Der Fürst würde – ganz ohne Frage – darüber sehr wenig erfreut sein,

und alle Schuld würde – ebenfalls ganz ohne Frage – ihm, dem Doktor,

beigemessen werden. Er war nicht nach Heidelberg geschickt, um sich

zu amüsieren, sondern einem weltfremden jungen Prinzen die richtige

Direktive zu geben. Er sah die Gesichter der Karlburger Hofleute,

wenn eine solche Nachricht dort eintreffen würde: das apoplektische

Gesicht des Hofmarschalls, die Fischaugen des Herrn von Baltz – alle

erschreckt, empört, angstvoll auf Durchlaucht schauend.

Aber Karl Heinrich!

Wie der Junge auftauen würde! Endlich ein Mensch werden wie andre

Menschen.

Was lag dem Doktor schließlich an der Allerhöchsten Ungnade. Uebers

Jahr war seine Erziehungsaufgabe ja ohnehin schon beendet, und dann –

lieber Gott, dann fängt man eben was andres an.

Und welch eine Wohlthat, den Karlburger verknöcherten Seelen einen

Streich spielen zu können! Nie, natürlich, würde er das Kreuz von

Sachsen erster Klasse erhalten, nie Geheimrat werden, nie mehr zu Hofe

geladen werden – aber was will das alles heißen!

Karl Heinz, sein einst kleiner Karl Heinz – der Junge, dem sie daheim

die Kehle zugeschnürt hatten! Sein guter Karl Heinz! Für den.

Er stand auf:

»Kommen Sie, bitte, mit!«

Und ganz fest und heiter, als ob es sich um eine Bagatelle handle,

überschritt der Doktor die Schwelle des Speisesaals, seinen Rubikon,

der ihn für ewig von dem gelobten Lande der schönen Orden und großen

Titel schied.

[Illustration]

Viertes Kapitel.

In Rüders Gasthaus am Neckar hatte Käthie immer nur nachmittags zu

thun. Vormittags half sie der Großtante bei der Wirtschaft zu Hause,

während nach Tisch alle beide über die Neckarbrücke nach Rüders

Gasthaus pilgerten. Rüder war ein Schwager der Frau Dörffel und somit –

im weiten Sinne des Wortes – auch mit Käthie verwandt.

Vielleicht giebt es und gab es in Heidelberg weit bessere Gasthäuser

als das Joseph Rüders, aber über der alten Baracke lag ein ruhevolles

Behagen. Wer in den Garten wollte, mußte von der Straße her durch das

winklige Haus tappen, und der Flur war so niedrig, daß die langen

preußischen Junker, die bei den »Sachsen-Preußen« aktiv waren, ihre

Schädel sorgfältig in acht nahmen.

War man aber erst in den Garten gelangt, so hatte die Not ein Ende.

Man saß unter den alten Lindenbäumen unmittelbar an der Ufermauer des

Neckars, gegenüber lag Heidelberg mit dem Schloß, man trank Joseph

Rüders guten, ehrlichen Wein und freute sich seines Lebens.

Und freute sich der hübschesten kleinen Kellnerin, die den Wein

kredenzte.

Wie es mit vielen Gasthäusern geht, daß sie im Laufe der Zeiten

ihren Charakter wechseln, so war des guten Joseph Gastwirtschaft

ursprünglich nur eine ordinäre Schifferkneipe gewesen. Alte Damen und

Honoratiorenfamilien mit jungen Töchtern entdeckten den Garten als

ein stilles Asyl, in dem man fern vom Lärm nachmittags Kaffee trinken

konnte, bis eines Tages die Studenten Josephs Haus aufstöberten und der

Idylle ein Ende machten.

Sie kamen nachmittags und blieben bis in die Nacht. Sie vollführten den

ewig gleichen Skandal und ließen ihre Doggen über die Mauer weg in den

Neckar apportieren; sie tranken in einem Monat mehr, als Joseph früher

in ganzen Semestern verzapft hatte; nach drei Wochen hatten sie die

armen alten Damen so gründlich ausgeräuchert, daß diese nie wiederkamen.

Oft sagten Frau Rüder und Frau Dörffel und Frau Rüders zwei Schwestern

– lauter bejahrte Frauen: »Früher war es stiller und gemütlicher, wenn

auch nicht so viel verdient wurde.« Aber sie sprachen das mit der

friedlichen Trauer, die man derartigen Schicksalsfügungen gelegentlich

weiht.

