Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Existenz der Muscheln durch das
Vorhandensein von Fischen bedingt ist, da sich in stehenden Wassern,
welche keine Fische beherbergen, sich auch keine Najaden finden. --
Bei diesem Verhältnisse der beiden so verschiedenen Tierklassen ist
es gewiss gerechtfertigt, dass auch die grossen Muscheln den Fischen
einen Gegendienst erweisen. Es finden sich nämlich in denselben in
der innern Kieme +Fischembryonen+ vor, die hier ihre Entwickelung
erfahren. +Hazay+ fand Mitte April bei kiementrächtigen Anodonten (bei
fast jedem zweiten der untersuchten Tiere) in den inneren Kiemen 4–8,
ebenso bei _Unio pictorum_ 5–16 Fischembryonen, die möglicherweise
von den Muschellarven sich genährt haben. Bei der grossen Anzahl der
Eier, welche die Fische absetzen, ist es wahrscheinlich, dass diese
Fischembryonen nur durch einen glücklichen Zufall zwischen die Kiemen
der Muscheln geraten. Es ist leider noch nicht festgestellt, ob gewisse
Fischarten nur auf diesem Wege ihre Embryonen-Stadien durchzumachen
haben. +Hazay+ hat ferner beobachtet, dass die Fische sich in den
Muscheln bis zu voller Ausbildung aufhalten, und dass die jungen
Fischchen ausserhalb der Muschel sich ganz nahe der Atemöffnung der
Muschel halten und durch dieselbe in die Muschel hineinschlüpften.
Die Fortpflanzungsfähigkeit tritt bei Genus _Unio_ im dritten, bei
Genus _Anodonta_ im dritten oder vierten Lebensjahre ein.
Die Muscheln erreichen ein verhältnismässig hohes Alter, welches sich
auf zehn bis zwölf Jahre erstrecken kann, was sich aus der Zahl der
Jahresabsätze leicht erkennen lässt. Die ersten Jahresabsätze sind
durch breite Zwischenräume getrennt, die mit fortschreitendem Alter
immer schmäler werden, und ist bei Muscheln höheren Alters der Rand
der Schalen ein häutiger, während jüngere Muscheln (Fig. 20) scharfe
Ränder haben. Häufig verändern dieselben mit zunehmendem Alter ihre
Formen derart, dass sie mit der jugendlichen Gestalt nur noch wenig
Ähnlichkeit haben.
Die Muscheln, insbesondere die Arten des Genus _Anodonta_, werden
häufig von einer Milbenart geplagt, die auf den Mantelhäuten des
Tieres lebt und sich vom Blute der Muschel nährt. Diese Milbe,
_Limnocharis Anodontae_ Pfr., kriecht, sich langsam fortschleppend,
auf den schlüpfrigen Häuten des Muscheltieres herum, an welchen sie
sich mittels der Krallen an den Füssen und den Spitzen der Palpen
festhält. Die Eier befestigt sie an der Mantelhaut und zwar gewöhnlich
dem Hinterteil näher. +C. Pfeiffer+ fand in einer Muschel 30–50 solcher
Tiere. Das Muscheltier wird mager, unfruchtbar und seine Kiemenblätter
sind schlaff und befinden sich in einem der Verwesung ähnlichen
Zustande.
Die Arten der Cycladeen (Gen. _Sphaerium_, _Calyculina_ und _Pisidium_)
sind Zwitter und gebären lebendige Junge, die beim Abstoss aus dem
Muttertiere schon eine verhältnismässig beträchtliche Grösse erreicht
haben. Die Zahl der Jungen eines Tieres ist deshalb auch eine geringe
und wird selten 20 übersteigen. Die Calyculinen sind einjährige Tiere,
die nur überwintern, wenn sie im Spätsommer ausgestossen werden. Die
Sphaerien und Pisidien haben eine Lebensdauer von zwei bis vier Jahren.
Anpassungsfähigkeit der Mollusken.
Es giebt wohl keine Tierklasse, welche sich mehr an die Beschaffenheit
ihrer Wohnorte anzupassen im stande ist, als jene der Mollusken.
