Sein Blick begegnete dem des einstigen Freundes, der ihn anstarrte, als

ob er sagen wollte: »Kommst du denn nicht?! Giebst du mir denn nicht

die Hand? Karl Bilz?!« ...

Und Herr Bilz kam aus dem Konzept:

»Eure Durchlaucht geben – haben – geben uns die Ehre – wir alle dankbar

– eine Ehre, die jeder von uns – jeder zu würdigen weiß, – und deshalb

– wir heißen Eure Durchlaucht in aller Ehrfurcht in Heidelberg herzlich

und ehrerbietig willkommen.«

[Illustration: In der weit geöffneten Thür stand der Fürst.]

Der Fürst trat einen Schritt vor und nickte kurz. Das Gesicht war kalt

und apathisch geworden.

»Wollen Sie, bitte, Herr Bilz, mir Ihre Herren Corpsbrüder vorstellen.«

Herr Bilz gehorchte. Er verwechselte alle Namen, aber das that nichts

zur Sache.

Und der Fürst sprach mit jedem:

»Wieviel Semester studieren Sie?« – »Wie gefällt Ihnen Heidelberg?« –

»Sie sind Jurist?« – »Wo wohnen Ihre Eltern?« – »Werden Sie längere

Zeit hier bleiben?« und so weiter.

Als die Cour beendet war, wandte er sich wieder zu Herrn Bilz:

»Wollen, bitte, Sie und Ihre Herren Corpsbrüder heute hier im Hotel

meine Gäste sein. Ich reise noch heute abend, ich bitte also etwa um

drei.«

Er nickte kurz, neigte sich gegen die übrigen mit einer fast

unmerklichen Bewegung des Kopfes und ging. Der Herr im Frack und

Escarpins schloß die Flügelthüren, – die Audienz war beendet.

Vor dem Hotel standen sehr feierlich zehn Wagen, in denen man gekommen

war, und in denen man vornehm wieder heimfuhr. Der Stolz lag auf allen

jungen Gesichtern, und ganz Heidelberg, Studenten und Philister,

blickte ihnen nach. Der Fürst hatte sie in feierlicher Audienz

empfangen, sie waren wirklich zu beneiden.

Karl Heinrich stand in der Mitte seines Zimmers und stützte sich auf

die Lehne des Stuhls. Der lächerliche Traum zweier Tage war zu Ende ...

Der Fürst fuhr am Mittag in geschlossenem Wagen zum Kirchhof. Er hatte

mit sich gekämpft, ob er dieser letzten Pflicht, die ihn noch an

Heidelberg band, nachkommen sollte oder nicht; schließlich bezwang er

sich und fuhr hin.

Der Totengräber, der ihn nicht kannte, führte ihn zu dem Grabe und

sagte entschuldigend: »Es ist noch nicht wieder in Ordnung, es ist

jetzt im Frühjahr immer viel zu thun, aber nächste Woche fangen wir

damit an.«

»Es ist gut.«

Der Mann wollte noch mehr reden, aber der Fremde winkte ihm ab: »Es ist

gut, ich danke.«

Eine kleine weiße Blattpflanze hatte das ganze Grab überwuchert,

zur Seite lagen noch einige verwelkte Kränze mit grau-schmutzigen

Seidenschleifen, das Gitter stand roh, unfertig, und das einzig Pompöse

war das Marmorkreuz mit der Inschrift »Seinem Freunde und Lehrer in

dankbarer Erinnerung Karl Heinrich, Prinz von Karlburg.«

Lange blickte Karl Heinrich auf dieses vergessene Grab, das seit dem

Tage der Bestattung sicherlich niemand mehr besucht hatte. Er beugte

sich und pflückte eines der silbergrauen Blätter, um es aufzubewahren,

aber bald darauf nahm er es achtlos zwischen die Zähne und ließ es

fallen.

Merkwürdig, wie ruhig und gleichgültig ihn diese Grabstätte seines

einzigen Freundes ließ! Er hatte auf einmal das lächerliche Gefühl, daß

der Tote im Leben eigentlich ein pflichtvergessener Mensch gewesen

sei, der – man mochte die Sache ansehen, wie man wollte – als Erzieher

sich außerordentliche Eigenmächtigkeiten erlaubt hatte.

