Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Nachdruck
verboten. Copyright 1929 by B. Traven, Tamaulipas (Mexiko)
DIE
BRÜCKE
IM
DSCHUNGEL
Den Müttern!
jedes Volkes
jedes Landes
jeder Sprache
jeder Rasse
jeder Farbe
jeder Kreatur
die lebt!
1
Wann und wo ich Sleigh eigentlich zum erstenmal getroffen hatte, weiß
ich so genau nicht mehr zu sagen. Doch wenn ich mich recht erinnere, so
war es an einem moderigen Pfuhl im Dschungel, wo ich meine Pack-Mules
tränken wollte. Ja, so war es. Es fällt mir jetzt ein, daß, als ich zum
Pfuhl geritten kam, ich in die Mündung eines auf mich gerichteten
Sixshooters sah. Sleigh hatte gehört, daß sich jemand nähert, und im
Dschungel oder im Busch läßt man es nicht darauf ankommen, sondern man
sieht sich rechtzeitig vor. Man weiß ja nicht, wer der Ankömmling ist
und welche Absichten ihn leiten. Ich hätte es genau so gemacht.
„Stick ’em up, boy! Die Flossen hoch!“
Seelenruhig zog er mir meinen Shooter aus der Tasche des Patronengürtels
und schob ihn in seinen Gurt. Wir wechselten ein paar Worte. Er erzählte
mir, daß er auf weiter Fahrt sei.
Als dann sein Pferd getränkt war und er den Wasserbeutel gefüllt hatte,
saß er auf und sagte: „Zweihundert Schritt, da können Sie Ihren Klicker
abholen; ich bin kein Bandit, aber ich weiß ja nicht, ob Sie vielleicht
einer sind. Savvy?!“ Ich folgte ihm, und als zweihundert Schritte
zwischen uns lagen, winkte er, ließ meinen Revolver fallen und sauste
ab. Ich ging zurück zum Pfuhl, ohne ärgerlich auf ihn zu sein; denn ich
hätte es ganz genau so gemacht. Er hatte das Trommelröhrchen nur früher
hoch als ich, und das entschied, wer das Recht zum Kommandieren hatte.
Daß er ein ehrlicher Bursche war, bewies er; denn er konnte mir meine
Mules abnehmen und den letzten Faden vom Leibe ziehen. Dann hätte ich
noch dankbar sein müssen, wenn er mir den Hut, meine Hose und meine
Stiefel gelassen hätte, weil, würde einem auch dieses genommen, man im
Dschungel schon lieber um den Gnadenschuß ersucht.
Drei Monate später ritt ich, in einer ganz anderen Gegend, durch ein
Indianerdorf. Vor einer grasgedeckten Lehmhütte sah ich einen Weißen
stehen, den einzigen Weißen im Dorf. „Hallo!“ rief er herüber. Es war
Sleigh.
Ich mußte in seine Hütte kommen, um seine Familie kennenzulernen. Seine
Frau war Vollblutindianerin, und sie hatten drei Kinder. Die Frau mußte
mir ein Ei backen und etwas vorsetzen, das er Kaffee nannte.
Seit zwanzig Jahren lebte er unter den Indianern oder zwischen ihnen. So
genau ließ sich in der kurzen Zeit, die ich in seiner Hütte verbrachte,
das wahre Verhältnis nicht feststellen.
Ein Jahr darauf etwa machte ich von Matehuala über Tula eine ziemlich
beschwerliche Reise, um an den Tamesi zu kommen mit der Absicht,
Alligatoren zu jagen. Es war aber nicht viel los damit; teils war der
Dschungel so dicht und undurchdringlich, daß man den Fluß nicht
erreichen konnte, teils war die Gegend so sumpfig und morastig, daß man
es aufgeben mußte, an die eigentlichen Jagdgebiete heranzukommen. Ich
ritt deshalb weiter den Fluß hinunter, um die größeren Nebenflüsse
abzusuchen.
So kam ich eines Tages an eine kleine Pumpstation, die das Flußwasser
viele Meilen weit zu einer anderen Station pumpt, von wo aus es wieder
weitergepumpt wird, bis es die Eisenbahnlinie erreicht. Ein Teil des
Wassers dient zur Auffüllung der Lokomotivkessel; der größere Teil des
Wassers jedoch wird von der Bahn in Tankwagen zu einigen Dutzend von
Dörfern und kleinen Städten, die an der Bahnlinie liegen, gefahren, um
die Bevölkerung mit Wasser zu versorgen.
Der Pumpmeister war ein Indianer. Mit Hilfe eines vierzehnjährigen
indianischen Jungen bediente er die Pumpe. Der Kessel wurde mit Holz
geheizt, und das Holz wurde von einem anderen Indianer mit Maultieren
von der fernen Bahnlinie herangeschafft.
Der Kessel machte den Eindruck, als ob er jeden Augenblick aus den
Nähten gehen würde, und die Pumpe, die zweihundert Jahre alt zu sein
schien, ächzte, stöhnte, schwitzte, quietschte, keuchte und blubberte,
daß den Alligatoren und Jaguaren der Aufenthalt hier in der Nähe sicher
nicht zum Paradiese wurde.
Dem Pumpmeister konnte das nur angenehm sein, denn er wohnte ja hier
dicht neben seiner Pumpe in einer Hütte, vereint mit seiner ganzen
Familie. Je mehr die Pumpe stöhnte und ratterte, um so sicherer konnten
seine Kinder sich hier herumtummeln und im Flusse schwimmen.
In der Nähe der Pumpe führte eine Brücke über den Fluß. Die Brücke war
breit genug, daß Wagen oder Autos sie benutzen konnten; aber sie hatte
kein Geländer. Das wäre auch eine ganz überflüssige Geldausgabe gewesen.
„Hay muchos caimans, Senjor“, sagte der Pumpmeister.
„Wo?“ fragte ich.
„Weiter rauf oder runter. Natürlich nicht gerade hier an meiner Pumpe.
Das wäre mir gar nicht einmal lieb. Die würden mir die kleinen
Schweinchen und die Hühner alle wegstehlen.“
„Was ist denn da drüben auf der anderen Seite?“ fragte ich.
„Da ist Prärie. Ein Cattle-Ranch. Eine Viehweide. Gehört einem
Amerikaner. Dahinter kommt dann wieder Dschungel. Und dann etwa zwanzig
Meilen durch den Dschungel, da kommt ein Camp, da bohren sie auf Öl. Die
haben hier die Brücke gebaut. Die müssen ja hier rüber, wenn sie das
Material von der Bahn holen.“
„Wer ist denn auf dem Rancho?“
„Ein Gringo.“
„Ach was, ich meine, wer nach dem Vieh sieht?“
„Das habe ich Ihnen doch soeben gesagt: Ein Gringo.“
„Wo wohnt er denn?“
„Gleich da hinter dem Busch.“
„Muy bien! Da will ich doch mal rüber, sehen, wie es ihm geht.“
Hinter dem Gebüsch waren sechs oder acht der üblichen Indianerhütten,
rauchende Indianerfrauen und herumjagende nackte braune Kinder die
Menge. Hier war Gras und Wasser im Überfluß; also fanden auch die
Indianer ihren Lebensunterhalt. Die Weide gehörte ihnen zwar nicht, aber
daran störten sie sich nicht. Jede Familie hatte ein paar Ziegen, einige
Esel, ein Dutzend Hühner, und im Wasser waren so viele und so schwere
Fische, daß die Leute um ihre Mahlzeiten nie verlegen zu sein brauchten.
