Lachend sagt er: „Was ist denn, Mutter?“

„Wir können Carlos nicht finden“, sagt sie, ängstlich in seinem Gesicht

suchend, ob er nicht das erlösende Wort sprechen würde.

Das Lächeln auf dem Munde Manuels wird um einen Grad leichter, und er

sagt: „Ich habe ihn ja gerade eben noch gesehen.“

„Wo?“ ruft die Mutter, während sich ihr Gesicht merkwürdig aufhellt, als

wäre es plötzlich von strahlender Mittagssonne getroffen worden.

„Ja, hier, er wollte sich an meinem neuen Taschentuch die Nase abputzen.

Das tat er auch. Dann schob er mir das Tuch wieder in die Hosentasche.

Da, hier ist es. Dann puffte er mich in die Seite, trat mich auf den

Fuß, und fort war er wie ein Coyote.“

„Du sagst, gerade eben noch?“ drängt die Mutter auf ihn ein.

„Ja, natürlich, gerade eben noch. Oder –“

„Was oder? Was oder?“ Die Mutter schüttelt ihn heftig an den Armen.

„Oder – Warte mal, das kann auch schon zehn Minuten her sein.“

Die Garza läßt kein Auge von seinen Lippen.

„Laß mich mal denken. Es kann auch eine halbe Stunde her sein.

Vielleicht noch mehr. Ja, ich glaube, es ist länger her. Seit dann habe

ich ihn nicht mehr gesehen.“

Das Gesicht der Garza verdunkelt sich mit einem Ruck. Die Stirne zieht

sich über der Nasenwurzel zusammen wie in einem Krampf, und das ganze

Gesicht scheint zusammenzuschrumpfen, als ob es verwelke.

„Nachdem war er noch drüben bei mir. Er reichte mir den Faden, damit ich

die Blumen zusammenbinden konnte. Das war nachher –“ Trotz ihrer

fliegenden Angst rekapituliert die Frau so genau, als läse sie das aus

einem Buche. „Das war nachher, denn er sagte mir, daß er dir das

Taschentuch aus der Tasche gezogen habe, und wenn du nicht so ein guter

Manuel wärest, dann würde er es dir sicher stehlen.“

Nun sieht sich Manuel besorgt um, dreht sich und hofft augenscheinlich,

den kleinen Bruder im selben Augenblick irgendwoher aus der Nacht

auftauchen zu sehen, denn er hat ihn zu lebensdeutlich vor Augen.

Garza ist aufgestanden und steht unschlüssig da, er weiß nicht, was er

tun soll. Seine Geige hat er gedankenlos auf die Bank gelegt.

Die Pumpmeisterin ist näher gekommen, mit ihr einige andere Frauen. Es

kommen jetzt auch Männer näher heran, um zu hören, was hier los sei. Die

Pumpmeisterin redet beruhigend auf die Garza ein, sie hat selbst Kinder,

und die sind alle Augenblicke zu suchen, manchmal an Stellen, wo es kein

Mensch vermuten würde. Auch die übrigen Frauen sprechen ihre Erfahrungen

aus: „Das kleine Kroppzeug kommt immer wieder. Nur ja keine Angst,

Carmelita. Wenn er Hunger hat oder sich irgendwo ausgeschlafen hat, dann

werden Sie ihn schon erscheinen sehen.“

Manuel hat sich entfernt. Nach einer Weile hört man ihn aus der

Finsternis herausrufen: „Carlos! Carlos!“

Alle, die hier herumstehen, hören auf zu sprechen und lauschen auf die

Antwort. Aber man hört nur das Singen und Wimmern des Dschungels und das

Sprechen der mehr abseits stehenden Gruppen.

Durch das Rufen Manuels werden auch die übrigen Gruppen aufgescheucht,

sie beginnen sich zu bewegen und an dem Tanze, dessen erste Takte sich

noch schwerfällig hinschleppen, teilzunehmen.

Der Pumpmeister geht zu dem offenen Schuppen, wo die Pumpe und der

Kessel stehen, und leuchtet mit einigen Zündhölzern herum. Alle sehen

hinter ihm her und erwarten, daß er den Jungen jetzt gleich da irgendwo

am Arme hervorzerren wird. Als er aber wieder zurückkommt, sieht jeder

ein, daß es unsinnig war, zu erwarten, der Junge würde sich zwischen dem

verölten und verschmierten Eisengestrüpp verkrochen haben.

Gequält sieht die Garza von einem zum andern. Sie hält eine Faust am

Munde und nagt daran herum. Ihre Augen werden wie die eines Tieres, das

instinktiv eine Gefahr herannahen fühlt. Ein Gedanke kommt ihr. Sie

nimmt die Faust vom Munde fort, birgt sie in die linke Hand, hält so

beide Hände eine Weile vor der Brust und dreht sich dann rasch

entschlossen um. Sie geht schnell auf die Brücke zu. Nach wenigen

Schritten bleibt sie stehen, läßt Kopf und Arme entmutigend sinken und

kommt mit schweren schleppenden Schritten zurück zu der Gruppe.

Garza weiß nicht, was er tun soll. Er dreht sich endlich gedankenlos

eine Zigarette.

„Carlos! Carlos!“ hört man hin und wieder aus verschiedenen Richtungen

her Manuels Stimme. Das veranlaßt mehrere Burschen nach anderen

Richtungen auszustreifen, und bald vernimmt man von überall her den Ruf

„Carlos!“ Nach jedem Ruf folgt ein Schweigen, und manchmal scheint es,

als ob selbst der Dschungel für kurze Momente mitschwiege, um ein

Menschenkind retten zu helfen.

