XII

Dieser Menschenauflauf war aber folgendermaßen entstanden. In allen

Gotteshäusern der recht großen und lebhaften Kreisstadt, in der Katerina

Lwowna lebte, hatte sich am Vorabend des großen Festes eine Menge

Menschen angesammelt; in der Kirche aber, die morgen ihr Altarfest

feiern sollte, war das Gedränge so groß, daß keine Stecknadel zu Boden

fallen konnte. In dieser Kirche sang ein Chor, der aus Handelsgehilfen

bestand und von einem bekannten Liebhaber der Gesangskunst dirigiert

wurde.

Unser Volk ist religiös und dem Gottesdienste zugetan; außerdem haben

die Leute bei uns eine künstlerische Ader, und schöner Chorgesang und

prunkvoller Gottesdienst sind für sie der reinste Hochgenuß. Wenn in

einer Kirche ein Chor singt, läuft gleich die halbe Stadt zusammen; in

erster Linie aber der Handels- und der Arbeiterstand: Handelsgehilfen,

Lehrjungen, Handlanger, Fabrikarbeiter und auch die Geschäftsinhaber

selbst mit ihren Gemahlinnen. Alle drängen sich in einer der Kirchen

zusammen, ein jeder will wenigstens vor der Kirchentüre oder vor dem

Fenster, selbst bei brennender Sonnenglut, selbst bei strengstem Frost

stehen und den tiefen Bässen und kunstvollen Tenören, wenn sie ihre

Variationen singen, lauschen.

In der Kirche, zu deren Sprengel das Ismailowsche Haus gehörte, gab es

einen Altar zur Darstellung Mariä. Zu derselben Zeit, als sich alles

oben Beschriebene mit Fedja abspielte, hatte sich die Jugend der ganzen

Stadt in dieser Kirche versammelt; die Leute verzogen sich nach dem

Gottesdienste in Scharen und besprachen die Vorzüge des bekannten Tenors

und die Fehler des ebenso bekannten Basses.

Aber nicht alle interessierten sich so für die musikalischen Dinge; in

der Menge gab es auch Leute, die andere Fragen erörterten.

»Seltsame Dinge erzählt man sich von der jungen Ismailowa,« sagte der

junge Maschinist, den sich einer der Kaufleute für seine Dampfmühle aus

Petersburg verschrieben hatte, mit seinen Freunden am Ismailowschen

Hause vorbeigehend. »Man sagt, daß sie mit ihrem Angestellten Ssergej

ein Liebesverhältnis hat ...«

»Das ist ja allen bekannt,« sagte ein Mann in einem mit blauem Nanking

besetzten Schafspelz. »Sie war heute wohl auch gar nicht in der Kirche.«

»Ach was, Kirche! Die Frau ist so tief gesunken, daß sie weder vor Gott,

noch vor ihrem Gewissen, noch vor den Menschen Angst hat!«

»Schaut nur, da brennt bei ihr Licht,« sagte der Maschinist, auf einen

Spalt im Fensterladen zeigend, durch den ein Lichtschein drang.

»Sieh mal hinein, was sie jetzt treiben,« schlugen einige Stimmen vor.

Der Maschinist stützte sich auf die Schultern zweier Freunde, blickte

durch den Spalt hinein und schrie entsetzt auf:

»Brüder! Da wird gerade jemand erwürgt!«

Der Maschinist begann mit aller Kraft an den Fensterladen zu klopfen. An

die zehn Mann folgten seinem Beispiel und hämmerten mit den Fäusten

gegen die Fenster.

Die Menge wuchs von Augenblick zu Augenblick an, und so entstand die uns

bereits bekannte Belagerung des Ismailowschen Hauses.

»Ich hab es gesehen, mit meinen eigenen Augen hab ich es gesehen,«

bezeugte der Maschinist vor Fedjas Leiche. »Das Kind lag auf dem Bett,

und die beiden würgten es.«

Ssergej wurde noch am gleichen Abend ins Gefängnis abgeführt; Katerina

Lwowna sperrte man aber in ihrem Schlafzimmer ein und stellte zwei

Wachtposten vor die Türe.

Im Ismailowschen Hause war es nun unerträglich kalt; die Öfen wurden

nicht geheizt, die Türen standen den ganzen Tag offen, und eine

neugierige Volksmenge löste die andere ab. Die Leute sahen sich den

offenen Sarg mit Fedjas Leiche an, und auch den andern großen

geschlossenen Sarg, der daneben stand. Fedja hatte an der Stirne ein

weißes Atlasband, das den von der Sektion herrührenden Schnitt verdecken

sollte. Die gerichtsärztliche Untersuchung hatte ergeben, daß Fedja an

Erstickung gestorben war, und Ssergej, den man vor die Leiche führte,

brach, gleich nach den ersten Worten des Geistlichen vom Jüngsten

Gericht und von den ewigen Qualen der unbußfertigen Sünder, in Tränen

aus und gestand nicht nur den Mord an Fedja ein, sondern bat auch, die

Leiche des von ihm ohne christliches Begräbnis verscharrten Sinowij

Borissowitsch auszugraben. Die Leiche des letzteren, die im trockenen

Sande lag, war noch nicht verwest; man grub sie aus und legte sie in den

großen Sarg. Zum allgemeinen Entsetzen bezeichnete Ssergej Katerina

Lwowna als die Mitschuldige an den beiden Verbrechen. Katerina Lwowna

antwortete auf alle Fragen: »Ich weiß von nichts.« Als man sie aber mit

Ssergej konfrontierte, und sie sein Geständnis hörte, blickte sie ihn

erstaunt, doch ohne Zorn an und sagte gleichgültig:

»Wenn es ihm schon einmal eingefallen ist, alles zu gestehen, so will

auch ich nicht länger leugnen: ich habe die Morde begangen.«

»Zu welchem Zweck?« fragte man sie.

»Nur ihm zuliebe«, antwortete sie, auf Ssergej zeigend, der mit

gesenktem Kopf dastand.

Die beiden Verbrecher wurden in getrennte Gefängniszellen gesperrt, und

der grauenhafte Fall, der weit und breit Aufsehen und Empörung erregte,

kam bald vors Gericht. Ende Februar wurde das Urteil verkündet: Ssergej

und die Kaufmannswitwe Katerina Lwowna Ismailowa sollten auf dem

Marktplatze ihrer Stadt mit der Knute bestraft und dann auf die Katorga

nach Sibirien verschickt werden. An einem frostigen Märzmorgen zeichnete

der Scharfrichter Katerina Lwownas entblößten weißen Rücken mit der

vorgeschriebenen Zahl von blauroten Striemen; dann verabreichte er die

gleiche Portion auch Ssergej und brannte ihm in sein hübsches Gesicht

die drei Katorgamale.

Ssergej erregte bei den Leuten aus irgendeinem Grunde viel mehr

Mitgefühl als Katerina Lwowna. Als er blutbefleckt die Stufen des

schwarzen Schafotts herunterging, fiel er beinahe um. Katerina Lwowna

hielt sich aber aufrecht und ruhig und war nur darauf bedacht, daß das

grobe Hemd ihr nicht den zerfetzten Rücken scheuere.

Als man ihr im Gefängnisspital ihr neugeborenes Kind reichte, sagte sie

nur: »Hol es der Kuckuck!« Dann wandte sie sich ohne einen Ton von sich

zu geben zur Wand und fiel mit der Brust auf das harte Bett.

Eine Teufelsaustreibung, und andere Geschichten · 第 49 / 74 题