Blaß vor Grimm stand Herr Lutz; in seinem schwarzen distinguierten

Anzug sah er zwischen der lustigen, halbtrunkenen Rotte, aufrecht

stehend und gelblichfahl im Gesicht, wie ein unheimlicher Gast aus,

der nur darauf wartet, seine Hand zum Unheil auszustrecken.

Da stieß Karl Bilz, der neben dem Prinzen saß, diesen an:

»Karl Heinz, da ist jemand, da hinter dir –«

»Wo? – Lutz?«

»Eure Durchlaucht –«

»Was giebt’s?«

»Eure Durchlaucht, es sind dringende Depeschen gekommen, von Karlburg.«

Der Prinz verfärbte sich.

Und während der zweite Vers des Loreliedes durch den nächtlichen Garten

dröhnte, brach er die Blätter der Telegramme auseinander und las:

»Eurer Durchlaucht hiermit ergebene Mitteilung, daß Seine

Hochfürstliche Durchlaucht ernstlich erkrankt sind und Eure Durchlaucht

ersuchen lassen, möglichst im Laufe nächster Tage auf einige Zeit nach

Karlburg zu kommen.«

Die Depesche war von dem Hofmarschall gezeichnet, ebenso die beiden

folgenden, deren erste eine kurze Skizze der Krankheit gab, während

die zweite etwas beruhigender lautete und Seine Durchlaucht bat, die

Krankheit einstweilen keinesfalls als lebensgefährlich anzusehen.

Er wandte sich um:

»Es ist gut, Lutz, gehen Sie. In einer Stunde komme ich nach Hause.

Packen Sie die Koffer, wir reisen morgen abend.«

Die wenigsten hatten den kleinen Zwischenfall bemerkt, und als eine

Viertelstunde später Karl Heinrichs Platz an der Tafel leer war,

beachtete das niemand.

Am Ausgang des Gartens blieb der Prinz stehen und sah sich noch einmal

um.

Wie nun, wenn die Krankheit sich lang hinzog und ihn Wochen oder gar

Monate an Karlburg fesselte?

Wenn er – möglich war auch das – nie mehr nach Heidelberg zurück

könnte? Aber er raffte sich zusammen und ärgerte sich über seinen

Kleinmut. Das war seine Art, alles im hellsten oder dunkelsten Lichte

zu sehen, eine weibische, schwächliche Art, wie sie Leuten eigen ist,

die nie ernstlich mit dem Leben gekämpft haben. Und mißgestimmt über

sich selbst, vergaß er sogar, Käthie gute Nacht zu sagen.

[Illustration]

Sechstes Kapitel.

Als er am nächsten Mittag in das Krankenhaus kam, um sich von dem

Regierungsrat zu verabschieden, lag dieser auf seinem Bett, das die

Wärter auf den schmalen Balkon gerollt hatten. Man blickte von da aus

auf das Schloß und den Königsstuhl, aber die Aussicht war heute trübe,

weil ein feiner Regen niederging, der von den Bäumen den Staub wusch

und nach der erstickenden Hitze der letzten Tage ein wahres Labsal bot.

Der Doktor lag matt in den Kissen und lächelte dem Prinzen müde

entgegen, aber bei dessen ersten Worten schnellte er auf:

»Abreisen?! Nach Karlburg?!«

Er nahm die Depeschen und las sie in fiebernder Hast, dann noch einmal,

dann lehnte er sich schwer zurück und blickte, ohne ein Wort zu sagen,

an Karl Heinrich vorbei in den dichter fallenden Regen.

»Da ist doch nichts zu machen, lieber Doktor?«

»Nein, da ist nichts zu machen.«

»Ich reise heute abend.«

»Hm!«

»Nach acht oder vierzehn Tagen, denke ich, werde ich zurück sein.«

»Möglich.«

[Illustration: Er las die Depeschen in fiebernder Hast.]

»Und während der Zeit, lieber Doktor, brauchen Sie sich nicht zu

fürchten. Ich habe mit meinen Corpsbrüdern gesprochen: jeden Morgen

und jeden Nachmittag kommt einer her, um Sie zu besuchen. Wenn Sie es

wünschen, lasse ich Ihnen auch Lutz hier zur Bedienung.«

Der Doktor lächelte schwach: »Nein, danke, danke herzlich!«

Und Karl Heinrich lächelte auch; Herr Lutz und der Regierungsrat

hatten nie zusammengepaßt, hier im Krankenhause würden sie sich am

allerwenigsten verstehen.

