Ziemlich viele Menschen waren in der Kantorwohnung versammelt,
Ortswürdenträger und andere Leute. Es gab auch solche, die nur gekommen
waren, um für eine Stunde der Winterkälte zu entrinnen. Der Auktionator
war ein dicker Mann mit einer militärischen Fistelstimme. Bei den
billigen Gegenständen wurde er herablassend, fast gnädig, und sein
Würdegefühl stieg um so mehr, je geringer sich die Kauflust erwies.
Doktor Maspero erstand einen Schreibtisch, der Bürgermeister ein Dutzend
leere Flaschen, der Trödler Most die Gebetbücher, das »Kasino« einen
Teppich.
»Eine Chronik!« rief der Auktionator finster.
»Eine Chronik für Unruh!« witzelte der Doktor.
»Eine Chronik der Markgrafschaft Ansbach,« sagte der Auktionator streng,
wartete, bis das Gelächter zu Ende war und fügte verächtlich hinzu:
»Zwei Mark zum ersten.«
»Drei Mark,« murmelte Philipp Unruh schüchtern. Einige kehrten sich
lächelnd um, denn er stand an der Rückwand des Raums. Die Geschäftigkeit
hier hatte ihn aus irgend einem Grund betrübt gemacht. Alle Gegenstände,
die unter den Hammer kamen, hatten einen Schein von Persönlichem, von
Zusammengehörigkeit, sahen aus wie Glieder einer Familie, die in die
Welt verstreut werden sollten. Etwas wie Todestrauer lag über ihnen,
besonders über dem schwarzen Ledersofa im Winkel. Es war, als säße der
alte Kantor unsichtbar darin und betrachte mit mürrischem Gesicht die
entrückte, kunterbunte Welt.
Die Fistelstimme rief mit beleidigtem Ausdruck den Taler zum zweitenmal
ab.
»Fünf Mark,« sagte jemand, der eben eingetreten war. Alle drehten sich
um, und die Mienen wurden zurückhaltend und unzufrieden, als man den
neuen Provisor sah.
Philipp Unruh erbebte. Er blickte nach Apollonius Siebengeist und dachte
erbittert: der reine Adonis. Warum er gerade diese Bezeichnung wählte,
und warum es in einer gehässigen Bedeutung geschah, blieb ihm
rätselhaft. Der Auktionator nahm das höhere Angebot mit erwachendem
Interesse zur Kenntnis.
»Zwei Taler«, erwiderte der Lehrer mit dünner und unsicherer Stimme. Die
Leute wurden neugierig, drängten sich zusammen und sahen zu, als ob ein
Hahnenkampf vor sich ginge. Der Lehrer schämte sich wie jemand, der auf
irgend eine Weise Interesse erregt, ohne es rechtfertigen zu können.
»Drei Taler,« sagte Siebengeist mit kaltem Lächeln. Er stand an den
Pfosten gelehnt, beide Hände in den Taschen seines Pelzmantels, in der
nachlässigen Haltung eines Mannes von Welt. In Philipp Unruh erwachte
ein trüber Zorn. Doch wie alle schwachen Menschen, die sich beleidigt
oder übervorteilt sehen, hatte er den Wunsch, dem Gegner sein Anrecht
logisch und herzlich zu beweisen. Er hatte die dunkle Empfindung, als
müsse er hingehen und dem Manne sagen, wie viel ihm der Besitz der
Chronik wert sei, und wie er sich darauf gefreut habe, sie erwerben zu
können. Besonders den Umstand seiner Freude und Erwartung wollte er
betonen. Indessen haßte und verachtete er gleichzeitig den fremden
Eindringling, und in einer Aufwallung dieser Gefühle bot er zehn Mark.
Der Doktor machte ein faunisch entzücktes Gesicht und eine
triumphierende Gebärde, der Auktionator nickte beifällig und schnupfte
geräuschvoll aus einer braunen Papierdüte. Jedoch andere Gesichter sah
der Lehrer auf sich gerichtet, deren prüfender Hohn ihn erschreckte,
und als der Provisor nachlässig noch weiter steigerte, verließ er
schweren Schrittes den Raum mit den Gefühlen eines Menschen, über den
ein falscher Urteilsspruch ergangen ist.
Ein trüber Wintertag war es; alle Scheiben waren mit Eisblumen bedeckt.
