Siebengeist war ein großmütiger Lustigmacher, der sich selbst vergessen
konnte, um Myra zu erheitern. Wenn er anfing, zu plaudern und Gesichter
zu schneiden, blieb sie nicht ernst. Was trieb er doch nicht alles! In
derselben Stunde war er Fabulist und Taschenspieler, Schlangenmensch und
komischer Musikant, sprang über die Tische und parodierte die
Schauspieler, formte Damen aus Schnee und dichtete närrische Sonette
über seine Laufbahn als Apotheker. Myra hatte viel Freude an ihm. Sie
schenkte ihm einen schmalen Reif mit einem winzigen Rubin, und dafür gab
ihr Siebengeist ein goldenes Herz, welches die Inschrift trug: /vers Dieu
va./ Philipp Unruh fühlte sich als Zaungast und suchte Einsamkeit.
Unsichtbar ging Myra an seiner Seite bei den weiten Spaziergängen,
unsichtbar ging sie in seinem Haus umher. Unhörbare Reden wechselte sie
mit ihm, schenkte ihm Vertrauen, billigte seine Entschlüsse. So
erhielten sein Sehen und Denken, seine Gebärden und Worte eine
verzweifelte und verschwiegene Glut. Auf allen Wegen, an allen Mauern
stand ihr Name, und wurde er wirklich genannt, so erschrak der Lehrer
wie ein Verbrecher, der unerkannt die Früchte seiner Tat genießt. So vor
Doktor Maspero, der beim nächtlichen Heimgang von Myra sprach.
Der Provisor sei ein Narr, meinte dieser gescheite Mann, und alle Welt
habe recht, ihn zu verdammen wegen seiner Narrheit. Was für eine
Bedeutung habe dies törichte Scharmuzieren? Ein bettelarmes Persönchen,
das weder hübsch noch klug sei und zweifellos einen wahnsinnigen Zug in
den Augen trage. Niemand wisse, was sie dabei wolle.
»Ein altes Wort lautet: was ein Weib will, das will Gott,« murmelte der
Lehrer.
»So? Eine jammervolle Sentenz, Schulmeister! Ich glaube, Ihnen sitzen
Gespenster im Magen. Sei’s drum! Ich gönne jedem sein Plätzchen an der
Sonne. Gute Nacht.«
Der Lehrer fühlte sich verlassen. Er blickte spähend durch die fallenden
Schneeflocken, als erwarte er einen Freund, mit dem er die Nacht
verbringen könnte. In der Tat tauchte eine schwarze, hagere Gestalt aus
der Finsternis auf. Es war der Herr Adjutant. Beim Anblick des Lehrers
packte er sofort begeistert seinen Hut, schwenkte ihn gegen das
Firmament und schrie den Abendgruß, als ob er seinem Landesfürsten
zujauchzte. Gleich darauf ging er wieder stelzengerade und lautlos
seines Weges weiter, und sein gravitätischer Schritt machte den Schnee
klirren. Philipp Unruh empfand auf einmal eine wunderliche Sympathie für
diesen Mann, der seine einsame Wohnung nur mit einem zärtlich geliebten
Affen teilte, dem er den aparten Namen Kümmerlich gegeben hatte.
Neben der Post befand sich ein uraltes Gebäude, in welchem Myra mit
ihrer Mutter wohnte. Die zwei Fenster waren erleuchtet und durch gelbe
Rollvorhänge verdeckt. Der Lehrer stand im Schnee auf der andern Seite
der Gasse und lehnte sich an die Türe des Kürschnerladens. Eine
Silhouette ward auf dem Vorhang sichtbar: das Profil eines Mannes, das
auftauchte und verschwand. Dann erschien derselbe Kopf noch einmal, nahe
beim Fenster und deshalb sehr klein und scharf und wurde unter
beständigem lebhaften Nicken immer größer. Ein zweites Bild, ein
Frauenhaupt erschien daneben, und beide verharrten nun in Ruhe, als ob
sie sich unverwandt ansähen, neigten einander zu, wichen von neuem
zurück, und gleichzeitig erschien am zweiten Fenster ein anderer
Schatten, bei dessen Anblick sich Philipp Unruhs Stirne unwillkürlich
verdüsterte. Dieser Schatten, klar begrenzt von Licht, war den beiden
übrigen bewegungslos zugewandt, als flösse sein Dasein von ihnen aus.
