1. Taumelkäfer (Gyriniden).

Zu den wenigen Vertretern der Wasserinsekten, welche sich auch dem

flüchtigen Auge des Spaziergängers aufdrängen, gehören die mässig

grossen (bis 7 _mm_), nicht eben zahlreichen Arten der Taumel- oder

Drehkäfer (Gyriniden). In vielfach durch einander geschlungenen

Linien schwimmen sie blitzschnell bei schönem Wetter gesellig +auf

der Oberfläche+ stehender wie fliessender Gewässer dahin. Diesen

Tummelplatz, die Oberfläche des Wassers, teilt mit ihnen unter den

Wasserinsekten in gleich ausgesprochener Weise nur noch eine Familie

der Schnabelkerfe, die Wasserläufer (_Hydrodromici_), die auf langen

Beinen zur Überraschung des Zuschauers auf dem Wasser dahinlaufen[XIII].

[XIII] Auf der Oberfläche des Wassers trifft man nicht selten auch

verschiedene Fliegenarten, besonders solche aus der Familie der

Dolichopiden und Musciden (Ephydrinen). Ebenso leicht, wie sie

auf dem Wasser dahin laufen, fliegen sie auch wieder von dort

fort; Anpassungen an das Leben an diesem Aufenthaltsort wie bei

Taumelkäfern und Wasserläufern sind mir nicht bekannt. -- An

vierter Stelle könnte man hier vielleicht noch die winzigen

Springschwänze (Poduren) nennen, die sich bisweilen in der Nähe

des Ufers in grossen Scharen ansammeln und dann einer Masse

Schiesspulver gleichen, dessen Körner auf rätselhafte Weise in

hüpfende Bewegung versetzt sind.

Unterscheiden sich die Taumelkäfer von den Wasserläufern schon dadurch,

dass sie an der Oberfläche dahin+schwimmen+, nicht auf ihr laufen, so

kommt dazu noch weiter, dass sie auch, was jene nie thun, leicht in

das Wasser hinabtauchen, sei es nun, um sich der Ungunst des Wetters

oder drohender Gefahr zu entziehen oder um Beute zu erhaschen. Während

der Käfer auf der Oberfläche schwimmt, scheint er gleichzeitig die

Umgebung =über= wie =unter= Wasser zu mustern; wenigstens weist darauf

eine seltsame Einrichtung seiner Augen hin. Jedes derselben ist nämlich

durch eine breite Chitinleiste in einen nach oben und einen nach unten

gewendeten Teil geschieden, so dass man bei unseren Tieren von vier

Netzaugen sprechen kann.

Die Ausgestaltung ihrer Beine zum Schwimmen ist vollkommener als bei

irgend einem anderen Käfer und zwar gilt das in annähernd gleichem

Grade für Mittel- wie Hinterbeine, während die Vorderbeine, welche

nur zum Greifen und Festhalten benutzt werden, armartig verlängert

sind. An den Mittel- und Hinterbeinen sind besonders die Schienen

und vier ersten Fussglieder flossenartig verbreitert und dabei

etwas schaufelartig ausgehöhlt; der Aussenrand ist überdies mit

Schwimmborsten besetzt. Schwimmen, besonders schnelles Schwimmen mit

den Gliedmassen, ist eine ansehnliche Arbeitsleistung und stellt

daher an die Festigkeit des Körperbaues, vornehmlich hinsichtlich der

Anfügung der Gliedmassen, hohe Anforderungen. Wer den Bau unseres

Käfers auf diesen Gesichtspunkt hin untersuchen will, wird ihn in

Einklang mit jenen Forderungen finden. Besonders die Hinterhüften sind

auffallend gross und fest mit dem Brustskelett verwachsen; an der

Mittelbrust, von deren Hüftteilen annähernd Gleiches gilt wie von den

Hinterhüften, fällt besonders der grosse Mittelteil (_Mesosternum_)

auf, dessen Ausdehnung einen Schluss erlaubt auf die auch in diesem

Brustring entwickelten Muskelmassen.

Die Anpassung der Beine an das Schwimmen ist eine so ausgeprägte, dass

die Käfer auf dem Lande ebenso unbeholfen sind wie manche Vertreter der

im Wasser lebenden Säugetiere. Wollen sie jedoch von einem Gewässer zum

anderen wandern, so stehen ihnen wie allen Wasserkäfern dazu die Flügel

zu Gebote.