Aber dann lächelte er nicht mehr. Der Doktor hatte sich in diesen

letzten Tagen seltsam verändert, das runde Gesicht war fast hager

geworden, die Hände lagen schmal und weiß auf der blauen Steppdecke,

müde ineinander gefaltet, wie kraftlos.

Der Gedanke beherrschte ihn immer mehr: es geht mit ihm zu Ende.

Plötzlich fanden sich ihre Augen. Er wollte zur Seite schauen, aber

er konnte nicht. Vielleicht versuchte auch der Doktor zur Seite zu

schauen, aber er fand noch weniger die Kraft. So blickten sie einander

wie magnetisch gefesselt, sekundenlang an, bis es Karl Heinrich heiß

aufstieg. Er biß die Zähne aufeinander und versuchte, gleichgültig in

die Luft zu starren.

Wie aus einer weiten Ferne hörte er den Doktor dann reden:

»Ob früher oder später, Karl Heinz, das ist ja so gleichgültig.

Schöner kann man sich den Abschied nicht wünschen als hier. Man braucht

kein Poet zu sein, um damit zufrieden zu sein. Man schläft ein, ganz

ruhig. Wir wollen lieber von dir sprechen, Karl Heinz. Du sagst, du

kommst wieder, in acht Tagen oder in vierzehn Tagen, es mag sein. Aber

es mag auch sein, daß du nicht wiederkommst. Bleib jung, Karl Heinrich,

das ist alles, was ich dir wünsche. Bleib so, wie du bist, und wenn sie

dich anders machen wollen – alle werden das versuchen –, dann kämpfe

dagegen. Bleib ein Mensch, Karl Heinz, mit deinem jungen Herzen ...

Vielleicht kommt einmal eine Zeit, in der du an diese Heidelberger

Tage und an mich mit andern Gefühlen denkst als heute, vielleicht mit

Mißachtung oder gar mit Zorn. In der du dir sagst: ›Ich hätte damals

nicht so tief hinabsteigen sollen zu den Menschen und meine Würde

anders wahren müssen.‹ Sie werden dir alle vorreden, das sei wirklich

so, und diese kurze Spanne Zeit sei ein unschöner Mißton in deinem

Leben. Aber glaube ihnen nicht.«

* * * * *

In dem gleichmäßig plätschernden Regen ging der Prinz den Schloßberg

hinauf, dann zur Molkenkur und, ohne es zu wollen, immer höher, bis

zum Königsstuhl. Die Wege waren feucht, und durch die Tannen ging es

auf den Moosteppich nieder wie ein unaufhörliches leises Rieseln. Man

sah keine hundert Schritt weit, der Blick auf die Rheinebene war

vollständig verschleiert, aber aus den Wäldern drang ein so frischer,

belebender Odem, daß es Karl Heinrich nach dem raschen Steigen leicht

ums Herz wurde.

Er schnitt sich eine Gerte, mit der er die Regentropfen von den Zweigen

klatschte, dann – erst langsam und dann schneller – lief er den

einsamen Weg bergab.

Eine halbe Stunde später saß er in der neuen Glasveranda, die Herr

Rüder für schweres Geld hatte bauen lassen, und trank von Herrn Rüders

gutem »Badischen«.

Käthie hockte neben ihm auf der Ufermauer, sonst war niemand im Garten.

Die Corps hatten heute Mensurtag, und andre Leute verirrten sich zu

dieser Stunde und vor allem bei solchem Wetter nicht hierher. Es

regnete jetzt so stark, daß die Tropfen auf dem Neckar Blasen schlugen,

und daß man kaum die Häuser an der gegenüberliegenden Seite erkennen

konnte, aber die trübe Laune, in der Karl Heinrich früh erwacht war und

in der er den armen Regierungsrat besucht hatte, war verflogen. In ein

paar Wochen würde er wieder hier sein, wo möglich schon eher, und der

dicke Doktor würde wieder gesund werden, und alle Sentimentalität war

Unsinn.

»Hol mal eine Postkarte, Käthie!«

»Wozu?«

»Wir wollen an den Doktor schreiben.«

[Illustration: Sie spannte ihren Regenschirm auf.]

