sind ihnen eingedrillte Gesten, deren
Sinn zu begreifen die vierhundert Jahre der Übung nicht gelangt haben,
und die nun anfangen, ganz blaß und sinnlos zu werden. Jede Formel und
jede Geste und somit auch jede Religion gehört zu ihrem eigenen Klima,
zu ihrer eigenen Umgebung, zu ihrer eigenen Rasse. Verpflanzt man sie in
eine andere Umgebung, so wird sie inhaltlos und verliert ihre
Zeugungskraft; sie kann nicht mehr gebären, sich nicht mehr verjüngen,
und nach einem qualvollen Degenerieren stirbt sie endlich aus.
19
Ich bin hungrig geworden und gehe hinüber zu Sleigh. Das Mädchen ist
schon lange aufgestanden, hat den Mais gerieben, Tortillas gebacken,
Bohnen gekocht und Kaffee aufgestellt. „Der Kaffee ist noch nicht
fertig,“ sagt Sleigh, „wir müssen noch eine Weile warten. Verflucht noch
mal, ich bin doch jetzt schläfrig.“
Er nickt ein, fährt aber gleich wieder auf und fragt: „Haben Sie den
Jungen nicht gesehen? Er hat doch die Milch fortzubringen.“
„Der Junge steht drüben am Feuer und hilft knallen“, gebe ich zur
Antwort.
„Den will ich mir gleich heranholen.“ Er steht auf, und wir gehen wieder
zurück zu den Garzas.
Gerade kommt Garza von seinem Ritt heim. Er hat ein dickes Bündel
Kerzen, ein Paket gemahlenen Kaffee und zwei kleine Kolben braunen
Zucker. Außerdem hat er drei Flaschen Tequila, die er aus dem
Basttäschchen zusammen mit den anderen Sachen herausholt. Die eine
Flasche ist schon halb ausgekostet. Freilich, der Weg ist lang. Und wer
die halbe Flasche ausgekostet hat, das sieht man. Garza hat sich einen
ganz netten Flicker angesäuselt. Gleich geht die halbe Flasche rund.
Garza hatte nur ein paar Pesos in der Tasche. Aber in der Tienda hat man
sich, angesichts des traurigen Falles, nicht geweigert, ihm zu borgen.
Wie sollte er denn das Begräbnis zustande bringen ohne Tequila, ohne
Kerzen, ohne Kaffee, ohne Zucker? Jedoch in der Tienda weiß man genau:
Diese Schuld wird bezahlt, wenn Garza sonst vielleicht auch nichts
bezahlen würde. Etwas hat er ja gleich angezahlt, und da die Preise
doppelt so hoch sind als in der Stadt, so hat der Besitzer der Tienda
schon jetzt die Selbstkosten mit einem ansehnlichen Gewinn in der
Tasche. Kein Schlachtfeld ist so traurig, so beweinenswert, daß nicht
irgendeiner daran verdienen könnte. Alles läßt sich zu Geld machen,
seien es Tränen oder sei es Lachen, sei es Freude oder sei es Weh; der
Mensch muß seinen Kummer so gut bezahlen wie seinen Tanz, und selbst
seine letzte Höhle unter der Erde, wo er niemand mehr im Wege ist, muß
bezahlt werden.
„Muchacho!“ ruft Sleigh. „Teufel noch mal, was ist denn mit der Milch?“
„Vengo, Senjor.“
„Aber sofort. Senjor Velasco wird einen Heidenlärm machen.“ Sehr
aufgeregt ist Sleigh nicht. Es ist ihm ganz gleichgültig, ob Senjor
Velasco, der Tiendabesitzer in dem näher zur Bahn gelegenen Dorfe, Lärm
macht oder nicht. Sleigh hört den Lärm nicht, und wenn er zur Tienda
kommt, um die Quittungen zu vergleichen, so daß er mit seinem Farmer
abrechnen kann, und der Senjor Velasco sollte etwas sagen wegen der
Milchverspätung, dann dreht ihm Sleigh den Rücken, geht raus und setzt
sich aufs Pferd. Die Kühe liebt er, aber sein Farmer, der Velasco und
die Milch interessieren ihn nicht besonders.
Wir gehen wieder zu seiner Hütte und frühstücken auf einer Kiste, wo das
Mädchen das Essen auf einer Zeitung ausgebreitet hat.
Sleigh sieht über die Tafel hin und sagt dann zu dem Mädchen: „Backen
Sie uns noch jedem ein Ei.“
Das Mädchen geht zu einer Ecke, wo neben dem Bettgestell ein Korb steht,
in dem eine Henne mit schläfrigen Augen sitzt. Als das Mädchen näher
kommt, reißt die Henne die Augen weit auf. Aber das Mädchen läßt sich
nicht einschüchtern. Mit einem Griff hat sie die Henne gepackt und aus
dem Nest gepfeffert. Die Henne läuft gackernd und mit den Flügeln
schlagend herum, fliegt auf unsere Tafel, wirft meine Kaffeetasse um,
fliegt lärmend wieder herunter und wieder auf das Nest zu. Das Mädchen
hat zwei Eier weggenommen, und die Henne setzt sich beruhigt wieder auf
die übrigen zurückgebliebenen Eier. Gleich sitzt sie wieder so schläfrig
und mit sich selbst zufrieden da, als ob sie nie gestört worden wäre.
Sie nimmt es nicht sonderlich tragisch, weil sie nicht zählen kann; denn
zählen können und sich erinnern können sind die einzigen echten Quellen
der Tragik.
Nachdem wir gefrühstückt haben, halten wir es für wünschenswert, zu
schlafen.
Musik weckt mich auf. Die zwei Musiker, die gestern abend kommen
sollten, und die, wenn sie gestern abend gekommen wären, jetzt
vielleicht nicht zum Begräbnis hier sein brauchten, spielen einen
Foxtrott.
Sleigh ist schon lange vor mir aufgewacht und kriecht durch das Gebüsch,
weil sich ein Kalb losgerissen hat und er es suchen muß. Ich wasche
mich, trinke einen Schluck Kaffee, esse einen Löffel voll schwarzer
Bohnen in eine Tortilla gewickelt und gehe zu den Garzas.
Hier ist nun eine große Versammlung. An jedem Baum und an jedem Pfahl
ist ein Esel oder ein Maultier oder ein Pferd angebunden, gesattelte und
ungelsattelte. Frauen in ihren Sonntagskleidern, viele Männer und eine
Herde von nackten und halbnackten Kindern schwirren herum. Es sind mehr
Feuerwerkskörper gebracht worden, und es wird in einem fort geknallt.
Die Musik, die ja die ganze Nacht hindurch zum Tanze aufgespielt hat,
hat schon wieder aufgehört, um die Kräfte für den langen Marsch zu
sparen. Ein paar Männer liegen betrunken und schlafend herum, wo sie
eben hingefallen sind. Niemand stört sie. Wenn ihnen die Sonne, die
jetzt mit ihrer ganzen Kraft herunterglüht, zu heiß wird und sie davon
aufwachen, kriechen sie zu einem Baum in den Schatten. Oft erreichen sie
den Schatten nicht, sondern bleiben unterwegs liegen wie ein Klumpen.
