Achtes Kapitel

Siebengeist war ein großmütiger Lustigmacher, der sich selbst vergessen

konnte, um Myra zu erheitern. Wenn er anfing, zu plaudern und Gesichter

zu schneiden, blieb sie nicht ernst. Was trieb er doch nicht alles! In

derselben Stunde war er Fabulist und Taschenspieler, Schlangenmensch und

komischer Musikant, sprang über die Tische und parodierte die

Schauspieler, formte Damen aus Schnee und dichtete närrische Sonette

über seine Laufbahn als Apotheker. Myra hatte viel Freude an ihm. Sie

schenkte ihm einen schmalen Reif mit einem winzigen Rubin, und dafür gab

ihr Siebengeist ein goldenes Herz, welches die Inschrift trug: /vers Dieu

va./ Philipp Unruh fühlte sich als Zaungast und suchte Einsamkeit.

Unsichtbar ging Myra an seiner Seite bei den weiten Spaziergängen,

unsichtbar ging sie in seinem Haus umher. Unhörbare Reden wechselte sie

mit ihm, schenkte ihm Vertrauen, billigte seine Entschlüsse. So

erhielten sein Sehen und Denken, seine Gebärden und Worte eine

verzweifelte und verschwiegene Glut. Auf allen Wegen, an allen Mauern

stand ihr Name, und wurde er wirklich genannt, so erschrak der Lehrer

wie ein Verbrecher, der unerkannt die Früchte seiner Tat genießt. So vor

Doktor Maspero, der beim nächtlichen Heimgang von Myra sprach.

Der Provisor sei ein Narr, meinte dieser gescheite Mann, und alle Welt

habe recht, ihn zu verdammen wegen seiner Narrheit. Was für eine

Bedeutung habe dies törichte Scharmuzieren? Ein bettelarmes Persönchen,

das weder hübsch noch klug sei und zweifellos einen wahnsinnigen Zug in

den Augen trage. Niemand wisse, was sie dabei wolle.

»Ein altes Wort lautet: was ein Weib will, das will Gott,« murmelte der

Lehrer.

»So? Eine jammervolle Sentenz, Schulmeister! Ich glaube, Ihnen sitzen

Gespenster im Magen. Sei’s drum! Ich gönne jedem sein Plätzchen an der

Sonne. Gute Nacht.«

Der Lehrer fühlte sich verlassen. Er blickte spähend durch die fallenden

Schneeflocken, als erwarte er einen Freund, mit dem er die Nacht

verbringen könnte. In der Tat tauchte eine schwarze, hagere Gestalt aus

der Finsternis auf. Es war der Herr Adjutant. Beim Anblick des Lehrers

packte er sofort begeistert seinen Hut, schwenkte ihn gegen das

Firmament und schrie den Abendgruß, als ob er seinem Landesfürsten

zujauchzte. Gleich darauf ging er wieder stelzengerade und lautlos

seines Weges weiter, und sein gravitätischer Schritt machte den Schnee

klirren. Philipp Unruh empfand auf einmal eine wunderliche Sympathie für

diesen Mann, der seine einsame Wohnung nur mit einem zärtlich geliebten

Affen teilte, dem er den aparten Namen Kümmerlich gegeben hatte.

Neben der Post befand sich ein uraltes Gebäude, in welchem Myra mit

ihrer Mutter wohnte. Die zwei Fenster waren erleuchtet und durch gelbe

Rollvorhänge verdeckt. Der Lehrer stand im Schnee auf der andern Seite

der Gasse und lehnte sich an die Türe des Kürschnerladens. Eine

Silhouette ward auf dem Vorhang sichtbar: das Profil eines Mannes, das

auftauchte und verschwand. Dann erschien derselbe Kopf noch einmal, nahe

beim Fenster und deshalb sehr klein und scharf und wurde unter

beständigem lebhaften Nicken immer größer. Ein zweites Bild, ein

Frauenhaupt erschien daneben, und beide verharrten nun in Ruhe, als ob

sie sich unverwandt ansähen, neigten einander zu, wichen von neuem

zurück, und gleichzeitig erschien am zweiten Fenster ein anderer

Schatten, bei dessen Anblick sich Philipp Unruhs Stirne unwillkürlich

verdüsterte. Dieser Schatten, klar begrenzt von Licht, war den beiden

übrigen bewegungslos zugewandt, als flösse sein Dasein von ihnen aus.

