Neuntes Kapitel

Nachdem er den Glockenstrang bei der Apotheke gezogen hatte, öffnete

sich unter dem spitzen Dachwinkel ein Fenster, und eine dünne

Mädchenstimme schrie herab, daß kein Mensch zu Hause sei. Die

Herrschaften und der Provisor seien auf dem Ball beim »Ratgeber«. Der

Provisor käme erst in einer Stunde zurück, und solang müßte man warten

oder zum Ratgeber schicken.

Der Ratgeber war ein Hotel, welches sich eine Viertelstunde außerhalb

des Städtchens, auf der sogenannten »Höhe« befand. Dort schloß sich

unmittelbar der Wald an, der sich dann weit hinein erstreckt ins

mittlere Franken. Philipp Unruh entschloß sich rasch zu der Wanderung,

und noch auf der Landstraße sah er oben am Waldrand die strahlenden

Fenster und hörte, von Schritt zu Schritt deutlicher, den Brummbaß der

Tanzmusik. Es war eine Art Faschingsball, den die Gemeinde selbst

alljährlich mit großem Prunk veranstaltete. Dort waren nicht nur die

größten Notabilitäten des Ortes, sondern auch der Präsident des Kreises

anzutreffen, der von Ansbach herüberkam.

Fern auf dem Bahnhof klirrte das Eisen der Waggons, welche rangiert

wurden. Der Schnee der Straße schimmerte hell. Die Sterne standen am

Himmel und schaukelten unruhig wie Lichter im Wasser.

Wo sich der Weg gegen die Anhöhe hinaufbog, stand, auf der Landstraße

noch, ein kleines Wirtshaus. Im größeren Raum waren Knechte und Dirnen,

die nach der Musik einer Mundharmonika tanzten. Wie sich die Paare beim

düstern Schein einer Öllampe drehten, das gab ein wüstes und grelles

Bild. In der kleinen Stube lehnte ein Mann gegen das Fenster, die Stirn

gegen die Scheibe gepreßt, und der Lehrer erkannte sofort Apollonius

Siebengeist. Der Provisor seinerseits hatte ihn nicht wahrgenommen, denn

kein Zug veränderte sich in seinem Gesicht, welches trüb und verzerrt

aussah. Philipp Unruh bemerkte, daß das Zimmer leer war, und schritt dem

Eingang zu. Der Wirt begrüßte ihn mit einem lärmenden Freudenausbruch

und führte ihn durch einen stockfinstern Gang. Ohne daß es beide

merkten, folgte ihnen eine Frauengestalt, welche vom Ratgeber

herabgekommen war. Und als der Lehrer die Schwelle überschritt, drängte

sich jene vor und lief mehr als sie ging, auf Siebengeist zu. Sie hatte

eine schwarze Larve vor dem Gesicht, einen glatten langen Mantel über

dem Ballkleid, und ihre Augen leuchteten unnatürlich. »Ich wußte es ja,

daß du hier bist,« sagte sie mit heiserer Stimme. »Du machst den

Wegelagerer, lauerst einer Komödiantin auf.« – »Was soll das?«

entgegnete Siebengeist mit merkwürdiger Geduld. »Ja, ich erwarte sie,

aber sie kommt nicht, kommt nicht, trotzdem sie es versprochen hat.«

Seine Stimme klang müde, und er veränderte seine Haltung nicht, sondern

blickte fortwährend durch das Fenster auf die nächtliche Straße. Der

Wirt hatte das Gesicht in die Türspalte gepreßt und grinste freundlich

und lauernd. Philipp Unruh ergriff die Klinke und schloß mit sanftem

Druck die Tür. Dann räusperte er sich achtungsvoll, um seine Anwesenheit

kundzugeben. Der Raum hier war wie eine Fortsetzung des engen Flurs, und

nur gegen das Fenster hin verbreitete die Kerze spärliches Licht, die im

Hals einer Weinflasche auf dem Tisch stand.

»Was sorgst du dich, Liebster?« begann die Frau wieder und machte eine

flehentliche Gebärde. »Sieh mich doch an, bitte. Befiehl mir, daß ich

sie herbeiholen soll, die du liebst, und ich werde es tun. Befiehl mir,

aber sieh mich an, errette mein Leben.« – »Wie kann ich dein Leben

erretten, da du meines zerstört hast,« erwiderte Siebengeist, starrer

noch als bisher. »Ich habe nicht besitzen dürfen, weil deine Künste mich

schwach werden ließen. Deine Verlockungen haben meinem Wunsch die Kraft

genommen, deshalb bin ich nicht würdig, das beste zu besitzen. An dir

hab ich mich verschwendet. Also geh in dein Haus und sei zufrieden.«

Das Weib nahm ein Glas mit Wein vom Tisch, schleuderte es zu Boden, daß

die Scherben klirrten, und rief verzweifelt: »Dann soll _mein_ Wunsch

kraft haben, denn ich wünsche ihr den Tod!« Damit fiel sie in die Kniee,

rang die Hände und lehnte das Gesicht an die Hüften des regungslosen

jungen Mannes.

Der Lehrer verharrte eine Zeit lang völlig gelähmt in dem Winkel

zwischen Tür und Ofen. Er dachte, gänzlich sich selbst entfremdet: die

Liebe ist eine Gewalt, welche den Menschen erniedrigt. Er dachte, daß es

besser sei, nicht zu wissen, als im Wissen zu sündigen. Wo früher rings

um ihn her ein friedliches Einerlei sich gedehnt, sah er jetzt

Gesichter, aus denen die Aufregungen des Leidens und des Verlangens

redeten. Es war, als ob ein träges, aber starkes Wesen in ihm schwere,

staunende Augen aufschlüge.

