Gräfin Bühler lauschte hinüber. »Das ist Mama mit dem Brautpaar!«

Die alte Exzellenz erhob sich. »Ich will mit Wolf Dietrich sprechen,

Ilse,« sagte sie, während sie in das Haus gingen. »Aber wenn er nein

sagt, mußt du dich fügen!«

Schwermütig blickten die blauen Augen der jungen Frau über die

blühenden Wiesen in die sonnige Weite. »Er sagt nicht nein!« entgegnete

sie leise.

Und Frau von Kambach widersprach nicht.

* * * * *

Sibylle Bühler war eine reizende Braut. Das Glück strahlte ihr aus

den Augen und machte sie noch schöner. In einem eleganten fliederlila

Straßenkleide saß sie ihrem Verlobten gegenüber im offenen Landauer,

und winkte schon von weitem ihrer geliebten Exzellenz und der

Schwägerin zu.

Dann hielt der Wagen. Sie war die erste, welche die Greisin begrüßte.

»Nun werd' ich auch eine Kambach!« jubelte sie und küßte wieder und

wieder ihre Hände.

Frau Sabine schloß ihren Liebling in die Arme: »Willkommen in

Dreilinden, liebes Kind!« sagte sie mit mütterlicher Herzlichkeit.

»Möchte mein Enkel sich deiner würdig zeigen!«

In die warme Freundlichkeit mischte sich milder Ernst, Ein feines Rot

stieg in die Wangen der Braut. Zum zweitenmal ward ihrem Verlobten eine

Mahnung aus berufenem Munde zuteil. Heute sprach die Liebe sie aus,

gestern die Gerechtigkeit. Streng und scharf hatte der Empfang des

Großvaters auf der Bühler Freitreppe gelautet: »Ich wünsche Ihnen von

Herzen Glück, mein lieber Kambach! Ob ich meine Enkelin beglückwünschen

darf, weiß ich nicht!«

Harro hatte vor dem Manne im weißen Haar geschwiegen, sie selbst einen

Augenblick mit den Tränen gekämpft. Ihre Mutter, die immer Herrin

der Lage blieb, stellte mit einer Bemerkung über das gute Aussehen

des Schwiegervaters äußerlich das Gleichgewicht wieder her, aber der

Schatten, der sich auf die Stunde des Glückes gelegt, ließ sich nicht

ganz verscheuchen. Zumal Sibylle, die den Großvater so zärtlich liebte,

konnte diesen Empfang nicht begreifen. Erst das Wort der Frau, die sie

wegen ihrer gerechten Denkweise so hoch verehrte, half ihr die Art

des Greises auch in dieser Stunde verstehen. Sie begann einzusehen,

daß sein Glückwunsch, von seinem Standpunkt aus, nicht anders lauten

konnte. Er war niemals für die Verlobung gewesen, und hätte sie

am liebsten verhindert. Freude darüber zu heucheln, hätte seiner

großzügigen aufrichtigen Natur widersprochen. Aber nicht nur das --

sein Wahrheitsgefühl forderte es, der persönlichen Empfindung in diesem

Augenblick Ausdruck zu verleihen. Daß seine Meinung schroff herauskam,

lag in der ihm eigenen Schärfe und in der Natur der Sache. Noch niemals

hatte sich ein rechter Bühler mit etwas einverstanden erklärt, wenn

er es nicht war. Der alte konservative Geist, der keine Neuerung, wie

sie auch heißen mochte, ertrug, kam hinzu, der schärfere Ehrbegriff,

die straffere Zucht einer vergangenen Zeit. Und Sibylle mühte sich,

einem großen edlen Charakter gerecht zu werden. Aber leicht war's

nicht, weil das Wort des Großvaters eine bittere Wahrheit enthielt.

Sie wußte, es richtete sich gegen Vergangenes. Das tat ihr weh. Ihre

Liebe hätte es gern bedeckt. Aber auch des Gegenwärtigen gedachte der

Erblandmarschall, denn die Glaubenslosigkeit eines deutschen Mannes

bedeutet für ihn einen sittlichen Mangel.

Das alles hatte sie vor ihrer Verlobung gewußt. Mit dem Mute echter

Frauenliebe hatte sie, ohne ihre Kraft zu überschätzen, dem Vertreter

einer atheistischen Weltanschauung das Jawort gegeben. Sie wußte,

daß sie in ihrer jungen Ehe entweder mit Nietzsche und Schopenhauer

zu kämpfen haben würde oder mit religiöser Gleichgültigkeit. Auf das

erste richtete sie sich mit dem Wagemut des Glaubens, vor dem zweiten

bangte ihr, -- dennoch -- es gibt Frauen, denen ihre Liebe allezeit und

allerorten die königliche Gebieterin bleibt. Das Schwerste wird ihnen

leicht, das Unmögliche dünkt sie möglich, sie glauben und hoffen alles.