Die Ursache dieser Erscheinung liegt in der eigenartigen Bildung
des Gehäuses, an welches das Tier bei den Schnecken nur durch den
Spindelmuskel, bei den Bivalven durch die zwei Schliess- und den
Wirbelhaftmuskel gebunden ist. Die älteren Umgänge der ersteren
oder die älteren Schichten der letzteren fallen deshalb alsbald den
zersetzenden Einflüssen der Umgebung zum Opfer und können nicht mehr
nachgebildet werden; dennoch ist die Schale ein unentbehrlicher Teil
des Tieres, welcher den weichen Körper desselben gegen die schädigenden
Einflüsse der Umgebung schützen muss, und dessen Zertrümmerung den Tod
des Tieres zur Folge hat.
Das Gehäuse verändert sich nach den eigenartigen Verhältnissen des
Wohnortes bezüglich der Färbung, Dickschaligkeit, ja sogar bezüglich
der Form, und der Kenner wird an den Merkmalen der Schalen mit
Sicherheit auf die Beschaffenheit der unmittelbaren Umgebung schliessen
können. Die Schalen werden durch die Ausscheidungen des Mantels
gebildet, und zwar wird die Oberhaut nur vom Saume desselben, die Kalk-
und Perlmutterschichten aber, welche dieselben widerstandsfähig machen,
von den übrigen Teilen desselben ausgeschieden werden. Die Thätigkeit
des Mantels, beziehungsweise die Fähigkeit Kalkteile auszuscheiden,
erlischt erst mit dem Tode des Tieres. Die Dickschaligkeit der Gehäuse
ist deshalb als Merkmal des Alters zu betrachten. Besonders ist die
Schale der Wassermollusken Veränderungen ausgesetzt, und zwar weit
mehr als jene der Landmollusken, welche Thatsache ihren Grund in den
Eigentümlichkeiten des Mediums, in dem sie leben, nämlich des Wassers,
findet. Die chemische Zusammensetzung des Wassers gestattet weit
grössere Verschiedenheiten, als jene der Luft, und ebenso ist die
Zusammensetzung des Schlammes, die Bewachsung der Gewässer u. s. w.
weit veränderlicher und steht zu den Wassermollusken in engerem
Verhältnis, als die Bodenbeschaffenheit und der Pflanzenwuchs zu den
Landconchylien. Es muss deshalb den Wassermollusken ein viel grösserer
Spielraum der Variation eingeräumt werden, als den Landschnecken. Die
Schaffung einer Menge neuer Arten von Wasserschnecken und Muscheln,
wie sie zurzeit, vorzugsweise von französischen Autoren, beliebt
wird, ist deshalb unbedingt zu verwerfen. Wer die Wassermollusken
längere Zeit im Freien beobachtet, wird sehr bald zur Überzeugung
kommen, dass +fast jeder einzelne Fundort+ derselben eigenartige, mehr
oder weniger ausgeprägte Abweichungen vom Typus der bezüglichen Art
erzeugt, und dass es geradezu zu den allergrössten Seltenheiten gehört,
zwei ziemlich übereinstimmende Formen von verschiedenen Fundorten
zu konstatieren. Ja, sogar derselbe Fundort erzeugt bei geänderten
Verhältnissen andere Varietäten, und oft genug finden sich verschiedene
Formen ein und derselben Art an sich berührenden Stellen desselben
Gewässers, wenn die Beschaffenheit des Grundes, die Strömung des
Wassers, die Bewachsung u. s. w. sich ändert. So kommen in den grossen
Seen der Voralpen Schnecken und Muscheln mit ausgeprägtem Seecharakter
und solche, welche nicht oder kaum von jenen zu unterscheiden sind,
die in Sümpfen leben, neben einander vor, und zwar jenachdem die
bezüglichen Wohnplätze bei seichtem Wasser und mangelnder Bewachsung
der vollen Wirkung des Wellenschlages ausgesetzt sind, oder die Ufer in
sumpfige Stellen übergehen.
Manche Arten ziehen fliessendes, andere stehendes Wasser vor; nur
wenige Spezies jedoch bewohnen ausschliesslich das eine oder das
andere, obwohl hie und da auch einmal eine Art sich an ihr nicht
zusagenden Stellen halten kann. _Velletia lacustris_ ist eine nur in
stehenden, sumpfigen Gewässern sich aufhaltende Spezies; dennoch habe
ich sie in einem kleinen Bächlein bei Jettingen im Mindelthal (Bayern)
mit _Ancylus fluviatilis_ zusammen an Steinen sitzend gefunden.
