Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter
Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter
Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
dargestellt=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
Karl Heinrich
[Illustration: Wilhelm Meyer-Förster]
[Illustration]
Von =Wilhelm Meyer-Förster= ist im gleichen Verlage erschienen:
=Süderssen.= Roman. _Vierte Auflage._ Geheftet M. 3.—; eleg.
geb. M. 4.—
=Heidenstamm.= Roman. _Sechste Auflage._ Geheftet M. 3.—;
elegant gebunden M. 4.—
=Derby.= Roman. _Dritte Auflage._ Geheftet M. 3.—; eleg.
gebunden M. 4.—
=Die Fahrt um die Erde.= Roman. Geheftet M. 3.—; elegant
gebunden M. 4.—
[Illustration]
[Illustration]
Jubiläumsausgabe
zur 1000. Aufführung von
»Alt-Heidelberg«
[Illustration]
Die nachstehende Erzählung
Karl Heinrich
bildet die Grundlage zu Wilhelm Meyer-Försters
Alt-Heidelberg
Schauspiel in fünf Aufzügen
[Illustration]
Karl Heinrich
Erzählung
von
Wilhelm Meyer-Förster
Illustriert von Adolf Wald
Mit dem Bildnis des Dichters
17. bis 21. Tausend
[Illustration]
Stuttgart und Leipzig ... 1903
Deutsche Verlags-Anstalt
Alle Rechte,
inbesondere das Recht der Uebersetzung in andere Sprachen,
vorbehalten.
Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
Papier und Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart.
Erstes Kapitel.
Der »Regierungsanzeiger«, der an jedem Sonnabend in Karlburg erscheint,
ein kleines Blatt in Quartformat, auf einem merkwürdig veralteten
Papier gedruckt, brachte am 18. April folgende Mitteilung:
»Seine Durchlaucht der Erbprinz hat am Mittwoch in Gegenwart
Seiner Durchlaucht des Fürsten, Seiner Excellenz des
Staatsministers von Brandenberg, sowie Seiner Excellenz
des Wirklichen Geheimen Oberregierungsrats Baer, unter
persönlicher Assistenz des Schulrats ~Dr.~ Finke, des Herrn
Gymnasialdirektors Professor Schneidewind, sowie des gesamten
Lehrerkollegiums des Fürstlichen Franz Georg-Gymnasiums
nach eingehender und überaus umfassender Prüfung das
Abiturientenexamen bestanden. In den Fächern: Griechisch,
Lateinisch, Deutsch, Französisch, Englisch wurde die Note I
erteilt, in Mathematik und Naturwissenschaften die Note II
~a~ (gut), in Religion, Geschichte und Geographie die Note
I–II (recht gut). Die Gesamtnote lautete I, gleich: ~summa
cum laude~. Am 1. Mai wird Seine Durchlaucht der Erbprinz die
Universität Heidelberg für die Dauer eines Jahres beziehen.
Als Begleiter wurde von Seiner Durchlaucht dem Fürsten Herr
~Dr. phil.~ C. Jüttner bestimmt, der seit acht Jahren die
wissenschaftliche Ausbildung Seiner Durchlaucht des Erbprinzen
geleitet hat. Herr ~Dr. phil.~ Jüttner hat aus Anlaß des so
überaus glänzend bestandenen Examens von Seiner Durchlaucht dem
Fürsten die Ernennung zum Regierungsrat erhalten.«
Am 30. April, einen Tag vor der Abreise, wurde der neue Regierungsrat
von Seiner Durchlaucht dem Fürsten zur Audienz befohlen. Mit seinem
grämlichen, vorzeitig gealterten Gesicht saß der Fürst schlaff vor dem
großen Schreibtisch, in einem kleinen Sessel ihm gegenüber der Erbprinz.
»Sie kennen meine Anschauungen, Herr Regierungsrat: ich wünsche die
wissenschaftliche Ausbildung meines Neffen in derselben ernsten Weise
fortgeführt wie bisher. Der Prinz wird nach Ablauf des Studienjahrs
als Offizier bei den Gardehusaren in Potsdam eintreten; bis dahin
will ich, daß der Erbprinz in strenger, gemessener Arbeit seine
Studien fortsetzt. Das Universitätsjahr soll für Seine Durchlaucht
so aufgefaßt werden, daß dasselbe nicht dem Vergnügen, sondern der
wissenschaftlichen Ausbildung gehört. Unter seinen militärischen
Kameraden und Standesgenossen zu Potsdam wird der Prinz Gelegenheit
finden, in angemessener Form die Freiheiten des Lebens kennen zu
lernen; bis dahin wünsche ich, daß Studium und Lebensweise denselben
geregelten Gang nehmen wie bisher. Haben Sie mich verstanden?«
[Illustration: Der Fürst saß vor dem großen Schreibtisch.]
Der kleine Doktor verneigte sich so tief, daß sein Orden, das Kreuz von
Sachsen, in rechtem Winkel von seiner Brust niederhing.
Dann neigte er sich noch ein zweites Mal – er war entlassen.
Er ging durch die langen, dunkeln Gänge nach dem rechten Flügel
des Schlosses, wo seine zwei Zimmer neben denen des Prinzen lagen.
Ein Moderduft, wie er alten Schlössern eigen ist, lagerte dumpf in
diesen düsteren Gängen, und die Aprilsonne, die durch die fliegenden
Regenwolken bisweilen leuchtete, brach durch die niedrigen Bogenfenster
nur in schwachen, dünnen Streifen. Wie lautlose Schatten glitten die
Lakaien auf den verwitterten Teppichen durch die Korridore; nur wenn
sie an den Fenstern vorbeihuschten, schimmerten ihre dunkeln Gestalten
eine Sekunde lang in Not und Gold.
An der Turmseite wurden die Gänge noch düsterer, die Quaderwände noch
dicker, die Fenster klein wie Schießscharten und die Luft so schwer,
daß der Regierungsrat kaum atmen konnte. Er war ein Freund von echten
Bieren, aber diese Biere hatten die Freundschaft schlecht belohnt und
ihn – namentlich seit einigen Monaten – so korpulent werden lassen, daß
er an Asthma litt.
»Heidelberg wird dir gut thun,« sagte sein Freund, der ~Dr. med.~
Schneider; »da wirst du endlich wieder spazieren laufen und Berge
steigen.«
»Ja, Heidelberg wird mir gut thun!« seufzte der Herr Regierungsrat seit
vielen Wochen.
Er war fünfunddreißig Jahre alt, aber er sah aus wie ein Vierziger.
»Mein Unglück war,« sagte er oft, »daß ich an den Hof kam. Was war ich
für ein lustiger, freier Mensch, und was bin ich geworden! Die Ideale
sind futsch, die Freiheit ist futsch und die Gesundheit auch. Sie haben
mich da im Schloß erstickt.«
Seine Freunde lachten ihn dann aus:
»Dieser Doktor! Der ein Leben führt wie der Herrgott in Frankreich!
Während andre Schulmeister hungern, diniert er, kauft alle Jahre
Wertpapiere und bekommt Orden!«
Aber er winkte trübe ab:
»Nein, nein, es ist schon so. Sie haben mich da oben erstickt.«
Und nun endlich waren diese greulichen acht Jahre vorbei! Er setzte
sich in Frack und Orden auf seinen bequemen Lehnstuhl, trank einen
»Cusinier jaune« und faltete die Hände über der weit gespannten Weste.
