Drittes Kapitel

Ziemlich viele Menschen waren in der Kantorwohnung versammelt,

Ortswürdenträger und andere Leute. Es gab auch solche, die nur gekommen

waren, um für eine Stunde der Winterkälte zu entrinnen. Der Auktionator

war ein dicker Mann mit einer militärischen Fistelstimme. Bei den

billigen Gegenständen wurde er herablassend, fast gnädig, und sein

Würdegefühl stieg um so mehr, je geringer sich die Kauflust erwies.

Doktor Maspero erstand einen Schreibtisch, der Bürgermeister ein Dutzend

leere Flaschen, der Trödler Most die Gebetbücher, das »Kasino« einen

Teppich.

»Eine Chronik!« rief der Auktionator finster.

»Eine Chronik für Unruh!« witzelte der Doktor.

»Eine Chronik der Markgrafschaft Ansbach,« sagte der Auktionator streng,

wartete, bis das Gelächter zu Ende war und fügte verächtlich hinzu:

»Zwei Mark zum ersten.«

»Drei Mark,« murmelte Philipp Unruh schüchtern. Einige kehrten sich

lächelnd um, denn er stand an der Rückwand des Raums. Die Geschäftigkeit

hier hatte ihn aus irgend einem Grund betrübt gemacht. Alle Gegenstände,

die unter den Hammer kamen, hatten einen Schein von Persönlichem, von

Zusammengehörigkeit, sahen aus wie Glieder einer Familie, die in die

Welt verstreut werden sollten. Etwas wie Todestrauer lag über ihnen,

besonders über dem schwarzen Ledersofa im Winkel. Es war, als säße der

alte Kantor unsichtbar darin und betrachte mit mürrischem Gesicht die

entrückte, kunterbunte Welt.

Die Fistelstimme rief mit beleidigtem Ausdruck den Taler zum zweitenmal

ab.

»Fünf Mark,« sagte jemand, der eben eingetreten war. Alle drehten sich

um, und die Mienen wurden zurückhaltend und unzufrieden, als man den

neuen Provisor sah.

Philipp Unruh erbebte. Er blickte nach Apollonius Siebengeist und dachte

erbittert: der reine Adonis. Warum er gerade diese Bezeichnung wählte,

und warum es in einer gehässigen Bedeutung geschah, blieb ihm

rätselhaft. Der Auktionator nahm das höhere Angebot mit erwachendem

Interesse zur Kenntnis.

»Zwei Taler«, erwiderte der Lehrer mit dünner und unsicherer Stimme. Die

Leute wurden neugierig, drängten sich zusammen und sahen zu, als ob ein

Hahnenkampf vor sich ginge. Der Lehrer schämte sich wie jemand, der auf

irgend eine Weise Interesse erregt, ohne es rechtfertigen zu können.

»Drei Taler,« sagte Siebengeist mit kaltem Lächeln. Er stand an den

Pfosten gelehnt, beide Hände in den Taschen seines Pelzmantels, in der

nachlässigen Haltung eines Mannes von Welt. In Philipp Unruh erwachte

ein trüber Zorn. Doch wie alle schwachen Menschen, die sich beleidigt

oder übervorteilt sehen, hatte er den Wunsch, dem Gegner sein Anrecht

logisch und herzlich zu beweisen. Er hatte die dunkle Empfindung, als

müsse er hingehen und dem Manne sagen, wie viel ihm der Besitz der

Chronik wert sei, und wie er sich darauf gefreut habe, sie erwerben zu

können. Besonders den Umstand seiner Freude und Erwartung wollte er

betonen. Indessen haßte und verachtete er gleichzeitig den fremden

Eindringling, und in einer Aufwallung dieser Gefühle bot er zehn Mark.

Der Doktor machte ein faunisch entzücktes Gesicht und eine

triumphierende Gebärde, der Auktionator nickte beifällig und schnupfte

geräuschvoll aus einer braunen Papierdüte. Jedoch andere Gesichter sah

der Lehrer auf sich gerichtet, deren prüfender Hohn ihn erschreckte,

und als der Provisor nachlässig noch weiter steigerte, verließ er

schweren Schrittes den Raum mit den Gefühlen eines Menschen, über den

ein falscher Urteilsspruch ergangen ist.

Ein trüber Wintertag war es; alle Scheiben waren mit Eisblumen bedeckt.