Nur in einer Hinsicht waren alle vier fest überzeugt, daß der Wechsel

seine außerordentlichen Nachteile habe: in Bezug auf Käthie.

Als siebzehnjähriges Ding hatte sie nett und artig den Damen im Garten

den Kaffee serviert; sie war ja auch damals schon ein Durchgeher, der

immer seinen eignen Willen hatte, es fiel indessen nie schwer, sie

wieder in die richtige Gangart zu bringen. Seit aber die Studenten da

waren, ließ sich mit dem Mädel nichts mehr anfangen. Oft nahmen die

alten Frauen sie ins Gebet und verwarnten sie:

»Sei nicht so wild, halt mehr auf dich.« Dann saß sie in der Küche mit

ihrem Strickzeug und ließ die endlosen Ermahnungen geduldig über sich

ergehen. Sie hatte bisweilen versucht, zu widersprechen und zu sagen,

daß sie sich keiner Schuld bewußt sei und daß man, wenn man jungen

Herren Wein trägt, sich nicht haben könne wie eine zimperliche Gans,

aber die vier Frauen fielen mit so viel Gegenbeweisen und Schelten über

sie her, daß sie schließlich gar nichts mehr erwiderte. Sie saß ganz

still und geduldig, wie jemand, der eingeregnet ist und auf die Sonne

wartet.

Kamen dann endlich nachmittags die ersten Studenten und riefen draußen

im Garten: »Käthie! He, Käthie!« – dann war sie wie verwandelt. Das

Strickzeug flog in den Tischkasten, und im nächsten Augenblick lief sie

durch das Haus, daß ihre kurzen Kleider, unter denen man die kleinen

Stiefel sehen konnte, um sie her wirbelten.

[Illustration: Sie saß ganz still und geduldig.]

»Bier, Käthie!«

»I komm’ schon!«

»Wieviel? Fünf sechs, sieben, wieviel seid’s denn? Acht. Da setzt euch

her, da am Wasser, ich richt’ euch den Tisch.«

Und je voller es im Garten wurde, um so rascher sprang sie. In beiden

Händen schleppte sie große Bierkrüge, und wenn es so arg wurde, daß von

allen Seiten her ein Kreuzfeuer von Rufen auf sie eindrang:

»Käthie, die Speisekarte!«

»Bier, Käthie!«

»Hierher, Käthie!«

Dann lachte sie, daß ihre weißen Zähne wie zwei blanke Reihen zwischen

den roten Lippen leuchteten.

»I komm’ schon! Habt’s euch nicht!«

Sie sprang hin und her, überall sah man ihre weiße Schürze und ihre

nackten braunen Arme, die schlank waren wie die eines Kindes. Sie

verlor nie den Kopf, sie vergaß nichts, keinen Löffel, keine Gabel,

so daß oft die Frauen in der Küche ihr erstaunt nachblickten: »Ein

Tausendsassa!«

In der Ledertasche am Gürtel, die sie nachts unter ihr Kopfkissen

legte, trug sie einen Haufen Geld, aus dem sie beim Wechseln

Händevoll hervorholte und auf den Tisch warf. Im Augenblick war das

Wechselgeschäft erledigt, und im nächsten Augenblick rasselten die

Münzen wieder in die Tasche.

»Verzählst du dich nie, Käthie?« fragte einer der Studenten.

»O freilich. Aber das macht nix. Ihr seid’s ja ehrliche Leute, ihr gebt

mir’s ja wieder.«

»Prost, Käthie, sollst leben! Trink mal mit!«

»Dank’ schön!« Sie strich mit dem Rücken der Hand über ihre roten

Lippen und that dann einen guten Schluck aus des Studenten Glas.

Einer oder der andre versuchte, sie um die Taille zu fassen und

festzuhalten, aber weg war sie wie der Blitz.

Und die vier Frauen in der Küche sahen alle diese kleinen Scenen mit

einer Mischung von Bedauern und Mißbilligung, mit dem leisen Neid des

Alters und mit der moralischen Strenge des Alters.

