Zur künstlichen Befruchtung werden die Eier des reifen Weibchens,

welche lose im Ovar, bezw. in der Bauchhöhle liegen, durch gelindes

Streichen herausgedrückt und in einer Schale aufgefangen, eine kleine

Menge Samen, welcher in gleicher Weise aus den Hoden eines Männchens

herausgestrichen ist, wird auf die Eier gebracht und durch vorsichtiges

Umrühren zwischen die Eier verteilt, Wasser hinzugegossen und dann

die Schale mit ihrem Inhalt für kurze Zeit sich selbst überlassen.

Die Samenfäden fangen ihre Schwärm- und Bohrbewegungen an, sobald sie

mit dem Wasser in Berührung kommen. Die Eier vieler Fische schwellen

durch Wasseraufnahme auf und saugen dabei gewissermassen die Samenfäden

in sich ein. Auf diese Weise werden alle reifen Eier, die sich in der

Schale befinden, befruchtet (während bei der Laichablage in der freien

Natur eine grosse Menge der abgesetzten Eier unbefruchtet bleibt) und

sind dann entwicklungsfähig. Sie können jetzt sofort in die freien

Gewässer gebracht und dort an geeigneten Stellen, d. h. an solchen,

an welchen die Fische ihrer Art laichen würden, ausgesetzt werden.

Allein der Fischlaich ist im Freien unzähligen Gefahren ausgesetzt.

Fast alle Wassertiere, welche ihn bewältigen können, stellen ihm

nach, ungünstige Witterung tötet ihn, Wellenschlag wirft ihn auf das

Land. Deshalb ist es besser, ihn so lange als möglich unter Obhut zu

behalten, ihn künstlich zu erbrüten. Man bringt ihn in Brutapparate.

Die +Brutapparate+ sind fast durchgehends so eingerichtet, dass in

ihnen die Eier von fliessendem, klarem, reinem, aber sauerstoffreichem

und gleichmässig kühlem Wasser bespült werden. In +Jakobis+ Brutkiste

lagen sie auf Kies, die Kiste hatte auf den Schmalseiten Gitter und war

so in einen Bach gestellt, dass das Wasser durch die Gitter über die

Eier floss. +Coste+ legte die Eier auf einen Glasrost, der in einem

Gefäss stand. Solche Gefässe stellte er staffelförmig über einander, so

dass das Wasser, das in das höchststehende geleitet war, aus diesem in

das nächst tiefere floss etc. Später wandte man Siebe aus Metall oder

Thon an. Die Amerikaner scheinen zuerst Drahtgeflechte zur Aufnahme

der Eier angewandt zu haben. Dies ist jetzt die übliche Unterlage.

Man lässt das Wasser entweder seitlich an den Eiern vorbeifliessen,

oder man richtet die Apparate so ein, dass das Wasser von unten her

durch die Unterlage und dann durch die Eierschichten strömt, wodurch

das Wasser am besten ausgenutzt wird. In anderen Apparaten werden

die Eier nicht ruhend, sondern schwebend ausgebrütet, indem in das

kelchförmige oder cylinderförmige Brutgefäss ein kräftiger Wasserstrahl

von unten her eingeleitet wird, welcher die Eier in die Höhe trägt;

nach oben hin verteilt sich der Wasserstrom und verliert an Kraft, die

Eier geraten in das ruhigere Wasser an den Gefässwänden, sinken hier

durch ihre Eigenschwere hinab und werden von dem Wasserstrom unten

sofort in erneutem Spiel in die Höhe getrieben[73]. Diese Apparate

sind besonders für kleinere Eier, wie die der Hechte und Coregonen,

geeignet. Sie haben unter anderem den besondern Vorteil, dass die

abgestorbenen Eier, welche etwas leichter werden als die lebenden,

sich von den letzteren absondern und bei etwas verstärktem Strome von

selbst mit dem durchgeleiteten Wasser abschwimmen können. Man nennt sie

deshalb Selbstausleser.

Eine dritte Methode ist die Erbrütung in Eisschränken, in welchen

die Eier nur von dem tropfenweise herabrinnenden Schmelzwasser des

über ihnen angebrachten Eises feucht und kühl gehalten werden. Diese

Eisbrutschränke dienen auch zum Transport von Eiern, welche wochenlang

unterwegs sein müssen. Man hat in ihnen die Eier fremder Fischarten

über die Ozeane in neue Gebiete, selbst über den Äquator hinaus,

eingeführt, z. B. den Lachs der nördlichen Hemisphäre in australische

Gewässer.

Leider ist die Methode der künstlichen Befruchtung und Erbrütung nur

bei einer beschränkten Zahl von Fischarten praktisch anwendbar. Der

erste Mangel, den diese Methode hat, liegt in der Notwendigkeit,

dass die Laichfische in dem gerade zur Befruchtung geeigneten

Laichreifestadium zur Hand sein müssen. Einige Fische können dieses

Stadium in der Gefangenschaft erreichen. Viele andere aber werden,

auch kurz vor der Laichreife eingefangen, in engen Behältern nicht

laichreif. Bei anderen Fischarten (Karpfen, Bressen, Stör und den

meisten anderen Sommerlaichern) quillt, wie oben erwähnt, die Eihaut

bei der Berührung mit Wasser zu einer klebrigen Substanz auf; diese

Eier ballen sich zu zähen Klumpen zusammen, wenn sie abgestrichen sind,

so dass die Zuführung von Wasser und Sauerstoff zu den im Innern des

Klumpens gelegenen Eiern und dadurch ihre Erbrütung unmöglich gemacht

wird. Man kann diese Eier indessen unmittelbar nach der Befruchtung

auf Wacholder, Moos oder Wasserkräuter vorsichtig in dünner Schicht

verteilen und sie in flachen Körben in stillem, warmem Wasser ausbrüten

lassen; die Jungen schlüpfen dann nach einigen Tagen aus und gelangen

durch die Korböffnungen in das Gewässer, in dem der Korb steht, worin

sie, wenn das Gewässer fischleer ist, so lange aufwachsen, als sie

Nahrung finden.

Die Eier der meisten Salmoniden sind sehr geeignet zur künstlichen

Erbrütung. Forellen und Lachse werden in Behältern reif, und ihre Eier

sowie die der Coregonen und Aeschen kleben nur wenig. Gerade diese

Salmoniden bedürfen aber auch des besondern Schutzes in hohem Masse.

Ihre Laichzeit fällt, bis auf die der Aesche, in den Herbst und den

Winter, die Entwickelungsdauer der Eier ist eine sehr lange, und die

Eier sind gross und oft lebhaft gefärbt. Dabei ist die Zahl der Eier,

welche die Salmoniden produzieren, nicht so bedeutend, wie die vieler

im Sommer laichender Fische. Deshalb ist es nötig, den Laich dieser

Edelfische so gut als möglich zu schützen und ihn künstlich befruchtet

in Bruthäusern ausschlüpfen zu lassen.

Wie auf die meisten anderen Lebensverhältnisse der Fische, so ist

auch auf die Länge der Entwickelungszeit der Eier die Wasserwärme

von grösstem Einfluss. Je kälter das erbrütende Wasser ist, um

so längere Zeit muss es auf die Eier einwirken, bevor dieselben

ausschlüpfen[LXXVII]. Die Eier vieler Sommerlaicher vertragen dabei nur

schlecht die Kühle und sterben im Freien oft ab, wenn das Wasser auf

die Dauer kalt bleibt. Die Eier der Salmoniden dagegen vertragen

kaltes Wasser sehr gut, am kräftigsten entwickeln sich die Fische

aus Eiern, die in eiskaltem Wasser gebrütet sind. Man unterscheidet

während der Brütung der Salmoniden-Eier zwei Hauptperioden. Die erste

reicht von der Befruchtung bis zum Sichtbarwerden der schwarzen

Augenpupillen des Embryo, und dauert für Lachse und Forellen bei einer

Durchschnittstemperatur des Wassers von 5° _C._ etwa 3½ Monate; die

zweite umfasst die Zeit bis zum Ausschlüpfen, sie dauert bei Lachs und

Forelle etwa 2 Monate bei der angeführten Wassertemperatur[74].

Die Eier der Coregonen haben eine kürzere Entwickelungsdauer. In

der zweiten Entwickelungsperiode sind alle Salmoniden-Eier ziemlich

widerstandsfähig; sie können dann, kühlgehalten, auf weiche Unterlage

gebettet und mit dieser fest verpackt, weithin versandt werden und

wochenlange, im Eisschranke sogar monatelange Reisen überdauern. Nach

dem Ausschlüpfen schwärmen die jungen Coregonen wie die Brut der

meisten anderen Fische sogleich frei umher, obwohl die Brustflossen

noch gar nicht und die Bauchflossen erst als Stummel entwickelt

sind. Die Brut der Forellen und Lachse dagegen ist mit einem grossen

Dottersäckchen beschwert, das ihr am Bauche hängt und bei den

Schwimmbewegungen anfangs hinderlich ist, weshalb diese Tierchen in

den ersten Wochen, ohne sich viel zu bewegen, am Boden der Brutgefässe

liegen. Erst wenn der Dottervorrat eingesogen ist, haben auch sie freie

Beweglichkeit erlangt. Dann ist es Zeit, sie in die freien Gewässer zu

bringen.