Der Schnee lag hoch und rein und blendete die Augen des Lehrers. Auf

einem Zaun, dessen Pfähle weiße, runde Kappen trugen, saßen drei Spatzen

und zwinkerten bekümmert den Vorübergehenden an. Aus dem Schulhaus drang

ein betäubender Lärm. Unter seiner Ladentüre stand der Bäcker und

schaute spöttisch lachend hinauf. Kunigunde, die Wirtschafterin,

begegnete ihm auf der Stiege und kicherte dumm vor sich hin. Er lächelte

plötzlich freundlich, als ob er mit jemand eine liebenswürdige

Unterhaltung führte, doch schien es ihm unzuvorkommend und bedrückend,

daß dieser Jemand bildlos im Raum verblieb.

Das Schulzimmer war zum Schlachtfeld geworden. Kriegsgeheul ertönte, und

Gegenstände flogen durch die Luft, die einst einer andern Bestimmung

geweiht waren. Die schwarze Tafel, in eine Generalstabskarte verwandelt,

war mit Hieroglyphen bedeckt. Die Reiterei hatte sich des ganzen Globus

bemächtigt, und ein dämonisch kleiner Knabe saß auf dem Nordpol und

fuchtelte mit beiden Armen. Einige Amazonen hatten die Gegend des

Katheders besetzt und sangen Kampfgesänge. Der Lehrer blieb auf der

Schwelle stehen, schöpfte Atem und schrie eine fürchterliche Drohung in

den Raum. Sechsundsechzig Paar Augen blickten ihn bestürzt und

schuldbewußt an. Alle Kinder setzten sich mit geschäftsmäßiger Kühle auf

ihre Plätze. Sie erwarteten eine unheilvolle Untersuchung. Der Kleine

vom Nordpol hatte sich beim Herunterspringen die Hosen an der Erdachse

zerrissen und saß leichenblaß da. Indes begann der Lehrer zu diktieren:

Der Hamster und der Igel; eine Geschichte, worin die Häßlichkeit des

Geizes eine große Rolle spielte. Die Enttäuschung der Kinder war groß.

Sie hätten die gleichgültige Hamstergeschichte gern entbehrt gegen das

aufregende Prozeßverfahren, das einer Vormittagsschlacht sonst zu folgen

pflegte. Immerhin ereignete sich noch etwas sehr Merkwürdiges, was den

Fortgang des einschläfernden Diktats angenehm unterbrach. Die Tür wurde

heftig aufgerissen, und Apollonius Siebengeist trat herein. Er hatte ein

dickes Buch unter dem Arm, schritt gerade auf das Pult zu, legte den

Folianten nieder und sagte zu Philipp Unruh mit emporgezogenen Brauen:

»Ich bringe Ihnen Ihre Chronik. Ich wollte Ihnen damit ein Geschenk

machen. Hoffentlich haben Sie nichts dagegen einzuwenden.« Er grüßte mit

übertriebener Unbefangenheit, doch mit schüchternem Blick und ging.

Einige Kinder lachten; das brünette Fräulein Süßmilch auf der dritten

Bank fand sich am meisten erlustigt. Sie war blutrot im Gesicht und

konnte kaum aufhören, in ihre Schürze hineinzulachen. Philipp Unruh war

verwirrt und beschämt. Mit der schablonenhaften Strenge, die ein

wichtiges Erziehungsmittel war, befahl er Ruhe und stellte sich an das

Fenster. Es ist etwas Schönes um den Winter, dachte er mit jener Wärme

im Innern, welche kühne Hoffnungen erzeugt. Draußen mag es stürmen, ich

stehe da, um zuzuschauen. Schlaf und Frieden ist alles. Wie schön, wenn

es dämmert und ich durch den Schnee wandere, den bläulichen Schnee, und

kein Laut dringt aus der Erde.

Mit liebevoller Sorgfalt legte er die Chronik in die Pultschublade, und

bald darauf schlug es elf Uhr. Die Sechsundsechzig stürmten davon, und

der Lehrer rüstete sich zu einem Spaziergang. An der Ecke bei dem

Kasino stand Apollonius Siebengeist und plauderte mit einem Mann, der

einen großen roten Zettel an das Hauseck klebte. Philipp Unruh grüßte

und war sichtlich bemüht, etwas Weitläufiges und Kameradschaftliches in

seinen Gruß zu legen.