Ziegen und Schweine laufen zwischen den Leuten umher, Hunde beißen sich
oder spielen herum, Hühner zanken sich mit Truthühnern um Würmer und
weggeworfene Tortillas, die Esel trompeten und suchen dann wieder mit
den Pferden und Maultieren auf dem Erdboden herum, ob noch ein
Grashälmchen vergessen wurde. Denn gestern war hier alles grün, jetzt
aber, seitdem so viele Pferde und Esel hier gestanden haben, ist der
Boden wie abrasiert. Obgleich das Tierzeug den herumsitzenden und auf
dem Boden hockenden Leuten in einem fort zwischen die Beine läuft, die
Leute werden nie nervös oder wütend auf die Tiere. Ab und zu ruft mal
eine Frau: „Perro! Hund!“ oder „Muchacho! Junge!“ (Kosename für das
Schwein), wenn die Tiere es gar zu arg machen. Manchmal aber fliegt den
Tieren doch ein Scheit Holz gegen den Kopf, wenn sie mit einem
Basttäschchen mit Tortillas, das sie gestohlen haben, ausrücken wollen.
Bei einigen Gruppen wird laut geschwatzt und noch lauter gelacht.
Gruppen von jungen Burschen singen oder spielen auf der Mundharmonika.
Man möchte nicht denken, daß da drinnen in der Hütte ein Leichnam liegt.
Wenn es den Leuten plötzlich einfällt, hören sie auf zu lachen oder
dämpfen ihr Geschwätz, während sie die singenden und musizierenden
Burschen mit einem kurzen Wort zur Ruhe mahnen.
Je näher man zur Hütte kommt, je ernster sind die Leute, und je leiser
reden sie. Hier wird es eigentlich nur dann laut, wenn die Tiere zu
aufdringlich werden.
Vor dem Eingang der Hütte hat man mehrere Decken dachartig ausgespannt,
damit die Leute unter diesem Dach im Schatten sitzen können, denn die
Hitze lastet wuchtig und schwer. In den Tropen, in der Tierra Caliente,
um ein Uhr mittags, und kein Wölkchen am Himmel, und die Elf-Uhr-Brise
ist heute ausgeblieben. Gerade heute, während sie gestern ein guter Wind
war, der bis fünf Uhr anhielt.
Ich nehme den Hut ab und gehe in die Hütte. Die Hütte ist gefüllt mit
Frauen, die sich mit ihren Pappfächern unermüdlich und rein mechanisch
gleichmäßig kühle Luft zufächeln. Die Kerzen sind ganz zusammengebogen,
und an jeder Kerze ist man tätig, um sie gerade zu halten. Die Mehrzahl
der Kerzen stehen in Konservenbüchsen, die mit Wasser gefüllt sind. Die
Flamme guckt nur ein kleines Stückchen aus dem Wasser heraus; sobald die
Flamme einen Finger lang zuviel herausguckt, biegt sich die Kerze sofort
in einen rechten Winkel um, als sei sie aus warmer Butter gemacht. Wenn
die Flamme das Wasser erreicht, wird das Wasser wieder ein Stück
abgegossen, und kommt die Flamme zu tief in die Blechbüchse, wird die
Kerze herausgenommen und eine neue hineingesteckt. Die Kerzen liegen
alle in einer großen Schüssel mit Wasser, aber das hält sie nur solange
in der Form, solange sie im Wasser liegen, werden sie in die Hand
genommen, legen sie sich gleich um. Es erfordert die ungeteilte
Aufmerksamkeit mehrerer Burschen, um die Kerzen in Ordnung zu halten.
Die Garza hat wieder einmal das Tuch vom Gesicht des Kleinen genommen.
Sein Gesicht ist nicht mehr zu erkennen. Es fließt bereits wie Brei
auseinander. Die kleine Wunde an der Oberlippe, die, als der Kleine aus
dem Wasser kam, kaum zu sehen war, hat sich zu einer schwärenden großen
Fläche erweitert infolge der raschen Verwesung. Beide Lippen sind schon
fortgelaufen, und das Gebiß liegt offen da wie bei einem Skelett. Auch
das Zahnfleisch ist eine breiartige eiterähnliche Masse, die seitlich an
den Zähnen herunterläuft. Die Nase ist mehr als zur Hälfte
fortgefressen, und von der kleinen Wunde, die am Kopfe war, hat sich
eine andere zerfallende Fläche gebildet, die den Schädelknochen
freigelegt hat. Unter dem Auge, wo die Beule war, hat der Zerfall auch
begonnen, und das Auge, seiner Umkleidung beraubt, liegt starr und
allein auf der Augenhöhle. Es ist nicht die tropische Hitze allein, die
eine so grauenhafte Zerstörung in einer so kurzen Zeit anrichten konnte,
sondern es ist die Hitze, vereint mit der Überfülle des Wassers, das der
Körper im Flusse aufgenommen hatte.
Der ganze kleine Körper ist nun in rockartige Gewänder von rotem, blauem
und grünem Papier gehüllt. Die Gewänder sind mit Sternen und Kreuzen,
die aus Gold- und Silberpapier geschnitten sind, übersät. Das Kunstwerk
aus Kottbus oder Birmingham ist nicht mehr zu sehen. Papier ist nicht
nur geduldig, es kann auch wohltätig sein. Hier ist es sogar erlösend,
und von den vielen Sünden, die das Papier auf dem Gewissen hat, mögen
ihm für diese Tat einige vergeben werden. Beinahe jede der Frauen hat
sich daheim, noch in der Nacht, sobald sie von dem Tode des kleinen
Jungen hörte, sofort hingesetzt und Papierröcke für den Jungen gemacht.
Und da sich die Frauen ja nicht durch Draht miteinander verbinden
können, so weiß keine, ob der Kleine auch ein schönes Papierkleidchen
haben wird für seine letzte Reise. Deshalb hat jede Frau für den Kleinen
ein Röckchen gemacht, und jede Frau hat es mitgebracht, und jede bringt
es mit soviel Freude und soviel Liebe zu der weinenden Mutter, daß die
Mutter nicht anders kann, als die Kleider anzunehmen und sie mit Hilfe
der Geberin dem Kleinen anzuziehen. Glücklicherweise haben nicht alle
Frauen nur Röckchen gebracht, sondern manche nur Sterne und andere nur
Kreuze und wieder andere nur Bänder aus Gold- und Silberpapier.
Nun kommt eine Frau herein, die ich kenne. Sie ist die Mutter jenes
jungen Mannes, den ich beinahe zum Leben wiedererweckt hätte, wenn der
Spanier nicht gekommen wäre. Ob ich in jenem Dorfe dasselbe Ansehen
unter den Indianern genösse, wenn der Spanier nicht gekommen wäre und
ich den jungen Mann hätte vom Tode auferwecken müssen, ist fraglich.
Aber ich glaube, ich würde mich derselben Anerkennung trotzdem erfreuen,
weil ich mich sechs Stunden mit Wiederbelebungsversuchen abgegeben
hatte, was ja auch dann anerkannt werden muß, wenn es erfolglos sein
sollte. Die Frau begrüßt mich vor allen anderen Anwesenden zuerst, und
sie tut es sehr herzlich. Sie hat für den Kleinen auch eine Krone
gemacht. Diese Krone ist nicht so geschmackvoll wie die Krone, die von
der Pumpmeisterin noch in der Nacht gefertigt worden war. Aber diese
Frau hält ihre Krone für schöner. Sie geht zu dem Leichnam, nimmt das
Krönchen vom Kopfe des Kleinen und setzt ihm ihre Krone auf.