Haare fielen abenteuerlich in die Stirn, deutlich war die feine Nase

gezeichnet, deutlich der verschlossene Mund. Das ganze Spiel der drei

körperlosen Gestalten hatte etwas so Unwirkliches und Phantastisches,

daß der Lauscher bisweilen staunend in die Dunkelheit starrte, auf die

friedlichen Häuser im Umkreis, und mit eigentümlicher Gewalt die Ruhe

spürte, die in allen schneebedeckten Gassen ausgebreitet war. Aber dies

erschien ihm nur als ein täuschendes Kleid, unter dessen unbewegten

Falten verheerende Leidenschaften brüteten, um die Erde zu bedrohen und

zu erschüttern. Er selber war ergriffen, ja gefoltert und wagte nicht,

darüber ins klare zu kommen. Ungeduldigen neuen Lebens voll, sah er

millionenfaches Leben um sich in eisiges Schweigen gehüllt durch die

stummen Kräfte der Natur.

Nun geschah etwas Sonderbares. Die beiden Schatten erhoben sich

gleichzeitig, ohne von einander zu weichen. Der dritte Schatten streckte

die Arme aus, flehentlich oder beschwörend. Dann glitt der eine

Frauenschatten zum zweiten Fenster. Die ausgestreckten Arme fielen

herab, und die ganze Gestalt versank. Die zweite wuchs geisterhaft

empor, beugte sich auf und nieder mit beängstigender Hast. Die

Silhouette des Mannes stand regungslos, eine Hand gegen das Gesicht

gepreßt, – und plötzlich ward alles schwarz und finster.

Der Lehrer seufzte bang. Unschlüssig und erratend stand er da, als ein

Tor zugeschlagen wurde und jemand auf die Straße gestürzt kam. Unruh

sah, daß es Myra war, in bloßen Kleidern, ohne winterliche Hülle, und

mit einem halben Ausruf schritt er ihr entgegen. Mit tastendem Schritt

näherte sie sich ihm, und er spürte ihre Hand in seinen Arm sich

förmlich einkrallen. Mit einem Blick, der von Angst, Erschöpfung und

Verzweiflung stier geworden war, schaute sie gleichsam durch sein

Gesicht hindurch. Das alles geschah lautlos. Auch im Hause regte sich

nichts, und die Fenster oben blieben schwarz.

Philipp Unruh sah ein Geschöpf vor sich, auf dessen Wort und Aufschluß

er nicht rechnen durfte, das nur noch mit einem Schein äußeren Lebens

begabt, sich ihm überließ wie ein Gegenstand. Die augenscheinliche

Gefahr, die außerordentlichen Umstände verliehen ihm Besinnung und Kraft

des Entschlusses. Seine scheuen, dumpf brennenden Gefühle verkrochen

sich in der Stunde der Tat. Er nahm Myra auf den Arm und eilte mit ihr

durch die Nacht dem Schulhaus zu. Leicht schien ihm seine Last, aber das

ungewisse Vibrieren des Körpers in seinen Armen ließ beinahe sein Blut

stocken. Die leere, stumme Nacht eilte vor ihm her und verwirrte seinen

Blick. Er fragte sich gar nicht, wohin er anders mit der willenlosen

Myra gehen könne, als in seine eigene Behausung. Er hörte hinter sich,

doch ziemlich ferne schon, Stimmen in der Finsternis, und eine davon

schrie in hellem Ton immer wieder dasselbe Wort. Er achtete nicht

darauf, sah nur mit Neugierde und Mißtrauen die Straße entlang, denn ihm

schien, als sei er in ein bisher unbekanntes Land geraten.

Das Schulhaus, ihm längst vertraut in jedem Winkel, barg heute Gefahren.