Vor ihm standen die zwei großen, vollgepackten Koffer, die nur noch den
Frackanzug aufzunehmen brauchten, ehe der Lakai sie schloß.
Diese lieben zwei Koffer! Symbole der Freiheit!
Und Heidelberg! Morgen schon!
Keine Diners mehr mit der grauen Langweile, keine Kammerherren
und Staatsminister, vor denen man stets etwas erschrickt, keine
Lakaiengesichter, Kutschergesichter, nichts mehr von diesem großen,
schauderhaften Schlosse, in dem der Mensch das Atmen verlernt.
Nur noch Karl Heinrich, der mit hinauszog.
Karl Heinrich, der Erbprinz.
»Wenn dieser Junge nicht gewesen wäre, ich hätte es nicht ausgehalten.«
Vor ihm auf dem Arbeitstisch standen fünf oder sechs Photographien
in vergoldeten Rahmen, die alle in raschen, langen Schriftzügen eine
Widmung trugen: »Seinem verehrten Lehrer – Karl Heinrich« – »Seinem
guten Freunde ~Dr. phil.~ C. Jüttner – Karl Heinrich« – »Seinem treuen
Mentor – Karl Heinrich.«
Das erste Bild zeigte einen pausbäckigen Jungen in Reitanzug, etwa
zwölf Jahre alt, ein hübsches, frisches Gesicht mit zwei großen Augen
wie die eines Mädchens; die andern waren aus späteren Jahren. Das
Gesicht schien da schmaler geworden, unfroher, die Haare lockten sich
nicht mehr, sondern waren militärisch kurz geschnitten.
Er nahm ein Bild nach dem andern in die Hand, und mit diesen Bildern
zogen noch einmal die acht Jahre an ihm vorbei, ihr ganzer langweiliger
Inhalt: Dinieren, Bücklinge machen, wenig Arbeit und verteufelt wenig
Freuden, Neid der Kollegen, viele neue Fräcke, viele neue weiße
Westen, ein Orden, ein vornehmer Titel, Spazierenfahren, Gähnen und
als Resultat eine Herzverfettung. Dieselbe Krankheit, an der die
unglücklichen Straßburger Gänse leiden.
»Geh nach Tisch zwei Stunden spazieren,« das predigte sein Freund
ihm jeden Tag, und jetzt – er sah nach der Uhr, die in der prallen
Weste wie eingekeilt ruhte – war es Zeit, diese langweilige Wanderung
anzutreten.
Aber der arme Regierungsrat fand nicht die Kraft zu dieser
Selbstüberwindung.
›Erstens kann es jeden Augenblick regnen,‹ dachte er, ›und zweitens hat
es wirklich keinen Zweck, an diesem letzten Tage sich noch abzuquälen.
In Heidelberg wird das alles anders, da läuft man den ganzen Tag. Wenn
ich mich in Heidelberg in acht nehme, nicht viel esse, nicht viel
trinke und mit Karl Heinz durch die Berge steige, werde ich vielleicht
noch einmal gesund.‹
In dem offenen Kamin prasselte ein leichtes, aprilgemäßes Holzfeuer,
in dem warmen, weichen Sessel saß es sich unendlich behaglich, er
schloß die müde blinzelnden Augen. Dann öffnete er sie noch einmal
und richtete sich halb auf in der plötzlichen Erwägung, daß er beim
Schlafen den Frack zerdrücke und lieber die bequeme Sammetjoppe
anziehen wolle, aber er war schon zu müde.
»Der Frack wird in Heidelberg aufgebügelt.«
Als der Erbprinz eine halbe Stunde später in des Doktors Zimmer
kam, fand er ihn schwer schnarchend. Er lächelte und breitete die
grüne Decke, die eine Tante des Regierungsrats diesem zum Geburtstag
gestrickt hatte, über die Kniee des Schlafenden.
[Illustration: Der Erbprinz fand den Doktor schwer schnarchend.]
Leise, auf den Zehen ging er wieder hinaus.
Und der Doktor träumte, er wäre am Neckar wieder so dünn und hager
geworden wie einst vor fünfzehn Jahren, als er auf Schusters Rappen in
Jena einzog.
* * * * *
Der Kurierzug hält in Karlburg nur, wenn hohe und höchste Herrschaften
denselben zu benutzen beabsichtigen.
Als er pfauchend mit seiner riesigen Lokomotive in die offene
Halle fuhr, öffneten die Lakaien die schweren Eichenthüren des
Fürstenzimmers, und der Fürst trat in Generalsuniform, auf den Arm
seines Neffen gestützt, langsam auf den Perron. Zweimal umarmte er den
Prinzen, dann lehnte er sich, als der Prinz in ein Coupé erster Klasse
gestiegen war, schwer auf den sofort dargebotenen Arm eines Kammerherrn.
Die Thüren der Waggons, aus deren Fenstern die neugierigen Gesichter
der Reisenden schauten, wurden geschlossen, der Bahnhofsvorsteher in
roter Mütze und weißen Handschuhen gab auf einen Wink des Hofmarschalls
ein Zeichen, der Zugführer pfiff, die Lokomotive antwortete, und
langsam, wuchtig setzte sich der schwere Zug von neuem in Bewegung.
Karl Heinrich stand am Fenster und verneigte sich ein letztes Mal
ehrerbietig vor dem Oheim. Eine kurze Weile sah er noch die Offiziere
und Kammerherren, die mit der Hand an der Mütze oder mit abgezogenem
Hute ihn grüßten, darauf die Gepäckträger und ein paar Arbeiter, die am
Ende des Bahnhofs sich militärisch stramm aufstellten, dann atmete er
tief auf.
[Illustration: Karl Heinrich stand am Fenster.]
Aber er blieb noch am Fenster, während der Doktor seinen Cylinder
in eine Hutschachtel packte und eine grün-blau karierte Reisemütze
hervorsuchte.
Karlburg verschwand, eine Weile fuhr der Zug durch den Langenhagener
Wald, jetzt flogen die Dörfer Rotenberg und Hude vorbei, und nun – der
Prinz kannte die Stelle genau – sauste der Kurierzug über die Grenze.
Noch einmal atmete er tief auf.
Dann sah er sich um nach seinem Begleiter, der beschäftigt war, die
gelbe Ledertasche zu durchstöbern.
Er lachte: »Sie suchen wohl schon den Wein, Doktor?«
»Nein, den hab’ ich. Ich suche den Korkzieher, ich bin wie verdurstet.«
Eine Weile unterhielten sie sich, aber des Doktors Konversation hatte
den Fehler, daß sie, mochte man sprechen, über was man wollte, stets
in einem Bogen auf seine eigne Person lenkte. Er holte aus seinem
Ueberrock eine orangefarbene Broschüre: »Die Naturheilmethode bei
Verfettungskrankheiten und Fettleibigkeit« und zeigte dem Prinzen
einige blau angestrichene Stellen:
»Nach der Methode lebe ich von jetzt an. Keine Butter, kein Fett, kein
Oel, kein Reis, keine Rüben und was da sonst noch verboten ist. Lesen
Sie, bitte, die Stelle durch. In Heidelberg wird das durchgeführt,
strikt.«
Karl Heinrich, der so schlank war wie ein gut gewachsener junger
Baum, hatte alle Bücher und Schriften über des Doktors Krankheit
durchstudiert, so that er ihm auch jetzt den Gefallen und las die
unendlich langweiligen Rezepte.
»Morgens eine Tasse Kaffee oder Thee mit etwas Milch und 75 Gramm Brot.
