1. Eucephale Zweiflüglerlarven (Mückenlarven).

Unter allen unseren Insektenlarven giebt es vielleicht keine zweite,

die so leicht zu haben, so leicht zu halten und in ihrer Entwickelung

zu verfolgen ist, und deren Verwandlung dabei einen so überraschenden

Eindruck macht, wie die unserer Stechmücken-Arten[XXVI] (_Culex_). Im

März, gleich nach dem Auftauen der Gewässer, bei mildem Wetter oft auch

im Dezember und Januar, trifft man in Gräben mit stehendem Wasser,

besonders wenn dieselben vermodernde Laubblätter enthalten, die Larven

der Gattung _Culex_ oft in ausserordentlicher Menge an. Sie sind um

diese Zeit meist noch winzig, etwa 3–4 _mm_ lang, wachsen aber schnell

heran. Zur Aufzucht hat man nur nötig ein Glas oder eine Schale mit

Wasser, zur Nahrung einige vermodernde, untersinkende Blätter. Die

Bälge der Larven findet man nach den bald eintretenden Häutungen im

Wasser schwimmen, den Kopf und Atemanhang derselben von schwärzlicher

Farbe, die übrigen Teile recht durchsichtig. Ist dann nach einigen

Wochen oder, wenn man später grössere Larven nahm, oft nach einigen

Tagen, die Verpuppung eingetreten, so kann man nach einer Frist von

neun bis zehn Tagen das Ausschlüpfen der Mücke erwarten.

[XXVI] Bis zu gewissem Grade teilen alle eucephalen Larven diese

Eigenschaften mit den Culex-Arten.

Zu erkennen sind die Larven der Gattung _Culex_ unter den anderen,

mit deutlichem Kopf versehenen Zweiflüglerlarven unschwer 1) durch

die Verwachsung der Brustringe, deren Zahl noch durch drei grössere

Borstenbündel angedeutet ist, und 2) durch den langen, zur Atmung an

der Oberfläche benutzten Fortsatz des achten Hinterleibsringes. Das

Ende des Leibes geht also scheinbar zweiteilig aus; den einen Gabelast

bildet der eben genannte, von den beiden Hauptluftröhrenstämmen

durchzogene Fortsatz, den andern das eigentliche Körperende mit dem

After (vgl. Fig. 7, 10). An diesen stehen vier ausstreckbare, zarte

Fortsätze (Fig. 7, 12 _r_), die sogenannten Rektaldrüsen; es stehen

ferner am letzten Segment in der Mittelebene des Körpers nach unten

gerichtet in deutlicher Reihe die wichtigsten Schwimmborsten.

+Bewegung.+ Wie freilich die Bewegung zu stande kommt, lässt sich, wenn

sie recht schnell ausgeführt wird, kaum erkennen; purzelnd schiesst

dann das Tier bald dahin, bald dorthin vorwärts. Erst bei langsamerer

Bewegung unterscheidet man das Wie derselben, so z. B., wenn das Tier

zur Atmung zur Oberfläche kommt und fast dieselbe erreicht hat, dann

zeigt sich, dass der Hinterkörper mit seiner in der Mittelebene des

Körpers stehenden Borstenreihe rechts und links schlägt und so den

Körper, das Afterende voran, vorwärts treibt. Dem entspricht nun, dass

am +Vorderteil+ die Borsten +seitlich+ gerichtet sind. Eine eigenartige

Fortbewegung kann man ausserdem oft wahrnehmen, wenn die Larven an den

Wänden den Algenansatz benagen: durch die Bewegung der Mundteile selbst

rücken sie dann ziemlich schnell an der Wand fort.

+Atmung und Nahrung.+ Dass die Larven zum Atmen an die Oberfläche

kommen und dass die vereinigten Atemöffnungen an dem Fortsatz des

achten Segmentes liegen, ist schon oben angedeutet worden. Die

Zeit, in welcher sich dieses Emporkommen wiederholt, ist ziemlich

kurz. Die Tiere hängen dabei in etwas schräger Körperhaltung an der

Oberfläche; bei richtiger Haltung des Auges kann man die Einsenkung

der Oberflächenschicht an der betreffenden Stelle deutlich wahrnehmen.

Schliessen sie die Atemöffnungen, so sinken sie langsam an den

Boden. Dort beginnen sie wieder ihre Nahrung, besonders vermodernde

Pflanzenstoffe, zu verarbeiten. Tritt übrigens irgend eine Beunruhigung

bei der Atmung ein, so purzeln sie nach allen Richtungen fort.

Bisweilen heben die Larven auch, wenn sie an der Oberfläche hängen,

ihren Kopf bis zu derselben empor und drehen sich, indem sie lebhaft

die Kiefer bewegen, nach dem Prinzip der Rückwirkung, kreisend um den

Atemfortsatz.

+Puppe+ (Fig. 7, 9). Während bei den Käfern die Larven stets zur

Verpuppung das Wasser verlassen, bleibt bei den Dipteren, deren Larven

im Wasser leben, auch die Puppe im Wasser. Dadurch werden auch bei den

Puppen eigenartige Verhältnisse hinsichtlich der Atmung und Bewegung

bedingt. Die Puppen der „eucephalen“ Larven werfen alle, wie das bei

den Insekten ja die Regel ist, bei einem grossen Teil der Dipteren aber

gerade nicht zutrifft, die letzte Larvenhaut völlig ab; es lassen also

ihre Puppen (s. Fig. 7, 9 u. 13) wie die Schmetterlingspuppen deutlich

bereits Kopf mit Augen, Fühlern und Mundteilen, Brust mit Flügeln und

Beinen und endlich den Hinterleib unterscheiden. Flügel, Beine und

Fühler sind aber nicht wie bei den Schmetterlingspuppen mit dem übrigen

Körper verklebt, sondern frei.

Die Puppen von _Culex_ atmen wie die Larven die Luft direkt, müssen

also entweder stets an der Oberfläche hängen oder die Fähigkeit haben,

sich zu derselben zu bewegen. Das letztere ist der Fall und so besitzen

sie eine für echte Insektenpuppen ganz überraschende Beweglichkeit.

Dabei ist die Art der Bewegung plötzlich eine ganz andere als bei

den Larven: zwar ist auch hier der Hinterleib der treibende Teil,

wie ja auch bei anderen Puppen, z. B. Schmetterlingspuppen, derselbe

durch Beweglichkeit ausgezeichnet ist, derselbe schlägt aber nicht

+seitlich+, sondern +in der Mittelebene+, und ist im Zusammenhang damit

am Ende mit zwei seitlich gestellten Platten versehen. Atemöffnungen

sind zwei vorhanden, nicht aber am Hinterleib, sondern an der Rückseite

der Brust, am Ende zweier leicht beweglicher, trichterförmiger

Anhänge[XXVII]. Fragezeichen ähnlich hängen die Puppen zur Atmung an der

Oberfläche.

[XXVII] +Palmén+ behauptet in seiner wichtigen Arbeit über die

Morphologie des Tracheensystems (Leipzig 1877) S. 64

auffallenderweise, dass diese Anhänge keine Öffnungen haben.

Ich fand keine Schwierigkeit, mich an Längsschnitten der

Anhänge vom Gegenteil zu überzeugen; als Luftsieb -- die

Staubteilchen dort beweisen es -- dienen Haare, die in

zierlicher Weise nach Art von Strebepfeilern emporragen,

gruppenweise zusammenneigen und oben verwachsen sind.

Leichter noch gewinnt man die Überzeugung von der Endöffnung

dieser Anhänge, indem man eine Puppe auf ausgeschliffenem

Objektträger unter Wasser bringt, und mit einem Deckglas

bedeckt; bei leichtem Druck auf das letztere sieht man dann

eine grosse Luftblase aus den Enden der Anhänge hervorquellen

und, wenn man rechtzeitig wieder aufhört, beim Nachlassen des

Druckes wieder in den Anhang zurücktreten.

