Sechstes Kapitel

Ein Brummbaß, zwei Geigen und eine Klarinette machten eine vortreffliche

Musik vor Beginn des Stückes. Der »große Saal« des fränkischen Hofes,

der eigentlich nur eine geräumige Wirtsstube war, füllte sich mit

Zuschauern. Die Sitze der vorderen Reihen bestanden aus wirklichen

Stühlen, während für die minder vermögenden Leute lange Bretter über

Bierfässer gelegt waren. Alles strömte herbei, was für Kunst und Bildung

eingenommen war. Man sah die Spitzen des »Kasino«, einer preiswürdigen

Vereinigung der eleganten Kreise: die Frau Notar mit ihren Töchtern, die

Frau Oberamtmann, die Frau Steuerrat, die Frau Expeditor, die Frau

Apotheker, die Frau Major, die Frau Schulrat. Sodann zeigten sich die

weniger ausgezeichneten Damen, die jüdischen Kaufmannsfrauen, die

Handwerkerfrauen, welche aus Ehrfurcht vor jenen Titularherrlichkeiten

nur zu flüstern wagten. Nicht so gebieterisch nahm sich die vornehme

Männerwelt aus, aber man weiß, daß die stumme Würde keineswegs die

geringere bedeutet. Es war eine Luft von Frohsinn und heiterer

Erwartung, denn so versammelt das Theater stets die gutgestimmten

Elemente, aller Nebeninteressen entledigt, um im entzückenden Spiel,

nicht nur vor den Augen der eleganten Kreise, die Macht der Kunst zu

erproben. Alles ist da einer edleren Erhebung geweiht. Niemand stellt

sich ein, etwa nur um einen Schauspieler zu bewundern, oder um eine

kostbare Robe sehen zu lassen, oder einen mißliebigen Verfasser um den

verdienten Erfolg zu bringen.

Der Vorhang erhob sich, und mit feierlichem Schritt erschien der

Direktor, um den dichterischen Prolog des Barons von sich zu geben. Der

Vortrag des Poems war nicht ohne Geschmack. Der Redner schrie oder

brüllte nur, wenn es kaum zu umgehen war. Bei der Stelle: Wahrheit und

Natur sind eins! streckte er beide Arme von sich, wie um ein Gespenst

abzuwehren, und machte eine Generalpause, – eine verblüffende und gut

gewählte Einzelheit. Als der Prolog zu Ende war, bekam die erste Geige

ein ergreifendes Solo zu spielen. Der Baron saß mit tiefsinnigem und

beglücktem Gesicht in der ersten Reihe, und einige Honoratioren kamen,

ihm gerührt und mit Achtung die Hand zu schütteln. Seine Frau aber war

in weicher Hingebung an seine Schulter gelehnt und blickte schmachtend

ins Leere. Im Grund konnte sie nur schlecht ihre Verstimmung und ihren

Ärger verhüllen, denn nicht der Provisor saß zu ihrer Linken, wie es

verabredet war, sondern Philipp Unruh. Der wagte weder um sich noch

neben sich zu blicken, ihn schüchterte der vornehme Platz ein, und er

war froh, als der Vorhang für »Melchior oder die Leiden des Alters«

aufging und eine atemlose Stille im Publikum eintrat. Nur die Baronin

hörte er bisweilen vor sich hinseufzen.

