Da ereignete sich – zwölf Tage vor dem Termin der Hochzeit – etwas
Seltsames, das, ohne später irgendwie besondere Folgen nach sich zu
ziehen, einige Tage lang alle Gemüter in Aufregung hielt.
Ein eigentümlicher Mensch in uraltem Frack und gleichem Cylinder
wurde durch Lakaien dem dienstthuenden Kammerherrn und durch diesen
Seiner Excellenz dem Hofmarschall zugeführt. Er hatte in ziemlich
unzeremonieller Weise im Schlosse Eingang zu gewinnen versucht und
beteuerte, Seine Durchlaucht sprechen zu müssen.
»Der Mensch, Eure Excellenz,« erklärte der Kammerherr, »heißt
Kellermann und stammt aus Heidelberg. Er behauptet, bei Seiner
Durchlaucht ein Anliegen zu haben, dessen Erfüllung ihm Durchlaucht
damals in Heidelberg fest zugesagt habe.«
Seine Excellenz der Hofmarschall, überarbeitet und nervös, befahl,
das Subjekt fortzuschicken, respektive das Subjekt auf den Weg einer
schriftlichen Eingabe zu verweisen, aber irgend eine Ahnung sagte
dem Kammerherrn, daß Seine Durchlaucht eventuell geneigt sein werde,
nicht des Subjektes wegen, sondern seiner selbst wegen den Menschen
anzuhören. Und so geruhte der Kavalier, bei der Mittagstafel Seiner
Durchlaucht von dem Subjekt zu erzählen.
»Kellermann?«
»Jawohl, Eure Durchlaucht, ein Mensch Namens Kellermann.«
»Aus Heidelberg?«
»Aus Heidelberg, Eure Durchlaucht.«
»Es ist gut. Führen Sie, bitte, den Mann zu mir. Nach der Tafel.«
Ruhig, mit seinem steinernen Gesicht, ohne eine Spur von Hast,
beendete der Fürst die Mahlzeit, aber ein Sturm von Erinnerungen war in
ihm erwacht. Kellermann! Heidelberg! Einer von damals! Endlich einer
von damals! Wenn auch nur Kellermann! Der armselige Kellermann.
Kalt und gleichgültig verabschiedete er sich von seinen Kavalieren,
dann ging er hinüber in sein Arbeitszimmer und öffnete den
Schreibtisch. Da lag das dreifarbige Band, die Mütze, die Blumen ...
Die Lakaien im Vorzimmer schauten einander an und schüttelten die
Köpfe. Sie schauten einander wieder an und schüttelten die Köpfe. Seit
zwei Stunden war das fremde Subjekt drinnen bei Seiner Durchlaucht und
kam nicht wieder.
Hätten sie hineinschauen können und sehen, wie der alte Mensch in
seinem schäbigen Frack in Durchlauchts Ledersessel saß, während der
Fürst dem Alten die Hand auf die Schulter gelegt hatte, sich dicht zu
ihm beugte und mit zuckenden Lippen zu lächeln versuchte!
»Dieser Kellermann! Er will Kellermeister werden! Er hat nicht
vergessen, was ich ihm damals versprochen habe. Er kommt extra von
Heidelberg und bringt Frack und Cylinder mit. Laß dich ansehen,
Kellermann. Wie er ausschaut!«
Er lachte, zum erstenmal seit Jahren.
[Illustration: »Hast du mich erkannt?«]
»Ja, Kellermann, bravo! Du bleibst, du wirst mein Kellermeister,
selbstverständlich. Aber du hast Hunger und vor allem Durst, du kommst
von der Reise, wann bist du angekommen?« Er drückte auf die Klingel:
»Bringen Sie Wein und etwas für den Herrn da zu essen. Ja, hierher.
Ohne alle Umstände.«
Er ging zweimal auf und ab, dann blieb er wieder stehen:
»Sieh mich mal an, Kellermann. Kennst du mich noch? Hast du mich
erkannt?«
»O freilich.«
»Wirklich? Hast du?« Er lachte nicht mehr. Er legte einen Moment beide
Hände flach an die Schläfen und starrte vor sich nieder. Es sind zwei
Jahre her, da ändert man sich, in zwei Jahren geschieht vieles.
Müde schaute er nach einer Weile auf, Kellermann hatte etwas bedrückt
und verschüchtert eine Frage gethan.
