Doktor Maspero hatte gut lachen; er wußte, wo die Bücher hingeraten
waren. Nicht ganz ein Komplott und mehr als ein Einfall trug die Schuld.
Das kleine Männchen mit dem Alleswissergesicht versuchte sich gern in
der Seelenheilkunde. Auch der Apotheker und der Schulrat hatten Teil
daran. Diese behördliche Person billigte das Treiben des Lehrers nicht.
Obwohl von Pflichtversäumnissen bislang keine Rede sein konnte, – hinter
stummen Bücherdeckeln erhebt sich oft ein unheilvoller Geist. Niemand
konnte das gründlicher bestätigen als der Baron. »Verderblich ist das
Wort,« lautete sein gebildetes Orakel. Der Doktor seinerseits mischte
sich mit Leidenschaft in fremde Angelegenheiten. Er war ein Schnüffler
und mißtraute allen Leuten, bei denen er Geheimnisse vermutete. Er haßte
die Schweigenden, haßte die Leute, die anspruchslos ihres Weges gehen
und in sich verschließen, was sie im Innern beschäftigt. Er haßte jene,
die sich für irgend etwas mit wahrem Gefühl einsetzen und hielt sie für
Lügner. Jeder Einsame galt ihm als Verräter an einem öffentlichen Wohl.
Seine Zwerggestalt war der Grund eines wunderlichen, giftigen Ehrgeizes.
War er den andern körperlich unterlegen, so wünschte er doch brennend,
sonstwie zu herrschen. Daher sein penetranter Witz, seine angebliche
Verachtung der Frauen; daher seine seltsame Eifersucht auf alles Große,
was immer in der Welt geschah; daher seine Freude, sogenannte Wahrheiten
zu sagen, seine unermüdliche Geschwätzigkeit, seine Gier, zu
verurteilen, gehört zu werden, belacht zu werden, zu glänzen. Er war der
erste gewesen, der Unternehmungen gegen die Bücherwut des Lehrers
geplant hatte. Seine Motive waren menschenfreundlich; er sagte es. Aber
es waren Worte geblieben bis zum Tag der Feuersbrunst. Da hatte er das
Herausschleppen der Kiste beobachtet und war zum Bäcker geeilt, der für
einen guten Spaß alles Brot im Ofen schwarz werden ließ. Alsbald war die
Kiste unter dem Ladentisch verschwunden, und der Bäcker drückte sein
gründliches Mißfallen an der Studierwut des Lehrers aus, vermutete
Schwarzkunst und teuflische Zauberei dahinter. Der Doktor empfahl ihm,
die Bücher ordentlich zu bewahren, und verhielt sich so, als ob ein
reformatorischer Gedanke jeden Schritt in dieser Angelegenheit
vorbestimmt habe.
Auf dem Heimweg empfand Doktor Maspero ein verwickeltes System zu der
Tat, die er gegen Philipp Unruh unternommen, ein System, welches
zugleich philosophischer und pädagogischer Natur war. Als er sich der
letzten Konklusion nahte, bemerkte er die Gestalt des Provisors
Siebengeist, die am Zaun des Kasinogartens lehnte, als ob sie steif
gefroren wäre, und die Augen des jungen Mannes beobachteten gespannt den
Mond am klaren Himmel. Erschrocken blieb der Doktor stehen und sagte mit
unsicherer Bosheit: »Sie sind mir ein gespenstischer Herr da.«
Siebengeist senkte den Kopf und blickte den Doktor von der Seite an.
»Dieser Kerl ist mein Feind,« erwiderte er langsam, die Faust gegen den
Mond ballend. »Ich kann nicht schlafen, so lang er am Himmel steht.«
»Also ein Romantiker,« meinte der Doktor, spöttisch in den Ton des
Arztes verfallend, »ein Romantiker mit kalten Füßen also.«
Siebengeist begleitete schweigend den Doktor die Straße hinab. Der Herr
Adjutant kam ihnen entgegen, grüßte schreiend und lachend, als ob er
eben von einer Amerikareise zurückgekehrt wäre und verschwand lautlos
in der Nacht. Selten sind die Schlauen auch im Schweigen schlau. Der
Doktor erzählte Siebengeist mit geheimnisvollem Wesen die Geschichte von
den geraubten Büchern, und das philosophische System enthüllte sich in
Beweiskraft. Siebengeist hatte nichts darauf zu antworten. Er nahm
Schnee in die Hand und drückte ihn gegen seine Stirne. »Der Mond ist
mein Feind,« murmelte er. »Mich verdrießt sein Grinsen, seine Klarheit,
sein erborgtes Licht, seine anspruchsvolle Nutzlosigkeit. Er steht da
droben und hat sein Amüsement von der Welt. Und ich, ich muß mir den
Kopf im Schnee kühlen, fiebernd vor Überdruß.«
Sie standen vor dem Turmbogen, und der Doktor blickte verdutzt sein
Haustor an, wußte nichts zu entgegnen als: »Sie sind verliebt, junger
Freund.« Er hatte bei den Redereien des Provisors ein Gefühl wie jemand,
den man aus dem ersten Schlaf weckt, um ihm die Anfangsgründe der
Eskimosprache beizubringen. Doch tat er verständnisvoll aus Furcht vor
einer möglichen Überlegenheit des andern.
