In derselben Nacht noch, gegen die Morgenstunden, kamen Tauwinde aus dem
Süden. Siebengeist und der Lehrer waren heimgekehrt und verbrachten
miteinander den schlaflosen Rest der Nacht in des Lehrers Zimmer.
Abgerissene Erzählungen überdeckten die suchenden Gedanken. Siebengeist
lachte über den Gang mit der Laterne, so wie nur er zu lachen verstand,
und der Lehrer dachte wieder: ein Adonis. Jedoch glaubte er sich
bevorzugt wie durch unvertilgbare Versprechungen.
Zwischen sechs und sieben Uhr schlief er noch einen kurzen Schlummer der
Müdigkeit. Er träumte, daß er sich in den Affen Kümmerlich verwandelt
habe, daß er auf dem Dach des alten Turmes stehe und Grimassen schneide,
über die die ganze Welt und insbesondere eine Frau mit einer schwarzen
Larve unbändig lachen mußte. Doch wunderlicherweise hatte dieser Traum
für ihn etwas Quälendes, vielleicht deshalb, weil die Höhe des Turms ihn
trotz aller Grimassen mit Angst erfüllte.
Als er um neun Uhr am Schulfenster stand und gleichgültig die
Ziegelmauern der Synagoge anstierte, liefen auf der Straße Menschen
zusammen. Ein Milchbauer hatte auf seinem Handwägelchen einen großen,
dunklen Gegenstand liegen, der sich wie ein menschlicher Körper ausnahm.
Der Milchbauer redete eifrig mit den Leuten und zwinkerte dabei erregt
mit den Augen. Der Lehrer öffnete das Fenster und rief hinunter, was es
denn sei. Man habe ein Mädchen erfroren auf dem Feld gefunden, hieß es,
und diejenigen, die das sagten, es war der Schmied, ein Marktweib und
der alte Löwy, gebärdeten sich außerordentlich sachkundig. Auch der
Bäcker kam aus seinem Laden, indem er den Mehlstaub von den dicken
Schenkeln klopfte. Die Kinder im Schulzimmer verließen alle ihre Plätze,
drängten sich mit Wildheit an die Fenster, und Philipp Unruh sah sich
alsbald seines Aussichtspunktes beraubt, da eine Horde von schwatzenden
Mädchen ihn umringt und zurückgeschoben hatte. Er fand kein strafendes
Wort, sondern blickte geistesabwesend auf einen der blondhaarigen
Kinderköpfe.
Schnell wie Strohfeuer lief das Gerücht umher, daß eine Schauspielerin
von Herrn Schmalichs Truppe erfroren in den Feldern gefunden worden sei.
»Se woar im Schneei douglegn wier in ihrn Bettla,« sagte der Milchbauer
zu Doktor Maspero, der den Leichnam besichtigte. Auch der Bürgermeister
und ein gerichtlicher Funktionär stellten sich ein, und die Leute, die
den Totenwagen fuhren, zeigten sich verdrießlich über die Arbeit, die
nichts trug.
»In diesem begabten Mädchen steckte das Zeug zu einer Ophelia,« sagte
Herr Schmalich zu den Mitgliedern seiner Truppe, als er die
Gedächtnisrede während der Probe hielt. Dann kam noch etwas vom Pantheon
der Kunst, vom Kampf ums Dasein und weiblicher Tugend.
Die wahrhaft vornehmen Kreise nahmen das Ereignis mit Güte und Ruhe hin.
Nur die Frau Assessor, welche eine unglückliche Schwärmerei fürs Theater
hegte, schickte einen Immortellenkranz mit einer blaßroten Schleife, auf
welcher ein nicht weniger blasses Verslein zu lesen war. Die Frau
Oberamtmann geriet darüber in eine boshafte Aufregung und erzählte die
ganze Geschichte im Kasinohof dem Herrn Adjutanten. »Kann solche
Dummheit überboten werden!« rief die bewegte Dame aus. Der Herr Adjutant
lächelte verzwickt, und als er zu Hause war, stellte er sich breitbeinig
vor seinen Affen hin und redete ihn an: »Was sagst du, mein lieber
Kümmerlich: ist es nicht rätselhaft, wie selbst die Dummen merken, daß
die Dummen dumm sind?« Das Äffchen grinste höflich.