Die Pumpmeisterin steht dabei, sieht es und läßt es geschehen. Ich sah
in der Nacht, mit welcher Liebe die Pumpmeisterin das Krönchen machte
und wie sehr sie sich freute, daß es so gut gelungen war und daß der
Kleine so hübsch darin aussah. Sie sieht ihre Nebenbuhlerin eine Weile
an und macht dann eine kurze Bewegung, als wolle sie es verhindern, daß
ihre Krone so ohne Zeremonie ausgetauscht wird. Aber dann lächelt sie,
legt ihre Hände über ihre Brust, sieht neidlos dem Vertauschen zu und
ist zufrieden. Jeder will dem Kleinen und der Mutter ja nur Liebes tun
und Liebe zeigen. Wozu also um das Krönchen einen Streit beginnen und
das Prioritätsrecht geltend machen! Das erste Krönchen hat ja seinen
Zweck völlig erfüllt, mag nun das zweite Krönchen an die Reihe kommen.
Die Frau mit der zweiten Krone hat die erste Krone abgenommen und wirft
sie beiseite mit einer Gebärde, als ob sie sagen wolle: „So ein Dreck!“
Die Krone ist allerdings schon ein wenig beschmutzt von der zerfallenden
Kopfhaut. Die Pumpmeisterin bückt sich, hebt ihre Krone vom Erdboden
auf, zerknüllt sie zwischen den Fingern so unauffällig wie möglich, geht
dann damit hinaus und wirft sie in das große Feuer, wo die Kracker
angezündet werden.
20
Vor der Hütte hört man reden, und bald darauf kommt der Mann herein, der
den Sarg bringt, den er selbst gemacht hat. Als dieser Mann hereinkommt
und den Sarg, den er unter dem Arm trug, auf den Boden stellt, fängt die
Garza entsetzlich zu schreien an. Alle Frauen in der Hütte beginnen
ebenfalls gell zu schreien, und auch die Frauen, die vor der Hütte
sitzen, schreien und klagen laut.
Der Sargmann hat den Hut abgenommen und wischt sich den Schweiß mit dem
Handrücken. Es kommen nun einige andere Männer herein, und man wird
sofort geschäftig, ohne das Schreien der Frauen zu beachten. Auch Sleigh
ist mit hereingekommen.
Der Sarg wird nun auf eine Kiste gestellt. Er ist selbst nichts weiter
als eine rohe längliche Kiste. Nichts daran ist gehobelt. Die Wände der
Kiste sind außen mit blauem Papier beklebt, damit man das rohe Holz
nicht sehen kann. Im Innern der Kiste ist trockenes Gras, und es sind
trockene Maisblätter darin. Auf diesen Blättern ist eine Schicht
zerbröckelter Kalkstücke.
Vier Männer, darunter Sleigh, fassen den Körper an seinen vier Ecken an
und versuchen, ihn in den Sarg zu heben. Während sie ihn hochheben,
fällt der Kopf tief herunter, und es gewinnt den Anschein, als wolle er
abbrechen. Ich springe rasch hinzu und halte ihn mit dem kleinen Kissen,
auf dem er ruhte, in gleicher Lage mit dem Körper. Dabei läuft mir der
Verwesungsbrei über die Hände. Die Papierkleider fallen auseinander, und
der ganze schöne Aufputz wird eine heillose Manscherei. Endlich haben
wir den Körper in dem Sarge, und die Pumpmeisterin ist sofort tätig, um
die Kleider wieder in Ordnung zu bringen.
Der Sarg ist nun auf den Tisch gestellt worden, und sobald er dort
steht, wirft sich die Garza darüber, um das kleine Gesicht zu küssen.
Aber als sie gerade ihren Mund auf die Lippen pressen will, sieht sie,
daß keine Lippen mehr da sind, sondern nur Zähne, die aus einem
grünlich-gelben Brei herausgrinsen, und daß der runde Augapfel, der
losgelöst auf der Höhle liegt, sie fremd anstarrt. Eine dicke, durch die
Bewegung des Körpers aufgerüttelte Wolke entsetzlichen Gestanks nimmt
ihr den Atem und läßt sie mit einem Ruck zurückfallen. Dort steht sie,
gierig nach frischer Luft ringend, und sie wirft ihre Arme so unsinnig
und unnatürlich in der Luft umher, als seien sie plötzlich aus den
Gelenken gefallen und gehörten nicht mehr ihr. Dann tastet sie mit
flinken Fingern an ihrer Brust entlang und läßt die Hände wie von selbst
über den Hals am Gesicht hinaufklettern, bis sie das Haar erreichen, das
die Finger zerkrallen. Ihre Augen irren hilflos umher, ihre Arme fliegen
mit einem Ruck hoch, und während sie einen grauenhaften Schrei ausstößt,
bricht sie zusammen.
Andere Frauen springen sofort hinzu, flößen ihr Wasser ein und
Schnaps, sprengen ihr Wasser ins Gesicht, versuchen, ihre Hände
auseinanderzureißen, klopfen ihr auf die Backen und auf den Rücken. Nach
einer Weile ist sie wieder munter. Es war der letzte Abschied von ihrem
Jungen.
Ihr Mann, seit einiger Zeit schon völlig im Nebel, kommt nun torkelnd
und stolpernd auf sie zu. Aus der hinteren Hosentasche zieht er die
Tequilaflasche hervor und drückt sie ihr in die Hand. Die Frau nimmt die
Flasche und verschwindet mit ihr in jenem engen Nebenraum. Durch die
Stämmchen sehe ich, daß sie einen mordsmäßigen Zug tut, der einem
frumben Raubritter die Augen auf Stiele setzen würde. Dann kommt sie
wieder hervor, gibt ihrem Manne die Flasche zurück und wischt sich mit
der Hand über den Mund. Der Mann nimmt die Gelegenheit, daß die Flasche
nun doch einmal in der Hand ist, wahr und zieht sich einen wackeren Hieb
durch die Kehle. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen.
Der Sargmann holt einen Hammer aus der Hosentasche und aus der anderen
zwei dicke Nägel. Er hält das für besser, als lange zu reden, was nun zu
geschehen habe.
Die Frau hat diese Ansprache auch sofort begriffen. Sie kommt heran,
deckt das Tuch ab und sieht auf das, was vom Gesicht noch übrig ist.
Sofort summen dicke grüne Fliegen herbei, die sich auf das Gesicht
setzen. Die Frau läßt das Tuch wieder auf das Gesicht fallen und steht
nun eine Weile da, als ob sie auf etwas warte. Dann dreht sie sich rasch
um, nimmt die kleine Gitarre herunter und legt sie neben den Kleinen in
den Sarg. Wieder sinnt sie einen Augenblick, und dann rafft sie das
verschrammte Blechwägelchen und den übrigen Jungenkram zusammen und
packt es auch noch in den Sarg. Und dann sagt sie ganz still und
andächtig: „Adios, Carlos mio!“
Niemand in der Hütte, wo alles dicht gedrängt steht, bewegt sich,
niemand spricht etwas, niemand atmet.
Die Garza läßt den Kopf sinken, dreht sich völlig um, bis sie mit dem
Rücken zum Sarge steht, und geht einen Schritt vorwärts der Wand
entgegen, durch deren Stäbe man das Feuer sieht.
Mit flinken Händen hat der Sargmann den Deckel aufgesetzt, und er gibt
zwei leichte Schläge auf die Köpfe der zwei Nägel, die er eingesteckt
hat, leicht genug, daß man sie noch einmal herausziehen kann.
Nun geht es rasch. Vier Burschen nehmen den Sarg auf die Schultern, und
stolpernd wird losgezogen. Die Männer, Frauen und Kinder folgen. Sie
gehen nicht in einem Zuge, sondern in einem Haufen.