»Richtig: eine meisterhafte Vermutung!« rief Siebengeist, mit dem Stock
an das morsche Tor schlagend, daß es drinnen dumpf widerhallte.
»O, ich bin ein geriebener Hund, was die Weiber betrifft,« sagte der
Doktor. »Ich kenne alle Schliche darin. Wie sieht sie aus, was ist sie,
wie ist sie?«
»Wie sie aussieht? Je nun, das ist schwer. Eine gut funktionierende
Nase, zwei erfahrene Augen, ein redseliger, lügnerischer Mund. Wie sie
ist? Ebenso feig wie dumm, ebenso habgierig wie eitel, ebenso frech wie
leer, ebenso gestorben wie die andern Leute hier herum. Aber Sie denken,
ich spiele deshalb den Verschmäher? Ei, Doktor, da irren Sie sich. Der
Rock ist alles, es lebe der Rock. Genug davon. Zuviel Wucht für die
taube Nuß.«
Unter dem Torbogen des Turms schallte ein leichter Schritt. Es ging da
ein junges schwarzgekleidetes Mädchen, dessen Kopf mit einem Schal
verhüllt war. Es sah nicht aus, als ob sie Eile hätte, denn sie ging
mehr für sich hin, verloren und abgekehrt, den Kopf leicht vorgeneigt,
und in ihrem Schritt war sowohl Müdigkeit als auch Verträumtheit
enthalten. Siebengeist folgte ihr mit den Blicken, als ob sich sein
Schatten in Bewegung gesetzt hätte, denn es war schon etwas
Ungewöhnliches, daß zur Schlafenszeit in offener Gasse jemand ging, der
nicht Eile zeigte, schlafen zu gehen.
Des Doktors Schlüssel kreischte im verrosteten Schloß. Herr Maspero,
Siebengeist beobachtend, gab seine liebenswürdige Nachsicht durch ein
Lächeln kund, einem Veteranen gleich, der beim Anblick der Spielflinte
eines Knaben an die großen Schlachtenkanonen denkt. Dann verabschiedete
er sich in der akademischen Steifheit, die ihm eigen war. Er betrat den
öden Flur seines Hauses, in dessen Hintergrund bei der Treppe eine
nimmermüde Stehuhr ihr schläfriges Ticken seit Jahrzehnten ertönen ließ.
Sechstausend Nächte und mehr noch lief das Werk im stummen
Pflichtgefühl, und wenn es abends zehn Uhr war, kreischte der Schlüssel
im verrosteten Schloß, und der Zwergdoktor sagte irgend einem gute
Nacht, der vor dem Tore stand, riegelte sich ab von der Welt, machte die
alten Dielen durch seine kleinen Füße knarren, hob an der Treppe das
Kerzchen gegen das Zifferblatt, wobei in seinen grauen, unruhigen Augen
etwas Fragendes aufblitzte, das unbehaglich und ängstlich den
Fortschritt der Zeit wahrnahm. Die akademische Steifheit verlor sich,
das leutselige oder sarkastische Lächeln verschwand. Unsichtbare
Schatten der Zukunft schienen in dem stillen Haus emporzuwachsen, vom
Flur bis in die Bodenkammer, und wehe, wenn sie einmal so weit
gelangten, die beiden geschäftigen Zeiger der Doktorsuhr stehen bleiben
zu heißen. So wird den Masperos allmählich die ganze Welt zu einer Uhr:
die Hausmauern, von denen der Kalk abbröckelt; der Nachtwächter, dessen
Stimme zitternder und leiser die Stunden ruft; der Wald, von dessen
Bäumen die Blätter fallen; die Erde, die sich mit Schnee bedeckt; die
Sonne, die hinter Frühjahrsnebeln blutet; ja, sogar die Kinder, denen
der Schuster von Jahr zu Jahr größere Stiefeln machen muß.
