An einem heißen Tag Ende Mai kam ganz unerwartet Awgust Matwejitsch in
eigener Person angefahren. Er lief schnell die Treppe hinauf und rief:
»He, Marko!«
Marko, der in seiner Kammer war, wo er wohl vor den Heiligenbildern
betete, kam sofort herausgesprungen.
»Awgust Matwejitsch«, ruft er: »nun sind Sie endlich wieder einmal
hier!«
Jener aber antwortet:
»Ja, mein Lieber, ich bin wieder hier. Und du, Schurke, gießt noch immer
deine Kirchenglocken und verbreitest, damit sie besser läuten, unsinnige
Gerüchte über anständige Menschen?«
Und mit diesen Worten schlägt er ihn ins Gesicht.
Marko fällt um und schreit:
»Was ist denn das? .. Wofür? ..«
Wir alle, die gerade zu Hause waren, sprangen aus unseren Zimmern heraus
und wollten schon für Marko eintreten. Was hat er denn für ein Recht,
Marko zu schlagen: Marko ist ja so ehrlich!
Awgust Matwejitsch aber sagt:
»Ich bitte Sie, einen Augenblick zu warten: mir folgen auf dem Fuße noch
andere Gäste, in deren Gegenwart ich Ihnen seine Ehrlichkeit beweisen
werde. Ich bitte Sie nur, ihn nicht anzurühren, damit ich ihn für keinen
Augenblick aus den Augen verliere.«
Wir traten etwas zurück, und im nächsten Augenblick kam schon die
Polizei.
Awgust Matwejitsch wandte sich an die Beamten und sagte:
»Wollen Sie ihn verhaften: ich übergebe Ihnen hiermit einen völlig
überführten Dieb, und hier sind die Beweise.«
Und er legte eine Bestätigung vor, aus der hervorging, daß die
Glockengießerei von Marko eine Banknote erhalten hatte, deren Nummer mit
einer der Banknoten, die Awgust Matwejitsch am Tage vor dem Diebstahl
ausbezahlt bekam, übereinstimmte.
Marko fiel in die Knie und gestand, wie die Sache war. Awgust
Matwejitsch hatte gleich nach seiner Ankunft die Banknoten aus der
Tasche genommen und unter das Kopfkissen gesteckt. Diesen Umstand hatte
er später vergessen und sich eingebildet, das Geld befinde sich noch in
seiner Rocktasche. Als Marko ihm das Bett machte, fand er das Geld und
eignete es sich an, in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde, jemand
anderen in die Sache zu verwickeln, was ihm, wie wir gesehen haben, auch
wirklich gelang. Um seine Sünde vor Gott wieder gutzumachen, bestellte
er zu der bereits vorher angeschafften Kirchenglocke noch ein ganzes
abgestimmtes Glockenspiel, das er mit einer der gestohlenen Banknoten
bezahlte.
Die übrigen Banknoten fand man auch sofort im Kasten unter dem
Heiligenschreine.
Und nun begannen bei uns unsere eigenen »Glocken von Corneville« zu
läuten. Alle schlugen die Hände über den Köpfen zusammen, weinten dem
unglücklichen Sascha noch eine Träne nach und beschlossen zuletzt, die
erfreuliche Entdeckung gebührend zu feiern.
Alle waren Awgust Matwejitsch dankbar, und der Kommandeur veranstaltete,
um ihm seinen Dank und seine Achtung zu zeigen, einen großen Abend ihm
zu Ehren, zu dem er den ganzen Adel einlud. Selbst seine Mutter, die
bereits erwähnte Veronika -- sie war schon in den Siebzigern -- kam zu
dieser Festlichkeit gefahren; es stellte sich aber heraus, daß sie gar
nicht »Stanislawowna« sondern Veronika »Wassiljewna« hieß; auch stammte
sie aus dem geistlichen Stande und war die Tochter eines Protopopen; der
Name »Veronika« kommt aber auch im russischen Kalender vor. Warum man
sie vorher für eine »Stanislawowna« gehalten hatte, blieb unaufgeklärt.