Garza torkelt zwischen zwei Männern, die nicht fähig sind, ihn gerade zu
halten, weil sie mit sich selbst genug zu tun haben, um auf den Beinen
zu bleiben.
Die Mutter geht neben der Pumpmeisterin, in deren Arm sie eingehängt
ist. Immer noch hat sie das meergrüne Kleid an. Das Kleid hat Streifen
und Flecke von Blut und schmutzigem Wasser. Die Blumen sind abgefallen.
Nach wenigen Augenblicken ist der Haufen bei der Brücke. Als der Sarg an
der Stelle ist, wo die Kerbe eingehauen ist, bleiben die Träger stehen.
Die Männer nehmen ihre Hüte ab. Die Garza beginnt herzzerbrechend zu
weinen. Die Pumpmeisterin küßt sie und nimmt sie in ihre Arme.
Die Träger haben sich wieder in Marsch gesetzt. Der Haufe trottet
schwätzend hinterher.
Sleigh bleibt eine Weile auf der Brücke stehen, dann dreht er sich um
und geht heim.
Jetzt hat man die Brücke verlassen, ist an der Pumpstation vorüber und
wandert nun auf dem Dschungelwege zum Friedhof, der ein paar Stunden
weit entfernt ist.
Die Musik, ein Geiger und ein Gitarrespieler, fangen an, die Trauermusik
zu machen. Daß es Trauermärsche gibt, wissen sie nicht, würden es auch
nicht glauben, wenn man es ihnen erzählte. Daß es Choräle gibt, davon
haben sie gehört, können aber keine spielen. Aber amerikanische Tänze,
die können sie spielen. Und der kleine Junge soll doch mit Musik zu
Grabe gebracht werden, weil er nun als kleiner Engel auf der Reise ist.
So setzt die Musik lustig ein mit: „It ain’t goin’ t’rain no’ mo’ –.“
Jene Kulturwelle, die in genau bestimmten Intervallen von der
europäischen und von der amerikanischen Hochzivilisation erbrochen wird,
die in „Puppchen, du bist mein Augenstern“ ihren glorreichen Anfang
nahm, die mit „Yes, we have no bananas“ die bewohnte und die unbewohnte
Erde so verschlammte, daß ich, selbst in den unzugänglichen Dschungeln
von Chiapas, Guatemala und Honduras, diesem hehren Ausdruck einer
angebeteten Zivilisation nicht entgehen konnte, jene Kulturwelle hat nun
einen weiteren, in die fernsten Winkel des Weltalls strahlenden
Höhepunkt erklommen mit „It ain’t goin’ t’rain no’ mo’–“. Man muß
Amerikaner durch Geburt sein, um die Geistlosigkeit, die Sinnlosigkeit,
die Seelenlosigkeit, die Brutalität dieses Tanz-Chorals der Zivilisation
in ihrem vollen Umfange erfassen zu können; wie man geborener Deutscher
sein muß, um zu begreifen, daß „Puppchen, du bist mein Augenstern“ das
hüpfende Vorspiel werden mußte für eine Tragödie der Gehirnlähmung, die
einen fünfjährigen Weltraubmord ermöglichte.
Für den eingeborenen Bewohner der Tropen ist das Wasser etwas Heiliges,
die köstlichste Gabe, die dem Menschen gegeben wurde. „Unser täglich
Wasser gib uns heute!“ Flüsse und Seen sind schön, das gesegnetste
Wasser aber sendet der Himmel herunter auf seine Kinder, wenn ihre Not
am höchsten ist. „Es wird nun nie mehr regnen“ mag für den Herrn
Gerichtsaktuar, der Angst um den neuen Hut seiner Gerichtsaktuarin hat,
ein recht freudiger Gedanke sein. Aber der Fluch der Zivilisation und
die Ursache, warum die nichtweißen Völker sich endlich zu rühren
beginnen, beruhen darin, daß man die Weltanschauung europäischer und
amerikanischer Gerichtsaktuare, Polizeiwachtmeister und Weißwarenhändler
der ganzen übrigen Erde als Evangelium aufzwingt, an das alle Menschen
zu glauben haben oder ausgerottet werden.
Würden die Indianer, deren Sprache wie Gesang ist, weil sie Ehrfurcht
vor der Sprache haben, erkennen, wie tief die weißen Kulturschöpfer ihre
Sprache zu erniedrigen vermögen und wie gedankenlos sie diese
Erniedrigung ihrer Sprache allein in jener einen Zeile in die Welt
hinausschreien und hinausmusizieren und hinaustanzen, so würde ich mich
schämen, einem Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich würde mein
Gesicht mit Zinnober bemalen, nur um nicht mit meiner Rasse
identifiziert werden zu können. Aber sie verstehen weder den Sinn jener
Zeile, noch verstehen sie die Erniedrigung der Sprache, die in jener
Zeile zum Ausdruck kommt. Übrig bleibt nur die Musik. Und durch jene
Musik, die der einen Zeile völlig ebenbürtig ist, dringt die Kultur der
weißen Rasse, die ja in der Musik ihren empfindungsreichsten Ausdruck
sucht, in das Leben der farbigen Völker ein. Und in dieser Musik lernt
der Indianer, dessen Seele und Empfindung noch ursprünglich sind, die
Kultur der weißen Herrenrasse in ihrem Wert erkennen.
Daß dieser blöde Tanz hier als Begräbnismusik dient, offenbart, daß der
Sinn der europäischen Musik hier seine Grenzen gefunden hat und genau
wie die Religion, die von den Weißen gebracht wurde, auf eine
undurchbrechliche Mauer stößt. Den Tod begreift der Mensch hier, aber
die christliche Form des Begrabens ist ihm fremd. Sie ist ihm hohle
Formel, die er rein äußerlich nachahmt. Und darum ist ihm die Tanzmusik
bei dem Begräbnis nichts, das ihn stören könnte. Der Tod ist das Große,
das Eigene; was darüber ist, das ist das Fremde. Die Tanzmusik ist am
richtigen Platze. Wäre es anders, würde der Indianer in Verwirrung
geraten.
21
Was schiert sich die Sonne hier um Leichen, um weinende Mütter, um
Begräbnisse? Was schiert sich die Sonne um Zivilisationen, um echte
Kultur, um unechte Kultur, um gute Musik, um schlechte Musik und um
Ärger über Verpöbelung der Welt, der Rassen und der Seelen? Was immer es
auch sei, das uns Weh bereitet, sie steht erhaben und mächtig im All.
Sie ist der Gott, der alleinige, der sichtbare, der allgegenwärtige, der
ewig junge und lachende Gott, wandernd am Firmament wie ein steter
jubilierender Schöpfungsgesang. Sie ist Schöpfer und Erhalter und
Erzeuger und Gebärer. Sie spendet und verschwendet, ist nimmer müde,
fordert keine Gebete als Belohnung und droht nie mit höllischen Strafen.
Was schiert sich die Sonne um ein Begräbnis? Steil steht sie hoch über
uns, und ihre Glut brüllt. Und wir stolpern und staggern dahin, über
Wurzeln, umgefallene Baumgiganten, über Löcher und ausgewaschene
Furchen, wir drängen uns durch Gestrüpp, durch Dornengesträuch und durch
hohes scharfes Gras. Schwätzend, lachend, rufend, kreischend, weinend
und musizierend. Onesteps und Twosteps und Foxtrotts und immer, wenn den
unermüdlichen Musikanten nichts einfällt, was sie spielen sollen, dann
spielen sie das große Tedeum „It ain’t“. Der Sarg schaukelt bedenklich
auf den Schultern der stolpernden Burschen, und wenn einer durch die
trockene Erde in ein darunter ausgewaschenes oder von Tieren
ausgegrabenes Loch bricht, schreit die ganze Herde, plötzlich aus dem
stumpfen Dahinstolpern aufwachend: „La caja! Die Kiste!“ Und die am
nächsten sind, springen hinzu, um die Kiste aufzuhalten, damit der
Inhalt nicht vorzeitig verlorengeht und die Böschung hinunterschießt.