Sie spannte ihren Regenschirm auf, raffte ihre Kleider zusammen und

trippelte vorsichtig durch den überschwemmten Garten nach dem Hause.

Als sie die Karte gebracht hatte, schrieb er darauf:

»Lieber ~Dr.~! Alles dummes Zeug! In vierzehn Tagen hole ich

Sie heil und gesund aus der Klinik. Käthie und ich trinken auf

Ihr Wohl.

K. H.«

»Schreib einen Gruß drunter, Käthie.«

Sie las aufmerksam, nahm seinen goldenen Stift, dessen Spitze sie erst

zwischen ihre Lippen schob, und schrieb dann:

»Karl Heinrich und ich (Käthie) wünschen Ihnen das Beste.

Käthie.«

»Was würdest du sagen, Käthie,« fragte er, »wenn ich nie wiederkäme?«

Sie sah ihn erstaunt an: »Nie wieder?«

»Ja, nie wieder.«

»Das ist doch nicht möglich.« Alles Blut wich aus ihren Wangen. »Du

kommst doch wieder?«

Er lachte. Er war seiner Sache jetzt so sicher, daß er darüber schon

spotten konnte. Wenn der undenkbare Fall eintreten sollte, daß man ihn

aus irgend welchen Gründen in Karlburg zurückhalten würde, so würde er

die Rückkehr nach Heidelberg erzwingen. Er war nicht mehr der Junge,

der sich am Gängelbande leiten ließ, und es gab keine Macht, die ihn in

seiner endlich gewonnenen Freiheit dermaßen beschränken durfte.

»Nimm den Fall, Käthie, ich käme nicht, nie mehr, was thätest du dann?«

Ihre Lippen zitterten, sie wollte etwas sagen und fand kein Wort; dann

stand sie auf, ging mit zwei Schritten zu ihm und schlang ihre Arme um

seinen Hals.

»Du kommst wieder, Karl Heinz, ganz gewiß.«

Und Stunde auf Stunde verrann, und während immer noch der Regen in

gleichmäßiger Eintönigkeit niederrauschte, saßen die beiden in der

Glasveranda am Neckar vor Herrn Rüders badischem Wein, den Käthie oft

erneuern mußte.

Die Tanten in der Küche und Herr Rüder selbst schauten wohl bisweilen

durch den Spalt in der Glasthür, aber sie störten das Paar nicht. Es

kamen auch im Laufe des Nachmittags ein paar Gäste, die man vorn in der

Gaststube festhielt.

Als dann kaum noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt des Frankfurter

Schnellzuges übrig blieb, spannte Herr Rüder seinen Fuchs vor

die Halbkalesche und setzte sich selbst auf den Bock, um seinen

angesehensten Stammgast zur Bahn zu fahren.

Es war die stilloseste Art, in der je ein Erbprinz nach einem Bahnhof

befördert wurde: Eine kleine Kellnerin, die ihm mit dem Taschentuch

nachwinkte, ein galoppierendes Pferd, eine miserable Kutsche, die

mit Schmutz bespritzt vor den Bahnhof rasselte, kein Gepäck, keine

Diener, nur ein Herr Rüder, der etwas bezecht war und sofort wegen

Galoppfahrens von dem Polizeidiener aufgeschrieben wurde.

[Illustration: Eine miserable Kutsche rasselte vor den Bahnhof.]

Was Herrn Lutz betrifft, so hatte er bis zwanzig Minuten vor Abfahrt

des Zuges in immer steigender Aufregung seinen Herrn daheim erwartet,

aber wie richtig Herr Lutz mit den zerfahrenen Lebensgewohnheiten

Seiner Durchlaucht sich vertraut gemacht hatte, bewies der Umstand,

daß er richtig schloß: Durchlaucht werde in letzter Minute schon

rechtzeitig zum Bahnhof kommen.

Durchgeregnet, ohne Paletot, sprang Karl Heinrich in das reservierte

Coupé, Herr Lutz hatte nur noch Zeit, Durchlaucht auf Mantel, Decken,

Koffer aufmerksam zu machen, dann hetzte Herr Lutz in sein eignes

Coupé, und eine halbe Minute später glitt der Zug in den Regen hinaus.