Es möge gleich hier vermerkt werden, dass bei allen Puppen dieser

Gruppe sich gleiche oder homologe Anhänge an der Rückseite zwischen

Vorder- und Mittelbrust befinden und dass im Zusammenhang damit

die Bewegung der Puppe stets durch Schlagen des Hinterleibes in

der Mittelebene erfolgt. Die Erklärung dafür dürfte in folgender

Eigentümlichkeit der Entwickelung liegen: Will das Insekt der

Puppenhaut entschlüpfen, so platzt in der ganzen Unterordnung, welcher

unsere Tiere nach dem System von +Brauer+ zugehören, die Puppenhaut

in einem =~T~=förmigen Spalt an der Rückseite der Brust. Diese muss

sich daher bei unseren Puppen zu der Zeit an der Oberfläche des

Wassers befinden, also muss der ganze Bau der Puppe und ihre immerhin

beschränkte Bewegungsweise derart sein, dass die Rückseite der Brust

an die Oberfläche gebracht wird. Die mit Luft erfüllten Atemtrichter

halten dann zuletzt, auch ohne Bewegung des Hinterleibes, die Puppe in

der rechten Stellung an der Oberfläche. -- Das Ausschlüpfen der Mücke

und die Erhärtung ihrer Teile erfolgt in recht kurzer Zeit, in einer

bis zu einigen Minuten[XXVIII]. Dass der ganze Entwickelungsschritt schnell

vollzogen wird, ist der gefahrvollen Lage wegen, in der sich das Tier

währenddem befindet, von Wichtigkeit. Nicht nur die Feinde im Wasser

und in der Luft bereiten ihm dann Gefahr, auch jeder Windstoss kann

verderblich werden. Gern warten daher die Tiere die ruhige, feuchtwarme

Luft nach einem Gewitterregen ab.

[XXVIII] Genauere Notizen habe ich von unserer Art darüber nicht zur

Verfügung. Bei einer Puppe von _Chironomus plumosus_, aus

der die Mücke, während ich dies niederschrieb, ausschlüpfte,

dauerte der Akt vom ersten Platzen der Haut bis zum ersten

Auffliegen der Mücke nicht ganz 20 Sekunden!

Der Laich bildet nach allgemeiner Angabe eine flache runde Scheibe,

die in der Mitte etwas ausgehöhlt ist und deswegen auf dem Wasser

schwimmt. Ich selbst habe das Ablegen der Eier und den Laich noch

nicht beobachten können; so oft ich Laich von der beschriebenen Form

auffand, erwies er sich doch stets bei weiterer Entwickelung als der

von _Corethra plumicornis_. Stechmücken, die im Aquarium in Menge

ausgeschlüpft waren, haben niemals bei längerer Gefangenschaft, wie ich

das bei anderen Gattungen beobachtet, den Laich abgelegt. Selbst als

ich solche Mücken mit verdünntem Honig und Blut fütterte und wochenlang

unter einer Glasglocke bei Gegenwart einer kleinen Schale mit Wasser

hielt, erhielt ich keinen Laich.

_Anopheles sp._ und _Dixa_ (Fig. 7, 11). Biologisch schliessen

sich an die Larven von _Culex_ am nächsten die von _Anopheles_

und _Dixa_ an; beide atmen durch zwei Stigmen (Fig. 7, 11 _a_) am

achten Hinterleibsring und beide sind Pflanzenfresser. Schwimmen

sie, so geschieht das gleichfalls durch seitliches Schlagen des

Hinterleibes. Von _Culex_ unterscheiden sie sich durch den Mangel eines

Atemfortsatzes und biologisch dadurch, dass sie sich ganz vorwiegend

an der Oberfläche aufhalten, meist auf dem Rande schwimmender Blätter

oder Gegenstände ruhend. Die schwärzliche Larve von _Dixa_ nimmt

dabei stets die Gestalt eines lateinischen =U= an und schiebt sich

in dieser Haltung ziemlich schnell durch abwechselnde Bewegung der

beiden Schenkel des =U= fort, die entsprechend mit Borsten versehen

sind. Weder Kopf noch Körperende, sondern die Mitte des Tieres

schreitet hier also voran: ein seltsamer Anblick. Den Kopf nach

oben und hinten zurückgeschlagen, wirbelt sich die Larve durch die

Bewegung der Mundteile die Nahrung zu. Dem gegenüber ist die Larve von

_Anopheles_ durch lichtere Färbung und einfache gerade Körperhaltung

gekennzeichnet; überdies sind bei _Anopheles_ die drei Brustringe wie

bei _Culex_ verwachsen, bei _Dixa_ wenigstens der erste deutlich frei.

Wie die Larve von _Dixa_ wirbelt auch sie sich die Nahrung durch die

Bewegung der Mundteile zu; auch sie hält dabei die Unterseite des

Kopfes nach oben, erreicht dies aber durch eine Drehung des Kopfes von

180° um die Längsachse. Die Puppen gleichen in ziemlichem Grade denen

von _Culex_.

Einen zweiten Typus der mit deutlichem Kopf versehenen Mückenlarven

stellt die viel untersuchte Larve von _Corethra plumicornis_ dar.

Dieselbe liebt pflanzen- und deswegen tierreiche stehende Gewässer

mit grösseren Stellen freien, klaren Wassers. Um Berlin ist sie eine

recht häufige Erscheinung; sie scheint auch stets in grosser Zahl

zu überwintern. Gekennzeichnet wird sie fast hinlänglich durch die

Bemerkung, dass sie von glasartiger Durchsichtigkeit ist; nur die

beiden Luftblasenpaare im vorderen und hinteren Teile des Körpers,

sowie gewöhnlich der gelbliche bis schwach gelbrote Darm machen

sie wahrnehmbar. Anfangs entgeht sie wohl Jedem oft genug, wenn

sie ruhig im Netz liegt. Als weitere Kennzeichen seien hier noch

folgende genannt: ein Atemfortsatz am achten Hinterleibsring ist

nicht vorhanden, ebenso wenig Luftlöcher, der Kopf ist schnabelförmig

verlängert, die Mundteile und selbst die Fühler sind zum Rauben

eingerichtet.

+Atmung+ und +Bewegung+. Da bei der Larve von _Corethra_ vom

Tracheensystem nur zwei paarige lufterfüllte Anschwellungen vorn und

hinten entwickelt sind, thätige Luftlöcher und auch Kiemen völlig

fehlen, so kann nur +Hautatmung+ für dieselbe angenommen werden.

Gestützt wird diese Annahme in hohem Masse durch die ausserordentlich

zarte und durchsichtige Haut des Tieres, die sie zu einem so beliebten

Objekt für mikroskopische Betrachtung macht. Die Larve kommt also auch

nicht zur Oberfläche; in horizontaler Lage steht sie oft lange Zeit

still im Wasser, um sich dann plötzlich durch einen seitlichen Schlag

fortzuschleudern und zwar anscheinend in völlig regelloser Weise. Der

wirksame Teil ist auch hier der hintere Körperabschnitt; der neunte

Hinterleibsring trägt zahlreiche, lange, in der Mittelebene stehende,

fiederförmig bewimperte Schwimmhaare. Nährt sich die Larve von _Culex_

von Pflanzenstoffen, so ist die von _Corethra_ durchaus räuberischer

Natur; zartere Wassertiere, ja selbst kleinere Larven der eigenen Art

bilden ihre Nahrung.