Denn ehe man ihn in diesem Gewirr des Dschungels gefunden und
herausgepellt hätte, würden die Geier, die an den Seiten des Weges
lauern, wo sie von Baum zu Baum fliegen und die aussehen wie
verwunschene Kapläne, ein Dutzend Fetzen herausgerissen haben, und es
würde sich kaum noch recht lohnen, zum Friedhof zu ziehen.
Vor dem Sarge geht Morano, der mittlere Bruder. Er ist von einer Schar
schreiender und quiekender Jungen umgeben. Einer von den Jungen schwingt
fortgesetzt ein angebranntes Holzscheit, um es glimmend zu halten. Und
Morano zündet seine Kracker an und schleudert sie in die Lüfte, wo sie
knallend explodieren. Bei den ersten Knallern erhoben sich die
Schwarzröcke mit schweren mächtigen Schwingen in die Lüfte. Jetzt aber
haben sie sich schon daran gewöhnt. Schwer rudern sie von Baum zu Baum,
mit gierigen und wütenden Augen den Zug anstarrend. Die heiligen Vögel
der Tropen, die nicht geschossen, nicht gejagt oder gefangen werden
dürfen, denn sie sind legitimierte Beamte, die Gesundheitspolizei des
Dschungels, des Busches, der Prärien und der Sandmeere.
Manuel geht ganz für sich allein, als ob er nicht dazugehöre. Garza
bleibt häufig stehen, zerrt die Flasche aus der hinteren Hosentasche und
zieht einen Tüchtigen. Seine beiden Freunde helfen ihm dabei, und wer
sonst gerade Lust hat, kommt herbei. Garza ist freigebig, und wenn diese
Flasche leer ist, dann hat er in der linken hinteren Hosentasche eine
andere Literflasche voll Leichenschmaus.
Die Mutter geht in der Herde. Wer es nicht weiß, würde nicht vermuten,
daß sie die Trauernde ist. Sie geht nicht mehr im Arm der Pumpmeisterin,
weil die nahe Berührung wegen der Glut, in der wir marschieren,
unerträglich geworden ist. Aber die Pumpmeisterin geht neben ihr, und
einige andere Frauen sind in ihrer Nähe. Man spricht, um den Weg
abzukürzen. Man redet von tausend Dingen, die Frauen interessieren
können, nur nicht mehr von dem Kleinen. Der Marsch ist schon ein
Zurückwandern in das alltägliche Leben. Die Burschen, die den Sarg
tragen, streiten unausgesetzt miteinander; niemand will tragen, niemand
will ablösen. Es stinkt unerträglich in der Nähe des Sarges, und die
Burschen binden sich Taschentücher vor die Nasen. Das Tragen ist
ermüdend, lästig und unbequem. Die schwarzen Vögel würden nicht von
Gestank oder von Anstrengung sprechen, aber streiten würden sie sich
noch viel mehr, und die Schwachen hätten zu warten, bis die Starken
schwerfällig auf einen Ast zufliegen müssen, um zu verdauen.
Es ist bewundernswert, wie die Musiker trotz der Gluthitze, trotz des
Kletterns auf dem Dschungelwege – denn Wandern oder Gehen ist es nicht
–, trotz einer langen Nacht unermüdlichen Zum-Tanz-Aufspielens
unverdrossen und berufsfreudig den Trauermarsch spielen und dadurch der
dahintrottenden Herde Sinn und Inhalt geben. Man würde sonst vergessen,
warum man diese Reise überhaupt unternommen hat. Denn grün ist es
rundherum und unter den Füßen, goldschimmernd blau ist der Himmel, die
Sonne bläst schmetternde Fanfaren, die Vögel singen, von Blumen übersät
und durchleuchtet ist der Dschungel, und Schmetterlinge, fächergroße und
edelsteinkleine spielen jubelnde Farben durch die Luft. Es zirpt und
geigt und flötet im Grase und im Laube.
Es lebt die Welt. Was ist ihr das Stückchen zerfließende Verwesung?
Nichts. Nicht einmal Dünger. So reich ist sie, so verschwenderisch, daß
sie dieses Düngers nicht braucht und ihn den Schwarzröcken zum Festmahle
preisgibt. O Mensch, wie wenig bist du, wie wenig dein Mühen und
Streben! Freue dich, liebe, stirb und rufe die Geier, den Rest zu tun!
Aber da ist das Dorf in Sicht. Hütten, Palmhütten und Grashütten. Nackte
Kinder wimmeln herum die Menge; Hühner, Ziegen, Schweine, Esel und Hunde
zwischen den Hütten, hinter den Hütten, in den Hütten, auf den Wegen.
Die Leute kommen aus ihren Behausungen. Schweigend lassen sie den Zug
herankommen und schweigend lassen sie ihn vorübergehen. Die Männer alle
nehmen ihre Hüte ab, wenn der Zug an ihnen vorbeikommt. Selbst die
nackten und zerlumpten braunen kleinen Wildlinge halten in ihrem
Herumjagen inne, bleiben schweigend stehen und sehen dem Haufen mit
weitaufgerissenen Augen nach. Eine Frau stößt einen gellenden Schrei
aus, bückt sich, hebt ihr kleines Würmchen, das auf dem Boden strampelt
auf und drückt es an ihre Brust, als wolle es jemand stehlen kommen.
Dann bricht sie in langgezogenes Klagen aus, in das andere Frauen
einstimmen und das aus dem Zuge heraus von der Garza und einigen anderen
Frauen beantwortet wird.
Aus der Tienda kommt ein Mann herausgetorkelt. Er hat einen billigen
weißen Leinenanzug an mit einer Jacke. Einen dünnen Zweig hat er in der
Hand, mit dem er kreuz und quer in der Luft herumfuchtelt. Er hat schwer
Topgewicht und kann sich kaum auf den Beinen halten. Es ist der Lehrer
aus dem nächsten Dorf, das näher zur Bahn liegt. Er ist nur für zwei
Monate in jenem Dorf, weil die Regierung jenem Dorfe nur für zwei Monate
Schullehrergehalt bewilligt hat. Mehr Geld ist nicht da. Und wenn die
zwei Monate um sind, geht der Lehrer wieder heim zu seiner Familie, die
in einem anderen Staate lebt, sechshundert Kilometer von hier entfernt.
Das Geld für die Heimreise muß er sich in den Dörfern zusammenbetteln
gehen, weil von dem Gehalt, nachdem er sein Kostgeld bezahlt und seiner
Familie den Rest geschickt hat, nichts mehr übrig ist.
Freunde der Garzas in dem Dorfe, wo er Schule hält, in einer Hütte, wo
die Kinder keinen Tisch haben, um ihr Schreibheft oder ihr Lesebuch
draufzulegen und sie deshalb auf den Knien schreiben müssen, haben ihn
gebeten, hierher zu kommen und die Trauerrede für das Kind zu halten. Er
hat sich sofort sehr früh aufgemacht, weil man ihm gesagt hatte, das
Begräbnis sei um ein Uhr. Das war ein Mißverständnis. Es sollte heißen,
daß der Zug um ein Uhr von Hause fortginge. Und jetzt ist es fünf Uhr.