Unter dem Stiegeneck waren glänzende Augen. Hoch im Gitterfenster

leuchtete ein verräterisches Licht. Es war kein Mensch im ganzen

Gebäude, denn die Wirtschafterin schlief im Haus des alten Löwy. Bis zur

Kraftlosigkeit ermattet, nach Atem keuchend, schleppte er Myra die

Treppen empor, stieß die Zimmertüre auf, legte das junge Mädchen auf das

Bett und machte Licht.

Sie hatte die Augen geschlossen. Zum erstenmal sah er ihr Gesicht

bleich. Er benetzte ihre Schläfe mit Wasser und murmelte ihren Namen vor

sich hin. Sie rührte sich nicht. Er legte das Ohr auf ihre Brust, und

als er keinen Herzschlag vernahm, wurden vor Schrecken seine Augen

feucht. Die verbrecherische Kraft eines kaum geahnten Wunsches habe ihn

gezwungen, sie hierherzubringen, so glaubte er jetzt. Er riß das Fenster

auf, um jemand zu erspähen, der zum Doktor laufen könne. Aber der Hof

lag finster und öde. Er schrie: Johanna! dann: Kunigunde! und noch

einige, denen er vielleicht den Schlaf aus den Lidern rufen konnte. Er

rannte ins Schulzimmer, schaute dort hinaus, straßauf, straßab, aber er

wurde nichts gewahr als eine drückende Verlassenheit, die sich zu regen

schien unter dem gleichmäßigen Fall der Schneeflocken.

Jedoch als er zurückkam, von Frost und Angst geschüttelt, saß Myra

aufrecht im Bett.

Sie lächelte; ein wunderliches, stumpfes, unveränderliches Lächeln. Die

schöne Rundung der Unterlippe, die feine, etwas träumerische Linie der

oberen traten in bezaubernder Klarheit hervor. Von einer eigentümlichen,

furchtsamen Freude ergriffen, sagte der Lehrer: »Sie sind wach?« und

seine Stimme bebte. Sein Beginnen kam ihm frevelhaft vor. Er hatte sich

ihrer bemächtigt, das war es. Eine Verantwortung nahte, vor der er

zusammenbrechen würde. Er bewunderte und fürchtete zugleich jene Person,

die er selbst noch vor einer halben Stunde gewesen war, jene wild und

unbekümmert handelnde Person. Sorgenvoll und überlegend stand er auf der

Schwelle, der Rechenschaft gewärtig, die man von ihm fordern würde.

Aber in seiner innersten Seele ergriff er Besitz von Myra und ging mit

sich zu Rate, ob er nicht das Tor vor Eindringlingen schützen solle.

Endlose Stunden der Nacht würden folgen, und am Morgen? Das Ende von

allem.

Das junge Mädchen schauderte vor der hereinfließenden Kälte, und so

schloß er die Türe. Er setzte sich an das Bett und fragte Myra, ob sie

krank sei, er wolle gehen und den Arzt holen.

Sie antwortete nicht, sondern blickte aufmerksam ins Licht der Lampe.

Mit traurigen Augen sah sie der Lehrer an. In wahrhaft ungestümer Gewalt

erwachte der Wunsch in ihm, den so nahen Mund zu küssen. Überlegungen

wie Kriegspläne formten sich, und er blickte dabei zurück auf sein Leben

wie in eine graue, regnerische Heide. Er lehnte die Stirn an den

Bettpfosten und fing unvermittelt zu weinen an wie ein Knabe. Die

Erkenntnis seiner Leidenschaft und seines leidenschaftlichen Gemütes

machte ihn in hohem Grade bestürzt, wie es oft bei religiösen und

einsamen Naturen der Fall ist.

»Ach, du bist es, Wilhelm?« sagte Myra tonlos. »Warum liest du mir nicht

vor? Lies mir doch vor aus dem lustigen Stück.« Sie lächelte wie früher

und legte ihre Hand auf die seine. Philipp Unruh richtete sich auf und

hielt zitternd ihre Hand fest. Er vermeinte seine eigenen Gedanken zu

sehen, wie sie auf einmal wirr und schwarz wurden.

