Die Kuriere mit dem Linkser reisten sehr rasch, so daß sie von
Petersburg bis London nirgends Rast machten, vielmehr zogen sie auf
jeder Station den Gürtel noch um ein Loch enger, damit sich die Gedärme
nicht mit den Lungen vermengen sollten. Da aber dem Linkser nach der
Vorstellung beim Kaiser auf Befehl Platows auf Kronskosten eine
Schnapsportion nach Gutdünken bewilligt war, so hielt er sich ohne zu
essen damit allein aufrecht und sang durch ganz Europa hindurch
russische Lieder, nur den Kehrreim sang er auf ausländische Weise: --
»ai -- ljuli -- ssee tree schuli.«
Der Kurier brachte ihn nach London, zeigte sich, bei wem es nötig war,
gab die Schatulle ab, führte den Linkser in ein Gasthaus und mietete für
ihn ein Zimmer. Dem aber ward es dort bald langweilig, und ihn verlangte
es zu essen. Er pochte an die Türe und deutete sich vor dem Aufwartenden
auf den Mund. Der aber führte ihn sogleich schon in das
Speisenempfangszimmer.
Der Linkser setzt sich dort an den Tisch und sitzt da. Irgend etwas auf
englisch zu fragen -- versteht er aber nicht. Darauf erriet er es:
wiederum pocht er einfach mit dem Finger auf den Tisch und zeigt sich
auf den Mund -- die Engländer erraten und tragen auf, nur nicht immer
das, was nötig ist. Er nimmt aber das nicht an, was ihm nicht paßt. Man
gab nach ihrer Zubereitung heißen Pudding »im Feuer«. Er spricht: »ich
weiß nicht, daß man so etwas essen kann« -- und aß auch nicht. Sie
tauschten es ihm um und gaben ihm ein anderes Gericht. Ebenso wollte er
nicht ihren Schnaps trinken, weil er grün war -- als sei er mit Grünspan
angesetzt. Er wählte vielmehr das Allernatürlichste und erwartete den
Kurier gemütlich hinter einem Fläschchen.
Die Leute aber, denen der Kurier das »Nymphusorium« gegeben hatte,
beschauten es alsogleich durch den allerstärksten »Winzigschauer« und
sogleich schickten sie auch eine Beschreibung in die öffentlichen
Nachrichten, damit morgen schon zur allgemeinen Kunde ein »Kleveton«
erscheine.
»Diesen Meister aber« -- sagen sie -- »wollen wir sogleich sehen.«
Der Kurier geleitete sie in das Gasthauszimmer und von dort in den
»Speisenempfangsraum«, wo sich unser Linkser bereits gehörig gerötet
hatte und spricht: »Da ist er!«
Die Engländer schlagen sogleich den Linkser auf die Schulter und wie
einem ihnen Gleichen reichen sie ihm die Hand: »Kamerad«, sprechen sie,
»du bist ein guter Meister, sprechen werden wir mit dir erst später,
jetzt aber laßt uns auf dein Wohl trinken!«
Sie bestellten viel Wein und dem Linkser den ersten Becher. Er aber
wollte aus »Höflichkeit« nicht zuerst trinken. Er dachte: vielleicht
wollt ihr mich aus Verdruß vergiften.
»Nein,« spricht er, »das ist nicht in Ordnung; auch in Polen geht der
Herr voran -- trinkt selber zuerst!«
Die Engländer kosteten alle Weine vor ihm und dann begannen sie ihm
einzuschütten. Er stand auf, bekreuzte sich mit der linken Hand und
trank auf ihrer aller Gesundheit.
Sie bemerken, daß er sich mit der linken Hand bekreuzte und fragen den
Kurier:
»Was ist er denn: Lutheraner oder Protestantist?«
Der Kurier antwortet:
»Nein, er ist kein Lutheraner und kein Protestantist, vielmehr von
russischem Glauben.«
»Aber weshalb bekreuzt er sich denn mit der linken Hand?«
Der Kurier spricht:
»Er ist -- ein Linkser und macht alles mit der linken Hand.«
Die Engländer verwunderten sich noch mehr und begannen dem Linkser und
dem Kurier Wein einzupumpen, und so taten sie volle drei Tage
nacheinander, und dann sprachen sie: »Jetzt ist es genug!« Jeder trank
einen »Symphon« Wasser mit »Jerphiks«, sie wurden danach völlig frisch
und begannen den Linkser auszufragen: Wo und was er gelernt habe und wie
weit er die Arithmetik verstehe?