Mittags 100 Gramm Suppe, 200 Gramm gesottenes Rindfleisch, 25 Gramm
Brot. Abends ein bis zwei weiche Eier und so weiter.«
Aber schließlich wurde ihm die Sache fad.
»Zum Kuckuck, Doktor, das ist gegen die Verabredung! Zum wenigsten
heute, wo es nach Heidelberg geht!« Er schlug ihm derb auf die
Schulter. »Wir beide allein, und niemand, der einen kujonieren kann!
Man kann’s noch gar nicht begreifen, daß das jetzt wirklich _ist_! Wenn
Sie das Buch nicht wegstecken, werf’ ich’s aus dem Fenster.«
Der Doktor lächelte etwas wehmütig.
»Ja, ja, Karl Heinrich.«
Merkwürdig: die große Freude, die er seit Monaten und Wochen auf diesen
Erlösungstag zusammengedrängt hatte, wollte nun, da der Tag und die
Freiheit gekommen waren, sich nicht einstellen.
›Es ist zu spät,‹ dachte er, ›das hätte ein Jahr eher kommen müssen. In
Heidelberg wird Karl Heinz mich begraben.‹ Und während der Prinz wieder
am Fenster stand, rollten über des Regierungsrats dicke Wangen zwei
Thränen, die er mit dem Handrücken fortwischte.
»Wie das schnell geht,« sagte der Prinz; »es ist enorm. Sehen Sie nur
mal her, das saust alles vorbei. Da, ein Storch! Da, in der Wiese!
Rasch doch, sehen Sie! Rasch doch!«
Der Doktor that ihm den Gefallen und blickte hinaus, aber sah keinen
Storch, das Tier war ihm auch durchaus gleichgültig.
»Ich könnte den ganzen Tag am Fenster stehen, wenn das alles so
vorbeifliegt. Dörfer und Berge, die man nie gesehen hat. Sehen Sie die
Mühle da? Famos.«
Karl Heinrich war aufgeregt wie ein Kind, das seine erste
Eisenbahnfahrt macht. Ein einziges Mal in seinem Leben hatte er
eine größere Reise ausführen dürfen, mit seinem Oheim an den Hof zu
Dresden, aber das war zehn Jahre her. In Karlburg benutzte man die
Eisenbahn selten, denn in dem kleinen Fürstentum brachten gute Pferde
einen schneller ans Ziel als die Eisenbahnen mit ihrem verzwickten
Sekundärbetrieb.
Und auf allen Bahnhöfen fremde Gesichter, Engländer, Offiziere, ein
Drängen und Hasten, nichts von der feierlichen Ruhe, wie sie daheim im
Schloß zu Karlburg herrschte.
In Eisenach und Bebra kam Herr Lutz, der Kammerdiener, ans Coupé,
um mit abgezogenem Hute sich nach Seiner Durchlaucht Wünschen zu
erkundigen; er that das so auffällig, daß die Fremden von allen Seiten
her den Prinzen anstarrten.
Heftiger als es seine Art war, sagte Karl Heinrich: »Lassen Sie das,
bleiben Sie in Ihrem Coupé, ich will das nicht. Ich wünsche zu reisen,
ohne aufzufallen.«
[Illustration: In Eisenach und Bebra kam Herr Lutz ans Coupé.]
Er wunderte sich selbst über seine Kühnheit, denn Herrn Lutz
anzufahren, war in der That eine Kühnheit. Herr Lutz war bisher nicht
mehr und nicht weniger als zweiter Kammerdiener Seiner Durchlaucht des
Fürsten gewesen, hochangesehen bei allen Kavalieren, gefürchtet bei der
niederen Dienerschaft, umworben von allen denen, die mit Bittgesuchen
dem Fürsten nahten. Seine Ernennung zum Kammerdiener des Erbprinzen war
allgemein so gedeutet worden, daß damit für Herrn Lutz eine Art Mission
gegeben war, eine Vertrauensstellung, in der es sich darum handelte,
dem jungen Prinzen in der Fremde nicht nur zur Seite zu stehen, sondern
auch dessen Lebensführung in die richtigen Bahnen zu leiten.
Herr Lutz verfärbte sich und schien einen Moment seine Fassung
verlieren zu sollen; dieser ganz unmögliche Fall trat indessen nicht
ein. Er verneigte sich und ging.
Aber zwei Stunden später in Frankfurt empfand man es doch unangenehm,
daß Lutz unsichtbar blieb, denn Karl Heinrich sowohl als der Doktor
hatten Hunger und Durst. Was thun?
»Sehr einfach,« sagte der Doktor, »wir gehen selbst.«
»Selbst?«
»In den Wartesaal. Wir haben zwanzig Minuten Zeit.«
»Aber –«
»Was denn? Das ist doch ganz selbstverständlich.«
»Na ja ...«
Am Büffett herrschte ein unerhörtes Gedränge, dem Doktor trat jemand
auf die Hühneraugen, und einige Augenblicke waren die beiden getrennt.
Jetzt gab es von hinten einen Puff, daß Karl Heinrich bis an das
Büffett flog; im nächsten Moment rief ihn jemand an:
»Mein Herr, was wünschen Sie?«
Er war total verwirrt, aber das junge Ding am Büffett, ein rundes Mädel
mit kohlschwarzen Augen, wurde ungeduldig.
»Bitte, wählen, mein Herr, die andern Herrschaften warten! Würstel?
Oder kaltes Kotelett?«
Er sah sich um nach dem Doktor, ganz fassungslos, dann griff er auf
gut Glück nach den Würsteln, zwei fettigen Dingern, die in ein Papier
notdürftig verpackt waren.
»Vierzig Pfennig.«
Er faßte in die Tasche, dann in die andre Tasche, in noch eine –
nirgends Geld!
»Vierzig Pfennig, mein Herr!«
»Ja, ja –« Er suchte verzweifelt.
Irgend jemand hinter ihm schrie: »Zum Donnerwetter, kommt man denn gar
nicht ’ran?!« – alle drängten, stießen, riefen nach Bier, es war zum
Verrücktwerden. Nie in seinem Leben war der Prinz in einer solchen Lage
gewesen, – in der linken Hand hielt er die Würstel, mit der rechten
suchte er, und dabei fühlte er, wie er vor Scham und Verlegenheit
blutrot wurde.
[Illustration: Er faßte in die Tasche – nirgends Geld!]
Das kleine Fräulein hatte ein menschliches Rühren, denn der hübsche
Junge gefiel ihr:
»Nehmen Sie nur die Würstel mit, bringen Sie ’s Geld nachher.«
Da endlich klemmte sich der Doktor durch die Menge und bezahlte.
Mühsam quetschten sie sich den Weg zurück, dann nahmen sie an einem der
ungedeckten Tische Platz und schlangen hastig und ohne aufzusehen die
heißen Bissen hinunter.
»Wohin fahren die Herren?« fragte der Portier, in der Hand eine große
Glocke.
»Nach Heidelberg.«
»Haben S’ noch Zeit, noch Viertelstunde, wird abgerufen.«
»Hier haben Sie ein Glas Bier!« rief der Doktor ihm nach, der drei Glas
Bier von dem Brett des Kellners nahm. Der Portier kam wieder an den
Tisch, dankte und trank:
»Prost, auf den Herren ihr Wohl. Der junge Herr ist wohl Student? In
Heidelberg.«
»Stimmt,« sagte der Doktor, der jetzt in glänzender Laune war.