Ich kenne den Lehrer von früher her, als er in einer kleinen
Indianerstadt Schule hielt. Damals habe ich mit ihm und seiner Schule
Schulfeiern und Schulausflüge mitgemacht und habe mit den erwachsenen
Indianern, die Lesen und Schreiben lernen wollten, weil jeden Sonntag
die Kommunisten herauskamen und ihnen predigten, das sei wichtig, die
Abendschule besucht, wo ich zwar nicht Lesen und Schreiben lernte, wo
sich mir aber eine neue Welt erschloß.
Der Lehrer ist kein Indianer, er hat nicht einen Tropfen indianischen
Blutes; er sagte mir einmal, er sei Spanier. Ich glaubte es ihm aber
nicht ganz, zur Hälfte hat er sicher maurisches Blut in sich, und wenn
ich mich nicht täusche, ist er Ägypter. Er ist freilich hier im Lande
geboren. Nun weiß ich, daß er ein sehr nüchterner Mensch ist. Aber da
steht er nach einem langen anstrengenden Marsche hier vor der Tienda, wo
es nicht nur Hosen, Stiefel und Laternen gibt, Mehl, eingemachte
Pfirsiche, Kaffee, Hüte, Äxte und Revolverpatronen, sondern auch
Tequila. Und dann kommt ein Indianer, der Vater eines oder mehrerer
Kinder ist, die zu dem Lehrer in die Schule gehen, und er ersucht den
Lehrer um die Ehre, einen Schnaps mit ihm zu trinken oder eine Flasche
Bier. Der Lehrer möchte nicht nein sagen, um den Mann nicht zu
beleidigen und um nicht den falschen Eindruck zu erwecken, daß er zu
stolz sei, mit dem einfachen indianischen Arbeiter einen zu trinken. Und
so trinkt er. Nach einer Weile kommt ein anderer Vater, und der Lehrer
trinkt, weil er ja den zweiten unsagbar kränken würde, nicht mit ihm zu
trinken, nachdem er doch mit dem ersten getrunken hat. Fünf Stunden sind
lang, die Sonne glüht, das Wasser schmeckt lau wie Jauche, Kaffee ist
nicht zu haben, Limonade, wenn zu viel getrunken, bläht auf, und den
Schnaps kann man nicht ablehnen, und so ist der nüchterne Lehrer im
Tran.
Der Zug geht weiter. Aus dem Dorfe folgen viele nach. Hinten torkelt der
Lehrer und braucht den ganzen Weg für sich. In seinen Arm eingehängt ist
jener Freund der Garzas, der den Lehrer gebeten hat, die Rede zu halten.
Jener Freund ist noch betrunkener als der Lehrer, dessen Willenskraft
wohl geschwächt, aber nicht betäubt ist. Der Lehrer versucht immer
wieder, sich gerade zu halten, aber sein Begleiter schleift auf dem
Boden entlang und macht durch sein Zerren und Herumdrehen und Hinstürzen
den Lehrer mehr berauscht, als er es sonst wäre, wenn er ganz allein
sein könnte und nicht unter dieser Suggestion des Schwerbetrunkenen
stünde, der sich durchaus gehen läßt.
22
Nun ist der Zug vor dem Friedhof. Die Männer nehmen ihre Hüte ab, und
unter unaufhörlichem Knallen und Raketenfeuern wird der Leichnam durch
die kleine Pforte getragen. So wenig wie dem Indianer diese Religion in
sein Wesen gedrungen ist, so wenig wie er diese Form des Begrabenwerdens
begreifen kann, so wenig klar ist ihm der Sinn eines christlichen
Friedhofes. Ein Schindacker in einem europäischen Lande sieht besser
aus.
Da sind Hügel, und da sind Haufen. Da liegen verwelkte Kränze, und da
stehen auf Gräbern Kreuze. Und es stehen viele Kreuze herum, wo man nur
aus dem Kreuz schließt, daß hier ein Grab sei. Auf die Kreuze ist
manchmal mit weißer Kreide, manchmal mit blauer Kreide, manchmal mit
Tintenstift und manchmal mit Bleistift etwas geschrieben. Es soll der
Name sein und das Datum. Es könnte aber auch etwas anderes sein, es kann
auch eine Rechnung aus der Tienda sein. Nach dem Datum sind manche
Gräber nur ein Jahr oder ein halbes Jahr alt, aber die Kreuze sind halb
zerbrochen oder liegen gar in Stücken herum an ganz anderen Stellen, als
wo sie eigentlich hingehören. Manche Grabplätze sind aufgewühlt von
Hunden oder Schweinen oder Ziegen. Die Gräber liegen durcheinander.
Dazwischen ist Dornengestrüpp, da sind Kakteen, und da ist Gras und
Wüstenkraut. Alles ein Dschungel von schwarzen, weißen, blauen, roten
und grünen Kreuzen und von zerbrochenen Kreuzen, als hätten die
Höllenbewohner hier ein infernalisches Knüppelholzschlagen veranstaltet,
ein Dschungel von Hügeln, Haufen, Löchern, Schutt, Papierblumen, dürren
Kränzen, Sträuchern, Lehmklumpen, Kraut und Gras.
Sieht man einen solchen Friedhof zum ersten Male und vergleicht man ihn
bei diesem ersten Male mit jenen friedlichen, sauberen Kirchhöfen, die
man in Europa gesehen hat, so möchte man fragen: Wie ist das denn
möglich? Ich wollte eine solche Frage an mich stellen, als ich einen
solchen Friedhof zum ersten Male sah. Aber ehe ich diese Frage zu Ende
gedacht hatte, fand ich die Frage in dieser Betonung lächerlich. Denn
das allein ist ja der Friedhof, den die Menschen haben sollten, wenn sie
keine Heuchler wären. Aber sie müssen noch nach dem Tode heucheln und
als Gespenster herumlaufen. Seit jenem Tage, wo ich zum ersten Male
einen echten indianischen Friedhof im Dschungel sah, bin ich zu der
Wahrheit gelangt: Steht das Kreuz ein halbes Jahr auf dem Hügel und ist
der Hügel ein halbes Jahr sichtbar, so ist es in beiden Fällen sechs
Monate zu lange. Das Kreuz und der Hügel verhindern, daß der Mensch im
Herzen und im Geiste der Zurückgebliebenen weiterleben kann, darum ist
er gezwungen, als Gespenst uns das Leben zu verbittern.
Der Zug ist jetzt an dem Loche, wo der Kleine hineingebettet werden
soll. Kein Totengräber gräbt die letzte Grube. Der Vater muß es tun oder
der Bruder oder ein Freund. Manuel hat das Grab aus dem harten lehmigen
Boden herausgehackt und herausgeschaufelt. Dann ist er auf dem Pferde
zurückgeritten, um dem Sarge folgen zu können.
Der Sarg wird hingestellt. Der Sargmacher zieht die Nägel heraus und
hebt den Deckel ab, damit die Mutter Abschied nehmen kann.
Man sieht die grellbunten Papierröcke, die goldene Krone, das Zepter und
die goldenen und silbernen Sterne und Kreuze. Aber das Gesicht kann
irgend etwas sein, nur kein Gesicht. Mit einem Schrei wirft sich die
Garza über den Sarg, den sie fest umklammert. Ihr Schrei geht in Wimmern
über.
