* * * * *
In dem matt erleuchteten Raum unter der rosenfarbenen Ampel stand die
greise Gutsfrau mit dem Enkel an der Wiege.
»Das ist ~Ihr~ Kind!« Hart und scharf klangen ihre Worte. Sie
hatte sich bis jetzt nicht entschließen können, Wolf Dietrich Bühler
das verwandtschaftliche Du anzubieten.
Unbeweglich stand der junge Offizier neben ihr.
Das Blut stieg ihm in die Stirn. Sein Kind!
Er strich flüchtig mit der Hand über die Augen -- sein Blick streifte
scheu das kleine Wesen in den Kissen. So sah also der Stammhalter
der Bühler aus, -- eine Empfehlung der Rasse bedeutete dies Würmchen
allerdings nicht! Und es fuhr ihm durch den Kopf: ›Tor, der ich war,
als ich ihren Bitten nachgab und nicht sofort das Unglück verhinderte
-- nun steh' ich am Pranger!‹
Und dann sagte er, die Achseln zuckend: »Eine Frühgeburt, das erste
Kind einer überzarten blutarmen Frau ...«
Zwei klare Augen blickten ihn durchdringend an. »Nein,« klang
erbarmungslos die Antwort, »keine Frühgeburt, sondern der
unausbleibliche Fluch der Syphilis! -- Aber hier ist nicht der Ort,
diese Dinge zu bereden!« Sie trat dicht an ihn heran. »Nur noch ein
kurzes Wort hab' ich Ihnen zu sagen, dann mögen Sie zur Ruhe gehen. Sie
sind mein Gast, und das Gastrecht ist mir heilig. Mein Enkel sind Sie
nicht mehr. Ich gehöre der alten Zeit an, einer Zeit, da man Zucht und
Sitte noch nicht mit Füßen trat, da ein Edelmann seine Sinne meisterte
und das Erbe des Blutes ehrte. Sie mögen über die vorsintflutlichen
Ansichten der alten Kambach denken, wie Sie wollen, -- Ihre Kritik
berührt mich nicht. Nach außen werde ich die Rücksicht auf Ihre Familie
nicht vergessen, -- innerlich trennt uns ein breiter Graben, den nur
eines überbrücken kann: Ihre Umkehr unter das Kreuz! -- Gute Nacht,
Graf Bühler!«
Das weiße Haupt erhoben, schritt sie flammenden Auges an ihm vorüber
zur Tür.
Schweigend öffnete er dieselbe.
Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ging sie hinaus.
Draußen auf den Fliesen klang das Aufschlagen des Krückstockes.
Bis sich die Tür ihres Arbeitszimmers hinter ihr geschlossen, reichte
die Kraft der starken stolzen Frau.
Dann sank sie schwer in einen Sessel und weinte bitterlich.
Sechzehntes Kapitel.
Gold gab ich für Eisen!
Dann erst wird der Smaragd zum kostbaren Kleinod,
Wenn ihn die Liebe zum Baustein der Ewigkeit weiht.
Im ›blauen Salon‹ brannte Kaminfeuer und der Teekessel summte.
Wenn die Bezeichnung auch schon seit Jahren nicht mehr stimmte, denn
die blaue Seide war längst durch einen dunklen Gobelinstoff ersetzt, so
behielt der hübsche elegante Raum doch seinen alten Namen. Man war eben
in allem konservativ in Dreilinden.
Die Sonne blickte herein und mischte ihr Gold mit dem Feuer im
Kamin. Leuchtend lag der warme Bronzeton auf den Familienbildern und
hundertjährigen Erinnerungen.
Neben dem feinen Porzellan stand ein Bachvergißmeinnichtkranz. Auf dem
Kaminsims duftete in kristallenem Kelch eine dunkle Edelrose. Es war
Sommerzeit.
Unter dem Kessel züngelte die blaue Flamme und spiegelte sich im
Silber des Teegeschirrs; leise begann das Wasser zu singen. Ein Hauch
stiller Heimlichkeit webte über dem sonnigen Bilde, über den drei
Frauengestalten, die den ›blauen Salon‹ belebten.
»Sag' mal, Billy, was war das für ein Wertpaket, das du heute mittag
erhieltest?« fragte Frau von Kambach die Braut des Enkels.
Das junge Mädchen blickte errötend von der Handarbeit auf.
»Großmama, ich habe es noch gar nicht aufgemacht! Es scheint etwas aus
dem Nachlaß Tante Nandine Linderns zu sein. Ich kam heute mittag nicht
dazu, es zu öffnen, erst hab' ich geübt, dann waren wir im Dorf, und
eben schrieb ich an Harro. Aber wenn du wissen möchtest, was darin ist,
will ich gleich hinaufgehen.«
Belustigt blickte die alte Exzellenz ihren Liebling an. »Sag' mal,
Billy, bist du denn gar nicht neugierig?«
»Warum? Ich bekomme jetzt alle Tage Hochzeitsgeschenke! Natürlich macht
mir das Auspacken Spaß, aber ich hatte heute eben Wichtigeres zu tun!«
»Hast du dir das Paket näher angesehen? Du sagst doch selbst, es sei
kein Hochzeitsgeschenk!«
»Näher angesehen? Es kommt aus Raklitten, und Ehrengard Lindern hat es
abgeschickt!«
Sie legte ihre Arbeit zusammen und verließ das Zimmer.
