Worin bestand nun das Geheimnis?
Damit meine Erzählung endlich einmal verständlich wird, muß ich es nun
verraten:
Sascha trug an seiner Brust das Aquarellbildnis seiner geliebten rosigen
Kusine Anna, die nun die Frau seines Obersten war und just in dem
Augenblick, in dem Sascha sich das Leben genommen, einem neuen
menschlichen Wesen das Leben geschenkt hatte.
Dieses Bildnis war weniger das Pfand leidenschaftlicher Liebe als
unschuldsvoller kindlicher Freundschaft und keuscher Gelübde; die rosige
Anna war aber die Frau des Obersten geworden, dieser wurde auf ihren
Vetter eifersüchtig, und Sascha mußte die Qualen eines Don Carlos
erdulden. Als diese Qual ihn schon beinahe wahnsinnig gemacht hatte, kam
die Geschichte mit dem Geld und der Durchsuchung, der obendrein auch
noch der Oberst beiwohnte, dazwischen.
Sascha hatte das Geheimnis seiner Kusine treu bewahrt.
Als er die Pistole schon vor die Brust hielt, händigte er das Bildnis
seinem Burschen ein und sagte ihm:
»Ich beschwöre dich bei Gott: übergib es dem Vater.«
Dieser gab es auch dem Vater vor dem Sarge des Sohnes.
Der Vater sagte, daß der Sohn wie ein Mann von Ehre und Gewissen
gestorben sei.
Das Bildnis war unschuldig, ziemlich unähnlich und trug in winziger
Schrift die Widmung: »Dem lieben Sascha seine treue Anna.«
Und kein Wort mehr ...
Heute erscheint es komisch, vielleicht sogar dumm! Vielleicht ist es
auch wirklich dumm. »Jede Zeit hat ihre Vögel, jeder Vogel hat sein
Lied.« Ich will nichts rechtfertigen und nichts kritisieren; ich will
nur von den Männern sprechen, die den Frauen _interessant_ erschienen.
Was war eigentlich dieser Kornett Sascha? Eine Null, oder sehr wenig, --
ein rosiger Knabe, ein Junker, ein gemästetes Muttersöhnchen in Uniform.
Er hatte keinerlei bezaubernde Gaben außer der Gabe der Jugend und des
... unbeugsamen Gefühls für die persönliche Ehre der Frau ... Sie werden
wohl sagen: ist denn das wert, daß man davor anbetend in die Knie sinkt?
Ich will Ihnen aber erzählen, wie die Leute aufs Angesicht fielen!
Das Geheimnis, das ich Ihnen eben zum Verständnis der Geschichte
eröffnen mußte, war damals natürlich keinem Menschen in der Stadt
bekannt; der Bursche kannte es nur zum Teil, und nur der Vater begriff
es vollkommen. Außerdem kam noch ein neuer Umstand hinzu, der die Sache
noch dunkler und verworrener erscheinen lassen mußte: der Zimmerkellner
Marko erzählte vielen Leuten unter Diskretion, daß er mit eigenen Augen
gesehen habe, wie der Bursche des Verstorbenen dem Vater etwas
eingehändigt hätte. Was mochte es wohl sein, das der eine so
geheimnisvoll übergeben und der andere ebenso geheimnisvoll eingesteckt
hatte? ... Das weiß Gott allein! Marko bekreuzigte sich und sagte:
»Ich will keine Sünde auf meine Seele nehmen, -- ich konnte nicht sehen,
was es war; ich sah nur ein in Papier eingewickeltes Paketchen.«
War das vielleicht das Geld? Warum sollte man unter diesen Umständen,
die von Augenblick zu Augenblick verworrener wurden und den
demoralisierenden Verdacht immer weiter um sich verbreiteten, nicht auch
an eine solche Möglichkeit denken? ... Ist denn nicht ein jeder, der ein
Paar Hände hat, auch imstande, sich mit ihnen das Geld anzueignen? Den
Dieb ausfindig zu machen, -- das ist die wichtigste Aufgabe: und die
Pflicht eines jeden ist, keinen noch so winzigen verdächtigen Umstand
außer Acht zu lassen ...
Ja, die Pflicht eines jeden, dessen argwöhnische Augen besser sehen als
das lichte Auge eines rührseligen Herzens; die Menschheit ist aber zu
ihrem großen Glück auch seelischen Offenbarungen zugänglich; die
Menschen betasten gleichsam die unsichtbare Wahrheit und ehren, durch
nichts gehemmt, einem elementaren Triebe gehorchend, das Unglück mit
ihren Tränen. Das sind heilige Stürme, die herabgesandt werden, um den
dicken erstickenden Nebel zu zerreißen; sie sind ein Hauch aus dem
Jenseits, sie sind eine Offenbarung, in der alles Verworrene klar wird.
Man ließ Marko nicht viel erzählen, was er alles gesehen haben wollte.
Alle _wußten_, daß der Bursche dem Vater des unglücklichen Sascha ein
_weibliches Bildnis_ übergeben hatte. Keine einzige Menschenseele wollte
daran auch nur einen Augenblick zweifeln; davon zeugte das Licht, wenn
es ins Fenster des Zimmers blickte, in dem die geheimnisvolle Übergabe
stattgefunden hatte; jeder Windhauch bestätigte es, und die Lerche sang
davon, in die Lüfte steigend ...
Saschas Beerdigung war nicht feierlich und nicht einmal rührend, sondern
erschreckend. Sie haben wohl alle, meine Herren, sogenannte »prunkvolle«
Beerdigungen gesehen. Ich meine garnicht die Beerdigungen mit großer
Parade, in denen sich nur die menschliche Eitelkeit äußert. Denken Sie
aber an die uns aus Beschreibungen bekannte Beerdigung Gogols,
Nekrassows oder Dostojewskijs, die allgemein als »weltgeschichtliche
Ereignisse« angesehen wurden. Sicher war in allen diesen Fällen auch
viel aufrichtiges Gefühl dabei, die Aufrichtigkeit wurde aber von
Nebensächlichkeiten erdrückt. Ich selbst habe der Beerdigung des
Generals Skobelew in Moskau beigewohnt. In diesem Falle war vielleicht
etwas mehr echte Trauer zum Durchbruch gekommen ... Sie können, wenn Sie
wollen, mich auslachen, ich muß aber sagen, daß Saschas Beerdigung auf
mich einen unvergleichlich tieferen Eindruck gemacht hat als jede andere
... Auch er wurde als Offizier mit allen vorgeschriebenen militärischen
Ehren beerdigt, aber alle diese Zeremonien standen nicht im Vordergrund
und wurden von den meisten überhaupt nicht beachtet. Die echte Trauer
der Menschen, die von überall herbeigeströmt waren, um beim Anblick
seines jugendlichen, totenblassen Gesichts zu weinen und vor Kummer zu
vergehen, hatte alles andere erdrückt und die ganze Luft in Beben
versetzt.