Sollte man das immer wieder und jeden Tag von neuem anschauen? Wie

diese Käthie, die der Frau Dörffel ihre Großnichte und der Frau

Rüder ihres Mannes Tante-Enkelin war, so unter die Studenten kam –

gewissermaßen moralisch hinabgezogen wurde?!

Man konnte eine andre Kellnerin engagieren, natürlich, aber du lieber

Gott, das ist leichter gesagt als gethan. Es giebt Kellnerinnen, die

erstens nicht so fleißig sind, zweitens nicht so ordentlich, drittens

nicht so flink, viertens nicht so ehrlich und fünftens – ja dieses

»Fünftens«! – nicht so hübsch.

War Käthie wirklich denn eigentlich hübsch? Oft fragten die vier das

einander und schüttelten die dünnen Zöpfchen. »Entschieden nicht!« Der

Teint zu braun, viel zu braun, die Arme zu dünn, die ganze Figur ohne

rechte Formen. Sie waren alle vier in ihrer Jugendzeit schöner gewesen.

Aber die Studenten fanden Fräulein Käthie reizend, so reizend, daß sie

an Käthies Geburtstag Berge von Blumen schickten, und daß sie ganz ohne

Frage mehr ihretwegen hierherkamen als wegen Rüders Weinen und Frau

Rüders Kalbsnierenbraten.

[Illustration: Käthie that einen guten Schluck aus des Studenten Glas.]

Verschiedene Male erwogen die vier, ob sie nicht die heilige Pflicht

hätten, dem fernen österreichischen Vetter Franzel mitzuteilen, wie

sündhaft gut sich seine Verlobte hier amüsiere, aber dann würde

dieser Franzel aller Wahrscheinlichkeit nach wie ein Donnerwetter

dazwischenfahren und Käthie für immer mit nach Wien nehmen.

Und schließlich beruhigten sich die vier in der tröstlichen Erwägung,

daß Käthie zwar mit ihnen verwandt, aber doch nur entfernt verwandt

sei. Es war traurig, daß sie ein so leichtes Ding wurde, aber was war

dagegen zu thun? Nichts. Das Geschäft blühte, und das war denn doch

schließlich die Hauptsache.

Am 3. Mai nachmittags vier Uhr gab es in Rüders Garten Corpskonzert.

Die Corpsdiener, deren Senior Herr Kellermann war, erschienen schon vor

drei, um die Tische zu arrangieren: in der Mitte die »Vandalen« als

präsidierendes Corps, rechts vorn am Neckar die »Sachsen«, daneben die

»Rhenanen«, daneben die »Sachsen-Preußen«, dann an der Kegelbahn die

»Schwaben« und diesen gegenüber die »Westfalen«.

Käthie half, während Herr Rüder mit prüfendem Blick umherging und sich

die Miene gab, als sei er die Seele des Geschäfts. Er trank mit den

Corpsdienern kleine Schnäpse und gab ihnen mißfarbene Zigarren von

der Sorte, die er von sechs Uhr früh bis zwölf Uhr nachts rauchte.

Hätte man aus den von Herrn Rüder in Jahresfrist verdampften Zigarren

eine lange Stange gebildet, so würde dieselbe nahezu einen Kilometer

Ausdehnung erreicht haben; in die Höhe gerichtet, hätte diese

Tabakstange die höchsten Berge des Odenwalds überragt.

Um halb vier erschienen die Musici, um das ihnen zustehende Faß Bier an

den rechten Platz zu schaffen und dasselbe in Muße anzustechen; dann

wurden von den vier Frauen, den sechs Corpsdienern, den fünf Musici und

Käthie die Lampions an den Bäumen aufgehängt, Herr Rüder inspizierte

noch einmal die Küche, Käthie band eine neue, schneeweiße Schürze um,

und als nun so alles für den Empfang vorbereitet war, spielte die Musik

Tusch, denn Punkt vier betrat »Vandalia« – acht Burschen und zwölf

Füchse – den Garten.

»Holla, Käthie!«

»Wie geht’s?«

Sie war sofort von zwanzig Rotmützen umringt, die ihr die Hände

schüttelten und lachend auf sie einredeten. Während Herr Rüder, der

Onkel, und die vier Tanten sich respektvoll im Hintergrund hielten,

die Musici »Was kommt dort von der Höh’?« spielten und die sechs

Corpsdiener mit ruhiger Höflichkeit Posto faßten, stand Käthie wie eine

kleine Königin in ihrem Kreise.