[Illustration: Fig. 5[XIV].

_1_ Larve von _Gyrinus striatus_ Oliv. Von den vier Endhaken sind

nur zwei abgebildet. _Tr_ Tracheenkiemen -- _2_ Larve von _Dytiscus

marginalis_ -- _3_ Larve von _Acilius sulcatus_ -- _4_ Larve von

_Hyphydrus ovatus_. 1 und 4 nach Schiödte, 2 und 3 nach Schiödte und

Rösel kombiniert.]

[XIV] Die vergrösserten Figuren für die Zinkographie sind von Herrn

Kupferstecher +Ettel+, Berlin, dem ich dafür zu Dank verbunden

bin, teils nach vorhandenen Abbildungen, teils nach meinen

Handzeichnungen, teils nach der Natur gezeichnet worden; im

letzteren Falle ist stets Zeichnung und Objekt von mir

verglichen worden. Im ersten Falle ist stets der Schriftsteller

genannt worden, dem die Figur entlehnt wurde, in den beiden

letzten ist angegeben worden: nach der Natur.

Sind die Gyriniden hinsichtlich ihrer Bewegung ausgesprochene

Wassertiere, so bieten sie dagegen rücksichtlich der Atmung nichts

Besonderes dar. Befinden sie sich an der Oberfläche, also mit der

Rückseite ganz an der Luft, so atmen sie wie gewöhnliche Landkäfer;

tauchen sie unter, so sieht man am Hinterende stets ein kleines

Luftbläschen glänzen. Ganz anders verhalten sich in diesem Punkte die

Larven der Taumelkäfer. Diese besitzen (Fig. 5, 1 Larve von _Gyrinus

striatus_) jene eigenartigen Atmungsorgane, welche einem Teil der

Insektenlarven des Wassers zukommen und mit dem Namen +Tracheenkiemen+

belegt worden sind. Wie die gewöhnlichen Kiemen vermögen diese Organe

dem Wasser den absorbierten Sauerstoff zu entnehmen, enthalten jedoch

nicht einen lebhaften Blutstrom, sondern verzweigte Luftröhren

(Tracheen), welche von zartem Protoplasma umgeben sind. Bei den

Gyrinidenlarven sind diese Organe seitlich bewimpert (s. Fig. 5,

1); jeder Hinterleibsring trägt an der Seite je ein Paar dieser

Kiemenfäden, der letzte aber vier derselben, die nach hinten gerichtet

sind. In schlechtem, d. h. sauerstoffarmem Wasser habe ich unsere

Larve mehrfach den Hinterleib auf- und niederschwingen sehen, während

sie sich mit den Beinen festhielt. Offenbar dienten diese Bewegungen

zur schnelleren Erneuerung des für die Atmung nötigen Wassers. Durch

gleichartige Bewegungen des Körpers, also ebenso wie die Egel unserer

Gewässer, vermag auch die Larve ziemlich schnell durch das Wasser zu

schwimmen; dabei gewinnen auch wohl die Wimpern der Tracheenkiemen ihre

Bedeutung. An der Gestalt und Verteilung dieser Organe, an den sechs

Brustfüssen und an den vier gekrümmten Chitinhaken am Hinterleibsende

(in unserer Figur sind nur zwei davon sichtbar) sind unsere Larven

leicht kenntlich.

So häufig übrigens die Taumelkäfer sind, so selten habe ich -- und

wie es scheint auch Andere -- die Larven angetroffen. Vermutlich

halten sich dieselben in Schlupfwinkeln, etwa unter Steinen am Boden

der Gewässer, auf; dafür sprechen ihre Atmungsorgane, die sie davon

befreien, wie andere Wasserkäferlarven zur Atmung an die Oberfläche

kommen zu müssen, die zarte Beschaffenheit des Hinterleibes und

der Besitz der gekrümmten Haken am Körperende, die anscheinend zum

Festhalten in Gängen oder an Gegenständen dienen. Die Larven leben

übrigens wie die Käfer vom Raube. Zur Verpuppung verlassen sie, wie das

fast für alle Käferlarven des Wassers gilt, dieses Element und gehen an

das Land.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Zweiter Band. · 第 22 / 60 题