Allerdings war dieses Bächlein aus kleinen sumpfigen Pfützen, welche
durch kurze Strecken raschfliessenden Wassers mit steinigem Grunde
verbunden war, zusammengesetzt.
[Illustration: Fig. 21.
_Limnaea stagnalis_ Typ.]
[Illustration: Fig. 22.
_Limnaea stagnalis v. producta_ Colb.]
[Illustration: Fig. 23.
_Limnaea stagnalis v. borealis_ Brgt.]
[Illustration: Fig. 24.
_Limnaea stagnalis v. turgida_ Mke.]
Die Veränderlichkeit der Schalen ist bei den Wassermollusken eine sehr
beträchtliche. Als Beispiel für dieselbe möge _Limnaea stagnalis_
(Fig. 21) herausgegriffen werden. Diese Art findet sich als _var.
subulata_ West. in sehr schlanker Form, mit langem, spitzem Gewinde
und wenig erweitertem letzten Umgange; als _var. producta_ Colb.
(Fig. 22) mit ähnlichem Gewinde, aber sehr aufgeblasener letzter
Mündung. Beide Varietäten finden sich in wenig mit Wasserpflanzen
durchwachsenen Altwassern oder Weihern mit nicht sumpfigem Boden. In
stark mit Wasserpflanzen besetzten stehenden Wassern, welche mehr mit
faulenden Pflanzenstoffen gemischten Schlamm am Grunde haben, bilden
sich Formen mit kürzerem Gewinde und aufgeblasenem letzten Umgange:
_var. turgida_ Mke. (Fig. 24), _roseolabiata_ Wolf, und ist bei dieser
Varietät die Spindel meist rosenrot gefärbt. Ähnlich gestaltet ist
_var. borealis_ Brgt. (Fig. 23), nur nehmen die Umgänge rascher an
Breite zu und ist deshalb das Gewinde weniger spitz ausgezogen. Gehäuse
mit sehr verkürztem Gewinde und starker Schale (_var. lacustris_,
Fig. 26 S. 140) finden sich an den Ufern der grossen Seen, wo die
Tiere, dem Wellenschlage ausgesetzt, sich an den Steinen oder am
Boden festklammern müssen, und wo ihnen in der Nahrung sehr viel Kalk
geboten wird. Zwischen diesen Varietäten finden sich Zwischenformen
aller Art, so dass sich fast eine fortlaufende Reihe allmählicher
Übergänge zwischen den extremsten Formen herstellen lässt. Gerät _L.
stagnalis_ bei Hochwasser in des Pflanzenwuchses entbehrende Lachen
am Ufer grosser Flüsse, so bilden sich sogenannte „Hungerformen“;
die Tiere verkümmern, wachsen langsam und nehmen deshalb die Umgänge
gleichförmiger zu; als solche Hungerformen mögen _var. arenaria_ Colb.
(Fig. 25) und _var. aquarii_ Colb. gelten.
[Illustration: Fig. 25.
_Limn. stagnalis v. arenaria_ Colb.]
[Illustration: Fig. 26.
_Limn. stagnalis v. lacustris_ Stud.]
[Illustration: Fig. 27.
_Limn. tumida_ Held.]
Ähnlich wie _L. stagnalis_ verhalten sich die übrigen Arten des Genus;
ja es haben sich aus _Limnaea auricularia_ G. im Laufe der Jahre in den
Seen sogar eigenartige festschalige Arten (_Limn. tumida_ Held [Fig.
27] und _Limn. rosea_ Gall.) ausgebildet, welche für ihre Wohnorte
charakteristisch geworden sind, und welche durch die Unregelmässigkeit
ihrer Formen sozusagen die Eigentümlichkeiten ihrer Wohnorte
dokumentieren. _Limnaea peregra_, welche sich auch in fliessenden
Wassern findet, ist die formenreichste aller Arten ihres Genus, weil
sie eben in beiden Gattungen unserer Gewässer vorkommt.