Unter dem Zwang seines Anstandsgefühls trat er endlich mit vernehmlichem

Schritt gegen den Tisch zu und wünschte guten Abend. Die Baronin stutzte

und erhob sich rasch. Siebengeist drehte sich lässig um und blickte dem

Lehrer forschend, jedoch nicht ohne Freundlichkeit ins Gesicht. »Ich

komme,« sagte Philipp Unruh, indem sein eigenes Zimmer wie eine Insel

der Sehnsucht vor ihm aufstieg, »ich komme, um Ihnen, Herr Siebengeist,

etwas mitzuteilen.« Der Provisor, voller Ahnung, zog den Lehrer in den

entgegengesetzten, dunklen Teil des Zimmers. Seine Augen waren

umschattet und hatten einen zersplitterten Blick; die Stirn war unruhig;

das ganze sympathische Gesicht glich dem eines Spielers, der im Begriff

ist, einen hohen Einsatz zu verlieren.

In schwerfälligen Worten brachte der Lehrer heraus, was sich ereignet

hatte. Ohne zu zaudern, ohne einen Laut von sich zu geben, warf

Siebengeist den Pelz um die Schultern, stülpte die Kappe über, winkte

dem Lehrer durch eine Handbewegung, ihm zu folgen, und beide eilten nun

hinaus und die Landstraße hinab. Als sie das Schulhaus erreicht hatten

und die enge Treppe emporklommen, war kaum eine Viertelstunde vergangen.

Der Lehrer öffnete die Tür. Sein Blick fiel auf das Bett, welches leer

war. Myra war nicht im Zimmer. Jetzt erinnerte er sich, daß das Haustor

nur angelehnt gewesen war. »Sie ist fort,« murmelte er tonlos, und Kälte

rieselte über seinen schweißbedeckten Körper. »Hier lag sie auf dem

Bett, sehen Sie.« Und da er sich der Worte entsann, die sie zu ihm

gesprochen, verstummte er und schaute nachlauschend gegen die Wand, als

ob von dort ein Wiederhall ausflösse.

»Was haben Sie gemacht, Schulmeister? Haben Sie geträumt?« stieß

Siebengeist hervor. Er rückte die Kappe gegen den Hinterkopf und legte

die Hand über die Stirn, die von wirren, nassen Haaren bedeckt war. Dann

griff er nach einem Gegenstand, der auf dem Tisch lag, mitten auf einem

weißen Blatt Papier. Es war das Herz mit dem /vers Dieu va./ Ein Zucken

ging über sein Gesicht, und er biß die Lippen zusammen. Das goldne Ding

fiel auf die Erde. – »Vielleicht ist sie nach Hause zurück,« flüsterte

Siebengeist fragend, und Philipp Unruh gab durch Haltung und Blick seine

Willfährigkeit zu allem kund. Auf der Straße trafen sie den Nachtwächter,

welcher sehr betrunken war. Er wußte von nichts, nicht einmal ob es Tag

oder Nacht war, hatte niemand gesehen. Sie läuteten vor dem Haus, wo

Myras Mutter wohnte, und nach einiger Zeit kam eine Person von

ungewöhnlicher Beleibtheit zum Vorschein. Diese Person glich einem

Laubfrosch; sie trug einen moosgrünen Schlafrock und hatte einen

Schnurrbart, obwohl sie ein Weib war. Mit schnarrender Stimme berichtete

sie, daß der Schauspieler und die Frau vor einer Stunde mit dem

Münchener Eilzuge abgereist seien. Das junge Fräulein aber sei seit dem

Abend nicht heimgekehrt. Siebengeist reichte der Dame ein Talerstück und

bat in atemlosen Sätzen, sie möge ihm für ein paar Stunden eine gute

Laterne leihen.

Sie wanderten über den Markt und über die Altmühlbrücke gegen die

Dinkelsbühler Landstraße hinaus mit ihrer Laterne. Schweigend legten sie

ihren sinnlosen Weg zurück, während der Schnee im Lichtschein glitzerte.

Beide waren von derselben Ahnung, derselben Unruhe aufs äußerste erregt,

aber jeder scheute des andern Wort oder Frage. Bisweilen blieb

Siebengeist stehen, hielt die Laterne hoch oder stieg auf einen

Meilenstein und spähte in das lautlose, finstere Winterland. »Jetzt

wollen wir auf Theilheim zu,« sagte Siebengeist, und mit einem Auflachen

fügte er hinzu: »Glauben Sie denn, daß eine einzige Nacht genügen wird,

sie zu finden?« – »Es sind Wälder hier herum,« entgegnete der Lehrer.

»Aber es ist möglich, daß sie noch im Ort ist.« – »Es ist möglich, ja.

Was ist nicht alles möglich! Es ist möglich, daß sie verschwunden

bleibt, und ich habe nicht ein einziges Mal – –« »Was? –« »Diesen

wunderbaren Mund küssen dürfen.« Siebengeist blieb am Flußufer stehen,

warf den Kopf ein wenig zurück und drückte die Augen zu. Der Lehrer

entgegnete nichts darauf.

Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen · 第 13 / 22 题