[LXXVII] Man muss aus den Resultaten der Untersuchungen von +Barfurth+

(Jahresbericht des Rheinischen Fischereivereins 1888)

allerdings schliessen, dass die Entwickelungsdauer der

Salmoniden nicht genau in dem Verhältnis verkürzt wird,

in welchem man die Wassertemperatur erhöht, dass vielmehr

die Eier in wärmerem Wasser mehr Wärme verbrauchen als in

kälterem Wasser.]

Die Erfolge, welche bis jetzt durch die künstliche Fischzucht erzielt

sind, sind recht erhebliche. Zunächst ist mit ihrer Hilfe der Bestand

an Lachsen nachweisbar vermehrt worden. Der +Lachs+ hat seines hohen

Preises wegen und weil er verhältnismässig sicher zu fangen ist, grosse

Bedeutung für die Fischerei, und zwar sowohl für die Binnenfischerei

als auch für die Meeresfischerei (wenigstens in der Ostsee). Seit 1879

hat sich nach der holländischen Verkaufsstatistik[75] der Ertrag des

Lachsfanges in den Rheinmündungen etwa verdoppelt, und diese günstige

Änderung wird mit Recht auf die Aussetzung zahlreicher Brutmengen in

die Nebenbäche des Rheins zurückgeführt. Ebenso ist der Lachsbestand

in der Ems und der Weser, in denen er sehr zurückgegangen war, allem

Anschein nach wieder durch Bruteinsetzungen gehoben worden. In der

Elbe ist der Lachsbestand besonders durch künstliche Lachszucht in

Böhmen vermehrt worden. Im Odergebiet liegen die Laichplätze der

Lachse in einigen Nebenflüsschen der Netze, der Drage und der Küddow,

wahrscheinlich, weil den Lachsen der Zutritt zu den Quellgebieten

der Oder in Schlesien durch die grossen Wehre bei Breslau seit

langen Zeiten abgeschnitten ist, und an diesen Wehren leider noch

keine Fischwege angebracht sind. In der Weichselmündung hat sich der

Lachsfang infolge der Brutaussetzung in Galizien und Westpreussen

ebenfalls deutlich vermehrt.

Ein dem Lachs nach Körperform, Grösse und Lebensweise sehr ähnlicher

Fisch ist die +Meerforelle+. Auch mit ihr sind durch künstliche

Fischzucht, namentlich in den holsteinischen Auen, vorzügliche

Resultate erzielt worden.

Die stärkste Vermehrung durch künstliche Fischzucht dürfte der

+Bachforelle+ zu teil werden, von der alljährlich mehrere Millionen

künstlich erbrüteter Jungfische zur Besetzung von Zuchtbächen und

Teichen benutzt werden, um als 2–3jährige Fische zum Verbrauch

ausgefischt zu werden.

Wie oben auseinandergesetzt ist, gelingt es nicht bei allen Fischen,

den Laich zur künstlichen Erbrütung zu verwenden. Wo dies unbequem

oder unmöglich ist, ist man für die geschützte Vermehrung der Fische

darauf angewiesen, die Fische das Laichgeschäft auf natürliche Weise

in ablassbaren Bassins, Teichen oder ähnlichen Behältern, deren Inhalt

man in seiner Gewalt hat, vollziehen zu lassen und die gewonnene

Fischbrut in geeignetem Alter wie die durch künstliche Erbrütung

gewonnene zu verwenden. Die +Teichzucht+ gehört deshalb auch zur

künstlichen Fischzucht, und um so mehr, als die künstlich erbrüteten

Fische zweckmässigerweise zuerst einen Sommer über in einem Teich oder

einem ablassbaren Graben gezogen und erst, wenn sie hier zu kräftigen

Fischchen herangewachsen sind, in die freien Gewässer übertragen werden.

Besonders häufig wird der +Karpfen+ in Teichen gezogen[76]. Am

geeignetsten für die Karpfenzucht sind flache Teiche. Da aber die

Karpfen in diesen im Winter unter dem Eise leicht ersticken, so

nimmt man sie im Herbst aus solchen Teichen in der Regel heraus und

bringt sie in kleine, tiefe, durchströmte Teiche (Winterheller).

Da eine gleiche Zahl Karpfen je nach ihrem Alter und ihrer Grösse

mehr oder minder grosse Teichflächen beansprucht, so setzt man die

einzelnen Jahrgänge in besondere Teiche zusammen, deren Grösse ihrem

Nahrungsbedürfnis entspricht. Die für das Ablaichen und die erste

Entwickelung der Brut bestimmten Teiche heissen Streichteiche. Aus

ihnen überträgt man die Jungen in die sogenannten Streckteiche, wo

sie 1–2 Jahre aufwachsen, bis sie zur Erreichung der Grösse, in der

sie verkauft werden (meist 1–1¼ Kilo schwer), in die sogenannten

Abwachsteiche kommen, in denen man ihnen meist kleine Raubfische

(Hechte, Zander, Forellen) beigiebt, damit die etwa von frühreifen

Karpfen erzeugte Brut sogleich beseitigt wird und nicht den zum

Auswachsen bestimmten Karpfen das Futter schmälert. Man nimmt an,

dass die Fische um so wohlschmeckender sind, je rascher sie gewachsen

sind. Aus diesem Grunde und weil ein rasches Wachstum, ein möglichst

gründliches Ausnützen des vorhandenen Futters für den Züchter offenbar

von Vorteil ist, bemüht man sich, möglichst schnellwüchsige Karpfen zur

Zucht zu nehmen. Man erreicht dies einerseits dadurch, dass man nur

die am besten gewachsenen unter den zur Laichreife gelangten Karpfen

in die Streichteiche nimmt, anderseits, indem man die Karpfenbrut

schon im ersten Sommer ihres Lebens durch reichliche Nahrung und

Schutz vor Feinden zu kräftigen Tieren erzieht. Ein Verfahren, um

dies zu erreichen, ist von dem schlesischen Fischzüchter +Dubisch+

erfunden. Man nimmt danach die Karpfenbrut schon acht Tage nach

ihrem Ausschlüpfen mit Gazenetzen aus dem Teich und bringt sie in

andere Teiche, so dass etwa 25000 auf den Hektar Teichfläche kommen.

Schon nach vier Wochen fängt man sie abermals heraus und überträgt

sie in andere Teiche, so dass nur 1000 Stück im Hektar enthalten

sind. Im zweiten Frühjahr bringt man sie in eine dritte Klasse von

Streckteichen, in welchen nur 500 im Hektar sich befinden. Endlich im

dritten Frühjahr bringt man sie in Abwachsteiche und setzt in diesen

auf den Hektar 200 Karpfen. Man erzielt auf diese Weise pro Hektar

Teichfläche etwa 120 Karpfen von etwas über 1 Kilo Schwere, was einem

jährlichen Ertrag von etwa 162 Mark aus jedem Hektar entspricht.

Mit Hilfe der künstlichen Erbrütung von Eiern und der durch das

Dubisch-Verfahren vervollkommneten Teichwirtschaft hat man auch eine

Anzahl ausländischer Fischarten in Deutschland eingeführt, die man

zwar noch nicht gut als der deutschen Fauna angehörig betrachten kann,

die aber teilweise doch einmal eine Rolle in unserer Tierwelt werden

spielen können.

Man sollte bezüglich der Einführung neuer Fischarten sein Augenmerk

zunächst auf die Gegend wenden, von wo die meisten unserer

einheimischen Fischarten herstammen, nach Osteuropa und Nordasien,

da die Fische dieser Gegenden sich ohne Zweifel in ähnlichen

Lebensverhältnissen befinden, wie unsere einheimischen. Man hat aus

dieser Gegend den Sterlett in die norddeutschen Ströme einzuführen

versucht; leider sind die Fische bezw. Eier auf dem Transport meist zu

Grunde gegangen, wahrscheinlich nur infolge von Zufälligkeiten.