Die Planorbis-Arten mit ihrer flachen, tellerförmigen Schale, die
sehr leicht Verwerfungen der Windungsebene ausgesetzt sind, finden
sich nahezu ausschliesslich in mit Wasserpflanzen durchwachsenen
stehenden Wassern, wo sie an den Stengeln und Blättern der Pflanzen
herumkriechen. Die verhältnismässig grosse platte Schale, in welcher
ein kleines Tier steckt, bietet den Fluten eine zu grosse Fläche dar,
die denselben zu leicht zum Opfer fallen und an Orte transportiert
werden würde, wo sie nicht die ihrer Organisation entsprechenden
Verhältnisse findet. Deshalb fehlen in den grossen Alpenseen alle
Arten mit Ausnahme von _Plan. albus_, welche nur vier, höchstens fünf
Umgänge erreicht. Wie hart übrigens der Kampf ums Dasein sich für diese
Art gestaltet, beweist die Verwerfung der Umgänge, welche bei ihr in
den Seen zur Regel wird (_Plan. deformis_ Hartm.).
Aber auch an anderen Arten des Genus finden sich zuweilen Verwerfungen
der Schalenfläche in grosser Zahl. Ich habe einmal _Plan. contortus_ L.
in einer ausgetrockneten Pfütze fast durchaus mit verkrüppelter Schale
gesammelt. Die Tiere hatten sich beim Verschwinden des Wassers in den
Boden eingewühlt und sich hier so lange lebend erhalten, bis sich
die Pfütze wieder mit Wasser füllte, und die Tiere wieder aus ihren
Schlupfwinkeln hervorkriechen konnten. Beim Verkriechen in den Schlamm
wurden die noch weichen, in der Bildung begriffenen Ansätze der Umgänge
beschädigt und aus ihrer normalen Lage gedrängt und dadurch wurde die
Fläche des Gehäuses uneben und die Gewinde verschoben sich.
[Illustration: Fig. 28.
_Planorbis marginatus_ Drap.]
[Illustration: Fig. 29.
_Planorbis marginatus_ (abnorme Gehäuse).]
Der interessanteste Fall von massenhaften Gehäuseverkrüppelungen
der sonderbarsten Art wurde von Prof. +Piré+ in Magné (Belgien)
beobachtet. Hier fand sich in einem kleinen Teiche massenhaft _Plan.
marginatus_ Drap. (Fig. 28) vor. Die ganze Oberfläche des Teiches war
aber mit Wasserlinsen bedeckt, die einen dichten Filz bildeten. Die
Tiere mussten sich durch denselben durchwinden, um an die Oberfläche
zu kommen und um dort Luft zu atmen. Beim Durchwinden durch den
Linsenfilz wurden aber die weichen, neugebildeten Umgänge abgestreift
und aus der normalen Windungsebene gedrängt, und es bildeten sich
nicht nur kegelförmige Gehäuse, sondern auch solche, bei welchen die
Umgänge nach ganz verschiedenen Richtungen gedrängt wurden, und welche
die sonderbarsten unregelmässigsten Formen annahmen (Fig. 29). In
Linsenfilzen, welche in einem Kübel mitgenommen wurden, fanden sich am
anderen Morgen alle normal gewundenen Exemplare tot am Boden des Kübels
liegend, während die skalariden und abnorm gestalteten munter an der
Oberfläche des Wassers herumkrochen.
Da die Arten des Genus _Planorbis_ bezüglich ihrer Wohnorte auf
einen engeren Kreis beschränkt sind, ist die Formveränderlichkeit
der einzelnen Arten auch bei weitem keine so grosse, als bei den
Limnaea-Arten, nur _Plan. corneus_ macht in dieser Beziehung eine
Ausnahme.
Ganz besonders für flutendes Wasser gebaut sind: Die Ancylus-Arten, die
durch den breiten Fuss, mit dem sie sich an Steine u. s. w. anklammern
können, und die mützenförmige Schale den Wellen am leichtesten
Widerstand leisten können; ferner die Neritina-Spezies, die mit weiter
Mündung und dem wenig hervortretenden Gewinde von der Natur zum
Aufenthalt im flutenden Wasser besonders ausgestattet wurden. -- Die
Färbung und Zeichnung der Oberfläche der Neritina-Arten wechselt sehr
mannigfaltig nach der Beschaffenheit des Wassers; doch liegen noch
keine genaueren Beobachtungen in dieser Richtung vor.
Die grösste Anpassungsfähigkeit besitzen die Muscheln der Familie
der Najaden. Jeder Fundort derselben hat bezüglich der chemischen
Zusammensetzung des Wassers, des Schlammes und des Bodens, in dem
die Muscheln stecken, der physikalischen Verhältnisse des Wassers
u. s. w. eine unbeschränkte Zahl von Eigentümlichkeiten, welche die
Schalenbildung beeinflussen und an derselben ihren Ausdruck finden.