Haare fielen abenteuerlich in die Stirn, deutlich war die feine Nase
gezeichnet, deutlich der verschlossene Mund. Das ganze Spiel der drei
körperlosen Gestalten hatte etwas so Unwirkliches und Phantastisches,
daß der Lauscher bisweilen staunend in die Dunkelheit starrte, auf die
friedlichen Häuser im Umkreis, und mit eigentümlicher Gewalt die Ruhe
spürte, die in allen schneebedeckten Gassen ausgebreitet war. Aber dies
erschien ihm nur als ein täuschendes Kleid, unter dessen unbewegten
Falten verheerende Leidenschaften brüteten, um die Erde zu bedrohen und
zu erschüttern. Er selber war ergriffen, ja gefoltert und wagte nicht,
darüber ins klare zu kommen. Ungeduldigen neuen Lebens voll, sah er
millionenfaches Leben um sich in eisiges Schweigen gehüllt durch die
stummen Kräfte der Natur.
Nun geschah etwas Sonderbares. Die beiden Schatten erhoben sich
gleichzeitig, ohne von einander zu weichen. Der dritte Schatten streckte
die Arme aus, flehentlich oder beschwörend. Dann glitt der eine
Frauenschatten zum zweiten Fenster. Die ausgestreckten Arme fielen
herab, und die ganze Gestalt versank. Die zweite wuchs geisterhaft
empor, beugte sich auf und nieder mit beängstigender Hast. Die
Silhouette des Mannes stand regungslos, eine Hand gegen das Gesicht
gepreßt, – und plötzlich ward alles schwarz und finster.
Der Lehrer seufzte bang. Unschlüssig und erratend stand er da, als ein
Tor zugeschlagen wurde und jemand auf die Straße gestürzt kam. Unruh
sah, daß es Myra war, in bloßen Kleidern, ohne winterliche Hülle, und
mit einem halben Ausruf schritt er ihr entgegen. Mit tastendem Schritt
näherte sie sich ihm, und er spürte ihre Hand in seinen Arm sich
förmlich einkrallen. Mit einem Blick, der von Angst, Erschöpfung und
Verzweiflung stier geworden war, schaute sie gleichsam durch sein
Gesicht hindurch. Das alles geschah lautlos. Auch im Hause regte sich
nichts, und die Fenster oben blieben schwarz.
Philipp Unruh sah ein Geschöpf vor sich, auf dessen Wort und Aufschluß
er nicht rechnen durfte, das nur noch mit einem Schein äußeren Lebens
begabt, sich ihm überließ wie ein Gegenstand. Die augenscheinliche
Gefahr, die außerordentlichen Umstände verliehen ihm Besinnung und Kraft
des Entschlusses. Seine scheuen, dumpf brennenden Gefühle verkrochen
sich in der Stunde der Tat. Er nahm Myra auf den Arm und eilte mit ihr
durch die Nacht dem Schulhaus zu. Leicht schien ihm seine Last, aber das
ungewisse Vibrieren des Körpers in seinen Armen ließ beinahe sein Blut
stocken. Die leere, stumme Nacht eilte vor ihm her und verwirrte seinen
Blick. Er fragte sich gar nicht, wohin er anders mit der willenlosen
Myra gehen könne, als in seine eigene Behausung. Er hörte hinter sich,
doch ziemlich ferne schon, Stimmen in der Finsternis, und eine davon
schrie in hellem Ton immer wieder dasselbe Wort. Er achtete nicht
darauf, sah nur mit Neugierde und Mißtrauen die Straße entlang, denn ihm
schien, als sei er in ein bisher unbekanntes Land geraten.
Das Schulhaus, ihm längst vertraut in jedem Winkel, barg heute Gefahren.