Ein dicker junger Herr, dessen Backen ganz mit Watte und schwarzen

Binden verpackt waren, fand ihre besondere Teilnahme.

»Armes Tschaperl, haben s’ dich wieder abgestochen? Nein, bist du auch

halt ungeschickt!« Sie nahm seinen dicken Kopf, den er willig herlieh,

in ihre Hände und betrachtete die Verpolsterung. »Geh, so was!«

Aber »Vandalia« behielt die hübsche Käthie nur eine kurze Weile in

ihrem Kreise, denn wieder blies die Musik Tusch, und »Saxo-Borussia«

erschien auf dem Plan, die es nun ihrerseits als ihr gutes Recht

beanspruchte, Käthie die Hände zu schütteln. Und auf »Saxo-Borussia«

folgte »Suevia«, auf »Suevia« »Rhenania«, auf »Rhenania« »Guestphalia«;

die Musici hatten kaum Zeit, zwischen allen Tuschs in Eile einen

Schluck Bier zu trinken; große und kleine Hunde kläfften, der ganze

Garten wimmelte von roten Mützen und blauen, grünen und gelben, und

allenthalben sah man das lachende Gesicht der Kleinen, die immerfort

noch Hände zu schütteln hatte, mit jedem ein Wort tauschen sollte,

jeden kannte und jeden mit Namen nannte.

Dieses eine junge Ding, das von hundert jungen Studenten gefeiert

wurde, allein zwischen den hundert hin und her schritt, alle duzte und

von allen geduzt wurde – das war wirklich ein seltsamer Anblick. Eine

sonnige Unbefangenheit lachte aus ihren hellen Augen, sie nahm die

Huldigungen entgegen wie etwas ganz Selbstverständliches.

[Illustration: Sie nahm seinen dicken Kopf in ihre Hände.]

Zwischen all dem Lärm schallte plötzlich eine Stentorstimme:

»Hierher, Käthie!«

Es war der lange Wedell von den Sachsen-Preußen, der das rief.

Und als sie nicht kam, sondern über den etwas barschen Ruf erstaunt

zu ihm hinüberblickte, trotzig, ärgerlich, stieg er mit seinen langen

Beinen über zwei Stühle weg zu ihr:

»Das verleiht dir Saxo-Borussia, Käthie: das Band. Trag es in Ehren,

Käthie, mach dir, mir, uns, Saxo-Borussia, Heidelberg keine Schande.«

Er nahm das vierfarbige Seidenband seines Corps und legte es dem

verdutzten Mädchen um Schulter und Taille.

Und während die andern Corps überrumpelt und über den seltsamen

Einfall etwas verstimmt herüberschauten, schlugen die Sachsen-Preußen

triumphierend mit ihren Bierseideln auf den Tisch: »Bravo!«

»Sollst leben, Käthie!«

»Prost Käthie!«

Der einzige, der in dieser kritischen Minute, da Saxo-Borussia sich

wieder einmal etwas Extraordinäres erlaubte, die Geistesgegenwart

behielt, war Herr Grimm Vandaliae:

»Käthie!«

»Was?«

»Vandalia giebt dir gleichfalls das Band.« Im Nu hatte er das

rot-gold-rote Band von seiner Weste gerissen und knüpfte es dem

Mädchen um die Brust.

Ganz Vandalia lärmte vor Freude.

»Bravo!«

»Käthie Vandaliae!«

»Käthie, auf dein Spezielles: Einen Ganzen!«

»Einen Ganzen!«

Der Trubel, das Schreien und Freudengebrüll war so groß, daß der

Vertreter Suevias, der kurz entschlossen das Beispiel der andern

nachahmte und Käthie sein gelbes Seidenband um die Taille legte, nicht

zu Worte kam oder wenigstens nur den Nächstsitzenden verständlich war.

Damit war an Suevia die Reihe, in das »Käthie-Geschrei« einzustimmen,

es war ein heilloser, lustiger, toller Lärm.