Der Schnee lag hoch und rein und blendete die Augen des Lehrers. Auf
einem Zaun, dessen Pfähle weiße, runde Kappen trugen, saßen drei Spatzen
und zwinkerten bekümmert den Vorübergehenden an. Aus dem Schulhaus drang
ein betäubender Lärm. Unter seiner Ladentüre stand der Bäcker und
schaute spöttisch lachend hinauf. Kunigunde, die Wirtschafterin,
begegnete ihm auf der Stiege und kicherte dumm vor sich hin. Er lächelte
plötzlich freundlich, als ob er mit jemand eine liebenswürdige
Unterhaltung führte, doch schien es ihm unzuvorkommend und bedrückend,
daß dieser Jemand bildlos im Raum verblieb.
Das Schulzimmer war zum Schlachtfeld geworden. Kriegsgeheul ertönte, und
Gegenstände flogen durch die Luft, die einst einer andern Bestimmung
geweiht waren. Die schwarze Tafel, in eine Generalstabskarte verwandelt,
war mit Hieroglyphen bedeckt. Die Reiterei hatte sich des ganzen Globus
bemächtigt, und ein dämonisch kleiner Knabe saß auf dem Nordpol und
fuchtelte mit beiden Armen. Einige Amazonen hatten die Gegend des
Katheders besetzt und sangen Kampfgesänge. Der Lehrer blieb auf der
Schwelle stehen, schöpfte Atem und schrie eine fürchterliche Drohung in
den Raum. Sechsundsechzig Paar Augen blickten ihn bestürzt und
schuldbewußt an. Alle Kinder setzten sich mit geschäftsmäßiger Kühle auf
ihre Plätze. Sie erwarteten eine unheilvolle Untersuchung. Der Kleine
vom Nordpol hatte sich beim Herunterspringen die Hosen an der Erdachse
zerrissen und saß leichenblaß da. Indes begann der Lehrer zu diktieren:
Der Hamster und der Igel; eine Geschichte, worin die Häßlichkeit des
Geizes eine große Rolle spielte. Die Enttäuschung der Kinder war groß.
Sie hätten die gleichgültige Hamstergeschichte gern entbehrt gegen das
aufregende Prozeßverfahren, das einer Vormittagsschlacht sonst zu folgen
pflegte. Immerhin ereignete sich noch etwas sehr Merkwürdiges, was den
Fortgang des einschläfernden Diktats angenehm unterbrach. Die Tür wurde
heftig aufgerissen, und Apollonius Siebengeist trat herein. Er hatte ein
dickes Buch unter dem Arm, schritt gerade auf das Pult zu, legte den
Folianten nieder und sagte zu Philipp Unruh mit emporgezogenen Brauen:
»Ich bringe Ihnen Ihre Chronik. Ich wollte Ihnen damit ein Geschenk
machen. Hoffentlich haben Sie nichts dagegen einzuwenden.« Er grüßte mit
übertriebener Unbefangenheit, doch mit schüchternem Blick und ging.
Einige Kinder lachten; das brünette Fräulein Süßmilch auf der dritten
Bank fand sich am meisten erlustigt. Sie war blutrot im Gesicht und
konnte kaum aufhören, in ihre Schürze hineinzulachen. Philipp Unruh war
verwirrt und beschämt. Mit der schablonenhaften Strenge, die ein
wichtiges Erziehungsmittel war, befahl er Ruhe und stellte sich an das
Fenster. Es ist etwas Schönes um den Winter, dachte er mit jener Wärme
im Innern, welche kühne Hoffnungen erzeugt. Draußen mag es stürmen, ich
stehe da, um zuzuschauen. Schlaf und Frieden ist alles. Wie schön, wenn
es dämmert und ich durch den Schnee wandere, den bläulichen Schnee, und
kein Laut dringt aus der Erde.
Mit liebevoller Sorgfalt legte er die Chronik in die Pultschublade, und
bald darauf schlug es elf Uhr. Die Sechsundsechzig stürmten davon, und
der Lehrer rüstete sich zu einem Spaziergang. An der Ecke bei dem
Kasino stand Apollonius Siebengeist und plauderte mit einem Mann, der
einen großen roten Zettel an das Hauseck klebte. Philipp Unruh grüßte
und war sichtlich bemüht, etwas Weitläufiges und Kameradschaftliches in
seinen Gruß zu legen.