Selbst an einander stossende Fundorte erzeugen ganz verschiedene
Formen, jenachdem der Boden steinig oder schlammig, jenachdem
der Schlamm ein erdiger oder humusreicher ist. Werden, wie es in
grösseren Flüssen häufig vorkommt, durch Hochfluten Muscheln aus
Altwassern oder Abschnitten mit stehendem Wasser in das Flussbett
versetzt, so entstehen notwendigerweise Mischformen. Leider werden
diese Verhältnisse viel zu wenig beachtet; gewöhnlich werden nur neue
Varietäten beschrieben, ohne dass man den Umständen nachforscht,
welche dieselben veranlasst haben. In den Beiträgen zur Molluskenfauna
der bayrischen Seen (Corresp.-Blatt zoolog.-mineral. Ver. Regensburg
1873–75) habe ich den Versuch gemacht, die eigenartigen Formen der
Seemuscheln aus der Beschaffenheit ihrer Wohnorte zu erklären, aber ich
habe bisher wenig Nachfolger gefunden.
Im allgemeinen ziehen die Anodonta-Arten stehende Gewässer vor. Nur
in diesen finden sie ihre volle Entwickelung (als _var. cygnea_
L.). -- In fliessenden Wassern findet sich meist nur die kleine,
gewissermassen verkümmerte Varietät _var. anatina_ L., welche
durch schmale Jahresansätze, dunkle Färbung der Oberhaut u. s. w.
charakterisiert ist. Die grösste Form, _var. cygnea_ L., findet sich
in Weihern mit erdig-schlammigem Boden. Diese Varietät zeichnet sich
durch rundlich-eiförmige Gestalt, durch die feste Schale, die lebhaft
gefärbte Epidermis und reines glänzendes Perlmutter aus; sie erreicht
bis 190 _mm_ Länge. _Anodonta rostrata_ Kok. ist die Varietät, welche
sich in Altwassern mit tiefem Humusschlamm am Grunde bildet. Die
Muscheln haben eine verlängerte Gestalt mit breitem abgestutzten
Hinterteile, eine meist dunkle Färbung der Epidermis und mehr oder
weniger fettfleckiges Perlmutter. Bei zunehmender Versumpfung der
Altwasser werden die Muscheln dünnschaliger, die Wirbel werden kariös,
von Insekten angebohrt, das Perlmutter wird noch schmutziger, die Tiere
verlieren die Fähigkeit sich fortzupflanzen, und sterben deshalb bald
an dem betreffenden Wohnorte völlig aus. Ich suche den Grund dieser
Erscheinung in der Überhandnahme der Humussäure im Bodenschlamm. Auch
mit zunehmendem Alter verändern die Anodonten ihre Umrissform. Die
jungen Muscheln haben in der Regel mehr eine rundliche Gestalt und
scharf hervortretendes Schild und Schildchen. Später wird dieselbe
länglicher, die vortretenden Ecken verschwinden und es bilden sich die
Varietäten: _cellensis_, _rostrata_, _ponderosa_ und _anatina_. Nur
in Flüssen erhält sich zuweilen die rundlich-eiförmige Gestalt _var.
piscinalis_ Nils. länger, wenn auch hier die Ecken des Schildes und
Schildchens mehr zurücktreten.
Die bisher aufgeführten Varietäten haben eine sehr ausgedehnte
Verbreitung, so dass man sie fast mehr als Standorts-Formen, denn
als Varietäten betrachten könnte, da sie sich in mehr oder weniger
übereinstimmender Weise überall entwickeln, wo sie die ihre Form
bedingenden Verhältnisse finden. Die grossen Alpen- und Voralpenseen
der bayrischen Hochebene und der Schweiz erzeugen dagegen, ihren
eigentümlichen physikalischen Verhältnissen u. s. w. entsprechend,
eigenartige Formen, von denen sogar fast jeder See eine oder mehrere
ihm eigentümliche Varietäten enthält. Die Seevarietäten erreichen
meist nur eine geringe Grösse, haben hellgefärbte Epidermis, starke
Schale, reines Perlmutter und ist meistens das Vorderteil durch dicke
Ablagerungen der Perlmutterschicht ausgezeichnet. Dieselben bilden
sich aber gewöhnlich nur an solchen Stellen der Ufer, die bei seichtem
Wasser und mangelnder Bewachsung der vollen Wirkung des Wogenschlages
ausgesetzt sind. Hier kann sich keine tiefere Schlammschicht, die den
Muscheln Schutz gewährt, anhäufen und werden deshalb dieselben oft
genug von den Wellen mit lebendem Tiere aufs Trockene geworfen, wo sie
verschmachten und Vögeln zur Beute fallen. Ich möchte als Beispiel
einer solchen Seemuschel hier nur _An. callosa_ aus dem Chiemsee
erwähnen, da die Aufzählung aller mir aus den verschiedenen Seen
bekannt gewordenen zu weit führen würde.
