Nun muß ich auch noch die kriminelle Seite der Angelegenheit erledigen.
Ob das Geld wirklich gestohlen worden war oder nicht, jedenfalls wurde,
wie Sie sich wohl erinnern, beschlossen, dem Polen seinen Verlust zu
ersetzen. Auch dies hatte noch seine Fortsetzung.
Außer den Regimentskameraden gab es noch einen freiwilligen Schuldner,
und zwar einen sehr hartnäckigen -- ich meine Saschas Vater. Den Polen
kostete es große Mühe, das Geld, das er ihm unbedingt aufdrängen wollte,
zurückzuweisen. Awgust Matwejitsch benahm sich in der ganzen Affäre
überhaupt außerordentlich korrekt und vornehm, und wir hatten ihm auch
nicht das Geringste vorzuwerfen. Niemand zweifelte mehr daran, daß er
das Geld gehabt hatte und daß es verschwunden war. Warum hatte er denn
sonst auf die ihm angebotene Zahlung verzichtet und was brauchte er
überhaupt die ganze unangenehme Geschichte mit dem blutigen Ende?
Die ganze Einwohnerschaft der Stadt, vor der wir unser nächtliches
Erlebnis natürlich nicht geheim halten konnten, war der gleichen
Ansicht; ein einziger Mensch sah aber die Sache doch ganz anders an und
gab uns damit eine harte Nuß zu knacken.
Es war der sonst wenig interessante, von mir schon einigemal erwähnte
Zimmerkellner Marko. Er war nicht so leicht zu durchschauen: obwohl wir
unsere Bekanntschaft mit Awgust Matwejitsch nur ihm zu verdanken hatten,
stand er jetzt durchaus nicht auf seiner Seite, was er uns auch selbst
gestand.
»Ich bin bereit,« sagte er, »jede Kirchenbuße auf mich zu nehmen, weil
ich Sie mit dem Herrn bekannt gemacht habe; jetzt glaube ich aber, daß
es weniger meine Schuld als Gottes Wille war. Und Ihre ganze jetzige
Sympathie für ihn beruht nur darauf, -- nehmen Sie es mir nicht übel! --
daß er nicht russischer Abstammung ist; er aber hat es verschuldet, daß
unser Geschäft jetzt in schlechtem Rufe steht und daß die Polizei unsere
Angestellten unter allen möglichen Vorwänden einsperrt und überall nach
dem Gelde forscht ... Es ist nur Sünde und nichts als Sünde ...« schloß
Marko und zog sich in seine finstere Kammer zurück, wo er einen
mächtigen Heiligenschrein hatte, vor dem ein ewiges Lämpchen brannte.
Marko tat uns irgendwie leid. Manchmal stand er stundenlang vor den
Heiligenbildern und dachte über etwas nach.
»Was denkst du immer, Marko?«
Er zuckt die Achseln und antwortet:
»Wie sollte ich nicht denken, meine Herren? So ein Unglück, so eine
Schande ... eine Christenseele ist zugrunde gegangen!«
Diejenigen, die mit ihm öfters sprachen, kamen zuerst auf einen neuen
Gedanken, in den sie nach und nach auch die Anderen einweihten.
»Marko ist ein einfacher Mensch,« pflegten sie zu sagen, »aus dem
Bauernstande; ist aber klug und hat den gesunden Menschenverstand eines
einfachen russischen Bauern.«
»Und ist obendrein ehrlich.«
»Ja, auch ehrlich. Sonst hätte ihm der Hotelbesitzer das Geschäft
garnicht anvertraut. Er ist eben ein zuverlässiger Mensch.«
»Ja, ja, ja,« bestätigte der Pfarrer, den Rauch durch seinen breiten
Bart blasend.
