Gegen alle Gesetze der Architektonik und Ökonomie im Aufbau der
Erzählung, habe ich zum Schluß diese neue Person auftreten lassen und
muß ihr nun einige Worte widmen, damit Sie wissen, wie giftig sie war.
Als ihr Gatte noch lebte, bekamen sie einmal Besuch von einer
hochgestellten Persönlichkeit, der sich ihr Mann in seinem ganzen Glanze
zeigen wollte; sie verachtete aber den Mann ebenso wie alle andern
Menschen, vielleicht auch etwas mehr. Der Mann wußte es und bat sie, ihn
wenigstens bei dieser Gelegenheit nicht bloßzustellen. Er bat sie nur um
den einen Gefallen: »Widersprechen Sie mir wenigstens in Gegenwart des
Gastes nicht.« Sie sah ihn an und versprach es ihm:
»Ich bin sogar bereit, Sie zu unterstützen.«
Der Mann dankte ihr dafür mit einer Verbeugung. Der hohe Gast war
gutmütig und gab sich gerne einfach. Diesmal wollte er den Vortrag des
ihm unterstellten Würdenträgers im häuslichen Kreise, am Teetische
hören, wo ihm die Hausfrau selbst den Tee kredenzte. Der Hausherr begann
nun zu prahlen, wie gut er alles wisse, kenne, voraussehe und zum
allgemeinen Wohle ordne ... Er sprach und sprach und verschnappte sich
zuletzt und sagte auch etwas Wahres. Die »Schlange« fiel in diesem
Augenblick ein und bestätigte:
»Voilà ça c'est vrai!«
Nur dieses sagte sie. Dem Gast genügte es aber; er lachte auf, küßte ihr
die Hand und sagte ihrem Gemahl:
»Es ist genug: ich will annehmen, daß tout ça est vrai!«
Als der Gemahl nach diesem Vorfall starb, ließ sie sich hier mit ihrer
Engländerin nieder und widmete sich ganz der Lektüre ausländischer
Bücher.
Sie erschien sonst niemals in der Öffentlichkeit. Als sie nun mit ihrer
Engländerin in die Kirche trat, in der Saschas Leiche eingesegnet wurde,
erregte sie allgemeines Aufsehen, und alle machten ihr Platz. Die Menge
selbst schob die beiden Damen nach vorne, gleichsam um sie besser sehen
zu können. Dem Himmel war es aber nicht genehm, daß etwas
Nebensächliches die allgemeine Aufmerksamkeit von den Dingen ablenke,
die den Verstorbenen am nächsten angingen.
Im gleichen Augenblick, als diese beiden imposanten Damen sich durch die
Menge bewegten, erschien in der Kirchentüre eine dritte weibliche
Gestalt, eine bescheidene Dame in schwarzem Pelzmantel, der noch von der
Reise verstaubt war. Ihr Gesicht war der Kummer selbst ...
Niemand kannte sie, alle hatten sie aber sofort erkannt, und durch die
Menge tönte das eine Wort:
»Die Mutter!«
Man ließ ihr eine breite Straße zu dem ihr so teuren Sarge frei.
Sie ging schnell, beide Arme vor sich ausgestreckt, durch die Menge, die
vor ihr gewichen war, und als sie den Sarg erreichte, umschlang sie ihn
mit beiden Armen und erstarrte ...
Und alles fiel nieder und erstarrte zugleich mit ihr. Alle sanken in die
Knie, und es wurde so still, daß, als die Mutter sich erhob und den
toten Sohn bekreuzigte, wir alle ihr Flüstern hörten:
»Schlaf, mein armer Junge ... du bist als Ehrenmann gestorben ...«
Sie hatte diese Worte ganz leise, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung
der Lippen gesprochen, und doch drangen sie allen ins Herz, wie wenn wir
alle ihre Kinder wären.