6

„Senjora! Senjora Garza!“ ertönt da die rufende Stimme zweier Jungen,

die offenbar von drüben, von der anderen Seite herangesaust kommen.

„Also, da ist er ja, der Junge“, ruft die Pumpmeisterin aus. Alle

Gesichter entspannen sich, und eilige Worte fliegen hin und her, um

rasch etwas zu sagen, ehe die heranspringende Neuigkeit einem die

Möglichkeit nimmt, etwas ungemein Wichtiges auszusprechen.

Ein paar Burschen und Mädchen entfernen sich von der Gruppe,

gelangweilt. Es war ja die Aufregung wahrhaftig nicht wert. Wie kann

denn der Junge verlorengehen.

Die Garza schluckt, und sie leckt sich die trockenen Lippen. Dann holt

sie tief Atem, als habe sie seit Stunden nicht geatmet. Dennoch läßt sie

sich nicht überwältigen. Es steigt Hoffnung in ihrem Gesicht auf, aber

der Zweifel bleibt die stärkere Empfindung. Sie hat sich so sehr in

Gewißheit hineingearbeitet, daß sie nicht leicht herausfinden kann.

Nun sind die Jungen heran. Atemlos reden sie drauflos: „Senjora, Sie

suchen Ihren Chiquito, Ihren kleinen Carlos?“

„Ja doch, wo ist er denn?“ rufen die Umstehenden, während die Mutter mit

weiten verglasten Augen auf die Jungen starrt, als kämen sie aus einer

andern Welt.

„Aber der Carlos ist doch nach Magiscatzin geritten“, sagt der größere

der beiden Jungen.

„Ja, das ist er,“ bestätigt der kleinere, „das ist er ganz bestimmt.“

„Na ja also“, sagt die Pumpmeisterin gedehnt und klopft der Garza

freundschaftlich auf die Schulter.

„Habe ich doch schon gesagt“, spricht eine andere Frau. „So ein Junge

kann doch nicht so ganz einfach aus der Welt herausfallen.“

Die Männer sagen nichts, und die meisten entfernen sich von der großen

Gruppe, um wieder ihre unterbrochenen Gespräche aufzunehmen.

Die Garza zieht die Stirne zusammen, als fiele ihr das Nachdenken sehr

schwer. Sie hält beide Hände vor den Leib und sieht die Jungen an. Die

Jungen wollen hinwegtrollen. Aber die Garza hält den einen am Arme fest,

und dadurch bleibt der andere von selbst auch stehen.

„Ihr sagt, er ist nach Magiscatzin geritten?“

„Ja freilich.“

„Worauf denn?“

„Auf einem Pferd!“

„Auf einem Pferd? Auf wessen Pferd denn eigentlich?“

Ganz ruhig fragte die Garza das.

„Ein großer Junge kam vorbei auf einem Pferde“, erwidert nun der ältere

der beiden Burschen.

„Ja, ein großer Junge“, mischt sich der Jüngere ein. „Und Carlos stand

gerade hier, und da sagte –“

„– und da sagte der Junge,“ nun redet wieder der Ältere, „willst du

nicht mitkommen, Carlos, ich reite schnell.“

„Was hat denn da der Carlos gesagt?“ fragt die Garza.

„Reitest du nach Magiscatzin? hat Carlos gefragt. Da hat der große Junge

genickt, und Carlos sagte, dann könne er sich ja in Magiscatzin Bonbons

kaufen, er habe zwanzig Centavos. Und der Junge hat wieder genickt und

gesagt, das könne er wohl, und sein Pferd sei ein sehr schnelles Pferd.“

Wenn der eine der beiden Jungen aufhört zu reden, fängt jedesmal gleich

der andere an. Die Geschichte scheint ganz wahr zu sein. Das können sich

zwei Jungen nicht so gut von selber ausdenken.

Die Leute sind wieder dichter herangekommen. Die Garza blickt eine Weile

auf die Jungen, dann sieht sie sich um, blickt in die Gesichter der

Umstehenden, die infolge des trüben Lichtes der verräucherten Laternen

kaum richtig zu erkennen sind. Inzwischen ist Manuel näher gekommen,

weil er hörte, daß hier eine Neuigkeit sei. Der Blick der Garza fällt

jetzt auf Manuel und bleibt eine Weile darauf haften, als ob sie bei ihm

Rat suche. Dann wendet sie sich rasch zurück zu den Jungen und sagt

laut: „Das glaube ich nicht. Das glaube ich nicht. Carlos reitet nicht

fort, wenn Manuel hier ist und Manuel Montag früh schon wieder abreisen

muß. Und wenn er wirklich nach Magiscatzin geritten wäre, so hätte er es

Manuel gesagt.“

„Er ist aber doch mit dem großen Jungen geritten“, besteht der ältere

Bursche auf seiner Behauptung.

„Wer war denn der Junge?“ fragt die Garza.

„Das wissen wir nicht, wie er heißt.“

„So, das wißt ihr nicht?“ sagt die Garza. „Kennt ihr den Jungen?“

„Nein, wir kennen ihn nicht“, sagt der Ältere, während der Jüngere

behauptet: „Ich habe ihn aber schon einmal hier vorbeikommen sehen mit

einem beladenen schwarzen Esel.“

Die Brücke im Dschungel · 第 4 / 7 题