Rhenania folgte, Guestphalia – willig oder nicht – gleichfalls, und

nun stand das Mädel mit vor Freude glühenden Backen in der Mitte

der lachenden Studenten, alle fünf Seidenbänder um ihre junge Brust

geschlungen, deren kleiner Veilchenstrauß ganz verdeckt war. Rot, blau,

gold, grün, weiß, gelb, schwarz, alle Farben flimmerten im Seidenglanz

auf ihrer weißen Bluse; bald blickte sie lachend und etwas verwirrt im

Kreise umher, bald auf ihre neuen Bänder, die auf ihrer Brust auf und

ab tanzten.

Dann – ohne Ueberlegung wie immer – nahm sie das nächste beste

Bierglas (es gehörte dem kleinen Graumann Rhenaniae) und hob es hoch:

»Ihr seid’s alle lieb! Prost, alle!«

Und mit einem langen Zuge leerte sie das volle Glas.

Da fühlte sie sich umfaßt und emporgehoben. Es war der tolle Fink von

den Vandalen, der sie unter dem Knie ergriffen und wie eine Feder hoch

in die Höhe geschwenkt hatte:

»Käthie soll leben!!«

»Käthie!!«

Sie hielt immer noch das leere Bierglas in der Hand, sie wollte etwas

sagen, vielleicht schelten, aber unter sich sah sie hundert bunte

Mützen, hundert lachende Gesichter, hundert Gläser, die sich ihr

entgegenstreckten, und da lachte sie – lachte – –

Tusch!

Allgemeines Verstummen.

Mitten in dem tollen Lärm war das letzte der Corps im Eingange des

Gartens erschienen, »Saxonia«, das sich verspätet hatte und mit zehn

Mark in Strafe genommen werden würde.

Tusch!

»Saxonia« lüftete feierlich und gemessen zur Begrüßung die Mützen, und

feierlich und gemessen erwiderten die fünf andern Corps den Gruß.

Einen Moment war Käthie vergessen.

[Illustration: Da fühlte sie sich umfaßt und emporgehoben.]

Denn alle Blicke richteten sich gespannt, neugierig, etwas neidisch auf

einen schlanken jungen Herrn, der neben Herrn Bilz, »Saxonias« altem

»erstem Chargierten«, artig seine dunkelblaue Mütze erhoben hatte.

»Das ist er!«

»Da der erste.«

»Welcher? Der neben Bilz?«

»Ja, der.«

Also das war der Erbprinz. Der Erbprinz von Karlburg. Der glänzendste

»Fuchs«, den »Saxonia« je »gekeilt« hatte. Ein veritabler Erbprinz!

»Saxonia« hatte mit dieser Acquisition ein unermeßliches »Schwein«

gehabt. Ein unerhörtes »Schwein«, einen »Dusel« sondergleichen.

Man war sonst nicht neidisch, wahrhaftig nicht, »~suum cuique~«, aber

wie gut hätte sich die Durchlaucht unter dem Sachsen-Preußen-Stürmer

ausgenommen, oder in der roten Vandalenmütze, oder in den

Rheinländerfarben!

Er verneigte sich nach allen Seiten, als ob die Grüße, die seinem Corps

galten, ihm persönlich dargebracht seien, er war ganz offenbar noch

befangen und immer noch nicht im stande, die neuen Verhältnisse wie ein

gewöhnlicher Sterblicher zu betrachten.

Da – –

Bei Gott, das war ein starkes Stück von Käthie!

Alle reckten sich, um das zu sehen!

Sie hatte des Erbprinzen beide Hände grüßend erfaßt!

Aber richtig: sie kannte ihn ja. Er wohnte ja bei der Dörffel.

[Illustration: Sie hatte des Erbprinzen beide Hände grüßend erfaßt.]

Und der Prinz wurde glühend rot im Gesicht, während seine neuen

Freunde, überrascht wie alle andern, um ihn und das Mädchen einen Kreis

schlossen.

»Erlaube, Käthie,« sagte Herr Bilz und machte einen schüchternen

Versuch, sie zurückzuziehen, aber sie beachtete ihn gar nicht.

