Abends kam der Vater, ein noch nicht sehr alter, etwa
zweiundfünfzigjähriger Herr von angenehmem Äußeren. Er hatte eine
militärische Haltung, trug die Uniform eines verabschiedeten Offiziers
und Sporen, aber keinen Schnurrbart. Wir kannten ihn noch nicht und
merkten garnicht, wie er in das Zimmer seines Sohnes trat; wir sahen ihn
erst, als er wieder herauskam.
Gleich nach seiner Ankunft fragte er nach dem Burschen, ließ sich von
ihm ins Sterbezimmer führen und verblieb dort mit ihm unter vier Augen
mehrere Minuten. Als er dann zu uns in den Saal trat, mußten wir über
die stille Majestät in seinen Zügen staunen.
»Meine Herren,« sagte er, sich vor uns verbeugend, »ich stelle mich
Ihnen vor: ich bin der Vater Ihres unglücklichen Kameraden. Mein Sohn
ist tot, er hat selbst Hand an sich gelegt und mich und seine Mutter in
namenloses Unglück gestürzt ... Aber er konnte nicht anders, meine
Herren ... Er starb wie ein Mann von Ehre und Gewissen ... Und dies ist,
glauben Sie es mir, mein einziger Trost ...«
Mit diesen Worten ließ sich der alte Herr, der unsere Herzen sofort
gefangen genommen hatte, in einen Sessel vor dem runden Tisch sinken,
vergrub das Gesicht in die Hände und begann laut wie ein Kind zu
schluchzen.
Ich reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas Wasser.
Er trank davon zwei Schluck, drückte mir freundlich die Hand und sagte:
»Ich danke Ihnen allen, meine Herren!«
Dann fuhr er sich mit dem Tuch über das Gesicht und sagte:
»Das ist noch nicht das Schwerste ... Was bin ich? Aber wie soll ich es
meiner Frau sagen? ... Das Mutterherz wird es nicht ertragen können!«
Er wischte sich wieder die Tränen aus den Augen und begab sich zum
Obersten, um sich ihm vorzustellen.
Auch zum Obersten sagte er, daß Sascha »wie ein Mann von Ehre und
Gewissen« gestorben sei und daß er anders gar nicht hätte handeln
können.
Der Oberst starrte ihn lange an, lutschte dabei, wie es seine Gewohnheit
war, an einem Bonbon und sagte schließlich:
»Sie wissen doch, daß dem Selbstmorde ein gewisser unglücklicher Umstand
vorangegangen war ... Wir sind ja miteinander verwandt, und ich kann und
muß Ihnen alles sagen. Ich glaube an nichts, aber das Benehmen des
Kornetts war immerhin etwas sonderbar ...«
»Sein Benehmen war durchaus korrekt, Herr Oberst!«
»Ich glaube es Ihnen; wenn Sie aber doch den Schleier, der das Geheimnis
vor uns verdeckt, ein wenig lüften wollten ...«
»Ich kann es nicht, Herr Oberst ...«
Der Oberst zuckte die Achseln.
»Was soll man machen?!« sagte er. »Nun, mag es so bleiben.«
»Nur noch eines, Herr Oberst. Der fürstliche Generalbevollmächtigte wird
sein Geld nicht vom Regiment, sondern von mir bekommen. Dies ist mein
trauriges Vorrecht.«
»Ich wage nicht zu widersprechen.«
Saschas Vater überreichte an diesem selben Tag dem Polen unter vier
Augen die zwölftausend Rubel.
Awgust Matwejitsch nahm das Geld in die Hand, sagte: »Um nichts in der
Welt!« und steckte es dem Alten in die Tasche. Dann setzten sie sich
einander gegenüber und fingen beide zu weinen an.
»Großer Gott! Großer Gott!« rief der Alte. »Er hat so ehrenhaft, so
vornehm gehandelt, und doch ist noch ein Bösewicht im Spiele, der den
Diebstahl verübt hat.«
»Man wird ihn schon finden.«
»Ja, aber mein Sohn wird nicht wieder lebendig!«