Zehntes Kapitel

In derselben Nacht noch, gegen die Morgenstunden, kamen Tauwinde aus dem

Süden. Siebengeist und der Lehrer waren heimgekehrt und verbrachten

miteinander den schlaflosen Rest der Nacht in des Lehrers Zimmer.

Abgerissene Erzählungen überdeckten die suchenden Gedanken. Siebengeist

lachte über den Gang mit der Laterne, so wie nur er zu lachen verstand,

und der Lehrer dachte wieder: ein Adonis. Jedoch glaubte er sich

bevorzugt wie durch unvertilgbare Versprechungen.

Zwischen sechs und sieben Uhr schlief er noch einen kurzen Schlummer der

Müdigkeit. Er träumte, daß er sich in den Affen Kümmerlich verwandelt

habe, daß er auf dem Dach des alten Turmes stehe und Grimassen schneide,

über die die ganze Welt und insbesondere eine Frau mit einer schwarzen

Larve unbändig lachen mußte. Doch wunderlicherweise hatte dieser Traum

für ihn etwas Quälendes, vielleicht deshalb, weil die Höhe des Turms ihn

trotz aller Grimassen mit Angst erfüllte.

Als er um neun Uhr am Schulfenster stand und gleichgültig die

Ziegelmauern der Synagoge anstierte, liefen auf der Straße Menschen

zusammen. Ein Milchbauer hatte auf seinem Handwägelchen einen großen,

dunklen Gegenstand liegen, der sich wie ein menschlicher Körper ausnahm.

Der Milchbauer redete eifrig mit den Leuten und zwinkerte dabei erregt

mit den Augen. Der Lehrer öffnete das Fenster und rief hinunter, was es

denn sei. Man habe ein Mädchen erfroren auf dem Feld gefunden, hieß es,

und diejenigen, die das sagten, es war der Schmied, ein Marktweib und

der alte Löwy, gebärdeten sich außerordentlich sachkundig. Auch der

Bäcker kam aus seinem Laden, indem er den Mehlstaub von den dicken

Schenkeln klopfte. Die Kinder im Schulzimmer verließen alle ihre Plätze,

drängten sich mit Wildheit an die Fenster, und Philipp Unruh sah sich

alsbald seines Aussichtspunktes beraubt, da eine Horde von schwatzenden

Mädchen ihn umringt und zurückgeschoben hatte. Er fand kein strafendes

Wort, sondern blickte geistesabwesend auf einen der blondhaarigen

Kinderköpfe.

Schnell wie Strohfeuer lief das Gerücht umher, daß eine Schauspielerin

von Herrn Schmalichs Truppe erfroren in den Feldern gefunden worden sei.

»Se woar im Schneei douglegn wier in ihrn Bettla,« sagte der Milchbauer

zu Doktor Maspero, der den Leichnam besichtigte. Auch der Bürgermeister

und ein gerichtlicher Funktionär stellten sich ein, und die Leute, die

den Totenwagen fuhren, zeigten sich verdrießlich über die Arbeit, die

nichts trug.

»In diesem begabten Mädchen steckte das Zeug zu einer Ophelia,« sagte

Herr Schmalich zu den Mitgliedern seiner Truppe, als er die

Gedächtnisrede während der Probe hielt. Dann kam noch etwas vom Pantheon

der Kunst, vom Kampf ums Dasein und weiblicher Tugend.

Die wahrhaft vornehmen Kreise nahmen das Ereignis mit Güte und Ruhe hin.

Nur die Frau Assessor, welche eine unglückliche Schwärmerei fürs Theater

hegte, schickte einen Immortellenkranz mit einer blaßroten Schleife, auf

welcher ein nicht weniger blasses Verslein zu lesen war. Die Frau

Oberamtmann geriet darüber in eine boshafte Aufregung und erzählte die

ganze Geschichte im Kasinohof dem Herrn Adjutanten. »Kann solche

Dummheit überboten werden!« rief die bewegte Dame aus. Der Herr Adjutant

lächelte verzwickt, und als er zu Hause war, stellte er sich breitbeinig

vor seinen Affen hin und redete ihn an: »Was sagst du, mein lieber

Kümmerlich: ist es nicht rätselhaft, wie selbst die Dummen merken, daß

die Dummen dumm sind?« Das Äffchen grinste höflich.