Lange stand der Prinz am Fenster und schaute rückwärts dorthin, wo die

Neckarstadt im Nebel verschwunden war. Dann atmete er tief auf wie

jemand, der aus einem Traum erwacht. Er zog das seidene Band, das über

seiner Weste lag, durch die silberne Schnalle, rollte es auf und schob

es in die Tasche. Die dunkelblaue Mütze legte er in den von Herrn Lutz

vorsorglich geöffneten Koffer und nahm einen Reisehut.

Drei rote Rosen, die Käthie ihm gegeben, behielt er in der Hand.

Er lehnte sich in die weichen roten Polster und versuchte an Käthie

zu denken, aber plötzlich stand das Bild des Doktors vor ihm, das ihn

nicht mehr losließ. Der lag nun im Krankenhaus, schon viele Meilen

entfernt, und er, Karl Heinrich, fuhr nach Karlburg. Allein!

Vor drei Monaten waren sie zusammen auf diesem selben Wege nach

Heidelberg gekommen, zusammen.

Zusammen. – Käthie, der Doktor, die Corpsbrüder – mit allen war er

zusammen gewesen, immer lustig, immer zusammen ... nun war er allein.

* * * * *

Der Hofmarschall, die Kammerherren, zwei Adjutanten – es war der Seiner

Durchlaucht dem Erbprinzen gebührende feierliche Empfang.

Die Lakaien standen mit den flach an die Plüschhosen gelegten

Cylindern, und rechts und links hinter der abgesperrten Linie drängte

ein neugieriges Publikum, das – in begreiflicher Erregung wegen der

immer düsterer lautenden Bulletins, Seiner Durchlaucht des Fürsten

Krankheit betreffend – sich zahlreich am Bahnhof eingefunden hatte.

Also der Erbprinz kam!

Man hatte ihn telegraphisch berufen.

Vielleicht war Seine Durchlaucht der Erbprinz in wenigen Tagen schon

der regierende Herr.

Man rief nicht »Hoch«, das hätte in dieser schweren Stunde nicht

gepaßt, aber alle Hüte senkten sich tief, und die Frauen verneigten

sich vor dem künftigen Herrn.

Draußen vor dem Bahnhof drängte sich eine dichte Menge, und den ganzen

Weg entlang bis zum Schloß stand eine ununterbrochene Reihe Menschen,

die alle schweigend grüßten.

Karl Heinrich saß neben dem Hofmarschall. In dem Fürstenzimmer des

Bahnhofs hatte er mit den Herren vom Hofe und den Aerzten gesprochen,

man versicherte ihm, die größte Gefahr, die heute nacht gedroht habe,

scheine überwunden, und eine Genesung Seiner Durchlaucht liege nicht

mehr außer dem Bereiche der Möglichkeit.

[Illustration: Er hielt die Hand am Hute und grüßte nach rechts und

links.]

Er sprach kein Wort. Er hielt die Hand am Hute und grüßte nach rechts

und links.

»Wie er düster aussieht!« sagten die Männer.

»Wie er traurig aussieht!« sagten die Frauen.

Und er grüßte.

Grüßte.

Tausende von Menschen, die sich vor ihm neigten, eine ganze Stadt.

Der Weg war nur kurz, die schnellen Pferde gebrauchten wenige Minuten,

um ihn zurückzulegen.

Aber in dieser kleinen Spanne Zeit war es, als ob eine unsichtbare Hand

über des Prinzen Herz ging und dort vieles auslöschte.

Die Wache an der Schloßbrücke trat ins Gewehr, ohne daß die Trommel

gerührt wurde.

Er grüßte.

Der Wagen hielt, und er stieg langsam, ohne Hast aus. Er sah nicht

die Lakaien zu beiden Seiten der Treppe, er ging geradeaus, ohne sich

nach Hofmarschall und Adjutanten umzuschauen, die zwei und drei Stufen

hinter ihm die breite Marmortreppe hinaufstiegen.

Er war wieder in Karlburg, er war wieder der Prinz.

* * * * *

Die Tage vergingen, Wochen wurden daraus und aus den Wochen Monate.

Herren im Schlosse zu Karlburg waren die Aerzte, denen man Zimmer

einräumte, und die schließlich kaum noch die Gemächer des Fürsten

verließen.