Ein umgebogener Nagel mit einem kleinen Fisch daran und einem Stück
Schnur war das ganze Angelgerät. Die Männer arbeiteten bei den
Ölsuchern, oder sie brannten Holzkohle, um die Bedürfnisse zu
befriedigen, die ihnen die Zivilisation gebracht hatte. Aber diese
Bedürfnisse beschränkten sie auf das Allernotwendigste. Weder die müßig
auf dem Erdboden hockenden Frauen, noch die kreischenden Kinder ließen
sich durch mich stören. Nach meinem Manne zu fragen, hielt ich für
überflüssig, denn im Hintergrunde sah ich eine Hütte, die zwar nach
Indianerart gebaut, jedoch größer und sorgfältiger angelegt war. Kein
Zweifel, da wohnte mein Amerikaner.
Ich ritt zur Hütte, bis ich in respektvoller Entfernung der Tür war, wo
ich ruhig hielt, ohne die Bewohner durch Rufen zu stören. Eine Tür war
es ja eigentlich nicht, sondern es war eine türgroße Öffnung in der
Wand. Aber da die Leute eine solche Öffnung Tür nennen, fühle ich mich
nicht berechtigt, ihr einen anderen Namen zu geben.
Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, kam eine Frau, eine Indianerin,
heraus und sagte: „Pase, Senjor!“
Ich stieg ab, und als ich in die Hütte trat, fand ich, daß die Frau die
Gattin meines alten Bekannten Sleigh war. Sie begrüßte mich mit großer
Herzlichkeit, lud mich zum Niedersitzen auf einem ächzenden Korbstuhl
ein und sagte mir, daß ihr Mann gleich kommen würde, er sei auf der
Pastura, um einen Stier hereinzubringen, der gedoktert werden müsse, der
Stier sei von einem anderen Stier gespießt worden, und nun könne man in
die Wunde schon die ganze Faust tief hineinstecken, und es seien bereits
fingerdicke Würmer drin.
Es dauerte auch nicht allzulange, da kam Sleigh an mit seinem Stier, den
er mit Hilfe eines Indianerjungen in den Korral trieb. Dann stieg er vom
Pferde und schüttelte mir die Hand. „Haben Sie nicht vielleicht eine
Zeitung bei sich?“ fragte er gleich darauf. „Ich habe seit acht Monaten
kein Stück Zeitung in der Hand gehabt, und manchmal möchte man ja doch
gern wissen, was los ist.“
„Ich habe den Brooklyn Eagle hier, ist aber auch schon fünf Wochen alt,
alles, was ich habe.“
„Geben Sie her, der ist ja noch ganz warm von der Presse, wenn er erst
fünf Wochen alt ist.“
Er setzte sich seine Brille auf. Das tat er sehr bedächtig und
umständlich, denn sie war – für ihn wenigstens – mehr wert als ein
dicker Brillantring. Während er sie an den Ohren zurechtrückte, sagte
er: „Rosita, gib dem Senjor etwas zu essen, er hat Hunger.“
Von jeder Seite las er zwei Zeilen, dann nickte er, um seine volle
Zustimmung mit dem darin Gedruckten zu bekunden, sehr nachdenklich,
faltete die Zeitung zusammen, setzte die Brille ab und sagte
gedankenschwer: „Es ist doch gut, daß man wieder einmal eine Zeitung
gelesen hat.“
Sein Wunsch nach einer Zeitung war nunmehr vollkommen befriedigt. Von
den paar Zeilen, die er gelesen hatte, hatte er auch nicht einen
einzigen Gedanken aufgenommen oder auch nur gefaßt. Was kümmerte ihn
dieser Trubel der Welt, der sich in den Zeitungen austobte? Hätte er in
der Zeitung gelesen, die ganzen Vereinigten Staaten und Kanada seien
durch eine Wassersflut von der Erdoberfläche hinweggespült worden, so
würde er gesagt haben: „Wer hätte so etwas denken können, wir haben hier
gar nichts davon gemerkt. Ich wollte vorige Woche noch an meine
Schwester schreiben, die ist Sekretärin bei einer Methodistengemeinde,
aber das ist ja nun nicht mehr notwendig. Wer hätte auch so etwas denken
können!“ Dabei würde er auch nicht eine Miene seines Gesichts verzogen
haben.
„Ich bin hier auf Alligatoren“, sagte ich.
„Großartig, Mann! Massenhaft. Die können Sie hier herdenweise schießen.
Aber wir könnten ja erst einmal auf einen Hirsch gehen.“
„Warum nicht. Haben Sie denn viel Wild hier?“
„Massenhaft! Bleiben Sie nur ein paar Tage hier und sehen Sie sich um.
Was haben wir denn heute? Donnerstag. Da kommen Sie gut. Meine Frau geht
morgen früh mit den Kindern auf Besuch zu ihrer Mutter. Ich bringe sie
bis zur Station. Den Morgen darauf bin ich wieder zurück, dann sind wir
hier ganz allein und haben die ganze Hütte für uns. Eines von den
Nachbarmädchen kommt herüber zum Kochen. Da können wir hier ganz
angenehm hausen.“
2
Am Samstag morgen kam Sleigh zurück. Ich hatte inzwischen ein wenig
gefischt und alle Hütten gut versorgt.
„Heute abend ist Tanz,“ sagte Sleigh, „drüben an der Pumpe. Der
Pumpmeister hat Musik bestellt. Er hat auch einen Kasten Bier und zwei
Kasten Limonade herangeschafft, damit er die Kosten für die Musik
herauskriegt.“
„Wie stark ist denn das Orchester?“
„Ein Geiger und ein Gitarrespieler.“
„Die können doch soviel nicht kosten.“
„Ja, denken Sie denn, daß er an dem Bier und der Limonade viel
verdient?“
Das Indianermädchen kam, um für uns zu kochen. Sie brachte ihren
Säugling mit, obgleich sie selber kaum aus den Säuglingsjahren heraus
war.
„Der Mann ist ihr davongelaufen, dem armen Ding“, sagte Sleigh.
Sie war sehr häßlich, und das ist eine Ausnahme hier unter den
indianischen Mädchen, die an Schönheit miteinander wetteifern.