»Der Tod ist ein Ereignis, mit welchem man rechnen muß,« sagte der Baron

Apotheker ernst und poetisch gestimmt zu seiner Frau, welche wie

versteinert am Bücherregal lehnte, mit herabhängenden Armen und

verschränkten Fingern. Ihr sonderbares Wesen veranlaßte den Dichter kaum

zu einem flüchtigen Nachdenken. Solche Naturen sind wie Messer ohne

Klingen. Sie gleichen einem Schützen, der in der drohenden Pose des

Anschlags steht, aber statt der Flinte ein Spazierstöckchen zwischen den

Schultern hält. Sie kriechen herum wie aufgeblasene Regenwürmer und

vermeinen einen Adlerflug zu nehmen. Bis zu ihrem Sterbebett werden sie

den Tod für ein Ereignis halten, das Beachtung verdient.

Die junge Frau schleppte sich mühsam eine Treppe empor und pochte an

Siebengeists Zimmer. Da alles still blieb, drückte sie auf die Klinke,

jedoch die Tür war verschlossen. Da pochte sie abermals und rief ein

bittendes Wort, allein sie erhielt keine Antwort. Ihr schwindelte. Sie

ging herab in die Apotheke und fragte den zweiten Gehilfen, wo das

Strychnin sei. Im Grunde wußte sie, daß sie sich des Giftes nicht

bedienen würde. Auch sie war angesteckt vom Lügengeist des Herrn. Auch

sie hielt sich, wenn nicht für einen Adler, so doch für eine Schwalbe,

eine sehnsüchtige, nestsuchende und war nur ein armes Würmchen.

Es war ein träumerischer Tag. Der Himmel, mattblau, grünlichblau, war

von schleierdünnen Wolken durchzogen. Allenthalben lief geschäftig

murmelndes Tauwasser zu Bächen zusammen. Durch den schwarzgesprenkelten

Ackerschnee ragten die Stoppeln vom letzten Herbst. Bis zu den fernsten

Waldgrenzen dehnte sich der Horizont, und die Februarsonne füllte das

Land mit frühlinghafter Wärme.

Gegen die Zeit der Dämmerung kam Siebengeist zum Lehrer Unruh. »Machen

wir einen letzten Gang,« sagte der Provisor, dessen Augäpfel auffallend

ruhelos unter den Lidern hin und her irrten. Der Lehrer wußte sich nicht

zu erklären, was damit gemeint war, aber er folgte. Für ihn hatte die

Gegenwart noch keine Zunge. Wie ein Trunkener vergißt, was ihn trunken

gemacht, so hatte er die Ursache dessen, was in ihm wühlte, aus der

Empfindung verloren. Er begann nach rückwärts zu leben. Er erkannte sich

selbst und das, was aus ihm geworden war, mit der Klarheit einer

Halluzination. Ganz anders als früher schien es ihm jetzt seine eigene,

angeborene Sprache, wenn er redete, schien ihm sein Gefühl, was er

empfunden, und sein Urteil, was er beschlossen. Das Bild der Welt und

ihrer Menschen verlor völlig den Anschein der Selbstverständlichkeit und

des Unumstößlichen, und aus allen Dingen, aus allen Ereignissen, aus

jedem Gesicht, aus jedem Hinschwinden des Tages und der Nacht tauchte

etwas ungeheuer Geheimnisvolles auf, das ihn schaudern machte und ihn

mit einer noch ganz anderen Trauer erfüllte, als derjenigen, die er in

Siebengeist beobachtete. Aber wie sonderbar! Darüber schwebte wie das

Licht über einem finstern Wald etwas wie Freiheits- und

Einsamkeitsfreude.