Die ganze grenzenlose Ernüchterung des heutigen Tages, die

Hoffnungslosigkeit, die eisige Kälte der letzten zwei Jahre, alles

drängte in diesen Minuten wie in einem Brennspiegel zusammen.

Der Mensch da unten, das war sein einziger Freund gewesen! Welcher

Hohn! Ein Trinker, ein Schwätzer, ein Mensch ohne jeden Lebensernst.

Aber immerhin: dieser Doktor hatte es mit ihm gut gemeint, aufrichtig

gut.

Sie hatten doch manche freundliche Stunde zusammen verlebt. – Schon

damals in Karlburg, als der pflichtvergessene Doktor ihm Zigaretten

gab, die sie oben im Turmzimmer rauchten. – Er lächelte. – Und dann in

Heidelberg! Er blickte sich um nach dem Schloß, das aus seinem Waldgrün

rotleuchtend herüberfunkelte. Mein Gott, welch ein toller Kerl war

dieser Doktor gewesen! Wenn er da oben auf dem Schloß Handharmonika

spielte, daß alle Engländer und Engländerinnen stehen blieben und ihre

steif-britischen Gesichter zum Lachen verzogen.

»Prost, Karl Heinz! Sollst leben!« Des Doktors ewiger Trinkspruch.

Der Fürst neigte sich vor über das verwilderte Grab: »Armer Doktor!«

[Illustration: Länger als eine halbe Stunde arbeitete er daran.]

Er nahm die vermoderten Kränze und legte sie außerhalb des Gitters

zusammen. Das Unkraut, das zwischen Grab und Gitter fußhoch wilderte,

riß er mit beiden Händen aus dem Boden und warf es zu den Kränzen.

Länger als eine halbe Stunde arbeitete er daran, die dünnen, schmalen

Wege rechts und links und vor dem Grabe innerhalb der Einfriedigung zu

säubern.

Als er fertig war, atmete er tief auf. Wie viel freundlicher und heller

das jetzt aussah! Die beschmutzten Handschuhe zog er ab und wollte sie

zu den Kränzen und dem Unkraut werfen, aber er faltete sie nur zusammen

und schob sie in die Tasche.

Als er eine halbe Stunde später den Kirchhof verließ, war ihm leichter

zu Mute. Und wenn diese ganze Heidelberger Reise von gestern und heute

keinen Zweck gehabt hatte, so war sie doch nicht verloren. Diese Stunde

an des Doktors Grabe war die Reise schon wert.

* * * * *

Die Unterhaltung bei der Tafel wollte nicht recht in Fluß kommen, aber

die Schuld lag nicht an dem Gastgeber.

Karl Heinrich saß in der Mitte des langgedeckten Tisches neben Karl

Bilz, der langsam seine Befangenheit überwand und nichts zu thun hatte

als zu erzählen. Der Fürst stieß zweimal mit ihm an: »Auf Ihr Wohl,

lieber Bilz!« Dann, nach dem dritten Gang, erhob sich der Senior und

forderte nach einer kurzen Ansprache das Corps auf, »die Gesundheit

dessen zu trinken, dessen Zugehörigkeit zum Corps ›Saxonia‹ der

glänzendste Markstein in der Geschichte des Corps für einst, jetzt

und alle Zeiten bildet. Seine Durchlaucht beweist durch seine heutige

Anwesenheit in unsrer Mitte, daß auch Seine Durchlaucht sich gern der

fröhlichen Zeit erinnert, die mir und allen, die an ihr teilhatten,

unvergeßlich bleiben wird.«

Ein brausendes Hoch ging durch den Saal, die Kellner stürzten um den

Tisch mit Champagnerflaschen, die Gläser klangen, und nach allen Seiten

grüßend, mit seinem Glase leicht das der Nachbarn berührend, stand der

Fürst in der Mitte.

Die Stimmung wurde fröhlicher, und als kurz vor Ende des Diners der

Fürst sein Glas erhob, um nach einigen freundlichen Worten mit dem

alten Spruche das Corps zu grüßen: »~Saxonia! vivat, floreat, crescat,

in aeternum!~« – war der Bann gebrochen. Man jubelte, man umringte ihn.

Freilich war das der Höhepunkt, der nicht überboten werden konnte. Die

Wogen der Erregung ebbten rückwärts. O, Seine Durchlaucht war sehr

leutselig, sehr gütig, sehr verbindlich, aber selbst der tolpatschigste

Fuchs fühlte instinktiv, daß es da eine sehr deutliche Grenze gab.

