Zweites Kapitel

Wie heute hatte Doktor Maspero fast täglich einen Begleiter, der die

nächtliche Heimkehr vom Wirtshaus verkürzte. Er plauderte in seiner

finster-spöttischen Manier mit dem Baron, der die Apotheke besaß. Es gab

manchmal ausgedehnte und tiefsinnige Gespräche in der Nacht, wenn das

Kartenspiel beendet war. Der Doktor war ein Mann, klein wie ein Zwerg,

hager wie ein Knabe, hatte auch die Bewegungen eines Knaben, sprach

überlaut und meist grimmig, auch wenn er witzig war. Sein bärbeißiges

Wesen glich einer Schutzwaffe gegen die länger gewachsenen Menschen.

Lispelnd und visionär erzählte der Baron von seinem neuen Provisor. Das

Lispelnde und Visionäre war ihm stets eigen. Seine Art erinnerte an

frische Butter, so reinlich, mild und appetitlich war er. Er war den

schönen Künsten ergeben und verdankte dieser Neigung das Zerflossene und

Selbstgefällige seiner Natur. Immer ging er durch die Straßen wie

jemand, der sagen will: Seht, welch ein Träumer bin ich.

Der Doktor drückte seine Verwunderung aus, daß er den neuen Provisor,

der doch schon vier Wochen hier sei, noch nicht gesehen habe, und fragte

nach dem Namen.

»Apollonius Siebengeist,« erwiderte der Baron, und seine Blicke waren

verloren ins schwarze Firmament gerichtet.

»Einstampfen lassen! Einstampfen lassen! So heißt man nicht,« kreischte

der Doktor mit unbegründeter Wut und lauschte auf den Beifall seines

Freundes empor, der ihn um zwei Kopflängen überragte. Auch er war nicht

ohne Beziehung zum geistigen Leben der Nation. Sein ungestümer Witz war

eine Frucht der Bildung. Sein Ideal unter den Bücherschreibern war

jener Saphir, der einst nach des Doktors Ansicht die Welt aus ihren

Fugen gerüttelt.

Der Baron entgegnete langsam und bedeutungsvoll, daß Siebengeist aus

einer guten Familie sei, jedoch sei sein Gehirn nicht in gehöriger

Ordnung. Er habe etwas Koboldartiges an sich, etwas Sozialdemokratisches.

Darauf antwortete der Doktor, indem er mit zwei Fingern seine Nasenspitze

kniff, der Apotheker möge ihm doch ein Pülverchen zur Beruhigung

zubereiten, eine staatserhaltende Mixtur.

»Rizinusöl!« platzte der Baron heraus und brach über diesen unerwarteten

Geistesblitz in solch brüllendes Hoho-Gelächter aus, daß der

Nachtwächter Federlein an der Marktecke erschrocken stehen blieb.

Geringschätzig verzog der Doktor den Mund, während der sanfte Apotheker

noch lange nicht zur Ruhe kommen konnte. Und während sie ihren Weg durch

die außerordentlich stille Nacht fortsetzten, sprach man noch von den

Theatervorstellungen, welche für die nächsten Tage angekündigt waren,

denn eine Wandertruppe wollte im fränkischen Hof ihr Lager aufschlagen.

Der Doktor war vom Redakteur des Tageblatts als Kritiker gewonnen

worden, und der Baron hatte die Absicht, dem Direktor ein Vorspiel in

Versen zu schreiben.

Beim Schulhaus winkte der Doktor leutselig zum dunkeln Fenster hinauf,

aus dem der Lehrer auf die Straße sah. Die Glocke schlug eben elf Uhr.

Der Doktor fragte empor, ob Philipp Unruh morgen zur Auktion kommen

werde. »Es soll auch Bücher geben,« fügte er mit überlegenem Spott

hinzu. Die beiden Männer wünschten gute Nacht und waren bald in der

Finsternis verschwunden.