Sie waren zum Leichenhaus gewandert, einem Backsteinhäuschen, das

verlassen in der Abenddämmerung lag. Siebengeist ging zur

Totengräberwohnung und ließ aufsperren. Der Mann, unter dem Druck von

Siebengeists Hand willfährig geworden, brachte eine Art Stallämpchen mit

einem Blendblech und ließ die beiden allein. Zwei Särge standen

inmitten des Raums, halb aufrecht gegen eine Bank gelehnt. In dem einen

lag eine Greisin, deren Lider nicht ganz geschlossen waren, so daß sie,

was vor sich ging, argwöhnisch zu beblinzeln schien. Ihr Gesicht war

gelb wie frisches Baumholz und hatte einen außerordentlich höhnischen

und feindseligen Ausdruck. Auf ihrer faltigen Stirne lief gemächlich

eine Fliege umher. Der ganze Kopf bekam überdies durch eine hohe weiße

Haube mit blauen Bändern ein theatralisches und bizarres Aussehen.

Daneben lag Myra. Auf der einen Wange war ein seltsamer roter Fleck, wie

ein Überbleibsel des Lebens. Die Unterlippe war ein wenig herabgesunken,

wodurch das Gesicht müde, fast schlaftrunken aussah. Die Stirne sah aus

wie geschliffen, und um die Augen lag ein abweisender, kindlich

überlegener Zug. Die Hände waren leicht gefaltet. Der Ärmel des Gewands

wurde leise von der Abendluft bewegt und erzeugte einen tierähnlichen

Schatten über den Fingern.

Siebengeist kniete nieder und legte still den Kopf auf den Sargrand.

Sein Rücken begann zu zucken, und die rechte Hand suchte den Boden. Der

Lehrer dachte etwas Unbestimmtes, Frommes über den Tod, verwarf aber

leidenschaftlich diese Gedanken wieder und zwang seine Blicke, auf dem

mißtrauischen Gesicht der alten Frau haften zu bleiben. Er ärgerte sich

über die freche Fliege, die wie schlafend auf einem Augenlid saß. Und

plötzlich sah er, wie Siebengeist sich ein wenig erhob, seine Lippen

langsam dem Antlitz Myras näherte, und wie er lautlos seinen Mund auf

ihren toten Mund drückte.

Philipp Unruh stieß einen schwachen Schrei aus und fühlte den Boden

unter sich wanken. Ihm brannte die Kehle und das Herz und das Gehirn,

als ob er im Feuer stände, aber mit unbegreiflicher und erschreckender

Raschheit kehrte eine eisige Ruhe in ihn zurück. Er legte die Hände vor

die Augen und kehrte das Gesicht dem Kirchhof zu und dem Stückchen Wald

hinter der Mauer. In diesem Augenblick hatte er Tod und Leben

gleichzeitig in einem elementaren Bild empfunden.

Beim Heimwärtsgang stand die Mondsichel über den Dächern des Städtchens.

Von der Eisenbahn tönte ein langgezogenes Hornsignal herüber. Die

Dunkelheit ist lästig und drückend, dachte Philipp Unruh. Er begann den

Tag der Nacht vorzuziehen, wo eine bittere und verschwommene Traurigkeit

so leicht Nahrung finden konnte. Sie gingen hinter den Gärten am Rand

der Äcker und Siebengeist fing an zu reden. Er gefiel sich in Kapriolen

des Geistes, in blasphemischen Anklagen, seufzte schwer und war dann

wieder still. Alles nahm sich wie beabsichtigter Wahnsinn aus. Von

seinem hübschen Gesicht war wie im Rausch jede Besonnenheit

verschwunden, und was er tat, trug das Zeichen von überhebendem Schmerz.

»Gute Nacht, Schulmeister,« sagte er. »Meine Seele ist leer wie ein

ausgebranntes Haus.«

Was er doch für Worte gebraucht, dachte der Lehrer. Er verspürte

plötzlich einen nagenden Hunger, denn seit vielen Stunden hatte er

nichts gegessen. Er trat neben dem Schulhaus in den Laden des Bäckers

und verlangte frisches Schwarzbrot und ein wenig Butter.