„Ihr Mann hat sie sicher nur des Nachts gesehen, und als er sie bei
Tageslicht betrachtete, da ist er so aus allen Himmeln gefallen, daß er
sich in Nebel verflüchtete, so will mir scheinen“, sagte ich. „Sie soll
eigentlich jener Nacht dankbar sein, denn auf andere Weise wäre sie nie
zu einem Kinde gekommen, und seit sie nun ein Kind hat, findet
vielleicht ein anderer Gefallen an ihr, unter der Suggestion, daß sie
verborgene Schönheiten haben müsse.“
„Sie haben ganz recht“, erwiderte Sleigh. „Ihren Spaß hat sie gehabt,
und sie ist eigentlich nicht darum mißgestimmt, daß der Bursche
abgezogen ist, als vielmehr, daß der Spaß nicht dauernd ist.“
Dann aßen wir unsere Tortillas und Frijoles.
Nachmittags ritten wir auf die Prärie hinaus, um uns das Jungvieh
anzusehen und nach frischen Antilopenfährten zu suchen.
Am Abend, als wir wieder bei unseren Tortillas und Frijoles saßen,
fragte ich Sleigh, ob an dem Tanzvergnügen nur die Leute teilnehmen, die
hier herum wohnen. Er erklärte mir aber, daß wenigstens hundert oder
hundertzwanzig Personen anwesend sein werden, die aus allen Richtungen
herkommen, aus den verstecktesten Hütten im Dschungel und von den
schmalen Flußarmen und Standpfuhlen, fünf bis acht Meilen im Umkreise.
Wir gingen nun rüber zur Pumpstation. Als wir an einer der Nachbarhütten
vorüberkamen, sahen wir, daß vor dem Eingang an einem Pfahl eine Laterne
hing, die den sandigen Platz vor der Hütte hell erleuchtete. Auf einer
rohen Bank saß ein etwa vierzigjähriger Indianer mit einem dünnen
Vollbart und spielte auf einer Geige Tanzmusik. Er spielte herzlich
schlecht, hielt aber gut den Takt.
„Ja, ist denn der Tanz hier?“ fragte ich Sleigh.
„Das glaube ich doch nicht.“
„Die haben hier aber den Platz gefegt, und da hängt doch eine Laterne.
So großartig gehen die nicht mit dem Petroleum um, daß sie aus purem
Vergnügen hier Licht machen.“
„Wir werden ja gleich beim Pumpmeister hören. Vielleicht machen die hier
einen Tanz für sich. Da sind doch immer zwei oder drei Parteien. Kann
sein, daß sie den Pumpmeister nicht mögen.“
An der Pumpstation hing eine düstere verräucherte Laterne. Der Platz war
gefegt. Ein paar Burschen saßen herum. Auf einer Bank quetschten sich
einige Mädchen in bunten Musselinkleidern. Musik war keine da.
„Was ist denn los?“ fragte Sleigh den Pumpmeister.
„Ich weiß nicht,“ antwortete der, „die Musik ist nicht gekommen. Jetzt
ist es zu finster, jetzt kommt sie nicht mehr, der ganze Weg geht ja
durch Dschungel. Die haben es mir doch so bestimmt versprochen, aber
vielleicht sind sie an der Station hängengeblieben und machen da Musik.“
„Was ist denn drüben beim Garza los, macht der einen Extratanz?“
„Möglich. Der große Junge ist heute abend auf Urlaub gekommen, er
arbeitet in Texas. Der alte Garza sucht immer nach einer Gelegenheit, wo
er seine musikalischen Talente zeigen kann.“
Wir gingen nun wieder zurück zu Sleighs Hütte, denn er wollte sehen, ob
eine bestimmte Kuh, die er am Nachmittag auf der Prärie nicht finden
konnte, hereingekommen sei.
Garza saß noch immer vor seinem Jacalito und wimmerte auf der Fiedel.
Neben ihm hockte auf dem Erdboden „der große Junge von Texas“. Er war
ein zwanzigjähriger Bursche, gut gewaschen und gekämmt, hatte ein neues
Hemd an und fühlte sich sonnig, der verwöhnte Gast in seiner Familie zu
sein. Auf dem linken Knie hatte er eine Tasse mit schwarzem Kaffee, und
auf das rechte Knie stützte er den rechten Ellbogen. In der rechten Hand
hatte er eine mit Queso und Chile gefüllte Tortilla. So, jede
überflüssige Kraftverschwendung peinlichst vermeidend, führte er bald
die linke, bald die rechte Hand, alles auf Kugellagern laufend, an den
Mund, um sein Nachtmahl einzunehmen und sich für den anstrengenden
Zehnstundentanz zu stärken. Irgendwie würde es ja wohl zum Tanzen
kommen; denn wo eine Violine in der Nähe war, da war auch Tanzmusik
möglich.
„Bist du denn immer noch nicht fertig, Manuel?“ rief jetzt eine
Kinderstimme. Und hinter der Hütte kam ein sechsjähriger Junge
vorgesaust und sprang dem zufriedenen Manuel wie ein Panther auf den
Nacken, so daß Kaffee und Tortilla, oder was davon noch übrig war, in
den Sand kollerten.
Der Kleine saß fest im Nacken, zerraufte dem armen Manuel das strähnige
Haar und trommelte ihm mit den kleinen Fäusten auf den Kopf und die
Schultern, daß Manuel endlich aufstehen mußte. Carlos rutschte den
Rücken hinunter, stellte sich vor den großen Bruder hin und begann, ihn
zum Boxkampf herauszufordern. Aber Carlos war nicht ganz auf der Höhe.
Gewöhnt, immer barfüßig herumzulaufen, stand er jetzt nicht sicher auf
den kleinen Füßen. Manuel hatte ihm von Texas ein Paar echt
amerikanische Stiefelchen mitgebracht, und Carlos hatte sie natürlich
sofort anziehen müssen, um seinen großen Bruder zu ehren.
Garza, unbekümmert um die Dinge, die da in seiner Nähe sich abspielten,
kratzte unermüdlich auf seiner Fiedel herum.
