»Was man halt so verlobt nennt. Mit der Heirat kann der Franzel noch

lange warten. Er will schon, aber ich nicht. Finden S’, daß ich sehr

österreichisch spreche?«

»Oesterreichisch?« Er verstand nicht, was sie wollte, dieser neue

Zickzacksprung brachte ihn ganz aus dem Konzept.

»Ich hab’ ’s Oesterreichische ganz verlernt, weil ich’s nicht mag.

Weil’s der Franzel redet. Er ist nämlich a Wiener.«

»So.«

»Sie dachten wohl, er wohnt hier in Heidelberg?«

Karl Heinrich hatte in der Eile über diesen Fall noch nicht

nachgesonnen, aber um eine Antwort zu geben, sagte er:

»Ja, das dachte ich.«

Käthie lachte, als ob das ein ausgezeichneter Witz sei; sie mußte das

Brett auf den Tisch stellen, um bei dem heftigen Lachen die Tassen

nicht in Gefahr zu bringen. »Noch nie ist der Franzel in seinem ganzen

Leben aus der Wienerstadt herausgekommen. Außer nach Ungarn. Er ist ja

so an langweiliger Kerl. Wissen S’, was er ist? A Juckerhändler.«

»Ein was?«

»Für die Fiaker kauft er die Rosse, darin ist er sehr gescheit.

Letzthin hat er zwei schneeweiße Schimmeln aus Ungarn geholt, die dann

der Nicky Esterhazy ihm abgekauft hat.«

»Aber ...«

»Sehen S’, das ist der Franzel.« Sie drehte sich um, nestelte an ihrem

Mieder und holte eine kleine Photographie hervor, die an einem sehr

warmen Platz über dem Herzen geruht hatte.

Er betrachtete das Bild, und Käthies Kopf bog sich über seinen Arm, um

gleichfalls den Anblick zu haben.

»Gelt, er ist recht hübsch?«

»O ja.«

»Der Schnurrbart ist das beste, nicht wahr?«

»Hm!«

Der Franzel hatte sich im vollen Staat photographieren lassen, eine

Rose im Knopfloch, auf dem Kopfe den etwas schief sitzenden Cylinder

mit flacher Krempe, im Munde eine lange, dünne Virginiazigarre und in

der behandschuhten, außerordentlich großen Hand eine Reitpeitsche mit

einem silbernen Pferdekopf.

»Fesch ist er, gelt?«

»Hm!«

»Und ich nehm’ ihn doch nicht!«

Erstaunt blickte er sie an.

»Denn erstens, er könnte bald mein Vater sein, weil er zu Peter und

Paul dreißig wird, und zweitens, ich geh’ nicht nach Wien, ich mag

nicht.«

»Aber –«

»Es ist nämlich so, daß der Großtante Dörffel ihr Bruder der Vater

gewesen ist vom Franzel. Und meine Mutter selig war dem Franzel seinem

Vater die Cousine. Deshalb. Wie ich schon so klein war, hat’s immer

geheißen: die soll den Franzel heiraten. Nun zu vorigen Johannis hat er

geschrieben, ob ich will, und alle haben gesagt: Ja, ich soll. Da hab’

ich ›ja‹ gesagt, aber ich hab’ gesagt: Nicht gleich, und erst will ich

noch warten.«

Sie nahm das Bild und betrachtete es nachdenklich:

»Eigentlich ist er ja ein lieber Kerl, gelt, die Augen?«

Karl Heinrich wurde es bei all diesem Gerede abwechselnd kalt und heiß.

Sie stand unmittelbar neben ihm, ihre dunkeln Locken streiften seine

Schulter, und wie sie hastig und aufgeregt sprach, bewegte sich ihre

junge Brust unter dem engen Mieder auf und ab.

»Schließlich, heiraten muß jede, nicht wahr? Und in Heidelberg ewig

bleiben kann man auch nicht, gelt?«

»Nein.«

Sie fuhr sich flüchtig mit der Hand über die Augen, um etwas

fortzuwischen, dann schob sie Franzels Photographie zwischen die

Kaffeetassen, atmete tief auf und nahm das Brett von neuem auf den Arm.