»O, das ist schön,« sagte sie mit leuchtenden Augen, »das ist zu schön,

daß Sie hierher zu uns kommen. Mit euch.« Sie sah sich um im Kreise,

von Herrn Bilz auf den kleinen Grafen Munster, auf Konrad Gräbenitz und

die andern: »Also nun gehört er zu euch, das ist zu schön.«

Karl Heinrich hatte das Gefühl, daß alle seine neuen Corpsbrüder,

die ihm noch Halbfremde waren, erstaunt ihn musterten, daß der

Regierungsrat, der hinter ihm stand, ganz starr sein müsse, daß alles

– daß er – daß sie – aber ihre beiden kleinen warmen Hände hielten ihn

fest, strömten ihren Lebensmut und ihre Lebensfreude zu ihm hinüber,

und er vergaß alles. Er hörte nicht die Musik, die ihm zu Ehren auf

Kellermanns Anordnung »Heil dir im Siegerkranz« spielte, er sah nicht

die Gesichter ringsumher, er blickte in die zwei dunkeln Augen, die

ihn, glücklich wie die eines Kindes, leidenschaftlich wie die eines

Weibes, anblitzten.

Dann saß er an einem Tische, der eigentlich gar kein Tisch, sondern nur

ein ungehobeltes Tannenbrett war, und hielt vor sich ein großes Glas

Bier und dachte wie Käthie: Es ist zu schön.

Man sprach mit ihm, und er sprach mit den andern, er trank, er sang aus

einem Kommersbuch ein Lied, das die übrigen auswendig konnten, lachte,

antwortete auf jedes, was man ihn fragte, aber er that alles wie im

Traum.

Einer nach dem andern von seinen Corpsbrüdern kam zu ihm, stieß mit ihm

auf Duzbrüderschaft an und nannte ihn dann: »Du« –, das war so seltsam.

Die fünf Musici spielten ein jämmerliches Getön, das ihm zuerst

blechern und unharmonisch erschien, aber mit der Zeit begannen ihre

Lieder weich zu klingen, wie fernher summende liebe Melodien, die er

irgendwann einmal gehört und längst vergessen hatte. Bisweilen sah er

nach dem Doktor, der weiter unten am Tische saß, große Quantitäten Bier

trank und sich ausgezeichnet amüsierte. Und bisweilen streifte Käthie

an ihm vorbei, oder er sah sie drüben durch die Reihen der Tische

gehen; immer fand er ihre Augen.

Dann wurde es Abend, das Schloß drüben am Berge tauchte in die Schatten

der Nacht, in den Häusern von Heidelberg jenseits des Neckars wurden

Lichter angezündet, und nun steckten Herr Rüder und die Corpsdiener die

Lampions an, die über allen Tischen baumelten, in den Bäumen und an

der Ufermauer schaukelten, daß ihr Bunt und das Bunt der Mützen und

das helldurchstrahlte Grün der Büsche eine leuchtende Farbensymphonie

ergaben.

Karl Bilz, der mit seinem melancholischen Schnurrbart neben Karl

Heinrich saß – er war Saxonias bester Fechter, sah aber zwischen

den derben, geröteten Gesichtern seiner Corpsbrüder aus wie ein

verkleidetes Mädchen –, sagte mit seiner leisen Stimme zu dem Prinzen:

»Wenn es dir recht ist, gehen wir eine Weile spazieren.«

»Ja, gern.«

»Man wird müde von dem langen Sitzen.«

Sie gingen durch die Reihen der Tische und den niedrigen, schlecht

erleuchteten Hausflur hinaus auf die Landstraße. Vor dem Zaun standen

Jungen und Mädchen und erwachsene Dirnen, die auf die Musik horchten.

Weiter entfernt vom Hause wurde es ganz still, nur hin und wieder

drückte sich ein Liebespaar im Dunkeln an ihnen vorbei. Der Mond war

noch nicht aufgegangen, die Straße lag im Schatten der Sommernacht, und

je weiter sie gingen, um so leiser und ferner klang die Musik herüber.

Jetzt spielte sie: »Es zogen drei Bursche wohl über den Rhein«, aber es

war nur noch wie ein Verklingen, während rechts in den Neckarwiesen die

Heimchen zirpten und ein paar Frösche quakten.

»Gefällt es dir in Heidelberg?«

Es war nur eine konventionelle Frage, die das Schweigen unterbrechen

sollte, aber in das immer noch verhaltene Glücksgefühl fiel sie wie ein

erlösendes Wort.

»Du?!«

Mit einem eisernen Drucke preßte der Prinz des andern Hände, fest wie

einer, der zum ersten Male im Leben sein Herz öffnen darf.