»Wir werden jetzt Großstadt,« sagte Siebengeist lebhaft, »bekommen ein
Theater. Und was für ein ungewöhnliches Stück sie da ankündigen!«
Der Lehrer tat überrascht, obwohl er in der Zeitung davon gelesen hatte.
Er hauchte in seinen Schnurrbart, der ein wenig steifgefroren war, und
rieb die Hände.
»Sagen Sie, lieber Onkel,« wandte sich Siebengeist an den Zettelmann,
»habt ihr denn hübsche Schauspielerinnen?«
Der Zettelmann machte eine großartige Physiognomie. »Bei mir ist die
Blüte unseres Standes engagiert«, entgegnete er kurz und majestätisch.
»Aber Onkelchen, sind Sie denn der Direktor?« rief Siebengeist erstaunt.
Der Schauspieler bestätigte es. »Mein Name ist Schmalich«, sagte er mit
dem Stirnrunzeln eines berühmten Mannes.
Scheinbar interessiert besah sich Philipp Unruh den angeklebten Zettel.
»Melchior oder die Leiden des Alters«, hieß das Stück, ein Lebensbild in
zehn Abteilungen. Einige Leute waren stehengeblieben und starrten
neugierig auf das rote Papier. Der Direktor nahm seinen Kleistertopf und
entfernte sich mit feierlichem Gruß. Auch der Lehrer wandte sich zum
Gehen und war kaum einige Schritte weit, als er Siebengeist an seiner
Seite sah. Der Provisor begann zu reden, als ob es ihm nur um Worte zu
tun sei. Er schimpfte über das Nest, in das ihn ein unwirsches Geschick
verschlagen habe; er machte sich über Himmel und Erde lustig, und etwas
Knisterndes, Sprudelndes, Glattes war an ihm. Viele Zuckungen gingen
über sein Gesicht. Seine Augen hafteten an vielen Punkten zugleich. Dem
Lehrer ward es unbehaglich wie neben einer gefährlichen Maschine.
Siebengeist aber schlug einen weiten Spaziergang vor, da ja heute
Mittwoch sei. »Der ganze Nachmittag liegt vor Ihnen«, sagte er. »Gehen
wir ein wenig hinaus in den Schnee.«
Philipp Unruh wagte nicht, nein zu sagen. Er war überhaupt weder ein
Nein- noch ein Ja-Sager, und hier fand er sich verpflichtet, Wünsche zu
erfüllen. Siebengeist redete weiter, bespöttelte die Büchersucht des
Lehrers und sprach im allgemeinen vernichtend über das Gelehrtentum.
»Was wollen Sie denn mit Ihren Namen und Zahlen, Onkelchen? Erklären Sie
sich doch. Die Geschichte? So? Die Geschichte ist ein altes Weib. Alles,
was war, ist wertlos. Jener Komödiant und sein Theater ist jetzt
wichtiger als alle Moses, Marc-Aurel, Robespierre und Lasalle. Der
Unterrock meiner Geliebten wiegt das ganze babylonische Reich auf.
Freilich, tausend Jahre sind euch nichts, denn auch die Stunden sind
euch nichts.«
Der Lehrer blickte verängstigt auf seinen Weg. Nichts Erschreckenderes
für ihn als diese Reden, deren Sinn ihm vorüberglitt wie Wasser. Das
Heftige, Sprunghafte, dabei Lachende und Kühne im Wesen seines
Begleiters machte ihn schülerhaft verzagt. Eine Weile schwieg
Siebengeist und pfiff nur vor sich hin. Weiß und still dehnten sich die
ebenen Felder. Unbestimmte Laute kamen aus Fernen, die vom Nebel
verhüllt waren. Im glatten Schnee waren zahllose Hasenfährten und
Krähenfüße sichtbar, am Waldrand trippelte eine Rebhühnerschar mit
schwachen, seufzenden Schreien. In der Luft war ein Sieden und Sausen,
hervorgebracht durch das merkwürdige, schwere Schweigen ringsumher.
»Sind Sie verheiratet?« fragte Siebengeist wie ein Untersuchungsrichter.
»Nein? Sind Sie verliebt?«
Der Lehrer wurde blaß und schüttelte unwillig den Kopf. Siebengeist
lachte hell wie ein Kind. »Waren Sie je verliebt? Wissen Sie, Onkelchen,
man könnte Sie geradezu für einen Eunuchen halten, wenn man nicht wüßte,
daß Sie ein deutscher Bücherwurm sind. Sie verachten natürlich die
Liebe, sofern sie nicht auf dem Papier verewigt ist. Haben Sie mal von
einer gewissen Ninon de l’Enclos gehört? Ein wundersames Frauenzimmer.