Das trat bei einem Zwischenfall scharf zu Tage. Die Rede kam auf die

Abreise, und als der Fürst nach der Uhr blickte und in wenig mehr als

einer Stunde abfahren zu müssen erklärte, erhob sich ein allgemeines

Bedauern und Bitten: Durchlaucht sollte diesen einen Abend zugeben!

Einen so schönen Abend. Man würde aufs Schloß fahren oder nach

Neckargemünd! Oder eine Neckarfahrt veranstalten mit Musik und Lampions!

Der Fürst lächelte zwar, aber etwas kalt und gezwungen. Schließlich

wurde das gut gemeinte heftige Bitten so allgemein, daß er kurz zusagte.

Von da an saß er stumm, einsilbig, wie jemand, der zu weit gegangen

ist. Und – merkwürdig – jeder einzelne erkannte das. Ueber der

Tafel mit ihren Wein- und Speiseresten lag es plötzlich wie graue

Alltagsstimmung, die Gespräche wurden matter, verstummten, kamen

mühsam wieder in Fluß, verstummten von neuem. Die erhitzten Gesichter

erschienen stumpf, und der letzte Wein in den Gläsern blieb unberührt.

Auf dem Schloß nahm man den Kaffee, und hier draußen in der freien

Luft wurde der Fürst wieder unbefangener. Es war ein Tag mit ewig

wechselnden Stimmungen. Ein Musikcorps spielte, während ringsumher die

Heidelberger Professoren- und Bürgerfamilien saßen, deren Damen alle

Blicke und Aufmerksamkeit dem jungen Fürsten zuwandten. Er kannte die

meisten von Ansehen, mit der Kleinen da rechts hatte er in Jugenheim

getanzt, sie wurde dunkelrot, als er sie jetzt anschaute. Und da und

dort – allenthalben bekannte Gesichter.

Seine Magnificenz der Rektor mit seinen Damen kam vorbei, das Corps

grüßte, Karl Heinz grüßte mit. Und der Rektor, der ihn nicht kannte,

zog oberflächlich gleichgültig den Hut.

Ganz wie früher.

Als der Fürst gegen Abend mit dem Corps über die Berghänge und Wiesen

neckaraufwärts ging, war eine tiefe Ruhe über ihn gekommen. Herr Bilz

ging neben ihm und erzählte, die Stimmen der andern hörte er dicht

hinter sich, aber die Worte und Laute drangen zu ihm wie aus einer

weiten Ferne. Ihm war zu Sinne wie einem ermüdeten Wanderer, der einen

Tag ausruhen darf. Morgen ging es weiter; hierher nach Heidelberg

– zu den Studenten – würde er nun nie mehr zurückkehren. Er empfand

das ohne Schmerz. Sie waren ja alle freundlich, aufmerksam, aber im

Grunde genommen war er für sie ein Fremder geworden. An der Stelle des

einstigen »Du« und des »Karl Heinz« das steife »Eure Durchlaucht«. Er

würde diesen Tag nicht bereuen, er hatte ihm seine Jugend noch einmal

gezeigt, aber freilich nicht mehr in dem goldnen Sonnenschein der

Mittagshöhe, sondern in einem matten Abendschimmer.

Bisweilen blickte er zur Seite auf Karl Bilz. Vor Jahren hatten sie

zusammen tolle Streiche gemacht, gezecht, gepaukt, sich geduzt, und

heute ging dieser selbe Karl Bilz neben ihm wie ein Fremdenführer, der

»Seiner Durchlaucht« aus der Chronik von Heidelberg erzählt.

Nein, fort! Er hätte reisen sollen! Schon heute! Denn im Grunde

genommen war dieser ganze Tag nichts als ein langsames Würgen, ein Tag,

an dem alle Jugenderinnerungen erdrosselt wurden.

Ein einziges Wort, das aus vollem Herzen gekommen wäre, ein einziger

echter Laut, der sagen würde: »Du bist unser guter Freund gewesen,

wir haben dich lieb gehabt. Heute stehst du uns fern, aber wir werden

immer an dich denken, dich nie vergessen! Denn wir sind zusammen jung

gewesen!« ...

[Illustration: »Da drüben liegt Neckargemünd!« sagte Herr Bilz.]