»Deine Frau mitbringen? Ja natürlich. Aber meine Wäsche, Kellermann,
kann sie nicht mehr besorgen wie in Heidelberg. Oder dachtest du?« Er
lächelte wieder, und Herr Kellermann lächelte gleichfalls.
»Nun erzähle, Kellermann, das ist die Hauptsache. Von Heidelberg. Von
allen.«
Aber dieses Erzählen ging schwer von statten. Aus freien Stücken
berichtete Herr Kellermann nichts, er verlangte, daß man ihn fragte,
daß man jede Frage genau präzisierte und erst nach der Beantwortung an
die Erledigung eines neuen Themas ging. Er war wie eine alte Chronik,
aus der man sich durch mühsames Zusammensuchen belehrt, aber eines
hatte er vor diesen alten Chronikbüchern voraus: er war zuverlässiger
und blieb keine Antwort schuldig.
Ja, Herr Bilz war noch bei »Saxonia« aktiv, auch der kleine
Hammerschmidt, der zu Ostern durchs Examen gefallen war, auch Herr von
Bansin, der in Heidelberg der beste ~S. C.~-Fechter geworden war und
dieser Kunst zuliebe seinen Aufenthalt auf deutschen Universitäten
beständig verlängerte; aber alle die andern waren fort, die meisten
schon lange.
»Ernst von Heidenreich?«
»Nach Berlin.«
»Franzius?«
»Nach Berlin.«
»Und der dicke Kurt Engelbrecht?«
Herr Kellermann zog ein ernstes Gesicht und sagte mit gedämpfter Stimme:
»Nach drüben, nach Amerika.«
Also nur drei waren noch in Heidelberg. Drei letzte von der lustigen
Schar, die damals nie an die Zukunft gedacht hatte, die hingelebt
hatte, als ob sie ewig beisammen bleiben würde. Zerstoben in alle Winde.
Der Lakai brachte Wein und Speisen, die Herr Kellermann ohne viel
Ziererei entgegennahm, dann, nach einer langen Pause, mußte dieser von
neuem berichten. Wo der Regierungsrat begraben sei, und ob Kellermann
das Grab gesehen habe. Wer jetzt in Frau Dörffels Zimmern wohne, –
ging man noch alle Vormittag zum Frühschoppen aufs Schloß? – fuhr
man wie damals alle Montag nach Neckarsteinach? – war Herr Roux noch
Fechtlehrer? – und wie war es mit den Mensuren? – paukten die Corps in
Heidelberg oder auf den Dörfern? – und dann:
»Was macht Fräulein Käthie?«
»Käthie?«
»Die in Rüders Gasthaus?« Er stockte mit der Stimme und wurde blutrot
bei der Frage. Aber Herr Kellermann merkte nichts von der Befangenheit,
und gleichmütig gab er Bescheid.
»Ja, die. Ja, die ist auch noch da.«
»Bei Rüder?«
»Ja bei Rüder.«
»Und – und – geht es ihr gut?«
»Ganz gut.«
»Sie ist immer noch da? Ganz wie früher? Wenn man hinkommt zu Rüders,
dann – dann findet man sie noch?«
»Natürlich.«
Karl Heinrich trat in die Mauernische des gewölbten Fensters und
starrte hinaus. Durch die breite Lindenallee des Schloßparkes sah er
Felder, die sich endlos in die blaue Ferne dehnten. Tief unten an der
Schloßmauer vor dem breiten Graben blühte der Flieder, und über dem
Wasser schossen pfeilschnell die Schwalben, oft dicht an dem Fenster
vorbeistreifend.
Zwei lange, einsame Jahre hatte er hier gehaust, fern der fröhlichen
Welt, am Lager eines vergrämten Kranken, der nicht sterben wollte und
mit den langsam erstarrenden Händen ihn fest umklammerte. Während er
selbst zu schwach und zu feige gewesen war, sich gewaltsam loszureißen.
Zwei beste Jahre! Zwei Jahre, in denen er hätte glücklich sein können.
Sie erschienen ihm wie Jahrzehnte. Jenseits dieser Jahrzehnte lag seine
kurze Jugend, an die er kaum noch gedacht, die er fast vergessen hatte.
Vergessen! Wie nur schwächliche Seelen vergessen!