Der Linkser antwortet:
»Unsere Wissenschaft ist eine einfache: der Psalter ja und der
Traumdeuter; von der Arithmetik wissen wir aber ganz und gar nichts.«
Die Engländer schauen einander an und sprechen:
»Das ist erstaunlich!«
Der Linkser antwortet:
»Bei uns ist das überall so.«
»Was ist das aber« -- fragen sie -- »für ein Buch in Rußland >der
Traumdeuter<?«
»Das« spricht er -- »ist ein Buch, das sich darauf bezieht, daß, wenn
König David im Psalter irgend etwas hinsichtlich des Wahrsagens nicht
deutlich genug erklärte, dann erraten sie im Traumdeuter die Ergänzung.«
»Das ist schade, besser wäre es, ihr wüßtet etwas aus der Arithmetik,
wenn auch nur die vier Spezies, -- das wäre euch bei weitem nützlicher
als den ganzen Traumdeuter zu kennen. Dann könntet ihr euch vorstellen,
daß in jeder Maschine die Kraft berechnet ist, aber sonst, wenn ihr auch
sehr kunstvoll mit den Händen seid, habt ihr nicht wissen können, daß
ein so kleines Maschinchen, wie in dem >Nymphusorium<, auf die
allergenaueste Genauigkeit berechnet ist und eure Hufeisen nicht tragen
kann. Deshalb springt auch jetzt das >Nymphusorium< nicht und tanzt kein
>Dansé<.«
Der Linkser stimmte bei.
»Darüber« -- spricht er -- »gibt es keinen Streit, daß wir in den
Wissenschaften nicht kundig sind, nur sind wir unserm Vaterlande treu
ergeben.«
Die Engländer aber sagen ihm:
»Bleibt bei uns; wir werden Euch eine große Gebildetheit beibringen, und
aus Euch wird ein erstaunlicher Meister werden.«
Damit war aber der Linkser nicht einverstanden.
»Ich« -- spricht er -- »habe zu Hause Eltern.«
Die Engländer erklärten sich bereit, seinen Eltern Geld zu schicken, der
Linkser nahm aber nicht an.
»Wir« -- spricht er -- »hängen an unserer Heimat, und mein Väterchen
oben ist schon ein alter Mann, meine Mutter ein altes Frauchen und
gewohnt in ihrer Gemeinde zur Kirche zu gehen; und auch mir wird es hier
in der Einsamkeit langweilig sein, weil ich noch unverheiratet bin.«
»Ihr« -- sprechen sie -- »werdet Euch gewöhnen. Ihr werdet unsern
Glauben annehmen, und wir werden Euch verheiraten.«
»Dies« antwortet der Linkser »wird niemals sein können.«
»Weshalb denn?«
»Weil« -- antwortet er -- »unser russischer Glaube der allerrichtigste
ist, und wie unsere Vorväter glaubten, genau so sollen auch die
Nachkommen glauben.«
»Ihr« -- sprechen die Engländer -- »kennt nicht unsern Glauben: wir sind
von demselben christlichen Gesetz und haben dasselbe Evangelium.«
»Das Evangelium« -- antwortet der Linkser -- »ist tatsächlich bei allen
eines, nur sind unsere Bücher dicker als eure, und auch der Glaube ist
bei uns >voller<«.
»Weshalb könnt Ihr das so beurteilen?«
»Wir haben dafür« -- antwortet er -- »alle augenscheinlichen Beweise.«
»Welche?«
»Aber solche:« -- antwortet er -- »bei uns gibt es sowohl wundertätige
Heiligenbilder, öltropfende Schädel und Reliquien, bei euch aber gibt es
gar nichts, und sogar außer dem einen Sonntag keinerlei außerordentliche
Feiertage; aber auch aus einer zweiten Ursache wird es mir mit einer
Engländerin zu leben, mögen wir auch nach dem Gesetze getraut sein,
konfus sein.«
»Weshalb denn das?« -- fragen sie. -- »Ihr braucht die unsrigen nicht
gering zu schätzen -- sie kleiden sich gleichfalls sehr sauber und sind
wirtschaftlich.«
Der Linkser aber spricht:
»Ich kenne sie nicht!«
Die Engländer antworten:
»Das ist nicht wichtig -- Ihr werdet sie kennen lernen können. Wir
werden euch ein >Grandewu< bereiten.«
Der Linkser ward verschämt.
