Eine der Galerien, morsches, altersschwaches Zeug, stand lichterloh in
Brand. Es sah unheilvoll aus, denn was da an Häusergerümpel
beisammenstand, war sehr empfänglich für das Feuer. Die Flammen
erfüllten den Hof, schlugen über das Dach des Schulhauses, und es gab
ein Schock von Kindern, welches mit verbrecherischer Spannung darauf
wartete, daß jenes verhaßte Gebäude zur Stunde vom Erdboden verschwinden
würde. Diejenigen Leute aber, denen es gleichgültig sein durfte, ob es
Schulferien gab oder nicht, zeigten sich aufgeregt, und die Turmglocke,
die solche Gelegenheiten gern ergriff, um einen prahlerischen Lärm zu
erzielen, vermehrte die Angst der Gemüter. Ihre kurzen Schläge glichen
dem Pochen eines schreckenerfüllten Herzens. Es rückte die Feuerwehr an
mit mutigen Messinghelmen und verzagten Gesichtern und diese guten
Menschen verübten nun ihrerseits wieder solchen Skandal mit Trompeten
und Kommandieren und einem rasselnden Spritzenwagen und himmelhohen
Leitern, daß der Tumult größer wurde als die Gefahr. Statt zu handeln
und sich unterzuordnen, machte sich jeder auf besondere Weise wichtig
und benahm sich als eine verdienstvolle Autorität in Gummischläuchen
oder im Wassertragen oder im Klettern und Fensterzertrümmern.
Philipp Unruh stürmte in die Küche, nahm eine große Kohlenkiste, die er
in seine Studierstube schleifte und warf dort mit erstaunlicher
Handfertigkeit seine Bücher hinein. Unheimlich sah es aus, wie er von
den düsterroten Flammen beleuchtet in atemloser Geschäftigkeit die
schwarze Kiste mit den alten Folianten füllte. Mit einer Kraft, die er
als Zuschauer verwundert beobachtet hätte, zerrte er den schweren Kasten
zur Stiege, ließ ihn unter großem Gepolter herabgleiten, und erst unten
fanden sich zwei Männer, die ihm halfen, seinen Schatz auf die Straße zu
tragen. Zwischen zwei Schneehaufen blieb die Kiste stehen. Erleichtert
betrat der Lehrer wieder das Haus, um wenn es nötig war, auch die
übrigen Habseligkeiten zu bergen. Die Wirtschafterin lief heulend im
Flur herum. Da niemand noch an Gefahr für das Schulhaus dachte, klomm
Unruh allein empor, sah sich um, fand es merkwürdig still, hörte nur das
Geprassel des Feuers und das Zischen der Wasserstrahlen. Schränke und
Wände waren blutigrot; die Fensterscheiben zitterten vor Hitze, doch mit
jedem Augenblick verminderte sich die Gefahr. Die Holzgalerie brannte ab
wie Papier und die Steinmauer wurde schwarz von Ruß. Im Hofe stand die
Feuerwehr, eine Schar von Todesverächtern.
Philipp Unruh trat wieder auf die Straße. Er winkte den Gemeindediener
herbei, daß er ihm helfe, die Kiste zurückzutragen. Allein die Kiste war
verschwunden. Der Raum zwischen den beiden Schneehaufen war leer. In den
weichen Schnee war ein tiefes Rechteck eingedrückt, sonst war nichts zu
sehen. »Wo sind denn die Bücher?« fragte der Lehrer mechanisch, und
blickte sich befremdet um. »Gutmann, wo ist meine Kiste?« schrie er
einen vorübergehenden Feuerwehrmann an, und sein Gesicht verzerrte sich.
Gutmann zuckte beschäftigt die Achseln. Der Gemeindediener versuchte zu
trösten und öffnete nachdenklich sein Schnapsfläschchen. Einen um den
andern rief der Lehrer an, aber keiner wußte etwas. Eine Gruppe sammelte
sich, die Ratschläge gab und Meinungen austauschte. Der Polizist Grünhut
stellte sich ein und schrieb Notizen in ein verschmiertes Buch. Der
Lehrer hatte zuerst gejammert, jedem geklagt, einige um Beistand
gebeten; jetzt wurde er still. Die Gewißheit, daß man ihm seinen
teuersten Besitz entwendet habe, begann als etwas Ungeheures auf ihm zu
lasten. Er fühlte sich vom Himmel selbst verwundet; beleidigt und
verwundet in seinem innersten Wesen. Die Ungerechtigkeit, unter der er
so zu leiden hatte, erstickte seine Überlegungen, raubte jedes Maß, jede
Berechnung für das, was ihm zugestoßen. Hier lag ein Verbrechen vor,
unerhört und frevelhaft. Wer durfte einen armen Friedlichen auf solche
Art zu Schaden bringen? Er war ein Lehrer, nichts weiter, und
verrichtete ehrlich sein Geschäft. Er war vor andern um nichts
bevorzugt. Oder wurde es so bitter gerächt, daß er dem harten Brot des
Berufs etwas Wohlgeschmack und Süßigkeit hinzugefügt?
Breit und mit Würde angestopft, kam der Herr Wachtmeister des Wegs. Er
versprach leutselig, sich der Sache anzunehmen. »Wacker,« sagte er,
»wacker,« ein Lieblingswort, welches er grundlos bevorzugte. Der
Polizist trank aus des Gemeindedieners Flasche und eilte in die Nacht,
den Dieb zu verfolgen. Man schickte zum Bäcker und zum Schneider
nebenan. Dieser begann zu schimpfen, man bringe ihn um seinen Ruf, jener
tat sehr unschuldig und besorgt. Das Verschwinden der Kiste blieb ein
finsteres Rätsel. Philipp Unruh ging noch immer auf der Straße hin und
her, blickte mit zusammengepreßten Zähnen in die Nacht. Die Leute
entfernten sich langsam. Es war neun Uhr und Schlafensstunde nah. Auf
dem Brandplatz blieben zwei von den Messingbehelmten, lagerten sich an
ein Kohlenfeuer und tranken zahllose Krüge Bier, die aus dem »lustigen
Pfeifer« geholt wurden.
Doktor Maspero war der letzte, der vor den trostlosen Beraubten hintrat.
Er schaute prüfend zu dem Lehrer empor und sagte übelgelaunt: »Es ist ja
gerade so, als ob Sie eine lebendige Familie verloren hätten. Pfui,
Unruh, das heißt sich zum Narren stempeln.«
»Lieber Herr Doktor,« entgegnete der Schulmeister unwillig und ohne die
Stimme zu erheben, »wer etwas verliert, muß am besten wissen, was er
verliert.«
Der Doktor brummte, zog die Augenbrauen in die Höhe, kicherte in sich
hinein und wünschte gute Nacht.