»Ach du _mein_ Gott, sieht man den Herrn Lehrer auch einmal,« sagte der

Bäcker, und mit halb pfiffigem, halb verlegenem Gesicht schraubte er das

blakende Licht tiefer. Er war eigentlich recht bestürzt, denn auf dem

Ladentisch vor sich hatte er einen großen Folianten aus des Lehrers

Bücherkiste liegen. Er hatte sich eben nach Herzenslust an einer

Kriegsbeschreibung ergötzt. Der Lehrer sah sogleich das Buch und schlug

erstaunt die Hände zusammen: »Herr Bäckermeister, Sie wissen wohl gar

nicht, wessen Eigentum das ist?« sagte er unsicher, wie alle gutmütigen

Menschen, wenn sie einem andern auf Schelmenstreiche kommen.

Was nun den Bäcker betrifft, so begann er eine Geschichte zu erzählen,

die durchaus kein Ende nehmen wollte. Diese Geschichte wurde allgemach

recht verwickelt und bot schließlich selbst dem Erzähler

Schwierigkeiten. Sprüche zur Weltweisheit mischten sich darein wie

Aniskörnchen in den Brotteig, nur zuletzt kam, einer Apotheose zu

vergleichen, der Preis des Handwerks, welches ebenso sein Gutes habe,

wie die Gelehrsamkeit.

Philipp Unruh lächelte. Der humoristische Mann, der ihm gegenüber auf

dem Backtrog saß, hatte in der Glorie seiner Lügenhaftigkeit etwas

seltsam Versöhnendes, und es lag wie eine unwiderstehliche Heiterkeit in

jedem dieser Lügenworte, die weder gewogen, noch gezählt waren. Daß er

wieder in den Besitz seiner Bücher kam, erfreute ihn, doch in anderm

Grade, als er je geglaubt. Es war wie ein Geschenk, und er betrachtete

sein Eigentum wie etwas, das er nie besessen. Er wußte, daß es da nur

tote Dinge, tote Blätter gab. Die Vergangenheit ist etwas Gestorbenes,

dachte er; wer ihren Leichnam küßt, macht das Gesicht des Todes doppelt

furchtbar; was er berühren mag, wird dem Leben entfremdet sein.

Es war ein so milder Abend, daß es den Lehrer wieder fort von seiner

Behausung trieb, und er beschloß, gegen das Altmühlufer hinunter zu

wandern. Als er in die enge Kirchengasse bog, sah er sich gegenüber auf

der Schwelle eines beleuchteten, schmalen Hausflurs ein kleines Mädchen

sitzen, welches das Gesicht in die Schürze gelegt hatte und weinte. Ein

Knabe von vielleicht zwölf Jahren stelzte ernsthaft über die Gasse und

fragte mit Würde, beide Hände tief in die Hosentaschen gesenkt: »Warum

weinst du denn?« Die Kleine hob das Gesicht, und Philipp Unruh, der im

dunklen Schatten stehen blieb, erkannte das Mädchen der Frau Süßmilch.

»Ich kann meine Aufgabe nicht lernen, sie ist zu schwer,« schluchzte das

Kind. Der Knabe räusperte sich, spreizte die Beine, legte die Hände auf

den Rücken und begann: »Du bist meine schlechteste Schülerin, Süßmilch.

Aus dir wird im Leben nichts werden. Du hast ja lauter Heu im Kopfe.

Pfui!« Philipp Unruh sah, daß ihn der Bursche nachäffte, und errötete in

seinem Versteck. Das kleine Mädchen aber trocknete die Augen, stützte

den Kopf in das Händchen, schaute wehmütig zum klaren Sternenhimmel auf

und sagte aus tiefstem Herzensgrund: »Ach ja! Unser Herr Lehrer ist ein

sehr böser Mann.«

Der Lehrer ging langsam über die Gasse, nahm das Mädchen auf die Arme

und küßte es lächelnd auf die Stirn.

Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen · 第 14 / 22 题