»Nun muß ich gehen.«

Sie wollte an ihm vorbei, da hielt er sie einen Moment fest und – er

konnte nicht anders – gab ihr einen zweiten Kuß. Es war im ersten

Augenblick ein etwas zaghafter Kuß, der seiner Keckheit wegen gleichsam

um Verzeihung bat, aber als ihr roter, warmer Mund nicht zurückwich,

preßten sich seine Lippen fester, immer dichter, heißer.

»Käthie!«

Beide atmeten schwer. Einen Augenblick ließ er sie los und beugte den

Kopf zurück, um sie anzusehen, dann küßte er sie von neuem, immer

wieder. Bis ein leises Frösteln über sie hinlief und sie sich stumm

losmachte.

[Illustration: »Und wie heißen denn Sie?«]

»Nicht mehr –«

»Süße Käthie!«

»Und wie heißen denn Sie?«

»Ich? Ich heiße Karl Heinrich.«

»Zwei Namen?«

»Ja.«

»Karl – – Heinrich – das klingt so seltsam.« Dann plötzlich umschlang

sie ihn mit beiden Armen stürmisch:

»Karl Heinrich!!« ...

* * * * *

Herr Lutz prallte von der Thür zurück, als diese sich unerwartet

öffnete, aber ohne ihn zu beachten ging das Mädchen mit heißen Wangen

an ihm vorbei über den Korridor.

Er blickte auf seine goldene Uhr: »Anderthalb Stunden!«

Und als er zehn Minuten später die Toilette seines Herrn vollendete,

machte es Herrn Lutz einen diabolischen Spaß, zu beobachten, wie Seine

Durchlaucht sich Mühe gab, unbefangen zu erscheinen.

»Wie ist das Wetter, Lutz?«

»Gut, Eure Durchlaucht.«

»Heute ist doch Mittwoch?«

»Jawohl, Eure Durchlaucht.«

Lauter überflüssige Fragen, wie sie jemand stellt, der sich einer

gewissen Schuld bewußt ist.

Und wenn irgend jemand Seine Durchlaucht durchschaute, dann war es Herr

Lutz. O, er kannte diese hohen Herrschaften, die nie recht den Mut

ihrer dummen Streiche haben und sogar ihrem Kammerdiener gegenüber

alles vertuschen möchten. Kleine, schwächliche Seelen ohne Energie.

Erbprinzen sind keine Fürsten, ihre Bedeutung nach außen ist in manchen

Fällen gleich null. Tausendmal ereignete sich der Fall, daß Erbprinzen

nie zur Regierung gelangten. Mit Erbprinzen rechnen, heißt nicht viel

mehr als Lotterie spielen.

›Nein,‹ sagte sich Herr Lutz, ›dieses Heidelberg paßt mir nicht. Ich

kehre zurück nach Karlburg. Wer, wie ich, seines Hochfürstlichen

Herrn Vertrauen genießt, braucht hier nicht Bedienter zu spielen.

Seine Hochfürstliche Durchlaucht ist sechsundfünfzig Jahre alt, Seine

Hochfürstliche Durchlaucht kann mit Bequemlichkeit achtzig werden.

Bis dahin dürfte man sein Schäfchen im Trocknen haben und auf alle

Erbprinzen pfeifen.‹

Und während er seinen neuen Herrn abbürstete, dachte er:

›Warte! Wenn ich nach Karlburg komme, wenn ich erzähle! Da wird man

Augen machen!‹

Der Prinz schien seine kurze Befangenheit Lutz gegenüber merkwürdig

schnell überwunden zu haben:

»Sehen Sie nach, Lutz, ob der Herr Regierungsrat fertig ist, rasch!«

Mit sehr verbissener Miene kam Herr Lutz zurück:

»Herr Regierungsrat lag noch im Bett. Er zieht sich jetzt an.«

»Zum Kuckuck, wie ist das möglich?! Es ist ja zwölf Uhr mittags!«

[Illustration: Herr Lutz zog die Krawatte fest.]

Lachend ging der Prinz über den Korridor, nickte Käthie zu, die in der

Küchenthür stand und ihm zulächelte, und pochte mit der Faust gegen des

Doktors Thür:

»Aber Doktor! Es ist Mittag!«

»Ja, gleich, fünf Minuten!«

Unnötigerweise wartete der Prinz vor der Thür, immer die Kleine

anschauend, die sich merkwürdig lange im Korridor zu schaffen machte;

dann endlich erschien der Doktor, höchst flüchtig angekleidet.