Am leichtesten gelingt der Transport der sich langsam entwickelnden

Eier der Salmoniden. Man hat in dieser Form nicht nur europäische

Lachse und Forellen nach Tasmanien und Neuseeland[77], Forellen und

Maränen[78] nach Amerika gebracht, sondern auch eine ganze Anzahl

von Salmoniden Amerikas in Deutschland eingeführt[79]. Von diesen

sind der Bachsaibling (_Salmo fontinalis_ Gemminger) aus den Bächen

Nordamerikas und die Regenbogenforelle (_Salmo irideus_, Livingston

Stone) aus dem Höhenlande Kaliforniens weit verbreitet und, der

erstere in rasch fliessenden Bächen, die selbst der Forelle zu

reissend sind, die letztere auch in Teichen, vortrefflich gediehen.

Auch einige amerikanische Sommerlaicher sind durch die Bemühungen

des Fischzüchters +M. von dem Borne+ in Deutschland verbreitet. Es

sind dies der Schwarzbarsch (_Grystes nigricans_ Günther) und der

Forellenbarsch (_Grystes salmoides_ Gü.), zwei Fische der Barben- und

Bleiregion, denen ein vorzüglich feines Fleisch zugeschrieben wird und

die bezüglich ihrer Lebensbedingungen, wenigstens was die Reinheit

des Wassers betrifft, anspruchsloser als die feineren einheimischen

Tafelfische sind[80], -- ferner, erst neuerdings eingeführt, der

Steinbarsch, _Centrarchus aeneus_ C., aus dem Mississippi[81], und der

Zwergwels, _Amiurus catus_ Jord. u. Gilb., aus den flacheren Gewässern

dieses Gebietes[82].

Auch innerhalb unseres Gebietes haben mehrere Fischarten mit Hilfe der

Fischzucht oder der aus derselben gezogenen Erfahrungen eine weitere

Verbreitung erhalten, als ihnen von Natur zukommt. Dahin gehört der

Karpfen, der seit alter Zeit in ganz Deutschland gezüchtet wird, und

der Zander, welcher in die Gebiete des Rheins, der Ems und der Weser,

sowie in zahlreiche norddeutsche Seen, in denen er bisher fehlte,

künstlich eingeführt ist.

Vorzügliche Resultate sind mit der Verbreitung der +Aalbrut+ erreicht

worden, die in den Mündungen des Po und der Flüsse der französischen

Ozeanküste in Menge gefangen wird. Direktor +Haack+ bringt jährlich

grosse Massen davon nach Hüningen, von wo die jungen Tiere in feuchtes

Kraut verpackt bequem mit der Post versendet werden. Zahlreiche

Gewässer, welche die Aalbrut auf ihrer Wanderung nicht aufsuchen kann,

sind auf diese Weise mit Aalen bevölkert worden. Auch ist ein gross

angelegter Versuch gemacht worden, das Donaugebiet, das wie alle

Flussgebiete des Schwarzen Meeres den Aal bisher nicht besass, mit

diesem Fisch zu besetzen. Zahlreiche junge Aale sind in dem oberen

Donaugebiet ausgesetzt worden und die Tiere wuchsen dort gut auf. Der

grösste Teil der eingesetzten Brut bestand indessen aus Weibchen. Um

die Fortpflanzung zu sichern, wurde daher eine grosse Zahl erwachsener

Aalmännchen aus der Nordsee in das Schwarze Meer gebracht. Man hofft

dadurch den Fortbestand der Aale im Gebiete des Schwarzen Meeres

gesichert zu haben.

Auf die Entwickelung der Fische im Ei kann hier des Raummangels wegen

nicht eingegangen werden[83].

Einige Fische behüten ihre Eier und Jungen eifrig vor den

Nachstellungen der Feinde, so der Zander, der Schwarzbarsch, der

Stichling, der die Eier in ein Nest aus Pflanzen legt, das mit aus

den Harnkanälen stammenden Schleimfäden[84] befestigt ist, der

Kaulkopf, der ebenfalls ein Nest im Bachgrunde bereitet, und zwar sind

es meist die Männchen, welche Wache halten und selbst die Weibchen den

abgelegten Eiern nicht nahekommen lassen. Der weibliche Bitterling

legt seine Eier mit Hilfe seiner langen Legeröhre in die Kiemenräume

der Teichmuscheln (Unioniden), wo sie bis zum Ausschlüpfen geschützt

bleiben (während anderseits die Teichmuscheln bekanntlich ihre

Larvenzeit als Hautparasiten der Fische und anderer Wasserwirbeltiere

zubringen).

Werden die Fische an der Laichablage verhindert, so werden die

Geschlechtsprodukte resorbiert, oft unter Krankheitserscheinungen[85].

Wenige Worte seien noch dem Nervensystem und den Sinnesorganen der

Fische gewidmet.

Das +Gehirn+[86] liegt in der Schädelkapsel unter einer dicken

Fetthülle, es ist im Verhältnis zur Körpermasse und zu den übrigen

Teilen des Nervensystems klein. Auffallend ist, dass für das Grosshirn,

an welches bei den höheren Wirbeltieren Bewusstsein und Wille gebunden

erscheinen, bei dem Fisch noch gar keine bestimmte Funktion hat

nachgewiesen werden können[87]. Döbeln, deren Grosshirn herausgenommen

war, zeigten in keiner Weise eine Abweichung ihrer Lebensthätigkeiten.

Das +Auge+[88] wird von der Körperhaut überzogen, welche an

dieser Stelle völlig durchsichtig ist. Die darunter liegende Hornhaut

(_Cornea_) ist sehr flach, die Linse dagegen fast kugelrund. Die Fische

gelten deshalb für kurzsichtig; für den Hecht ist eine Sehweite von

etwa 65 _cm_ nachgewiesen worden[89]. Die Regenbogenhaut (_Iris_)

ist metallglänzend infolge der Einlagerung von Glanzkörperchen, wie

sie auch sonst den Glanz der Fische verursachen. Übrigens ist die

Regenbogenhaut nicht kontraktil, wie bei den höheren Wirbeltieren.

Eigentümliche Bildungen des Fischauges sind die sogenannte _Glandula

chorioidea_, ein in der Nähe des Eintritts des Sehnervs liegender,

an Blutgefässcapillaren reicher Körper, und eine zweite Falte der

Gefässhaut (_Chorioidea_) des Auges, welche die Nervenhaut (_Retina_)

des Auges durchsetzt und an der Linse mit einer Verdickung, der

_Campanula Halleri_, endet.

Das +Hörorgan+ der Fische[90] liegt seitlich vom Gehirn im Grunde

des Schädels in der Nähe des Hinterendes desselben, oft in einer

besonderen Ausbuchtung des Schädels. Ein äusseres Ohr kommt bei den

Fischen nicht vor. Das Hörorgan besteht aus mehreren häutigen Teilen,

nämlich dem Säckchen (_Sacculus_), das eine Ausstülpung zeigt, die der

Schnecke der höheren Wirbeltiere entspricht und einen oder mehrere

Gehörsteine (Otolithen) von zahnschmelzartiger Substanz enthält,

und dem _Utriculus_ oder _Alveus communis_, an welchem sich bei den

Neunaugen zwei, bei den übrigen Fischen drei „halbzirkelförmige Kanäle“

befinden, die zuweilen in Erweiterungen ebenfalls Otolithen enthalten.

Im _Sacculus_ endigen die Nervenfasern des Hörnervs in Sinneszellen,

welche am äusseren Ende je eine kleine starre Borste tragen. Ähnliche

in Haare ausgehende Sinneszellen finden sich auch in den sogenannten

+Seitenorganen+. An den Seiten der Fische, mit Ausnahme der Neunaugen,

findet sich nämlich eine Reihe von Poren, welche die Schuppen

durchsetzen und die „Seitenlinie“ bilden. Sie führen in Kanäle, welche

unter der Haut liegen. In diesen Kanälen[91] liegen im Grunde von

Vertiefungen kleine Erhebungen, welche aus ebensolchen Sinneszellen

bestehen, wie sie sich in dem Cortischen Organ des Hörapparates

finden. Man nimmt daher an, dass diese Organe, welche keinem der

Sinne der höheren Wirbeltiere entsprechen, eine ähnliche Funktion

haben wie das Hörorgan, indem die Seitenorgane zwar nicht die kurzen,

rasch verlaufenden Schallwellen, aber andere Druckwirkungen, wie die

Bewegungen anderer Körper im Wasser, empfinden sollen.

Schon bei Erwähnung der Schwimmblase ist hervorgehoben worden, dass

diese mit Luft prall gefüllte Blase bei den meisten unserer Fische

mit dem Gehörorgan in Verbindung steht. Diese Verbindung wird bei den

Perciden und Clupeiden dadurch hergestellt, dass Verlängerungen der

Schwimmblase dicht an den _Utriculus_ herantreten, bei den Cypriniden

und dem Wels durch eine Reihe von kleinen Knochen, deren Reihe

einerseits die Schwimmblase, anderseits einen Verbindungskanal der

_Vestibula_ beider Seiten berührt. Auf diese Weise dient gewissermassen

der ganze Mittelkörper, soweit in ihm die Schwimmblase liegt, als

eine Art äusseren Ohrs. Die Prallheit und Elastizität, welche die

Schwimmblase dem Fischkörper giebt, mag auch zur Folge haben, dass die

Druckwahrnehmungen der Seitenorgane deutlicher empfunden werden.