Nun erklang der Hammer des Sargtischlers, man trug den Sarg zur
Ausgangstüre; der Vater führte die unglückliche Mutter am Arm, während
ihre stillen Blicke in die Höhe gerichtet waren ... Sie wußte wohl,
woher sie die Kraft, solches Leid zu tragen, schöpfen sollte, und sie
merkte garnicht, wie junge Frauen und Mädchen sich um sie drängten und
ihr wie einer Heiligen die Hände küßten ...
Auf dem Wege vom Grabe bis zum Friedhofstore gab es wieder das gleiche
Gedränge, die gleiche Bewegung.
Vor dem Tore, wo der Wagen auf sie wartete, schien die Mutter zur
Besinnung gekommen zu sein; sie wandte sich um und wollte allen »Danke!«
zurufen, wurde aber beinahe ohnmächtig. Die »Schlange«, die neben ihr
stand, stützte sie und küßte ihr die Hand.
So sehr hatte unser armer Sascha alle Herzen gerührt und gefangen
genommen; so wurde sein einfacher und vielleicht gar nicht ordentlich
überlegter Entschluß, »die Frau nicht zu verraten« belohnt und geehrt.
Niemand fragte sich, was das für eine Frau gewesen und ob sie dieses
Opfers auch wert sei. Das war allen gleich. Was war das auch für eine
Liebe, und worauf war sie gegründet? Alles hatte im Kinderzimmer, wo sie
»Vater und Mutter« spielten, begonnen; dann trennten sich ihre Wege; sie
ist ja so leer, daß sie mit ihrem Mann vielleicht auch glücklich ist; er
hat sich aber irgendeinen Fetzen aufgehoben und tötet sich dieses
Fetzens wegen ... Das ist ja ganz gleich! Er ist _schön_, er ist allen
_interessant_! Es ist so leicht und so süß, um ihn zu weinen.
Mit einem Worte: hier ist niemand durch gesperrten Druck besonders
hervorzuheben; alle spielen ihre Rollen mit gleichem Ernst und Talent,
wie die Mitglieder der Meiningenschen Hoftruppe, die vor kurzem ganz
Petersburg in Entzücken versetzt hat. Alles war mit so tiefem Ernst
inszeniert!
Die Engländerin, die ich vorhin erwähnte, stand uns doch sicher am
fernsten. Saschas Tat mußte sie ja mit ganz anderen Augen betrachten,
als die Varieté-Zigeunerinnen, die ihn beweinten; man könnte annehmen,
daß sie sich die Sache nur ansehen und sich dann wieder in ihr Gehäuse
zurückziehen würde. Aber nein: auch sie mußte ihren Pinselstrich dem
allgemeinen Gemälde beisteuern. Sie schrieb Notizen über Rußland und
machte die Sache sehr gründlich an Hand der bereits erschienenen Werke
über unsere Heimat. Sie vervollständigte die von Anderen gemachten
Beobachtungen über unsere Sitten durch ihre eigenen Wahrnehmungen. Den
älteren Werken entnahm sie die Behauptung, daß »die Weiber nirgends so
gemein behandelt werden wie in Moskowien«. Um die von ihr gemachte neue
Wahrnehmung zu ergründen, wählte sie einen passenden Zeitpunkt und
wandte sich an Saschas Vater selbst. Sie schrieb ihm einen sehr
gemütvollen und höflichen Brief, in dem sie ihrem Mitgefühl Ausdruck gab
und der großen Würde, mit der er und seine Gattin das schwere Leid
trugen, hohe Bewunderung zollte. Zum Schluß richtete sie an ihn die
Frage, wo sie ihre Erziehung genossen hätten, der sie diese würdigen
Gefühle verdankten?
Der Alte antwortete, daß seine Frau ein französisches Pensionat besucht
hätte, während er selbst von einem Monsieur Ravel aus Paris erzogen
worden sei.
Die Engländerin fand dies sehr seltsam, die »Schlange« gab ihr aber die
Aufklärung:
»Wenn sie von einem Seminaristen erzogen worden wären, so hätten Sie
wohl überhaupt keine Antwort bekommen.«
Damals war man nämlich der Ansicht, daß alles Rohe und Plumpe aus den
Priesterseminaren komme.