»Der Tod ist ein Ereignis, mit welchem man rechnen muß,« sagte der Baron
Apotheker ernst und poetisch gestimmt zu seiner Frau, welche wie
versteinert am Bücherregal lehnte, mit herabhängenden Armen und
verschränkten Fingern. Ihr sonderbares Wesen veranlaßte den Dichter kaum
zu einem flüchtigen Nachdenken. Solche Naturen sind wie Messer ohne
Klingen. Sie gleichen einem Schützen, der in der drohenden Pose des
Anschlags steht, aber statt der Flinte ein Spazierstöckchen zwischen den
Schultern hält. Sie kriechen herum wie aufgeblasene Regenwürmer und
vermeinen einen Adlerflug zu nehmen. Bis zu ihrem Sterbebett werden sie
den Tod für ein Ereignis halten, das Beachtung verdient.
Die junge Frau schleppte sich mühsam eine Treppe empor und pochte an
Siebengeists Zimmer. Da alles still blieb, drückte sie auf die Klinke,
jedoch die Tür war verschlossen. Da pochte sie abermals und rief ein
bittendes Wort, allein sie erhielt keine Antwort. Ihr schwindelte. Sie
ging herab in die Apotheke und fragte den zweiten Gehilfen, wo das
Strychnin sei. Im Grunde wußte sie, daß sie sich des Giftes nicht
bedienen würde. Auch sie war angesteckt vom Lügengeist des Herrn. Auch
sie hielt sich, wenn nicht für einen Adler, so doch für eine Schwalbe,
eine sehnsüchtige, nestsuchende und war nur ein armes Würmchen.
Es war ein träumerischer Tag. Der Himmel, mattblau, grünlichblau, war
von schleierdünnen Wolken durchzogen. Allenthalben lief geschäftig
murmelndes Tauwasser zu Bächen zusammen. Durch den schwarzgesprenkelten
Ackerschnee ragten die Stoppeln vom letzten Herbst. Bis zu den fernsten
Waldgrenzen dehnte sich der Horizont, und die Februarsonne füllte das
Land mit frühlinghafter Wärme.
Gegen die Zeit der Dämmerung kam Siebengeist zum Lehrer Unruh. »Machen
wir einen letzten Gang,« sagte der Provisor, dessen Augäpfel auffallend
ruhelos unter den Lidern hin und her irrten. Der Lehrer wußte sich nicht
zu erklären, was damit gemeint war, aber er folgte. Für ihn hatte die
Gegenwart noch keine Zunge. Wie ein Trunkener vergißt, was ihn trunken
gemacht, so hatte er die Ursache dessen, was in ihm wühlte, aus der
Empfindung verloren. Er begann nach rückwärts zu leben. Er erkannte sich
selbst und das, was aus ihm geworden war, mit der Klarheit einer
Halluzination. Ganz anders als früher schien es ihm jetzt seine eigene,
angeborene Sprache, wenn er redete, schien ihm sein Gefühl, was er
empfunden, und sein Urteil, was er beschlossen. Das Bild der Welt und
ihrer Menschen verlor völlig den Anschein der Selbstverständlichkeit und
des Unumstößlichen, und aus allen Dingen, aus allen Ereignissen, aus
jedem Gesicht, aus jedem Hinschwinden des Tages und der Nacht tauchte
etwas ungeheuer Geheimnisvolles auf, das ihn schaudern machte und ihn
mit einer noch ganz anderen Trauer erfüllte, als derjenigen, die er in
Siebengeist beobachtete. Aber wie sonderbar! Darüber schwebte wie das
Licht über einem finstern Wald etwas wie Freiheits- und
Einsamkeitsfreude.