In zehn Minuten war sie zurück.
»Großmama! Du hast recht gehabt! Das hätte ich gleich aufmachen
sollen!« Mit hochgeröteten Wangen stand sie da. »Aber wer hätte das
auch gedacht! Wie eine Herzogin komm' ich mir vor!«
Sie öffnete das himmelblaue Samtkästchen und legte es der alten Dame in
den Schoß. Ein kostbares Halsband aus Perlen und Brillanten funkelte
ihr entgegen.
»Ist es nicht entzückend?«
Staunend blickte Exzellenz von Kambach auf den wertvollen Schmuck.
»Also wirklich kein Hochzeitsgeschenk?«
»Nein, nein, ein Erbstück,« klang die stolze Antwort. »Hier steht's:
›Meinem lieben Patchen zum Andenken an die alte Tante Nandine Lindern.‹
-- Wie wird Harro sich freuen! Er erklärte neulich schon, ich müsse mit
der Zeit irgendein größeres Schmuckstück für die Hoffeste haben, das
gehöre sich so. Ich hab' ihm natürlich geantwortet, er sei wohl nicht
recht klug! Bühl sei Majorat, und die Töchter, wie immer in solchen
Fällen, arme Landpomeranzen, aber wenn die Männer sich etwas in den
Kopf gesetzt haben, ist nichts zu wollen. Da schwieg ich denn und
dachte: ›Abwarten, Tee trinken!‹ Und nun ist sein Wunsch erfüllt! Ich
werde ihm vorläufig nichts davon sagen. Mitte Oktober ist ein großes
Fest im Marmorpalais, dann erscheine ich im Brillantschmuck! ~Die~
Augen möcht' ich sehen! -- Nicht wahr, Großmama, du hebst ihn mir
bis dahin auf! Meine Geige darf ich ja schon bei dir einquartieren.
Eichelchen, kommen Sie doch mal her! Das Mittelstück ist doch einzig in
seiner Art!«
Und zwei dunkle Köpfe neigten sich neben dem weißen über die
schimmernde Pracht.
»Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie sich so über einen Schmuck freuen
könnten,« sagte Jutta Eichel endlich.
»Warum denn nicht? Es ist doch nicht in erster Linie der Schmuck,
sondern die Erinnerung an eine liebe Gestalt und vergangene Zeiten, --
das macht ihn mir wertvoll! Außerdem freu' ich mich, daß mein Schatz
seinen Willen bekommt, denn sonst würde er mir fortwährend mit der
Sache in den Ohren liegen. Und dazu ist sie mir nicht wichtig genug.
Zu guter Letzt aber sehe ich nicht ein, warum ich mich nicht auch
persönlich freuen soll, wenn ich etwas Schönes geschenkt bekomme.
Kaufen würde ich mir so etwas doch nie, und wenn ich über Millionen
verfügte -- aber so? Schließlich bin ich doch auch keine Vogelscheuche!
Kommen Sie, wir wollen einen Hopser machen -- ›Rosen aus dem Süden‹
-- keine Müdigkeit vorgeschützt! Morgen kommt hoffentlich der
Brillantschmuck für Fräulein Jutta Eichel!«
Und ehe er's hindern konnte, wurde der treue Hausgeist im Sturm durch
den ›blauen Salon‹ gewirbelt, daß die Flamme unter dem Kessel erschrak
und das Porzellan klirrte.
Endlich machte der Wildfang Schluß.
»Verzeih, Großmama, aber Eichelchen hat manchmal Grappen im Kopf, die
müssen ihr unbedingt noch vor der Ehe ausgetrieben werden; sonst gibt
es ein Unglück!«
Exzellenz von Kambach versuchte ein ernstes Gesicht zu machen. »Sag'
mal, Billy, bist du eigentlich verrückt geworden? Glaubst du etwa, daß
du für die Ehe reif bist, wenn du solche Allotria treibst?«
»Großmutter, das sind keine Allotria, das nennt man in der
Jugendbewegung ›Ertüchtigung‹. Außerdem muß auch mal etwas Leben in
die Landschaft gebracht werden, sonst wird selbst die Ehe mit der Zeit
langweilig!«
Eichelchen hatte sich von ihrem Schreck erholt und sich der Juwelen
bemächtigt. Vorsichtig nahm sie das Halsband heraus und trat zu Sibylle.
»Zur Strafe für den Überfall will ich Sie gleich in Ihrem Erbschmuck
sehen,« sagte sie und legte es um den weißen Hals.