Erstes Kapitel

Schon von ferne sieht man den gelben, alten, fünfeckigen Turm mit seinem

dunklen Ziegeldach, das einer Nachthaube gleicht. Er schließt eine

breite, stille Straße mit seltsam regelmäßigen Häusern ab, die sich wie

Zierrat ausnehmen. Mit seinem Torbogen scheint er auf den gebrechlichen

Schultern zweier Häuser zu stehen; das eine ist die Wirtschaft zum

lustigen Pfeifer, das andere gehört dem Doktor Maspero. Die Straße setzt

sich verengert bis zum Marktplatz fort, welcher den Eindruck eines

städtischen Mittelpunkts macht. Viele ruhige Gassen und Gäßchen zweigen

von da ab: zum Schießanger, zur Altmühlbrücke, zur Kirche, und ein ganz

schmaler Gang zwischen der Apotheke und dem Bezirksamt zur jüdischen

Synagoge, einem lustigen Bau aus rotem Backstein, gekrönt von zwei

dickbäuchigen Kuppeln. Ringsherum zieht sich ein weitläufiger

Obstgarten, der den Tempelvorhof gegen die Straße frei läßt. Aber diese

Straße hat nur noch ein einziges Stirngebäude, eingeklemmt zwischen

uraltem Häusergerümpel, doch nicht minder alt und nicht minder

baufällig: das Schulhaus. Sechsundsechzig Kinder, Knaben und Mädchen,

werden hier täglich von Herrn Philipp Unruh in die Geheimnisse des

Alphabets und der Arithmetik eingeführt.

Es gibt Namen und Namen. Manche sind ihrem Besitzer wie aus dem Wesen

geschnitten, manche passen zu ihm wie etwa die Synagoge zum Obstgarten.

Ein solcher Obstgarten, um den Vergleich müde zu machen, war der Name

jenes Lehrers. Er selbst und der Kreis seines Daseins waren voller Ruhe.

Die kleine Stadt lag unter dem Horizont der Ereignisse. Die Leute von

Gunzenhausen verrichteten ihre Geschäfte bei Tage und schliefen in der

Nacht und von eisernen Gesetzen wurden die Stunden geregelt. Uhren und

Kalender hatten nur einen äußerlichen Wert. Die Glocke schlug, aber was

sie schlug, brauchte an keines Hörers Ohr zu tönen. Die Zeit ging, wie

sie seit Ewigkeiten gegangen war, aber wohin sie ging, gab keinem

Verstand ein Rätsel. Nur die Eisenbahnzüge, die das friedliche

Altmühltal hinab- und hinaufrollten, brachten einen Duft von Welt mit,

von Geschehnissen, vom Wandel der Dinge, von den traurigen und heiteren

Spielen, die in den Ländern vor sich gehen, welche eingespannt liegen

zwischen den Ozeanen.

Philipp Unruh war also ein Ruhiger mit den Ruhigen. Er war auch kein

Philippos, kein Pferdefreund, sondern eher der beschaulich schreitenden

Katze zugeneigt. In seinem Amt war er weder rühmenswert, noch gab er zu

tadeln Grund. Seit einem Dezenium rollte das Jahrwerk ab ohne sein

Hinzutun. Es glitt ihm vor den Händen vorbei, ähnlich wie bei

geschickten Arbeitern, die ohne Augen, ohne Licht vollbringen könnten,

was Zwang und Gewohnheit sie gelehrt. Der Tag zerfiel in Stunden;

einzelne Stunden bedeuteten Fächer, und jedes Fach war ein Häuflein

Eingelerntes, bereit, in ein Schock mehr oder minder williger Gehirne

gestopft zu werden. Diese kleine Maschinensammlung um Philipp Unruh war

seine Schule, in welcher er gleichmütig herumschritt und hantierte und

mit Wohlwollen und kühler Befriedigung dem ordnungsmäßigen Verlauf der

Dinge anwohnte.

Derselbe Mann, der weder alt noch jung, weder lustig noch traurig, weder

lebendig noch tot war, hatte eine Liebhaberei, welche fast mehr als

diesen Namen verdiente, weil sie den eigentlichen Zirkel seines Wesens

überschritt. In seiner dumpfen Kammer, aus der der hellste Sommertag die

Dämmerung nicht vertreiben konnte, weil rings Dächer und Galerien ihr

den Himmel nahmen, gab es eine lange Reihe von Folianten: Chronika und

Memoria und ernsthafte Darstellungen, die Geschichte aller Zeiten und

Völker enthaltend. Darin las und grübelte, studierte und spekulierte

Philipp Unruh seit Jahr und Tag. War gleich gelehrter Eifer im Spiel, –

etwas wie Abenteuergelüst war sicher auch dabei. Und wohl noch eines.

Während um ihn die Zeit starr lag gleich einem gefrorenen See, erblickte

er durch seine Bücher ein aufgewühltes Meer von Leben. Für ihn war die

Gegenwart nur der Schatten, das lautlose Widerspiel der bunten,

glänzenden, gefährlichen und anziehenden Vergangenheit. Seine Stube, das

zufriedene Städtchen, das stille fränkische Land, das war die Gegenwart.

Die Vergangenheit war Europa, Asien, Ägypten, waren mörderische

Schlachten, strahlende Revolutionen, versinkende Reiche. Hier war der

Doktor, der Apotheker, der Bürgermeister, der Schulrat. Dort war eine

Gesellschaft von Königen, genialen Feldherrn, erhabenen Verbrechern,

blutgierigen Empörern, ruhmvollen Märtyrern und unerschrockenen

Entdeckern. Es gab glänzende Künstler, Propheten, falsche Herzöge,

aufopfernde Bürger, heroische Weiber, Vaterlandshelden und märchenhafte

Städte. Und solchem Reichtum gegenüber, der unerschöpflich vor ihm lag,

der seine Sinne entzündete, seinen Geist bewegte, seine Träume mit

unvergleichlichen Gestalten bevölkerte, sollte ihm der matte Tag noch

etwas bedeuten? Er ahnte das Schicksal, das seine Hand von Jahrtausend

zu Jahrtausend spannt, das die Kleinen vernichtet, um die Großen zu

erhalten; das ganze Länder verbrennt, um die Asche zum Mörtel für das

Häuschen eines Heilands zu verwenden, das jedes Ereignis menschlichem

Maß entrückt, jeden Zufall zur Bestimmung wandelt. Deshalb hatte sich

unter seinem rötlichen, buschigen Schnurrbart jenes Lächeln eingenistet,

das ebenso kindlich war, wie es für weise gelten konnte. Deshalb hatte

er kein Verständnis für die kleine Spottsucht des Doktor Maspero und

keine Teilnahme für den Kummer der Frau Süßmilch, deren Töchterchen dem

ABC feindlich gegenüber stand. Der Herr Adjutant (man nannte ihn so,

obwohl niemand sich erinnern konnte, ihn jemals in einer Uniform gesehen

zu haben) sagte, der Unruh zähle seine fünfunddreißig Jahre doppelt. Und

da er es zu Frau Federlein sagte, welche die Frau des Nachtwächters war,

erfuhren es alle Leute, die in der Abgeschlossenheit des Lehrers etwas

Verdächtiges und Geheimnisvolles sahen.

Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen · 第 5 / 22 题