[Illustration: Fig. 30.
_Unio pictorum._]
Auch die Arten des Genus _Unio_ nehmen in den Seen besondere Formen
an. Ich habe beobachtet, dass die Muscheln von _Unio pictorum_
(Fig. 30) und _batavus_, wenn sie im tieferen Wasser in einer hohen
Schlammschicht sich aufhalten, ein sehr verlängertes Hinterteil
erhalten, weil sich dieselben im festen Boden festklammern, dabei aber
mit dem Hinterteile aus dem Schlamme hervorzuragen suchen, um die
Atemröhre freizuhalten. Das Hinterteil wird dadurch bei fortwährendem
Strecken des Tieres verlängert, und krümmt sich dabei oft mehr oder
weniger nach abwärts, so dass die Muschel eine etwas hakenförmige
Gestalt annimmt, wie es bei _Unio arca_ Held aus dem Chiemsee und
_Unio platyrhynchus_ Rossm. (Fig. 31) aus dem Wörthsee der Fall ist.
Merkwürdigerweise kommt in den bayrischen, Schweizer und wahrscheinlich
auch in den oberösterreichischen Seen nur _Unio pictorum_ vor, während
_Unio batavus_ in denselben fehlt, obwohl diese letztere Art in den
zufliessenden Bächen reichlich vorhanden ist. In den Schweizer Juraseen
findet sich _Unio tumidus_, die in allen im Alpengebiete liegenden
grossen Wasserbecken nicht vorkommt. _Unio batavus_ dagegen ist auf die
Kärntner- und Juraseen beschränkt.
[Illustration: Fig. 31.
_Unio platyrhynchus_ Rossm.]
Die Mollusken der Tiefenfauna.
Den Untersuchungen Dr. +Forels+[LXVII], welcher die Tiefenfauna der
grossen Schweizer Seen untersucht hat, verdanken wir die Kenntnis,
dass auch die Klasse der Mollusken zu derselben ihr Kontingent stellt,
und dass sich auch in den grössten Tiefen derselben noch einzelne
Arten von Schnecken und Muscheln aufhalten. Unter den ersteren sind
sogar Lungenatmer des Genus _Limnaea_, welche im seichten Wasser bei
heiterem, warmem Wetter die Gewohnheit haben, an die Oberfläche
des Wassers aufzusteigen, was aus einer Tiefe von 2–300 _m_ zur
Unmöglichkeit wird.
[LXVII] Matériaux pour servir à l’étude de la Faune profonde du lac
Léman. Lausanne 1874.
Dr. +Forel+ teilt die Fauna der Seen in drei Abteilungen:
1. +Die Uferfauna+; sie umfasst die Tiere, welche sich an der
Oberfläche des Wassers und in einer Tiefe bis zu 5 _m_ aufhalten.
2. +Die pelagische Fauna+, welche jene Tiere umfasst, die entfernt
von den Ufern oder untergetaucht im Wasser leben.
3. +Die Tiefenfauna+, welche den Seeboden von 25–30 _m_ an abwärts
bewohnt.
Die Uferfauna enthält Arten aller Genera unserer heimischen
Süsswasserconchylien, welche unter Umständen eigenartige Varietäten
bilden, die wir in vorhergehenden Abschnitten schon erwähnt haben.
Die pelagische Fauna entbehrt der Mollusken. Die Tiefenfauna dagegen
besitzt noch einige Arten der Genera _Limnaea_, _Vivipara_, _Valvata_
und _Pisidium_, die ich sämtlich, soweit sie mir bis jetzt bekannt
wurden, in meiner „Molluskenfauna von Österreich-Ungarn und der
Schweiz“ S. 768–791 beschrieben habe.