Die einander verwandten Empfindungen des Geschmacks und des Geruches

werden bei den meisten Fischen anscheinend nur durch ein Sinnesorgan,

das der Nase der höheren Wirbeltiere entspricht, wahrgenommen. Indessen

kann man, wie +J. Müller+ hervorgehoben hat, deshalb den Geruch der

Fische mit dem Geschmack derselben nicht identifizieren, wiewohl die

Geruchsstoffe im Wasser gelöst sind, denn auch bei den Luftwirbeltieren

muss sich der Geruchsstoff erst im Wasser der Nasenschleimhaut lösen,

um empfunden zu werden. Besondere Geschmacksorgane hat +F. E. Schulze+

in der Mundhöhle einiger Cypriniden entdeckt, wie schon bei der

Beschreibung dieses Körperteils erwähnt ist. Das Geruchsorgan[92] kommt

allen Fischen zu, es ist bei den Neunaugen einfach, bei den anderen

Fischen doppelt vorhanden. Es liegt jederseits zwischen den Augen

und dem Mund in einem längeren oder kürzeren Hautkanal, welcher am

Vorderende oft in eine häutige Röhre verlängert ist, die geschlossen

und geöffnet werden kann, sodass es im Belieben des Fisches liegt,

während des Schwimmens einen Wasserstrom durch das Organ gehen zu

lassen und mittels desselben zu prüfen, oder dasselbe ruhen zu lassen.

Das Geruchsorgan selbst ist eine regelmässig gefaltete Schleimhaut, in

welcher die Sinneszellen liegen[93].

Das Tastgefühl scheint mehr oder minder um den Mund konzentriert zu

sein, wo sich bei vielen Fischen längere oder kürzere „Barteln“,

Tastfäden, befinden, wie bei Aalquappe, Wels, Karpfen, Barbe,

Gründling, Schleihe, den Acanthopsiden und Stören.

Die Sinnesorgane, die in vielen Punkten von denen der Landwirbeltiere

verschieden sind und in ihrer Funktionsweise dem Wasserleben

entsprechen, leiten den Fisch zu den Stätten im Wasser, deren er

jeweilen bedarf. In der Hauptnährzeit, im Sommer, verteilen sich die

Süsswasserfische fast stets weit in den Gewässern, jeden zugänglichen

Winkel nach der ihnen geeigneten Nahrung durchsuchend. In zwei

Zeitperioden sind die Fische dagegen wählerisch in ihrem Aufenthalt:

zur Laichzeit und zur Zeit des herabgeminderten Nahrungstriebes, im

Winter. Zur Laichzeit suchen sie die für die Entwickelung der Eier

und der ausgeschlüpften jungen Brut geeignetsten Wassergegenden auf,

Kiesberge, Pflanzenrasen, Röhricht, schwimmendes Pflanzengewirr,

überströmte Kiesbänke u. s. w. Im Winter ziehen sie sich an

geschützte Stellen, meist in die Tiefe des Wassers, zurück. Einige

Arten scheinen sich in den weichen Grund einzuwühlen, besonders in

flacheren Gewässern, welche bis in die Nähe des Grundes gefrieren.

Andere Arten suchen reinen, schlammfreien Grund, Sandflächen, auf

(Bressen, Karpfen), oder sie halten sich an der Oberfläche des offenen

Wassers und stehen auch unter dem Eise hoch über dem Grunde (Uklei).

Nicht nur die Friedfische, auch die Raubfische, namentlich die

jüngeren Generationen, suchen geeignete Stellen zur Überwinterung auf

(Barsch, Wels).[94] Da nun die besonderen Bedürfnisse der Art in weiten

Wasserstrecken oft nur an wenigen Stellen erfüllt sind, so sammeln

sich an diesen Stellen die Fische einer Art in grossen Scharen. Die

Laichzeit und die Zeit der Winterruhe sind daher für die praktische

Fischerei von Bedeutung, da man die Fische dann verhältnismässig

leicht in Menge mit Netzen umstellen und fangen kann. Die Erhaltung

der Fischart erfordert es allerdings, dass die laichenden Fische weder

gefangen, noch auch nur gestört werden, und dass man den Massenfang

auf den Winter beschränkt, eine Forderung, welcher der Fischer, im

Gegensatze zum Fischzüchter, nicht immer gern nachkommt.

Ohne Zweifel ist es der wissenschaftlichen Fischkunde vorbehalten,

unterstützt von einer gründlichen Kenntnis der Natur der Gewässer und

aller ihrer Bewohner, die nur scheinbar entgegengesetzten Bestrebungen

der Fischzüchter und der Fischfänger zu vereinigen und unter Förderung

rationeller Fangmethoden sowohl wie der Fischzucht die Grundsätze

einerseits einer zweckmässigen Fischereigesetzgebung, anderseits der

praktischen Verwertung der Gewässer durch Fischzucht völlig sicher

und unangreifbar zu ermitteln. Bis jetzt liegen Theorie und Praxis

der Fischerei noch sehr im Argen; die Fangmethoden sowohl wie die

Gesetzesvorschriften „schleppen von Geschlecht sich zu Geschlechte“,

während andere Zweige der Wasserverwertung, namentlich die der

Landwirtschaft und der Industrie, mächtig vorwärtsgeschritten sind und

der Fischerei kaum das Dasein gönnen.

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Fischen gegenüber Kälte. Zool. Anzeiger, 1891, S. 1 u. f.

Die Parasiten unserer Süsswasserfische.

Von Prof. Dr. =Fr. Zschokke= in Basel.

Es ist eine gewöhnlich kaum beachtete Thatsache, dass der Körper des

Fisches den Angriffen verschiedenartigster Schmarotzer ausgesetzt

ist. Eine stattliche Zahl von durch Bau und Gestalt weit von einander

abweichenden Parasiten sucht und findet am und im Fisch bleibende

oder vorübergehende Wohnung und Nahrung. Es sind Geschöpfe, die den

verschiedensten Stämmen des Tierreichs angehören, Protozoen, Mollusken,

Krebse, Plattwürmer, Rundwürmer, Blutegel. Nur ein gemeinschaftliches

Band verbindet sie, ein biologisches, dieselbe Lebensweise, das

Schmarotzertum; nach Abstammung, Struktur, Entwickelungsgeschichte

gehen sie weit aus einander. Allerdings hat die Angewöhnung an dieselbe

Lebensweise, an den Parasitismus, die ihm unterworfenen Geschöpfe in

derselben Richtung modifiziert, und so zwischen ursprünglich einander

fernstehenden Tieren Ähnlichkeiten im Bau und im Lebensgang in

sekundärer Weise geschaffen.

Die den Fisch heimsuchenden Schmarotzer sind übrigens recht

unscheinbare Wesen. Zu ihrer niedrigen Lebensweise passt es ja am

besten, wenn sie weder durch besondere Grösse, noch Form und Farbe

die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Laie macht wohl gelegentlich

die Beobachtung, dass ein Lachs mit gierigen Blutegeln überdeckt ist,

oder sieht, wie sich der Leibeshöhle eines frisch geöffneten Karpfens

ein breiter, hässlicher Riemenwurm entwindet; der eine oder andere

Fisch wird wohl auch mit Recht oder Unrecht beschuldigt, dem Menschen

gegenüber die Rolle eines Zwischenträgers schmarotzender Würmer zu

spielen. Weiter geht die Kenntnis der Fischparasiten kaum. Das mit dem

verächtlichen Namen Schmarotzer belegte Geschöpf fesselt nicht durch

sein Äusseres und stösst geradezu ab durch seine Lebensweise.

Und doch wäre der Fischparasit eingehenden Studiums so sehr würdig.

Schon vom rein praktischen, medizinischen Standpunkt aus verdienen

die ungebetenen Gäste der Fische unsere volle Aufmerksamkeit. Hat

uns doch die neuere Forschung gelehrt, dass einer der verbreitetsten

Bandwürmer, der durchaus nicht unbedenkliche _Bothriocephalus latus_,

gerade durch die gesuchtesten Tafelfische des süssen Wassers auf

den Menschen übertragen wird. Für andere Würmer liegt die Vermutung

nahe, dass sie auf ähnlichem Wege, eingekapselt in Zwischenwirte

aus der Klasse der Fische, in unsern Körper eingeschmuggelt werden.