Sie waren zum Leichenhaus gewandert, einem Backsteinhäuschen, das
verlassen in der Abenddämmerung lag. Siebengeist ging zur
Totengräberwohnung und ließ aufsperren. Der Mann, unter dem Druck von
Siebengeists Hand willfährig geworden, brachte eine Art Stallämpchen mit
einem Blendblech und ließ die beiden allein. Zwei Särge standen
inmitten des Raums, halb aufrecht gegen eine Bank gelehnt. In dem einen
lag eine Greisin, deren Lider nicht ganz geschlossen waren, so daß sie,
was vor sich ging, argwöhnisch zu beblinzeln schien. Ihr Gesicht war
gelb wie frisches Baumholz und hatte einen außerordentlich höhnischen
und feindseligen Ausdruck. Auf ihrer faltigen Stirne lief gemächlich
eine Fliege umher. Der ganze Kopf bekam überdies durch eine hohe weiße
Haube mit blauen Bändern ein theatralisches und bizarres Aussehen.
Daneben lag Myra. Auf der einen Wange war ein seltsamer roter Fleck, wie
ein Überbleibsel des Lebens. Die Unterlippe war ein wenig herabgesunken,
wodurch das Gesicht müde, fast schlaftrunken aussah. Die Stirne sah aus
wie geschliffen, und um die Augen lag ein abweisender, kindlich
überlegener Zug. Die Hände waren leicht gefaltet. Der Ärmel des Gewands
wurde leise von der Abendluft bewegt und erzeugte einen tierähnlichen
Schatten über den Fingern.
Siebengeist kniete nieder und legte still den Kopf auf den Sargrand.
Sein Rücken begann zu zucken, und die rechte Hand suchte den Boden. Der
Lehrer dachte etwas Unbestimmtes, Frommes über den Tod, verwarf aber
leidenschaftlich diese Gedanken wieder und zwang seine Blicke, auf dem
mißtrauischen Gesicht der alten Frau haften zu bleiben. Er ärgerte sich
über die freche Fliege, die wie schlafend auf einem Augenlid saß. Und
plötzlich sah er, wie Siebengeist sich ein wenig erhob, seine Lippen
langsam dem Antlitz Myras näherte, und wie er lautlos seinen Mund auf
ihren toten Mund drückte.
Philipp Unruh stieß einen schwachen Schrei aus und fühlte den Boden
unter sich wanken. Ihm brannte die Kehle und das Herz und das Gehirn,
als ob er im Feuer stände, aber mit unbegreiflicher und erschreckender
Raschheit kehrte eine eisige Ruhe in ihn zurück. Er legte die Hände vor
die Augen und kehrte das Gesicht dem Kirchhof zu und dem Stückchen Wald
hinter der Mauer. In diesem Augenblick hatte er Tod und Leben
gleichzeitig in einem elementaren Bild empfunden.
Beim Heimwärtsgang stand die Mondsichel über den Dächern des Städtchens.
Von der Eisenbahn tönte ein langgezogenes Hornsignal herüber. Die
Dunkelheit ist lästig und drückend, dachte Philipp Unruh. Er begann den
Tag der Nacht vorzuziehen, wo eine bittere und verschwommene Traurigkeit
so leicht Nahrung finden konnte. Sie gingen hinter den Gärten am Rand
der Äcker und Siebengeist fing an zu reden. Er gefiel sich in Kapriolen
des Geistes, in blasphemischen Anklagen, seufzte schwer und war dann
wieder still. Alles nahm sich wie beabsichtigter Wahnsinn aus. Von
seinem hübschen Gesicht war wie im Rausch jede Besonnenheit
verschwunden, und was er tat, trug das Zeichen von überhebendem Schmerz.
»Gute Nacht, Schulmeister,« sagte er. »Meine Seele ist leer wie ein
ausgebranntes Haus.«
Was er doch für Worte gebraucht, dachte der Lehrer. Er verspürte
plötzlich einen nagenden Hunger, denn seit vielen Stunden hatte er
nichts gegessen. Er trat neben dem Schulhaus in den Laden des Bäckers
und verlangte frisches Schwarzbrot und ein wenig Butter.