„Der Kleine ist ganz verrückt nach seinem erwachsenen Bruder“, sagte
Sleigh, während wir auf seine Behausung zugingen. „Eigentlich sind sie
gar nicht einmal Brüder. Der Große ist von der ersten Frau, der und noch
ein anderer Junge von fünfzehn. Der Junge von fünfzehn ist nicht ganz
richtig im Kopf, er hat zuweilen ganz verrückte Tage. Der Kleine ist von
der zweiten Frau des Garza, eine noch ziemlich junge Frau. Aber der
Große und der Kleine würden sich am liebsten auffressen vor Liebe. Der
Manuel ist nur des Kleinen wegen auf Urlaub gekommen. Er hat seinen
ersparten Lohn auf der Bahn verfahren, um ihm die Schuhe zu bringen und
eine kleine Gitarre. Der mittlere, der Halbverrückte, ist gegenüber
beiden, und selbst gegenüber seinem Vater, völlig indifferent. Ich
glaube, er haßt den Kleinen fürchterlich, und wenn er ihm irgend etwas
Hinterlistiges antun kann, so läßt er es sich nicht entgehen.“
Inzwischen waren wir zur Hütte gekommen, wo das Mädchen sich auf dem
Erdboden ihr Lager zurechtmachte. Sleigh ging hinaus, um nach der Kuh zu
sehen. Das Mädchen, ohne sich um meine Anwesenheit zu kümmern, streifte
ihr Kleid von den Schultern herunter bis dicht an die Hüften und gab
ihrem Säugling zu trinken. Dann schob sie das Kleid wieder hoch, kroch
mit dem Würmchen im Arm unter das Moskitonetz und, wie ich an dem Gewoge
des Netzes bemerken konnte, zog sie sich darunter aus. Darauf streckte
sie, mit einem wohligen Seufzer, der dem vollbrachten Tageswerk galt,
alle viere von sich. Ob diese kleine Welt da draußen vor der Hütte einer
Tanzlustbarkeit oder einer mysteriösen Tragödie entgegeneilte, war ihr
durchaus gleichgültig.
Es fing an, langweilig zu werden. Das kleine rauchige Lämpchen – ein
Stückchen Docht in einer kleinen Blechflasche mit Petroleum – machte die
Hütte gespenstisch. Die Decke war trockenes Gras. Die Wände waren dünne
Stämmchen, durch die man in die Nacht hinaussehen konnte. Käfer, Motten
und Schmetterlinge, so groß wie beide ausgebreiteten Hände, kamen auf
das flackernde und rußende Flämmchen zugeflogen. Hin und wieder gluckste
es in dem nahen Flusse, wenn ein Fisch hochsprang oder ein Tierchen vom
Ufer hineinplanschte. Der ganze Erdboden und die umgebende Atmosphäre
war angefüllt mit einem nimmer ermüdenden Zirpen, Pfeifen, Quietschen,
Winseln und Wimmern. Ein Esel begann kläglich zu trompeten, und einige
andere antworteten ihm, um sich Mut gegen die Gefahren der Nacht
einzuflößen. Dann brüllte eine Kuh. Ein Mule kam wild angetrabt, von
einer eingebildeten oder wirklichen Bestie in Angst gejagt. Als es
einige Schritte von der Hütte stand und jemand drin sitzen sah, war es
beruhigt, schnüffelte eine Weile auf dem Boden herum und trottete
gemächlich wieder hinaus in die Nacht. Abgebrochene Stücke menschlicher
Reden und Laute klangen heran und wieder hinweg. Ein gelles Lachen, das
scharf durch die Nacht schlug und alles andere übertönte, einen Moment
schrill über dem Erdboden hing und sofort hinweggeschluckt wurde, schien
die Dunkelheit aufzufärben. Aber als es so hart abgeschnitten verlöscht
war, lastete die Dunkelheit schwärzer und wuchtiger als zuvor. Zuweilen
wehten einige Noten von der Geige durch die Nacht. Sie schwirrten
tänzelnd und krächzend, kamen und gingen, ohne eine Verbindung mit Musik
zurückzulassen.
Plötzlich stand Sleigh in dem türlosen Eingang wie ein Schatten. Alles,
was man von dem Schatten sehen konnte, war das helle Gesicht.
„Ob das Mädel noch einen Schluck Kaffee zurückgelassen hat?“ fragte er.
„Ich habe Durst.“
Das Mädchen verstand nicht Englisch, aber Kaffee hatte sie verstanden
und aus dem fragenden Tonfall heraus instinktiv begriffen, was er
meinte. Sie hatte geschlafen, denn ich hörte sie schnarchen. Aber das
leise Herankommen Sleighs, das ich nicht gehört hatte, das hatte sie im
Schlafe deutlich vernommen, und sie war dadurch wach geworden.
„Da steht noch Kaffee auf dem Feuer“, rief sie unter ihrem Netz hervor.
„De veras?“ sagte Sleigh. Dann ging er zum Feuer, wo die Kanne in den
glimmenden Holzstückchen stand.
Er goß sich eine Tasse voll.
„Wollen Sie auch noch haben, Gale?“
„No, thanks just the same.“
Das Mädchen schnarchte bereits wieder.
Sleigh setzte sich mir gegenüber und sagte nach einer Weile: „Blitz und
Donner noch mal, ich habe das dreckverfluchte Luder von Kuh nicht
gesehen. That fucking son of a bitch hat doch ein Kalb hier. Kommt jeden
Abend herein, auch des Mittags. Das Kalb ist fest. Ich glaube, wir haben
einen Löwen herum. Vielleicht gar ein Pärchen. Dann geht’s bitter. Dem
Pena ist vor ein paar Nächten eine feine Milchziege ausgeblieben. Nie
wiedergekommen. Die Kuh ist sonst sehr pünktlich.“
„Wie alt ist denn das Kalb?“ fragte ich.
„Acht Wochen. Aber die hängen hier bei uns vier, fünf Monate an der
Milch herum. Da ist ganz bestimmt etwas nicht in Ordnung. Ich werde ja
morgen sehen. Jetzt in der Nacht kann ich doch nichts tun. Wir wollen
uns was erzählen.“
Eine Minute darauf schlief er, nickte aber zu meinem Gespräch, runzelte
die Stirn, zog den Mund zu einem Lächeln und machte vorschriftsmäßig
alle die Gesten, die ich auf das, was ich sagte, von ihm erwartet hätte,
wenn er völlig wach gewesen wäre. Aber er schlief seelenruhig.
„He!“ rief ich plötzlich laut. „Wenn Sie schlafen, brauche ich doch
nichts zu sagen.“
„Schlafen?“ fragte er verwundert und mit einem beleidigten Ton in der
Stimme. „Ich habe alles gehört, was Sie gesagt haben. Den Ladron Gomez
kenne ich persönlich ganz gut, ich habe ja in Cuichapa Vanille gebaut,
und in Huatusco war ich zwei Jahre mit einem Kakaofarmer.“
„Was ist denn nun eigentlich mit der Tanzgeschichte? Wird getanzt oder
wird nicht getanzt? Wenn nicht, dann fange ich jetzt an zu schlafen. Das
ist ja zum Auswachsen.“ Ich wurde in der Tat ungeduldig.
„Wir gehen jetzt wieder rüber zur Bomba, zur Pumpe. Da werden wir nun
sehen, was los ist. Der Pumpmeister wird wohl Rat geschafft haben.“
Er zog sich gemächlich die ledernen Cowboy-Hosen herunter, kramte
irgendwo einen zerbrochenen Kamm hervor, kratzte sich damit durch das
Haar, und dann gingen wir los.
Als wir an der Hütte des Garza vorüberkamen, hing die Laterne noch vor
dem Haus; aber Garza selbst saß nicht mehr da. Auch von den Jungen sahen
wir keinen. In der Hütte war trübes Licht, und ich sah durch die
Staketen, daß die Frau darin Toilette machte.
