Wie heute hatte Doktor Maspero fast täglich einen Begleiter, der die
nächtliche Heimkehr vom Wirtshaus verkürzte. Er plauderte in seiner
finster-spöttischen Manier mit dem Baron, der die Apotheke besaß. Es gab
manchmal ausgedehnte und tiefsinnige Gespräche in der Nacht, wenn das
Kartenspiel beendet war. Der Doktor war ein Mann, klein wie ein Zwerg,
hager wie ein Knabe, hatte auch die Bewegungen eines Knaben, sprach
überlaut und meist grimmig, auch wenn er witzig war. Sein bärbeißiges
Wesen glich einer Schutzwaffe gegen die länger gewachsenen Menschen.
Lispelnd und visionär erzählte der Baron von seinem neuen Provisor. Das
Lispelnde und Visionäre war ihm stets eigen. Seine Art erinnerte an
frische Butter, so reinlich, mild und appetitlich war er. Er war den
schönen Künsten ergeben und verdankte dieser Neigung das Zerflossene und
Selbstgefällige seiner Natur. Immer ging er durch die Straßen wie
jemand, der sagen will: Seht, welch ein Träumer bin ich.
Der Doktor drückte seine Verwunderung aus, daß er den neuen Provisor,
der doch schon vier Wochen hier sei, noch nicht gesehen habe, und fragte
nach dem Namen.
»Apollonius Siebengeist,« erwiderte der Baron, und seine Blicke waren
verloren ins schwarze Firmament gerichtet.
»Einstampfen lassen! Einstampfen lassen! So heißt man nicht,« kreischte
der Doktor mit unbegründeter Wut und lauschte auf den Beifall seines
Freundes empor, der ihn um zwei Kopflängen überragte. Auch er war nicht
ohne Beziehung zum geistigen Leben der Nation. Sein ungestümer Witz war
eine Frucht der Bildung. Sein Ideal unter den Bücherschreibern war
jener Saphir, der einst nach des Doktors Ansicht die Welt aus ihren
Fugen gerüttelt.
Der Baron entgegnete langsam und bedeutungsvoll, daß Siebengeist aus
einer guten Familie sei, jedoch sei sein Gehirn nicht in gehöriger
Ordnung. Er habe etwas Koboldartiges an sich, etwas Sozialdemokratisches.
Darauf antwortete der Doktor, indem er mit zwei Fingern seine Nasenspitze
kniff, der Apotheker möge ihm doch ein Pülverchen zur Beruhigung
zubereiten, eine staatserhaltende Mixtur.
»Rizinusöl!« platzte der Baron heraus und brach über diesen unerwarteten
Geistesblitz in solch brüllendes Hoho-Gelächter aus, daß der
Nachtwächter Federlein an der Marktecke erschrocken stehen blieb.
Geringschätzig verzog der Doktor den Mund, während der sanfte Apotheker
noch lange nicht zur Ruhe kommen konnte. Und während sie ihren Weg durch
die außerordentlich stille Nacht fortsetzten, sprach man noch von den
Theatervorstellungen, welche für die nächsten Tage angekündigt waren,
denn eine Wandertruppe wollte im fränkischen Hof ihr Lager aufschlagen.
Der Doktor war vom Redakteur des Tageblatts als Kritiker gewonnen
worden, und der Baron hatte die Absicht, dem Direktor ein Vorspiel in
Versen zu schreiben.
Beim Schulhaus winkte der Doktor leutselig zum dunkeln Fenster hinauf,
aus dem der Lehrer auf die Straße sah. Die Glocke schlug eben elf Uhr.
Der Doktor fragte empor, ob Philipp Unruh morgen zur Auktion kommen
werde. »Es soll auch Bücher geben,« fügte er mit überlegenem Spott
hinzu. Die beiden Männer wünschten gute Nacht und waren bald in der
Finsternis verschwunden.
