Wir drängten uns in Saschas kleines Zimmer und sahen ein erschütterndes
Bild: mitten im Zimmer stand, von einer niedergebrannten Kerze
beleuchtet, Saschas erschrockener Bursche und hielt ihn in seinen Armen,
während Saschas Kopf auf seiner Schulter ruhte. Die Arme hingen kraftlos
herab, aber die eingeknickten Kniee zuckten noch, wie wenn man ihn
kitzelte.
Die Geschichte mit dem Geld, die dies alles verschuldet, die sich
jedenfalls zur rechten Zeit abgespielt hatte, um dem Erscheinen der
»hypokratischen Züge« auf dem jugendlichen Gesicht des armen Sascha eine
Begründung zu geben, war nun vergessen ... Auch die Angst vor einem
Skandal war völlig in den Hintergrund getreten. Wir legten den
Verwundeten aufs Bett, schickten nach Ärzten und bemühten uns, ihm, dem
nichts mehr helfen konnte, Hilfe zu bringen ... Wir versuchten das Blut,
das unaufhörlich aus der Wunde strömte, zu stillen, riefen ihn bei
seinem Namen und schrien ihm ins Ohr: »Sascha! Sascha! Lieber Sascha!«
Er hörte aber wohl nichts mehr; er erlosch und erkaltete und lag nach
einer Minute auf seinem Bett so steif und unbeweglich wie ein Bleistift.
Viele weinten, und der Bursche schluchzte laut ... Der Zimmerkellner
Marko drängte sich zu der Leiche vor und sagte leise, seiner religiösen
Stimmung treu:
»Meine Herren, man darf nicht weinen, wenn eine Seele den Körper
verläßt. Beten Sie doch lieber!« Mit diesen Worten schob er uns etwas
zur Seite und stellte auf den Tisch einen Teller mit reinem Wasser.
»Was ist das?« fragten wir ihn.
»Wasser«, antwortete er.
»Wozu?«
»Damit seine Seele sich darin wäscht.«
Marko legte die Leiche ordentlich auf den Rücken und drückte ihr die
Augenlider zu ...
Wir alle bekreuzigten uns und weinten. Der Bursche fiel in die Kniee und
schlug mit der Stirne gegen den Fußboden, daß man es hörte.
Zwei Ärzte -- unser Regimentsarzt und einer von der Polizei -- kamen
gelaufen und konstatierten »die Tatsache des Todes«.
Sascha war tot ...
Wer oder was war die Ursache seines Selbstmordes? Wo ist das Geld, wer
ist der Dieb, der es genommen hat? Wie wird sich diese Geschichte, die
wie der Inhalt eines aufgeschnittenen Daunenkissens durch die Luft
wirbelte und an uns allen kleben blieb, weiter entwickeln?
Allen war es ganz wirr im Kopfe. Die Leiche hatte aber doch die Kraft,
alle Gedanken auf sich zu lenken und uns zu zwingen, sich in erster
Linie mit ihr zu befassen.
In Saschas Zimmer erschienen Polizeibeamte, Ärzte und Heilgehilfen, und
man begann ein Protokoll aufzunehmen. Unsere Gegenwart wurde als störend
befunden, und man ersuchte uns, das Zimmer zu verlassen. Man entkleidete
Sascha und durchsuchte seine Sachen in Gegenwart von Zeugen, unter denen
sich der Zimmerkellner Marko, unser Regimentsarzt und einer der
Offiziere als Delegierter befanden. Das Geld wurde selbstverständlich
nicht gefunden.
Unter dem Tische fand man die Pistole und auf dem Tische einen Zettel,
auf dem Sascha mit flüchtiger Schrift hingekritzelt hatte: »Papa und
Mama, verzeiht mir, ich bin unschuldig.«
Um dieses zu schreiben, hatte er wohl kaum mehr als zwei Sekunden
gebraucht.
Der Bursche, der Zeuge des Selbstmordes gewesen war, erzählte, daß
Sascha, gleich als er in sein Zimmer hereingestürzt war, stehend diese
Zeilen geschrieben, sich dann die Kugel ins Herz gejagt hatte und
sterbend in seine Arme gefallen war.
