Gleich in den ersten Tagen nach dem Ausmarsche aus Nischnij-Nowgorod
begann sich Ssergej in auffälliger Weise um die Gunst der Soldatenfrau
Fiona zu bewerben. Er hatte auch bald Erfolg. Die schöne Fiona ließ ihn
nicht allzu lange zappeln und erfüllte sein Sehnen, wie sie in ihrer
Herzensgüte auch jeden anderen beglückte. Auf der dritten oder vierten
Etappe hatte Katerina Lwowna sich wieder die Möglichkeit einer
Zusammenkunft mit Ssergej erkauft. Sie liegt auf ihrem Lager und wartet:
gleich wird der Aufseher kommen und ihr zuraunen: »Lauf schnell hinaus!«
Die Türe geht einmal auf, und eine der Frauen huscht hinaus; die Türe
geht wieder auf, und von der Pritsche springt eine andere Frau und
verschwindet im Korridor. Endlich zupft jemand Katerina Lwowna am
Kittel. Sie springt schnell von der von so vielen Sträflingsrücken
glattgescheuerten Pritsche, wirft sich den Kittel um und folgt dem
Aufseher.
Als Katerina Lwowna durch den Korridor ging, der nur an einer Stelle
ganz schwach von einem kleinen Lämpchen beleuchtet war, stieß sie auf
zwei oder drei Paare, die sie aus der Entfernung nicht sehen konnte. Aus
der Männerabteilung tönte durch das Türgitter verhaltenes Lachen.
»Wie die wiehern!« brummte der Begleiter Katerina Lwownas. Er nahm sie
bei den Schultern, stieß sie in eine Ecke und zog sich zurück.
Katerina Lwowna stieß mit der Hand auf einen groben Kittel und einen
Bart; ihre andere Hand berührte ein heißes Frauengesicht.
»Wer ist's?« fragte Ssergej leise.
»Und mit wem bist du hier?«
Katerina Lwowna riß der Nebenbuhlerin im Finstern das Tuch vom Kopfe.
Jene taumelte auf die Seite, fing zu laufen an, stolperte aber und fiel
hin.
Aus der Männerabteilung erscholl lautes Lachen.
»Schurke!« flüsterte Katerina Lwowna und schlug Ssergej mit den Enden
des Tuches, das sie seiner neuen Geliebten vom Kopfe gerissen hatte, ins
Gesicht.
Ssergej erhob seine Hand; Katerina Lwowna huschte aber durch den
Korridor zur Türe ihrer Zelle. Aus der Männerabteilung klang nun so
lautes Lachen, daß der Wachtposten, der vor dem Lämpchen stand und sich
gleichgültig auf die Spitze seines Stiefels spuckte, den Kopf hob und
rief:
»Ruhe!«
Katerina Lwowna legte sich schweigend auf ihre Pritsche und lag so bis
zum Morgen da. Sie wollte sich sagen: »Ich liebe ihn nicht mehr«, fühlte
aber, daß sie ihn noch mehr, noch glühender liebte. Und sie malte sich
aus, wie seine Hand, mit der er die Andere am Kinn gehalten, bei der
Berührung mit der ihrigen gezittert, wie seine andere Hand die warmen
Schultern der Andern umschlungen hatte.
Die arme Frau brach in Tränen aus und wünschte sich, daß die gleichen
Hände in diesen Augenblicken ihr Gesicht streicheln und ihre krampfhaft
zuckenden Schultern umfassen möchten.
»Gib mir mein Tuch zurück«, mit diesen Worten wurde sie am Morgen von
der Soldatenfrau Fiona geweckt.
»Du warst es also?«
»Gib's mir, bitte, zurück!«
»Warum trennst du uns voneinander?«
»Trenne ich euch denn? Ist es eine Liebe, oder habe ich irgendeinen
Vorteil davon, daß du mir zürnen sollst?«
Katerina Lwowna dachte einen Augenblick nach, holte unter dem Kissen das
Tuch, das sie der andern nachts vom Kopfe gerissen hatte, warf es Fiona
zu und wandte sich zur Wand.
Sie fühlte sich ein wenig erleichtert.
»Pfui«, sagte sie sich, »werde ich denn auf so einen angemalten
Mistkübel eifersüchtig sein? Mag sie in die Erde versinken. Es täte mir
weh, mich mit ihr auch nur zu vergleichen.«
»Hör einmal, Katerina Lwowna«, sagte ihr am nächsten Tage Ssergej, an
ihrer Seite gehend, »merke dir bitte, daß ich nicht Sinowij
Borissowitsch, sondern ein Anderer bin und daß du nicht mehr die feine
Dame bist. Tu darum, bitte, nicht so stolz. Bockigkeit gilt hier nicht.«
Katerina Lwowna erwiderte nichts. In den nächsten acht Tagen wechselte
sie mit Ssergej weder ein Wort, noch einen Blick. Sie fühlte sich
beleidigt und war stolz genug, um nicht den ersten Schritt zur
Versöhnung mit Ssergej, mit dem sie sich zum erstenmal im Leben entzweit
hatte, zu machen.