Die Notwendigkeit unsere Feinde zu kennen, um uns ihrer entledigen,

sie von uns fernhalten zu können, weist uns also schon gebieterisch

darauf hin, Bau und Eigenschaften der Fischparasiten zu ergründen und

ihrem oft so verwickelten Lebensgang zu folgen. Ausgerüstet mit den

nötigen Kenntnissen dürfte es uns wohl auch gelingen, Fischepidemien

parasitärer Herkunft einzudämmen, die unter den Bewohnern unserer

Gewässer, jenem nicht gering anzuschlagenden Teil des nationalen

Gutes, zahlreiche Opfer fordern. Ausser rein praktischen Erwägungen

medizinischer und nationalökonomischer Art müssen uns aber auch

wissenschaftliche Gesichtspunkte und Ziele beim Studium der

Fischparasiten leiten. Die Frage, welchen Einfluss übt die parasitische

Lebensweise auf ursprünglich freilebende Geschöpfe aus, wie werden

im Laufe ungezählter parasitischer Generationen Bau und individuelle

Geschichte des früher nicht schmarotzenden Tieres verändert, tritt uns

vor allen anderen schwerwiegend entgegen. Der Parasitismus führt ja

zu einer vollkommenen Umgestaltung und Neuschöpfung in Anatomie und

Entwickelungsgeschichte. Und um diese Neuschöpfung ihrer Entstehung

nach würdigen zu können, bietet uns gerade die Parasitenfauna der

Fische Gelegenheit und Material. Manche Schmarotzer beziehen den Fisch

nur temporär, um Nahrung aufzunehmen, sonst führen sie eine freie

Lebensweise. Andere bewohnen ihn wohl stationär, begnügen sich aber

damit, als Ektoparasiten die Oberfläche des Wirtes zu bewohnen und

dort ihren Unterhalt zu suchen, ohne jemals innere Organe zu besetzen.

Wieder andere werden Entoparasiten, siedeln sich aber in offenen mehr

oder weniger leicht zugänglichen Teilen, den Kiemen, dem Darmkanal,

an. Zahlreiche endlich liegen eingekapselt in allseitig geschlossenen

Organen, den Muskeln, den Augen, der Schwimmblase.

Grad und Dauer des Schmarotzertums sind bei den Fischparasiten höchst

verschieden. Manche schmarotzen während des ganzen Lebens, bei

anderen sind freie Stadien in mehr oder weniger reichem Masse in die

Lebensgeschichte eingestreut. Vom nur gelegentlich parasitierenden

Blutegel, von der jungen Muschel, die sich nur kurze Zeit vom Fisch

herumtragen lässt, bis zum Bandwurm im Darmkanal des Hechtes oder des

Lachses und dem Spulwurm aus dem Barsch, typischen, entoparasitischen

Gestalten, stossen wir auf mancherlei Zwischenstufen. Und gerade in

diesen verschiedenen Stadien, mit ihrem durch den Parasitismus mehr

oder weniger veränderten Bau und der ebenfalls verschieden stark

beeinflussten Lebensgeschichte, sehen wir noch Punkte, Stationen,

die von der Natur auf dem Wege berührt worden sind, als sie aus dem

ursprünglich freien Geschöpf den Parasiten schuf. Wir können den Weg

verfolgen, der vom freien Vorfahr zum parasitierenden Enkel führt. So

kann es uns klar werden, welch tiefen Einfluss die Angewöhnung an eine

so spezielle und niedrige Lebensweise, wie sie der Parasitismus nun

einmal ist, auf tierische Organisation und tierisches Leben ausübt.

Mit dem zunehmenden Schmarotzertum treten anatomische Vereinfachungen

und Umbildungen allmählich ein; Organsysteme werden rudimentär

und verschwinden zuletzt. Die Entwickelungsgeschichte weist oft

Komplikationen auf und schlägt Umwege ein, die ihre Erklärung einzig in

der Angewöhnung an die neue Lebensweise und in der Erfüllung der von

dieser gestellten Bedingungen finden. Das Studium der Parasiten führt

so den Forscher ein in die interessantesten und weitgehendsten Fragen

der Biologie. Die Fischschmarotzer aber, in ihrer bunten Formenfülle

und mit ihrer mannigfaltigen Lebens- und Entwickelungsgeschichte bieten

zur Behandlung dieser Probleme ein reiches Material.

Noch manche andere Frage wird sich auf diesem Gebiete stellen und

teilweise wenigstens beantworten lassen. Wie beeinflussen sich

gegenseitig Wirt und Gast? Wie passt sich der Parasit den ihm vom

Träger gebotenen Bedingungen an und welche Eigenschaften werden

infolge dieser Anpassung erworben? Wie findet sich auf der andern

Seite der Fisch mit den ihn bewohnenden Würmern ab; erwirbt nicht auch

er gewisse Eigenschaften, um die Eindringlinge abzuhalten, oder die

einmal Eingedrungenen bis zu einem gewissen Grad unschädlich zu machen?

Welche Veränderungen erleidet der Fischkörper unter dem Drucke der

Parasiteninvasion?

Interessant wird es auch sein, die bis jetzt kaum berührte Frage in

Fluss zu bringen, welchen Einfluss die Lebensweise, speziell die

Ernährungsweise des Fisches auf die Zusammensetzung der ihn bewohnenden

Parasitenfauna ausübt. Pflanzenfresser werden andere Formen von

Schmarotzern beherbergen als Fleischfresser, Schlammbewohner andere als

frei pelagisch schwimmende Geschöpfe. Der Fisch des schnellfliessenden

Stroms, des Sees, des Teiches wird von einander verschiedene Elemente

in seiner Parasitenfauna aufweisen. Besonders eigentümlich werden sich

diese Verhältnisse gestalten bei den Wanderfischen, die bald das süsse

Wasser, bald die salzige See aufsuchen und in beiden Medien eine oft

recht verschiedene Lebensweise befolgen.

Eine mehr oder minder starke Vermischung von Meer- oder

Süsswasserparasiten wird sich in diesem Falle wohl nachweisen

lassen. Reine Meerformen werden weit hinauf in die Flüsse getragen,

Süsswasserschmarotzer dagegen dem Meer zugeführt. Wieder wird uns die

verschiedene Mischung der beiden Parasitenelemente im Wanderfisch, das

Überwiegen des einen oder anderen, Rückschlüsse auf die Lebensweise

des Wirtes gestatten. Die Parasitenfauna wird so bis zu einem gewissen

Grade zum Spiegelbild der Gewohnheiten ihres Trägers.

Von diesen Erwägungen geleitet ist eine erste kleine Arbeit über die

Parasitenfauna des Rheinlachses erschienen, deren Resultate geeignet

sind, die vorangehenden theoretischen Betrachtungen zu stützen. Sie

mögen deshalb hier in kurzen Zügen skizziert werden.

Der Rheinsalm, so bewiesen es +His+ und +Miescher+, und so wussten es

auch schon längst die Lachsfischer, nimmt vom Aufsteigen aus dem Meer

bis er verlaicht hat, niemals Nahrung zu sich. Als Folge dieses Fastens

im Süsswasser durfte wohl erwartet werden, dass die Parasitenfauna

von _Trutta salar_ typisch marinen Anstrich zeige. Mit dem Ausschluss

der Nahrungsaufnahme ist für jedes Geschöpf ja gleichzeitig die

Hauptinfektionsquelle mit parasitischen Würmern verstopft.

Von 45 untersuchten Lachsen aus dem Rhein waren 42 mit Würmern

besetzt, nur drei erwiesen sich als vollkommen parasitenfrei. Elf

Arten Schmarotzer konnten bestimmt werden; mehrere fanden sich nur in

einem der geprüften Fische, andere öfters, der Spulwurm _Agamonema

capsularia_ Dies. sogar in 35 Wirten. Parasitenarm waren in den 45

Lachsen die offenen Organe. Im Darmkanal fand sich kein einziger

Schmarotzer unterhalb der Appendices pyloricae. Die meisten Parasiten

waren in verschiedenen Organen eingekapselt, seltener lagen sie wohl

geborgen in den Falten des Schlundes und in den Pylor-Anhängen. Es

erinnert dies an das Verhalten gefangener Meerfische, die im Aquarium

verhältnismässig rasch ihre Darmschmarotzer verlieren. Man hat ja

auch geradezu behauptet, viele Wanderfische ziehen ins Süsswasser,

um sich ihrer Parasiten zu entledigen. Die Schmarotzerfauna der 45

Rheinlachse hatte einen fast reinen marinen Charakter. Die Hauptmasse

der gefundenen Würmer gehörte nach Arten und Individuen äusserst

typischen Meerformen an. Auch die von mir noch nicht nachgewiesenen

Lachsparasiten sind wesentlich Gäste von Meerfischen. Ein einziger der

gefundenen Schmarotzer gehört neben den Wanderfischen ausschliesslich

dem süssen Wasser an. So spiegelt die Zusammensetzung der

Parasitenfauna die eigentümliche Gewohnheit des Rheinlachses wider, im

Süsswasser keine Nahrung aufzunehmen. Sie unterscheidet sich scharf von

der Schmarotzerwelt anderer Wanderfische, deren Nahrungsbedürfnis im

Fluss nicht aufhört.