„Scheint doch Tanz zu sein,“ sagte ich zu Sleigh, „die Senjora da drin
zieht sich ihr Bestes an.“
3
Es war dicke schwarze Nacht. Der Himmel war klar, und die Sterne standen
hell in der schweren Finsternis.
Als wir zum Flußufer kamen, mußten wir nach der Brücke tasten. Drüben
von der anderen Seite sahen wir die Laterne vom Pumpmeister
herüberwinken. Endlich hatten wir die Brücke.
„Ei verflucht noch mal!“ sagte ich. „Da muß man verteufelt vorsichtig
sein. Jetzt wäre ich doch wahrhaftig gleich in den Fluß gestürzt. Ist
der denn tief?“
„Acht bis fünfzehn Fuß, an den Ufern ziemlich flach. Im Durchschnitt
wohl sechs Fuß, an den tiefsten Stellen sicher nicht mehr als fünfzehn“,
sagte Sleigh.
„Das ist tief genug, um für immer zu verschwinden“, erwiderte ich.
Ich war geradezu auf die Laterne des Pumpmeisters losgegangen, bis ich
plötzlich dicht zu meinen Füßen Sterne funkeln sah. Darüber war ich so
erstaunt, daß ich mit einem Ruck stehenblieb, um das Wunder zu
betrachten. Aber diese Sterne, die da so merkwürdig glitzerten, war die
Spiegelung des Flußwassers, das leise dahinwellte. Sleigh ging weiter
rechts neben mir. Ich konnte ihn nur undeutlich sehen, hörte aber seine
Tritte auf den Holzplanken der Brücke.
Ganz verwundert war ich über mein Erlebnis, das mir beinahe ein
unerwartetes Bad gebracht hätte. Zuerst konnte ich mir gar nicht
erklären, wie ich so hatte drauflosdösen können. Aber als ich dann in
Ruhe den Vorgang übersah, war es mir durchaus klar: die Brücke kreuzte
rechtwinklig zum Flußufer das Wasser; aber in der schwer
durchdringlichen Finsternis konnte ich den rechten Winkel nicht fühlen,
weil ich weder die Richtung des Ufers noch die der Brücke erkennen
konnte. Die Pumpe war nicht unmittelbar am Ausgang der Brücke, sondern
etwa dreißig Schritte links vom Ende der Brücke. Vom diesseitigen Ufer
aus konnte man nichts weiter erkennen als das Licht der Laterne, die auf
dem Platz vor der Pumpe hing. Daß die Pumpe und also das Licht nicht
gerade am Ende der Brücke war, hatte ich, ohne darüber nachzudenken, im
Gefühl gehabt; was ich aber nicht richtig im Gefühl gehabt hatte, war
die wahre seitliche Entfernung der Pumpe von der Brücke. Ich war viel zu
scharf auf die Laterne losgegangen, und so war ich auf dem besten Wege,
von der Brücke herunter glatt in den Fluß zu laufen. Ein Geländer
grenzte sie ja nach den Seiten hin nicht ab. Die Täuschung war so
vollkommen, daß, nachdem ich den Sachverhalt erkannt hatte, ich mich
nach einigen Schritten schon wieder dicht am Rande befand, weil ich eben
das Gefühl nicht los wurde, daß ich mehr auf die Laterne loszugehen
habe, um nicht rechts über die Brückenkante zu fallen, wo ja
tiefschwarze Nacht lag. Wäre drüben gar keine Laterne gewesen, würde man
die Brücke viel sicherer gekreuzt haben. Als wir an das Ende der Brücke
kamen, saßen da mehrere halbwüchsige Indianerburschen auf den Planken,
ließen die Beine über den Seitenbalken herunterhängen und sangen. Sangen
in jener, den Indianern so eigentümlichen Weise, immer innerhalb
derselben sechs Töne bleibend, ab und zu aber unvermutet und ohne
Übergang die Stimme hoch überschlagen lassend, so daß dieser Ton nicht
in derselben Skala lag, wo die übrigen sechs oder sieben lagen, sondern
zwei oder gar vier Oktaven höher. Dieser Ton, der den Gesängen die Farbe
zu geben hatte, konnte nicht gesungen werden, sondern er wurde
geschrillt. Irgendein anderer Gesang würde in den Nächten des Dschungels
unnatürlich klingen. Hier tönte er in voller Harmonie nur so, wie er von
den Indianern gesungen wird.
Links am Ausgang der Brücke lag die Pumpstation. Rechts der Brücke war
ein sandiger, mit dünnem harten Grase bewachsener Platz. Eine
Packkarawane war angekommen, die wegen der Nähe des Flusses und der ganz
unerwartet schweren Finsternis der Nacht hier Lager zu machen
beschlossen hatte. Sie war etwa vierzehn Packesel und drei Reitesel
stark. Sie brachte Ware nach den Dschungeldörfern. Die beiden Männer,
natürlich auch Indianer, wie alle Leute, die hier herum waren, packten
die Tiere ab, während der Junge, der mit ihnen war, ein Feuer anmachte.
Bei der Pumpe sah es jetzt ein wenig bunter aus als eine Stunde vorher.
Der Pumpmeister hatte noch eine zweite Laterne aufgehängt. Die Musik war
immer noch nicht gekommen, und sie kam jetzt auch auf keinen Fall mehr.
Dagegen waren inzwischen zahlreiche Männer, Frauen und Mädchen
angekommen. Die Frauen und Mädchen in grünen, roten, blauen und gelben
ganz dünnen Kleidchen aus den denkbar billigsten Stoffen. Alle hatten
sie Strümpfe an und Schuhe. Keine hatte einen Hut, aber manche hatten
ein schwarzes Baumwolltuch. Die Männer waren gekleidet wie immer, denn
sie hatten meist ja nur ein Hemd und eine Hose, für Festtag und
Arbeitstag dasselbe Zeug. Viele waren barfuß, manche hatten Stiefel, die
Mehrzahl aber Sandalen, selbstgemachte. Wer Kinder besaß, hatte sie
mitgebracht.
Sie waren nun alle da, und irgend etwas mußte geschehen. Garza war mit
seiner Geige herübergekommen und fiedelte unermüdlich darauf herum. Aber
niemand nahm sich den Mut, nach dieser Fiedelei zu tanzen. Alles
wartete, daß irgendein großer Musiker irgendwoher erscheinen würde, um
in diese Zusammenkunft Sinn hineinzubringen. Denn bis jetzt waren die
Menschen ganz zwecklos hier. Und wenn schon die bunten Gazelümpchen
angezogen werden, wenn schon das Haar stundenlang durchgekämmt, eingeölt
und dann sorgfältig auffrisiert worden ist, wenn man schon die schönsten
Blumen zusammengesucht und in die schwarzen Strähnen geflochten hat,
wenn man schon die kleinen Bälger gebadet, und wenn man endlich auf
Eseln oder gar zu Fuß meilenweit durch den Dschungel gewandert ist, dann
soll doch auch nachher etwas zu erzählen sein. Aber nun so gar nichts,
nur weil die Musik nicht gekommen ist.