»Er sieht die Dinge ganz einfach an und merkt darum manches, was wir
nicht merken. Er beurteilt die Sache so: wozu hat der die ganze Sache
eingebrockt? Das Geld will er ja nicht nehmen. Also braucht er das Geld
gar nicht ...«
»Es ist klar, daß er es nicht braucht, wenn er es nicht nimmt.«
»Natürlich! Er hat ja das Ganze auch nicht des Geldes wegen eingebrockt
...«
»Wozu denn sonst?«
»Fragen Sie danach Marko und nicht mich.«
Auch der Pfarrer sagte:
»Ja, ja, ja, wollen wir Marko hören.«
»Und was sagt Marko?«
»Marko sagt: traue dem Polen nicht.«
»Warum denn?«
»Weil er eben Pole und Ketzer ist.«
»Aber erlauben Sie doch! Ketzer ist eine Sache für sich, und Dieb wieder
eine Sache für sich. Die Polen sind ein Volk mit großer Ambition, und es
ist nicht ganz anständig, von ihnen so zu denken.«
»Aber erlauben Sie, erlauben Sie!« unterbricht der von Marko inspirierte
Kamerad: »Sie sagen: man darf von ihm nicht so denken; Sie wissen aber
gar nicht, was für ein Denken ich meine ... Von einem Diebstahl ist
nicht die Rede, nicht der geringste Verdacht liegt gegen ihn vor; der
Pole hat aber das, was Sie vorhin selbst sagten: Ambition.«
»Was für ein Interesse hat er dann, daß das Geld verschwunden sein
soll?«
»Was für ein Interesse er daran hat?«
»Jawohl!«
»Fällt Ihnen denn selbst gar nichts ein?«
Alle dachten angestrengt nach: Was kann mir dazu einfallen?
»Nein, uns fällt nichts ein.«
»Das kommt eben davon, daß Ihre Köpfe mit Adel vollgestopft sind. Der
einfache russische Bauer sieht aber, was der Pole will.«
»Nun was will er denn? Sagen Sie es einmal, es geht uns doch alle an!«
»Ja, es geht uns alle an ... Es liegt im Interesse seiner Heimat, uns
diese Schande anzutun.«
»Mein Gott!«
»Selbstverständlich! Nun kann er überall verbreiten, daß in der
Gesellschaft russischer Offiziere ein gemeiner Diebstahl möglich ist ..«
»Wenn es sich so verhält, wie Sie es meinen ...«
»Natürlich verhält es sich so!«
»Hol ihn der Teufel!«
»Was für ein tückisches Volk die Polen doch sind!«
Auch der Pfarrer war der gleichen Ansicht und sagte:
»Ja, ja, ja!«
Wir überlegten uns die Sache noch weiter und kamen zum Entschluß, daß
man Markos Kombination auch dem Kommandeur mitteilen müsse; man dürfe
ihm aber nicht verraten, daß die Idee von Marko stamme, weil es den
Eindruck abschwächen könnte; man müsse sich vielmehr auf eine andere
Quelle von größerer Autorität und geringerer Verantwortlichkeit berufen.
»Jemand hat es im Wirtshaus beim Billardspiel erzählt ...«
»Nein, das klingt nicht gut. Der Oberst wird darauf sagen: Sie haben so
etwas gehört und sind nicht eingeschritten? So einen Kerl hätten Sie
doch auf der Stelle verhaften müssen!«
»Man muß eben etwas anderes ausdenken.«
»Was denn?«
Hier half uns der Pfarrer:
»Sie sagen einfach, daß Sie es im Dampfbade gehört haben.«
Dieser Vorschlag gefiel allen. Das war ja in der Tat klug erdacht: das
Dampfbad ist ein öffentlicher Ort, da reden und schreien alle
durcheinander, und alle sind nackt. Wer hat es gesagt? -- Geh einer hin
und stelle es fest; da müßte man doch alle verhaften, denn im Dampfbade
sind alle Menschen nackt und gleich.
Man nahm diesen Vorschlag an und ersuchte den Pfarrer, ihn auch
auszuführen.
Der Pfarrer ging am nächsten Tag zum Obersten und erzählte es ihm.