Über diese Verhältnisse mag die folgende Zusammenstellung näheren

Aufschluss geben.

Verbreitung der parasitischen Würmer der Wanderfische:

=============================++=============+=========+==========+

|| Zahl der | Davon | |

|| ihn bewohn. | typisch | Nur in |

+Name des Fisches+: || Spezies | für den | Wanderf. |

|| parasit. | betref- | vorkom- |

|| Würmer: | fenden | mend: |

|| | Fisch: | |

=============================++=============+=========+==========+

1. _Trutta salar_ || | 7 | 7 |

Lachs || 20 | 7 | 7 |

2. _Trutta trutta_, || | 1 | 1 |

Lachsforelle || 15 | 1 | 1 |

3. _Osmerus eperlanus_, || | 10 | 11 |

Stint || 17 | 10 | 11 |

4. _Coregonus oxyrhynchus_, || | 0 | 1 |

Schnäpel || 6 | 0 | 1 |

5. _Alausa vulgaris_, || | 3 | 4 |

Maifisch || 7 | 3 | 4 |

6. _Alausa finta_, || | 1 | 2 |

Finte || 4 | 1 | 2 |

7. _Anguilla vulgaris_, || | 10 | 10 |

Aal || 25 | 10 | 10 |

8. _Petromyzon fluviatilis_, || | 2 | 2 |

Neunauge || 4 | 2 | 2 |

=============================++=====================================

|| Ausser in

|| Wanderfischen:

+Name des Fisches+: ++----------+-------------+------------

|| auch in | auch in | in mar. u.

|| marinen | Süsswasser- | Süsswasser-

|| Fischen: | fisch.: | fisch.:

=============================++==========+=============+============

1. _Trutta salar_ || 7 | 1 | 5

Lachs || 7 | 1 | 5

2. _Trutta trutta_, || 1 | 8 | 5

Lachsforelle || 1 | 8 | 5

3. _Osmerus eperlanus_, || 1 | 4 | 1

Stint || 1 | 4 | 1

4. _Coregonus oxyrhynchus_, || 0 | 4 | 1

Schnäpel || 0 | 4 | 1

5. _Alausa vulgaris_, || 1 | 0 | 2

Maifisch || 1 | 0 | 2

6. _Alausa finta_, || 0 | 0 | 2

Finte || 0 | 0 | 2

7. _Anguilla vulgaris_, || 5 | 5 | 5

Aal || 5 | 5 | 5

8. _Petromyzon fluviatilis_, || 0 | 1 | 1

Neunauge || 0 | 1 | 1

Besonders typisch für die Würmerwelt des Rheinlachses ist das Auftreten

der sogenannten Tetrarhynchen, eigentümlicher, mit vier starken,

hakentragenden Rüsseln bewehrter Bandwurmlarven, die sich häufig in den

verschiedensten Knochenfischen des Meeres einnisten, um mit ihnen in

den Verdauungstractus der Haifische zu gelangen und dort zu erwachsenen

Bandwürmern, Rhynchobothrien, auszuwachsen.

Eine in weit vorgeschrittener Vorbereitung sich befindende zweite

Arbeit über die Lachsparasiten, der hier nicht vorgegriffen werden

kann, wird, auf reiches Material gestützt, den marinen Charakter

der den grossen Wanderfisch bewohnenden Würmer noch viel greller

hervortreten lassen. Sie wird auch Ermittelungen über nordische und

schottische Lachse enthalten, die im Süsswasser dem Fasten nicht so

strenge zu huldigen scheinen wie ihr Vetter vom Rhein und bei denen

infolgedessen die parasitologischen Verhältnisse sich wesentlich anders

gestalten.

Den relativ grossen Parasitenreichtum verdanken die Fische

verschiedenen Umständen: zunächst wohl ihrer Eigenschaft als

Wasserbewohner. Neben zahlreichen entoparasitisch die inneren Organe

aufsuchenden Schmarotzern kann auch mancher Ektoparasit an der

Aussenfläche des Wassertiers sich ansiedeln, der nur im feuchten

Element sein Leben zu fristen vermag. So wird denn die Oberfläche

des Fisches, die Haut, sowie die verhältnismässig freiliegenden, von

einem fortwährenden Wasserstrom bespülten Kiemen von manchem Wurm als

geeigneter Standort gewählt.

Auch die so mannigfache Ernährungsweise wird den Fischen manchen

Schmarotzer verschaffen. Mit der Nahrung dringt ja der grosse Haufe

ungebetener Gäste in den tierischen Körper ein. Die Parasitenfauna

einer Tiergruppe, die Pflanzen- und Fleischfresser umschliesst, wird

den verschiedenen Nahrungsstoffen gemäss ebenfalls mannigfaltig

ausfallen.

Mit dem Atmungswasser können ferner Jugendstadien von Schmarotzern in

das Innere des Fisches gelangen. Der Invasion ist somit eine neue,

bei anderen Geschöpfen geschlossene Pforte geöffnet. Manche Parasiten

werden auch aktiv eindringen, an wenig geschützten Körperstellen

mittels spezieller Apparate sich einbohren.

Die äusseren Lebensbedingungen, unter denen der Fisch steht, seine

Beziehungen zu anderen Lebewesen sind endlich sehr mannigfaltiger

Natur. Mit der grösseren Vielseitigkeit dieser Beziehungen steigert

sich im allgemeinen auch die Möglichkeit und Gelegenheit einer

Infektion. Von zahlreichen anderen Tieren verfolgt und verzehrt

wird sich der Fisch als Zwischenträger von Parasiten wohl eignen.

In ihm stellen sich zahlreiche Jugendstadien von parasitierenden

Würmern ein, die mit dem Fisch sicher in den Darmkanal eines weitern

Wirtes übertragen werden sollen, um dort zum geschlechtsreifen Tier

heranzuwachsen. So gelangen die Larven des breiten Bandwurms mit

dem Fleisch von Fischen in den Verdauungstractus des Menschen. Aber

auch als Hauptwirt von Parasiten ist der Fisch berufen eine grosse

Rolle zu spielen; mit den zahllosen kleinen Geschöpfen, die ihm zur

Nahrung dienen, können auf leichte Weise eingekapselte Larven in ihn

eingeschmuggelt werden. Die Fische erscheinen durch ihre Beziehungen

zu anderen Geschöpfen besonders geeignet, bald als Zwischenträger von

jungen Würmern, bald als definitive Wirte der geschlechtsreifen Form zu

figurieren.

So vereinigen sich manche Umstände, um den Fischkörper zu einer

richtigen Parasitenherberge zu machen. Einer Invasion ist Thür und Thor

geöffnet. Die Oberfläche des Wirtes und die nach aussen offenen Organe

werden vorzugsweise von geschlechtsreifen Schmarotzern, geschlossene

Körperteile von jungen Stadien bewohnt. Kein Organ bleibt aber

gelegentlich verschont. Zwölf Fischarten des Genfersees beherbergten 37

verschiedene Parasiten, die sich folgendermassen im Körper einquartiert

hatten:

Bewohntes Organ: Zahl der Arten:

Ösophag und Magen 2

Darm 15

Rectum 2

Pylor-Anhänge 2

Leber 6

Milz 1

Schwimmblase 1

Harnblase 1

Auge 1

Muskulatur 2

Kiemen 2

Leibeshöhle 1

Peritonäum und Darmwand 8.

