Nachdem er den Glockenstrang bei der Apotheke gezogen hatte, öffnete
sich unter dem spitzen Dachwinkel ein Fenster, und eine dünne
Mädchenstimme schrie herab, daß kein Mensch zu Hause sei. Die
Herrschaften und der Provisor seien auf dem Ball beim »Ratgeber«. Der
Provisor käme erst in einer Stunde zurück, und solang müßte man warten
oder zum Ratgeber schicken.
Der Ratgeber war ein Hotel, welches sich eine Viertelstunde außerhalb
des Städtchens, auf der sogenannten »Höhe« befand. Dort schloß sich
unmittelbar der Wald an, der sich dann weit hinein erstreckt ins
mittlere Franken. Philipp Unruh entschloß sich rasch zu der Wanderung,
und noch auf der Landstraße sah er oben am Waldrand die strahlenden
Fenster und hörte, von Schritt zu Schritt deutlicher, den Brummbaß der
Tanzmusik. Es war eine Art Faschingsball, den die Gemeinde selbst
alljährlich mit großem Prunk veranstaltete. Dort waren nicht nur die
größten Notabilitäten des Ortes, sondern auch der Präsident des Kreises
anzutreffen, der von Ansbach herüberkam.
Fern auf dem Bahnhof klirrte das Eisen der Waggons, welche rangiert
wurden. Der Schnee der Straße schimmerte hell. Die Sterne standen am
Himmel und schaukelten unruhig wie Lichter im Wasser.
Wo sich der Weg gegen die Anhöhe hinaufbog, stand, auf der Landstraße
noch, ein kleines Wirtshaus. Im größeren Raum waren Knechte und Dirnen,
die nach der Musik einer Mundharmonika tanzten. Wie sich die Paare beim
düstern Schein einer Öllampe drehten, das gab ein wüstes und grelles
Bild. In der kleinen Stube lehnte ein Mann gegen das Fenster, die Stirn
gegen die Scheibe gepreßt, und der Lehrer erkannte sofort Apollonius
Siebengeist. Der Provisor seinerseits hatte ihn nicht wahrgenommen, denn
kein Zug veränderte sich in seinem Gesicht, welches trüb und verzerrt
aussah. Philipp Unruh bemerkte, daß das Zimmer leer war, und schritt dem
Eingang zu. Der Wirt begrüßte ihn mit einem lärmenden Freudenausbruch
und führte ihn durch einen stockfinstern Gang. Ohne daß es beide
merkten, folgte ihnen eine Frauengestalt, welche vom Ratgeber
herabgekommen war. Und als der Lehrer die Schwelle überschritt, drängte
sich jene vor und lief mehr als sie ging, auf Siebengeist zu. Sie hatte
eine schwarze Larve vor dem Gesicht, einen glatten langen Mantel über
dem Ballkleid, und ihre Augen leuchteten unnatürlich. »Ich wußte es ja,
daß du hier bist,« sagte sie mit heiserer Stimme. »Du machst den
Wegelagerer, lauerst einer Komödiantin auf.« – »Was soll das?«
entgegnete Siebengeist mit merkwürdiger Geduld. »Ja, ich erwarte sie,
aber sie kommt nicht, kommt nicht, trotzdem sie es versprochen hat.«
Seine Stimme klang müde, und er veränderte seine Haltung nicht, sondern
blickte fortwährend durch das Fenster auf die nächtliche Straße. Der
Wirt hatte das Gesicht in die Türspalte gepreßt und grinste freundlich
und lauernd. Philipp Unruh ergriff die Klinke und schloß mit sanftem
Druck die Tür. Dann räusperte er sich achtungsvoll, um seine Anwesenheit
kundzugeben. Der Raum hier war wie eine Fortsetzung des engen Flurs, und
nur gegen das Fenster hin verbreitete die Kerze spärliches Licht, die im
Hals einer Weinflasche auf dem Tisch stand.
»Was sorgst du dich, Liebster?« begann die Frau wieder und machte eine
flehentliche Gebärde. »Sieh mich doch an, bitte. Befiehl mir, daß ich
sie herbeiholen soll, die du liebst, und ich werde es tun. Befiehl mir,
aber sieh mich an, errette mein Leben.« – »Wie kann ich dein Leben
erretten, da du meines zerstört hast,« erwiderte Siebengeist, starrer
noch als bisher. »Ich habe nicht besitzen dürfen, weil deine Künste mich
schwach werden ließen. Deine Verlockungen haben meinem Wunsch die Kraft
genommen, deshalb bin ich nicht würdig, das beste zu besitzen. An dir
hab ich mich verschwendet. Also geh in dein Haus und sei zufrieden.«
Das Weib nahm ein Glas mit Wein vom Tisch, schleuderte es zu Boden, daß
die Scherben klirrten, und rief verzweifelt: »Dann soll _mein_ Wunsch
kraft haben, denn ich wünsche ihr den Tod!« Damit fiel sie in die Kniee,
rang die Hände und lehnte das Gesicht an die Hüften des regungslosen
jungen Mannes.
Der Lehrer verharrte eine Zeit lang völlig gelähmt in dem Winkel
zwischen Tür und Ofen. Er dachte, gänzlich sich selbst entfremdet: die
Liebe ist eine Gewalt, welche den Menschen erniedrigt. Er dachte, daß es
besser sei, nicht zu wissen, als im Wissen zu sündigen. Wo früher rings
um ihn her ein friedliches Einerlei sich gedehnt, sah er jetzt
Gesichter, aus denen die Aufregungen des Leidens und des Verlangens
redeten. Es war, als ob ein träges, aber starkes Wesen in ihm schwere,
staunende Augen aufschlüge.