»Denn glückliche Reise!«
»Danke!«
Der Prinz saß wie in einem Traum. Er nahm eine von des Doktors Zigarren
und blies den Rauch in die Luft. Ohne zu fragen oder zu grüßen, kamen
zwei Herren an den Tisch und setzten sich hart neben ihn; alles
hier war formlos, jeder ging, kam, rief, wie er Lust hatte, keiner
kümmerte sich um den andern. Am Nebentisch saß ein Dutzend Backfische
mit ihrer Pensionsmama, die eine Freundin zur Bahn geleiteten. Alle
zwölf schienen ihre Aufmerksamkeit auf ihn – Karl Heinrich – zu
konzentrieren, aber keineswegs ehrfürchtig wie die Karlburger jungen
Damen, sondern mit schelmischen kleinen Blicken und darauffolgendem
Lachen und Tuscheln.
[Illustration: »Prost, auf den Herren ihr Wohl!«]
»Was, das ist hier ein Leben?« sagte der Doktor. »Lustig, was?«
Und der Prinz nickte.
Niemand außer den zwölf Backfischen beachtete ihn, keiner kümmerte sich
um ihn, ein großer, feister Herr stieß an seinen Stuhl, ohne sich zu
entschuldigen.
»Kellner,« rief der Doktor, »noch zwei Glas! Aber rasch!«
Verstohlen, schüchtern musterte Karl Heinrich seinen Begleiter von der
Seite. Wie dieser Doktor sich in dem Wirrwarr zurechtfand! Ueberhaupt,
der war gar nicht wiederzuerkennen! Als ob der Doktor in Karlburg
ewig gefroren gewesen sei und jetzt auftaue. Bier war ihm nach der
medizinischen Broschüre streng verboten, und nun trank er es doch,
gleich zwei, drei Glas in zehn Minuten.
Der Doktor stand auf:
»’s wird Zeit. Dies Frankfurt ist eine liebe Stadt. Nächste Woche
fahren wir beide mal wieder her und machen uns einen lustigen Tag. Das
ist von Heidelberg ein Katzensprung.«
Als sie schon im Coupé saßen, kam das Pensionat und promenierte auf
dem Bahnsteig hin und her. Und als der Zug sich in Bewegung setzte,
blickten alle zwölf ihm nach, und eines der Fräulein nahm sogar sein
Taschentuch und winkte – im Gefühl der sicheren Trennung – Karl
Heinrich zu: »Adieu!«
»Das sind Frauenzimmer, diese rheinisch-mainischen Mädels!« lachte der
Doktor. »Andre Rasse als bei uns.«
Frankfurt verschwand, der Doktor kramte in der Ledertasche, und Karl
Heinrich stand wieder am Fenster, die heiße Stirn gegen die kalte
Scheibe gedrückt.
[Illustration: Eines der Fräulein nahm sogar sein Taschentuch und
winkte.]
Mädchen – Frauen – auch das war ein neuer Begriff in seinem Leben.
Wie man ihn in allem klösterlich erzogen hatte, fern von seinen
Altersgenossen und fern von jedem, was nicht mit dem Hofleben im
engsten Zusammenhang stand, so auch selbstverständlich fern von allem,
was Weib hieß. Der Fürst war Witwer, kinderlos, die Hoffestlichkeiten
beschränkten sich seit Jahren auf ein bescheidenes Maß, der Hof
zu Karlburg war seit einem Dezennium nicht viel mehr als ein
Junggesellenhaushalt großen Stils.
Die Dämmerung zog über die weite Rheinebene, und als der Zug Darmstadt
passiert hatte, lagen die Dörfer der Bergstraße im Dunkel der Nacht.
Hin und wieder blitzten Lichter vorbei, und irgendwo da hinten
im Westen, keine Stunde entfernt, floß der Rhein. Der Rhein!
Süddeutschland! Rechts, hart vorbeistreifend, die Berge des Odenwalds!
Bisher lauter Geographiebegriffe, jetzt nahe zum Greifen!
In rasender Schnelligkeit fuhr der Zug durch die Nacht, immer weiter
trug er Karl Heinrich fort von dem kalten Norden; und die freudlose
Jugend, das düstere Schloß, der Winter lagen hinter ihm.
[Illustration]
Zweites Kapitel.
»Heidelberg!« – »Heidelberg!«
Die Schaffner mit ihrem badischen Accent gingen rufend den Zug entlang
und rissen die Thüren auf.
»Fünf Minuten Aufenthalt!«
»Ein Jahr Aufenthalt,« sagte der Doktor. Er hatte von Darmstadt an
geschlummert und war jetzt in wundervoller Stimmung. »Nach so einem
kleinen Schlaf ist man wie neugeboren.«
Herr Lutz half mit dem ewig abgezogenen Hut Seiner Durchlaucht beim
Aussteigen, holte dann die Taschen und Schirme aus dem Coupé und
übergab diese und andre Utensilien dem Hoffourier, der seit drei Tagen
bereits in Heidelberg weilte, um für Seine Durchlaucht Quartier zu
mieten, Wagen zu bestellen und alles das auszuführen, was voranreisende
Fouriere zu besorgen haben.
Man ging – der Fourier als Führer voran, Herr Lutz drei Schritte
hinterdrein – durch den langgedeckten Bahnhof nach der Haltestelle der
Wagen.
An einem hübschen Landauer mit galonniertem Kutscher machte der Fourier
Halt und öffnete den Wagenschlag, der Prinz wollte einsteigen, aber der
Doktor hielt ihn zurück:
»Wir gehen doch zu Fuß, es ist ein wunderschöner Abend.«
Der Fourier sah erstaunt auf Herrn Lutz, dieser ebenso erstaunt auf den
Prinzen und Karl Heinrich gleichfalls verblüfft auf den Doktor.
»Zu Fuß?«
»Ja, warum nicht?«
»Wenn Sie meinen ...«
»Wo liegt die Wohnung?« fragte der Doktor den Fourier.
»Am Markt, Nummer achtzehn.«
»Schön.«
Und Herrn Lutz, den Fourier, den Kutscher im Dunkel zurücklassend,
gingen die beiden in der That zu Fuß nach der Stadt.
Karl Heinrich war nie zu Fuß gegangen, das heißt nie in den Straßen
der Stadt. Wenn ihn der Weg durch Karlburg führte oder durch eine der
andern kleinen Städte von Sachsen-Karlburg, so geschah das meist zu
Wagen, selten zu Pferde, aber nie zu Fuß. Es war, als ob es ganz außer
dem Bereich der Möglichkeit liege, daß der Fürst oder der Erbprinz
oder fremde Fürstlichkeiten das Karlburger Pflaster mit den Stiefeln
berührten.
Weshalb das so war? – Vielleicht hätte nicht einmal der Hofmarschall
Herr von Lehe darauf eine Antwort gefunden, aber uralte Sitte hatte den
Gebrauch gleichsam zum Gesetz erhoben.
[Illustration: Man ging – der Fourier als Führer voran.]
Wie in Frankfurt auf dem Bahnhof streiften fremde Menschen an dem
Prinzen vorbei; er mußte ausweichen wie jeder andre, und die Kutscher,
die vom Bahnhof her in die engen Straßen fuhren, jagten so dicht an
ihm her, daß er einmal hastig nach des Doktors Arm griff und sich
bestürzt an ihn lehnte.
»Die fahren einen ja über!«
»Man muß aufpassen,« sagte der Doktor trocken.