Heidelberg, das Corps, Käthie – das waren ferne, traumhafte Begriffe
geworden, und jetzt kam dieser Mensch da und erzählte! Und erzählte,
daß das alles noch war, jetzt noch war; daß drüben in Heidelberg,
hundert Meilen entfernt, eine Tagereise entfernt, diese Menschen noch
lebten! Spazieren gingen, sich ihres Lebens freuten, tranken, lachten,
liebten – und das alles ohne ihn, als ob ein Prinz Karl Heinrich nie
existiert hätte oder zum wenigsten nie für sie notwendig gewesen sei.
Da kam aus dem Hintergrunde des Zimmers Herrn Kellermanns Stimme,
die zum erstenmal ungefragt redete. Schwer und langsam, als ob er
eine tiefe Weisheit verkünde und während der letzten stummen Minuten
darüber nachgesonnen habe, sagte er:
»So ist Heidelberg nicht mehr wie früher. Das sagen alle, das sagt auch
Herr Bilz.«
»Wie nicht mehr?«
»Als wie damals. Als wie Sie da waren.«
Karl Heinrichs Augen leuchteten.
»Sagen sie das? Sagen das alle? _Sprechen_ sie in Heidelberg noch von
mir, Kellermann?«
»O ja.«
»Hat keiner einmal gefragt« – er faßte den Alten an beiden Schultern
und riß ihn empor – »ob ich wiederkommen würde? Oder weshalb ich nicht
wiederkäme, Kellermann?!«
»Ja, ja, o ja, oft.«
»Und die Kleine – die bei Rüders?«
»Die –?« Herr Kellermann war etwas verdutzt. Langsam dachte er nach und
kramte in seinem Gedächtnis. »Die –?« Da blitzte irgend eine Erinnerung
in ihm auf, eine Kette von Erinnerungen schloß sich in seinem Hirn, und
halb mit sich selbst redend, nickte er vor sich hin.
»Die Käthie. Richtig! Ja, ja! Die hat viel geweint.«
* * * * *
»Sorgen Sie für den Alten, meine liebe Excellenz, ich bitte Sie darum.
Der Mann steht mir nahe aus meiner Heidelberger Zeit her, ich möchte
ihn gut aufgehoben wissen.«
[Illustration: Excellenz selbst geleitete den Alten in die Gastzimmer.]
Der Hofmarschall war glücklich. Das waren die ersten warmen Worte, die
er aus dem Munde Seiner Durchlaucht je erhalten hatte. Und wie seltsam
der Fürst gesprochen hatte! Fast weich. Nichts von dieser schroffen
Zurückhaltung, die sonst alles um den Fürsten erstarren machte. Was war
denn geschehen?! »Meine liebe Excellenz?!«
Die Excellenz selbst geleitete den Alten in die Gastzimmer, die Lakaien
flogen, Küche und Keller mußten das Beste leisten; o, Herr Kellermann
durfte zufrieden sein.
Aber was war geschehen?!
* * * * *
Der Fürst saß wach bis spät in die Nacht.
Die Jugend, die vergessene, verlorene, hatte noch einmal an das Thor
gepocht, und Karl Heinrichs müdes, versteinertes Herz zuckte.
In wenigen Tagen würde er ausziehen, um in das Schloß zu Karlburg
die Braut zu holen, und von dem Tage an begann die ruhige, gemessene
Zeit gereiften Lebens. Von da an war alles klar, vorgeschrieben,
ausgerechnet, jeder Schritt und jede Handlung vorgezeichnet, alles
zukünftige Leben eine schnurgerade Straße, auf der man so lange
fortpilgert, bis das Ende erreicht ist. Jedes Bürgermannes Leben kann
im Zickzack gehen, auf und nieder schwanken, das des Fürsten ist
berechnet und abgezirkelt, sicher und einförmig in alle Zukunft.
Einen einzigen Menschen haben, der jetzt dasäße und spräche:
»Karl Heinrich, das ist nicht anders, du mußt das ertragen.« Der ihn
trösten oder beruhigen würde, oder ...
»Mein Gott! Mein Gott!«
Er war wie außer sich.
Und Totenstille.
Draußen im Park rauschte der Nachtwind leise in den Bäumen, aber das
Schloß schlief. Karlburg schlief, die Stadt, das Land, hier schlief
alles.