Garza kommt stolpernd heran. Er muß sich fest auf die Männer, die dicht
dabei stehen, stützen, damit er nicht umfällt, denn die zweite
Tequilaflasche ist inzwischen auch nahe zur Neige gegangen, und es sind
gerade noch ein paar Trosttropfen für ihn und seine Frau drin. Aber es
ist sein gutes Recht, hier dicht an dem offenen Sarge zu stehen, denn er
ist der Vater. Er will etwas sagen, vielleicht will er auch nur einen
Schmerzensschrei ausstoßen, aber er quiekst nur und wischt sich mit der
Hand die Tränen von den Backen. So betrunken ist er lange nicht, daß er
nicht weiß, was da von ihm genommen wird, daß sein Nesthäkchen nun für
immer abgewandert ist.
Die Pumpmeisterin und zwei andere Frauen, die laut schluchzen und
schreien, als wäre es ihr Kind, heben die Garza auf. Sobald der Sarg
auch nur ein wenig frei ist, zieht ihn der Sargmacher gleich unter der
noch halb niedergebeugten Garza hervor. Ein anderer Mann hat schon den
Deckel bereit, und im Augenblick ist der Sarg zugenagelt. Diesmal für
immer. Dann trägt man ihn dicht an das Loch.
Und nun drehen sich alle Leute um und warten auf den Lehrer. Der Lehrer
ist noch draußen vor der Friedhofspforte. Er weigert sich, den Friedhof
zu betreten, weil er genug Verstand behalten hat, um ganz genau zu
wissen, was mit ihm los ist, und daß er, der weinenden Mutter wegen,
nicht unter die Trauergemeinde treten kann und es auch nicht mag. Aber
jener Freund der Garzas, der ihn eingeladen hat, zerrt ihn jetzt durch
die Pforte und ruft noch einen anderen Mann herbei, um den Lehrer zum
Grabe zu schleifen.
Endlich steht er am Grabe, und alle Leute sehen ihn. Er schwankt
bedenklich. Und mit einem Male geht er wieder fort vom Grabe und
versucht, sich davonzuschleichen. Der Freund hat das trotz seiner
Trunkenheit bemerkt und schreit wie besessen hinter ihm her. Es fängt
an, ein lautes Begräbnis zu werden. Der Freund kann sich nicht beruhigen
und schreit, es sei eine Schande, erst die Rede zu versprechen und sie
dann nicht zu halten. Andere Männer reden auf den Wütenden ein, den
Lehrer doch zu entschuldigen, aber das macht den Mann nur noch wütender.
Er beginnt den Lehrer maßlos zu beschimpfen. Um den Mann zu beruhigen
und den Streit, den andere Halbbetrunkene aufnehmen, zu beenden, wirken
die Leute auf den Lehrer ein, doch zu reden. Aber der Lehrer lallt nur.
Und während er sich umwendet, um die Leute abzuwehren und seiner Wege zu
gehen, sieht er die weinende Mutter, die weder bittend, noch abweisend
die Augen auf ihn gerichtet hält. Was die Mutter denken mag angesichts
dieser Streiterei und der Unwilligkeit des Lehrers, ist aus ihrem Blick
nicht zu erkennen. Aber es scheint, daß der Lehrer in seinem
Nebelzustande etwas darin sieht, was wir anderen nicht zu sehen
vermögen. Jedenfalls geht er plötzlich wieder auf das Grab zu.
Er steht dicht am Rande der Grube und schwankt verdächtig hin und her.
Mit beiden Armen gestikuliert er nun heftig in der Luft herum und öffnet
den Mund. Da er in der einen Hand noch immer den abgeschnittenen Zweig
hält, so sieht er aus, als ob er mit jemand kämpfen wolle. Seine Augen
werden ganz stier und gläsern. Es spiegelt sich in seinem Blicke der
Eindruck wider, daß alle die Gesichter, die auf ihn jetzt gerichtet
sind, zu einer Einheit verschmelzen, die für ihn etwas Unheimliches
haben muß; denn seine Gesichtszüge beginnen, sich in Angst zu verzerren.
Ich habe ihn einmal am Unabhängigkeitstage reden hören, und ich weiß,
daß er für Verhältnisse dieser Art als guter Redner gelten kann und daß
er auch keine Redefurcht hat. Warum er die gräßliche Angst zeigt, ist
mir unverständlich. Er fuchtelt jedoch immer heftiger mit den Armen
durch die Luft, macht den Mund weit auf und klappt ihn wieder zu. Man
könnte leicht annehmen, daß er glaubt, er rede bereits.
Plötzlich aber schreit er ganz unvermittelt los: „Wir sind alle sehr
traurig!“
Er schreit das so gewaltig hinaus, als ob er zu fünftausend Menschen zu
sprechen hätte, die auf weiter Ebene versammelt sind und ihn alle hören
sollen.
Dann brüllt er los, als ob er nun zu zwanzigtausend Leuten reden müßte:
„Der kleine Junge ist tot!“
Das alles war aber noch gar nichts, denn jetzt hebt ein Brüllen an, als
ob der Himmel auseinandergerissen werden solle: „Auch die Mutter des
kleinen Jungen ist sehr traurig. Sie weint.“
„Auch die Mutter ist sehr traurig. Jawohl, das ist sie!“ wiederholt er
mit diesem Brüllen, und dabei schlägt er mit dem Zweige so heftig durch
die Luft, als ob er den, der etwa bezweifeln sollte, daß die Mutter auch
sehr traurig sei, mit einem Hieb der Länge nach durchspalten wolle.
Dieser Hieb war gut gemeint, und er war auch ehrlich gemeint, und
vielleicht war er ein Trost für die Mutter, die sehr traurig ist. Aber
der gutgemeinte Hieb war mehr, als das Gleichgewicht des Redners in
diesem Augenblick vertragen konnte. Der gute Mann sauste über und sauste
in das Grab hinein. Er kam aber nicht ganz bis auf den Boden des Grabes.
Über dem offenen Grabe lagen zwei Baumstämme, auf denen der Sarg
eigentlich stehen sollte, zum großen Glück des Redners aber noch nicht
hingestellt worden war, weil man durch das Streiten diese Handlung
vergessen hatte. Einen dieser Baumstämme hatte der Lehrer im Fallen
gerade noch erwischt, und nun hing er, beide Arme vor sich hingestreckt,
ebenso kläglich wie hilflos auf dem Stamm. Mit den Beinen angelte er nun
seitlich aufwärts, um den Rand zu erklimmen und daran hochzuklettern.
Aber seine Anstrengungen waren vergeblich, und hätte man ihm nicht
brüderlich beigestanden, so wäre er in das Grab hinabgesunken, von wo
er, wäre er allein hier gewesen, sich heute auf keinen Fall selbst
wieder hätte herauskrabbeln können.
Trotzdem diese Entgleisung des Redners recht lustig war, sah ich doch
nicht einen einzigen unter allen, die anwesend waren, lachen. Und ich
selbst, dem das Lachen für gewöhnlich verhängnisvoll nahe steht, fand
auch nicht eine Spur von Komik in dem Vorgang. Damals auf keinen Fall,
ich erinnere mich dessen noch sehr genau, und ich erinnere mich ebenso
genau, daß mir in jenem Augenblick ein Weinkrampf näher war als das
bescheidenste Lächeln. Heute, nachdem ich drei Monate Zeit hatte, mir
jene einundzwanzig Stunden des wirbelnden Tanzes, zu dem der große
Musikmeister aufspielte, einzeln zurückzurufen, sie wieder zu erleben
und durch und durch zu erleben, weiß ich, daß niemand lachen konnte
darum, weil alle, alle dasselbe fühlten, was ich in jenem Augenblick
fühlte. Denn warum sollte ich ein Ausnahmemensch sein und etwas fühlen,
was andere Menschen nicht fühlen können! Und ich fühlte: Der Lehrer ist,
während er am Grabe steht, nichts als reine brüderliche Liebe für die
weinende Mutter, nichts als hingebende Hilfsbereitschaft für den
trauernden Mitmenschen. Und warum sollte einer von allen den Anwesenden
etwas anderes empfunden haben als ich? Hat doch keiner gelacht! So wenig
wie ich den Drang zum Lachen fühlte!