»Ach du _mein_ Gott, sieht man den Herrn Lehrer auch einmal,« sagte der
Bäcker, und mit halb pfiffigem, halb verlegenem Gesicht schraubte er das
blakende Licht tiefer. Er war eigentlich recht bestürzt, denn auf dem
Ladentisch vor sich hatte er einen großen Folianten aus des Lehrers
Bücherkiste liegen. Er hatte sich eben nach Herzenslust an einer
Kriegsbeschreibung ergötzt. Der Lehrer sah sogleich das Buch und schlug
erstaunt die Hände zusammen: »Herr Bäckermeister, Sie wissen wohl gar
nicht, wessen Eigentum das ist?« sagte er unsicher, wie alle gutmütigen
Menschen, wenn sie einem andern auf Schelmenstreiche kommen.
Was nun den Bäcker betrifft, so begann er eine Geschichte zu erzählen,
die durchaus kein Ende nehmen wollte. Diese Geschichte wurde allgemach
recht verwickelt und bot schließlich selbst dem Erzähler
Schwierigkeiten. Sprüche zur Weltweisheit mischten sich darein wie
Aniskörnchen in den Brotteig, nur zuletzt kam, einer Apotheose zu
vergleichen, der Preis des Handwerks, welches ebenso sein Gutes habe,
wie die Gelehrsamkeit.
Philipp Unruh lächelte. Der humoristische Mann, der ihm gegenüber auf
dem Backtrog saß, hatte in der Glorie seiner Lügenhaftigkeit etwas
seltsam Versöhnendes, und es lag wie eine unwiderstehliche Heiterkeit in
jedem dieser Lügenworte, die weder gewogen, noch gezählt waren. Daß er
wieder in den Besitz seiner Bücher kam, erfreute ihn, doch in anderm
Grade, als er je geglaubt. Es war wie ein Geschenk, und er betrachtete
sein Eigentum wie etwas, das er nie besessen. Er wußte, daß es da nur
tote Dinge, tote Blätter gab. Die Vergangenheit ist etwas Gestorbenes,
dachte er; wer ihren Leichnam küßt, macht das Gesicht des Todes doppelt
furchtbar; was er berühren mag, wird dem Leben entfremdet sein.
Es war ein so milder Abend, daß es den Lehrer wieder fort von seiner
Behausung trieb, und er beschloß, gegen das Altmühlufer hinunter zu
wandern. Als er in die enge Kirchengasse bog, sah er sich gegenüber auf
der Schwelle eines beleuchteten, schmalen Hausflurs ein kleines Mädchen
sitzen, welches das Gesicht in die Schürze gelegt hatte und weinte. Ein
Knabe von vielleicht zwölf Jahren stelzte ernsthaft über die Gasse und
fragte mit Würde, beide Hände tief in die Hosentaschen gesenkt: »Warum
weinst du denn?« Die Kleine hob das Gesicht, und Philipp Unruh, der im
dunklen Schatten stehen blieb, erkannte das Mädchen der Frau Süßmilch.
»Ich kann meine Aufgabe nicht lernen, sie ist zu schwer,« schluchzte das
Kind. Der Knabe räusperte sich, spreizte die Beine, legte die Hände auf
den Rücken und begann: »Du bist meine schlechteste Schülerin, Süßmilch.
Aus dir wird im Leben nichts werden. Du hast ja lauter Heu im Kopfe.
Pfui!« Philipp Unruh sah, daß ihn der Bursche nachäffte, und errötete in
seinem Versteck. Das kleine Mädchen aber trocknete die Augen, stützte
den Kopf in das Händchen, schaute wehmütig zum klaren Sternenhimmel auf
und sagte aus tiefstem Herzensgrund: »Ach ja! Unser Herr Lehrer ist ein
sehr böser Mann.«
Der Lehrer ging langsam über die Gasse, nahm das Mädchen auf die Arme
und küßte es lächelnd auf die Stirn.