»Nimm dasselbe Buch,« fuhr Myra leise fort. »Du weißt, was du auf eine

leere Seite geschrieben hast. Es war das Schönste, Seligste. Die Mutter

hat es gelesen und kam mit dem Messer gegen mich. /Oh, cela ne fait rien,/

sagt Madam Biraud. Du siehst es ja, ich lache und jetzt lies, lies vor!«

Als Philipp Unruh zögerte, wurde sie ungeduldig, und ihr Mund verzog

sich gramvoll. Da griff er mechanisch nach jener Ansbacher Chronik, die

ihm allein von seinen Büchern geblieben war, blätterte mit bebenden

Fingern und las von alten Ereignissen, vom markgräflichen Leben am Hof,

von den Emigranten, von Denkmälern und Baubefugnissen, von Pest und

Kriegsplage, kurz, was eben in solch einer Chronik Wichtiges zu stehen

pflegt. Inhaltsloser und sinnloser waren ihm niemals Worte vorgekommen.

Ihm schien, als grübe er Staub aus finstern Verstecken. Myra lauschte

entzückt jeder Silbe und freute sich, als ob es eine amüsante Szene sei,

deren Entwicklung sie zu hören bekomme. Allmählich wurden ihre Züge

schlaff; sie lehnte sich zurück, ihre Augen schlossen sich, und sie

schien zu schlafen, während der Lehrer aufgewühlten Herzens weiter las,

den stillen Raum mit seinen monotonen Lauten füllend.

Plötzlich fuhr Myra empor. »Glaubst du es denn nicht,« rief sie aus, mit

einer inbrünstigen Hingebung in ihrer Stimme, in ihren Geberden, in

ihrem Gesicht, »glaubst du es denn nicht? Für dich könnte ich ja

sterben!« Sie lachte glücklich und fiel wieder auf das Kissen zurück.

Philipp Unruh schlug die Chronik zu und stützte den Kopf in die Hand.

Ihm war bang und weich zu Mut. Diese Worte, gleichviel ob sie ihm galten

oder nicht, waren nun zu ihm gesprochen worden. Er durfte die

Vergangenheit vergessen, ohne sie betrauern zu müssen. Diese Worte

brachten sein Gemüt in Schwingung, wie der Glockenschall die Luft in

einer Kirche bewegt. Er wußte, eine solche Stunde des Zutrauens, eine

solche Nacht der Wunder würde nicht wiederkehren in seinem Leben, und

unersättlich sog er alle Hoffnungsmöglichkeiten in sich ein, als könne

dadurch seine Zukunft beschützt werden. Ringsum war alles Leben

lebendig, geschmückt durch Hingabe und Zärtlichkeit, ja selbst durch

Gefahr und Tod. Denn der Tod ist es wert, gestorben zu werden, wenn er

etwas raubt, das zu besitzen sich lohnt. So wurde sein Geist

weitschauend durch die Macht eines Augenblicks, welcher die Ewigkeit

enthielt.

Er überzeugte sich, daß Myra nun wirklich schlief, und erhob sich

geräuschlos. Er legte das Buch auf die Lade und dachte angestrengt nach.

Wenn Myra krank lag und im Fieber redete, was sollte er dann mit ihr

beginnen? Die Leute waren zu fürchten, denen der Tag Kunde bringen

würde, wer nächtlicherweile in des Lehrers Haus eingezogen sei. Darüber

mußte er wachen, mehr als über sein Glück. Höher als dies stand ihm die

Sitte. Sie regelte nach seiner Überzeugung den Mechanismus der Welt im

kleinen wie im großen.

Es war keine Zeit mehr zu versäumen. Betrübt warf er seinen Mantel

wieder um die Schulter, trat neben die Schlafende und blickte lange auf

das regungslose Gesicht, dem der Schlummer einen vergrämten und

angestrengten Ausdruck verliehen hatte. Dann stellte er die Lampe auf

den Schrank und ging leise hinaus. Er wollte zu Siebengeist, um mit ihm

zu beraten, was hier zu tun sei.

Ohne das Tor zu versperren, betrat er die Straße. Es schlug zwölf Uhr

vom Turm. Der Himmel war klar geworden und zitterte vor Kälte. In

graublauer Dämmerung lagen Dächer und Giebel.

Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen · 第 12 / 22 题