»Einen Moment. Lutz! Wo ist Lutz?! Lutz, helfen Sie mir mal. Hinten die

Krawatte festziehen – so. Einen Moment noch, Durchlaucht. Bürsten Sie

mich mal ab, Lutz. Und dann holen Sie mir einen Schluck Kaffee.«

»Wir wollen spazieren fahren,« sagte Karl Heinrich, der seine hellen

Handschuhe anzog und immer noch mit Käthie Blicke wechselte.

»Nicht fahren, gehen.«

»Auch gut.«

Und Herr Lutz zog die Krawatte fest, bürstete und holte Kaffee. Alles

mit der vornehmen Ruhe seines Standes. Aber innerlich kochte es in

ihm. Das schlug dem Faß den Boden aus: dieses Schulmeisters Frechheit!

Dieser Herr behandelte ihn als Diener, als Allerweltsbedienten!

»Bürsten Sie mich mal ab, holen Sie Kaffee.« Konnte der edle Herr nicht

seinen Rock selbst abbürsten?! Lutz zitterte vor Aufregung.

Eines fürstlichen Kammerdieners Pflichten und Rechte sind so streng

umschrieben wie die eines hohen Beamten. Er dient lediglich und

ausschließlich den persönlichen Bedürfnissen seines Herrn, er hat

mit allen gröberen Arbeiten nichts – absolut nichts! – zu thun, der

Unterschied zwischen einem Kammerdiener und einem ordinären Lakaien ist

überhaupt nicht in eine Formel zu bringen. Der eine ist Künstler, der

andre Handwerker.

Herr Lutz, der für den Schulmeister Kaffee holt! Es war zum Lachen!

Oder vielmehr durchaus nicht zum Lachen.

Und Karl Heinrich litt das! Statt zu sagen: »Ich muß Sie darauf

aufmerksam machen, Herr Doktor, daß Herr Lutz alle Aufträge nur durch

meinen Mund empfängt«, stand Seine Durchlaucht ruhig dabei und sah zu,

wie Lutz bürsten mußte.

Jetzt fehlte nur noch, daß der Schulmeister etwa sagte: »Putzen Sie mir

die Stiefel.« Hätte er es nur gesagt! Es hätte eine Katastrophe gegeben!

Der Doktor setzte seinen neuen Pariser Cylinder auf, zog, obwohl es

sehr warm war, aus Eitelkeit den eleganten Frühlingspaletot an und sah

alles in allem wie ein höchst chic gekleideter Gentleman aus. Aber

neben Karl Heinrich machte er trotzdem eine schlechte Figur. Der eine

groß, schlank, jugendlich, der andre klein und viel zu gut genährt.

Wer sie zusammen sah, konnte keinesfalls begreifen, was zwei so

verschiedene Menschen zu einander geführt hatte.

»Also wollen wir wirklich keinen Wagen nehmen, Doktor?«

»Aber bewahre! Bei dem Wetter! Wir wollen aufs Schloß gehen.«

Karl Heinrich konnte sich auch heute noch nicht recht in dieses

»Zu-Fuße-gehen« finden, es erschien ihm so sonderbar, am hellen Tage

durch die Straßen zu spazieren, keinen Wagen hinter sich, keinen

Diener. Es ging ihm wie den übernervösen Menschen, die sich vor den

Straßen fürchten und beim Ueberschreiten der Plätze alle Sicherheit

verlieren.

Gut, daß er den Doktor als Begleiter hatte.

Die Treppe hinab mußte man tasten, weil das Treppenhaus in einem

mystischen Zwielicht lag, dann ging es im Hausflur durch eine Reihe

Kisten, und nun standen sie vor der Thür in der Sonne.

»Ein Wetter! ein Wetter!« sagte der Doktor. »Da muß man gesund werden.

Förmlich heiß. Heute fühlt man sich Mensch.« Allen Mädchen, denen sie

begegneten, schaute er ins Gesicht, und im stillen dachte er: ›Wer

weiß, was dieses liebe Heidelberg einem noch Gutes bringt. Vielleicht

daß man sich auf seine alten Tage doch noch entschließt. Mein Gott,

wenn man noch mal lieben könnte, richtig lieben! ...‹

[Illustration: Karl Heinrich betrachtete neugierig wie ein Kind die

Ladenfenster.]