Sie hat ganze Generationen mit Liebe beschenkt. Ich war damals ein
Gascognischer Prinz und in mancher Nacht küßte ich die unsterblichen
Lippen. Seitdem ist die Welt bitter geworden. Onkelchen, was heutzutage
sich Weib nennt, ist wert, eingesalzen zu werden. Ich habe keines kennen
gelernt, in dem nicht die dumme Gans oder die Xantippe steckt. Sie sind
schlecht, eitel, feig, anmaßend, sitzen stets auf dem Galanteriestühlchen
und sind mit Leidenschaft der Lüge ergeben. Dagegen liest man in den
Kunstbüchern von den erlauchtesten Idealgestalten. Davor warne ich Sie,
Onkelchen. Durch diese Literatur geht ein Riß. Sehn Sie doch nur, ein
Mann wie ich, Prinz von Geblüt, sitzt auf dem Trockenen und weiß nichts
anzufangen mit seinen Gefühlen, geht sehnsüchtig in der Welt umher und
gafft sich die Augen aus nach dem Bild der Liebe. Nun, ich gebe mir noch
eine kurze Frist, dann wähle ich ein angenehmes und schmerzloses Gift.«
Er lachte wieder fein kindliches Lachen.
Der Lehrer wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es ist ein Traum,
dachte er zweifelnd und betrübt und sah auf das Bahngeleise hinüber, auf
dem ein Schnellzug einherraste. Er freute sich auf seine Abendstunden,
auf seine Chronik, auf seine stille Abgeschiedenheit. Indessen forderte
ihn der Provisor auf, mit ihm in einem Wirtshaus in Altenmuhr zu essen,
und noch viel weniger als früher wagte er es abzuschlagen. Doch
Siebengeist wurde merkwürdig schweigsam, ballte nur hier und da Schnee
zusammen und warf ihn auf die Baumkronen, daß es knisterte. Dann lachte
er und freute sich.
In der niedrigen, heißen Wirtsstube saßen Fuhrleute beim Bier.
Siebengeist berührte kaum die Speisen. Er stocherte nachdenklich in
seinen weißen Zähnen, während der Lehrer tüchtig zugriff. »Gelehrsamkeit
stärkt den Magen«, bemerkte Siebengeist sarkastisch. »Wissen Sie, was
mir eingefallen ist? Ich forme mir eine Jungfrau aus Schnee: schön, rein
und klug. Ich gebe ihr das Herz eines treuen Hundes und die Augen einer
edlen Häßlichen, die in Verborgenheit lebte. Das Ganze belebt, wäre ein
Wunder an Vollkommenheit.«
Philipp Unruh dachte: wenn dieser Mann Apotheker ist, werden die Kranken
seltsame Mixturen erhalten. Sein ordnungsliebendes Gemüt begann sich zu
empören. Er betrachtete den Provisor scharf von der Seite und mußte sich
gestehen, daß er ein schönes Gesicht habe, ein intelligentes Auge, einen
weichen, schwärmerischen Mund.
Auf dem Heimweg stockte jedes Gespräch. Die Ruhe der Natur war ein
Befehl zur Ruhe für die Wanderer. Schon begann das beschneite Gelände
bläulich zu schimmern. Wie schwärzliche Gestalten standen die Bäume da,
streckten die Äste verzweifelt gegen den Himmel. Philipp Unruh empfand
seinen Begleiter wie eine schwere Bürde. Er vermochte nicht zu überlegen
und nicht zu denken in seiner Gegenwart. Unsichere Schuldgefühle
belästigten ihn.
Als sie den Marktplatz des Städtchens entlang schritten, begegnete
ihnen der Baron Apotheker und lud sie ein, den Nachmittagskaffee in
seinem Hause zu nehmen. »Meine Frau wird sich freuen«, sagte er süßlich
und in einem Ton, als spräche er von einer majestätischen Person.
Siebengeist nickte zerstreut und nahm des Lehrers Arm, der verschüchtert
und abwartend der Einladung folgte.