Aber nichts, nichts!

»Da drüben liegt Neckargemünd,« sagte Herr Bilz.

»Ja, Neckargemünd.«

* * * * *

Man fuhr spät abends in sechs Booten neckarabwärts nach Heidelberg

zurück. Die Musik im vordersten Kahne spielte ihre ewigen

Studentenlieder, die dem, der sie alle Tage hört, so langweilig

scheinen und dem, der sie nach langen Jahren zum erstenmal wieder

vernimmt, das Herz zermartern.

Der Fürst saß über den Bord gelehnt und ließ das vorbeiströmende

Wasser durch seine herabhängende Hand gleiten. Der Neckar ging nach

den Wolkenbrüchen der letzten Woche mit hohem Wasser, so daß die Boote

schnell stromab Heidelberg entgegenglitten. Am rechten Strande sah man

schon von weitem eine durch bunte Lampions hell erleuchtete Ufermauer.

»Da kommt Rüders Gasthaus,« sagte Herr Bilz.

»Wo?« Karl Heinrich fuhr aus seinem Brüten empor.

»Da.« Und nach einer Pause fügte Herr Bilz hinzu: »Die Corps verkehren

nicht mehr bei Rüder oder nur noch selten. Aber Durchlaucht erinnern

sich noch an Rüder? Wir haben da manche Nacht gesessen.«

»Weshalb verkehren die Corps nicht mehr bei Rüder?«

»Einen rechten Grund giebt es nicht. Das ist in Heidelberg und wohl

allenthalben Modesache. Vielleicht war das Bier nicht mehr gut. Die

Corps gehen jetzt meist nach Neckargemünd.«

»So!«

»Und wie das so kommt, jetzt ist bei Rüders kaum noch was zu thun.

Neues Publikum gewöhnt sich schwer hin, das ist immer so.«

Der Fürst antwortete nicht. Aus der dunkeln Nacht, die über dem Neckar

lag, kamen die Lampions immer näher, ein paar kümmerliche Lampions mit

kleinen Lichtstümpfen, die sich in dem Nachtwinde schaukelten. Schwer

und massiv ragte die Ufermauer aus dem Strome, während die Linden im

Garten, schwach beleuchtet, mit ihrem feinen Grün herüberschimmerten.

Die Musik war im vorderen Boote verstummt, man hörte nur das Plätschern

der Ruder und aus den weiter zurückfolgenden Booten undeutliche Worte.

Jetzt glitt der Kahn vorbei. Man sah mitten in den Garten hinein, der

fast leer war. Rechts und weiter hinten saßen ein paar Menschen, vorn

über die Mauer lehnte eine weibliche Gestalt, von der man nur die

dunkeln Umrisse sah.

Und langsam blieben die Lampions zurück, fuhr der Kahn stromab.

Rüders Gasthaus. Da verschwand es in der Nacht. Auch zu Grunde

gerichtet, auch verblüht ... Auch ...

Plötzlich begann vorn im ersten Kahn wieder die Musik. Laut, grell:

»Leichte Kavallerie!«

Da fuhr der Fürst empor. Der kalte Schweiß stand auf seiner Stirn.

»Umkehren!«

»Wie?« Herr Bilz und die vier andern im Kahn fuhren gleichfalls aus

ihrem Brüten auf.

»Lassen Sie umkehren. Zu Rüders.«

»Zu –?«

»Ja.«

Herr Bilz war so verdutzt, daß er einen Augenblick nicht wußte, was er

thun sollte. Dann erhoben die andern ein Rufen:

»Musik!! Umkehren!!«

Die Musik brach mit einem Mißton ab, gleich darauf glitten aus dem

Dunkel die andern Boote heran, es erhob sich ein Rufen und Fragen:

»Umdrehen?! Zu Rüders!« Man mußte acht geben, daß die Kähne nicht

aneinander stießen; erst nach einer Weile ordnete sich der Zug wieder,

und nun ging es, mühsam gegen den Strom, rückwärts.

Die Musik spielte: »Alt-Heidelberg, du Feine«, – die Lampions rückten

wieder näher, dann sah man, wie in Rüders Garten eine Bewegung

entstand, Herr Rüder selbst aufgeregt an den Landungssteg lief, und

da ...

Käthie!