Unter dem Stiegeneck waren glänzende Augen. Hoch im Gitterfenster
leuchtete ein verräterisches Licht. Es war kein Mensch im ganzen
Gebäude, denn die Wirtschafterin schlief im Haus des alten Löwy. Bis zur
Kraftlosigkeit ermattet, nach Atem keuchend, schleppte er Myra die
Treppen empor, stieß die Zimmertüre auf, legte das junge Mädchen auf das
Bett und machte Licht.
Sie hatte die Augen geschlossen. Zum erstenmal sah er ihr Gesicht
bleich. Er benetzte ihre Schläfe mit Wasser und murmelte ihren Namen vor
sich hin. Sie rührte sich nicht. Er legte das Ohr auf ihre Brust, und
als er keinen Herzschlag vernahm, wurden vor Schrecken seine Augen
feucht. Die verbrecherische Kraft eines kaum geahnten Wunsches habe ihn
gezwungen, sie hierherzubringen, so glaubte er jetzt. Er riß das Fenster
auf, um jemand zu erspähen, der zum Doktor laufen könne. Aber der Hof
lag finster und öde. Er schrie: Johanna! dann: Kunigunde! und noch
einige, denen er vielleicht den Schlaf aus den Lidern rufen konnte. Er
rannte ins Schulzimmer, schaute dort hinaus, straßauf, straßab, aber er
wurde nichts gewahr als eine drückende Verlassenheit, die sich zu regen
schien unter dem gleichmäßigen Fall der Schneeflocken.
Jedoch als er zurückkam, von Frost und Angst geschüttelt, saß Myra
aufrecht im Bett.
Sie lächelte; ein wunderliches, stumpfes, unveränderliches Lächeln. Die
schöne Rundung der Unterlippe, die feine, etwas träumerische Linie der
oberen traten in bezaubernder Klarheit hervor. Von einer eigentümlichen,
furchtsamen Freude ergriffen, sagte der Lehrer: »Sie sind wach?« und
seine Stimme bebte. Sein Beginnen kam ihm frevelhaft vor. Er hatte sich
ihrer bemächtigt, das war es. Eine Verantwortung nahte, vor der er
zusammenbrechen würde. Er bewunderte und fürchtete zugleich jene Person,
die er selbst noch vor einer halben Stunde gewesen war, jene wild und
unbekümmert handelnde Person. Sorgenvoll und überlegend stand er auf der
Schwelle, der Rechenschaft gewärtig, die man von ihm fordern würde.
Aber in seiner innersten Seele ergriff er Besitz von Myra und ging mit
sich zu Rate, ob er nicht das Tor vor Eindringlingen schützen solle.
Endlose Stunden der Nacht würden folgen, und am Morgen? Das Ende von
allem.
Das junge Mädchen schauderte vor der hereinfließenden Kälte, und so
schloß er die Türe. Er setzte sich an das Bett und fragte Myra, ob sie
krank sei, er wolle gehen und den Arzt holen.
Sie antwortete nicht, sondern blickte aufmerksam ins Licht der Lampe.
Mit traurigen Augen sah sie der Lehrer an. In wahrhaft ungestümer Gewalt
erwachte der Wunsch in ihm, den so nahen Mund zu küssen. Überlegungen
wie Kriegspläne formten sich, und er blickte dabei zurück auf sein Leben
wie in eine graue, regnerische Heide. Er lehnte die Stirn an den
Bettpfosten und fing unvermittelt zu weinen an wie ein Knabe. Die
Erkenntnis seiner Leidenschaft und seines leidenschaftlichen Gemütes
machte ihn in hohem Grade bestürzt, wie es oft bei religiösen und
einsamen Naturen der Fall ist.
»Ach, du bist es, Wilhelm?« sagte Myra tonlos. »Warum liest du mir nicht
vor? Lies mir doch vor aus dem lustigen Stück.« Sie lächelte wie früher
und legte ihre Hand auf die seine. Philipp Unruh richtete sich auf und
hielt zitternd ihre Hand fest. Er vermeinte seine eigenen Gedanken zu
sehen, wie sie auf einmal wirr und schwarz wurden.