Am nächsten Tag wußten die Sechsundsechzig von komischen Sachen zu
wispern, die sie in der Schule gehört. Von zehn bis elf war
Geschichtsstunde gewesen, ein Fach, das bisher aus einigen Namen und
Zahlen bestanden hatte, mühsam und überflüssig zu lernen. Heute war der
Lehrer, die Hände auf dem Rücken, hin- und hergegangen und hatte
unaufhörlich geredet. Ungerechtigkeit sitze auf dem Thron der Erde. Die
Geschichte sei nichts anderes als die Wissenschaft von der
Ungerechtigkeit. Was ein Edler unternehme, werde hundert Unwürdigen
preisgegeben, und ist es Gott, welcher das Glück eines Einsamen bewacht,
so seien seine Augen matt, seine Sinne erschöpft vom Anblick der
Zerrüttung und des Übels. So sprach der Unbesonnene zu Kindern: Dinge,
die weitab vom Kreis seines Amtes lagen, und sein Mund zitterte unter
dem buschigen, herabhängenden Schnurrbart. Als das Schulzimmer leer war,
setzte er sich vor den Globus, und so traf ihn Doktor Maspero, der beim
Bäcker gewesen war und nun aus freundschaftlicher Besorgtheit auch den
Lehrer besuchte. Philipp Unruhs Blicke waren fest auf einen Punkt in der
Wüste Saharah gerichtet, dann liefen seine Augen meridianaufwärts über
Hellas und den Hellespont, durchsegelten das Schwarze Meer und blieben
stumpfsinnig nach rascher Landwanderung in der Nähe Sibiriens liegen.
»Sie werden sich erkälten bei solchem Klimawechsel,« scherzte der
Doktor.
»Überall da leben Menschen,« erwiderte der Lehrer, mit einem vertieften
Ausdruck emporblickend. »Lauter fremde Menschen.«
Der Doktor geriet vor dem grabenden Blick Unruhs in Verlegenheit. Er
fragte sich umsonst, was er sagen solle.
Die Pausestunden verflossen, und die kurze Schulzeit des Nachmittags
verging. Der Lehrer wandelte betrübt zwischen den Bänken umher, und
beruhigte so den ängstlichen Geist der Kinder wieder. Gegen Abend
klopfte es an die Türe von Unruhs eigenem Zimmer und Apollonius
Siebengeist trat ein, warf den Hut irgendwohin und den Mantel nach, rieb
sich am Ofen die Hände wie jemand, der einträgliche Geschäfte gemacht
hat, und achtete kaum auf die erstaunten Mienen des Lehrers. »Eine
gemütliche Stube haben Sie da,« sagte er, sich fröhlich umschauend. »Ich
komme zu Ihnen, weil ich niemand hier weiß, mit dem sichs plaudern läßt.
Die meisten Leute, mit denen man redet, hören gar nicht, sondern
besinnen sich nur auf die Antwort. Heute brauch ich aber partout einen
Zuhörer und ein warmes Öfchen. Aber Schulmeister! Onkelchen! Sie sehen
aus wie der selige Griesgram.«
»Alle meine Bücher sind mir gestohlen worden,« murmelte der Lehrer
klagend.
Siebengeist kratzte seinen Kopf und pfiff leise in die Ofennische. Dann
machte er ein pfiffiges Gesicht, das ihm außerordentlich gut stand, trat
dicht vor den Lehrer hin und legte beide Hände auf dessen Schultern.
»Und wenn ich Ihnen nun verspreche, daß Sie Ihren Schatz wiederhaben
sollen?« fragte er lächelnd.
Philipp Unruh sprang auf. »Sie wissen? Was verlangen Sie dafür?« rief er
mit überraschender Leidenschaftlichkeit.
Siebengeist lachte und errötete. In seinen Augen war ein so
merkwürdiges, verlorenes Glänzen, daß es wohl jeder bemerkt hätte, der
sich besser auf Menschen verstand als dieser Philipp Bücherwurm.
»Allerdings verlange ich etwas dafür,« sagte Siebengeist, und sein
Lächeln kehrte wieder, das jetzt etwas Durstiges und Gedankenfernes
hatte. »Sie kennen doch den Theaterdirektor, den Herrn, der mit dem
Kleister so königlich hantiert? Sie erinnern sich doch? Gut. Gehen Sie
heute ins Theater. Man gibt die erste Vorstellung. Und wenn das Stück
aus ist, suchen Sie auf irgend eine Weise zu dem majestätischen Herrn zu
kommen, knüpfen ein Gespräch an, indem Sie sich entzückt stellen über
seine Leistung als Graf oder General oder Bettler, was er eben in dem
Stück vorstellt. Der Mann wird butterweich werden, oder ich kenne die
Komödianten nicht. Dann fangen Sie an, von seiner Truppe zu sprechen,
laden ihn vielleicht zu einer Flasche Wein ein und kommen so auf Myra zu
sprechen. Das ist eine von den Schauspielerinnen. Schreiben Sie sich den
Namen auf: Myra. Einen andern hat sie momentan nicht.«
»Myra,« redete Philipp Unruh nach, nicht begreifend, was er solle.