Da stand sie! Sie hielt die Hand über die Augen, um besser in die

Dunkelheit zu schauen. Sie wartete ganz ruhig und ließ das Musikboot,

das den andern Platz machte, an sich vorübergleiten.

Jetzt erkannte sie die bunten Mützen:

»Die Sachsen! Kommt’s ihr endlich mal wieder?«

[Illustration: Sie hielt ihn umklammert und preßte sich zu ihm empor.]

Der erste, der ans Land sprang, war Karl Bilz; sie reichte ihm die Hand:

»Ihr seid’s so schlecht. Nie mehr zu kommen.«

Da – ihre Augen öffneten sich groß, starr, einen Schritt trat sie

zurück, als ob ein Gespenst aus der Nacht des Neckars vor ihr

auftauchte – dann ein Schrei, ein alles durchdringender Schrei:

»Karl Heinz!!«

Eine Totenstille ringsumher, keiner sprach ein Wort, nur der Neckar

rauschte und stieß das folgende Boot heftig gegen die Balken der Brücke.

»Du! Du! Du!« Sie hielt ihn umklammert und preßte sich zu ihm empor,

dicht an sein Gesicht.

* * * * *

Es war eine seltsame Nacht, diese letzte in Heidelberg. Mit glühenden,

begeisterten Augen schauten die jungen Studenten auf Karl Heinrich

von Karlburg, der wieder Band und Mütze trug und zwischen ihnen saß,

jung wie sie. Ein Ahnen durchzog sie alle, was diese Nacht für den

bedeutete, der heute im hellen Tageslicht kalt und stumm gewesen war.

Eine letzte Nacht.

Die Musik spielte, Herr Rüder ging mit einem strahlenden Lächeln hin

und her, das sich auf seinem etwas vergrämten Gesicht wunderlich

ausnahm, und draußen an dem Zaun der Landstraße standen wieder wie

früher die jungen Burschen und Dirnen aus der Nachbarschaft, die lange

bei Rüders keine Musik mehr gehört hatten.

Nun wurde alles für Herrn Rüder wieder gut. Sie würden alle

zurückkommen, die Studenten, jeden Tag, jetzt mehr als je. Er würde

eine Tafel am Hause anbringen lassen zur Erinnerung an diesen Tag

mit dem Namen seines erlauchten Gastes. Und dann – es war gar nicht

auszudenken, was alles daraus folgen mußte ...

* * * * *

»Liebe Käthie!«

Karl Heinrich hatte den Arm um ihre Schulter gelegt und lehnte neben

ihr im Schatten der zwei alten Linden am Ufer. Fern durch die Büsche

sah man den hell erleuchteten Garten, in dem Herr Rüder, trotzdem

seine Gäste nun schon Stunden hier waren, noch immer neue Lampions

aufhängte.

Es war wohl nicht mehr die kleine, süße Käthie von einst – ein fremder,

trauriger, fast alter Zug war in das Gesichtchen gekommen, aber Karl

Heinrich und das Mädchen hielten sich umschlungen, wie zwei, die sich

noch einmal gefunden haben, um Abschied zu nehmen für immer.

Sie sprachen nicht viel, sie hatten nie viel zusammen gesprochen.

Von den zwei Jahren hatten sie einander wenig zu erzählen, auch die

Zukunft streiften sie nur mit wenigen Worten. Was war darüber groß zu

reden?!

Daß er Hochzeit halten würde, bald schon, hatte sie in den Zeitungen

gelesen, das verstand sich ja auch ganz von selbst.

»Und du, Käthie?«

»I geh’ nach Oesterreich, Karl Heinz. Der Franzel schreibt alle

Vierteljahr’, i soll kommen, er will nun endlich heiraten.«

Stumm, wortlos lehnten sie aneinander, nur bisweilen flüsterte sie im

Kuß: »Karl Heinz«, und leise gab er zur Antwort: »Käthie.«

Ihre kleinen Erinnerungen tauschten sie aus, »Weißt du noch das ...?«

– »Denkst du noch daran, als ...?« – lauter belanglose Ereignisse, die

aber in dieser einen letzten Stunde wie ferne Wunder erschienen aus

einer Märchenwelt.

»Weißt du noch den Tag, Karl Heinz, als du fortgingst?«

»Ja.«

»Und sagtest: ›Ich komme wieder!‹ Nun bist du wiedergekommen.«

Er hielt sie auf seinem Schoß und wiegte sie leise, traumverloren. Das

einzige, was er in Heidelberg wiedergefunden hatte, das einzige aus der

Jugendzeit.