Die Lakaien gingen noch leiser als sonst, jeder helle Ton war aus dem

Schlosse und seinem Umkreis verbannt, über Haus und Gärten breitete

sich Kirchhofsruhe.

Aber Angst und Sorge, die in den ersten Wochen auf allen Gesichtern

lagen, aufrichtig empfunden oder doch gut zur Schau getragen, wichen

langsam und machten einer müden Abspannung Platz. Die Diener gähnten

hinter den Thüren, und die erschlaffende Langeweile breitete sich aus

den Krankenzimmern durch das Schloß und weiter über die ganze Stadt

Karlburg. Nirgends Festlichkeiten, keine Lustbarkeit, am Sonntag in den

Kirchen das ewig gleiche Gebet für den kranken Fürsten – eine Monotonie.

An eine Abreise des Erbprinzen war nicht zu denken. In den ersten

Wochen war er unruhig, nervös und verlangte von den Aerzten bestimmte

Aussagen. Aber er gewöhnte sich an ihr Achselzucken und dachte

schließlich selbst nicht mehr an die Möglichkeit, vorerst nach

Heidelberg zurückzukehren.

Die Last der Regierungsgeschäfte, die er vielleicht ernster auffaßte,

als notwendig war, und die zu übersehen ihm noch schwer fiel,

nahm seine Zeit in Beschlag, während der sterbende Fürst es als

selbstverständlich forderte, daß sein Neffe und Erbe endlose Stunden

bei ihm weilte. Mit seiner matten, heiseren Stimme, oft nur flüsternd,

sprach er von Vergangenheit und Zukunft, und in diesen düsteren

Stunden spann sich zwischen Oheim und Neffe, die zwanzig Jahre lang

fast wie Fremde nebeneinander gelebt hatten, das erste Band. Sie

gehörten zusammen, der sterbende Fürst und der künftige Fürst; aus der

fieberheißen Hand, die zitternd die junge Hand umspannt hielt, ging ein

Strom hinüber, der langsam Denken und Empfinden des Jüngeren wandelte.

»Die Fürsten der Erde wohnen einsam auf ihren Thronen, eine nie zu

überbrückende Kluft trennt sie von allen andern, selbst von denen, die

nach Geburt und Rang als Diener dem Throne am nächsten stehen. Und

sie sollen einsam bleiben, sie müssen einsam bleiben, – darin liegt

ihre schwerste Aufgabe, darin aber auch ihre Kraft. In einsamer Höhe

stehen, das ist das große Geheimnis der Gewalt!« – Vielleicht suchte

Karl Heinrich in der ersten Zeit, halb unbewußt, sich diesen Worten zu

entziehen, zu verschließen, aber in dem dumpfen, heißen Krankenzimmer

wiegten sie ihn in täglicher Wiederholung wie in einen Traum. Sie

ergriffen Besitz von ihm und lähmten seine matten Versuche, sich

kritisch mit ihnen in Widerspruch zu setzen. Er rang dagegen, aber er

war zu schwach, zu schwach, wie in allem.

Und jeder neigte sich vor ihm. Nicht der Sterbende war mehr der Herr

im Schlosse, er, Karl Heinrich, war es, dem man huldigte. Früher, als

er noch junger Prinz war, bei Seiner Durchlaucht in geringer Gunst

stehend, einzig von dem vagen Glanz einer in ferner Zukunft liegenden

Thronfolge umgeben, waren die Huldigungen der Hofleute kühl und

gemessen gewesen. Jetzt war er nicht Kind mehr, sondern Mann, nicht

mehr der Anwärter auf die Ehren einer ungewissen Zukunft, sondern der

neue Herr, der über Nacht in die Fürstenrechte einziehen würde. Es

war ein Zauberkreis, der sich um ihn schloß; demütige Huldigungen von

Tausenden, die keinen Widerspruch duldeten, und das alles in dieser

dumpfen Treibhausluft, die das Denken tötete.

So vergingen Monate. Es wurde Herbst, Winter, Frühling – ein Jahr ging

vorbei. Aber es war, als ob es nicht ein Jahr gewesen sei, sondern

viele. Es gab Zeiten, wo eine wilde Ungeduld ihn überwältigen wollte:

sollte denn das nie enden?! dieses grauenhafte, mordende Warten?! –

Aber auch diese Ungeduld wurde schwächlich, kraftlos, schlief ein.