Der Oberst zeigte für das Gerücht Interesse und sagte:
»Das Schlimmste dabei ist, daß es schon zu einem allgemeinen Gerede
geworden ist ... Selbst im Bade sprechen die Leute schon davon.«
Der Pfarrer fiel ein:
»Ja, ja, ja! Ich habe es selbst im Bade gehört.«
»Und Sie konnten wirklich nicht feststellen, wer das gesagt hat?«
»Nein, ich konnte es beim besten Willen nicht.«
»Das ist sehr schade.«
»Ja ... Ich hätte es selbst gerne festgestellt, konnte es aber nicht,
weil im Bade alle Menschen gleich sind. Uns geistliche Personen kann man
noch einigermaßen unterscheiden, weil wir zwar Männer sind, aber Zöpfe
tragen. Doch die anderen Menschen sehen einander vollkommen gleich.«
»Sie hätten ja den, der es gesagt hat, bei der Hand packen können.«
»Bedenken Sie doch, ein eingeseifter Mensch kann mir leicht
entschlüpfen! Außerdem befand ich mich gerade auf der obersten Dampfbank
und konnte den Betreffenden nicht einmal mit der Hand erreichen.«
»Na ja, -- wenn Sie ihn nicht erreichen konnten, so ist eben nichts zu
machen ... Nun glaube ich, das Beste wäre, die Sache jetzt auf sich
beruhen zu lassen ... Es ist ja schon einige Zeit verstrichen, und der
Pole hat uns das Wort gegeben, nach einem Jahre wieder herzukommen ...
Ich glaube, daß er sein Wort halten wird. Sagen Sie mir jetzt bitte
folgendes: was halten Sie, als Geistlicher, von den Träumen? Sind die
Träume Unsinn oder nicht?«
Der Pfarrer antwortete:
»Das hängt von den Überzeugungen ab ...«
»Von was für Überzeugungen?«
»Nein, ich wollte etwas anderes sagen ... Es gibt Träume, die von Gott
kommen und den Menschen erleuchten; es gibt auch natürliche Träume, die
von der Verdauung kommen; es gibt auch verderbliche Träume, und diese
sind vom Bösen.«
»So ist es eben,« antwortete der Oberst. »Aber das ist wohl noch nicht
alles. Wo würden Sie folgenden Traum einreihen: Meine Frau ist, wie Sie
wissen, jung, und der verstorbene Kornett war ihr Vetter und
Jugendfreund; sein Tod hat sie daher sehr erschüttert und abergläubisch
gemacht. Außerdem ist unser Kind gestorben. Kurz vorher hatte sie aber
einen Traum.«
»Was Sie nicht sagen!«
»Ja, ja, ja. Was die Träume betrifft, so beurteilt sie diese so, wie Sie
eben sagten. Ich stehe nicht auf diesem Standpunkte, will aber dem auch
nicht widersprechen. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß man
schlechte Träume hat, wenn man spät zu Abend ißt; solche Träume kommen
offenbar vom Magen.«
»Ja, vom Magen«, stimmte der Pfarrer zu. »Die meisten Träume kommen vom
Magen.« Der Oberst ließ ihn aber noch nicht los.
»Jawohl«, fuhr der Oberst fort, »das ist eben die Sache, daß sie keinen
Traum, sondern eine Vision gehabt hat ...«
»Was, eine Vision?«
»Ja, eine Vision: sie sieht und hört es nicht im Schlafe und nicht mit
geschlossenen Augen, sondern im Wachen ...«
»Das ist seltsam.«
»Sehr seltsam, -- umsomehr, als sie ihn noch nie gesehen hat!«
»Ja, ja, ja ... Wen hat sie nicht gesehen?«
»Den Polen natürlich!«
»Ach so! .. ja, ja, ja! Ich verstehe.«
»Meine Frau hat ihn niemals gesehen, weil sie während jenes
unglücklichen Ereignisses zu Bett lag. Sie konnte nicht einmal von der
Leiche des Unglücklichen Abschied nehmen, -- wir verheimlichten vor ihr
seinen Tod, damit ihr die Milch nicht in den Kopf steige.«
»Behüte Gott!«
»Gewiß ... Natürlich wäre schon der Tod besser als das ... Es ist wohl
Wahnsinn. Aber denken Sie sich nur: er verfolgt sie auf Schritt und
Tritt!«
»Der Verstorbene?«
»Aber nein -- der Pole! Ich bin jetzt sogar sehr froh, daß Sie mich nach
dem Bade aufgesucht haben und ich mit Ihnen darüber sprechen kann ...