Und wenn ihre Zuversicht zuschanden wird, bereuen sie nicht, sondern

sagen sich: ›Ich tat, was ich konnte!‹

Von diesen Gesichtspunkten aus ward sie dem alten Herrn gerecht. Sie

war überzeugt, hätte sie ihn gefragt: ›Großvater, warum hast du mir

das getan?‹, so hätte er ihr mit derselben Offenheit geantwortet:

›Aber, Billy, soll ich denn lügen? Ich kann dich beim besten Willen

nicht beglückwünschen! Wenn ich es später nachholen kann, soll's mich

herzlich freuen!‹

So würde der alte märkische Edelmann sprechen. Lieber sagte er eine

Grobheit, als daß er die Wahrheit verschwieg oder umging.

Aber auch in der Enkelin steckte ein gut Teil von dieser Kraft. Ehrlich

sah sie ein, daß das, was sie im ersten Augenblick als übertriebene

Schärfe aufgefaßt, zu der ureigensten Natur des Großvaters gehörte,

und schaute ihrem Glück, dessen Klippen ihr nicht verborgen geblieben,

mutig ins Auge. Sie war eine Kampfnatur im besten Sinne. Ein Glück, auf

Rosen gebettet, hätte ihrem starken klaren Charakter kaum entsprochen.

Wahrer Friede würde immer ihres Herzens Sehnsucht bleiben, aber niemals

würde sie ihn um den Preis des heiligsten Gutes erkaufen. Der Kampf um

dieses Gut hörte aber nicht auf, solange die Erde stand, -- wundersam

hätt' es zugehen müssen, wenn er ihr Haus verschonte. Als ein Stück

Kampf hatte sie in jungen Jahren ihr Christentum verstehen gelernt; sie

wußte nur zu gut, daß die Wachtfeuer nicht verlöschen dürfen, solange

die Sünde eine Großmacht auf Erden bedeutete.

So verlor jenes schlimme Wort im Blick auf die ehrwürdige Gestalt

eines alten tüchtigen Geschlechts, welches preußische Zucht und wahres

Christentum hoch hielt, seine Schärfe.

Auf ihrem frischen glücklichen Gesicht lag ein Zug ernsten Sinnens, als

sie ihre Schwägerin umarmte.

Harro Kambach begrüßte seine Großmutter.

»Na, mein Junge, nun bist du ja am Ziel,« sagte sie bewegt und küßte

ihn auf die Stirn. »Sei ein rechter Kambach und halte dein Kleinod in

Ehren!«

In die hübschen Züge des jungen Offiziers trat tiefer Ernst. Zum

zweitenmal beugte er sich über die Hände der alten Frau.

»Du bist der letzte Kambach,« sagte sie, von Erinnerungen übermannt,

mit zitternder Stimme.

Er blickte auf. Klar und fest sah er sie an. »Ich will meinem Namen

Ehre machen, Großmama!« entgegnete er einfach.

Sie nickte ihm freundlich zu und begrüßte Sibyllens Mutter.

Gräfin Bühler benutzte in Deutschland jede Gelegenheit, irgendein

elegantes Kleid, welches die Riviera nicht wieder sehen sollte,

spazieren zu führen. Aber was man dort durchgehen ließ, bezeichneten

die schlichten Landedelleute der Mark in den meisten Fällen als

›Unmöglichkeiten‹. Ob die Gräfin dies nicht wußte, oder nicht wissen

wollte, blieb unklar. Jedenfalls kehrte sie sich nicht im geringsten

daran, und bemutterte das Brautpaar in einer meergrünen Tuchtoilette

mit silberner Paillettestickerei verziert. Exzellenz von Kambach hatte

den Eindruck, daß Harro und Sibylle die Begleitung dieses wandelnden

Pariser Modebildes wenig angenehm sei, und täuschte sich nicht.

Man war mit dem ›Meergrünen‹ in Kambach ziemlich abgeblitzt. Dem

Oberstallmeister war alles Auffällige ein Greuel. Er hatte sich in der

Unterhaltung fast ausschließlich an seine Schwiegertochter gewandt. Der

strengste Sittenrichter der ganzen Umgegend aber war der alte Schenker.