Während Katerina Lwowna ihm schmollte, begann Ssergej mit der weißen
Ssonetka anzubandeln. Bald begrüßte er sie als »Ergebenster Diener«,
bald lächelte er ihr zu, bald versuchte er sie zu umarmen und an sich zu
drücken. Katerina Lwowna sah alles, und in ihrem Herzen siedete es noch
mehr.
»Soll ich mich mit ihm vielleicht doch aussöhnen?« fragte sie sich, in
einemfort stolpernd.
Ihr Stolz erlaubte es ihr nun noch weniger als früher, den ersten
Schritt zu tun. Ssergej klebte aber immer fester an Ssonetka, und allen
kam es vor, als ob die unzugängliche Ssonetka, die sonst allen wie ein
Aal durch die Finger glitt, etwas gefügiger geworden wäre.
»Du warst mir böse«, sagte einmal Fiona zu Katerina Lwowna: »was habe
ich dir aber getan? Mit mir hat er ja nur ganz kurz angebandelt. Ich
rate dir aber, auf die Ssonetka aufzupassen.«
-- Jetzt gebe ich aber meinen Stolz auf: heute noch will ich mich mit
ihm aussöhnen! -- sagte sich Katerina Lwowna. Sie überlegte sich nur
noch, wie sie am besten den ersten Schritt machen sollte.
Aus dieser schwierigen Lage befreite sie Ssergej selbst.
»Katerina Lwowna!« sagte er ihr auf einer Station: »Komm heute Nacht für
einen Augenblick zu mir heraus: ich muß dich sprechen.«
Katerina Lwowna sagte nichts.
»Zürnst du mir vielleicht noch immer? Wirst du nicht kommen?«
Katerina Lwowna sagte noch immer nichts.
Ssergej und alle, die Katerina Lwowna beobachteten, sahen aber, wie sie
sich vor dem Etappengebäude an den Oberaufseher heranmachte und ihm die
siebzehn Kopeken, die sie unterwegs zusammengebettelt hatte, in die Hand
drückte.
»Wenn ich noch mehr zusammengebettelt habe, kriegst du noch zehn
Kopeken«, flüsterte sie ihm zu.
Der Oberaufseher steckte das Geld in den Ärmelaufschlag und sagte:
»Gut.«
Als diese Unterhandlungen zu Ende waren, blinzelte Ssergej mit einem
vielsagenden Hüsteln Ssonetka zu.
»Ach, Katerina Lwowna!« sagte er, sie auf den Stufen des Etappengebäudes
umarmend. »Kinder, es gibt auf der ganzen Welt kein zweites Weib wie
dieses!«
Katerina Lwowna errötete vor Glück, und ihr stockte der Atem.
Als nachts die Türe leise aufging, sprang sie ungestüm hinaus. Am ganzen
Leibe zitternd, tastete sie den dunklen Korridor nach Ssergej ab.
»Meine liebe Katja!« sagte Ssergej, sie umarmend.
»Ach, du Böser!« antwortete Katerina Lwowna unter Tränen und drückte
ihre Lippen auf die seinigen.
Der Wachtposten ging im Korridor auf und ab, blieb manchmal stehen, um
sich auf die Stiefel zu spucken; die müden Sträflinge schnarchten in
ihren Zellen; irgendwo knabberte eine Maus an einem Federkiel; hinter
dem Ofen zirpten die Heimchen; Katerina Lwowna aber genoß in vollen
Zügen ihr höchstes Glück.
Die Verzückung legte sich, und es begann die unvermeidliche Prosa des
Alltags.
»Ich halt es nicht länger aus; das Bein schmerzt mir vom Knöchel bis zum
Knie,« jammerte Ssergej, an ihrer Seite in einem Korridorwinkel sitzend.
»Was kann man dagegen tun?« fragte sie, sich unter seinen Kittel
schmiegend.
»Soll ich mich vielleicht in Kasan ins Lazarett legen?«
»Was fällt dir ein, Sserjoscha?«
»Was soll ich denn machen, wenn es mir so weh tut?«
»Du wirst im Lazarett bleiben, und ich soll allein weiter marschieren?
...«
»Was soll ich machen? Die Ketten werden mir bald die Knochen
durchwetzen. -- Wenn ich wenigstens ein Paar wollene Strümpfe unter die
Ketten tun könnte,« fügte Ssergej nach einer Weile hinzu.
»Strümpfe? Sserjoscha, ich habe noch ein paar neue Strümpfe.«
»Ach, behalt sie nur!«
Katerina Lwowna sagte kein Wort. Sie lief in ihre Zelle, packte in aller
Eile ihren Sack aus und brachte Ssergej ein Paar dicke blaue wollene
Strümpfe mit grellfarbigen Zwickeln.
»Jetzt wird es irgendwie gehen,« sagte Ssergej, sich von ihr
verabschiedend und ihr letztes Paar Strümpfe mitnehmend.
Katerina Lwowna kehrte überglücklich in ihre Zelle zurück und schlief
sofort ein.
Sie hörte gar nicht, wie gleich darauf Ssonetka in den Korridor kam und
wie sie erst bei Morgengrauen wieder zurückging.
Das spielte sich nur zwei Tagemärsche vor Kasan ab.