Die Kommandeuse zeichnete Awgust Matwejitsch ganz besonders aus: sie
stand auf, ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hände; er bat sie,
ihm seine »polnische Manier« zu entschuldigen, und küßte ihr beide
Hände. Am nächsten Tage schickte er ihr aber einen Brief in
französischer Sprache, in dem er ihr sagte, daß er das Geld gar nicht
des Geldes wegen, sondern nur der Ehre wegen gesucht habe ... Obwohl es
nun gefunden worden sei, wolle er es nicht annehmen, »weil daran Blut
klebe«. Und er bat die Frau Oberst, ihm die Gnade zu erweisen und mit
diesem Gelde ein armes kleines Waisenmädchen groß zu ziehen, das er
ausfindig gemacht habe; es sei just in derselben Nacht zur Welt
gekommen, in der Sascha aus dem Leben geschieden. »Vielleicht wohnt in
dem Kinde seine Seele.«
Die junge Kommandeuse war sehr gerührt und erklärte sich bereit, das
Kind anzunehmen. Awgust Matwejitsch überbrachte es ihr persönlich in
einem sauberen weißen, mit Tüll und weißen Bändern garnierten Korbe.
»Der schlaue Pole!« Alle beneideten ihn, daß er es in einer so schönen,
zarten und einschmeichelnden Form einzurichten verstand. Ja, dieser
Mystiker!
Sie soll beim Abschied von ihm geweint haben; wir aber verabschiedeten
uns von ihm unter Trinksprüchen und Schmollistrinken im Wäldchen vor der
Stadt. Das war ganz zufällig gekommen: wir zechten gerade draußen, als
er vorbeifuhr. Wir entschuldigten uns zuvor, zogen ihn dann vom Wagen,
tranken ohne Ende und erzählten ihm ganz aufrichtig, was für eine
schlechte Meinung wir von ihm gehabt hatten.
»Erzähle uns nun, wie du das so eingerichtet hast!« drangen wir in ihn.
Er sagte:
»Ich habe gar nichts eingerichtet, meine Herren, es ist alles ganz von
selbst so gekommen ...«
»Mache keine Ausflüchte«, sagten wir ihm, »du bist ja Pole, und wir
können dir daraus keinen Vorwurf machen. Wie hast du es aber fertig
gebracht, ein Kind zu finden, das just in der Nacht auf die Welt kam, in
der Sascha gestorben ist, so daß es das gleiche Alter hat wie das
verstorbene Kind der Kommandeuse? ..«
Der Pole lachte:
»Meine Herren, wie habe ich das einrichten können?«
»Das ist es eben! Ihr Polen seid so fein, daß sich der Teufel in euch
auskennt!«
»Glauben Sie mir: ich höre heute zum erstenmal, ich sei so fein, daß ich
mich selbst nicht sehe. Lassen Sie mich aber weiterfahren, sonst spannt
der Postkutscher, wie es seine Pflicht ist, die Pferde aus.«
Wir ließen von ihm ab, halfen ihm in den Wagen und riefen dem Kutscher
zu: »Los!«
Er versuchte, sich vor uns möglichst graziös zu verbeugen, die Pferde
zogen aber in diesem Augenblick an, und er verbeugte sich höchst
zweideutig mit dem Rücken. So endete unsere traurige Geschichte. Sie
finden darin keine Ideen, die irgendeine Beachtung verdienten; ich
erzählte sie nur, weil sie mir interessant erscheint. Vor Zeiten war es
so, daß jede noch so unbedeutende Sache leicht zu etwas Großem und
Interessantem anwachsen konnte. Heute ist es aber umgekehrt: eine
Geschichte läßt sich Gott weiß wie groß an; wie sie aber den Leuten in
die Hände kommt, wird sie immer kleiner und kleiner, bis von ihr
schließlich nichts mehr zurückbleibt ... Gar mancher fängt zu lieben an
und gibt es plötzlich auf, weil es ihm zu langweilig wird. Worauf mag
das beruhen? Ich glaube, daß es viele Gründe hat. Und ist nicht einer
der Hauptgründe unsere Gleichgültigkeit gegen das, was man _persönliche
Ehre_ nennt?