Die Zahl der bis jetzt bekannten Parasiten der Süsswasserfische aus

dem Kreise der Würmer ist schon eine sehr beträchtliche, sie dürfte

kaum unter 250 zurückbleiben; sie steigt jährlich an und nichts lässt

voraussetzen, dass die diesbezüglichen Listen so bald als vollständig

geschlossen betrachtet werden können. Dem momentanen Stand unserer

Kenntnisse über die Vertretung von schmarotzenden Würmern im Körper der

verbreitetsten Fische des süssen Wassers dürfte etwa folgende Tabelle

entsprechen:

===========++=========================================================

|| Zahl der bei ihm vorkommenden Parasitenarten:

+Name der ++-----------+-----------+-----------+------------+--------

Fische+: || _Saug-_ | _Band-_ | _Faden-_ | _Kratzer._ |+Total.+

|| _würmer._ | _würmer._ | _würmer._ | |

===========++-----------+-----------+-----------+------------+--------

Barsch || 12 | 8 | 3 | 4 | 27

Kaulbarsch || 8 | 2 | 5 | 3 | 18

Zander || 7 | 1 | 2 | 3 | 13

Groppe || 3 | 2 | 0 | 2 | 7

Stichling || 4 | 4 | 6 | 3 | 17

Aalraupe || | | | |

(Quappe) || 6 | 9 | 6 | 4 | 25

Wels || 2 | 2 | 6 | 3 | 13

Karpfen || 8 | 1 | 2 | 4 | 15

Gründling || 3 | 2 | 3 | 5 | 10

Barbe || 7 | 3 | 1 | 5 | 16

Aitel || 7 | 2 | 4 | 2 | 15

Rotauge || 8 | 3 | 5 | 3 | 19

Hasel || 7 | 2 | 3 | 4 | 16

Elritze || 5 | 1 | 4 | 3 | 13

Schleihe || 2 | 5 | 3 | 4 | 14

Laube || 3 | 4 | 3 | 3 | 13

Schmerle || 3 | 2 | 6 | 2 | 13

Schlamm- || | | | |

peitzger || 3 | 0 | 3 | 0 | 6

Saibling || 4 | 9 | 1 | 1 | 15

Lachs || 6 | 15 | 7 | 2 | 30

Forelle || 4 | 2 | 4 | 7 | 17

Stint || 6 | 4 | 9 | 2 | 21

Schnäpel || 4 | 2 | 3 | 1 | 10

Felchen || 4 | 7 | 1 | 1 | 13

Aesche || 7 | 2 | 5 | 2 | 16

Hecht || 10 | 6 | 7 | 3 | 26

Maifisch || 4 | 1 | 4 | 3 | 12

Aal || 14 | 3 | 12 | 8 | 37

Neunauge || 5 | 1 | 3 | 0 | 9

Die vorangehenden Zahlen bedürfen kaum eines weiteren Kommentars. Sie

sind wiederum geeignet, die Abhängigkeit der Parasitenfauna von der

Lebensweise des Wirtes mit Beispielen zu belegen. Am reichsten an

Schmarotzern sind die grossen Räuber und die omnivoren Fische, denen

sich jeden Augenblick eine Infektionsgelegenheit bietet. In ihrem Darm

wohnt eine reiche Fauna von geschlechtsreifen Band- und Saugwürmern,

die in die Nahrung eingekapselt leicht in den definitiven Wirt gelangt

sind.

Bei den Karpfen, die mehr an pflanzliche Kost gewöhnt sind oder

höchstens kleine Tiere verzehren, sinkt die Zahl der Parasiten

bedeutend. Die Band- und Saugwürmer spielen hier eine untergeordnete

Rolle, während die Kratzer, deren Jugendstadium in kleinen Krustaceen

eingeschlossen liegt, mehr in den Vordergrund treten. Am reichsten

und buntesten gestaltet sich die Parasitenfauna des Aals, dessen

mannigfaltige Lebens- und Ernährungsweise ihn auch vielfacher

Infektionsgefahr aussetzen wird. Fleisch- und Pflanzenfresser unter

den Fischen beherbergen eine ziemlich verschiedene Schmarotzerwelt;

die letzteren dienen oft als Zwischenwirte für die Parasiten der

ersteren. In Fischen mit gemischter Ernährungsweise mengen sich

auch die Bestandteile der beiden Faunen. Wahrscheinlich wird in ein

und derselben Fischart in den verschiedenen Monaten des Jahres eine

Veränderung der Parasitenwelt nach Auswahl der sie bildenden Arten und

nach Zahl der Individuen sich nachweisen lassen. Die Beobachtungen über

diese Schwankungen sind noch äusserst lückenhaft und lassen uns nicht

einmal vorläufige Schlüsse ziehen. Immerhin glaubte ich im Reichtum der

Schmarotzerfauna der grossen Räuber, Hecht, Quappe, Forelle, Saibling,

während des ganzen Jahres keine wesentliche Veränderung zu bemerken.

In den Karpfen dagegen vermehren sich die Parasiten nach Arten und

Individuen im ersten Frühjahr, nachdem der Fisch seine Winterruhe mit

einem aktiven Leben vertauscht hat. Der Barsch ist besonders im März

bis Mai reichlich infiziert. Weitere Studien über die Saisonverteilung

der parasitierenden Würmer wären sehr erwünscht, auf ein reiches und

sorgfältig beobachtetes Material sich stützend würden sie sicher zu

interessanten biologisch-faunistischen Resultaten führen.

Dass ein Fisch Parasitenträger ist, scheint fast als der normale

Zustand zu betrachten zu sein. Von 382 nach dieser Richtung geprüften

Bewohnern des Genfersees war kaum ein Drittel parasitenfrei. +Lönnberg+

öffnete in Schweden 870 Fische des süssen und salzigen Wassers; 564

trugen Parasiten, 306 waren nicht infiziert. Cestoden beherbergten

128 Individuen, Trematoden 96, Kratzer 294, Nematoden 205. Oftmals

bewohnen die Schmarotzer ihren Wirt in gewaltiger Individuenfülle.

Ihre Gegenwart kann so für das infizierte Tier kaum gleichgültig sein,

schon aus dem naheliegenden Grunde nicht, weil die Parasiten eine Menge

Nahrungsstoffe verzehren, die in des fischlichen Organismus hätten

aufgenommen werden sollen. Die Pylor-Anhänge von Forelle, Saibling,

Hecht, Aesche sind meist vollgepfropft von unzählbaren Exemplaren

eines Bandwurms (_Bothriocephalus infundibuliformis_ Rud.). In einem

Hecht von fünf bis sechs Kilo fand ich mehr als dreihundert Exemplare

dieses Schmarotzers, von 28 bis 35 _cm_ Länge; ungezählte hunderte

von jungen Würmern waren über die Schleimhaut des ganzen Darmes

zerstreut. Grosse Massen desselben Cestoden bevölkern in der Regel

auch den pylorischen Darmteil des Lachses, wie ja die Pylor-Anhänge

überhaupt der Lieblingsstandort vieler Fischparasiten sind. Die Würmer

finden dort neben sehr reichlicher Nahrung sichere Wohnung. Auch

ein anderer grosser Bandwurm (bis 50 _cm_ lang), der _Triaenophorus

nodulosus_ Rud., stellt sich oft in 80 bis 100 Exemplaren im Hecht ein.

Ein Saugwurm, _Distoma nodulosum_ Zeder, bewohnt in grösster Menge

den Darm des Barsches; ein anderes _Distoma_, _D. folium_ Olfers,

füllt oft buchstäblich die ganze Harnblase der Groppe an, so dass

dieses Organ prall aufgetrieben erscheint; die Kapseln eines larvären

Saugwurms, des _Tetracotyle Percae_, durchsetzen fast regelmässig in

grösster Menge die Wandungen der Schwimmblase der Barsche. Die beiden

Kratzer _Echinorhynchus proteus_ Westrumb. und _E. angustatus_ Rud.

bewohnen das Eingeweide ihrer zahlreichen Wirte oft in hunderten von

Individuen. Von den Spulwürmern tritt in bedeutender Zahl auf der

Kappenwurm, _Cucullanus elegans_ Zeder, ein für den Barsch äusserst

charakteristischer Parasit; im Hecht findet sich oft zahlreich

die _Ascaris acus_ Bloch, in der Leibeshöhle der verschiedensten

Fische spiralig eingerollt, und allen Organen angeheftet, die noch

geschlechtslose _Agamonema capsularia_ Dies.

Diese wenigen Beispiele mögen das massenhafte Auftreten einer

Parasitenspezies im Fischkörper illustrieren. Es sei nur noch darauf

hingewiesen, dass auch die Larve des breiten Bandwurms des Menschen in

ein und demselben Wirt sich massenhaft einstellt. So schälte ich aus

Leber, Milz, Nieren, Wandungen des Darmkanals einer Seeforelle über 200

Finnen des _Bothriocephalus latus_. Es erklärt sich dadurch leicht die

gelegentliche Masseninfektion des Menschen mit dem breiten Bandwurm.

+Roux+ trieb einer einzigen Person über 90 Exemplare gleichzeitig ab.

Die verschiedensten Arten parasitischer Würmer können übrigens

nebeneinander in ein und demselben Wirt leben. Dass ein Fisch

gleichzeitig fünf bis acht Schmarotzerformen beherbergt ist keine

Seltenheit. Im Lachs ist oft der pylorische Darmabschnitt mit

Bandwürmern angefüllt, während zahlreiche Individuen des für diesen

Fisch typischen _Distoma varicum_ im Schlund neben verschiedenen

Spulwürmern leben und die Darmwandungen reichlich gespickt sind mit

Larven von Tetrarhynchen, Bothriocephalen und aufgerollten Agamonemen.