Es kam da ein alter und ein junger Mann vor. Der alte Mann hieß Melchior

und war der Vater, der junge hieß Balthasar und war der Sohn. Der Sohn

war ein verwerfliches Subjekt, denn er wollte Soldat werden, während der

Alte wünschte, daß er sich zur Theologie wende. Die Verwerflichkeit

dieses Sohnes ging so weit, daß er sich in ein armes Mädchen verliebte,

und als die betrübende Tatsache nicht länger zu verheimlichen war,

erschien das Mädchen selbst vor dem bitterbösen aber rechtschaffenen

Melchior, welcher vom Direktor mit dem Gefühl eines gekränkten

Patriarchen gespielt wurde. Die Person, welche die Rolle der armen

Liebenden spielte, hatte zuerst nur wenige Worte zu sprechen; und sie

sprach nicht, sondern flüsterte nur hastig und erschreckt, mit

Seitenblicken auf die Zuhörer. Man hatte sie jämmerlich kostümiert: eine

Mischung von Empiredame und Fabriksmädchen; aber in ihren Bewegungen

verleugnete sich jedes Kostüm, war etwas, das anstatt aller Worte

redete, und nicht aus der Rolle, sondern aus dem Wesen. Dies ist

sicherlich Myra, dachte sich der Lehrer, und was ihn in Erstaunen und

Verwirrung setzte, war Myras schöner Mund. Ihn dünkte, daß er einen

ähnlichen Mund nie gesehen habe. Er sah Trauer und Anmut darin, Güte und

Verschwiegenheit, Sehnsucht und frühen Tod. Es waren so jähe und starke

Empfindungen, daß er dabei nicht auf sich selbst und seine Gedanken

achtete, sondern sich nur einer Folge von seltsamen Einflüsterungen

übergab. Myra verließ den Schauplatz und es wurde still auf der Bühne,

obwohl noch immer Leute hin- und hergingen und sich erhitzten. Myra kam

wieder, und die Luft schien von Wohlgeruch, ja von einem weithertönenden

Gesang erfüllt. Die Lippen des schönen Mundes hoben sich und senkten

sich in einer sanften, geheimnisvollen Bewegung, wie wenn der Nachtwind

über zwei Rosenblätter huscht, die auf einen Marmorstein verweht sind.

Und abgesehen von aller Schwermut war damit eine Art unsichtbarer,

tiefer Heiterkeit verbunden, welche vielen Frauen das Seherische und

zugleich das Vertrauenswürdige verleiht. Philipp Unruh saß vorgebückt

da, hatte seine Hände flach zusammengedrückt und zwischen die Knie

geschoben und fürchtete, daß jeder ihn beobachten müsse, und daß es um

den Ruf seiner Vernunft geschehen sei. Auch diese Empfindung war ihm

unklar. Sein ganzes Wesen geriet in eine Verworrenheit, welche

Traumgefühle in ihm erzeugte. Myras Stimme wurde lauter und klarer, aber

wenn sie sprach, blieben ihre Züge unbeweglich. Als Schauspielerin

mußte sie das Mitleid eines Kenners wie Doktor Maspero erregen, und als

die Sache unter großen Bemühungen bis zum Vaterfluch jenes

ungewöhnlichen Melchior gediehen war, schrieb der erwähnte kritische

Herr bedenkliche Notizen auf ein Rezeptpapier. Einige Leute, die es

sahen, nickten respektvoll einander zu, denn der Geist der Verneinung

ist an jedem Platze hochgeachtet. Melchior begann eben nebst

verschiedenen anderen Dingen auch sich selbst zu verfluchen, als sich

unter den Damen im Zuschauerraum eine wachsende Panik bemerkbar machte.

Eine Ratte lief im Saal umher, verbreitete einen Schrecken, gegen den

alle Wirkungen des zehnaktigen Lebensbildes verblaßten. Stets ist es die

gemeinsame Gefahr, welches die Standesunterschiede verschwinden läßt.

Bleich und zitternd erhoben sich die Frauen, und das Podium für das

Schauspiel hatte plötzlich die Bedeutung einer Insel im Ozean. Melchior

hörte auf, Melchior zu sein und machte für die Flüchtlinge, die nicht

bis zur Saaltür hatten gelangen können, die Honneurs. Unten im Ozean

waren nur noch Männer ernst und pflichtbewußt damit beschäftigt, das

Untier aufzuspüren und zu töten. Auch Philipp Unruh hatte sich erhoben,

verließ mechanisch den Raum und stand bald in dem verödeten Wirtsgarten

draußen. Es wehten milde Lüfte, und der Schnee war weich geworden.