Die Frauen und Mädchen sitzen herum und schwätzen; die jüngeren stecken
die Köpfe zusammen und kichern oder stehen plötzlich zu zweien oder
dreien auf, laufen ein wenig herum, kommen zurück und setzen sich
wieder. Ein paar Bänke sind da, sehr roh gearbeitete, und drei arme
Stühle aus des Pumpmeisters Hütte. Die Mehrzahl der Damen sitzt auf
Baumstämmen, Holzklötzen und morschen Eisenbahnschwellen, dem
Feuerungsmaterial für die Pumpe.
Die Kinder balgen sich herum, wälzen sich auf der Erde, jagen sich,
kreischen, schreien, heulen und quieken. Die größeren Burschen hocken
gruppenweise zusammen auf dem Erdboden, prahlen sich gegenseitig etwas
vor, hecken irgendwelche Streiche aus oder zeigen sich gegenseitig
wichtige Kunststückchen, Talente und Fingerfertigkeiten, biegen sich
Daumen um, recken sich die Knöchel aus, verrenken sich Gliedmaßen,
Genick und Augen.
Alles raucht Zigaretten. In Maisblätter gerollter Tabak. Alles raucht:
Männer, Frauen, Mädchen, Burschen und die kleinsten Kinder. Während die
Mütter die Säuglinge an der Brust haben, rauchen sie und blasen den
kleinen Engerlingen den Rauch über das Gesicht. Auch schon der Moskitos
wegen. Die Männer stehen auch in kleinen Gruppen zusammen und schwätzen
und rauchen. Sie halten ihre Frauen unausgesetzt im Auge, um ihnen, wenn
nötig, eine Mühe zu erleichtern.
Ich stehe mit Sleigh, dem Pumpmeister und einem Indianer, der bei den
Ölbohrern arbeitet, halbenwegs zwischen der Brücke und der Pumpe. Ich
habe das Gesicht auf den Fluß zu gerichtet; aber ich kann natürlich
weder die Brücke noch den Fluß erkennen.
Bei den Eseltreibern glimmt das Feuer, und ich sehe, wie der Junge
Kaffee in den Kessel schüttet, während sich die Männer die Tortillas
wärmen, Käse schaben und Zwiebeln schneiden. Durch das Gebüsch am
gegenüberliegenden Ufer sehe ich zwei dünne Lichtchen, die aus den
Hütten herüberschimmern. Wenn sich das Gebüsch im leichten Winde bewegt,
verschwinden die Fünkchen und tauchen wieder auf, gerade als ob jemand
mit einer Laterne durch das Gebüsch hin und her huschte. Zuweilen
täuscht es, und man sieht nicht die kleinen Lämpchen, sondern sieht die
großen Glühkäfer, die, wenn sie entfernt genug sind, auch nicht größer
erscheinen als die Lampen.
4
Die Burschen, die auf der Brücke sitzen, singen noch immer. Sie singen
längst andere Lieder, aber für den Uneingeweihten scheint es stets die
gleiche Melodie zu sein. Nicht aber für die Burschen. Rundherum ist
Schwatzen, Lachen, Kichern und Quieken.
„Und ich sage Ihnen, die werden gleich wieder zementieren“, spricht
Ignacio, der Ölarbeiter, mit Wichtigkeit.
„Wie tief seid ihr denn?“ fragt Sleigh.
„Elfhundert Fuß.“
„Da wird doch noch nicht zementiert,“ sagt der Pumpmeister, „da gibt es
doch Bohrungen, wo sie bis auf viertausend Fuß hinuntergehen.“
„Weiß ich doch am besten“, sagt darauf Ignacio mit fachmännischer
Sicherheit, obgleich er erst seit fünf Wochen im Ölfeld arbeitet. „Aber
ich sage Ihnen, die zementieren Montag oder Dienstag.“
Garza fiedelt unermüdlich, aber keiner folgt seiner Lockung. Das Singen
der Burschen ebbt ein wenig schwermütig ab, und in das laute Schwätzen
und Lachen der Leute bricht ein verhaltenes Gähnen ein. Nur ein paar der
Kinder quieken.
„Warum die zementieren sollen bei elfhundert Fuß, sehe ich nicht ein“,
sagt der Pumpmeister noch einmal.
In dem Augenblick tönt vom Fluß, der die ganze Zeit hindurch schlief und
schwieg, ein Platsch herüber.
Der Platsch ist kurz und wird von niemand empfunden. Niemand achtete
darauf. Und doch war er, als riefe der Fluß: „Vergeßt mich nicht, ich
bin noch immer da und werde euch alle überleben!“
Ich sehe Sleigh an, und er sieht mich an. Auch er hat den Platsch
gehört, schenkt ihm aber keine Bedeutung.
Es war, als ob von den Jungen, die da auf der Brücke saßen und sangen,
einer aus Übermut hineingesprungen oder von andern hineingeschubst
worden war. Aber nein, so war es nicht. Ich hörte kein folgendes
Plätschern, kein Juchzen oder lachendes Zurufen. Das Wasser gab keinen
weiteren, auch noch so leisen Laut von sich. Die Jungen ließen den
abgeebbten Gesang wieder anschwellen. Sie waren von dem Platsch nicht
beunruhigt worden. Es war also keiner der Jungen hineingesprungen.
Wahrscheinlich hatte jemand einen Stein hineingeworfen; das war sicher
ein dicker Stein gewesen. Doch wozu? Diese Mühe macht sich niemand.
Garza fiedelt und fiedelt. Ich denke, die Finger müssen ihm ganz lahm
sein.
Es kann aber auch ein großer Fisch gewesen sein, der plötzlich
hochschnellte und wieder zurückfiel ins Wasser. Nein, das war es nicht.
So hatte es nicht geklungen.
„Warum die zementieren werden“, antwortete Ignacio, „das werde ich Ihnen
sagen. Die haben schon zwei zementiert, weiter drin. Die bohren so
lange, bis sie Öl spüren, und dann zementieren sie sofort und sagen, sie
haben nichts gefunden, die Biester.“
Es kann ja auch ein Hund hineingesprungen oder hineingeworfen worden
sein?
Der Pumpmeister schüttelt den Kopf und sagt: „Das machen die Gringos
nicht. Wenn die Öl finden, dann holen sie es auch raus bis auf das
letzte Faß, das sie kriegen können. So eine Bohrung kostet doch
wenigstens zwanzigtausend Dollar. Die schmeißen doch ihr Geld nicht weg
und bohren da nur zum Spaß, bohren nur bis elfhundert und machen dann
dicht, weil sie bis dahin nichts haben. Auf sechzehnhundert oder
achtzehnhundert kann ja das dickste Öl liegen.“
Ein Hund kann es auch nicht sein, der würde plätschern, um ans Ufer zu
kommen. Aber da war kein Plätschern hinterher, kein Rufen, kein
Kreischen, nichts. Nur der eine kurze Platsch und vorbei.