Mitternacht. – Da saßen sie in Heidelberg in Rüders Garten bei
Lampions, sangen, tranken, lachten und sahen nach der Uhr und sagten:
»Es ist erst Mitternacht.«
Und da kam Käthie durch den Garten mit ihrer weißen Schürze und gähnte
etwas und rieb mit den kleinen Fäusten die Augen, – daß alle lachten,
und Karl Heinrich ihr das Glas entgegenhielt: »Trink, Käthie, werde
wieder munter!« – –
»Prost, Karl Heinz! Sollst leben!«
Wer rief das?! Er fuhr auf und starrte vom Fenster her in das
halbdunkle Zimmer. Wer hatte das gerufen?! Da aus dem Zimmer her?!
Das war des Doktors Stimme! »Prost, Karl Heinz, sollst leben!«
Ein leises Zittern ging über den Fürsten. Er trat zurück in das Zimmer,
schraubte die Lampe höher und trank das große Weinglas in einem Zuge
leer.
»Sollst leben!« – Ja, er lebte, und der Doktor, der das tausendmal
gerufen hatte, moderte in der Erde.
»Sollst leben!« Ja, der Karl Heinz lebte noch, ein herrliches Leben!
Er schenkte das Glas von neuem voll und hob es empor. Gegen die dunkle
Ecke da drüben starrte er und schwenkte das Glas:
»Doktor!!«
Und als alles totenstill blieb: »Dein Wohl!«
* * * * *
Herr Lutz saß draußen im Vorzimmer und kämpfte seit Stunden mit dem
Schlafe. Nie seit der Heidelberger Zeit hatte man ihm eine solche
Nachtwache zugemutet. Zu verschiedenen Malen horchte er an der Thür, ob
Seine Durchlaucht nicht etwa am Schreibtisch eingeschlafen sei, aber
immer wieder hörte er drinnen die dumpfen Schritte des ruhelos auf und
ab Wandelnden.
Ja, was war geschehen?!
Aber Herr Lutz konnte nicht mehr denken. Er war so sterbensmüde, daß
sein Körper zwar noch wachte, aber sein Geist vollständig gelähmt
erschien. O gut, daß diese Hochzeit vor der Thür stand. Von da an ging
man pünktlich schlafen und lebte, wie sich’s gehört.
Da endlich – es war nachts drei Uhr – kam der erlösende Ruf der
schrillen Glocke.
»Sofort!«
Herr Lutz fuhr auf. In der nächsten Sekunde war er in Seiner
Durchlaucht Zimmer.
Der Morgen dämmerte herein, und in dem fahlen Licht stand der Fürst am
Fenster, von den trüben Schatten des Zwielichts grau überdeckt:
»Sind Sie noch wach, Lutz?«
»Zu Befehl, Eure Durchlaucht.«
»Lutz, Sie können heute nicht schlafen gehen. Wecken Sie die Diener,
meine Koffer sollen gepackt werden. Man soll Seine Excellenz den Herrn
Hofmarschall benachrichtigen. Ich verreise.«
»Ver –?«
[Illustration: Gegen die dunkle Ecke starrte er und schwenkte das Glas.]
»Sie begleiten mich, Lutz, Sie ganz allein. Wir reisen nach Heidelberg.«
»H–Heidelberg –?«
»Nur auf einen Tag oder zwei. Am Sonntagabend sind wir wieder zurück.
Wir haben keine Minute zu verlieren. Vorwärts!«
Herr Lutz ging, den Kopf etwas vornübergeneigt, wie jemand, der einen
heftigen Schlag auf den Schädel erhalten hat und momentan nicht zu
denken vermag.
Karl Heinrich stand und schaute in den immer helleren Morgen mit
leuchtendem Gesicht.
»Einmal noch!«
»Noch einmal!«
[Illustration]
Achtes Kapitel.
Als Hofmarschall und Kammerherren, aus dem Schlafe geweckt, atemlos und
mit verstörten Gesichtern auf dem Bahnhof erschienen, war die schwarze
Qualmwolke des Kurierzuges längst in der hellen Morgenluft verweht.
Es war sechs Uhr morgens.
Man drängte um den Stationsassistenten, der, immer noch fassungslos,
nichts zu berichten wußte, als daß Durchlaucht kurz vor Passieren des
Kurierzuges vorgefahren sei, Ordre gab, den Zug halten zu lassen, und –
nur von dem Kammerdiener begleitet – die Reise angetreten habe.
Ja, was war geschehen?!
Was?! Was?!!