Der Soldat wiederholte diesen Bericht einige Male in der gleichen
Fassung allen, die ihn ausfragten. Dann stand er schweigend da und
zwinkerte mit den Augen. Als aber Awgust Matwejitsch auf ihn zuging, ihm
in die Augen blickte und ihn nach weiteren Einzelheiten ausfragen
wollte, wandte sich der Bursche an den Rittmeister und sagte:
»Herr Rittmeister, erlauben Sie, daß ich hinausgehe und mich wasche: an
meinen Händen ist Christenblut.«
Man erlaubte es ihm, weil er tatsächlich über und über mit Blut befleckt
war, was einen schrecklichen Anblick bot.
Das alles spielte sich bei Tagesanbruch ab; der Himmel rötete sich
schon, und das erste Morgenlicht drang durch die Fenster herein.
In den von den Offizieren bewohnten Zimmern standen alle Türen nach dem
Korridor offen, und überall brannte Licht. Einige Offiziere saßen mit
gesenkten Köpfen ganz fassungslos in ihren Zimmern. Alle sahen mehr wie
Mumien als wie lebende Menschen aus. Der Rausch hatte sich wie ein Nebel
verflüchtigt, ohne auch eine Spur zu hinterlassen ... Alle Gesichter
drückten Verzweiflung und Trauer aus ...
Der arme Sascha! Wenn sein Geist sich noch für die irdischen Dinge
interessieren könnte, so würde er sicher einen Trost darin finden, daß
alle mit solcher Liebe an ihm hingen und daß es allen so weh tat, ihn,
den blühenden und lebensvollen Jüngling zu überleben!
Auf ihm lastete aber ein Verdacht ... ein schrecklicher, schändlicher
Verdacht. Wer würde es aber jetzt wagen, von diesem Verdacht zu seinen
alten Kameraden zu sprechen, über deren bekümmerte Gesichter die Tränen
rollten? ...
»Sascha! Sascha! Armer junger Sascha! Was hast du getan?« flüsterten
alle Lippen, und plötzlich standen alle Herzen still, und ein jeder von
uns fragte sich: »Bist du nicht auch selbst schuld daran? Hast du nicht
gesehen, in welcher Verfassung er war? Hast du auf deine Kameraden
einzuwirken versucht, daß sie ihn in Ruhe ließen? Hast du ihnen gesagt,
daß du ihm vertraust und die Unantastbarkeit seines Geheimnisses
achtest? Sascha! Armer Sascha! Was ist das für ein Geheimnis, das ihn
zugrunde gerichtet hat, das er ins Jenseits mitgenommen hat? ... Er ist
natürlich rein und von jedem schmählichen Verdacht frei ... Fluch über
den, der ihn in den Tod getrieben hat!«
Wer hat es aber getan?
X
Awgust Matwejitschs Türe stand ebenso offen wie die Türen aller
Offizierszimmer; es brannte aber darin kein Licht, und im blassen
Morgenscheine konnte man nur einen eleganten Reisekoffer und anderes
Gepäck unterscheiden. In einer Ecke stand das leicht aufgewühlte Bett.
Wenn man an diesem Zimmer vorbeiging, hatte man den Wunsch, stehen zu
bleiben und einen Blick hineinzuwerfen: Was birgt dieses Zimmer? Woher
und wofür ist dieses Unglück über uns gekommen?
Mich zog es hin, nachzuschauen, ob das verschwundene Geld nicht in
diesem Zimmer sei: hat nicht der Pole selbst das Geld in seinem Zimmer
vergessen und dann diese ganze Geschichte inszeniert, die uns so viel
Unannehmlichkeiten und den Verlust unseres schönen, jungen Kameraden
gekostet hat? Ich war schon bereit, in das Zimmer einzudringen und es zu
durchsuchen; glücklicherweise wurde ich aber rechtzeitig gestört.
Aus dem Ende des Korridors, wo sich das große Zimmer befand, in dem
nachts gespielt und gezecht wurde, riefen mir in diesem Augenblick
mehrere Stimmen zu:
»Wohin? Wohin? .. Diese Dummheit fehlt uns noch gerade!«
Ich fühlte mich auf einmal verlegen und entmutigt. Ich sah plötzlich
ein, wie leichtsinnig mein Vorhaben war und wie leicht ich in den
Verdacht kommen könnte, in diese Sache irgendwie verwickelt zu sein.