Sie kamen nur langsam vorwärts, denn vor allen Läden blieb

Karl Heinrich stehen und betrachtete neugierig wie ein Kind die

Ladenfenster. Es gab da eine Menge Dinge, die er nie gesehen hatte,

und die ihm der Doktor erklären mußte, dann plötzlich überkam ihn ein

kindischer Wunsch:

»Wir wollen mal hineingehen, irgend etwas kaufen.«

»Was denn?« fragte der Doktor erstaunt.

»Das ist einerlei, ich möchte nur mal kaufen.«

Und so kauften sie: zwei seidene Krawatten, helle Handschuhe, einen

Federhalter und Federn, Tinte, Schreibpapier, Visitenkarten, eine

elegante Schreibmappe, die Karl Heinrich dem Doktor schenkte, und

schließlich für sechs Mark ein silbernes Armband, an dem kleine Münzen

klingelten.

»Wer soll denn das haben?«

»Fräulein Käthie.«

»Welche Käthie?«

»Die gestern das Gedicht hergesagt hat.«

»Heißt die Käthie?«

»Ja, die heißt Käthie.«

Und jetzt erst kam es dem Doktor zum Bewußtsein, daß er heute einen

ganzen langen Vormittag verschlafen hatte. Er räusperte sich und sah

den Prinzen von der Seite an: das war ja ein guter Anfang.

›Recht hat er,‹ dachte er im stillen, ›Jugend ist nicht zum Versauern

geschaffen. Wer noch einmal zwanzig Jahre alt wäre!‹

An der Berglehne stand alles im Blütenschmuck, und als sie nun

bergauf stiegen, bot die langsam unter ihnen niedersinkende Stadt ein

zauberhaftes Bild. Auf allen Schieferdächern lag die helle Sonne, die

in die Schornsteine der Häuser tief hineinzuschauen schien, drüben

stand der Odenwald im hellen Maiengrün, und nun wurde ein langer

Silberstreifen sichtbar, der jenseits der Häuser hell aufblitzte; der

Neckar!

Sie sagten es beide in einem Atem:

»Der Neckar!«

[Illustration: Dann standen sie eine Weile stumm, den Strom hinauf

schauend.]

Dann standen sie eine Weile stumm, den Strom hinauf schauend und den

Strom hinab.

Der Neckar. Der aus Schwaben kommt, aus Schillers Heimat, aus Uhlands

Lande, aus dem Schwaben der Hohenstaufenkaiser. Er fließt vorbei an der

alten Feste Tübingen, bei Reutlingen, gen Stuttgart, durch Heilbronn,

vorbei an des alten Berlichingen Nest durch ein Land, in dem jeder Fuß

Boden Erinnerung atmet und Poesie.

Bis dann der Neckar endlich nach Heidelberg kommt und in die

weite, flache Ebene des Rheins hinauszieht. Der Neckar endet nicht

in Mannheim, wie es die Karten der Geographen lehren, er endet

in Heidelberg. Er endet wie kein andrer deutscher Fluß: in einem

Märchenglanz von Schönheit.

Schweigend stiegen sie weiter bergauf und traten durch das alte Thor

von rotem Sandstein in den Schloßgarten.

Ein paar Fremdenführer gähnten am Eingang, aber drinnen unter den

alten, epheuumsponnenen Bäumen war alles still und einsam. Die fremden

Besucher weilten um diese Mittagsstunde unten in ihren Hotels, die

Studenten sitzen zur gleichen Stunde in der Stadt beim Frühschoppen,

und die Heidelberger selbst haben nicht Zeit, mittags umherzubummeln.

Ein Eichkätzchen sprang vor ihnen durch den Epheu, sonst rührte sich

nichts ringsum. Und schweigend gingen sie weiter, über die Brücke in

den Schloßhof, hinaus auf den Altan, zurück an dem zerschossenen Turme

vorbei, die Balustraden entlang.

Der Doktor sprach bisweilen einige Worte, aber der Prinz antwortete

einsilbig oder nickte nur stumm.

Erst nach geraumer Zeit, in der der Doktor im Gehen sich gelobt hatte,

jeden Tag heraufzukommen und damit seiner Kurzatmigkeit zu steuern,

sagte Karl Heinrich:

»Wir wollen eine Flasche Wein trinken – haben Sie Lust?«

Ja, der Doktor hatte Lust.