Ignacio ist wissend. Er kennt die Geheimnisse der Ölmagnaten. „So können
Sie nur reden,“ sagt er zum Pumpmeister, „weil Sie durchaus nichts von
Öl verstehen. Wenn die nicht bis auf dreitausend Fuß bohren, sondern
schon vorher zementieren, so beweist das gerade, daß sie auf Öl gestoßen
sind, oder aber, daß sie es fühlen. Dann machen sie rasch dicht und
sagen, es sei überhaupt kein Öl da.“
Manuel steht bei einem Mädchen, schwatzt auf sie ein, und sie lacht,
lacht in einem fort. Er ist doch ganz anders als die anderen Burschen
hier herum. Das macht eben, er arbeitet in Texas, er sieht die Welt und
lernt, die schönen Mädchen von den weniger schönen zu unterscheiden.
„Das müssen Sie mir nun nicht einreden, Ignacio,“ antwortet der
Pumpmeister, „die Gringos mag alle der Teufel holen, da kehre ich mich
nicht darum, aber stupid sind sie nicht, das können Sie mir nicht
erzählen.“
„Das behaupte ich ja gar nicht,“ widerspricht Ignacio eifrig, „eben das
ist es, sie machen ja gerade die Bohrlöcher dicht, weil sie nicht stupid
sind. Sie zementieren nur deshalb, weil sie noch nicht das ganze Land
hier herum in Vorpacht haben. Das machen sie, um die Bohrungspachten
niedrig zu halten. Sobald sie alles Land in Pacht halten, dann kommen
sie raus mit dem Öl, dann brechen sie die ganzen Zementierungen wieder
aus, und dann sollen Sie mal sehen, wie das Öl hier flutet.“
Weder Sleigh noch ich mischten uns in das Gespräch der beiden. Der
Pumpmeister machte große Augen und sah Ignacio an wie einen Weltweisen.
Dann sagte er in einem Ton, aus dem deutlich die Bewunderung vor der
Klugheit des Ignacio herauszuhören war: „Ich glaube, Sie haben recht,
Ignacio. Das sieht ihnen ganz ähnlich, diesen Americanos. Ich sage es
ja, stupid sind die ganz gewiß nicht, wenn sie auch sonst
niederträchtige Biester sind.“
Darauf antwortete Ignacio triumphierend: „Ja, man muß nur die Augen und
Ohren aufmachen, dann kann man schon etwas lernen und sehen, auf welche
Weise die ihr Geld machen. Mir können die alle nichts vormachen, ich bin
ihnen weit über, diesen Burschen.“
Inzwischen hatte sich ein anderer Mann neben Garza gesetzt und ihm die
Geige aus der Hand genommen. Die Mädchen sahen alle auf, weil er so tat,
als ob er nun einmal zeigen wolle, wie man zum Tanze aufzuspielen habe.
Ein paar Takte schien es auch, daß er wirklich hervorragend spielen
könne, und die Mädchen zupften bereits an ihren Kleidern herum. Aber
dann war es auch schon aus, und er spielte schlechter als Garza.
Zwei Mädchen wagten es endlich, zu tanzen. Nach zehn Schritten aber
setzen sie sich wieder. Wenn wenigstens eine Gitarre da wäre, dann ließe
sich so etwas wie Musik zusammenstoppeln.
Dennoch denkt niemand an Aufbruch. Man ist einmal hier, und irgend etwas
wird ja wohl geschehen. Wo so viele Leute beieinander sind, geschieht
immer etwas. Vielleicht kommt doch noch der große Musikmeister, auf den
sie alle in einem unbestimmten Gefühl warten.
Ignacio hat sich von uns entfernt. Er sucht sicher eine andere Gruppe
auf, die er mit seiner großen Entdeckung auf die Knie zwingen kann.
Eine junge, hübsche Frau kommt auf uns zu. Sie hat ein meergrünes
Gazekleid an, durch das man den weißen Unterrock schimmern sieht. In dem
schwarzen, sorgfältig durchgekämmten Haar hat sie zwei dicke rote
Blumen, und sie trägt einen kleineren Blumenstrauß an die Brust gesteckt
und einen mit dicken roten Blumen am Gürtel.
„Haben Sie Carlos nicht gesehen?“ Sie fragt es ganz leichthin. „Er hat
noch nicht sein Abendbrot gegessen. Er ist ja ganz aus dem Häuschen vor
Aufregung, weil Manuel gekommen ist. Das geht in einem fort: „Buenas
noches!“ und „Adios!“ und „Bonito!“ und „Bonita!“ und immer gleich
wieder auf und davon.“
„Hier war er nicht, ich habe ihn nicht gesehen“, sagt der Pumpmeister.
„Kann sein, daß er hier war,“ sagt Sleigh, „aber ich habe nicht auf ihn
geachtet.“
Ein anderer Mann kommt auf uns zu, und wir reden von dem neuen
Dampfkessel, der dem Pumpmeister schon seit zwei Jahren versprochen
wurde, aber immer noch nicht angelangt ist.
Die junge hübsche Frau sieht Manuel und geht zu ihm rüber. Ich sehe, wie
er den Kopf schüttelt und dann wieder auf sein lachendes Mädchen
einredet.
Die Frau – es ist die Gattin Garzas und die Mutter des kleinen Carlos –
geht nun zu ihrem Manne. Er dreht sich gerade eine Zigarette, hört
gleichgültig zu und schüttelt dann mit dem Kopfe.
Eine Weile steht die Frau unschlüssig und nachdenklich da. Dann sieht
sie sich zwischen den Leuten und den Kindern um. Alle die Personen
sitzen, stehen und laufen in dem trüben Licht herum wie bunte
gespenstische Schatten. Die Gesichter, die alle tiefbraun, viele beinahe
schwarz sind, sind weniger zu erkennen als die grellfarbigen Kleider der
Mädchen und die hellen Hemden und Hosen der Männer. Zuweilen sieht es
aus, als ob Kleidungsstücke herumlaufen, über denen ein großer Hut hängt
und mitläuft, denn die Gesichter und Hände verlaufen in der Nacht.
Einige Male sehe ich noch die Frau Garza zwischen den Gruppen hin und
her streifen, dann aber achte ich nicht mehr auf sie.
Garza hat die Fiedel wieder genommen. Man sieht ein, daß er von allen,
die es nun versucht haben, immer noch am besten spielt.
Aus irgendeinem Winkel der Nacht heraus bläst jemand auf einer
Mundharmonika. Wieder versuchen einige Mädchen zu tanzen, und wieder
stellen sie den Versuch nach einer Runde ein.