»Wir werden jetzt Großstadt,« sagte Siebengeist lebhaft, »bekommen ein

Theater. Und was für ein ungewöhnliches Stück sie da ankündigen!«

Der Lehrer tat überrascht, obwohl er in der Zeitung davon gelesen hatte.

Er hauchte in seinen Schnurrbart, der ein wenig steifgefroren war, und

rieb die Hände.

»Sagen Sie, lieber Onkel,« wandte sich Siebengeist an den Zettelmann,

»habt ihr denn hübsche Schauspielerinnen?«

Der Zettelmann machte eine großartige Physiognomie. »Bei mir ist die

Blüte unseres Standes engagiert«, entgegnete er kurz und majestätisch.

»Aber Onkelchen, sind Sie denn der Direktor?« rief Siebengeist erstaunt.

Der Schauspieler bestätigte es. »Mein Name ist Schmalich«, sagte er mit

dem Stirnrunzeln eines berühmten Mannes.

Scheinbar interessiert besah sich Philipp Unruh den angeklebten Zettel.

»Melchior oder die Leiden des Alters«, hieß das Stück, ein Lebensbild in

zehn Abteilungen. Einige Leute waren stehengeblieben und starrten

neugierig auf das rote Papier. Der Direktor nahm seinen Kleistertopf und

entfernte sich mit feierlichem Gruß. Auch der Lehrer wandte sich zum

Gehen und war kaum einige Schritte weit, als er Siebengeist an seiner

Seite sah. Der Provisor begann zu reden, als ob es ihm nur um Worte zu

tun sei. Er schimpfte über das Nest, in das ihn ein unwirsches Geschick

verschlagen habe; er machte sich über Himmel und Erde lustig, und etwas

Knisterndes, Sprudelndes, Glattes war an ihm. Viele Zuckungen gingen

über sein Gesicht. Seine Augen hafteten an vielen Punkten zugleich. Dem

Lehrer ward es unbehaglich wie neben einer gefährlichen Maschine.

Siebengeist aber schlug einen weiten Spaziergang vor, da ja heute

Mittwoch sei. »Der ganze Nachmittag liegt vor Ihnen«, sagte er. »Gehen

wir ein wenig hinaus in den Schnee.«

Philipp Unruh wagte nicht, nein zu sagen. Er war überhaupt weder ein

Nein- noch ein Ja-Sager, und hier fand er sich verpflichtet, Wünsche zu

erfüllen. Siebengeist redete weiter, bespöttelte die Büchersucht des

Lehrers und sprach im allgemeinen vernichtend über das Gelehrtentum.

»Was wollen Sie denn mit Ihren Namen und Zahlen, Onkelchen? Erklären Sie

sich doch. Die Geschichte? So? Die Geschichte ist ein altes Weib. Alles,

was war, ist wertlos. Jener Komödiant und sein Theater ist jetzt

wichtiger als alle Moses, Marc-Aurel, Robespierre und Lasalle. Der

Unterrock meiner Geliebten wiegt das ganze babylonische Reich auf.

Freilich, tausend Jahre sind euch nichts, denn auch die Stunden sind

euch nichts.«

Der Lehrer blickte verängstigt auf seinen Weg. Nichts Erschreckenderes

für ihn als diese Reden, deren Sinn ihm vorüberglitt wie Wasser. Das

Heftige, Sprunghafte, dabei Lachende und Kühne im Wesen seines

Begleiters machte ihn schülerhaft verzagt. Eine Weile schwieg

Siebengeist und pfiff nur vor sich hin. Weiß und still dehnten sich die

ebenen Felder. Unbestimmte Laute kamen aus Fernen, die vom Nebel

verhüllt waren. Im glatten Schnee waren zahllose Hasenfährten und

Krähenfüße sichtbar, am Waldrand trippelte eine Rebhühnerschar mit

schwachen, seufzenden Schreien. In der Luft war ein Sieden und Sausen,

hervorgebracht durch das merkwürdige, schwere Schweigen ringsumher.

»Sind Sie verheiratet?« fragte Siebengeist wie ein Untersuchungsrichter.

»Nein? Sind Sie verliebt?«

Der Lehrer wurde blaß und schüttelte unwillig den Kopf. Siebengeist

lachte hell wie ein Kind. »Waren Sie je verliebt? Wissen Sie, Onkelchen,

man könnte Sie geradezu für einen Eunuchen halten, wenn man nicht wüßte,

daß Sie ein deutscher Bücherwurm sind. Sie verachten natürlich die

Liebe, sofern sie nicht auf dem Papier verewigt ist. Haben Sie mal von

einer gewissen Ninon de l’Enclos gehört? Ein wundersames Frauenzimmer.

