Die Engländer nahmen den Linkser bei sich auf, den russischen Kurier
aber schafften sie zurück nach Rußland. Obgleich der Kurier einen Rang
hatte und mehrere Sprachen verstand, interessierten sie sich nicht für
ihn, für den Linkser interessierten sie sich aber; und sie begannen ihn
zu führen und ihm alles zu zeigen. Er beschaute ihre ganze Produktion,
sowohl die Metallfabriken wie die Seifen- und Sägewerke, und alle ihre
wirtschaftlichen Einrichtungen gefielen ihm sehr, besonders hinsichtlich
der Lage der Arbeiter. Jeder Arbeiter ist bei ihnen ständig satt und
nicht in Lumpen angezogen, vielmehr jeder trägt geeignete Kleidung und
ist beschuht mit dicken benagelten Stiefeln, damit man sich nirgends den
Fuß verletzen kann, er arbeitet nicht mit irgend einem Brecheisen,
vielmehr mit einem Werkzeug, und er hat Verständnis. Jedem hängt eine
Rechentabelle vor Augen, und unter der Hand hat er eine Abwischtafel:
bei allem, was nur ein Meister macht -- schaut er auf die Tabelle und
vergleicht mit Verständnis, darauf aber schreibt er etwas auf dem
Täfelchen, anderes streicht er aus und führt es akkurat aus: Was mit
Zahlen geschrieben steht, das kommt auch in der Tat heraus. Ist es aber
Feiertag, so nimmt jeder sein Liebchen und in die Hand ein Stöckchen,
und dann gehen sie spazieren, ehrsam, wohlanständig, wie es sich gehört.
Der Linkser schaut auf ihr ganzes Leben, und auf alle ihre Arbeiten,
aber am allermeisten Aufmerksamkeit verwandte er auf einen solchen
Gegenstand, daß die Engländer sehr staunten. Nicht so sehr interessiert
es ihn, wie man neue Gewehre macht, als in welchem Zustand sich die
alten befinden. Überall geht er umher, lobt und spricht:
»Das können auch wir so.«
Wenn er aber zu einem alten Gewehr kommt -- steckt er den Finger in den
Lauf, fährt mit ihm an der Innenwand herum und seufzt:
»Das« -- spricht er -- »ist unvergleichlich besser als bei uns.«
Die Engländer vermochten durchaus nicht zu erraten, was da der Linkser
bemerkt, er aber fragt:
»Kann ich nicht« -- spricht er -- »wissen, ob unsere Generäle dies
irgendwann anschauten oder nicht?«
Man sagte ihm:
»Die hier waren, die müssen es wohl gesehen haben.«
»Wie aber« -- spricht er »waren sie: in Handschuhen oder ohne?«
»Eure Generäle« -- sprechen sie -- »sind ausgeputzt, sie gehen immer in
Handschuhen, so sind sie wohl auch hier so gewesen.«
Der Linkser sagte gar nichts. Plötzlich aber begann er unruhig zu werden
und sich zu grämen und spricht zu den Engländern:
»Ergebenst danke ich euch für alle Bewirtung, und ich bin mit allem bei
euch sehr zufrieden, und alles, was mir nötig war zu schauen, habe ich
schon erschaut, jetzt aber möchte ich möglichst rasch nach Hause!«
Auf keine Weise vermochten sie ihn weiter zurückzuhalten. Zu Lande
konnte man ihn nicht ziehen lassen, weil er keine Sprache kannte, auf
dem Wasser zu schwimmen war aber nicht gut, weil es Herbstzeit war und
stürmisch; er aber bestand darauf: »Laßt mich ziehen!«
»Wir« -- sprechen sie -- »haben auf den Sturmmesser geschaut: es wird
Sturm geben, du kannst ertrinken: das ist ja nicht das, was bei euch der
finnische Meerbusen ist, vielmehr ist da das wirkliche >festländische<
Meer.«
»Dies ist alles einerlei« -- antwortete er -- »weshalb sterben -- alles
ist der Wille Gottes, ich aber wünsche möglichst rasch nach der Heimat
zurückzukehren, weil ich mir sonst eine Art Geistesstörung holen kann.«
Man hielt ihn nicht mit Gewalt zurück: man fütterte ihn, belohnte ihn
mit Geld, schenkte ihm zum Andenken eine goldene Uhr mit »Trepetir«,
gegen die Frische des Meeres einen Friesmantel mit »Windkapuze« auf den
Kopf. Sehr warm kleideten sie den Linkser und führten ihn auf das
Schiff, das nach Rußland fuhr. Dort brachten sie den Linkser am besten
Platz unter, wie einen wirklichen Herrn; er aber liebte es nicht, mit
den übrigen Herrschaften in der Kajüte zu sitzen, und es war ihm
peinlich. Er ging vielmehr auf das Deck, setzte sich unter das »Present«
und fragte:
»Wo ist unser Rußland?«
Der Engländer, den er fragt, deutet ihm mit der Hand oder zeigt ihm mit
dem Kopf, er aber wendet sich mit dem Gesicht dahin und schaut
ungeduldig nach der heimatlichen Seite.
Als sie aus der Bucht ins »festländische« Meer kamen, da überkam ihn
eine solche Sehnsucht nach Rußland, daß man ihn auf keine Weise
beruhigen konnte. Die Wasserströmung war furchtbar, aber der Linkser
geht immer nicht hinunter in die Kajüte -- er sitzt unter dem >Present<,
hat die Kapuze vorgerückt und schaut nach dem Vaterland.
Oftmals kamen die Engländer, um ihn in den warmen Raum nach unten zu
rufen, er aber, damit sie ihn nicht langweilen, begann sogar drauflos zu
schimpfen.
»Nein« -- antwortet er -- »mir ist es besser hier draußen, sonst wird
aus mir unter dem Dach von dem Schwanken noch ein Meerschweinchen
werden.«
So ging er denn die ganze Zeit bis zu einem ganz besonderen Fall nicht
hinunter, und dadurch gefiel er sehr einem Bootsmann, der zum Unglück
unseres Linksers russisch zu sprechen verstand. Dieser Bootsmann konnte
nicht genug darüber staunen, daß ein russischer Landmensch auch so alle
Unwetter aushalte.
»Ein forscher Kerl« -- spricht er -- »der Russe. Laßt uns trinken!«
Der Linkser trank.
Der Bootsmann sagt:
»Noch!«
Der Linkser trank noch, und sie betranken sich.
Der Bootsmann fragt ihn auch:
»Was für ein Geheimnis bringst du von unserm Reich nach Rußland?«