Der Sträflingstransport, mit dem Ssergej und Katerina Lwowna nach
Sibirien verschickt wurden, brach zu einer Zeit auf, wo der Frühling nur
im Kalender stand und die Sonne zwar leuchtete aber noch nicht wärmte.
Katerina Lwownas Kind wurde der alten Base des seligen Boris
Timofejitsch zur Pflege gegeben: das Kind war nach dem Gesetz ein
ehelicher Sohn des ermordeten Sinowij Borissowitsch und einziger Erbe
des ganzen Ismailowschen Vermögens. Katerina Lwowna war damit sehr
zufrieden und gab ihr Kind gleichgültig hin. Wie es bei
leidenschaftlichen Frauen oft der Fall ist, hatte sich ihre Liebe zum
Vater in keiner Weise auf das Kind übertragen.
Es gab für sie übrigens kein Licht und kein Dunkel, kein Gut und kein
Böse, keine Freude und keine Langweile; sie begriff nichts; liebte
niemand, nicht einmal sich selbst. Sie wartete mit Ungeduld auf den
Ausmarsch; sie hoffte unterwegs ihren Ssergej zu sehen, ihr Kind hatte
sie aber schon ganz vergessen.
Katerina Lwownas Hoffnung wurde nicht getäuscht: der gebrandmarkte, mit
schweren Ketten beladene Ssergej verließ zugleich mit ihr das
Gefängnistor.
Der Mensch gewöhnt sich an jedes noch so schreckliche Elend und behält
in jeder Lage die Fähigkeit, seinen kümmerlichen Freuden nachzugehen.
Katerina Lwowna aber brauchte sich an nichts zu gewöhnen; sie sah ihren
Ssergej wieder, und der Weg nach Sibirien bedeutete für sie an seiner
Seite den Weg zum Glück.
Katerina Lwowna konnte in ihrem Leinensack nur wenig Wertgegenstände und
noch weniger bares Geld mitnehmen. Dies alles verteilte sie, noch ehe
der Transport Nischnij-Nowgorod erreicht hatte, unter den
Gefängnisaufsehern für die Erlaubnis, an Ssergejs Seite zu marschieren
und manchmal bei finsterer Nacht ein Stündchen mit ihm in einer kalten
Ecke des schmalen Gefängniskorridors zu verbringen.
Der gebrandmarkte Freund Katerina Lwownas war aber gegen sie lieblos
geworden; sie bekam von ihm kein einziges freundliches Wort mehr zu
hören; er legte auch wenig Wert auf die geheimen Zusammenkünfte mit ihr,
für die sie ihr letztes Geld hergeben mußte, und sagte ihr sogar mehr
als einmal:
»Statt mit mir im Korridor herumzustehen, hättest du doch lieber das
Geld, das du dafür dem Aufseher zahlst, mir gegeben!«
»Es waren ja nur fünfundzwanzig Kopeken, Sserjoscha!« rechtfertigte sich
Katerina Lwowna.
»Sind denn fünfundzwanzig Kopeken kein Geld? Du hast doch unterwegs noch
kein einziges Geldstück gefunden, hast aber schon eine ganze Menge
ausgegeben.«
»Dafür habe ich dich sehen dürfen, Sserjoscha!«
»Das Wiedersehen nach all dem Elend ist doch wirklich keine Freude! Ich
verfluche mein Leben und will an diese Zusammenkünfte gar nicht denken!«
»Mir ist aber alles gleich, Sserjoscha! Wenn ich dich nur sehen kann!«
»Das sind Dummheiten«, entgegnete Ssergej.
Als Katerina Lwowna solche Antworten zu hören bekam, biß sie sich oft
die Lippen blutig. Bei den nächtlichen Zusammenkünften traten ihr oft
Tränen der Erbitterung in die Augen, die sonst niemals weinten. Sie trug
aber alles schweigend und suchte sich selbst zu betrügen.
So sehr hatten sich ihre Beziehungen zueinander geändert, als sie
Nischnij-Nowgorod erreichten. Hier schloß sich an ihren Transport ein
anderer an, der aus Moskau kam.
In diesem sehr großen Transport befanden sich unter anderm zwei
interessante weibliche Individuen: die Soldatenfrau Fiona aus Jaroslawl,
ein üppiges, großes, schönes Weib mit langem, schwarzem Zopf und
schmachtenden dunklen Augen, die von den langen Wimpern wie von einem
geheimnisvollen Schleier beschattet waren. Die andere war ein
siebzehnjähriges Ding mit spitzigem Gesicht und zarter, rosiger Haut,
kleinem Mündchen, Grübchen in den frischen Wangen und goldblonden
Locken, die unter dem leinenen Kopftuch lustig auf die Stirne
niederfielen. Dieses Mädel wurde von den Sträflingen Ssonetka genannt.
Die schöne Fiona war sanft und faul. Alle Sträflinge kannten sie; keiner
von den Männern zeigte besondere Freude, wenn sie ihm ihre Huld
schenkte; niemand grämte sich auch, wenn sie diese Huld auf einen andern
übertrug.
»Fiona ist ein guter Mensch, sie benachteiligt niemand«, scherzten die
Sträflinge.
Ssonetka war aber ganz anders.
Von ihr sagte man:
»Sie ist wie ein Aal: sie gleitet einem durch die Finger und läßt sich
von niemand einfangen.«
Ssonetka hatte Geschmack und war wählerisch; sie wollte, daß man ihr die
Leidenschaft nicht im rohen Zustande, sondern mit einer pikanten Sauce
entgegenbringe; sie verlangte Leiden und Opfer. Fiona war aber die
verkörperte russische Einfalt, die viel zu faul ist, um jemand »Nein« zu
sagen und die nur das eine weiß, daß sie ein Weib ist. Solche Frauen
werden in den Räuberbanden, Sträflingstransporten und Petersburger
sozialistischen Kommunen sehr geschätzt.
Das Erscheinen dieser beiden Frauen in dem gleichen Transport, in dem
sich Ssergej und Katerina Lwowna befanden, hatte für diese letztere eine
tragische Bedeutung.