»Käthie?«

»Was?«

»Wir behalten uns. Ich vergesse dich nie und du mich nicht. Wir sehen

uns nicht wieder, aber wir vergessen uns nicht. Ich vergesse dich nie,

Käthie, nie, nie, nie!«

Die Musik drüben war längst verstummt, sie hatten nicht darauf geachtet.

Der Garten war leer, die Studenten fort, die beiden hatten es nicht

bemerkt. Man hatte Karl Heinrich mit gutem Takt den Abschied gespart.

Einer der Lampions nach dem andern erlosch, aber unter der Glasveranda

saß Herr Rüder neben zwei Windlichtern als treuer Wärter. Und der

Neckar rauschte.

Stunde um Stunde verrann. Bis der erste Hahn krähte und die grauen

Morgenschatten über den Fluß glitten.

[Illustration: Da stand Käthie an einen Baum gelehnt, die Arme schlaff

herabhängend.]

Hand in Hand gingen sie aus dem Garten auf die einsame Landstraße.

Noch hundert Schritte geleitete Käthie ihn über den Wegweiser hinaus,

bis dort, wo die ersten Gärten der Stadt beginnen.

Da blieben sie stehen und umarmten sich zum letzten Male.

»Käthie –«

»Karl Heinz –«

Und noch einmal wandte er sich, ehe er um die Wegbiegung ging. Da stand

Käthie an einen Baum gelehnt, die Arme schlaff herabhängend. Er konnte

ihr Gesicht nicht mehr erkennen, sie bewegte sich nicht, sie hob keine

Hand.

Es war Sonntagmorgen.

[Illustration]

Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart

Von dem Verfasser der Erzählung »_Karl Heinrich_« sind ferner in unserm

Verlage erschienen:

[Illustration: Wilhelm Meyer-Förster.]

=Süderssen.= Roman von =Wilh. Meyer-Förster=. =4. Aufl.=

Geheftet M. 3.—, elegant gebunden M. 4.—

Mit besonderer Lebendigkeit und in packenden Bildern führt uns der

Dichter in diesem Werke das Leben in Börsenkreisen und auf dem

Rennplatz vor Augen, das kaum ein anderer Schriftsteller der Gegenwart

so zu schildern versteht wie er.

=Derby.= Sportroman von =Wilh. Meyer-Förster=. =3. Auflage.=

Geheftet M. 3.—, elegant gebunden M. 4.—

Ein fesselnder, lebhaft anregender Roman. Psychologische Vertiefung,

glückliche Episodenzeichnung fehlen nicht u. werden dem Buche weit über

den zunächst bestimmten Interessentenkreis hinaus Freunde gewinnen.

Adels- und Salonblatt, Berlin.

=Heidenstamm.= Roman von =Wilh. Meyer-Förster=. =6. Auflage.=

Geheftet M. 3.—, elegant gebunden M. 4.—

Eine Geschichte, ebenso einfach im Stoff wie schlicht erzählt. Mit

dieser Schlichtheit aber, der es an feinen Stimmungselementen nicht

fehlt, erreicht sie gerade die rechte Wirkung.

Velhagen & Klasings Monatshefte, Leipzig.

=Die Fahrt um die Erde.= Roman von =Wilh. Meyer-Förster=.

Geheftet M. 3.—, elegant gebunden M. 4.—

Ein Radfahrer-Roman, der allen Stahlroßreitern aufs wärmste empfohlen

sei. Was Meyer-Förster immer auszeichnet: die straffe Komposition, die

starke, bis zum letzten Kapitel vorhaltende Spannung und der kurze,

treffende Ausdruck – findet sich auch in diesem Roman durchweg.

Durch alle Buchhandlungen zu beziehen.

Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart

In unserm Verlage sind erschienen:

Die Saxoborussen. [Icon]

Roman

von =Gregor Samarow=.

3 Bände. Geheftet M. 12.—, elegant gebunden M. 15.—

=Der prächtige Hintergrund der Heidelberger Universität, auf welcher

das Corpswesen immer in höchster Blüte stand, verleiht diesem Buche

einen ganz besonderen Reiz.= Die Dichtung fesselt den Leser durch den

Reichtum der Scenerie, die Lebenslust und Jugendfrische der Charaktere

und die Anmut seiner Frauengestalten.