»Nimm dasselbe Buch,« fuhr Myra leise fort. »Du weißt, was du auf eine
leere Seite geschrieben hast. Es war das Schönste, Seligste. Die Mutter
hat es gelesen und kam mit dem Messer gegen mich. /Oh, cela ne fait rien,/
sagt Madam Biraud. Du siehst es ja, ich lache und jetzt lies, lies vor!«
Als Philipp Unruh zögerte, wurde sie ungeduldig, und ihr Mund verzog
sich gramvoll. Da griff er mechanisch nach jener Ansbacher Chronik, die
ihm allein von seinen Büchern geblieben war, blätterte mit bebenden
Fingern und las von alten Ereignissen, vom markgräflichen Leben am Hof,
von den Emigranten, von Denkmälern und Baubefugnissen, von Pest und
Kriegsplage, kurz, was eben in solch einer Chronik Wichtiges zu stehen
pflegt. Inhaltsloser und sinnloser waren ihm niemals Worte vorgekommen.
Ihm schien, als grübe er Staub aus finstern Verstecken. Myra lauschte
entzückt jeder Silbe und freute sich, als ob es eine amüsante Szene sei,
deren Entwicklung sie zu hören bekomme. Allmählich wurden ihre Züge
schlaff; sie lehnte sich zurück, ihre Augen schlossen sich, und sie
schien zu schlafen, während der Lehrer aufgewühlten Herzens weiter las,
den stillen Raum mit seinen monotonen Lauten füllend.
Plötzlich fuhr Myra empor. »Glaubst du es denn nicht,« rief sie aus, mit
einer inbrünstigen Hingebung in ihrer Stimme, in ihren Geberden, in
ihrem Gesicht, »glaubst du es denn nicht? Für dich könnte ich ja
sterben!« Sie lachte glücklich und fiel wieder auf das Kissen zurück.
Philipp Unruh schlug die Chronik zu und stützte den Kopf in die Hand.
Ihm war bang und weich zu Mut. Diese Worte, gleichviel ob sie ihm galten
oder nicht, waren nun zu ihm gesprochen worden. Er durfte die
Vergangenheit vergessen, ohne sie betrauern zu müssen. Diese Worte
brachten sein Gemüt in Schwingung, wie der Glockenschall die Luft in
einer Kirche bewegt. Er wußte, eine solche Stunde des Zutrauens, eine
solche Nacht der Wunder würde nicht wiederkehren in seinem Leben, und
unersättlich sog er alle Hoffnungsmöglichkeiten in sich ein, als könne
dadurch seine Zukunft beschützt werden. Ringsum war alles Leben
lebendig, geschmückt durch Hingabe und Zärtlichkeit, ja selbst durch
Gefahr und Tod. Denn der Tod ist es wert, gestorben zu werden, wenn er
etwas raubt, das zu besitzen sich lohnt. So wurde sein Geist
weitschauend durch die Macht eines Augenblicks, welcher die Ewigkeit
enthielt.
Er überzeugte sich, daß Myra nun wirklich schlief, und erhob sich
geräuschlos. Er legte das Buch auf die Lade und dachte angestrengt nach.
Wenn Myra krank lag und im Fieber redete, was sollte er dann mit ihr
beginnen? Die Leute waren zu fürchten, denen der Tag Kunde bringen
würde, wer nächtlicherweile in des Lehrers Haus eingezogen sei. Darüber
mußte er wachen, mehr als über sein Glück. Höher als dies stand ihm die
Sitte. Sie regelte nach seiner Überzeugung den Mechanismus der Welt im
kleinen wie im großen.
Es war keine Zeit mehr zu versäumen. Betrübt warf er seinen Mantel
wieder um die Schulter, trat neben die Schlafende und blickte lange auf
das regungslose Gesicht, dem der Schlummer einen vergrämten und
angestrengten Ausdruck verliehen hatte. Dann stellte er die Lampe auf
den Schrank und ging leise hinaus. Er wollte zu Siebengeist, um mit ihm
zu beraten, was hier zu tun sei.
Ohne das Tor zu versperren, betrat er die Straße. Es schlug zwölf Uhr
vom Turm. Der Himmel war klar geworden und zitterte vor Kälte. In
graublauer Dämmerung lagen Dächer und Giebel.