Vielleicht können Sie mir dazu auf Grund Ihrer geistlichen Praxis etwas
sagen.«
Und der Oberst erzählte dem Pfarrer, daß unsere junge, rosige
Kommandeuse immer den Polen vor sich sehe ... Sie schildere unseren
Awgust Matwejitsch wie er leibt und lebt, und er komme ihr wie eine
altmodische englische Standuhr vor ...
Als der Pfarrer das hörte, sprang er förmlich auf.
»Das ist ja einfach unglaublich!« rief er aus: »Alle Offiziere nennen
ihn ja >die Standuhr<!«
»Darum erzähle ich es eben, weil es so unglaublich ist! Stellen Sie sich
nun vor, daß wir in unserm Salon just eine solche altmodische Standuhr,
obendrein eine mit einem Glockenspiel stehen haben; wenn man sie
aufzieht, so hört das Bimmeln gar nicht auf. Meine Frau fürchtet sich
sogar, in der Dämmerung durch den Salon zu gehen. Wir können aber die
Uhr nirgends fortschaffen; sie soll auch sehr wertvoll sein, und meine
Frau hat sie jetzt auch selbst lieb gewonnen.«
»Warum eigentlich?«
»Sie sinnt gerne ... sie glaubt, im Pendelschlag etwas zu hören ... Sie
hört darin immer die Worte: >Ich -- such! -- Ich -- such!< Jawohl! Sie
fühlt sich dadurch irgendwie angezogen und hat zugleich unheimliche
Angst ... Sie schmiegt sich immer an mich und will, daß ich sie in den
Armen halte. Ich glaube sogar, daß sie wieder in Umständen ist.«
»Ja, ja ... das ist ja bei einer verheirateten Frau wohl möglich ...
Sogar sehr möglich!« platzte der Pfarrer heraus. Mit diesen Worten lief
er davon und kam zu uns, so verschwitzt, wie wenn er tatsächlich aus dem
Dampfbade käme. Er erzählte uns alles in einem Zug, ersuchte uns aber,
alles geheim zu halten.
Der Verlauf seiner Unterredung mit dem Obersten gefiel uns übrigens
nicht. Wir waren der Ansicht, daß der Oberst der ihm mitgeteilten
Entdeckung nicht die gebührende Beachtung geschenkt und sie auf eine
ganz unpassende Weise mit seinen eigenen Eheangelegenheiten in
Verbindung gebracht habe.
Einer von uns, ein Kleinrusse, fand dafür sofort eine Erklärung.
»Die Mutter des Obersten«, sagte er, »heißt Veronika Stanislawowna.«
Die anderen fragten ihn:
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Nichts weiter, als daß seine Mutter Veronika Stanislawowna heißt.«
Man deutete es natürlich in dem Sinne, daß die Mutter des Obersten Polin
sei und er daher ungern derartige Ansichten über die Polen höre.
Unsere Offiziere beschlossen, den Obersten gänzlich aus dem Spiele zu
lassen, und wählten einen Kameraden, der imstande war, jeden beliebigen
Menschen tätlich zu beleidigen. Dieser Kamerad nahm Urlaub und begab
sich auf die Suche nach Awgust Matwejitsch, um ihn zu zwingen, das Geld
anzunehmen; im Falle er die Annahme verweigern sollte, würde er ihn aber
ins Gesicht schlagen.
Er hätte diesen Beschluß auch sicher ausgeführt, wenn er ihn gefunden
hätte. Nach der Fügung des Himmels kam es aber ganz anders.