Und der Hofmarschall starrte wie betäubt nach Süden, wo die Schienen
der Eisenbahn sich silbernflimmernd hindehnten ...
* * * * *
So fuhr Karl Heinrich noch einmal gen Heidelberg.
Es war ein Maitag wie damals vor zwei Jahren. Dieselben Dörfer, Mühlen,
Felder, Städte flogen vorbei, das Gebirge der Rhön, blaute in der
Ferne, der Zug erklomm die Höhen des Main, und dort das Land in der
Ferne, dem man entgegeneilte, war Süddeutschland.
[Illustration: Ja, was war geschehen?]
Die Sonne stand hoch am Himmel, heiß, blendend. Der Fürst ließ die
blauen Vorhänge am Fenster nieder und schloß die Augen. Er war müde.
Seit dreißig Stunden hatte er nicht geschlafen, nun trat langsam an
Stelle der leidenschaftlichen Erregung eine dumpfe Abgespanntheit.
Was bezweckte denn diese Reise? Nichts! Was wollte er überhaupt in
Heidelberg? Jetzt zerbrachen sie sich daheim in Karlburg die Köpfe, und
jeder einzelne Mensch, vom Minister bis zum letzten Stallknecht, würde
diese Reise einen Tollhausstreich nennen. Eine Dummheit, wie sie sich
nur ein junger Student erlauben darf.
Er preßte nervös den Kopf in die Hände: umkehren, das wäre das beste.
Diese Donquichotterie nicht zu Ende führen.
Aber dann würde man erst recht staunen und die Köpfe noch mehr
schütteln. Jeder Mensch in der ganzen Welt konnte sich solche
Extravaganzen herausnehmen, nur der nicht, auf den Hunderttausende
schauen, und dessen geringste Handlungen jeder Philister kritisiert.
Es war erstickend heiß, er riß die Vorhänge wieder zurück und beugte
sich so weit vor, daß die Staubwolke, die der Zug aufwirbelte, ihm wie
ein Sturm um den Kopf flog.
»Alles einerlei!« Mochten die Aufpasser daheim lachen, spotten, die
Fäuste ballen – heute war Karl Heinrich frei!
Vorwärts! Wie der Zug jagte! Immer weiter! Keiner holte ihn ein! Die
kläffende Meute blieb immer weiter zurück, und er war frei. Er schloß
die Augen und ließ den Sturm voll in sein Gesicht brausen. Das that
gut, es war wie ein Kampf.
War das nicht eine gleiche Empfindung wie damals, als der lange Vandale
ihm immer wieder die Parade durchschlug und Hieb auf Hieb in Karl
Heinrichs Gesicht fegte?! Famos! Auf die Mensur! Klatsch!
Kampf! Du Schönstes auf Gottes Welt! Nichts entsetzlicher als dieses
kampflose Hindämmern, Einschlafen, dieses Verhätscheltwerden und
Bevormundetwerden und Eingelulltwerden und Vermodern.
Alle seine Muskeln spannten sich. Vorwärts, vorwärts! Und heute abend
in Heidelberg! Noch hatten sie in Karlburg ihn nicht besiegt, noch
hatte er den Mut gehabt zu dieser tollen, unglaublichen Reise! Bravo!
Und lustig soll es werden! Nur zwei Tage, aber zwei lustige Tage!
»Wer reit’t mit zwanzig Knappen ein
Zu Heidelberg im Hirschen? ...«
Mit halblauter Stimme sagte er das Lied her, bis er es leise zu singen
begann, dann immer lauter.
»Hollaheh! den Hahn ins Faß! schenkt ein! –«
Weit vor ihm lag die sonnige Ebene des Main. Wie heißt es im Liede?:
»... Ich seh’ die Lande um den Main zu meinen Füßen liegen –«
So schön, so schön!
Er war noch so jung, der Karl Heinz. Er war zweiundzwanzig Jahre alt.
Die ganze Welt hätte ihm offen stehen müssen, und daheim hatten sie ihm
Licht und Luft vermauert ...
* * * * *
Auf dem Bahnhofe zu Frankfurt zuckte es ihm einen Augenblick in
den Füßen. Dicht vor ihm lag der Wartesaal, in den die Menschen
hineindrängten. Weshalb ging er nicht mit in dem Strom? Wie an jenem
ersten Reisetage, als er mit dem Doktor dort hineinspazierte und die
ersten Atemzüge der neuen Freiheit that? Niemand kannte ihn, vielleicht
die paar Schaffner und Lutz ausgenommen, also weshalb nicht?