Unter dem Zwang seines Anstandsgefühls trat er endlich mit vernehmlichem
Schritt gegen den Tisch zu und wünschte guten Abend. Die Baronin stutzte
und erhob sich rasch. Siebengeist drehte sich lässig um und blickte dem
Lehrer forschend, jedoch nicht ohne Freundlichkeit ins Gesicht. »Ich
komme,« sagte Philipp Unruh, indem sein eigenes Zimmer wie eine Insel
der Sehnsucht vor ihm aufstieg, »ich komme, um Ihnen, Herr Siebengeist,
etwas mitzuteilen.« Der Provisor, voller Ahnung, zog den Lehrer in den
entgegengesetzten, dunklen Teil des Zimmers. Seine Augen waren
umschattet und hatten einen zersplitterten Blick; die Stirn war unruhig;
das ganze sympathische Gesicht glich dem eines Spielers, der im Begriff
ist, einen hohen Einsatz zu verlieren.
In schwerfälligen Worten brachte der Lehrer heraus, was sich ereignet
hatte. Ohne zu zaudern, ohne einen Laut von sich zu geben, warf
Siebengeist den Pelz um die Schultern, stülpte die Kappe über, winkte
dem Lehrer durch eine Handbewegung, ihm zu folgen, und beide eilten nun
hinaus und die Landstraße hinab. Als sie das Schulhaus erreicht hatten
und die enge Treppe emporklommen, war kaum eine Viertelstunde vergangen.
Der Lehrer öffnete die Tür. Sein Blick fiel auf das Bett, welches leer
war. Myra war nicht im Zimmer. Jetzt erinnerte er sich, daß das Haustor
nur angelehnt gewesen war. »Sie ist fort,« murmelte er tonlos, und Kälte
rieselte über seinen schweißbedeckten Körper. »Hier lag sie auf dem
Bett, sehen Sie.« Und da er sich der Worte entsann, die sie zu ihm
gesprochen, verstummte er und schaute nachlauschend gegen die Wand, als
ob von dort ein Wiederhall ausflösse.
»Was haben Sie gemacht, Schulmeister? Haben Sie geträumt?« stieß
Siebengeist hervor. Er rückte die Kappe gegen den Hinterkopf und legte
die Hand über die Stirn, die von wirren, nassen Haaren bedeckt war. Dann
griff er nach einem Gegenstand, der auf dem Tisch lag, mitten auf einem
weißen Blatt Papier. Es war das Herz mit dem /vers Dieu va./ Ein Zucken
ging über sein Gesicht, und er biß die Lippen zusammen. Das goldne Ding
fiel auf die Erde. – »Vielleicht ist sie nach Hause zurück,« flüsterte
Siebengeist fragend, und Philipp Unruh gab durch Haltung und Blick seine
Willfährigkeit zu allem kund. Auf der Straße trafen sie den Nachtwächter,
welcher sehr betrunken war. Er wußte von nichts, nicht einmal ob es Tag
oder Nacht war, hatte niemand gesehen. Sie läuteten vor dem Haus, wo
Myras Mutter wohnte, und nach einiger Zeit kam eine Person von
ungewöhnlicher Beleibtheit zum Vorschein. Diese Person glich einem
Laubfrosch; sie trug einen moosgrünen Schlafrock und hatte einen
Schnurrbart, obwohl sie ein Weib war. Mit schnarrender Stimme berichtete
sie, daß der Schauspieler und die Frau vor einer Stunde mit dem
Münchener Eilzuge abgereist seien. Das junge Fräulein aber sei seit dem
Abend nicht heimgekehrt. Siebengeist reichte der Dame ein Talerstück und
bat in atemlosen Sätzen, sie möge ihm für ein paar Stunden eine gute
Laterne leihen.
Sie wanderten über den Markt und über die Altmühlbrücke gegen die
Dinkelsbühler Landstraße hinaus mit ihrer Laterne. Schweigend legten sie
ihren sinnlosen Weg zurück, während der Schnee im Lichtschein glitzerte.
Beide waren von derselben Ahnung, derselben Unruhe aufs äußerste erregt,
aber jeder scheute des andern Wort oder Frage. Bisweilen blieb
Siebengeist stehen, hielt die Laterne hoch oder stieg auf einen
Meilenstein und spähte in das lautlose, finstere Winterland. »Jetzt
wollen wir auf Theilheim zu,« sagte Siebengeist, und mit einem Auflachen
fügte er hinzu: »Glauben Sie denn, daß eine einzige Nacht genügen wird,
sie zu finden?« – »Es sind Wälder hier herum,« entgegnete der Lehrer.
»Aber es ist möglich, daß sie noch im Ort ist.« – »Es ist möglich, ja.
Was ist nicht alles möglich! Es ist möglich, daß sie verschwunden
bleibt, und ich habe nicht ein einziges Mal – –« »Was? –« »Diesen
wunderbaren Mund küssen dürfen.« Siebengeist blieb am Flußufer stehen,
warf den Kopf ein wenig zurück und drückte die Augen zu. Der Lehrer
entgegnete nichts darauf.