Der Lehrer wußte, daß es Bücher bei der Versteigerung geben würde. Der

jüdische Kantor war gestorben, ohne Angehörige zu hinterlassen, und

dessen Habseligkeiten kamen unter den Hammer. Insbesondere wußte Unruh

um eine alte Ansbacher Chronik, die der Kantor nie hatte verkaufen noch

verleihen wollen. Daran erinnert, freute er sich jetzt, vergaß die

trüben Gedanken, die ihn beherrscht, musterte lächelnd den schwarzen

Vorbau der Synagoge, schaute straßauf, straßunter, ruhegewohnt,

friedesicher und achtete der Kälte nicht. Schnee fiel, flaumig

anzusehen, aufglitzernd im Licht einer einzigen Laterne. Indes, jene

allzuschnell vertriebenen Gedanken kehrten zurück.

Er hatte etwas Seltsames gelesen. Unlängst war er bei seinem Schwager,

einem Schwestermann in Teilheim, gewesen. Das ist ein Örtchen in der

Nähe Hesselbergs und mitten im sogenannten Hahnenkamm. Der Freund besaß

eine Krämerei, und beim Herumstöbern in Kisten und Kasten, wie es

Philipp Unruhs Besuch mit sich brachte, fand sich ein vergessener

Schmöker vor, benagt von Motten und Mäusen, um alles Ansehen gebracht

durch Liegen und Staub. Der Krämer hatte schmunzelnd den Fund

verschenkt, welcher die Aufzeichnungen einer Marquise Bourguignon

enthielt, von einem Kammerherrn, Exzellenz, behäbig und schnörkelhaft in

das Deutsch des achtzehnten Jahrhunderts übertragen.

Nun sitzt da weltfern und lebensfremd ein Schulmeisterlein in seiner

engen Kammer und vertieft sich dumpfen und erschrockenen Sinnes in die

frivolen Erinnerungen der Hofdame. Ein goldgieriger Räuber steigt durchs

Fenster, aber das Fräulein, fast noch ein Kind, gibt gutlaunig Edleres

hin. Der würdige Pater im Beichtstuhl zeigt sich nachsichtig gegen

Sünden, an deren Begehung er teilnehmen darf. Auf der Treppe küßt die

reizende Marquise ihrem Geliebten das Herz aus dem Leibe, während zehn

Stufen höher der arme Gatte nach der Lampe ruft. Mönch und Nonne, Fürst

und Lakai, Bauer und Soldat, Kavalier und Bürgerin nehmen teil am

übermütigen Tanz der Liebe, ja die Dinge der unbelebten Welt sind

ergriffen vom heiteren Taumel, der Himmel wiederhallt vom frohsinnigen

Gelächter, und die graziösen Geister der Galanterie werfen jauchzend

bunte Tücher über Gräber und Schlachtfelder. Was Gesetze, Philosophen,

Zukunft, Religion! Kein Schauer der Ewigkeit für diese lächelnde

Bacchantin und ihre Liebeskünste.

Es sind ja längstvergangene Zeiten, dachte schließlich Philipp Unruh

furchtsam. Das ist damals so gewesen, durfte damals so sein, denn es war

eine Zeit der Barbarei, eine wilde, sittenlose Zeit. Heute ist die Welt

still geworden; nichts ist mehr zu erblicken von solch übertriebenem

Abenteuerzeug. Ein jeder Mann geht wacker dem Geschäfte nach, ein jedes

Weib wohnt züchtig in seinem Hause, und es regiert die Ordnung. Törichte

Leidenschaften der Vergangenheit mit eurem Überschwang und eurer

Gefährlichkeit, dachte der Lehrer mitleidig und war zufrieden damit,

einem besseren Jahrhundert anzugehören.

Daneben war aber etwas Unbestimmtes und Hinterlistiges, das ihn quälte.

Bei all dem Herumdenken suchte er sich heimlich zu beschwindeln, und das

wußte er. Exzellenz Kammerherr hatte sich da eine teuflische Sache

ausgesucht für seine lahme Feder. Mit böser Zähigkeit kamen und gingen

Bilder, und Philipp Unruh schaute sie an mit wildfremden Gefühlen. Er,

der alle Dinge über sich ergehen und herabsinken ließ wie Schnee, fühlte

plötzlich etwas wie Lebenslast und -besinnung.

Endlich schien es ihm genug des Träumens. Er schloß das Fenster, ging

noch eine Weile zwischen den leeren Schulbänken auf und ab, trotz der

Dunkelheit sicher den Weg findend und suchte dann seine Studier- und

Schlafstube auf, um sich zur Ruhe zu begeben.

Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen · 第 6 / 22 题