Er begann zu kränkeln, die blühende Gesichtsfarbe nahm einen grauen

Ton an, aber wenn der alte Hofrat und die fremden Aerzte ihm Bewegung

anrieten, zuckte er gleichgültig die Achseln: ›Mir fehlt nichts, ich

bin nicht krank.‹

In seinem Schreibtisch lagen die blaue Mütze und das dreifarbige

Seidenband von Heidelberg, daneben drei vertrocknete Rosen – das waren

die einzigen Erinnerungen an damals.

Heidelberg! Wenn er daran dachte, legte es sich um seine Brust wie

eherne Klammern, die ihn zu ersticken drohten.

Vorbei! Verloren! Für immer!

Bisweilen versuchte er, mit Lutz über Heidelberg zu sprechen. Der

Mensch war ihm unsympathisch, aber er hatte ihn als seinen Kammerdiener

beibehalten. Vielleicht nur deshalb, weil dieser Lutz die einzige

lebende Erinnerung an jene Zeit war. Und Herr Lutz gab sich Mühe,

seinem Herrn entgegenzukommen, die jämmerlichen Tage in Heidelberg in

ein rosiges Licht zu kleiden und kleine Scherze jener Zeit aufzuwärmen.

Aber keine Saite tönte in seinen Reden echt und warm, das weiche

Bild der drei Monate verzerrte sich in seinen erzwungenen Späßen zur

Grimasse.

Im übrigen war Herr Lutz jetzt der glücklichste Mensch am Hofe.

Sein geduldiges Ertragen jener Schreckenszeit hatte goldene Früchte

getragen, er war der kommende Mann, vor dem schon jetzt die Lakaien in

Ehrfurcht erstarben. Noch schritt der Kammerdiener Seiner Durchlaucht

des Fürsten mit unnahbarem Gesicht durch das Haus, aber die Tage seiner

Herrschaft waren gezählt, der neue Stern hieß Lutz. Und während in

Karl Heinrichs Erinnerung die Heidelberger Zeit langsam verblaßte,

wie ein Kindermärchen, das man nicht mehr versteht, verschönte sich

bei Herrn Lutz das Bild der Studentenstadt immer mehr. Man hatte

da einmal über die Stränge geschlagen, miserabel gewohnt und viel

Aergerliches durchgemacht, aber es war doch auch schön gewesen. Er

wußte dem Küchenchef wundersame Geschichten zu erzählen von lustigen

Liebesabenteuern, durchzechten Nächten und allerhand Affairen, »über

die man als Kavalier schweigt«. Dieses Heidelberg hatte Herrn Lutz’

Glück gemacht, und er war nicht undankbar. – –

[Illustration: Er wußte dem Küchenchef wundersame Dinge zu erzählen.]

Nun schlief der Doktor schon seit Wintersende in Heidelberg seinen

letzten Schlaf. Die Todesnachricht, die der Direktor des Krankenhauses

in ehrerbietig gemessener Form Seiner Durchlaucht mitteilte, kam Karl

Heinrich nicht unerwartet, und doch traf sie ihn wie etwas Unfaßliches.

Aber der Prinz hatte in allem Schmerz die bittere Empfindung, daß

ihn vor Jahresfrist der Tod des Doktors tiefer, unendlich tiefer

erschüttert haben würde. Hätte sie beide das Leben noch einmal

zusammengeführt, sie würden sich nicht mehr verstanden haben. Er fühlte

das deutlich. Es war ihm, als sei jemand gestorben, den er einmal sehr

gern gehabt hatte, der ihm aber so fern gerückt war, daß er ihn auch

als Lebenden schwerlich je wiedergefunden hätte.

Im Auftrage Seiner Durchlaucht des Erbprinzen übermittelte das

Hofmarschallamt dem Corps »Saxonia« zu Heidelberg einen Kranz mit

der Bitte, diesen Kranz auf dem Grabe des Herrn Regierungsrats

niederzulegen.

Im Auftrage Seiner Durchlaucht des Erbprinzen ließ das Hofmarschallamt

das Grab mit einem Denkstein versehen, dessen Inschrift lautete:

»Seinem Freund und Lehrer in dankbarer Erinnerung Karl Heinrich, Prinz

von Karlburg.« – –

Und Käthie?