Es war ein uraltes Haus mit vielen Ecken und Winkeln, breiten, finstern
Stiegen, geheimnisvollen Türen und knarrenden Dielen, worin die Apotheke
war. Es stammte noch aus der Markgrafenzeit und teilte jedem seiner
Bewohner etwas von seinem verschlossenen, düstern, eckigen und
altmodischen Wesen mit. Aus der Tiefe des Flurs kam die Baronin und rief
den Provisor zu sich hin. Philipp Unruh und der Apotheker gingen daher
voran, doch da es schon finster war, bat der Baron seinen Gast,
stehenzubleiben und eilte voraus, um ein Licht zu bringen. Der Lehrer
lehnte sich aufseufzend an die breite, gotische Brüstung und hörte
Stimmengeflüster auf der Stiege, das alsbald wieder verstummte. In
diesem Augenblick kam der Baron mit der Lampe den Korridor entlang, und
ein Lichtstrahl erhellte das ganze Treppenhaus. Da sah Philipp Unruh,
wie sich zwei umschlungen hielten und küßten. Die Frau hing am Halse
Siebengeists mit geschlossenen Augen. Er aber hatte die Augen offen, und
es war, als sähe er weit über sie hinweg, in eine weite Ferne, und sein
Blick war düster und starr. Das dauerte im Schein des Lichts keine
Sekunde, aber der Lehrer glaubte, Zeuge eines grauenvollen Verbrechens
gewesen zu sein. Als er dem Apotheker folgte, trugen ihn die Füße kaum,
und seine Zähne schlugen heftig aufeinander. Der Baron drehte sich um
und lachte in seiner Hohomanier. »Armer Teufel,« sagte er, »klapperkalt
ist ihm.« Und er brüllte in die Küche, daß es von allen Mauern
widerhallte: »Johanna, heißes Wasser zum Grog!« Gleich darauf begann er
wieder zu lispeln und lispelte von der Poesie des Winters, während das
andere Paar scheinbar harmlos plaudernd die Stube betrat.
Gemütliche Wärme herrschte in dem großen Zimmer, dessen Decke gewölbt
war wie in einer Kapelle. Der Ofen für sich war ein kleines Haus. Der
Baron las seinen Prolog für das Theater vor, wobei Siebengeist ergeben
in seine Tasse blickte. Offenbar waren die Gäste nur dieser Dichtung
wegen herbeigeschleppt worden, denn der Baron las mit der studierten und
zugleich naiven Wichtigkeit des Dilettanten, der sich ängstlich
vorbereitet hat. Es kamen da viele Reime vor, und manche Gedanken, die
eines Barons außerordentlich würdig waren, um wieviel mehr eines
Apothekers. Die Hippogryphen waren zu diesem Ritt kostbar gesattelt
worden, und vom großen Stall der Metaphern war, was Beine hatte,
mitgelaufen. Zeit und Ewigkeit, Vaterland und Wissenschaft, Kunst und
Natur waren, mit Traratrompetlein bewaffnet, auf einen erbaulichen
Kothurn gestiegen und grinsten zum Vergnügen aller Mitbürger aufgeregt
herab. Des Dichters Stirn war in Schweiß gebadet und sein blonder,
zierlicher Schnurrbart zitterte rhythmisch mit.
Zu anderer Zeit hätte Philipp Unruh hohes Gefallen an der Produktion
gefunden. Aber der gemütliche Raum schien jetzt von schwülen Mysterien
erfüllt. Er sah Siebengeist gequält und grübelnd sitzen und wagte es
endlich, auch die junge Frau anzuschauen. Überrascht und erschreckt
senkte er den Blick nieder. Die schwarzen Augen der Baronin waren
begeistert auf die Lippen ihres Mannes gerichtet, und sie lächelte
begeistert. Zorn und Scham erwachten in dem Lehrer. Er atmete in
Lügenluft, aber eine ihm bisher unbekannte Empfindung sinnlicher
Neugier ergriff ihn. Als der Apotheker geendet hatte, lief die Frau
beglückt auf ihn zu, umarmte und küßte ihn stürmisch. Dem Lehrer graute.
Gefährlich, tückisch und verschlagen zeigte sich ihm das Weib, und er
sah dem Provisor ins Gesicht, der mit einem dummen Lächeln gegen das
Fenster blickte.
Auf einmal schrie jemand auf der Gasse laut und vernehmlich Feuer, und
gleichzeitig ertönte die Sturmglocke. Siebengeist öffnete das Fenster
und fragte hinunter. Es brenne beim alten Schulhaus, hieß es. Philipp
Unruh stürzte davon, nur vom Gedanken an seine Bücher erfüllt.