Die Frau des Pumpmeisters steht auf, nimmt eine Laterne fort und geht
damit ins Haus. Der Platz wird dadurch noch gespenstischer. Drüben bei
den Eseltreibern ist das Feuer am Verlöschen, und die beiden Männer und
der Junge kommen näher heran, um unter Menschen zu sein. Sie finden
gleich Bekannte, stellen sich bei ihnen hin, spucken aus und mischen
sich in das Gespräch.
Da kommt die Garza in der Richtung von der Brücke auf uns zu. Sie geht
sehr eilig und sagt, noch während sie geht: „Der Junge ist nicht da. Ich
kann ihn nicht sehen. Wo steckt er nur?“ Ihr Gesicht, das vorhin noch
nebensächlich, alltäglich geschäftig war, nimmt jetzt einen auffallend
deutlichen Ausdruck der Besorgnis an. Sie zieht die Stirne hoch, öffnet
ihre Augen weit und richtet sie fragend auf uns. In diesen Augen
schimmert ein leiser Verdacht, gegen den sie sich noch zu wehren sucht.
Und ein zweiter Verdacht glimmert hindurch, ob wir vielleicht etwas
ahnen, aber unsere Ahnung vor ihr verbergen wollen. Hilflos sieht sie
sich nach allen Seiten um, wo sie noch suchen könnte. Dann blickt sie
uns wieder an. In ihren Augen ist eine Wandlung vor sich gegangen. Der
Verdacht, die leise Ahnung fangen an, Gestalt anzunehmen.
Der große Musikmeister ist erschienen! Der größte, den die Menschen
haben. Gleich wird er zum Tanze aufspielen. Zu einem wirbelnden Tanze,
bei dem die Fanfaren des letzten Tages der Welt zu hören sein werden.
Die Tänzer beginnen sich langsam aufzustellen. Zuerst nur die, wie bei
jedem Tanze, die gehört haben, daß die Musik eingesetzt hat.
„Machen Sie sich doch keine Sorgen, Carmelita,“ sagt der Pumpmeister,
„der Junge ist müde geworden und hat sich hingelegt zum Schlafen.“
„Im Hause ist er nicht, ich habe jeden Winkel durchsucht.“
„Er wird bei andern Leuten sein.“
„Nein, auch nicht.“
„Vielleicht irgendwo unter eine Decke gekrochen, oder er liegt auf einem
Dache, wo er eingeschlafen ist, und wo es kühl ist“, sagt jetzt Sleigh.
An das Dach hat die Frau nicht gedacht. Das kann sein, er schläft ja oft
mit dem andern Jungen auf dem Dache, sie hat ihm ja oft den Fetzen Decke
hinaufwerfen müssen. In ihre Augen kommt ein Schein von Hoffnung. Sie
eilt davon. Wieder über die Brücke zurück.
Die Pumpmeisterin ist mit der Laterne aus der Hütte zurückgekommen, und
der Platz wird wieder ein wenig heller.
5
Garza fiedelt noch immer. Der Junge ist schon hundertmal nicht zum
Abendessen gekommen, man hat ihn schon dutzende Male wer weiß wo suchen
müssen, oft hat er sich einen Esel genommen und ist auf und davon
geritten aus reinem Vergnügen. Die Frauen haben immer gleich den Sack
voll Angst. Obgleich niemand zu tanzen versucht, er ist nicht beleidigt
oder verärgert, unverdrossen spielt er weiter. Wenn einer besser spielen
kann als er, so mag er sich doch melden, er will ihm gern seine Geige
leihen. Aber da soll erst einmal einer kommen, der besser spielt. Das
ist ja eben die Sache, man muß spielen können, und er kann spielen,
besser als alle hier in der Runde. Die Onesteps, Twosteps, Walzer und
Foxtrotts schieben sich ja alle ein wenig ineinander, so daß man immer
erst eine Weile hinhören muß, was er eigentlich spielt; und wenn man
dann überzeugt ist, daß er einen Foxtrott meint, dann ist es ein Walzer.
Ab und zu spielt wieder einer auf der Mundharmonika, die von Hand zu
Hand oder richtiger von Mund zu Mund zu gehen scheint, denn
zwischendurch hört man immer sprechen und zuweilen etwas lauter: „Gib
mir mal, du kannst ja nicht.“
Die Jungen auf der Brücke singen nicht mehr. Vielleicht sitzen sie noch
da und erzählen sich etwas, vielleicht auch haben sie sich zu den
Mundharmonikaspielern gesellt oder zwischen die Gruppen hier gemischt.
Die Garza kommt schon wieder zurück. Da wir ja am nächsten zur Brücke
stehen, muß jeder, der zum Pumpplatz will, an uns vorbei.
Sie kommt so natürlich zuerst auf uns zu. Ihr Gesicht hat den ersten
Schimmer von Angst angenommen. Die Augen sind starr und weit auf uns
gerichtet mit einer ganz stillen Hoffnung, daß wir, während sie drüben
auf der anderen Seite des Flusses war, etwas erfahren haben könnten. Ihr
Haar, das so sorgfältig geordnet war, ist an der einen Seite ein wenig
aufgezaust. Sie ist auf das Dach geklettert, und sie hat zwischen
Gestrüpp gesucht.
„Er ist auch nicht auf dem Dache, Senjores. Die andern haben auch
überall nachgesehen. Sie haben ihn nicht gefunden.“ Sie sagt es so, als
ob die Worte Blei wären. „Drüben ist er nicht.“ Sie geht hinüber zu
ihrem Manne. Während er ruhig weiterfiedelt, redet sie auf ihn ein. Dann
schweigt sie plötzlich und sieht ihn groß fragend an, seine Meinung
erwartend.
Er zieht noch einen langen Strich, dann setzt er den Bogen ab und läßt
die Hand aufs Knie fallen. Die Geige hat er noch an der Brust, denn kein
Indianer hier hält die Geige gegen das Kinn. Über die Geige hinweg sieht
er mit seinen schwermütigen Augen seiner jungen Frau ins Gesicht.
Plötzlich ruckt er zusammen. Er hat mehr in den Augen gelesen, als sie
für ihn hineingeschrieben hatte. Er öffnet den Mund weit, und der
Unterkiefer scheint zu erschlaffen. Jetzt endlich nimmt er die Geige
auch herunter und stützt sie aufs Knie; und während er den Kopf sinken
läßt, übergibt er die Fiedel dem großen Meister, den er jetzt kommen
sieht.
Der Junge ist noch keine Stunde fort. Er ist dutzende Male halbe Tage
fortgewesen und hat sich hunderte Male viele Stunden lang wer weiß wo
herumgetrieben, aber noch nie hat Garza seine Frau so gesehen wie jetzt.
„Manuel!“ ruft die Frau.
Manuel kommt von seinem lachenden Mädchen, der er noch ein lustiges Wort
zurückruft, langsam heran.