Der Student war bewegt. Er verstand sicherlich nicht, was in diesem

stürmischen Händedruck lag: die große Sehnsucht eines Menschen, der,

endlich befreit, seines ganzen Lebens Leidenschaft ausströmt – aber er

war stolz, ergriffen.

Der Prinz, der ihn zum Freunde forderte!

Und dann saßen sie wieder an dem Tannentische im Kreise der andern.

Die Laune aller war, wenn möglich, noch lustiger geworden, rings um

den Prinzen lachende junge Gesichter, die ihn hell, freundschaftlich

anblickten. Jeder trank ihm zu:

»Karl Heinrich, dein Wohl!«

»Karl Heinrich, auf dein Spezielles!«

Und er nickte, lachte, stieß mit ihnen an.

In den Nachmittagsstunden war ihm und den andern das »Du« noch

ungeläufig gewesen, jetzt klang es mühelos.

»Morgen gehst du mit auf den Fechtboden, Karl Heinrich.«

»Schön.«

»Roux soll dich einpauken.«

»Wer ist das?«

»Der Fechtmeister.«

»Schön.«

»Wirst du Kolleg hören, Karl Heinrich?«

»Ja, Institutionen und Pandekten.«

»Ach, Unsinn.«

Und man erklärte ihm mit einmütigem Leichtsinn, daß kein Mensch in

Heidelberg Kolleg hört, wenigstens nicht im Mai, am allerwenigsten im

ersten Semester.

[Illustration: »Ich habe in Karlburg tausend Bowlen angesetzt!«]

Er lächelte und hörte den eifrigen Auseinandersetzungen, an denen sich

alle ~unisono~ beteiligten, scheinbar aufmerksam zu, aber ihm war, als

ob in den warmen Sommerabend und seine Lust etwas Kaltes dringe von

fern her, eine graue eiserne Gewalt, die alles zerstören werde. In dem

finsteren Schlosse zu Karlburg saß einer, der ihn hierhergeschickt

hatte, um zu arbeiten. »Das Universitätsjahr soll für Se. Durchlaucht

so aufgefaßt werden, daß dasselbe nicht dem Vergnügen, sondern der

wissenschaftlichen Ausbildung gehört.«

Scheu blickte er nach dem Doktor hinüber, der hierher gesendet war,

um die Ausführung des fürstlichen Willens zu überwachen, aber dieser

Doktor stand vor einer riesigen Steingutterrine, in beiden Händen je

eine Weinflasche, deren Inhalt er in die Terrine glucksen ließ.

»Nein, es gehört keine Zitrone daran!« hörte Karl Heinrich ihn

aufgeregt rufen, und als irgend jemand am unteren Tisch zu

widersprechen schien, hieb der Doktor mit einer der Weinflaschen auf

die Tischplatte und rief fuchsrot vor Eifer:

»Ich habe in Karlburg tausend Bowlen angesetzt! Man wird zum

Donnerwetter doch wissen, ob Zitrone dazu gehört!!« – –

An diesem Abend saß Herr Lutz und wartete zu Hause auf die Heimkehr

Seiner Durchlaucht.

»Ich komme wahrscheinlich nicht vor elf Uhr,« hatte Seine Durchlaucht

gesagt, »Sie können, wenn Sie wollen, Lutz, bis dahin ein Glas Bier

trinken gehen.«

Herr Lutz hatte das gethan, das heißt, er hatte einige Schoppen Rotwein

zu sich genommen, da er Bier nicht vertragen konnte. Der Wein war

nicht schlecht, so daß Lutzens Laune im Laufe des Abends ruhiger und

versöhnlicher wurde als seit Tagen.

›Man soll nichts,‹ dachte er, ›auf die Spitze treiben; lieber in dieser

verfluchten Universitätsstadt ein Jahr ausharren als querulieren. Man

setzt sich dabei doch nur in die Nesseln.‹

Um halb elf ging er, wie alle Bürgersleute, heim, zündete in den

Zimmern die Lampen an, ordnete Seiner Durchlaucht Schlafgemach und

schaute dann aus dem Fenster. Er gähnte etwas, aber er war noch nicht

müde.

Immerhin hätte Seine Durchlaucht jetzt nach Hause kommen können.

Elf Uhr. – –

Karl Heinrich · 第 3 / 8 段