»Nehmen Sie eine Zigarre?«

»Ja, danke.«

So saßen sie unter dem grünen Dach der alten Bäume, tranken und

rauchten. Sie sprachen einiges über das Schloß und den schönen Tag,

dann versanken sie beide wieder in Schweigen.

Die Sonne, die durch die Blätter blinzelte, die große Stille ringsum,

der Wein, die Zigarre – alles wirkte auf den Doktor nach dem für seine

Verhältnisse anstrengenden Marsch einschläfernd. Er versuchte, der

Hypnose zu widerstehen, aber das gelang ihm mit großer Anstrengung

nur zweimal; beim dritten Male öffneten sich die widerspenstigen

Augendeckel nicht mehr.

Erst nach einer Weile merkte Karl Heinrich, als er etwas

Gleichgültiges fragte und keine Antwort bekam, daß sein Begleiter

wieder einmal eingeschlafen war.

Er lächelte, er war ihm nicht böse – nein, im Gegenteil.

Er lehnte sich weit zurück in seinen Stuhl, den Ellbogen auf den Tisch

und den Kopf in die Hand gestützt.

War er je im Leben so glücklich gewesen? Nie! Tausend Eindrücke waren

gestern und heute auf ihn eingestürmt, aber kein Mißton fand sich

dazwischen, sie klangen alle harmonisch zusammen in einen einzigen

Glücksaccord. – Käthie, Freiheit, Heidelberg, der Neckar, das Schloß,

der Frühling, die goldene Zukunft – ein einziger Strom von Freuden, ein

einziger Rausch.

Käthie – er nahm das silberne Armband und ließ es in der Sonne glitzern.

›Ob sie sich darüber freut? Ob ich ihr ein besseres kaufen soll?‹ Er

legte das Ding um sein Handgelenk und nahm es nicht wieder ab. Ihm war,

als ob Käthie das Band schon einmal getragen hätte, als ob es gleichsam

ein Stück von ihr sei, etwas Greifbares, das sie ihm näher brachte.

[Illustration: Er nahm das silberne Armband und ließ es in der Sonne

glitzern.]

Da drang in die Mittagsstille ein Lärm; zehn, zwölf Studenten mit

dunkelblauen Mützen kamen durch den Garten, riefen den Kellner,

bestellten Bier und brachten zusammen mit den drei großen Kötern einen

solchen Skandal in den Garten, daß sogar der Doktor sich unruhig

bewegte und aufwachen zu wollen schien.

»Kellermann!«

»Jawohl!«

»Kellermann, sorgen Sie dafür, daß Bier kommt!«

»Schön!«

»Kellermann!«

»Was?«

»Der Kellner soll die Speisekarte mitbringen!«

»Schön!«

»Kellermann!«

»Was?«

»Er soll auch Zigarren mitbringen!«

»Schön!«

Dieser Kellermann kam darauf ohne sonderliche Eile an Karl Heinrich

vorüber, ging in die Wirtschaft und erschien nach einiger Zeit als

Assistent des Kellners mit Bierseideln.

»Kellermann!«

»Was?«

»Der verdammte Köter läuft über die Blumenbeete – fangen Sie ihn!«

»Schön!«

Aber Kellermann fing ihn nicht, sondern pfiff nur. Mit einer total

verrosteten Stimme rief er ein paarmal: »He, hierher!«, und als das

nichts fruchtete, gab er den Versuch auf.

»Kellermann!«

»Was?«

»Holen Sie drei Postkarten.«

»Schön!«

Er kam zum zweitenmal an Karl Heinrich vorbei, der ihn nun genauer

betrachtete. Er trug eine Art Uniformrock und eine Portiermütze

dunkelblauer Farbe, seine ganze äußere Erscheinung sollte ohne Frage

auf eine Stellung als Diener hinweisen, aber nie hatte jemand –

wenigstens nach Karl Heinrichs wohlgeschulten Begriffen – weniger

Aehnlichkeit mit dem Typ eines solchen. Er ging beständig in einem

kleinen Trab, ohne schneller von der Stelle zu kommen als andre Leute,

die ihre Wege in ruhigem Schritt zurücklegen, seine Nase war blaurot,

und der Schnurrbart, den er im Gegensatz zu andern glattrasierten

Dienern trug, hing melancholisch-jämmerlich nach beiden Seiten. Die

Augen hatten etwas Trauriges, sie schienen immer nur geradeaus zu sehen

und alles, was rechts und links lag, absolut unbeachtet zu lassen. Er

sah auch Karl Heinrich nicht an, obwohl er zweimal ganz dicht an ihm

vorbeitrabte.