»Zwanzig Minuten Aufenthalt!« schrieen die Kondukteure, und alle
Reisenden eilten in die Säle. Nur einige ältere Damen blieben ängstlich
in den Coupés.
Karl Heinrich stand auf und setzte seinen Fuß auf das Trittbrett, aber
er zog ihn wieder zurück und schloß die Wagenthür. Er war unselbständig
geworden wie einst, fast schlimmer noch als damals. Es war doch ein so
leichtes, wie andre Menschen auszusteigen, sich einfach und natürlich
zu bewegen, den Kellner zu rufen, zu bezahlen und so weiter, – und er
konnte es nicht.
Konnte es nicht. Er machte noch einmal den Versuch, aber der kalte
Schweiß trat ihm auf die Stirn.
Der Zug hatte schon lange Frankfurt wieder verlassen, als der
Fürst immer noch in den Polstern saß, die Augen starr auf die
gegenüberliegende Wand gerichtet, die Arme schlaff herabhängend.
›Eine Marionette, die nur tanzen kann, wenn man sie an den Drähten
zerrt. Unbeholfen wie ein Kind und feige wie ein Kind.‹
Ein grimmiges Lachen verzog sein blasses Gesicht. Er wollte aus der
Schule in die Freiheit laufen! Wenn auch nur für zwei armselige Tage!
_Er_, der keinen Schritt mehr allein gehen konnte! Der sich an jeder
Ecke stieß, alles schief sah und in Heidelberg nicht mehr im stande
sein würde, ein einziges natürliches Wort zu reden.
Dorf an Dorf flog in der Abendsonne vorbei. Weinheim, – da war das
famose Mädel mit den zwei blonden Zöpfen gewesen, mit der Prinz Karl
Heinz eine halbe Nacht getanzt hatte.
Jugenheim. Ein leises Lächeln ging über seine matten Züge. Da hatte man
mit dem Darmstädter Pensionat die tolle Affaire gehabt.
Das alles war erst zwei Jahre her? Nicht länger.
Noch zehn Minuten, noch acht, – fünf – drei – da kamen die ersten
Häuser – und da: der Neckar!
Sein Herz schlug zum Zerspringen.
»Heidelberg!«
»Fünf Minuten Aufenthalt!«
Damals hatte der dicke Doktor mit seinem trockenen Phlegma gesagt:
»Ein Jahr Aufenthalt«; ein dünnes Lächeln ging um Karl Heinrichs Mund,
und indem er sich bewegungslos an die Thür lehnte und auf den Schaffner
wartete, murmelte er – fast ohne es selbst zu merken: »Zwei Tage
Aufenthalt, – zwei Tage – zwei –«
Er ging neben Lutz durch die Menge und stieg in den Wagen. Er kannte
jedes Haus, an dem man vorbeifuhr, und sah auch jedes Haus, aber seine
Gedanken waren fern, nirgends. »Ein Jahr Aufenthalt« – das war alles,
an was er dachte. Und daran, daß aus diesem »Jahr Aufenthalt« für den
Doktor ein »ewiger Aufenthalt« geworden sei. Aber diese Erwägung hatte
nichts Sentimentales, sondern kam ihm wie eine mathematische Folgerung,
die man sich im Kopfe zurechtlegt, weil der Schädel augenblicklich an
nichts Vernünftiges zu denken vermag. Er hätte genau so gut vor sich
hin denken können: ›Dreimal neun ist siebenundzwanzig.‹ Als ob auf den
Kopf und das Denken von allen Seiten her ein ungeheurer Druck ausgeübt
würde, der das Hirn zu der Größe einer Haselnuß zusammenpreßte.
Der Wagen rollte über den Markt: da lag Frau Dörffels Haus mit den
sechs Fenstern, hinter denen er gewohnt hatte.
Er nickte stumpf vor sich hin: »Ja, ja!«
Vor dem Hotel »Zum Prinzen Karl« flüsterte Herr Lutz dem Portier und
dem Oberkellner ein Wort ins Ohr, das in wenigen Sekunden das ganze
Haus in Aufregung brachte.
Tief neigte sich alles, und der Fürst schritt mit seinem starr
abweisenden Gesicht zwischen der Dienerschaft die Treppe empor, in ein
Zimmer, als ob er daheim zu Karlburg die Treppen hinaufstiege.