Ich bekreuzigte mich und ging mit raschen Schritten auf die Stimmen zu,
die mich von meinem Vorhaben abgebracht hatten.
Vor dem noch finstern, nach Norden gehenden Korridorfenster saßen auf
der mit einer schmutzigen Pferdedecke bedeckten Bank, die dem Burschen
des Rittmeisters als Lager diente, drei Offiziere und unser
Regimentspfarrer. Der Pfarrer trug sein langes Haar zum Zopf geflochten
und hatte einen üppigen blonden Vollbart, dem er den Namen »Vater
Barbarossa« verdankte. Er war sehr gutmütig, nahm sich alle unsere
Regimentsaffären zu Herzen, drückte aber seine Gefühle nicht durch
Worte, sondern nur durch ein vielsagendes Kopfnicken und ein gedehntes
»Ja« aus. Nur in den dringendsten Fällen sprach er etwas mehr und zeigte
dann immer Geistesgegenwart und Findigkeit.
Die drei Offiziere und der Pfarrer rauchten abwechselnd aus zwei
Pfeifen. Der Pfarrer saß in der Mitte der Gruppe und bekam daher die
Pfeife wie von rechts, so auch von links gereicht; auf diese Weise hatte
er vom Rauchen den doppelten Genuß, den er außerdem noch auf die Weise
vergrößerte, daß er nach jedem Zug aus der Pfeife sich das Gesicht mit
dem herrlichen Vollbart bedeckte und den Rauch ganz langsam durch diesen
eigenartigen Respirator hinausließ.
Diese guten Menschen saßen auf ihrer Bank nahe bei dem Zimmer des
Rittmeisters, das jetzt abgesperrt war; drinnen wurde lebhaft, aber
gedämpft gesprochen. Man hörte mehrere Stimmen, konnte aber kein
einziges Wort unterscheiden.
Hinter der verschlossenen Tür befanden sich unser Regimentskommandeur,
der Rittmeister und der Urheber des ganzen Unglücks -- Awgust
Matwejitsch. Der Oberst selbst hatte die beiden Herren zu dieser
Besprechung eingeladen, niemand wußte aber, was er von ihnen wollte. Die
drei Offiziere und der Pfarrer hatten aus eigenem Antriebe den Posten in
der Nähe des Zimmers bezogen, um den Kameraden zur Hilfe eilen zu
können, wenn die Auseinandersetzung sich zuspitzen sollte.
Diese Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos: das Gespräch wurde,
wie gesagt, in höchst anständiger Form geführt; der Ton wurde immer
weicher und klang zuletzt durchaus freundschaftlich und herzlich. Dann
hörten wir, wie die Stühle zurückgeschoben wurden und wie zwei Herren
sich der Türe näherten.
Der Schlüssel wurde umgedreht, und in der offenen Tür erschienen der
Regimentskommandeur und Awgust Matwejitsch.
Ihr Gesichtsausdruck war, wenn auch nicht gerade ruhig, so doch
jedenfalls friedfertig.
Der Oberst drückte dem Polen die Hand und sagte:
»Ich freue mich, daß ich Ihnen die Gefühle entgegenbringen kann, die Sie
mir unter diesen schrecklichen Umständen einzuflößen verstanden. Ich
bitte Sie, meiner Aufrichtigkeit ebenso zu vertrauen, wie ich der
Ihrigen vertraue.«
Der Pole verbeugte sich vor ihm mit großer Würde und begab sich
schweigend auf sein Zimmer; der Oberst aber wandte sich an uns mit den
Worten:
»Ich eile nach Hause und bitte Sie, sich zum Rittmeister zu begeben: Sie
werden von ihm erfahren, wie wir uns alle zu verhalten haben.«
Der Oberst nickte uns zu und begab sich zum Ausgang. Noch ehe die Türe
unten hinter ihm ins Schloß gefallen war, füllten wir schon das Zimmer
des Rittmeisters.