›Welch ein merkwürdiger Mensch,‹ dachte der Prinz, aber seine

Aufmerksamkeit richtete sich weniger auf diesen als auf die Studenten.

[Illustration: Sie tranken trotz der frühen Morgenstunde gehörige

Quantitäten Bier.]

Sie saßen so entfernt, daß er nur ihr lautes Lachen hörte oder das

häufige »Kellermann«-Rufen, immerhin konnte er sie in Muße beobachten.

Sie trugen sämtlich Mütze und Band in den Sachsenfarben, das war

das einzige, was sie als Studenten kennzeichnete. Nichts an ihnen

erinnerte an die alten, traditionellen Studentenfiguren, wie sie zu

jener Zeit – Ende der siebziger Jahre – noch in den Büchern oder auf

den Theaterbrettern umherspukten. Kein Schnürrock, keine Kanonenstiefel

und keine Tabakpfeife, elegante Jungens, die sich auch ohne jene

halbvergessene Vermummung ihres Studententums offenbar außerordentlich

freuten.

Sie tranken trotz der frühen Morgenstunde gehörige Quantitäten Bier, es

war amüsant und lustig, sie zu beobachten.

Irgend etwas regte sich in dem Prinzen, eine Sehnsucht, ein

nie gekanntes Gefühl der Einsamkeit. Er blickte auf den dicken

Regierungsrat, der mit seiner erloschenen Zigarre schlief und plötzlich

so merkwürdig alt aussah. Gewiß, der Doktor war ein guter Kerl, mit

dem Karl Heinrich seit vielen Jahren in bester Weise harmoniert hatte.

Dieser Doktor war der erste und einzige gewesen, der in die stickige

Luft des Karlburger Schlosses einen frischen Zug und in des Prinzen

kalte Jugend einen Hauch von Lebensfreude gebracht hatte, aber ...

In dieser Stunde begriff Karl Heinrich! Daß man ihn daheim in Karlburg

betrogen hatte, um seine ganze Jugend! Bediente, die mit ihm spielen

mußten, Bediente, mit denen er spazieren ritt, Bediente jahraus

jahrein, von früh bis spät, ewig nur bezahlte Leute!

Bis gestern war er ja überhaupt blind gewesen! Er hatte nichts vom

Leben gewußt, gar nichts! Man hatte ihn gefangen gehalten, in einem

goldenen Käfig, wie ein Tier, das dressiert werden soll.

Ein großer, hübscher Junge ging an ihm vorbei: »Kommen Sie mit,

Kellermann, wir wollen eine Bowle ansetzen, Maibowle.«

»Schön!«

Mit müden, glanzlosen Augen sah der Prinz ihm nach. Er wird immer

allein bleiben, zeitlebens.

Da kam der Kellner hastig hergelaufen und tippte dem erstaunten Prinzen

formlos auf die Schulter:

»Sehen Sie mal hin! Der Herr, der da allein kommt! Das ist Herr von

Scheffel!«

»Wo?«

»Da!«

»Doktor!« Karl Heinrich rüttelte den Schläfer. »Wachen Sie mal auf!«

»Was –? Was?!«

»Da kommt Scheffel. So wachen Sie doch auf!«

»Ja, ja –«

Also das war er. Der den Ekkehard gedichtet hatte. Und die

Rodensteinlieder!

Der Kellner war mittlerweile auch zu den Studenten hinübergelaufen mit

der gleichen Mitteilung, die an dem langen Tisch Sensation machte.

Herr von Scheffel war damals in seinem lieben Heidelberg ein ziemlich

seltener Gast, manche der jüngsten Studenten hatten ihn nie gesehen.

Da kam er!

Irgend einer schien den andern etwas zuzurufen, dann stellten sich alle

zwölf um ihren Tisch in Reihe und:

»Wohlauf, die Luft geht frisch und rein

Wer lange sitzt, muß rosten!

Den allersonnigsten Sonnenschein

Läßt uns der Himmel kosten ...«

Das fröhliche Wanderlied scholl seinem Dichter mit einer Begeisterung

entgegen, wie sie dem Liebling von Heidelberg nur aus zwölf jungen

Kehlen an einem solchen Frühlingstag zujauchzen konnte.