»Weshalb« spricht er »umsonst die Mädchen irreführen,« und er bedankte
sich. »Ein >Grandewu<« spricht er -- »das ist eine Sache für
Herrschaften, uns aber ziemt es nicht, und wenn man davon zu Hause, in
Tula, erfahren wird, wird man über mich ein großes Gelächter anstimmen.«
Die Engländer wurden neugierig.
»Wenn aber« -- sprechen sie -- »ohne >Grandewu<, wie verfährt man dann
bei euch in solchen Fällen, um eine angenehme Wahl zu treffen?«
Der Linkser erklärte ihnen unsere Lage:
»Bei uns« -- spricht er -- »wenn ein Mann hinsichtlich eines Mädchens
eine ernsthafte Absicht eröffnen will, so sendet er ein >redsames< Weib,
und nachdem sie den Vorschlag machte, kommt man höflich ins Haus, und
das Mädchen schaut man an, nicht sich heimlich versteckend, vielmehr in
Gegenwart der ganzen Verwandtschaft.«
Sie verstanden, antworteten aber, bei ihnen gäbe es keine »redsamen«
Weiber, und eine solche Gewohnheit sei nicht eingeführt.
Der Linkser aber spricht:
»Desto angenehmer ist es auch. Wenn man sich mit solchen Dingen befaßt,
so muß man das mit wirklicher Absicht tun; da ich aber dies zu einer
fremden Nation nicht empfinde, weshalb soll man dann die Mädchen
irreführen?«
Er gefiel den Engländern auch in diesen seinen Urteilen, so daß sie
wiederum anfingen, ihm freundschaftlich auf Schulter und Knie mit der
Hand zu schlagen, selber aber fragen sie:
»Wir« -- sprechen sie -- »wünschten einzig und allein aus Neugierde zu
wissen: welche fehlerhaften Kennzeichen Ihr bei unsern Mädchen bemerkt
habt, und weshalb Ihr sie meidet?«
Da antwortete ihnen der Linkser schon ganz offen:
»Ich tadle sie nicht, mir gefällt nur nicht, daß die Kleidung um sie
herumschlottert, und man nicht herausbekommt, was da eigentlich
angezogen ist und für welche Notwendigkeit; da ist irgend etwas, und
weiter unten ist noch irgend etwas anderes angesteckt, an den Händen
aber so eine Art Strümpfe. Ganz genau wie ein Affe -- >sapajou< --
>Plüschtalma<!«
Die Engländer brachen in Lachen aus und sprechen:
»Was für ein Hindernis liegt denn für Euch darin?«
»Ein Hindernis« -- antwortet der Linkser -- »ist das nicht, ich fürchte
nur, daß es schamvoll sein wird, zuzuschauen und zu erwarten, wie sie
sich aus dem allen herausschälen wird!«
»Ist denn wirklich« -- sprechen sie -- »euere >Fasson< besser?«
»Unsere Fasson« -- antwortet er -- »ist in Tula einfach: jede geht in
ihren selbstgefertigten Spitzen, und unsere Spitzen tragen sogar auch
die großen Damen!«
Sie stellten ihn auch ihren Damen vor, und dort goß man ihm Tee ein und
fragte:
»Weshalb verzieht Ihr Euer Gesicht?«
»Weil wir« -- spricht er -- »nicht gewohnt sind süß zu trinken!« Darauf
gaben sie ihm auf russische Weise Zucker zum Zubeißen. Ihnen scheint es,
daß es so schlechter sei, er aber spricht: »Nach unserm Geschmack ist es
so wohlschmeckender.«
Durch gar nichts vermochten die Engländer ihn zu bestimmen, daß er sich
an ihr Leben fessele; sie überredeten ihn nur, kurze Zeit bei ihnen als
Gast zu bleiben, sie würden ihn in dieser Zeit durch verschiedene
Werkstätten führen und ihm ihre Kunst zeigen.
»Darauf aber« -- sprechen sie -- »werden wir ihn auf unserm eigenem
Schiff fahren und lebendig nach Petersburg bringen.«
Damit war er einverstanden.