Nun wurden die Straßen wieder breiter, man konnte ruhiger gehen.
Es war dreiviertel zehn Uhr, aber der erste Maiabend füllte die
Luft mit so sommerlicher Wärme, daß die Leute vor den geöffneten
Hausthüren standen. Die Mädchen spazierten Arm in Arm ohne Hut auf und
ab, bisweilen kichernd, oft laut lachend; Studenten, die in Scharen
vorbeigingen, nickten den Mädels vertraulich zu, es war ein lebhaftes
Treiben voll südlicher Wärme.
Da drang aus einer Seitenstraße Musik, ein dichter Schwarm Menschen
wälzte sich aus der Gasse auf die Hauptstraße, nun füllte sich die Luft
mit Rauch, und mit schmetternden Trompeten und vielen hundert Fackeln
kam ein Zug Studenten an dem Prinzen vorbei.
Sie gingen immer zwei in einer Reihe, von je zwei Fackelträgern
flankiert, lauter lustige Gesichter, die den aus allen Fenstern
schauenden Mädchen zulachten.
»Was ist da los?« fragte der Doktor einen der Zuschauer.
»Das sind die Corpsstudenten, die feiern heute ~S.
C.~-Antrittskommers.«
»Aha!«
[Illustration: Mit vielen hundert Fackeln kam ein Zug Studenten.]
Zuerst kamen die Vandalen als präsidierendes Corps mit ihren roten
Mützen, die mit dem goldenen Band die badischen Landesfarben vertreten,
dann die Sachsen-Preußen in weißen Stürmern, danach die grünen
Westfalen, die gelben Schwaben, die blauen Rheinländer und zum Schluß
die dunkelblauen Sachsen, die kleine Veilchenbouquets an ihren Mützen
trugen. Die drei Chargierten jedes Corps gingen in Wichs: Cerevis,
Sammetpekesche, weiße Lederhosen, hohe schwarze Stulpenstiefel, in der
Hand das Rapier; alle andern nahmen die Affaire weniger feierlich,
sondern schlugen zum Schutz gegen den Pechqualm der Fackeln die
Rockkragen in die Höhe.
Mehr als einer blickte dem Prinzen, der in der vordersten Reihe der
Zuschauer stand und mit großen, offenen Augen den Zug anschaute, scharf
ins Gesicht: das war ein neuer Student, den man noch nicht kannte, ein
eleganter junger Mann, vielleicht ließ sich der »keilen«.
Die enge Straße war so angefüllt gewesen von Lärm und Musik, Menschen
und Fackelqualm, daß es jetzt, als der Zug vorbei und alle Leute ihm
nachgelaufen waren, plötzlich still und einsam erschien.
»Na,« sagte der Doktor mit einem triumphierenden Lächeln, als ob er den
Zug persönlich erdacht und arrangiert gehabt hätte, »war das hübsch?«
»Sehr.«
»So geht das in Heidelberg alle Tage. Immer lustig.«
Als sie dann nach einigem Suchen am Markt das Haus Nr. 18 gefunden
hatten, schlug es vom Kirchturm in langen, langsam verhallenden Tönen
zehn Uhr.
Einen Augenblick zögerten beide, denn das alte Haus sah trotz seines
breiten, hell erleuchteten Flures nicht so aus, wie der Prinz – und
vielleicht auch der Doktor – erwartet hatten. Links vom Eingang
lag ein Friseurladen, der bereits geschlossen war, rechts ein
großes Materialwarengeschäft, dessen Tonnen voll Gurken, Linsen und
getrockneter Aepfel die halbe Thür versperrten.
Die Lehrlinge und ein dickes Dienstmädchen betrachteten neugierig Herrn
Lutz, der bereits angelangt war, mit einem höchst indignierten Gesicht
neben dem Hoffourier stand und auf den bestürzten Mann heftig einredete.
»Es war das beste Quartier in ganz Heidelberg,« beteuerte dieser, »die
teuerste Wohnung in der ganzen Stadt – es sind acht Zimmer, Herr Lutz!«
Aber Herr Lutz stieß mit seinem Lackstiefel gegen ein hohles
Petroleumfaß, daß es dröhnte:
»Dann hätten Sie telegraphieren sollen, dann wäre man noch nicht
abgereist, hätte die Reise verschoben!«
Jetzt traten der Prinz und der Doktor aus dem Schatten der Straße in
das Licht des Eingangs.
»Ist das hier richtig, Lutz?«
»Jawohl, Eure Durchlaucht, leider.«
Der arme Fourier war kreideweiß.
»Haben Sie die Zimmer angesehen, Lutz?«
»Jawohl, Eure Durchlaucht, ein uraltes, verwohntes Haus. Ein für Eure
Durchlaucht ganz unmögliches Quartier.«
Der Prinz wurde unsicher. Dieser erste Tag seiner Universitätsreise
hatte mit tausend neuen Eindrücken und neuen Anschauungen seine ganze
bisherige Denkweise wie ein Sturmwind aufgerüttelt, er sah alles in
verändertem Lichte, aber er war nicht mehr oder noch nicht im stande,
die Dinge um sich her zu beurteilen, zu taxieren.
Konnte er überhaupt in dieses Haus hineingehen oder nicht? Durfte
er das? Ueber seinem hübschen, jugendlichen Gesicht lag ein solcher
Zug von Unbeholfenheit, daß Herr Lutz seine heute verlorene Position
zurückzuerobern glaubte.
»Befehlen Eure Durchlaucht, daß Eure Durchlaucht im Hotel ›Prinz Karl‹
absteigen. Das Hotel liegt hundert Schritte entfernt. Die Koffer werden
sofort hinübergebracht.«
Dem Fourier stand der kalte Schweiß auf der Stirn, während zu den zwei
Lehrlingen und dem dicken Dienstmädchen sich andre Neugierige gesellt
hatten, die mit offenem Munde horchten.
Da legte sich der Doktor ins Mittel:
»Man kann doch die Wohnung erst einmal ansehen.«
Der Prinz nickte: »Ja, gewiß.« Und so ging man hinein.
Herr Lutz hatte wieder verspielt. Bis zum heutigen Tage war ihm dieser
Doktor der gleichgültigste Mensch gewesen: ein Schulmeister, wie ihn
die Prinzen nötig haben, ein Herr, der am Hofe nicht die geringste
Bedeutung hat, dessen Einfluß, mit dem eines Kammerdieners verglichen,
gleich Null ist, und nun das! So was! Der Dicke erlaubte sich, ihn,
Lutz, wie einen Lakaien zu behandeln! That und benahm sich, als ob er
der Prinz selbst wäre!
Er knirschte in die Zähne: »Dem – geb’ ich’s!«
Die Steinfliesen im Hausflur waren offenbar frisch gescheuert und mit
weißem Sand bestreut, an allen Ecken der Treppen standen hellbrennende
Lampen, große und kleine, und das schwere Eichengeländer der Treppe war
so völlig mit Tannenguirlanden umwunden, daß es seinen eigentlichen
Zweck, bei dem engen Aufgang als Halt zu dienen, völlig verfehlte. Oben
hörte man ein Tuscheln, ein Rascheln von Weiberröcken, ein lautes: »Er
kommt!« – dann Thürenschlagen, – dann feierliche Stille.
Und als der Prinz mit seinem kleinen Gefolge, dem sich in einiger
Entfernung die Lehrlinge und das dicke Dienstmädchen anschlossen, die
oberste Treppenstufe erreicht hatte, sah er sich drei steif knicksenden
Matronen und einem gleichfalls tief knicksenden jungen Mädchen
gegenüber.