Barsch, Hecht, Aalraupe, Saibling geben oft wahre Parasitenherbergen

ab, in denen gleichzeitig acht bis zehn Arten Schmarotzer, meist in

grosser Individuenzahl, als ungern gesehene Gäste die verschiedensten

Organe bewohnen. Die zahlreichen Parasiten dürften das Leben des

Fisches in seiner kühlen Wasserheimat kaum so angenehm und wohlig

gestalten, wie man es sich etwa vorstellt.

Ist schon der Süsswasserfisch von sehr zahlreichen Würmern heimgesucht,

so trifft das noch in bedeutend höherem Masse für seine marinen

Verwandten zu, die in weit grösseren Verhältnissen leben und unter dem

Einflusse viel mannigfaltigerer äusserer Lebensbedingungen stehen. Die

Parasitenfauna der Meerfische ist mindestens ebenso reich an Individuen

und sehr viel mannigfaltiger an äusserst verschiedenartigen Formen,

als die der Süsswasserbewohner. Wenige Angaben mögen wenigstens einen

kurzen Vergleich der bezüglichen Verhältnisse gestatten. +Lönnberg+

suchte Parasiten in 342 Meerfischen; 241 davon waren infiziert, 101

parasitenfrei. 78 trugen Bandwürmer, 39 Saugwürmer, 28 Kratzer, 114

Spulwürmer. In Neapel waren von 257 Fischen nur 74 parasitenlos.

Von 72 Arten erwiesen sich 53 als infiziert, bei 34 waren sämtliche

untersuchte Exemplare mit Würmern besetzt. Es wurden in den 257

Fischen 77 Parasitenarten -- 38 Bandwürmer, 16 Saugwürmer, 3 Kratzer

und 20 Spulwürmer -- gefunden, während 382 Fische des Genfersees

nur 35 Schmarotzer aus dem Kreise der Würmer (11 Bandwürmer, 11

Saugwürmer, 3 Kratzer, 10 Spulwürmer) beherbergten. Auch im Meere

ist die Parasitenfauna der grossen Räuber, Haie und Rochen, viel

reicher und aus anderen Elementen zusammengesetzt, als die der

kleineren Knochenfische. Nur sechs Parasitenarten waren Selachiern und

Teleosteern gemeinsam, erstere waren ausserdem von 34, letztere von 36

Schmarotzern heimgesucht.

Es wurden auf ihre Parasiten geprüft:

Zahl der Zahl der Zahl der

Arten: Individuen: Parasitenarten:

+Selachier:+ 20 96 40

+Teleosteer:+ 34 160 42

+Ganoiden:+ 1 1 1

Die Hauptmasse der Parasiten von Rochen und Haien setzt sich aus

geschlechtsreifen Bandwürmern und teilweise aus Saugwürmern zusammen,

während die Teleosteer vorzüglich Spulwürmer, Kratzer, Saugwürmer und

larväre Bandwürmer beherbergen.

Nach diesen allgemeinen und einleitenden Auseinandersetzungen sollen

eine Anzahl der häufigsten und praktisch wie wissenschaftlich

wichtigsten Schmarotzer unserer Süsswasserfische spezieller besprochen

werden. Bau und besonders Entwickelungsgeschichte vieler, ja der

meisten Formen ist uns noch unbekannt. Doch werden wir in dem, was

durch die Arbeit der Forscher durchsichtig und zugänglich gemacht

worden ist, manche spezielle Illustration zu den vorangehenden

allgemeinen Betrachtungen über die Parasiten der Fische des Süsswassers

finden.

Die an und in unseren Süsswasserfischen schmarotzenden Krustaceen

und die Muschellarven (Glochidien), welche die Oberfläche der Fische

während einer gewissen Zeit parasitisch bewohnen, haben an anderer

Stelle dieses Werkes bereits Berücksichtigung gefunden. Hier wäre es

somit nur die Aufgabe, der Fischgäste aus dem Kreise der Würmer zu

gedenken. Sie rekrutieren sich aus sehr verschiedenen Abteilungen

des Wurmreiches. Vertreten sind unter diesen Schmarotzern die

Blutegel (_Hirudinei_), die Spulwürmer (_Nematodes_), die Kratzer

(_Acanthocephali_) und zwei Gruppen der Plattwürmer, die Saugwürmer

(_Trematodes_) und die Bandwürmer (_Cestodes_).

Kleine Blutegel schmarotzen häufig und oft in ziemlich bedeutender Zahl

auf der Oberfläche karpfenartiger Fische, Karpfen, Schleihen, Barben;

sie sind aber auch im Schlunde der Hechte und an der Körperbedeckung

des Rheinlachses angetroffen worden. Bei letzterem Wirt scheinen sie

Exemplare zu bevorzugen, die infolge langer Wanderschaft wundgeriebene

Stellen an Bauch und Flanken aufweisen. Die Würmer gehören zur Gattung

_Piscicola_, aus der Gruppe der Rüsselegel. Ausser einer vorderen,

kleineren und hinteren, doppelt so grossen Haftscheibe besitzen sie

in der Mundhöhle einen kräftigen, vorstreckbaren Rüssel. Acht Augen

sind paarweise auf dem vorderen Saugnapfe verteilt. Der gestreckte,

cylindrische Körper verschmälert sich nach vorn nur schwach. Die Farbe

ist gelblich oder aschgrau mit feinen braunen Punkten, und einzelnen

Reihen hellerer elliptischer Flecke. Nach anatomischen Unterschieden

des Magendarms und der Geschlechtsorgane wurden zwei Arten, _Piscicola

geometra_ L., und _P. respirans_ Troschel, unterschieden. Der

Parasitismus der Fischegel darf nur als ein temporärer bezeichnet

werden. Es werden die Würmer nach +Leydig+ häufig frei schwimmend,

oder zu mehreren an der Unterfläche der Steine dicht zusammensitzend

angetroffen. Ist dem Nahrungsbedürfnis durch Aufnahme von Fischblut

für einmal wieder Genüge gethan, so verlässt die _Piscicola_ den Wirt,

sich so in der Lebensweise scharf von dem Krebsegel (_Branchiobdella_)

unterscheidend, der sein ganzes Leben auf dem Flusskrebs schmarotzend

zubringt. Die kleinen, gelbroten, längsgestreiften Eier der Piscicolen

sollen auf der Aussenfläche der Fische befestigt werden.

Die weite Gruppe der Nematoden oder Fadenwürmer, zum grössten Teil aus

Parasiten verschiedensten Grades zusammengesetzt, liefert auch für die

Süsswasserfische ein stattliches Kontingent von Schmarotzern. Es sind

alles cylindrische, gestreckte, von einer derben Cuticula umhüllte

Würmer, mit endständigem Mund und etwas vor dem Hinterende liegendem

After. Der meist wohl entwickelte Darmkanal zerfällt in der Regel in

drei bis vier mehr oder weniger differente Abschnitte; die Geschlechter

sind beinahe immer getrennt.

[Illustration: Fig. 34.

_Cucullanus elegans_ aus dem Barsch.]

Es ist fast unmöglich, den Darmkanal eines Flussbarsches zu öffnen,

ohne in den Pylor-Anhängen in oft sehr beträchtlicher Zahl kleine

Rundwürmer (♀ 12–18 _mm_ lang, ♂ 5–8 _mm_) anzutreffen, die durch

ihre gelbe oder selbst grell rote Farbe sich von den sonst farblosen

Parasiten auffallend unterscheiden. Die lebhaft beweglichen Tiere sind

auch in anderen Fischen -- Hecht, Forelle, Quappe, Felchen, Zander,

Kaulbarsch -- zu Hause. Was sie ganz besonders auszeichnet, ist die

starke, kappenförmige, hornige Mundkapsel, der sie auch ihren Namen,

Kappenwürmer (_Cucullanus elegans_ Zed.) (Fig. 34) verdanken. Der

merkwürdige, eine weite Mundhöhle umschliessende Apparat besteht im

wesentlichen aus einer längsgestreiften Kapsel. Sie steht jederseits

in Beziehung mit zwei kleineren, nach hinten gerichteten Hornstäben.

Am Vorderrand ist die Kapsel durch vier dreieckige Ansatzstücke

verstärkt. Nach hinten wird der ganze Apparat durch einen Chitinring

abgeschlossen. Männchen und Weibchen weichen in äusserer Erscheinung

und innerem Bau nicht unbeträchtlich von einander ab, eine bei

Nematoden gewöhnliche Erscheinung.

[Illustration: Fig. 35.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Zweiter Band. · 第 40 / 60 题