Siebengeist schritt erregt auf und ab, legte die Hand auf die Stirn und
fuhr etwas leiser und eintöniger fort. »Wenn der würdevolle Schuft nicht
reden will, so schieben Sie ihm Geld in die Hand. Ich gebe Ihnen, was
Sie brauchen. Fragen Sie also nach Myra. Wie sie lebt, woher sie kommt,
weshalb sie sich beim Theater aufhält, ob sie ... ob sie Liebschaften
hat oder gehabt hat, – nun, jetzt wissen Sie ja genug. Heiliger Himmel!«
Er lachte überstürzt, setzte sich am Ofen nieder und schaute in die
Glut. Dann, als verstünde er das Schweigen des Lehrers, begann er wieder
und redete in das Ofenloch hinein: »Fürchten Sie nicht, daß Sie etwas
Unehrenhaftes tun. Sie retten dabei nur mein irdisches Heil. Ich selbst
kann es nicht übernehmen. Ich kann den Namen dieser Person nicht
aussprechen, ohne etwas zu spüren, – eine innere Feuersbrunst! Und müßte
ich hören, wovor mir schon in Gedanken graut, ich erschlüge den
Kleisterbaron, so wahr ich bin. Die Leute beim Theater reden wasserklar
einer über den andern. Nun, Schulmeister, wollen Sie das unternehmen für
mich? Hier ist das Billett; alles ist vorbereitet.«
Der Lehrer zauderte, fremdartig berührt durch das Wesen des jungen
Mannes. Die Versprechung mit den Büchern erschien ihm plötzlich
märchenhaft, wie alles, was der Provisor tat und sagte. Aber auch das
erriet Siebengeist mit der sicheren Gabe des von seinen Zwecken ganz
erfüllten Menschen. »Ihre Bücher, meine Hand darauf, sollen Sie wieder
haben!« rief er und fügte mit übertriebenem Pathos hinzu: »Es sind da
infame Ränke im Spiel, die ich zerstören werde.«
Philipp Unruh reichte dem jungen Mann seine Hand, schüchtern und voller
Zweifel. Siebengeist lächelte freudig und unbefangen und zeigte seine
weißen Zähne. »Ich vertraue Ihnen darum das alles,« sagte er nun wieder
in seiner natürlich gewinnenden Weise. »Sie sind ein Stiller, ein
stiller Freund. Wenn Sie mehr Zutrauen zu sich hätten, könnten Sie
weiter oben stehen in der Welt. Berichten Sie mir nur alles, was Sie da
erfahren, und merken Sie sichs mit dem Herzen. Sie wissen nicht, was für
mich davon abhängt. Beobachten Sie jedes Augenzwinkern, jeden
Gedankenstrich in der Rede. Die Leute sagen vieles ohne Worte. Helfen
Sie mir heute, und ich will Sie als meinen liebsten Freund betrachten.«
Siebengeist sagte das mit einer Herzlichkeit, die auch kühle Seelen
erwärmt hätte. Der Lehrer hörte verwundert zu und beinahe mechanisch
fragte er: »Warum nur? Warum?«
Siebengeist setzte sich an den Tisch, drehte ein wenig an dem Docht der
Lampe, lächelte zart und erinnerungsvoll, wobei seine Augen strahlend
und weit wurden. Dann sagte er, als ob er zur Lampe rede: »Da trifft man
irgend einen Wanderer auf der Straße, in der Nacht, im Schnee und gleich
schmieden sich Schicksale zusammen. Und man geht mit dem sonderbaren
Wesen, spricht kaum, erfährt kaum einen Namen, nichts als einen lumpigen
Theaternamen. Myra! Was für eine unverständliche Zusammenstellung von
Buchstaben? Bis gestern noch etwas so unbekanntes wie der eigene
Todestag, heute ein Ereignis, von dem alle Stunden schwer sind. Ich
begreif’ es nicht, was die Leute Erleben nennen. In einem Geheimnis
schlendern wir herum.«
Voll Teilnahme, Sympathie und aufrichtiger Gesinnung blickte der Lehrer
sein Gegenüber an. Er ahnte, daß ihm etwas wie ein wirklicher Mensch
begegnet sei.