Sie hat ganze Generationen mit Liebe beschenkt. Ich war damals ein

Gascognischer Prinz und in mancher Nacht küßte ich die unsterblichen

Lippen. Seitdem ist die Welt bitter geworden. Onkelchen, was heutzutage

sich Weib nennt, ist wert, eingesalzen zu werden. Ich habe keines kennen

gelernt, in dem nicht die dumme Gans oder die Xantippe steckt. Sie sind

schlecht, eitel, feig, anmaßend, sitzen stets auf dem Galanteriestühlchen

und sind mit Leidenschaft der Lüge ergeben. Dagegen liest man in den

Kunstbüchern von den erlauchtesten Idealgestalten. Davor warne ich Sie,

Onkelchen. Durch diese Literatur geht ein Riß. Sehn Sie doch nur, ein

Mann wie ich, Prinz von Geblüt, sitzt auf dem Trockenen und weiß nichts

anzufangen mit seinen Gefühlen, geht sehnsüchtig in der Welt umher und

gafft sich die Augen aus nach dem Bild der Liebe. Nun, ich gebe mir noch

eine kurze Frist, dann wähle ich ein angenehmes und schmerzloses Gift.«

Er lachte wieder fein kindliches Lachen.

Der Lehrer wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es ist ein Traum,

dachte er zweifelnd und betrübt und sah auf das Bahngeleise hinüber, auf

dem ein Schnellzug einherraste. Er freute sich auf seine Abendstunden,

auf seine Chronik, auf seine stille Abgeschiedenheit. Indessen forderte

ihn der Provisor auf, mit ihm in einem Wirtshaus in Altenmuhr zu essen,

und noch viel weniger als früher wagte er es abzuschlagen. Doch

Siebengeist wurde merkwürdig schweigsam, ballte nur hier und da Schnee

zusammen und warf ihn auf die Baumkronen, daß es knisterte. Dann lachte

er und freute sich.

In der niedrigen, heißen Wirtsstube saßen Fuhrleute beim Bier.

Siebengeist berührte kaum die Speisen. Er stocherte nachdenklich in

seinen weißen Zähnen, während der Lehrer tüchtig zugriff. »Gelehrsamkeit

stärkt den Magen«, bemerkte Siebengeist sarkastisch. »Wissen Sie, was

mir eingefallen ist? Ich forme mir eine Jungfrau aus Schnee: schön, rein

und klug. Ich gebe ihr das Herz eines treuen Hundes und die Augen einer

edlen Häßlichen, die in Verborgenheit lebte. Das Ganze belebt, wäre ein

Wunder an Vollkommenheit.«

Philipp Unruh dachte: wenn dieser Mann Apotheker ist, werden die Kranken

seltsame Mixturen erhalten. Sein ordnungsliebendes Gemüt begann sich zu

empören. Er betrachtete den Provisor scharf von der Seite und mußte sich

gestehen, daß er ein schönes Gesicht habe, ein intelligentes Auge, einen

weichen, schwärmerischen Mund.

Auf dem Heimweg stockte jedes Gespräch. Die Ruhe der Natur war ein

Befehl zur Ruhe für die Wanderer. Schon begann das beschneite Gelände

bläulich zu schimmern. Wie schwärzliche Gestalten standen die Bäume da,

streckten die Äste verzweifelt gegen den Himmel. Philipp Unruh empfand

seinen Begleiter wie eine schwere Bürde. Er vermochte nicht zu überlegen

und nicht zu denken in seiner Gegenwart. Unsichere Schuldgefühle

belästigten ihn.

Als sie den Marktplatz des Städtchens entlang schritten, begegnete

ihnen der Baron Apotheker und lud sie ein, den Nachmittagskaffee in

seinem Hause zu nehmen. »Meine Frau wird sich freuen«, sagte er süßlich

und in einem Ton, als spräche er von einer majestätischen Person.

Siebengeist nickte zerstreut und nahm des Lehrers Arm, der verschüchtert

und abwartend der Einladung folgte.