Er hatte seine Ruhe wiedergefunden. O dergleichen feierliche Empfänge
kannte er, – er war wieder der Prinz, vor dem sich alles neigt.
[Illustration]
Das Mädchen, einen Fliederstrauß in der Hand, trat einen Schritt vor
und knickste noch einmal. Dann blickte sie ihn mit ihren großen
braunen Augen ohne jede Scheu an und sagte mit heller, freier Stimme:
»Dem Prinzen, der aus fernem Land
Zu unserm lieben Neckarstrand
Gezogen kommt, dem bring’ ich hier
Des Frühlings allerschönste Zier.
Zieh fröhlich ein in unser Haus,
Und gehst du wieder einst hinaus,
Dann denke immer treu zurück
An Heidelbergs Studentenglück. –
Bitte schön!« Sie gab ihm den Strauß in die Hand.
Karl Heinrich hatte wie festgewurzelt gestanden, die Linke auf den
obersten Knauf des Treppengeländers gelehnt. Während der ganzen Zeit
hatten seine Augen und die des Mädchens einander nicht losgelassen.
Eine der alten Frauen trat vor:
»Und nun, wenn Eure Durchlaucht die hohe Ehre haben wollten – ich bin
nämlich die Frau Dörffel – und wollten sich die Zimmer ansehen?«
Er nickte. Er wollte etwas sagen, auch zu dem Mädchen, aber die Worte
kamen ihm nicht auf die Lippen.
Mit dem großen Fliederstrauß in der Hand ging er höflich hinter der
alten Frau her, die ihm triumphierend erst die Salons zeigte: »Da hat
im vorigen Semester der Herr Graf von Bredow gewohnt,« – dann sein
Schlafzimmer, dann zwei nette kleine Zimmer: »für den Herrn Doktor«,
endlich eine ziemlich dürftige Hinterstube, in der Herr Lutz wohnen
sollte: »Und das ist das Zimmer für den Bedienten.«
Herr Lutz, der zwei Schritte hinter dem Prinzen neben dem Fourier ging,
wurde blaß wie ein Tischtuch. »Bedienten!« Das Wort klang wie ein
Peitschenhieb.
Auch Karl Heinrich empfand den ungewollten Falschton des Wortes.
»Sie meinen für meinen Kammerdiener?«
»Ja, für den da.«
Die gute Frau ließ ihn noch nicht los. Immer voranleuchtend, zeigte sie
ihm jeden Raum, den man in einer neuen Wohnung kennen muß, und immer
ging der Prinz mit seinem Fliederstrauß gehorsam hinterdrein, nur ein
einziges Mal unwillkürlich lächelnd.
Bis man endlich in dem Salon wieder landete.
Ein kleiner Sofatisch aus Mahagoniholz war sauber gedeckt mit Tellern,
Bierflaschen, zwei offenen Weinkaraffen, Brot, Butter und kaltem
Aufschnitt. In der Mitte stand ein Topfkuchen, der von Epheublättern am
unteren Rande umgeben und in seiner Höhlung mit drei Rosen ausgefüllt
war.
»So, wenn Sie nun essen wollen, Eure Durchlaucht –«
»Ja. Danke schön.«
Von einem Fortgehen ins Hotel war nicht die Rede.
[Illustration: Mit dem Fliederstrauß in der Hand ging der Prinz hinter
der alten Frau her.]
»Macht mal alle, daß ihr herauskommt!« rief Frau Dörffel, und diese
Aufforderung war nicht überflüssig, denn abgesehen von dem Doktor,
Lutz, dem Fourier und den vier Frauen sah man in der Thür die zwei
Lehrlinge und das dicke Mädchen, die neugierig die ganze Wanderung
mitgemacht hatten und jetzt staunend das Arrangement des Sofatisches
bewunderten.
»Haben Eure Durchlaucht sonst noch Wünsche?«
»Nein, danke.«
»Es ist auch alles da. Frisch Wasser, Handtücher, Lichter,
Streichhölzer – sieh mal nach, Käthie, ob im Schlafzimmer Streichhölzer
sind.«
Die Kleine ging hinein und kam wieder. »Ja, zwei Schachteln.«
»Na, denn gute Nacht, Eure Durchlaucht. Nun schlafen Sie nach der
langen Reise recht tüchtig. Und träumen Sie was Schönes.«
»Danke.« Er nahm ihre dicke dargebotene Hand und fühlte einen
gutgemeinten Druck.
Auch die Kleine kam unbefangen: »Wünsche gut zu schlafen.«
* * * * *
Vom Kirchturm schlug es Mitternacht. Im Hause war es totenstill, alles
schlief, sogar Herr Lutz, der eine Stunde und länger in seinem Loch
von Hinterzimmer wie ein Tiger auf und ab gewandelt war. Kein Schrank
in diesem Zimmer, sondern nur ein paar Kleiderhaken mit einer gemeinen
Kattungardine! Kein Spiegel, keine reguläre Waschtoilette, und dies
Bett! Ein eisernes Gestell mit geblümten ordinären Ueberzügen!
»In dem Bett schlaf’ ich nicht,« er nahm sich das fest vor, »lieber
bleibe ich wach, die ganze Nacht.«
Als einzigen Schmuck zeigte die kahle Wand über dem Bett ein frommes
Bild: Sankt Sebastian, der, an einen Baum gebunden und von Pfeilen
durchlöchert, mild und fast heiter in die Welt schaut. Herr Lutz konnte
an diesem geduldigen Märtyrer keine Freude haben, er war ein Mann aus
anderm Holz geschnitzt.
›Wartet nur bis morgen,‹ dachte er, ›wartet nur alle! Ich schreibe an
den Hofmarschall, ich schreibe an Seine Durchlaucht selbst!‹
Schließlich legte er sich dann doch schlafen, der Gewalt weichend. Man
hatte ihm ein Butterbrot und eine Flasche Bier ins Zimmer gestellt, die
er beide am liebsten aus dem Fenster geworfen hätte, jetzt meldete sich
aber der Hunger, und auf dem geblümten Bett sitzend, verzehrte er das
kärgliche Mahl.
Käse!
Vor übergroßem Grimm kamen ihm fast die Thränen ins Auge.
Hätten ihn die Lakaien in Karlburg jetzt so – hier – gesehen! Herrn
Lutz, der abends sein Glas guten Bordeaux haben mußte und seit Jahren
einen so schwachen Magen hatte, daß der Koch in steter Sorge war, wie
er Herrn Lutz zufriedenstellen könnte.
Wenn es in dieser Stunde nach Wunsch und Willen Lutzens gegangen wäre,
er hätte Kanonen auffahren und dieses Heidelberg in Grund und Boden
schießen lassen. Den Fourier vor die eine Kanone gebunden und den
Doktor vor die andre! Und die Frauenzimmer dito!
[Illustration: Käse!]
Was den Prinzen betrifft, so verstieg sich Herrn Lutz’ Grausamkeit
nicht zu dem Gedanken eines Majestätsverbrechens, aber ehe er
einschlief, malte er sich allerlei Bilder aus, wie Karl Heinrich am
eignen Leibe die Folgen seiner übereilten Thorheit empfinden sollte.
»Der bleibt hier nicht wohnen, darauf wett’ ich!«
Aber der Alltröster Schlaf kam und wiegte den müden Lutz in
friedlichere Träume.