Die eigentümlichen Verhältnisse am Seeboden, geringe Temperatur
des Wassers (wenig um 4° _C._ schwankend), der grosse Druck der
Wassersäule, die sehr spärliche Nahrung, welche ihnen der Schlamm des
Seebodens bietet, geben die Veranlassung, dass die in so grossen Tiefen
lebenden Conchylien nur kleine, verkümmerte, unscheinbare Arten sind,
die sich naturgemäss von den Arten der Uferfauna abgezweigt haben
müssen. Diese Tiefseemollusken führen ein kümmerliches Dasein. Da die
Temperatur des Wassers das ganze Jahr über eine sehr gleichförmige ist
und der Wechsel der Jahreszeiten das geringe Wachstum der Schalen nicht
unterbricht, fehlen die Marken der Jahresabsätze; die Epidermis ist
sehr dünn und stösst sich, trotz der fast völligen Ruhe des Wassers,
leicht ab; die Muscheln bleiben dünnschalig und leichtzerbrechlich.
Eine Art _Pisidium fragillimum_ Cless. aus dem Silvaplaner See besitzt
eine so dünne Schale, dass jede Berührung an derselben einen Eindruck
zurücklässt. Jeder der bisher untersuchten Seen beherbergt wenigstens
eine eigentümliche Art des Genus _Pisidium_. Limnäen wurden nur im
Genfersee beobachtet; _Vivipara_ (eine Art) findet sich im Gardasee;
Valvata-Arten (drei) gehören nur der Tiefseefauna des Genfer- und des
Gardasees an.
Höhlen-Mollusken.
In den Kalkgebirgen, vorzugsweise in den Juraformationen, finden
sich ausgedehnte Höhlen, in denen Bäche und im Karstgebiete sogar
Flüsschen auf weite Strecken unterirdisch dahinfliessen. Es ist
selbstverständlich sehr schwierig, diese unterirdischen Wasserläufe
auf ihre Fauna zu untersuchen; gewöhnlich sind die in denselben
lebenden Mollusken nur in leeren Gehäusen im Geniste oberirdischer
Bäche und Flüsse zu bekommen. Nur in seltenen Fällen ist es geglückt,
lebende Tiere zu erbeuten, welche sämtlich einem für die Höhlenfauna
eigentümlichen Genus _Vitrella_ Cless. (Fig. 32), _Bythiospeum_ Brgt.,
angehören. Die Untersuchungen derselben durch +Wiedersheim+[LXIII] und
+Rougemont+[LXIX] haben ergeben, dass diese Höhlen-Mollusken blind
sind, ebenso wie die Tiere anderer Tierklassen, welche die gleichen
Aufenthaltsorte bewohnen. Die Tiere, welche seit vielen Generationen
nur im Dunkeln leben, haben die Augen nicht mehr nötig. +Rougemont+ hat
lebende Tiere der _Vitrella_ (_Rougemonti_ Cless.) aus dem Brunnen des
Anatomiegebäudes in München heraufgepumpt, welche gleichfalls augenlos
waren.
[LXVIII] Beiträge zur Kenntnis der württ. Höhlenfauna.
[LXIX] Etudes des faunes des eaux privées de lumière.
[Illustration: Fig. 32.
_Vitrella pellucida._]
Die unterirdischen Wasserläufe werden fast ausschliesslich von
Vitrella-Arten bewohnt, von denen jeder derselben eine ihm
eigentümliche Art zu besitzen scheint. Ausser diesen kleinen,
zierlichen, am meisten an das Genus _Hydrobia_ erinnernden
Deckelschnecken fand sich in der Uracher Höhle (schwäbische Alp in
Württemberg) eine Ancylus-Art, _Ancylus fluviatilis_, und in Krainer
Höhlen einige Valvata-Spezies. Diese Arten sind kleine, verkümmerte
Formen mit dünner, farbloser Schale und geben dieselben somit wieder
ein merkwürdiges Beispiel von der Anpassungsfähigkeit der Mollusken.
Die Perlenmuschel.
Die kalkarmen Bäche unserer Urgebirgsformationen beherbergen eine
grosse und sehr dickschalige Muschel, _Margaritana margaritifera_ (Fig.
33), welche einen sehr wertvollen Schmuck, nämlich die Perlen, liefert.
Die Muscheln stecken oft in sehr grosser Anzahl in sandigen Stellen so
völlig im Sande eingesenkt, dass nur an den flottierenden Cirren der
Atemöffnung sich das Vorhandensein der Muscheln erkennen lässt.
[Illustration: Fig. 33.
_Margaritana margaritifera._]
Die Perlenmuscheln haben in ausgewachsenem Zustande eine nierenförmige
Gestalt und erreichen eine Länge von 120 _mm_. Sie haben eine dunkle,
fast schwarze Oberhaut, sind in der Regel um die Wirbel stark
zerfressen und ihr Perlmutter ist gewöhnlich durch schmutzig-gelbe
Fettflecken verunziert.
Die Erzeugung von Perlen vollzieht sich in dem Raume zwischen Mantel
und Schale und muss die Perle hier frei beweglich bleiben, so dass
sie ständig in rollender Bewegung erhalten wird. Eine Perle bildet
sich nur dann, wenn ein kleiner fremder Körper, ein Sandkörnchen,
ein Stückchen eines abgestorbenen Schmarotzertieres u. s. w. an die
erwähnte Stelle gerät. Der Druck, welchen dieser fremde Körper auf die
äussere Mantelfläche ausübt, veranlasst eine stärkere Ausscheidung
des Perlmutterstoffes, welcher sich in Schichten um denselben legt
und allmählich den fremden Körper umhüllt. Die Entstehung der Perlen
ist also gewissermassen eine zufällige, und deshalb kommt nach
Beobachtungen aus den bayrischen Perlenbächen auf etwa 95–100 Muscheln
nur eine Perle. Aber nicht einmal alle Perlen sind brauchbar und
wertvoll, sondern nur jene, welche weisse Farbe und schönen Glanz
haben. Man unterscheidet drei Klassen brauchbarer Perlen und zwar 1.
Klasse: ganz helle, weisse Perlen von schönstem Glanze; 2. Klasse:
weisse Perlen von minder vollkommenem Glanze; 3. Klasse: sogenannte
Sandperlen, welche noch so viel Glanz und weisse Farbe besitzen, um
verwertet werden zu können. Eine gute Perle ersten Ranges kommt nach
+v. Hessling+[LXX] auf 2701, eine Perle mittlerer Qualität auf 2215
und eine schlechter Qualität auf 103 Muscheln. Ausser diesen weissen
Perlen finden sich aber auch, und in grösserer Häufigkeit als diese,
solche von brauner und von schwarzer Farbe. Zusammengesetzte Perlen von
Stäbchenform sind sogar häufig zur Hälfte braun, zur anderen Hälfte
schwarz gefärbt. Die dunklen Perlen werden als „unreif“ bezeichnet,
obwohl diese Benennung durchaus nicht zutreffend ist, weil auch grosse
Perlen die dunkle Farbe behalten. Die Ursache dieser Erscheinung ist
jedenfalls in der Nahrung der Tiere zu suchen, welche ja auch das
fettfleckige, unreine Perlmutter der Schalen erzeugt. Die aus der
Urgebirgsformation kommenden Gewässer haben in der Regel eine dunkle
Färbung, welche durch eine starke Beimischung von Humussäure erzeugt
wird, und dieses die Bildung wertvoller Perlen sehr beeinträchtigende
Verhältnis wird sich wohl nicht beseitigen lassen.
[LXX] +Theod. v. Hessling+: „Die Perlmuscheln und ihre Perlen“.
Leipzig 1859. Ich bin im ganzen den Ausführungen dieses Autors
gefolgt.
Versuche, um auf künstlichem Wege Perlen zu erzeugen, beziehungsweise
durch Einschieben kleiner Kügelchen u. s. w. zwischen Mantel und
Schale das Tier zur Perlenbildung zu veranlassen, haben keine günstigen
Resultate ergeben.
Die Ernte der Perlenbäche gilt in Deutschland durchaus als
Staats-Regal; sie wird aber gewöhnlich an Private verpachtet, welche
das Fischen und die Behandlung der Muscheln ohne jede Kenntnis der
Eigentümlichkeiten derselben betreiben und dadurch den Bestand an
Perltieren arg schädigen.