Der Lehrer wußte, daß es Bücher bei der Versteigerung geben würde. Der
jüdische Kantor war gestorben, ohne Angehörige zu hinterlassen, und
dessen Habseligkeiten kamen unter den Hammer. Insbesondere wußte Unruh
um eine alte Ansbacher Chronik, die der Kantor nie hatte verkaufen noch
verleihen wollen. Daran erinnert, freute er sich jetzt, vergaß die
trüben Gedanken, die ihn beherrscht, musterte lächelnd den schwarzen
Vorbau der Synagoge, schaute straßauf, straßunter, ruhegewohnt,
friedesicher und achtete der Kälte nicht. Schnee fiel, flaumig
anzusehen, aufglitzernd im Licht einer einzigen Laterne. Indes, jene
allzuschnell vertriebenen Gedanken kehrten zurück.
Er hatte etwas Seltsames gelesen. Unlängst war er bei seinem Schwager,
einem Schwestermann in Teilheim, gewesen. Das ist ein Örtchen in der
Nähe Hesselbergs und mitten im sogenannten Hahnenkamm. Der Freund besaß
eine Krämerei, und beim Herumstöbern in Kisten und Kasten, wie es
Philipp Unruhs Besuch mit sich brachte, fand sich ein vergessener
Schmöker vor, benagt von Motten und Mäusen, um alles Ansehen gebracht
durch Liegen und Staub. Der Krämer hatte schmunzelnd den Fund
verschenkt, welcher die Aufzeichnungen einer Marquise Bourguignon
enthielt, von einem Kammerherrn, Exzellenz, behäbig und schnörkelhaft in
das Deutsch des achtzehnten Jahrhunderts übertragen.
Nun sitzt da weltfern und lebensfremd ein Schulmeisterlein in seiner
engen Kammer und vertieft sich dumpfen und erschrockenen Sinnes in die
frivolen Erinnerungen der Hofdame. Ein goldgieriger Räuber steigt durchs
Fenster, aber das Fräulein, fast noch ein Kind, gibt gutlaunig Edleres
hin. Der würdige Pater im Beichtstuhl zeigt sich nachsichtig gegen
Sünden, an deren Begehung er teilnehmen darf. Auf der Treppe küßt die
reizende Marquise ihrem Geliebten das Herz aus dem Leibe, während zehn
Stufen höher der arme Gatte nach der Lampe ruft. Mönch und Nonne, Fürst
und Lakai, Bauer und Soldat, Kavalier und Bürgerin nehmen teil am
übermütigen Tanz der Liebe, ja die Dinge der unbelebten Welt sind
ergriffen vom heiteren Taumel, der Himmel wiederhallt vom frohsinnigen
Gelächter, und die graziösen Geister der Galanterie werfen jauchzend
bunte Tücher über Gräber und Schlachtfelder. Was Gesetze, Philosophen,
Zukunft, Religion! Kein Schauer der Ewigkeit für diese lächelnde
Bacchantin und ihre Liebeskünste.
Es sind ja längstvergangene Zeiten, dachte schließlich Philipp Unruh
furchtsam. Das ist damals so gewesen, durfte damals so sein, denn es war
eine Zeit der Barbarei, eine wilde, sittenlose Zeit. Heute ist die Welt
still geworden; nichts ist mehr zu erblicken von solch übertriebenem
Abenteuerzeug. Ein jeder Mann geht wacker dem Geschäfte nach, ein jedes
Weib wohnt züchtig in seinem Hause, und es regiert die Ordnung. Törichte
Leidenschaften der Vergangenheit mit eurem Überschwang und eurer
Gefährlichkeit, dachte der Lehrer mitleidig und war zufrieden damit,
einem besseren Jahrhundert anzugehören.
Daneben war aber etwas Unbestimmtes und Hinterlistiges, das ihn quälte.
Bei all dem Herumdenken suchte er sich heimlich zu beschwindeln, und das
wußte er. Exzellenz Kammerherr hatte sich da eine teuflische Sache
ausgesucht für seine lahme Feder. Mit böser Zähigkeit kamen und gingen
Bilder, und Philipp Unruh schaute sie an mit wildfremden Gefühlen. Er,
der alle Dinge über sich ergehen und herabsinken ließ wie Schnee, fühlte
plötzlich etwas wie Lebenslast und -besinnung.
Endlich schien es ihm genug des Träumens. Er schloß das Fenster, ging
noch eine Weile zwischen den leeren Schulbänken auf und ab, trotz der
Dunkelheit sicher den Weg findend und suchte dann seine Studier- und
Schlafstube auf, um sich zur Ruhe zu begeben.