Als vornehmer Kammerdiener hatte er sich natürlich in der Gewalt,

aber seine Haltung, sein Gesichtsausdruck, seine Art, einer Dame aus

dem Wagen zu helfen, oder ihr den Mantel umzugeben, drückten seine

Gefühle in unzweideutiger Weise aus. Nun war es in diesem Falle schwer

für Schenker, sich in den richtigen Grenzen zu bewegen, denn Gräfin

Sibylle hätte er am liebsten die Hand geküßt und ihr einen Rosenstrauß

überreicht. Aber in Livree ging das dummerweise nicht. Heute abend

sollte sie ihre Marschall Niel's aber haben, er hatte sie im Treibhaus

für sie aufgespart. Die ›Firlemontsche‹ bekam natürlich keine, na, sie

war ja auch vollständig Nebenperson. Aber beim Empfang war die Sache

nich ohne, immer zwei Gesichter auf Lager haben, war ein bißchen viel

verlangt. Doch es mußte sein. Und mit eisiger Förmlichkeit half er der

Brautmutter aus dem Wagen, das ›Meergrüne‹ und die ›Paillettestickerei‹

mit einem verächtlichen Blick streifend.

Harro fing diesen Blick auf und mußte innerlich lachen. ›Nun geht's zu

Mamsell, und dann heißt's: hat das Weib sich wieder aufklaviert!‹ Im

Grunde gab er dem alten Manne recht. Auf die Schwiegermutter hätte er

selber mit Freuden verzichtet. -- --

Exzellenz von Kambach und Gräfin Bühler hatten sich trotz gegenseitiger

Bemühungen nie verstanden. Charaktere und Lebensinteressen waren zu

verschieden. Auch heute kam kein richtiges Gespräch in Gang. Die Gräfin

schwatzte beim Gabelfrühstück über ihre Reisen, über Mentone und Monte

Carlo, über die italienischen Seen und Sankt Moritz. Den Orten, welche

eine Spielgelegenheit aufwiesen, gehörte ihr besonderes Interesse.

Mit Sorge bemerkte es Exzellenz von Kambach. Gut, daß Sibylle von der

Mutter fort kam.

Während die Gräfin auf sie einredete, beobachtete sie das Brautpaar.

Sibylle bewahrte trotz ihres strahlenden Glückes jene feine

Zurückhaltung, die ihrem Wesen seinen Reiz verlieh. ›Über den Kopf

wächst er ihr nicht‹ dachte die alte Dame, ›aber sie wird immer ganz

Weib bleiben, und darin liegt ihre Stärke!‹

Freundlich nickte sie den beiden zu.

Ilse war sehr einsilbig und zog sich gleich nach dem Frühstück,

Kopfschmerzen vorschützend, auf ihr Zimmer zurück.

»Arme Kleine!« sagte Gräfin Bühler, ihr nachblickend. »Billy wird sich

hoffentlich einmal besser aufführen!«

Die Braut schien die Worte ihrer Mutter zu überhören, aber eine feine

Röte färbte ihre Wangen, während sie ihren Verlobten in ein Gespräch

über Bayreuth verwickelte.

Harro befand sich in seinem Fahrwasser. Wagnermusik war sein höchstes.

Er begann derartig für den ›Parsifal‹ zu schwärmen, daß Sibylle sich

der Hoffnung hingab, die Bemerkung ihrer Mutter sei ihm entgangen.

Die Hausfrau aber sagte mit leiser Stimme scharf und verweisend:

»Sie scheinen zu vergessen, daß Sie nicht in Monte Carlo, sondern in

Dreilinden sind!«

Die schöne Frau zog die Schultern in die Höhe. »+Mon Dieu -- on dit

cela!+«

»Bei uns in der Mark überlegt eine Frau, was sie sagt,« klang es kurz

zurück.

Gräfin Bühler stieg das Blut in die Wangen. Sie sah auf die alte

Standuhr. »Bitte, lieber Harro, bestelle den Wagen!« --

Exzellenz von Kambach machte kein Hehl daraus, daß sie auf eine

Verlängerung des gräflichen Besuches keinen Wert legte. Sie

forderte ihre Gäste nicht zu längerem Bleiben auf, wandte sich fast

ausschließlich an Sibylle, und erhob sich endlich, um dem jungen

Mädchen ein Pastellbild ihrer verstorbenen Schwiegermutter zu schenken.

Überglücklich dankte ihr die Braut.

»Wie ähnlich Harro ihr sieht!« sagte sie dann, das Bild betrachtend.

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 68 / 114 题