Es war ein uraltes Haus mit vielen Ecken und Winkeln, breiten, finstern

Stiegen, geheimnisvollen Türen und knarrenden Dielen, worin die Apotheke

war. Es stammte noch aus der Markgrafenzeit und teilte jedem seiner

Bewohner etwas von seinem verschlossenen, düstern, eckigen und

altmodischen Wesen mit. Aus der Tiefe des Flurs kam die Baronin und rief

den Provisor zu sich hin. Philipp Unruh und der Apotheker gingen daher

voran, doch da es schon finster war, bat der Baron seinen Gast,

stehenzubleiben und eilte voraus, um ein Licht zu bringen. Der Lehrer

lehnte sich aufseufzend an die breite, gotische Brüstung und hörte

Stimmengeflüster auf der Stiege, das alsbald wieder verstummte. In

diesem Augenblick kam der Baron mit der Lampe den Korridor entlang, und

ein Lichtstrahl erhellte das ganze Treppenhaus. Da sah Philipp Unruh,

wie sich zwei umschlungen hielten und küßten. Die Frau hing am Halse

Siebengeists mit geschlossenen Augen. Er aber hatte die Augen offen, und

es war, als sähe er weit über sie hinweg, in eine weite Ferne, und sein

Blick war düster und starr. Das dauerte im Schein des Lichts keine

Sekunde, aber der Lehrer glaubte, Zeuge eines grauenvollen Verbrechens

gewesen zu sein. Als er dem Apotheker folgte, trugen ihn die Füße kaum,

und seine Zähne schlugen heftig aufeinander. Der Baron drehte sich um

und lachte in seiner Hohomanier. »Armer Teufel,« sagte er, »klapperkalt

ist ihm.« Und er brüllte in die Küche, daß es von allen Mauern

widerhallte: »Johanna, heißes Wasser zum Grog!« Gleich darauf begann er

wieder zu lispeln und lispelte von der Poesie des Winters, während das

andere Paar scheinbar harmlos plaudernd die Stube betrat.

Gemütliche Wärme herrschte in dem großen Zimmer, dessen Decke gewölbt

war wie in einer Kapelle. Der Ofen für sich war ein kleines Haus. Der

Baron las seinen Prolog für das Theater vor, wobei Siebengeist ergeben

in seine Tasse blickte. Offenbar waren die Gäste nur dieser Dichtung

wegen herbeigeschleppt worden, denn der Baron las mit der studierten und

zugleich naiven Wichtigkeit des Dilettanten, der sich ängstlich

vorbereitet hat. Es kamen da viele Reime vor, und manche Gedanken, die

eines Barons außerordentlich würdig waren, um wieviel mehr eines

Apothekers. Die Hippogryphen waren zu diesem Ritt kostbar gesattelt

worden, und vom großen Stall der Metaphern war, was Beine hatte,

mitgelaufen. Zeit und Ewigkeit, Vaterland und Wissenschaft, Kunst und

Natur waren, mit Traratrompetlein bewaffnet, auf einen erbaulichen

Kothurn gestiegen und grinsten zum Vergnügen aller Mitbürger aufgeregt

herab. Des Dichters Stirn war in Schweiß gebadet und sein blonder,

zierlicher Schnurrbart zitterte rhythmisch mit.

Zu anderer Zeit hätte Philipp Unruh hohes Gefallen an der Produktion

gefunden. Aber der gemütliche Raum schien jetzt von schwülen Mysterien

erfüllt. Er sah Siebengeist gequält und grübelnd sitzen und wagte es

endlich, auch die junge Frau anzuschauen. Überrascht und erschreckt

senkte er den Blick nieder. Die schwarzen Augen der Baronin waren

begeistert auf die Lippen ihres Mannes gerichtet, und sie lächelte

begeistert. Zorn und Scham erwachten in dem Lehrer. Er atmete in

Lügenluft, aber eine ihm bisher unbekannte Empfindung sinnlicher

Neugier ergriff ihn. Als der Apotheker geendet hatte, lief die Frau

beglückt auf ihn zu, umarmte und küßte ihn stürmisch. Dem Lehrer graute.

Gefährlich, tückisch und verschlagen zeigte sich ihm das Weib, und er

sah dem Provisor ins Gesicht, der mit einem dummen Lächeln gegen das

Fenster blickte.

Auf einmal schrie jemand auf der Gasse laut und vernehmlich Feuer, und

gleichzeitig ertönte die Sturmglocke. Siebengeist öffnete das Fenster

und fragte hinunter. Es brenne beim alten Schulhaus, hieß es. Philipp

Unruh stürzte davon, nur vom Gedanken an seine Bücher erfüllt.

Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen · 第 7 / 22 题