XIII

Der Sträflingstransport, mit dem Ssergej und Katerina Lwowna nach

Sibirien verschickt wurden, brach zu einer Zeit auf, wo der Frühling nur

im Kalender stand und die Sonne zwar leuchtete aber noch nicht wärmte.

Katerina Lwownas Kind wurde der alten Base des seligen Boris

Timofejitsch zur Pflege gegeben: das Kind war nach dem Gesetz ein

ehelicher Sohn des ermordeten Sinowij Borissowitsch und einziger Erbe

des ganzen Ismailowschen Vermögens. Katerina Lwowna war damit sehr

zufrieden und gab ihr Kind gleichgültig hin. Wie es bei

leidenschaftlichen Frauen oft der Fall ist, hatte sich ihre Liebe zum

Vater in keiner Weise auf das Kind übertragen.

Es gab für sie übrigens kein Licht und kein Dunkel, kein Gut und kein

Böse, keine Freude und keine Langweile; sie begriff nichts; liebte

niemand, nicht einmal sich selbst. Sie wartete mit Ungeduld auf den

Ausmarsch; sie hoffte unterwegs ihren Ssergej zu sehen, ihr Kind hatte

sie aber schon ganz vergessen.

Katerina Lwownas Hoffnung wurde nicht getäuscht: der gebrandmarkte, mit

schweren Ketten beladene Ssergej verließ zugleich mit ihr das

Gefängnistor.

Der Mensch gewöhnt sich an jedes noch so schreckliche Elend und behält

in jeder Lage die Fähigkeit, seinen kümmerlichen Freuden nachzugehen.

Katerina Lwowna aber brauchte sich an nichts zu gewöhnen; sie sah ihren

Ssergej wieder, und der Weg nach Sibirien bedeutete für sie an seiner

Seite den Weg zum Glück.

Katerina Lwowna konnte in ihrem Leinensack nur wenig Wertgegenstände und

noch weniger bares Geld mitnehmen. Dies alles verteilte sie, noch ehe

der Transport Nischnij-Nowgorod erreicht hatte, unter den

Gefängnisaufsehern für die Erlaubnis, an Ssergejs Seite zu marschieren

und manchmal bei finsterer Nacht ein Stündchen mit ihm in einer kalten

Ecke des schmalen Gefängniskorridors zu verbringen.

Der gebrandmarkte Freund Katerina Lwownas war aber gegen sie lieblos

geworden; sie bekam von ihm kein einziges freundliches Wort mehr zu

hören; er legte auch wenig Wert auf die geheimen Zusammenkünfte mit ihr,

für die sie ihr letztes Geld hergeben mußte, und sagte ihr sogar mehr

als einmal:

»Statt mit mir im Korridor herumzustehen, hättest du doch lieber das

Geld, das du dafür dem Aufseher zahlst, mir gegeben!«

»Es waren ja nur fünfundzwanzig Kopeken, Sserjoscha!« rechtfertigte sich

Katerina Lwowna.

»Sind denn fünfundzwanzig Kopeken kein Geld? Du hast doch unterwegs noch

kein einziges Geldstück gefunden, hast aber schon eine ganze Menge

ausgegeben.«

»Dafür habe ich dich sehen dürfen, Sserjoscha!«

»Das Wiedersehen nach all dem Elend ist doch wirklich keine Freude! Ich

verfluche mein Leben und will an diese Zusammenkünfte gar nicht denken!«

»Mir ist aber alles gleich, Sserjoscha! Wenn ich dich nur sehen kann!«

»Das sind Dummheiten«, entgegnete Ssergej.

Als Katerina Lwowna solche Antworten zu hören bekam, biß sie sich oft

die Lippen blutig. Bei den nächtlichen Zusammenkünften traten ihr oft

Tränen der Erbitterung in die Augen, die sonst niemals weinten. Sie trug

aber alles schweigend und suchte sich selbst zu betrügen.

So sehr hatten sich ihre Beziehungen zueinander geändert, als sie

Nischnij-Nowgorod erreichten. Hier schloß sich an ihren Transport ein

anderer an, der aus Moskau kam.

In diesem sehr großen Transport befanden sich unter anderm zwei

interessante weibliche Individuen: die Soldatenfrau Fiona aus Jaroslawl,

ein üppiges, großes, schönes Weib mit langem, schwarzem Zopf und

schmachtenden dunklen Augen, die von den langen Wimpern wie von einem

geheimnisvollen Schleier beschattet waren. Die andere war ein

siebzehnjähriges Ding mit spitzigem Gesicht und zarter, rosiger Haut,

kleinem Mündchen, Grübchen in den frischen Wangen und goldblonden

Locken, die unter dem leinenen Kopftuch lustig auf die Stirne

niederfielen. Dieses Mädel wurde von den Sträflingen Ssonetka genannt.

Die schöne Fiona war sanft und faul. Alle Sträflinge kannten sie; keiner

von den Männern zeigte besondere Freude, wenn sie ihm ihre Huld

schenkte; niemand grämte sich auch, wenn sie diese Huld auf einen andern

übertrug.

»Fiona ist ein guter Mensch, sie benachteiligt niemand«, scherzten die

Sträflinge.

Ssonetka war aber ganz anders.

Von ihr sagte man:

»Sie ist wie ein Aal: sie gleitet einem durch die Finger und läßt sich

von niemand einfangen.«

Ssonetka hatte Geschmack und war wählerisch; sie wollte, daß man ihr die

Leidenschaft nicht im rohen Zustande, sondern mit einer pikanten Sauce

entgegenbringe; sie verlangte Leiden und Opfer. Fiona war aber die

verkörperte russische Einfalt, die viel zu faul ist, um jemand »Nein« zu

sagen und die nur das eine weiß, daß sie ein Weib ist. Solche Frauen

werden in den Räuberbanden, Sträflingstransporten und Petersburger

sozialistischen Kommunen sehr geschätzt.

Das Erscheinen dieser beiden Frauen in dem gleichen Transport, in dem

sich Ssergej und Katerina Lwowna befanden, hatte für diese letztere eine

tragische Bedeutung.

Eine Teufelsaustreibung, und andere Geschichten · 第 50 / 74 题