Überall waren sickernde Geräusche vernehmbar; von den Bäumen und von den

Rinnen tropfte das Tauwasser. Vor dem Tor eines Schuppens hockten zwei

Katzen eng aneinander geschmiegt, und sie rührten sich nicht, sondern

blickten stumpfsinnig in die flimmernden Lichter vom nahen Bahnhof. Nun

war weiterhin ein ganz finsterer Winkel, denn der Schuppen grenzte an

die Kegelbahn, und die beiden Mauern bildeten eine tiefe Ecke.

Vor der Holztüre des Schuppens stand ein kleiner Handwagen und daneben

eine Bank, auf welche sich der Lehrer setzte, Stille vor sich, Stille

hinter sich, aber im Innern mancherlei Stimmen und Laute. Und als er so

in einem Zustand fremdartigen Lauschens dasaß, knirschte der Schnee

unter langsamen, näherkommenden Tritten. Eine Mädchengestalt tauchte

auf, die den Kopf gesenkt trug und am Eck des Schuppens wie ermüdet

stehen blieb. Als fürchte sie, gehört zu werden, setzte sie ihren Weg

mit kaum vernehmlichem Auftreten fort bis zu dem Handwagen, auf dessen

Deichsel sie sich setzte, die Ellbogen auf das Wagenbrett stützend. Das

alles verfolgte Philipp Unruh genau, da seine Augen sich längst an das

Dunkel gewöhnt hatten. Aber in einem unbewußten Drang von Scham und

Furcht wandte er seine Augen ab, und in demselben Moment hörte er ein

Schluchzen, dessen Unaufhaltsamkeit offenbar nur durch fest

zusammengepreßte Lippen gemildert wurde. Den Lehrer begann es am ganzen

Körper zu frieren, und sein Blick umschleierte sich. Er dachte nichts

als den märchenhaften Namen Myra und sah nichts als einen Mund, der sich

krampfhaft im Schmerz verschloß. Hatte sie nicht einmal vier Wände, um

sich ausweinen zu können? daß ein dumpfer, kalter Schuppenwinkel im Hof

dazu dienen mußte? Doch wagte er sich nicht zu rühren. Gequält und

bedrückt ging er mit sich zu Rate, als wisse er den Grund und wäre

fähig, Hilfsmittel zu finden.

Eine dröhnende Stimme rief: »Myra!« Die Weinende verstummte, erhob sich

und ging gegen das Haus. Philipp Unruh wartete lange, denn er wollte

nicht, daß ihn jetzt jemand aus diesem Winkel gehen sehe. Ihn wunderte

die Ruhe der Natur. Himmel und Erde schienen ihm noch erfüllt vom

Widerhall jenes Weinens. Er stand auf und setzte sich auf die Deichsel

des Handwägelchens, das unter seiner Last ächzte. Ihn erstaunte es, daß

er nun in demselben engbegrenzten Raume war, in dem Minuten vorher Myras

Herz geschlagen. Als ob er sich eines Amtes unwürdig fühle, erhob er

sich wieder, und seine Gedanken richteten sich unvermittelt auf seine

äußere Erscheinung, auf seine wenig einnehmenden Züge, auf seinen

zerzausten, rötlichen, herabhängenden Schnurrbart. Ungeduldig verließ er

die Finsternis und eilte dem Haus zu. Wie groß war aber sein Schrecken,

sein feiger Schrecken, als er Myra noch auf der Schwelle stehen sah und

hinausstarren in die Nacht. Er erkannte im Schein des unbestimmten

Lichts, das aus dem Flur fiel, wie ihr Gesicht sich jäh belebte, als sie

ihn aus dem Grunde des Hofes kommen sah. Doch blieb er nicht stehen und

befand sich bald vor ihr, die sich an den Pfosten lehnte, um ihn vorbei

zu lassen. Er spürte ihren fragenden, unwilligen Blick und sah sie

verstört von der Seite an. Eine Gewalt von innen hinderte ihn, weiter zu

gehen, und er murmelte, indem er sich bemühte, einen teilnehmenden Ton

zu wählen: »Ich habe gehört. Aber zürnen Sie nicht deshalb.« Gott weiß,

weshalb ihm das alles abenteuerlich und entlegen vorkam und er an seine

Bücher dachte, wie an rettende Freunde.