Als Herr Lutz mit einem ängstlichen Blick seinem Herrn den Arm reichte,
lehnte sich der Fürst schwer darauf.
[Illustration: Mit geschlossenen Augen saß der Fürst minutenlang.]
Lutz geleitete ihn zu einem Sessel, Lutz winkte den Kellnern, die
Thüren zu schließen.
Mit geschlossenen Augen saß der Fürst minutenlang.
»Durchlaucht –?«
»Was?« Er öffnete die Augen und schaute um sich wie einer, der aus
einem langen, schweren Traum erwacht.
»Durchlaucht sollten zur Ruhe gehen, Durchlaucht sind übermüdet.«
Und als der Fürst ihn anstarrte mit einem leeren Blick, fügte er hinzu:
»Durchlaucht sind in Heidelberg.«
»Ja, ja.«
Ein müdes, verfallenes Lächeln ging um Karl Heinrichs Mund, das Herr
Lutz nicht bemerkte oder zum wenigsten nicht verstand.
»In Heidelberg. Ganz recht. Ja, ich will schlafen.«
* * * * *
In tadellosem Gesellschaftsanzug, das dreifarbige Seidenband über der
tief ausgeschnittenen Frackweste, vortrefflich frisiert und ~comme
il faut~ zurechtgestutzt, versammelte sich »Saxonia« mit fünf »alten
Herren«, zehn »Corpsburschen« und acht »Füchsen« in Seiner Durchlaucht
Empfangssalon, um Seiner Durchlaucht die Aufwartung zu machen.
Es war vormittags zehn Uhr.
Man flüsterte und stand in Gruppen. Herr Bilz ging von einem zum
andern und gab mit seiner immer etwas wehmütig klingenden Stimme
namentlich den Jüngeren und Jüngsten die letzten Verhaltungsmaßregeln.
Aber Herrn Bilz selbst klopfte das Herz. Er war nun vierundzwanzig
Semester in Heidelberg und hatte vielerlei Menschen jeden Standes
kennen gelernt, aber einem regierenden Fürsten war er noch nie
entgegengetreten. Er repetierte die Rede, mit der er Seine Durchlaucht
empfangen wollte, und fand sie jetzt nüchtern, abgeschmackt. Nichts
schwieriger als diese kleine Rede. Sie konnte zu feierlich geraten oder
zu kordial, zu pathetisch oder zu kühl, sie konnte durch die geringste
falsche Nuance alle Stimmung zum Teufel jagen.
Mit dem feinen Batisttuch tupfte er sich leicht auf die Stirn und ging
wieder zu den Füchsen: »Ihr bleibt hier stehen im Hintergrunde, bis
ich euch winke. Ihr sprecht nur, wenn der Fürst euch fragt. Um Gottes
willen, Winz, wie siehst du aus? Was hast du für einen Frack an?«
»Ich habe ihn geborgt,« sagte Winz ängstlich.
»Ach, ach, ach!« Herrn Bilz’ wehmütige Stimme hatte einen tieftraurigen
Ton, aber er ging auf die fatale Sache nicht weiter ein. »Bleib hinten
stehen, auf jeden Fall, hörst du? Daß niemand dich sieht.«
Ueber dem ganzen Corps lag eine große Stimmung: ein regierender Fürst,
der gewissermaßen zu »Saxonia« gehörte und »Saxonia« zu sich lud! Kein
Heidelberger Corps, das sich einer solchen Ehre rühmen konnte.
Da:
Ein Herr in Frack und Escarpins stieß die Flügelthüren auseinander und
trat in feierlicher Haltung zur Seite. Einige Sekunden sah man in das
nebenan liegende, mit schweren Seidenvorhängen drapierte Zimmer – dann
kamen Schritte über den weichen Teppich, in der weit geöffneten Thür
stand der Fürst.
Er trug den schwarzen Gesellschaftsanzug. Das Gesicht war blaß, nur
auf der linken Backe glühten brennendrot zwei Hiebnarben. Er hatte
die rechte Hand leicht erhoben, als wollte er sie irgend einem
entgegenstrecken, dem ersten, den er wiedererkennen würde ...
Aber in dem Zimmer vor ihm nur ein tiefes Verneigen.
Herr Bilz trat vor:
»Eure Durchlaucht –«