Er lächelte, und als die zwölf blauen Mützen der Corpsstudenten den

alten Burschenschafter grüßten, zog er seinen Hut und ging dankend

vorüber.

Und wie die Studenten thaten, so that Karl Heinrich: er nahm den Hut ab

und grüßte tief.

Der Dichter lächelte auch ihm zu und dankte.

Langsam ging er weiter, bis er allmählich in den Büschen des

Parks verschwand. Lange noch begleitete ihn das Lied, bis es

jubelnd-übermütig ausgeklungen war:

»Hallaho: die Pforten brech’ ich ein

Und nehme, was ich finde.

Du heiliger Veit von Staffelstein,

Verzeih mir Durst und Sünde!«

»~Cantus ex est!~ Ein Schmollis dem Dichter!«

Die Gläser klirrten auf den Tisch. –

* * * * *

Es war nachmittags fünf Uhr, als der Oberkellner im Hotel zum »Prinzen

Karl« nach zweistündigem Diner Seiner Durchlaucht und dem Herrn

Regierungsrat den Nachtisch servierte.

[Illustration: Der Dichter lächelte auch ihm zu und dankte.]

Sie saßen beide einsilbig und abgespannt. Die neugierigen Blicke der

Hotelgäste, die devoten Kellner, das einförmig endlose Diner – alles

wirkte nach den vorhergehenden Stunden fad und wie ein schlechter

Abklatsch der Karlburger steifen Langeweile. Der erste große Rausch der

Freiheit war für beide vorüber.

Der Piccolo kam mit einer Visitenkarte und überreichte sie flüsternd

dem Regierungsrate:

»Der Herr ist draußen, er bittet freundlich, ob er den Herrn

Regierungsrat einen Augenblick sprechen könnte.«

»Mich?« Der Doktor war erstaunt und drehte die Karte hin und her:

»Konrad von Gräbenitz, ~stud. jur.~ Wer ist das, den kenne ich nicht.

Was will der Herr?«

»Er bittet freundlichst, ob er den Herrn Regierungsrat einen Augenblick

sprechen könnte.«

»Ja, das höre ich.«

»Fragen Sie doch, was er will, Doktor,« sagte Karl Heinrich gleichmütig.

»Ja, is gut. Ich käme gleich.«

Der Doktor stand etwas verdrießlich auf, denn im Gegensatz zu andern

Leuten war er nach jedem Diner schlechter Laune, weil er sich mit Recht

sagte, daß er, wie immer, zu viel gegessen hatte.

Im Rauchzimmer traf er den Herrn, einen sehr eleganten jungen Mann,

dessen Gesicht wie ein Beefsteak zerhackt war.

»Mein Name ist Regierungsrat Jüttner.«

»von Gräbenitz.«

»Bitte, nehmen Sie Platz.«

»Ich habe mir die Freiheit genommen, Herr Regierungsrat, meine Karte

heute mittag in Ihrer Wohnung abzugeben, man sagte mir dort, daß ich

Sie hier antreffen würde.«

»Ja ja.«

»Meine Bitte, Herr Regierungsrat, geht dahin, daß Sie die große

Liebenswürdigkeit haben möchten, mich Seiner Durchlaucht vorzustellen.«

»Dem Erbprinzen?«

»Ich bitte darum.«

»Und – e – was, und – e – weshalb? –«

»Ich möchte Seiner Durchlaucht im Auftrage meines Corps die Bitte

vorlegen, ob Seine Durchlaucht unserm Corps die Ehre geben würde, heute

abend dem Kommers beizuwohnen.«

»Ach so!« Er lächelte. Das hätte er sich gleich denken können. Denn was

ist im Anfang des Semesters für die Verbindungen wichtiger, als neue

Mitglieder »keilen«! Gottesfürchtig und dreist sein, das ist bei diesem

und jenem Werbemetier die Hauptsache. Und gleich einen Prinzen fangen!

Das wäre ein hübscher, fetter Bissen.

Was würde man in Karlburg dazu sagen, wenn Karl Heinrich, der Erbprinz,

in einer Studentenkorporation Mitglied würde! Freilich thun das sogar

die preußischen Prinzen und Thronfolger in Bonn, aber was man in Berlin

zu erlauben beliebt, braucht deshalb für Karlburg noch längst nicht

maßgebend zu sein. Im Gegenteil.

Karl Heinrich · 第 2 / 8 段