Ja Käthie.

Wo mochte Käthie sein? – Er hatte kein Bild von ihr, die kleine

Photographie, die sie ihm einmal geschenkt hatte, war in den aus

Heidelberg nachgesendeten Koffern nicht zu finden gewesen, aber dieses

Bild war in sein Herz gegraben. Käthie!

Verloren wie die andern ...

In goldenem Rahmen stand auf des Prinzen Schreibtisch das Bild der

jungen sächsischen Prinzeß, seiner Cousine, deren Verlobung mit Karl

Heinrich herbeizuführen während dieser Monate die letzte Sorge des

sterbenden Fürsten gewesen war. Das Bild zeigte ein feines Gesicht mit

lebhaften Augen, eine schlanke, pompöse Figur.

Karl Heinrich hatte nicht »Nein« gesagt, und die schöne Prinzeß war

nicht unzufrieden. Sie war ein Jahr älter als der künftige Fürst, als

Kinder hatten sie einmal zusammen gespielt, sie hatten keinen Grund,

einander abgeneigt zu sein, und die Heirat würde der Staatsraison

ebensogut entsprechen wie den Wünschen der Familien.

Natürlich war in dieser Trauerzeit an die Hochzeit noch nicht zu denken.

Käthie! ... Käthie!

[Illustration]

Siebentes Kapitel.

In der alten Fürstengruft zu Marienburg war der Fürst zur letzten Ruhe

gebracht, und zu Karlburg im Schlosse war Karl Heinrich der Herr.

Aber die düstere Stimmung, die langes Siechtum und endlich der Tod über

Land, Stadt und Schloß gebreitet hatten, wich auch jetzt nicht. Monate

vergingen und neue Monate, immer noch lag über Hof und Schloß dumpfe

Stille.

»Seine Durchlaucht trauert,« sagten die Leute, aber sie glaubten selbst

nicht recht an diese matte Entschuldigung.

Was hatte man nicht alles von dem jungen – fast allzu jungen – Fürsten

erwartet! Lustige Feste, Heiterkeit, einen frischen Zug, der in das

verschlafene Hofleben und in die Residenzstadt endlich einmal fröhliche

Stimmung bringen sollte. Fremde Fürstenbesuche, Bälle, Hofjagden,

einen Ball der Bürgerschaft in den neuen Rathaussälen, vielleicht eine

Förderung des Theaters, in jedem Fall aber ein freundliches Gesicht,

Teilnahme für die Wünsche der Stadt und des Landes.

Welch hübscher junger Prinz war dieser Karl Heinrich gewesen, offen,

liebenswürdig! Freilich hatte er als Kind schon im Verkehr mit Fremden

eine Zurückhaltung stets gezeigt, eine leichte Unbeholfenheit und

Menschenscheu, aber er war damals eben ein Kind.

Wenn jetzt Seine Durchlaucht durch Karlburg fuhr, so lehnte er in

seinem Wagen neben dem Adjutanten und erwiderte die Grüße kalt,

gleichgültig. Die Deputationen der Städte empfing er in großer Audienz,

ohne auf deren Ansprachen mehr als kurze Antworten zu finden. Der alte

Fürst war in den letzten Jahrzehnten eisig, abweisend, hochfahrend

gewesen, der junge Fürst schien alles in verstärktem Maße zu sein.

»Wenn er verheiratet ist,« trösteten sich die Kammerherren und

Hofleute, »wird er anders werden,« und dieser schwache Glaube fand in

der Bürgerschaft Widerhall: »Wenn er nur erst verheiratet ist.«

Die Hochzeit war auf den 30. Mai festgesetzt, am 4. Juni würden die

fürstlichen Herrschaften in Karlburg Einzug halten.

Am 5. Juni Fackelzug der Bürgerschaft, am 6. Juni erstes großes Hoffest

im Schlosse, drei weitere Tage hindurch Empfänge, Audienzen, Feste

aller Art. In dem Hofmarschallamt wurde Tag und Nacht gearbeitet, in

Schloß und Stadt herrschte ein fieberhafter Eifer, alles vorzubereiten

und in stand zu setzen, der einzige, der seine kalte Ruhe bewahrte, war

der, für den alles dies geschah.

Karl Heinrich · 第 5 / 8 段