Und doch blieb in uns allen neben der Trauer um den Kameraden ein
schwerer Zweifel zurück. An Saschas Leiche wurde aber indessen die
Sektion vorgenommen, man fälschte den Tatbestand und schrieb ins
Protokoll, daß er den Selbstmord »in einem Anfall von Wahnsinn« verübt
habe; der Pfarrer segnete die Leiche ein, und der Küster las eintönig
den Psalm: »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet
meine Seele, Gott, zu dir.«
Wir alle waren in gedrückter Stimmung. Wir gingen auf und ab, rauchten
bis zur Bewußtlosigkeit und weinten sogar ab und zu. Eine solche Jugend,
eine solche Frische mußte erlöschen! .. So wenig hatte er vom Honig
gekostet und mußte schon sterben!
Wir alle, in Schlachten erprobte oder jedenfalls zu Schlachten bestimmte
Männer waren auf einmal zu Waschlappen geworden. Der Pole verschob seine
Abreise: er wollte mit uns Sascha zum Grabe geleiten und dessen Vater
sehen, der, gleich am Morgen benachrichtigt, gegen Abend ankommen
sollte.
Wenn der Zimmerkellner Marko nicht gewesen wäre, so hätten wir wohl die
Stunden der Mahlzeiten vergessen; er aber sorgte für uns und auch für
die Leiche. Er wusch und kleidete sie ein, sagte uns, was und wo man
kaufen müsse und redete auf uns ein, wir sollten uns beruhigen.
»Alles geht nach dem Willen Gottes.« pflegte er zu sagen. »Wir sind wie
Gras.«
Er war immer auf dem Sprung und machte allerlei Besorgungen. Man
verhaftete die Hotelbediensteten unter verschiedenen Vorwänden und
durchsuchte ihre Sachen. Auch Saschas Bursche wurde durchsucht und
verhört, ob der Selbstmörder ihm vor dem Tode nichts übergeben hätte.
Der Soldat schien die Frage im ersten Augenblick nicht verstanden zu
haben. Nach einer Weile antwortete er aber:
»Der Herr Kornett hat mir keinerlei Geld übergeben.«
»Weißt du, was auf Hehlerei steht?«
»Jawohl.«
Selbstverständlich wurde er nicht von uns, sondern von den
Gerichtsbeamten verhört, denen man bekanntlich keinen Überfluß an
Zartgefühl vorwerfen kann.
Man ließ den Burschen laufen, und bald darauf sah man ihn schon mit dem
Putzen von Saschas Reservestiefeln beschäftigt.