Viertes Kapitel

Eine der Galerien, morsches, altersschwaches Zeug, stand lichterloh in

Brand. Es sah unheilvoll aus, denn was da an Häusergerümpel

beisammenstand, war sehr empfänglich für das Feuer. Die Flammen

erfüllten den Hof, schlugen über das Dach des Schulhauses, und es gab

ein Schock von Kindern, welches mit verbrecherischer Spannung darauf

wartete, daß jenes verhaßte Gebäude zur Stunde vom Erdboden verschwinden

würde. Diejenigen Leute aber, denen es gleichgültig sein durfte, ob es

Schulferien gab oder nicht, zeigten sich aufgeregt, und die Turmglocke,

die solche Gelegenheiten gern ergriff, um einen prahlerischen Lärm zu

erzielen, vermehrte die Angst der Gemüter. Ihre kurzen Schläge glichen

dem Pochen eines schreckenerfüllten Herzens. Es rückte die Feuerwehr an

mit mutigen Messinghelmen und verzagten Gesichtern und diese guten

Menschen verübten nun ihrerseits wieder solchen Skandal mit Trompeten

und Kommandieren und einem rasselnden Spritzenwagen und himmelhohen

Leitern, daß der Tumult größer wurde als die Gefahr. Statt zu handeln

und sich unterzuordnen, machte sich jeder auf besondere Weise wichtig

und benahm sich als eine verdienstvolle Autorität in Gummischläuchen

oder im Wassertragen oder im Klettern und Fensterzertrümmern.

Philipp Unruh stürmte in die Küche, nahm eine große Kohlenkiste, die er

in seine Studierstube schleifte und warf dort mit erstaunlicher

Handfertigkeit seine Bücher hinein. Unheimlich sah es aus, wie er von

den düsterroten Flammen beleuchtet in atemloser Geschäftigkeit die

schwarze Kiste mit den alten Folianten füllte. Mit einer Kraft, die er

als Zuschauer verwundert beobachtet hätte, zerrte er den schweren Kasten

zur Stiege, ließ ihn unter großem Gepolter herabgleiten, und erst unten

fanden sich zwei Männer, die ihm halfen, seinen Schatz auf die Straße zu

tragen. Zwischen zwei Schneehaufen blieb die Kiste stehen. Erleichtert

betrat der Lehrer wieder das Haus, um wenn es nötig war, auch die

übrigen Habseligkeiten zu bergen. Die Wirtschafterin lief heulend im

Flur herum. Da niemand noch an Gefahr für das Schulhaus dachte, klomm

Unruh allein empor, sah sich um, fand es merkwürdig still, hörte nur das

Geprassel des Feuers und das Zischen der Wasserstrahlen. Schränke und

Wände waren blutigrot; die Fensterscheiben zitterten vor Hitze, doch mit

jedem Augenblick verminderte sich die Gefahr. Die Holzgalerie brannte ab

wie Papier und die Steinmauer wurde schwarz von Ruß. Im Hofe stand die

Feuerwehr, eine Schar von Todesverächtern.

Philipp Unruh trat wieder auf die Straße. Er winkte den Gemeindediener

herbei, daß er ihm helfe, die Kiste zurückzutragen. Allein die Kiste war

verschwunden. Der Raum zwischen den beiden Schneehaufen war leer. In den

weichen Schnee war ein tiefes Rechteck eingedrückt, sonst war nichts zu

sehen. »Wo sind denn die Bücher?« fragte der Lehrer mechanisch, und

blickte sich befremdet um. »Gutmann, wo ist meine Kiste?« schrie er

einen vorübergehenden Feuerwehrmann an, und sein Gesicht verzerrte sich.

Gutmann zuckte beschäftigt die Achseln. Der Gemeindediener versuchte zu

trösten und öffnete nachdenklich sein Schnapsfläschchen. Einen um den

andern rief der Lehrer an, aber keiner wußte etwas. Eine Gruppe sammelte

sich, die Ratschläge gab und Meinungen austauschte. Der Polizist Grünhut

stellte sich ein und schrieb Notizen in ein verschmiertes Buch. Der

Lehrer hatte zuerst gejammert, jedem geklagt, einige um Beistand

gebeten; jetzt wurde er still. Die Gewißheit, daß man ihm seinen

teuersten Besitz entwendet habe, begann als etwas Ungeheures auf ihm zu

lasten. Er fühlte sich vom Himmel selbst verwundet; beleidigt und

verwundet in seinem innersten Wesen. Die Ungerechtigkeit, unter der er

so zu leiden hatte, erstickte seine Überlegungen, raubte jedes Maß, jede

Berechnung für das, was ihm zugestoßen. Hier lag ein Verbrechen vor,

unerhört und frevelhaft. Wer durfte einen armen Friedlichen auf solche

Art zu Schaden bringen? Er war ein Lehrer, nichts weiter, und

verrichtete ehrlich sein Geschäft. Er war vor andern um nichts

bevorzugt. Oder wurde es so bitter gerächt, daß er dem harten Brot des

Berufs etwas Wohlgeschmack und Süßigkeit hinzugefügt?

Breit und mit Würde angestopft, kam der Herr Wachtmeister des Wegs. Er

versprach leutselig, sich der Sache anzunehmen. »Wacker,« sagte er,

»wacker,« ein Lieblingswort, welches er grundlos bevorzugte. Der

Polizist trank aus des Gemeindedieners Flasche und eilte in die Nacht,

den Dieb zu verfolgen. Man schickte zum Bäcker und zum Schneider

nebenan. Dieser begann zu schimpfen, man bringe ihn um seinen Ruf, jener

tat sehr unschuldig und besorgt. Das Verschwinden der Kiste blieb ein

finsteres Rätsel. Philipp Unruh ging noch immer auf der Straße hin und

her, blickte mit zusammengepreßten Zähnen in die Nacht. Die Leute

entfernten sich langsam. Es war neun Uhr und Schlafensstunde nah. Auf

dem Brandplatz blieben zwei von den Messingbehelmten, lagerten sich an

ein Kohlenfeuer und tranken zahllose Krüge Bier, die aus dem »lustigen

Pfeifer« geholt wurden.

Doktor Maspero war der letzte, der vor den trostlosen Beraubten hintrat.

Er schaute prüfend zu dem Lehrer empor und sagte übelgelaunt: »Es ist ja

gerade so, als ob Sie eine lebendige Familie verloren hätten. Pfui,

Unruh, das heißt sich zum Narren stempeln.«

»Lieber Herr Doktor,« entgegnete der Schulmeister unwillig und ohne die

Stimme zu erheben, »wer etwas verliert, muß am besten wissen, was er

verliert.«

Der Doktor brummte, zog die Augenbrauen in die Höhe, kicherte in sich

hinein und wünschte gute Nacht.

Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen · 第 8 / 22 题