Heidelberger Zeitung.

=Ein flott geschriebener, durchwegs fesselnder Studentenroman=,

bei dessen Lektüre man sich in die fröhliche Zeit des Burschentums

zurückversetzt fühlt und den auch der Philister mit Behagen lesen wird.

Tagespost, Graz.

Auch Einer. [Icon] [Icon]

Eine Reisebekanntschaft

von =Friedrich Theodor Vischer=.

Mit Lichtdruck nach Professor Donndorfs Büste. =_9. Auflage._=

Geheftet M. 9.—, elegant gebunden M. 11.—, in Liebhaberband M. 13.—

Eines der eigenartigsten Bücher, die in deutscher Sprache geschrieben

sind; in seinem Durcheinander von Erzählung und Tagebuch unendlich

kunst- und formvoll.

Leipziger Zeitung.

Die Sebalds. [Icon] [Icon]

Roman aus der Gegenwart

von =Wilhelm Jordan=.

=_3. Auflage._=

2 Bände. Geheftet M. 10.—, elegant gebunden M. 12.—

=Ein wohlgegliederter, inhaltreicher Roman, der ein lebensvolles, weit

ausblickendes Bild der Gegenwart entrollt=, ohne den Rahmen einer

Familiengeschichte zu überschreiten. Zwischen der alten und neuen

Welt hin und her spielend läßt er keine der großen Fragen, welche uns

bewegen, unberührt, und weiß innerhalb eines Rahmens auch für die

Judenfrage eine glückliche Lösung zu finden.

Tägliche Rundschau, Berlin.

Durch alle Buchhandlungen zu beziehen

_Geschenkbücher für Damen._

Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart.

=Aus der Töchterschule ins Leben.= Ein allseitiger Berater für

die jungen Mädchen. Herausgegeben von =Amalie Baisch=. 10.,

=neu bearbeitete Auflage=. Elegant gebunden M. 6.—

Ein Buch von seltener Reichhaltigkeit, das deutschen Mädchen im großen

wie im kleinen mit gutem Rat zur Seite steht.

Münchner Neueste Nachrichten.

=Das junge Mädchen auf eigenen Füssen.= Ein Führer durch das

weibliche Berufsleben von =Amalie Baisch=. Elegant gebunden

M. 3.—

Ein verständnisvoller Führer und Berater für alle junge Mädchen, die

sich einem weiblichen Erwerbszweig widmen sollen und vor der Wahl eines

solchen stehen.

=Ins eigene Heim.= Ein Buch für erwachsene Mädchen und junge

Frauen von =Amalie Baisch=. =4. Auflage.= Elegant gebunden

M. 6.—

Ein ebenso schönes und anziehendes als praktisches litterarisches

Geschenk.

Schweizer. Familienwochenblatt, Zürich.

=Die elegante Hausfrau.= Mitteilungen für junge Hauswesen. Von

=Isa von der Lütt=. =5. Auflage.= Elegant gebunden M. 5.—

Wir können das Büchlein nur warm empfehlen. Es lehrt nicht nur, wie man

sich im gesellschaftlichen Verkehr zu benehmen hat, sondern auch, wie

man seine Mittel anwenden muß, um, ohne irgendwie anzustoßen, allen

Ansprüchen, welche die Gesellschaft stellt, zu genügen.

Von Haus zu Haus, Leipzig.

=Ueberleg’s!= Plaudereien von =Tony Schumacher=.

Elegant gebunden M. 4.—

Eine Sammlung von Plaudereien, wie wir sie von der Verfasserin schon

gewöhnt sind und lieb gewonnen haben! – Das Buch kommt von Herzen und

regt, erfrischend und erwärmend, vielerlei Gedanken an.

=Vom Schulmädel bis zur Grossmutter.= Plaudereien von =Tony

Schumacher=. =3. Auflage.= In Leinwand gebunden M. 4.—, in

Seide gebunden M. 5.—

Ein Büchlein voll Schalkheit und Innigkeit, voll Ernst und Poesie.

Der Bazar, Berlin.

=Spaziergänge ins Alltagsleben.= Plaudereien von =Tony

Schumacher=. =3. Auflage.= Elegant gebunden M. 4.—

Karl Heinrich · 第 7 / 8 段