Der Regierungsrat, der unter allen Umständen, im Wagen, im Stuhl, in
der Eisenbahn, im Bett, ausgezeichnet schlief – viel zu ausgezeichnet,
denn gerade dieses unendliche Schlafen verdickte sein Blut –, lag
schwer schnarchend, Karl Heinrich war der einzige im Hause, der noch
wachte.
Er versuchte einzuschlafen, aber es ging nicht, dieser seltsame Tag
hatte zu viel gebracht.
Er dehnte und reckte sich in seinem Bett, dessen Kopfkissen mit
Stickereien verziert waren wie bei einem Damenbett, schließlich zündete
er Licht an und stand wieder auf.
Ein merkwürdiges Zimmer, lauter Möbel aus längst vergangener Zeit,
Stühle mit steifen Lehnen und dünnen Beinen, ein ebensolches Sofa und
darüber auf einer Marmorkonsole eine goldene Uhr, die unter einer
Glaskuppel ihr leises Ticktack hören ließ. Auf den Fenstersimsen lagen
lange rote Polster mit gehäkelten Ueberzügen, und die Fenster selbst
waren holländische Schiebefenster, die aus vielen kleinen Scheiben
zusammengesetzt waren und deren Mechanismus der Prinz erst nach langem
Probieren entdeckte.
[Illustration: Mit dem Licht in der Hand betrachtete er die Bilder.]
Ueber dem Zimmer lag ein eigentümlicher, aber nicht unangenehmer
Geruch, halb nach frischer Wäsche halb nach Aepfeln. Mit dem Licht in
der Hand betrachtete er die Bilder: Paul und Virginie, die gestörte
Hochzeitsfeier, Bismarck, die spanische Tänzerin Lola Montez, – Lola
im Reitkostüm, lebensgroß, schön, strahlend, – dann nochmals Paul und
Virginie, ein Mensurbild und endlich, über das ganze Zimmer, an alle
Wände und in alle Ecken verteilt, eine Unzahl Studentenphotographien in
immer demselben Fünfgroschenrahmen. Die meisten trugen eine Aufschrift
mit einer Dedikation »An Madame Dörffel«, es waren offenbar lauter
Studenten, die einmal hier gewohnt hatten.
Manche dieser Bilder waren nur Silhouetten, aber nie hatte der Künstler
es unterlassen, die Farben der Mütze und des Bandes getreu darauf zu
malen. Und viele der Bilder waren alt: 1848/49 – 1853 – 1854/55 –
seltsam. Vergessene Menschen, vielleicht längst gestorben. Die hatten
alle hier in dem alten Eichenbett geschlafen, bei dem Ticktack der
goldenen Uhr, da aus dem Fenster geschaut. Ein ewiges Kommen und Gehen,
immer neue Gesichter, immer nur Jugend, immer nur Jugend – immer neue
Jugend.
Und jetzt war _er_ der Junge! Karl Heinrich. Der Erbe dieser andern.
Bild für Bild sah er aufmerksam an, manche der Namen waren ihm bekannt:
Karl Hohenlohe – Fürstenberg – Prinz Weimar – Bredow ...
Dann öffnete er das Fenster und sah auf den Marktplatz, an dem hie
und da eine Laterne brannte. Die Nacht war immer noch warm wie im
Hochsommer, er atmete die weiche Luft in tiefen Zügen.
Im Hotel zum »Prinzen Karl«, wo der große Kommers stattfand, setzte
von Zeit zu Zeit die Musik ein; und so deutlich, daß man fast jedes
Wort verstehen konnte, klangen durch die todstille Nacht die hellen
Stimmen der Studenten:
»O alte Burschenherrlichkeit ...«
Ueber der Kirche und den Häusern schimmerten die Sterne, nur selten
hallten die Schritte eines verspäteten Nachtschwärmers auf dem einsamen
Platz.
Er war so müde, die Augen fielen ihm fast zu; aber leise lächelnd, wie
jemand lacht, der sehr glücklich ist, blieb er auf die roten Polster
des Fensters gelehnt.
Bis die ersten Hähne krähten, und der Himmel im Osten über dem
Neckarthal sich hell färbte.
[Illustration]
Drittes Kapitel.
»Herein!«
»Bitt’ schön, ich bringe den Kaffee.«
Es war die Kleine von gestern, die ungeniert hereinspazierte.
Karl Heinrich stand noch in Hemdärmeln, er hatte bei dem Klopfen an
niemand als Herrn Lutz gedacht; einen Moment war er so verdutzt, daß er
vergaß, ihren freundlichen Guten-Morgen-Gruß zu erwidern.
»Gut geschlafen, Durchlaucht?«
»Danke, sehr.«
»’s is a bissel weich, das Bett,« sagte sie und klopfte im Vorbeigehen
auf die gestickten Kissen, »aber Prinzen sind’s halt so gewohnt.«
Während sie den Kaffeetisch deckte und dabei sein kostbares Necessaire
rücksichtslos auf einen Stuhl schob, suchte er nach dem Rock, aber
der war im Nebenzimmer, oder Herr Lutz hatte ihn mit hinausgenommen,
keinesfalls war er zu finden.
»Soll ich einschenken?«
»Bitte.«
»Ein Stück Zucker oder zwei?«
»Eins, bitte.«
Er suchte immer noch, die ganze Situation war ihm so unfaßlich, daß er
es nicht wagte, Fräulein Käthchen anzusehen.
[Illustration: »Soll ich einschenken?«]
»Was suchen S’ denn?«
»Nichts.«
»Nun trinken S’ erst mal.«
Sie zerschnitt die Weißbrote und strich Butter darauf: »So.«
»Danke schön.«
Ihre sorglose Sicherheit gab ihm einigermaßen die Haltung zurück, so
daß er trotz der Hemdärmel sich an den Tisch setzte und zu trinken
begann. Die Kleine stützte sich auf die Lehne eines Sessels und sah
ihm zu. »Schmeckt’s?«
»Ja, danke.«
Er war so einsilbig, daß sie nun ihrerseits einen Augenblick unsicher
wurde, aber auch nur einen Augenblick. ›’s is halt ein Prinz,‹ erwog
sie im stillen, ›die sind schon immer ein bissel langweilig.‹ Aber im
übrigen gefiel er ihr ausgezeichnet.
›Was er für eine feine Weste anhat, und die seidene Krawatte, – und
dann auch das Gesicht – halb sieht er aus mit dem blonden Haar wie ein
Engländer.‹
[Illustration: Die Kleine stützte sich auf die Lehne eines Sessels und
sah ihm zu.]
Die Thür öffnete sich, und Herr Lutz trat herein. Oder vielmehr: er
trat nicht herein, sondern blieb wie angewurzelt stehen.
Der Prinz in Hemdärmeln beim Kaffee und die freche Person als
Zuschauerin!
»Eure Durchlaucht –?«
»Was?«
»Das Frühstück ...«
»Was ist damit?«
»Das Frühstück – ich sehe: Eure Durchlaucht haben bereits das
Frühstück?«
»Ja. Das Fräulein hat es hereingebracht.«
Karl Heinrich sagte das etwas verlegen, denn natürlich mußte es Herrn
Lutz kränken, daß fremde Leute in seine Pflichten und Rechte pfuschten,
aber Herr Lutz zog ein so tiefbeleidigtes, albernes, böses, anmaßendes
Gesicht, daß den Prinzen die Galle übermannte:
»Gehen Sie hinaus! Warten Sie draußen, bis ich rufe.«
Herr Lutz war wie vom Donner gerührt. Er hatte sich verhört! Es war ja
nicht möglich!