+Puppe.+ Ungleich ähnlicher als die Larven sind die Puppen von _Culex_

und _Corethra_. Auch die Corethra-Puppe bewegt sich durch mediane

Schläge des Hinterleibes, der am Ende ebenfalls besondere, seitlich

gestellte Schwimmplatten trägt. Auch die Anhänge der Vorderbrust

finden sich wieder, aber sie sind nicht wie bei der Puppe von _Culex_

trichterförmig offen und dienen nicht der Atmung[XXIX]. Mehrfach habe ich

30–40 Puppen in einem höheren Becherglase vor mir stehen gehabt, ohne

dass in Stunden auch nur eine an die Oberfläche zur Atmung gekommen

wäre. Mehrere Centimeter tief unter der Oberfläche schweben sie. Erst

wenn sie dem Ausschlüpfen sich nähern, wenn zwischen Puppen- und

Mückenhaut sich eine Luftschicht ansammelt, steigen sie infolge der

Verringerung des spezifischen Gewichtes dauernd empor. Aber auch dann

habe ich nie die Oberflächenschicht des Wassers an der betreffenden

Stelle unterbrochen gesehen, wie das sonst bei richtiger Stellung des

Auges stets zu sehen ist, wenn Insekten oder Insektenlarven zur Atmung

an die Oberfläche kommen. Die Bedeutung der lufterfüllten Anhänge am

Rücken der Vorderbrust kann also bei _Corethra_ nur darin liegen, dass

sie der Puppe ohne weiteres besonders beim Ausschlüpfen die geeignete

Körperstellung geben. Das Ausschlüpfen der Mücke vollzieht sich auch

hier in recht kurzer Zeit.

[XXIX] Vgl. auch +Palmén+, „Morphologie des Tracheensystems“.

+Laich.+ Dass die abgelegten schwarzen Eier eine flache Scheibe bilden,

erwähnte ich schon bei _Culex_. Nicht selten habe ich dieselben im

Freien angetroffen und auch von ausgeschlüpften Mücken erhalten,

denen durch eine übergestülpte Glasglocke das Fortfliegen verwehrt

war. Die Larven schlüpfen, wenn man nur das Wasser der Schale durch

untergetaucht lebende Pflanzen, z. B. Riccien, frisch erhält, bald aus

der Laichmasse aus.

In merkwürdiger Weise vermittelt den Übergang von _Culex_ zu _Corethra_

die Larve von _Mochlonyx culiciformis_ (Fig. 7, 10). In Körpergestalt,

in Durchsichtigkeit hält sie die Mitte zwischen jenen beiden Gattungen.

Wie bei _Corethra_ finden sich zwei Paar Luftröhrenanschwellungen

vorn und hinten; aber es sind auch noch die beiden freilich schwachen

Längsstämme des Luftröhrensystems vorhanden und lufterfüllt, die wie

bei _Culex_ in einen Anhang des achten Hinterleibsringes ausgehen. Und

nun wird dieser „Atemfortsatz“ doch wieder nicht wie bei _Culex_ zur

Atmung benutzt; die Larven schweben ebenso wie die von _Corethra_ in

horizontaler Lage im Wasser und niemals habe ich sie an die Oberfläche

kommen sehen. Auch die Mundteile zeigen eine Bildung zwischen denen von

Culex- und Corethra-Larven; freilich stehen sie denen der letzteren

näher. In der räuberischen Lebensweise stimmen sie mit diesen völlig

überein. Die Puppe schliesst sich der von _Corethra_ nahe an. Die schon

von +De Geer+ beobachtete Larve scheint lange Zeit der Aufmerksamkeit

entgangen zu sein. Ich habe sie um Berlin seit einer Reihe von Jahren

vielfach gefunden und zwar stets mit Larven von _Culex_ zusammen.

_Chironomus_ und _Tanypus_. Einen dritten Typus stellen die Larven der

Gattungen _Chironomus_ und _Tanypus_ dar, die nicht der Oberfläche oder

den mittleren Schichten der Gewässer, sondern hauptsächlich dem Boden

der Gewässer, und zwar sowohl fliessender wie stehender, angehören.

In stehenden Gewässern sind wohl die blutroten Larven von _Chironomus

plumosus_ (Fig. 7, 12) mit die häufigsten und auffälligsten.

Gekennzeichnet sind die Larven dieser beiden Gattungen durch den Besitz

von winzigen Punktaugen und von je zwei sogenannten falschen Beinen am

Vorderbrustring und am Körperende (Fig. 7, 12 _f__{1}, _f__{2}) -- die

Beine sind ungegliedert und mit einer Gruppe von Chitinhaken versehen

--, ferner durch das Fehlen der Atemöffnungen und eines ausgebildeten

Luftröhrensystems. Die Larven der beiden Gattungen unterscheiden sich

unter einander vornehmlich dadurch, dass bei den Larven von _Tanypus_

die drei Brustringe mehr oder minder zu einer Masse verwachsen, bei

denen von _Chironomus_ aber frei sind. Überdies besitzen manche

Chironomus-Larven, z. B. die von _Ch. plumosus_, vier schlauchförmige,

zarte Auswüchse an der Bauchseite des achten Hinterleibsringes (Fig. 7,

12 _a_).

+Atmung.+ Die Larven von _Chironomus_ leben, wie schon angegeben wurde,

auf dem Boden, wo sie sich mit Hilfe einer Schleimmasse, die unterhalb

der Mundöffnung austritt, aus den Schlamm- oder Sandteilchen Röhren

zum Schutz und Aufenthalt bauen[XXX]. Thut man z. B. in eine Schale

mit Larven von _Chironomus plumosus_ etwas Sand, so nimmt der Boden

in kurzer Zeit ein Aussehen an, welches im Kleinen an das Bild einer

Wiese erinnert, an deren Oberfläche zahlreiche Maulwürfe ihre Gänge

gezogen haben. Zur Wasseroberfläche kommen die Larven nicht; ihre

Atmung ist wie die von _Corethra_ Hautatmung. Die Auswüchse am achten

Hinterleibsring der Larve von _Ch. plumosus_ sowie die vier Drüsen um

den After unterstützen wohl die Atmung, da sie von einem lebhaften

Blutstrom, in dem eigenartige, fadenförmige Blutkörperchen treiben,

durchzogen werden[XXXI].

[XXX] Ob das auch für einzelne Arten von _Tanypus_ gilt, muss ich

dahingestellt sein lassen.

[XXXI] Dieser Blutstrom wird leicht bei ungünstiger Lage der Larve

auf dem Objektträger unterbrochen und entgeht dann dem

Beobachter. Auch mir war er früher entgangen; erst jüngst,

als ich durch eine Äusserung von Hrn. +Weltner+, der Larven

von _Chironomus_ auf dem Boden tiefer Seen gefunden hatte, zu

erneuter Beobachtung veranlasst wurde, nahm ich denselben wahr.

Hält man Larven unserer Gattungen in sauerstoffarmem Wasser, so sieht

man oft, wie sie sich mit den Haken der „falschen“ Vorderfüsse an

einigen Gespinstfäden, welche sie am Gefäss befestigt haben, festhalten

und nun lebhaft in medianen, wellenförmigen Bewegungen das Wasser

schlagen, offenbar, um sich beständig frischeres Atemwasser zuzuführen.

+Bewegung+ und +Nahrung+. Am Boden bewegen sich die Larven von

_Chironomus_ mit Hilfe der vorderen und hinteren falschen Beine den

Spannerraupen ähnlich fort; im Wasser schwimmen sie, wenn man es so

nennen darf, recht ungeschickt ohne feste Richtung durch =~S~=förmige

Krümmungen des Körpers[XXXII]. Als Nahrung dienen ihnen die Schlammteile

des Bodens oder richtiger die darin enthaltenen organischen

Bestandteile.

[XXXII] Bei einer Tanypus-Larve, wohl _T. monilis_, beobachtete ich

ich Schwimmen durch wellenförmige Bewegungen in der

Mittelebene des Körpers.

+Puppe.+ Auch während und nach der Verpuppung bleiben die Tiere in den

Schlammröhren; dabei ist die Larvenhaut oft noch nicht vollständig vom

Hinterleibsende der Puppe abgestreift. Als gutes Kennzeichen der Puppen

von _Chironomus_ ist die eigenartige Ausbildung der Vorderbrustanhänge

zu erwähnen; diese sind nicht einfach und trichter- oder keulenförmig

wie bei den früheren Gattungen und bei _Tanypus_, sondern bestehen

aus einer grossen Menge zarter Fäden, die von feinen Tracheenröhren

durchzogen sind und deswegen silberweiss erscheinen (vgl. Fig. 7, 13).

Sie sind also nach ihrer Bildung als Tracheenkiemen anzusprechen. Die

Puppe zeigt übrigens lebhafte Atembewegungen, und zwar ein Schwingen

in der Mittelebene des Körpers. Zur Zeit, wenn das Ausschlüpfen naht,

steigt sie an die Oberfläche, wobei die lufthaltigen Brustanhänge ihr

den Weg zeigen.

+Laich.+ Unter allen Mücken ist _Chironomus_ diejenige, deren Laich ich

am häufigsten angetroffen habe. Die länglichen, schwach bräunlichen

Eier liegen in wurstförmiger, durchsichtiger Gallertmasse. Wenig

auffällig, entgehen sie leicht der Wahrnehmung. Ihre Zugehörigkeit

lässt sich leicht dadurch feststellen, dass man die Larven in

besonderer Schale mit Wasserpflanzen ausschlüpfen lässt.

_Simulia._ Biologisch und auch wohl morphologisch schliessen sich an

die Larven von _Chironomus_ und _Tanypus_ die der +Simulia-Arten+

an. Dieselben leben ausnahmslos in fliessenden Gewässern. In der

näheren Umgegend von Berlin kenne ich sie nur aus der Panke oberhalb

Schönhausen und aus der Wuhle, die bei Köpenick in die Spree mündet.

Sie sind leicht daran kenntlich, dass zwar ein vorderes, weit

verwachsenes falsches Beinpaar wie bei _Chironomus_ und _Tanypus_

vorhanden ist, dagegen das hintere fehlt, und dafür ein Kranz von

Haken am Ende des im hinteren Abschnitt verdickten Abdomens steht.

Auch sie sind Hautatmer und kommen nie an die Oberfläche. Einen

recht seltsamen Anblick gewährt ihre Bewegungsweise. Mit einer

Gespinstmasse, welche ähnlich der der Raupen aus einem Vorsprung

oberhalb der Unterlippe austritt, ziehen sie am Boden einige kurze

Fäden, greifen in diese mit dem Hakenkranz der Vorderfüsse, krümmen

den Körper zu einer Schleife, greifen nun mit dem hinteren Hakenkranz

in diese Fäden, lassen dann vorn los, strecken sich, spinnen neue

Fäden u. s. w. So bewegt sich die Larve ausgesprochen spannermässig.

Hält man sie im tief ausgeschliffenen Objektträger oder einer andern

derartigen Vorrichtung (angekitteter Glasring), so kann man das Ziehen

der Fäden gut beobachten[XXXIII]. Durch dieses Mittel sind sie befähigt,

sich im strömenden Wasser an Wasserpflanzen und Steinen festzuhalten.

Oft richten sie sich, mit dem hinteren Hakenkranz in die Spinnfäden

greifend, senkrecht zur Oberfläche des Blattes und lassen dann ihren

Strudelapparat am Munde spielen, der ihnen mit dem entstehenden

Wasserwirbel die winzigen Nahrungsbestandteile zuführt.

[XXXIII] Auch bei Tanypus-Larven habe ich diese Bewegungsweise, wenn

auch nicht so ausgeprägt wie bei _Simulia_, beobachtet.

+Puppe.+ Die sehr gedrungene Puppe (Fig. 7, 13) lebt in einem

tütenförmigen Gehäuse, das seitlich an Wasserpflanzen mehr oder

minder tief befestigt ist. Ihre Vorderbrustanhänge gleichen denen von

_Chironomus_, doch sind die Fäden weit weniger zahlreich. Erst zum

Ausschlüpfen steigt sie zur Oberfläche.

+Rückblick.+ Alles in allem genommen, zeigen also die „eucephalen“

Mückenlarven der Gewässer und deren Puppen eine grosse Mannigfaltigkeit

der biologischen Verhältnisse. Atmen die Larven von _Culex_, _Dixa_

und _Anopheles_ Luft in gewöhnlicher Weise an der Oberfläche, so sind

die von _Mochlonyx_, _Corethra_, _Chironomus_, _Tanypus_, _Simulia_

Hautatmer; bei einzelnen Arten von _Chironomus_ findet sich dem

Anschein nach nebenbei Atmung durch echte schlauchförmige Kiemen[XXXIV].

Sind die Larven von _Culex_, _Anopheles_, _Mochlonyx_, _Corethra_

ausschliesslich oder fast ausschliesslich Schwimmer und zwar unter

seitlicher Bewegung des Hinterleibes, so zeigt die von _Dixa_,

die =~U~=-Larve, daneben eine seltsame, oben beschriebene Art des

Fortschiebens, die Chironomus-Larven ein unregelmässiges Schwimmen

durch =~S~=förmige Krümmungen, die Tanypus-Larven ein Schwimmen durch

mediane Bewegungen, beide Gattungen ausserdem und _Simulia_ eine

spannerartige Bewegung unter Benutzung von Hakenkränzen am Vorder-

und Hinterende des Körpers und teilweise (_Simulia_, _Tanypus_) von

Gespinstfäden. Als Nahrung dienen den meisten Larven Pflanzenstoffe,

_Mochlonyx_ und _Corethra_ aber sind ausgesprochene Raubtiere.

Leben die Larven von _Dixa_ und _Anopheles_ fast ausschliesslich

an der Oberfläche, so die von _Chironomus_ und _Tanypus_ meist in

Schlammröhren am Boden, bisweilen in ansehnlicher Tiefe, die von

_Simulia_ an allen möglichen Gegenständen des Wassers; tummeln

sich Culex-Larven durch alle Schichten hindurch, so bevorzugen die

von _Mochlonyx_ und _Corethra_ die mittleren Wasserschichten. Dazu

kommt dann noch das plötzliche Umspringen der Bewegungsarten bei der

Verpuppung der Mehrzahl der Larven und die Übereinstimmung aller Puppen

in dem Besitz besonderer Anhänge am Rücken der Vorderbrust und in der

Bewegungsart: zwei Punkte, die ich schon oben biologisch zu deuten

suchte.

[XXXIV] Auffälligerweise fehlt die Atmung durch Tracheenkiemen ganz.

Es kann hiernach nicht überraschen, dass sich die Larven im Anschluss

an diese Unterschiede oft scharf nach der Art der Gewässer in ihrem

Vorkommen sondern. Während ich z. B. in der oberhalb Schönhausen stark

fliessenden Panke nur Larven von _Simulia_, _Chironomus_ und _Tanypus_

fand, zeigte sich dicht daneben ein Wiesentümpel mit Laubblättern,

aber ohne nennenswerten Pflanzenwuchs nur von zahlreichen Culex-Larven

bevölkert, und ein naher Graben mit stehendem Wasser und dichtem

Pflanzenwuchs die schwarzen Larven von _Dixa_ und die helleren von

_Anopheles_. Um _Corethra_ zu beherbergen, schien er wegen des Mangels

an grösseren pflanzenfreien Stellen nicht geeignet zu sein. Es haben,

möchte man sagen, die verschiedenen biologischen Gruppen die Gewässer

unter sich geteilt, oder richtiger ausgedrückt: es haben sich die

Gattungen nach den verschiedenen Lebensbedingungen der Gewässer unter

einander differenziert.

_Phalacrocera replicata._ Den eucephalen Mückenlarven schliesse ich

am besten die Larve einer Schnake, _Phalacrocera replicata_, an, die

schon +De Geer+ bekannt war. Sie scheint seitdem wenig aufgefunden

zu sein, wahrscheinlich jedoch nicht wegen ihrer Seltenheit, sondern

weil sie den Blicken so leicht entgeht. Ich habe sie um Berlin fast

überall gefunden, sobald der Pfuhl oder Teich am Grunde reichlich mit

Wassermoosen bedeckt war. An solchen lebt und frisst sie; den älteren

blattlosen Stengeln sieht sie recht ähnlich und wegen der Trägheit

ihrer Bewegungen übersieht man sie doppelt leicht. Sie ergänzt in

merkwürdiger Weise in einer Hinsicht die Mückenlarven; keine derselben

hat Tracheenkiemen, unsere Schnakenlarve ist auf der Rückseite mit

ziemlich starren, gegabelten, fadenförmigen Tracheenkiemen versehen.

Der mangelhaft ausgebildete „Kopf“ ist klein und kann völlig eingezogen

werden. Das Hinterende des Körpers trägt zwei grosse, gekrümmte

Chitinhaken.

Die Puppe besitzt wie die der eigentlichen Mücken zwei

Vorderbrustanhänge und lässt Kopf, Flügel, Beine u. s. w. deutlich

erkennen. Mit zwei Paaren von Fortsätzen an den hinteren Körperringen

-- ausserdem stehen noch zwei andere Paare dort -- hält sie sich an

Pflanzen fest und streckt die Anhänge zur Atmung heraus. Von der

Verpuppung bis zum Ausschlüpfen der ansehnlichen Schnake verfliessen

nur wenige Tage.

+Larven der Waffenfliegen.+ Von anderen Zweiflüglerlarven sind mir als

einigermassen häufig und auffällig[XXXV] nur noch die unter einander

recht ähnlichen Larven der Waffenfliegen (Stratiomyden) (Fig. 7, 14)

entgegengetreten. Sie sind deutlich gegliedert und mit undeutlichem,

einziehbarem Kopfteil versehen, aus dem zwei seitliche „Fressspitzen“

hervortreten. Am Ende des Körpers steht ein zierlicher Kranz von

Haaren, den die Larven auszubreiten und zusammenzulegen vermögen.

Inmitten dieses Kranzes liegt nämlich der Eingang zu einer Art Vorhof

der Luftlöcher der Larve; wollen die Tiere atmen, so strecken sie

das Körperende an die Oberfläche und breiten den Haarkranz aus. Ihre

Bewegung ist recht unbeholfen; durch lebhaftere Krümmungen kommen sie

langsam in ziemlich regelloser Weise vorwärts. In Übereinstimmung

mit ihrer Atmungsweise und mit ihrer schwachen Bewegungsfähigkeit,

leben sie nur an der Oberfläche stehender pflanzenreicher Gewässer.

Trifft man übrigens etwa im Mai, Juni Larven an der Oberfläche, die

andauernd bewegungslos bleiben, so -- hat man es ziemlich sicher mit

einer +Puppe+ zu thun. Sicherheit kann man über diesen Punkt leicht

gewinnen dadurch, dass man die „Larve“ am Ende öffnet; im zutreffenden

Falle ist nämlich die Haut an den Enden hohl und mehr in der Mitte

liegt die zarte, ziemlich fliegenähnliche Puppe. Es wird also bei

der Verpuppung die letzte Larvenhaut nicht abgestreift, sondern das

Tier hat sich innerhalb derselben zur Puppe umgebildet. Erst beim

Ausschlüpfen der Fliege wird auch diese Larvenhaut gesprengt und zwar

in einem =~T~=förmigen Spalt. Von den echten sogenannten +Tonnen+puppen

der grossen Menge der Fliegen unterscheiden sich übrigens diese Puppen

wesentlich dadurch, dass erstens die Larvenhaut bei der Verpuppung

weiter keine Veränderung der Form erfährt und dass das Aufspringen

nicht in einem Ringe, sondern in einem =~T~=förmigen Spalt erfolgt.

[XXXV] Bisweilen habe ich auch in Gräben mit vielem Algenschleim und

wenig sauberem Wasser die bekannten Rattenschwanzlarven der

Schlammfliege angetroffen. Kenntlich sind die zarthäutigen

Larven an dem Mangel eines Kopfes und an dem fernrohrartig

ausstreckbaren Atemrohr am Ende des Körper. Ziemlich ähnlich

sehen ihnen wegen eines gleichen Atemanhangs die Larven von

_Ptychoptera_ (Schnake); doch ist der Kopf deutlich, wenn

auch einziehbar, und die Puppe eine echte Schnakenpuppe

(Mumienpuppe) mit einem sehr verlängerten Vorderbrustanhang.

-- Wegen mehrerer Musciden-Larven und -Puppen des Wassers

sei hier nur auf +G. Gerke+, „Verh. des Vereins für naturw.

Unterhaltung zu Hamburg“, 1876 ff., verwiesen.

Schmetterlinge[3].

Die Schmetterlinge selbst sind ebenso und aus gleichem Grunde von dem

Leben im Wasser ausgeschlossen[XXXVI], wie die Fliegen; von den Larven und

Puppen dagegen leben einige auch aus dieser Insektengruppe im Wasser.

[XXXVI] Dabei muss freilich von den flügellosen Weibchen des

_Acentropus niveus_ abgesehen werden, welches nach

Litteraturangaben mit dem Rücken nach unten auf der

Wasseroberfläche umherschwimmt.

Die interessanteste und nach meinen Beobachtungen häufigste dieser

Wasserraupen ist die von _Paraponyx stratiotata_; ich habe dieselbe um

Berlin fast nirgends vermisst, wo ihre Haupt-Nährpflanze, die stachlige

Wasseraloë (_Stratiotes alioïdes_), wächst. Ihren Raupencharakter

bekundet die bis auf Kopf und ersten Brustring zarthäutige Larve

durch den Besitz von Afterbeinen mit Hakenkränzen am dritten bis

sechsten und letzten Hinterleibsringe neben den sechs gegliederten

Brustbeinen sowie durch die Bildung der Mundteile. Dass sie aber

ein wohlangepasstes Wassertier ist, zeigt das Fehlen von offenen

Atemlöchern und die Ausbildung von fadenförmigen Tracheenkiemen, welche

die Seiten und den Rücken vom zweiten Brustring an einnehmen[XXXVII]. Oft

findet man die Raupe zwischen zwei Blättern der Wasseraloë, die lose

durch Fäden zusammengeheftet sind; anscheinend dient solche Stelle

dann als Zufluchtsort. In vollkommnerer Weise spinnt sich die Raupe

zur Zeit der Verpuppung ein geschlossenes, dichtes Gehäuse, das den

Blättern fest angeklebt ist. Schneidet man ein solches Gehäuse auf,

so findet man die Puppe nicht in +Wasser+, sondern in +Luft+ liegend.

Sie hat auch nicht mehr Tracheenkiemen, sondern Luftlöcher, an denen

nur auffällig ist, dass die vorderen auf einer Erhöhung liegen. Woher

stammt nun die Luft im Puppengehäuse, das doch unter Wasser hergestellt

ist? Ich habe an andrer Stelle[XXXVIII] wahrscheinlich zu machen gesucht,

dass die Luft ähnlich wie bei den Puppengehäusen von _Donacia_ aus der

Pflanze stammt und dass diese unter Druck aus dem Innern der Pflanze

hervortretende Luft das Wasser aus dem noch nicht völlig geschlossenen

Gehäuse verdrängt. Man findet nämlich einerseits die Blätter dort,

wo ein Puppengehäuse angeklebt ist, bis zu ihren grossen Luftgängen

angefressen und anderseits ist eine andere Weise als die angedeutete,

das Gehäuse mit Luft zu füllen, unter den gegebenen Verhältnissen kaum

vorstellbar[XXXIX]. Ist das Gehäuse völlig fertig, so sind übrigens die

Frasslöcher zu den Luftgängen zugesponnen.

[XXXVII] Auch die Wasserraupen von _Acentropus niveus_ sind nach den

Angaben in der Litteratur mit Tracheenkiemen versehen. Aus

eigener Beobachtung kenne ich dieselben nicht.

[XXXVIII] Siehe oben die Angabe bei _Donacia_.

[XXXIX] Für die ebenfalls kiementragende Wasserraupe einer

brasilianischen _Cataclysta_-Art hat freilich +W. Müller+

eine andere Weise, das Puppengehäuse mit Luft zu füllen,

beschrieben.

Eine zweite Gruppe von ziemlich häufigen Wasserraupen gehört den

Gattungen _Hydrocampa_ und _Cataclysta_ an. Äusserlich sind diese

Zünsler-Larven den weiter unten zu behandelnden Phryganiden-Larven

recht ähnlich, da sie sich aus zwei zurechtgebissenen Blattstücken,

die von _H. nymphaeata_ z. B. aus den Blättern der Seerose

oder des Laichkrautes oder (_Cataclysta_) aus zahlreichen

verklebten Wasserlinsen ein Schutzgehäuse herstellen und damit

im Wasser herumkriechen. Sobald man freilich die Larve aus

diesem Versteck herauskriechen sieht, zeigt sich auch abgesehen

von den Hinterleibsbeinen ein wichtiger Unterschied gegen die

Phryganiden-Larven: die Raupen besitzen keine Tracheenkiemen, sie

sind vielmehr bis auf den Kopf und ersten Brustring mit einer im

Wasser silberglänzenden Luftschicht umgeben und ebenso ist auch das

Gehäuse mit Luft erfüllt. Sie sind also einfache Luftatmer und auf

die Oberfläche des Wassers angewiesen. Die Puppe liegt gleichfalls in

diesem Luftbett.

Andere Arten von Wasserraupen, deren Gattungszugehörigkeit mir

unsicher geblieben ist (vielleicht _Scirpophaga_?), habe ich mehrfach

in ausgefressenen Binsen- oder Schachtelhalmstücken getroffen; das

Verfahren zur Herstellung des Schutzgehäuses war also ein recht

einfaches. Zur Verpuppung fand ich solche Gehäuse an den Stengeln von

Wasserpflanzen in senkrechter Stellung angeklebt und die abstehende

Öffnung verschlossen, ähnlich dem, was man bei den Gehäusen der

Phryganiden beobachtet.

Netzflügler[4].

Während in den drei obigen Ordnungen diejenigen Kerfe, die entweder im

entwickelten Zustande oder als Larve im Wasser leben, einen kleinen

oder selbst verschwindenden Teil ihrer Gruppengenossen ausmachen,

ändert sich das plötzlich bei den Netzflüglern in auffälliger Weise.

Die entwickelten Tiere meiden zwar wie die Fliegen und Schmetterlinge

das Wasser, aber unter den Larven lebt die Mehrzahl der freilich

nicht artenreichen Ordnung im Wasser, und zwar stellt die Gruppe der

Köcherfliegen (Phryganiden) die Hauptmasse derselben. Welcher Art

ein Gewässer auch immer sein mag, ob stark fliessend oder stehend,

ob pflanzenreich oder pflanzenarm, ob mit Sand- oder Schlammboden:

fast immer wird man Larven dieser Gruppe darin finden und oft in sehr

auffälliger Menge. Durch einen eigentümlichen Zug in ihrer Lebensweise

machen sie sich auch dem Laien auffällig. Die meisten von ihnen

kitten sich nämlich aus diesem oder jenem Stoff ein köcher- oder

röhrenförmiges Schutzgehäuse, welches sie mit sich herumschleppen und

in das sie sich bei Beunruhigung sogleich zurückziehen. Sie nehmen

dazu feinem Sand, gröbere Kieskörner, Schneckenhäuser mit oder ohne

Bewohner, Gras und breitere Pflanzenblätter, abgebissene Stücke von

Pflanzenstengeln, oder alte Holzstücke etc., und legen diese Teile der

Länge nach oder der Quere nach (Fig. 8, 16 u. 17) oder in spiraliger

Anordnung an einander. Wegen ihrer Auffälligkeit haben sie auch vom

Volke besondere Namen erhalten: Sprottwürmer oder Sprocken heissen sie

z. B. in einzelnen Teilen der Mark.

[Illustration: Fig. 8.

15 _Limnophilus rhombicus_ -- 16 Larvengehäuse von vorn -- 17 von oben

-- 18 Puppe von der Bauchseite. 16 und 17 nach Pictet, 15 und 18 nach

der Natur.]

Ob ein aufgefundenes Tier zu den Phryganiden-Larven gehört oder nicht,

darüber wird auch beim Anfänger selten ein Zweifel sein. In den bei

weitem meisten Fällen wird man die gewöhnliche Larvenform (Fig. 8,

15) vor sich haben, die durch den Besitz des Gehäuses und von drei

Brustbeinpaaren, durch die stärkere Chitinisierung des ganzen Kopfes

und mehr oder minder ausgedehnter Teile der Brust, sowie endlich durch

die fadenförmigen Tracheenkiemen und die beiden Endhaken des zarten

Hinterleibes gekennzeichnet ist[XL]. So leicht nun die Zugehörigkeit

einer Larve zu unserer Gruppe festzustellen ist, so schwierig und

umständlich ist anderseits die Unterscheidung der zahlreichen

Gattungen, von den Arten ganz zu schweigen. Ich werde also im folgenden

ganz davon Abstand nehmen und nur an einem Vertreter der Gruppe --

es möge die Larve von _Limnophilus rhombicus_[XLI] dazu dienen --

die biologischen Verhältnisse und die damit in Beziehung stehenden

morphologischen Eigenschaften zu schildern versuchen.

[XL] Über die in Gehäusen lebenden Wasserraupen, d. h. Larven von

Schmetterlingen, vergleiche man oben den dritten Abschnitt, über

Phryganiden-Larven ohne Gehäuse weiter unten.

[XLI] Dass die betreffende Larve zu _Limnophilus rhombicus_ gehört,

habe ich freilich nicht durch Zucht festgestellt, sondern ich

schliesse es nur aus dem Vergleich mit den Zeichnungen und

Angaben bei +Pictet+ (Fig. 8, 16, 17).

Unsere Larve lebt besonders in Pfühlen und Gräben mit stehendem

Wasser. Das Gehäuse (Fig. 8, 16 u. 17) besteht in der Regel aus

dünnen Stengelstücken, die quer zur Längsachse verklebt sind, und

zwar schliessen je vier bis fünf einmal den Umfang; im Querschnitt

ist also die Aussenseite des Futterals vier- bis fünfeckig, wobei

die Seiten noch über die Ecken verlängert sind. Nicht selten benutzt

die Larve daneben auch Moosstücke oder Früchte oder Steinchen und

Schneckenhäuser, die Queranordnung jedoch, soweit möglich, beibehaltend.

Der Kopf und die beiden ersten Brustringe oben sind ebenso wie die

Beine, von denen das erste Paar besonders kräftig, wenn auch kurz ist,

stark hornig; diese Teile sind nämlich beim Fressen und Umherkriechen

mehr oder minder ausserhalb des Futterals, dürfen also nicht zart sein.

Über die helleren und dunkleren Flecke dieser Teile verweise ich auf

die Abbildung (Fig. 8, 15). Der dritte Brustring hat auf der Oberseite

sechs dunkle, mit Haaren besetzte Hornflecke und ebenso ist die Haut

oberhalb der Hüften stärker chitinisiert. Die Mundteile, besonders

auch die mit der Unterlippe verwachsenen Unterkiefer ähneln denen der

echten Raupen; auf die besondere Gestalt dieser Teile bei unserer Art

ohne Abbildung näher einzugehen -- für die Unterscheidung der Gattungen

ist das wichtig -- erscheint zwecklos. Wie bei den Raupen liegt

übrigens der Ausgang der Spinndrüse in der Mitte der Unterlippe. Fühler

fehlen wie bei fast allen Phryganidenlarven vollständig und die Augen

sind nur winzige Punktaugen.

An dem zarten, gelbweissen Hinterleib hebt sich in der Mitte als

dunklerer Streifen das Rückengefäss ab, dessen von hinten nach vorn

fortschreitende Kontraktionen schon mit unbewaffnetem Auge zu verfolgen

sind. An den Seiten zieht sich je eine dichte Reihe dunkler Haare

hin, die sogenannte Seitenlinie. Teils unmittelbar über und unter

derselben, teils etwas weiter nach oben und unten stehen vom zweiten

Hinterleibsringe an und zwar nahe dem vordern und hintern Rande die

haarförmigen, weissglänzenden Tracheenkiemen (s. Fig. 8, 15). Um die

Zahl und Verteilung derselben kurz darzustellen, hat sich meines

Wissens +Klapalek+ zuerst besonderer Schemata bedient; ich gebe hier

ein nach seiner Weise gebildetes Schema für unsere Larve.

Oben. Sl. Unten.

-------------+------------------

3 3 | 3

3 | 3 3 II

-------------+------------------

3 3 | 3

3 | 3 3 III

-------------+------------------

3 2 | 3

3 | 2 3 IV

-------------+------------------

3 2 | 3

2 | 1 3 V

-------------+------------------

2 | 3

2 | 2 VI

-------------+------------------

2 | 2

2 | 1 VII

-------------+------------------

2 | 1

| VIII

-------------+------------------

Zum Verständnis desselben braucht wohl nur bemerkt zu werden, dass

_Sl._ die Seitenlinie, die römischen Ziffern die Hinterleibsringe und

die arabischen Ziffern die Anzahl der Kiemenfäden bedeuten, welche

teils nahe dem Vorder-, teils nahe dem Hinterrande, und zwar nahe

der Seitenlinie oder weiter nach oben oder unten stehen. Am ersten

Hinterleibsringe stehen keine Tracheenkiemen, dagegen in der Mitte

oben und an jeder Seite je ein vorstülpbarer Fleischzapfen; am letzten

Hinterleibsring befinden sich seitlich zwei kurze derbe Chitinhaken und

in der Mitte in einem länglichen Spalt der After. Mit den Chitinhaken

des Hinterleibsendes halten sich die Tiere recht erfolgreich im

Gehäuse fest. Erwachsen kriechen die Larven langsam im Wasser umher;

jugendliche Phryganiden-Larven habe ich fast immer -- ob freilich

solche unserer Art dabei waren, ist ungewiss -- daneben lebhaft mit

Hilfe der langen, stark bewimperten Hinterbeine umherschwimmen sehen.

Solche jugendliche, wohl eben dem Ei entschlüpfte Larven sind übrigens

von den älteren noch durch den Mangel an Tracheenkiemen unterschieden,

so dass sie ganz auf Hautatmung angewiesen sind.

Dass die Atmung bei den älteren Larven durch Tracheenkiemen und

daneben wohl durch die zarte Hinterleibshaut geschieht, ist oben schon

angedeutet worden. In Beziehung zur Atmung dürfte auch die sogenannte

Seitenlinie, d. h. der beiderseitige Wimpersaum des Hinterleibes

stehen, wenigstens wenn sie stärker entwickelt ist. Bei durchsichtigen

Phryganiden-Gehäusen sieht man nämlich oft, besonders wenn das Wasser

sauerstoffarm ist, die Larve den Hinterleib in der Mittelebene

schwingen, höchst wahrscheinlich, um das den Körper umspülende

Wasser schneller zu erneuern. Die Seitenlinie macht nun, indem sie

den Hinterleib verbreitert, dieses Verfahren sicher wirksamer. Auch

die Fleischzapfen des ersten Hinterleibsringes finden dabei ihre

Verwendung; der Körper wird durch sie mehr in der Mitte des Gehäuses

gehalten, ein allseitig den Körper umspülender Wasserstrom also wohl

dadurch erleichtert. Wenn übrigens das Wasser recht schlecht zur Atmung

wird, so sieht man die Larven vorn weit aus dem Gehäuse kommen und nun

lebhaft in gleicher Richtung wie im Gehäuse das Wasser schlagen.

Dass die Phryganiden-Larven wie die Raupen vorherrschend

Pflanzenfresser sind, kann man leicht beobachten; doch lässt sich auch

unschwer feststellen, dass sie keineswegs Fleischkost, lebende und tote

Tiere, deren sie habhaft werden können, verschmähen. Hat man einer

Larve das Gehäuse genommen, so ist man nicht sicher, ob dieselbe nicht

in kurzer Zeit von ihres Gleichen angefressen wird.

Zur Verpuppung spinnt unsere Larve wie die meisten anderen

Phryganiden-Larven das Gehäuse an Wasserpflanzen oder Steinen etc.

fest, schliesst die Öffnungen durch ein Gitterwerk von Fäden, denen

noch Stengelstückchen angeklebt sind, so dass einerseits Feinde dadurch

abgehalten werden und anderseits das Atemwasser hindurchspülen kann.

Die Puppe (Fig. 8, 18) bietet mit ihren frei abstehenden Fühlern,

Beinen und Flügeln, mit den stark auffälligen Augen und gekreuzten,

hakenförmigen Oberkiefern, mit den weissen, fädigen Tracheenkiemen und

der schwarzen, mächtig entwickelten Seitenlinie am Hinterleib einen

seltsamen Anblick dar. Die nach dem Geschlecht verschiedene Gestaltung

der Hinterleibsanhänge und die Zahl und Verteilung der Dorne an den

Beinen geben zusammen mit dem Kiemenschema wichtige Anhaltspunkte zur

Unterscheidung der Gattungen und Arten. Dass auch hier die Seitenlinie

gleiche Bedeutung für die Atmung hat wie die oben beschriebene, scheint

mir zweifellos. Die Atmungsbewegungen der Puppen kann man unschwer

beobachten.

Hält man die Puppen im Zimmer, so steht Einem unmittelbar vor

dem Ausschlüpfen der Köcherfliege noch eine seltsame Beobachtung

bevor. Die Puppen kommen eines Tages aus dem Gehäuse, indem sie die

Oberkiefer zum öffnen benutzen, und schwimmen mit dem bewimperten

zweiten Beinpaar oder kriechen mit Hilfe der beiden vorderen Beinpaare

lebhaft umher, bis sie eine geeignete Stelle an der Oberfläche für

das Ausschlüpfen gefunden haben. Die ausgeschlüpften Insekten, denen

die Oberkiefer der Puppen fehlen, sehen so schmetterlingsartig und im

besondern mottenartig aus, dass sie von Laien wohl stets für Motten

gehalten werden. Das Fehlen des Saugrüssels, die Aderung der Flügel

und die Faltung der Hinterflügel können zur Unterscheidung von den

Schmetterlingen dienen.

Der Laich der Phryganiden -- den unserer Art im besondern kenne ich

nicht -- bildet meist eine grosse, oft ringförmige Schleimmasse, in der

die Eier eingebettet liegen; leicht kann derselbe mit Schneckenlaich

verwechselt werden. --

Ist diese Larvenform der Köcherfliegen auch die unbedingt

vorherrschende im Tieflande, so möchte ich doch nicht ganz den

Vertreter des zweiten unter den Phryganiden-Larven vorhandenen

Typus übergehen, welchen ich um Berlin mehrfach, besonders auch an

_Stratiotes_, angetroffen habe. Nach Vergleich mit den Abbildungen und

Angaben von +Klapalek+ gehört diese Larve zur Gattung _Polycentropus_

(Unterfamilie _Rhyacophilidae_). Der auffälligste Unterschied der

ziemlich durchsichtigen, etwas grünlich und rötlich gefärbten Larve

gegen die des ersten Typus bildet das Fehlen eines Gehäuses und der

Tracheenkiemen. Die Larve ist ein Hautatmer[XLII].

[XLII] Es ist bemerkenswert, dass keine Neuropteren-Larve des Wassers

durch Luftlöcher atmet, während das in allen früheren Ordnungen

ein recht häufiger Fall war.

Es fehlen auch die Seitenlinie und die Fleischzapfen des ersten

Hinterleibsringes, was nach unserer obigen Deutung beim Fehlen

des Gehäuses ohne weiteres verständlich ist. Die Chitinhaken

am Unterleibsende stehen dagegen auf langen, zweigliedrigen

„Nachschiebern“; die Larven gebrauchen dieselben besonders, wenn

sie beunruhigt werden und sich dann unter medianen Schwingungen des

Hinterleibes rückwärts in Sicherheit zu bringen suchen[XLIII].

[XLIII] Eine derartige Rückwärtsbewegung der Larven, sobald sie

beunruhigt werden, scheint im ganzen Gebiet der Netzflügler,

gleichgültig ob die Larven im Wasser leben oder nicht, die

allgemeine Regel zu sein.

Mangelt den Larven auch das Gehäuse, so heften sie doch mit Hilfe der

Spinnmasse an Blättern einzelne Gegenstände derart fest, dass ein

gedeckter Gang entsteht, der ihnen als Zufluchtsort dient. Zur Zeit der

Verpuppung wird dann eine festere Schutzhülle hergestellt. Die Puppe

ist mit Tracheenkiemen und Seitenlinie versehen.

Eine Mittelstellung zwischen den beiden obigen Typen nehmen die Larven

der Gattung _Hydropsyche_ ein, die in stärker fliessenden Gewässern,

z. B. hier in der Panke, an und unter den Steinen des Bodens leben. Sie

haben ebenfalls kein Gehäuse, welches sie mit sich herumtragen, sondern

fertigen sich aus grösseren und kleineren Sandkörnern Gänge an den

Steinen, dagegen besitzen sie büschelförmige Tracheenkiemen. Abweichend

von der oben beschriebenen Verteilung der Kiemen bei _Limnophilus_,

stehen dieselben hier nur auf der Unterseite von Brust und Hinterleib.

Die Nachschieber sind von ähnlicher Länge wie bei _Polycentropus_ und

durch ein starkes, auffälliges Borstenbüschel an der Ansatzstelle der

Krallen ausgezeichnet.

Zur Verpuppung wird auch von diesen Larven ein besonderes Schutzgehäuse

hergestellt.

Die übrigen Neuropteren.

In den übrigen Familien der Netzflügler giebt es nur noch vereinzelte

Gattungen, deren Larven im Wasser leben, nämlich die Gattungen

_Sialis_, _Sisyra_ und _Osmylus_. Häufiger habe ich davon nur die

Sialis-Larven angetroffen und zwar stets am Boden stehender, mit

Schlammgrund versehener Gewässer. Man muss schon mit dem Netz etwas

Schlamm mitfassen, wenn man die Larven fangen will. Die Ähnlichkeit

mit den Phryganiden-Larven ist nicht zu verkennen. Nur der Kopf, die

Beine und die Brustringe sind stärker chitinisiert, der Hinterleib

ist zarthäutig und an den sieben ersten Ringen mit je einem

Paar verhältnismässig starker, +gefiederter+ und +gegliederter+

Tracheenkiemenfäden versehen. Das Ende des Hinterleibes läuft in eine

einzelne kräftige, gefiederte Endborste aus.

Ausser der abweichenden Bildung der Tracheenkiemen und des

Hinterleibsendes kann zur Unterscheidung von den Phryganiden-Larven

auch der Umstand dienen, dass der Kopf deutliche, mehrgliedrige

Fühler trägt. Die Mundteile, besonders die Oberkiefer, sind zum

Raube eingerichtet. Als Kiemenatmer brauchen die Larven nicht an die

Oberfläche zu kommen; auf dem Schlammboden kriechen sie nach Beute

umher. Beunruhigt schwimmen sie ganz nach Art der Phryganiden-Larven,

die ihres Gehäuses beraubt wurden, durch mediane Schwingungen des

Körpers rückwärts.

Zur Verpuppung gehen die Larven wie die Käferlarven an das Ufer;

die Puppe ruht dann dort im Moose. Das ausgeschlüpfte Insekt, die

„Schlammfliege“, findet man im Mai und Juni in der Nähe von Gewässern

an Pflanzen träge ruhend, leicht kenntlich an den auch mit zahlreichen

Queradern versehenen, eigentümlich grauen Flügeln. Die schwärzlichen

Eier werden in regelmässigen dichten Reihen an Pflanzen oberhalb des

Wassers abgelegt. --

Die kleinen, etwa 4 _mm_ langen Larven von _Sisyra_ leben in

Süsswasserschwämmen. Ausgezeichnet sind dieselben durch vielgliedrige

Fühler und sehr lange, gebogene, aus Ober- und Unterkiefer

zusammengesetzte Saugzangen. Fühler wie Saugzangen übertreffen den

Kopf um das Mehrfache an Länge. Die Hinterleibsringe tragen auf der

Unterseite je ein Paar +gegliederter+ Tracheenkiemen und auf der

Rückseite je vier mit Borsten versehene Auswüchse.

Die Larven des Bachameisenlöwen (_Osmylus_) lieben stark strömendes

Wasser; in Gebirgsbächen unter Steinen ist nach den Litteraturangaben

ihr Aufenthalt. Ich habe sie noch nicht angetroffen.

Geradflügler[4],[5].

Wie bei den Netzflüglern fast die ganze Familie der Köcherfliegen[XLIV]

in ihren Larven dem Wasser angehört, so unter den Geradflüglern die

drei Familien der Wasserjungfern (Odonaten oder Libelluliden), der

Eintagsfliegen (Ephemeriden) und Afterfrühlingsfliegen (Perliden). Mit

einigen anderen Geradflüglern wurden sie früher ihrer Flügelbildung

wegen der vorigen Ordnung zugezählt und werden bisweilen heute noch

_Pseudoneuroptera_ genannt. Im Larvenheer der Gewässer nehmen ihre

Larven einen hervorragenden Platz ein.

[XLIV] Nur die Larven der Gattung _Enoicyla_ sind davon ausgenommen.

Dieselben leben zwischen Moos.

[Illustration: Fig. 9.

19 _Larve von Aeschna_, die Unterlippe _Ul_ nach _Cloëon_ vorschnellend

-- 20 Larve von _Libellula_ -- 21 Larve von _Agrion_ -- 22 Larve von

_Calopteryx_ -- 23 Larve von _Cloëon dipterum_. 19–22 nach der Natur;

Haltung von 19 und 23 nach Rösel, 23 nach Eaton.]

Die Zugehörigkeit einer Wasserlarve zu einer dieser drei Familien ist

sichergestellt, wenn sie neben beissenden Mundteilen und drei Paar

grosser, meist kräftiger Brustbeine an Mittel- und Hinterbrust meist

recht deutliche Flügelansätze (Fig. 9, 19–23, Fig. 10, 24) besitzt[XLV].

Unsere Tiere machen nämlich kein Puppenstadium durch, d. h. ein

Ruhestadium, in dem weder Nahrung aufgenommen wird noch lebhaftere

Ortsbewegung stattfindet und in dem der grosse Entwickelungsschritt von

der Larve zum vollkommenen Insekt geschieht; solche Larven erhalten die

Flügel schrittweise mit den verschiedenen Häutungen.

[XLV] Nur den jüngsten Larven fehlen diese Flügelansätze. Die

Übereinstimmung in den anderen Punkten mit den ungleich

häufigeren älteren Stadien lässt sie trotzdem unschwer erkennen.

Die Larven der Libelluliden und Ephemeriden finden sich sowohl in

stehendem wie fliessendem Wasser, die der Perliden habe ich nur in

fliessendem Wasser angetroffen. Die Larven der Libellen sind unter

den anderen Larven der Ordnung leicht kenntlich an der armartig

vorstreckbaren Unterlippe (Fig. 9, 19), die der Ephemeriden an den

blatt- und fadenförmigen Tracheenkiemen, die nur an den Seiten des

Hinterleibes stehen, und an den drei Afterborsten (Fig. 9, 23). Die

Larven der Perliden (Fig. 10, 24) besitzen keines dieser besonderen

Kennzeichen; besitzen sie Tracheenkiemen, so stehen sie meist auf der

Unterseite der Brustringe.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Zweiter Band. · 第 26 / 60 题