Der Lehrer steht wieder an dem Rand der Grube. Den Zweig hat er noch
immer in der Hand, er hat ihn nicht einmal in seiner höchsten Not fallen
lassen. Er steht da mit einer Miene, als habe das, was eben geschehen
sei, gar nicht ihm gegolten, sondern irgendeinem anderen, und er habe
während dieses Zwischenfalles seine Rede unterbrochen, bis die Störung
vorüber sei.
Mit demselben Brüllen redet er nun wieder weiter: „Auch der Vater ist
recht traurig. Jawohl!“ Und wieder wird der, der daran zweifelt, der
ganzen Länge nach durchgespalten. Jetzt aber hat sich der Weise besser
vorgesehen. Er steht nicht mehr so dicht an der Grube, daß er
hineinfallen könnte. Dafür aber hat der Hieb, der bei dieser Redewendung
seitlich weggeführt war, wie der Hieb eines Reiters vom Pferde herab, um
nicht etwa abermals in die Grube zu lenken, das Gleichgewicht nach einer
anderen Grundidee ausgeschwenkt. Denn nun, als die Schwungkraft dieses
Hiebes sich auszuwirken bemüht, saust der Redner rechts herum wie ein
Kreisel. Der Hieb war so kräftig geführt, daß eine ganze Drehung
zustande kommt. Diese Drehung ist zwar nicht kerzengerade, weil das ja
sowieso gegen die physikalischen Gesetze verstoßen würde und deshalb
schon unzulässig wäre und mit Geldstrafe belegt werden kann. Nein, die
Drehung ist schwankend schwenkend, etwa wie bei einem großen
Blechkreisel, der seine letzten aushauchenden Tänze vollführt.
Der Redner steht wieder in seiner Anfangsstellung, mit dem Gesicht den
Leuten zugekehrt. Auch diesmal hat keiner gelacht. Wie könnte man auch
lachen, wenn jemand seine Sympathie mit solchem Nachdruck äußert!
„Der kleine gute Junge hat so früh sterben müssen“, brüllt der Lehrer
und schlägt wieder zur Bestätigung mit dem Zweig. Nun aber hat sich der
Körper an diese Beiprodukte der Rede gewöhnt und antwortet nicht mehr
darauf.
„Der gute Junge, den wir alle so lieb hatten, hat so rasch sterben
müssen. Das tut uns allen so sehr leid. Nun wollen wir ihn begraben.
Adios, mein lieber, kleiner Junge!“
Verflucht noch mal und ausgespuckt, der Geier soll doch das ganze
Begräbnis holen! Jetzt heule ich. Wahrhaftig, ich heule wie ein alter
Schloßhund, dem die weiße Frau als Ameisenbär erscheint. Ich heule, und
die ganze Gesellschaft, Männer, Weiber und zerbröckelnde Lehmkügelchen
weinen und schluchzen. Es ist nicht mehr jenes gelle Schreien wie in der
Nacht. Es ist ein stilles weinendes Trauern.
Und was geht mich denn der Junge an! Ein Indianerjunge. Er ist doch gar
nicht mein Junge. Aber ich heule. Vielleicht ist er doch mein Junge,
ebensogut mein Junge, wie er der Junge aller dieser Leute hier, wie er
der Junge aller Menschen ist. Mein Junge, mein Bruder, mein kleiner
Mitmensch, ein Menschenkind, das leiden konnte wie ich, das lachen
konnte wie ich, das sterben konnte, wie ich es muß.
Man will den Sarg mit Stricken, die aus fünf verschiedenen Riemen,
Stricken und Bindfaden zusammengeknüpft sind, herunterlassen. Aber die
Stämme wackeln hin und her, und die Stricke lassen sich der vielen
Knoten wegen nicht recht handhaben.
Da springt ein Mann kurz entschlossen in die Grube.
„Reich’ mir die Kiste zu.“
Der Mann klimmt heraus.
Mutter und Vater werfen Erde darauf.
Dann fliegen die Hände voll Erde von allen Seiten polternd auf die
Kiste.
Die Musik hat sich da aufgestellt, wo der Lehrer, der sich unauffällig
entfernt hat, während seiner Rede gestanden hatte. Die Musik wird nun
spielen: „O heilige Jungfrau, voller Gnaden, du segensreiche Dulderin.“
Ich bin erlöst. Die Musik hat Geschmack und Takt. Sie weiß den wahren
Ton für die leidende Menschheit zu treffen. Sie heuchelt nicht und macht
keine Heuchelei mit. Diese Todsünde begeht sie nicht. Sie ist echtes
Geblüt des Dschungels. Sie hat den bewundernswerten Mut, die Dinge beim
rechten Namen zu nennen, immer und überall; sie hat die unerschütterte
Urkraft, den Dingen, deren Sinn von der Gedankenlosigkeit eines
taumelnden Geschlechts verwirrt wurde, den ursprünglichen Sinn
zurückzugeben, der die Gestalt und das Wesen des Dinges bestimmt.
Und sie spielt den großen Trauermarsch der Menschheit: „It ain’t goin’
t’rain no’ mo’ –.“
Und als der Choral, der mit Ewigkeiten Marmeln spielt und mit dem
Entsetzen des Weltalls Stiefel putzt, verklungen ist, mehrere Burschen
emsig Erde in die Grube schaufeln, andere die Blumen und Kränze ordnen,
die Mutter weinend in einem Knäuel weinender Frauen steht, die sie
umarmen und küssen, die Männer ihre Hüte aufsetzen und sich Zigaretten
drehen und niemand den Friedhof verläßt, bis die Mutter das Zeichen zum
Aufbruch gibt, fühlt die Musik, noch immer am Kopf der Grube stehend,
daß man noch etwas von ihr erwartet, weil sie erst die Hälfte ihrer
Aufgabe erfüllt hat.
Da besinnt sie sich auf den Trauermarsch von gestern, glorreich wie der
beendete Fischzug von gestern, der die Säcke der Wissenden und
Verständigen mit Gold füllte, und die Rippen der Begeisterten und
Gläubigen mit Nickelstahl. Jener Trauermarsch, der die Faust, die sich
erhob, während man die Säcke zählte, recht dienstbeflissen und geschickt
mit Nagelputzcreme behandelte und zur selben Zeit den Unknown Warrior,
den Unbekannten Krieger, zur Hilfe aufrief, um der Faust die Krallen zu
stutzen. Jener Trauermarsch kam zur guten Stunde, um das herannahende
Weltdonnerwetter abzuleiten in die goldbronzierte Inschrift: – Arbeiten,
damit die andern nicht verzweifeln. Do It Now! –
Und dieser Trauermarsch kommt auch jetzt zur guten Stunde und fällt den
Musikern am rechten Platze ein: „Yes, we have no bananas, we have no
bananas to-day.“
Adios, mein lieber kleiner Junge! Adios! Es leben die Maden und Würmer!
Adios! So wie du wurde noch kein König begraben!