Myra erwiderte nichts. Sie nickte nur leicht mit dem Kopf.

»Kann da niemand helfen?« fragte Philipp Unruh in kindischer

Unbeholfenheit, und als er das geringschätzige Zucken ihres Mundes

bemerkte, sagte er stotternd: »Ich denke, man hat die Ratte da drinnen

schon erwischt.«

Das junge Mädchen sah den sonderbaren Kauz mit Überraschung an, lächelte

und erwiderte: »Ja, das ganze Nest ist leer.« Damit entfernte sie sich.

Unentschieden, welcher Umstand nun den Lehrer mit solchem Glücksgefühl

beschenkte. Vielleicht war es nur das Lächeln, das mit eines Gedankens

Schnelligkeit über Myras nachdenkliches und erschöpftes Gesicht geflogen

war. Vielleicht, daß er das Lächeln einkassierte wie den Gewinst aus

einer Lotterie, und daß dabei etwas in ihm lebendig wurde, wie in jenen

Vernachlässigten, die sich plötzlich auffallend vom Glück begünstigt

sehen. Es kam ihm vor, als ob er in einer gesegneten Zeit lebe und in

einer angenehmen Stadt. Er trank am Gassenschank durstig ein Glas Bier;

darauf ward ihm mutig zu Sinn, und unternehmenden Schritts betrat er die

schon verödeten Straßen. Wer schrie da schon wieder beim Haus des

Hufschmieds und schwenkte grüßend den Hut, um dann schweigend wie vorher

seinen Weg fortzusetzen? Es war der Herr Adjutant, dessen fabelhafte

militärische Würde nur durch seine tiefeinsame Lebensweise

Glaubhaftigkeit behielt. Philipp Unruh blieb stehen und schaute ihm

nach. Ein Mann, hatte er sich sagen lassen, der sein Vermögen im Spiel

verloren und Weib und Kind in Armut, dem Tod geweiht, verlassen hatte,

der Goldgräber gewesen war und die neugewonnenen Schätze bei einem

Schiffbruch eingebüßt hatte. Und derselbe Mann lief hier umher, begrüßte

lärmend in der Nacht die Leute, sprach laut und eindringlich mit sich

selber, ein Rätsel für alle und für Philipp Unruh mit einem Mal eine

Kundgebung reichsten Lebens, wertvoller als eine ganze Bibliothek. Man

konnte hingehen und ihn fragen, und er konnte erzählen mit Lachen und

mit Weinen; in Büchern aber erzählte nur der Tod in einer bunten Maske.

Der Nachtwächter trottete vorbei, ließ sein Pfeifchen schrillen und

leierte seinen Singsang ab: daß man Feuer und Licht bewahren solle. Das

schläfrige Gesicht glänzte über der Laterne, und er grinste trunken in

den Schnee. Dann kamen hoch vom alten Turm die langsamen, dröhnenden

Stundenschläge, um weit hinauszuschallen in das Tal der Altmühl, in den

Wald und in die nahen Dörfer, ein Signal der Ruhe für Weib und Mann, für

die Flucher und die Betenden, die Lacher und die Schluchzenden, für den

Adjutanten und für Myra. Es war nicht zu leugnen, daß im Schlaf die Zeit

dahingeflossen war, während ungesehen und dem Schläfer greifbar nah das

Lebendige sich abspielte in Feierlichkeit und in Humor.

Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen · 第 10 / 22 题