Aber ob er sich verhört hatte oder nicht, jedenfalls war die
Handbewegung Seiner Durchlaucht unheimlich deutlich. Sie wies strikt
auf den Ausgang, es blieb nichts übrig, als das Zimmer zu verlassen.
Nun stand Lutz draußen auf dem zugigen Korridor, den das dicke
Dienstmädchen fortwährend mit Wasser überschwemmte. Der einzige Raum,
in den er sich hätte retten können, war sein greuliches Hinterzimmer,
aber da fand sich Frau Dörffel, die gleichfalls mit Wasser über die
Dielen fuhr.
»Bleiben S’ nur draußen, jetzt mach’ ich hier rein.«
[Illustration: Lutz stand draußen auf dem zugigen Korridor.]
So ging er in seinen dünnen Lackschuhen auf dem nassen Korridor vor
des Prinzen Thür auf und ab und wartete. Er hatte sich gestern in der
Eisenbahn oder heute nacht in dem miserablen Bett erkältet, er nieste
– dreimal, sechsmal, zwanzigmal, immer wieder, und jedesmal sagte das
dicke scheuernde Geschöpf: »Zur Gesundheit!«
Eine nette Gesundheit!
»Warten Sie, bis ich rufe,« hatte der Prinz gesagt, aber es schien ihm
gar nicht einzufallen, zu rufen.
Und das Mädchen kam auch nicht wieder heraus.
Herr Lutz legte das Ohr an die Thür und versuchte zu horchen, aber er
hörte nur undeutlich die beiden reden.
›Ein hübscher Skandal,‹ dachte er, ›das fängt gut an! Gleich am ersten
Tage!‹
So wartete er eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, drei
Viertelstunden, schließlich geriet er in eine Art Verzweiflung. Das
dicke Mädchen war fort, alles ringsumher still, nur das umkränzte
Pappschild »Willkommen« grinste ihm ins Gesicht ...
Karl Heinrich lehnte, immer noch in Hemdärmeln, in seinem Sessel,
rauchte eine Zigarette nach der andern und hörte lachend auf Fräulein
Käthchens Schwatzen.
Was hatte sie ihm nicht alles in der einen Stunde erzählt! Wie alt sie
sei: achtzehn – woher sie sei: aus Krems an der Donau, furchtbar weit
her – wieviel Corps in Heidelberg sind und wo sie kneipen, wie der
Rektor heißt, daß Herr Viktor von Scheffel augenblicklich in Heidelberg
wohne und nächste Woche einen Fackelzug bekomme, daß sie zwei beste
Freundinnen habe, die sich beide an ein und demselben Tage verlobten,
wie teuer dieses Jahr der Wein sei, aber sehr gut, und so weiter.
Dann fing sie an zu inquirieren und wie ein Untersuchungsrichter ihn
auszufragen:
»Waren S’ denn schon mal in Heidelberg?«
»Nein.«
»Aber vielleicht in Tübingen?«
»Auch nicht.«
Ob er Brüder hätte? – »Nein.« – Aber Schwestern? – »Nein.« – Aber
Eltern? – »Die sind tot.«
»O wie schrecklich! O wie schrecklich!«
Sie sah ihn so mitleidig an, als ob er eben vom Kirchhof komme, aber
dann fiel ihr ein, daß es ihr selbst gerade so ergangen war:
»Ich hab’ nämlich auch keine Eltern mehr.«
»O –«
Und sie betrachteten sich trotz des hellen Sonnenscheins und ihrer eben
noch guten Laune mit dem etwas konventionellen Mitgefühl.
»Denn die Dörffel ist nur meine Frau Tante oder Frau Großtante. Ich bin
auch nur bei ihr zur Hilfe.«
Sie hielt das Kaffeebrett, das sie schon vor einer halben Stunde
zusammengeräumt hatte, immer noch in den Händen, und auf der Lehne
eines Sessels sitzend sah sie trübe vor sich hin.
Karl Heinrich blickte sie schweigend an. Sie war eigentlich ein
fremdartiges Ding, ganz anders wie die blonden Mädchen in Karlburg.
Das Gesicht war südländisch braun, die gelockten Haare tiefdunkel und
ebenso dunkel die Augen. Es lag etwas sehr Zierliches über der ganzen
Figur, man mußte unwillkürlich an ein Zigeunermädchen denken.
Sie gab sich einen kleinen Ruck, als ob sie die sentimentalen
Anwandlungen abschütteln wollte:
»Ich möcht’ nie wieder nach Oesterreich, ich möcht’ immer in Heidelberg
bleiben, es ist hier zu schön.« Und ehe er etwas erwidern konnte, fuhr
sie rasch fort in einem unvermittelten Gedankensprung: »Das Gedicht
gestern, das ich hergesagt habe, war das schön?«
»Ja,« sagte er galant, »es hat mir ausgezeichnet gefallen.«
»Nein, es war nicht schön.«
»Nicht?«
»Ich habe es zuerst nicht auswendig lernen wollen, aber die Frau
Dörffel, die Tante, hat es gewollt. Wenn Sie nun anders ausgesehen
hätten, als Sie die Treppe herauf kamen, hätte ich Ihnen wohl den
Flieder gegeben, aber das Gedicht hätte ich nicht hergesagt.«
[Illustration: »Fräulein Käthchen, wie hätte ich denn aussehen sollen?«]
»Anders? Wie hätte ich denn anders aussehen sollen?«
»Nun – so –«, sie errötete, »ich weiß nicht.«
Er lachte und stand auf und ging zu ihr.
»Fräulein Käthchen, wie hätte ich denn aussehen sollen?«
Er legte seinen Arm um ihre Schulter und beugte sich nahe zu ihr. Ein
paar Sekunden blickten sie sich an, dann küßte er sie.
Sein erster Kuß.
Die Kleine konnte sich nicht wehren, denn sie hielt das Brett mit
Kaffeekanne, Butterglocke und Tassen in der Hand; aber als er auf den
ersten Kuß einen zweiten folgen lassen wollte, wich sie zurück!
»Nein, nein, nicht!«
»Käthie ...«
»Ich will nicht! Ich will nicht!« Sie stampfte mit dem Fuß auf und sah
einen Augenblick bitterböse aus.
Eine kleine schwüle Pause trat ein, dann nahm sie das Brett auf den
linken Arm, strich sich mit der rechten Hand über die schwarzen Locken
und sagte:
»Denn daß Sie’s ein für allemal und gleich heute wissen: ich bin
verlobt, schon bald ein Jahr.«
[Illustration: Er betrachtete das Bild.]
Karl Heinrich war so verlegen, verdutzt, – er wollte etwas sagen,
aber er brachte nur ein paar gestotterte Laute heraus. Seine erste
bescheidene Liebesaffaire war schmählich verunglückt. Vielleicht
bildete er sich ein, unter so bewandten Umständen ein unverzeihliches
Attentat begangen zu haben, eine Niederträchtigkeit gegen das
vertrauensselige, offenherzige Ding, er zog ein so beklommenes Gesicht
voll Reue, daß sie ihrerseits sich nun ärgerte, den hübschen, netten
Prinzen so angefahren zu haben. Wie reizend er aussah mit seinem
bestürzten, feuerroten Gesicht, das war wirklich einmal ein lieber Kerl.
Und um ihn zu trösten, sagte sie: