Es ist sehr schwer, Ereignisse wie dieses gleichgültigen Zuhörern zu
schildern, wenn man auch selbst nicht mehr so erregt ist, wie man es
seinerzeit war. Jetzt, da ich Ihnen erzählen muß, was weiter geschah,
fühle ich, daß ich es unmöglich mit jener Lebendigkeit, Kompaktheit und
Intensität wiedergeben kann, mit der die Ereignisse sich damals
überstürzten und sich aufeinander türmten, um gleichsam von einer
schicksalsschweren Höhe auf die Unzulänglichkeit der menschlichen
Vernunft herabzublicken und sich gleich wieder in der Natur aufzulösen.
Wenn Sie die Berichte Jacolios oder unserer Landsmännin Rada-Bay gelesen
haben, so wissen Sie vielleicht noch, was sie von der »psychischen
Kraft« der Hindus und von der Abhängigkeit dieser Kraft von der
»geistigen Stimmung« erzählen. Die psychische Kraft wohnt vielleicht
auch dem Stutzer inne, der, das Stöckchen schwingend, durch die Straßen
flaniert und »Nun sind wir da, nun sind wir da!« aus dem »Orpheus«
singt. Nun versuche aber einer zu ergründen, wo in ihm diese Kraft
steckt und worauf sie sich anwenden läßt. Der Prediger Salomo erläutert
es trefflich am Beispiele des Schattens, den der Baum in der Richtung
des auf ihn fallenden Lichtes wirft ... Bei einer allgemeinen Panik
verlieren alle den Kopf und halten das Nebensächlichste für das
Wichtigste; ein einziger anders gestimmter Blick sieht aber in diesem
Moment das einzig Wichtige: da haben Sie einen Fall der »psychischen
Kraft«.
Ein winziges Teilchen dieser Kraft durchzuckte mich in dem Augenblick,
als Sascha aus dem Zimmer stürzte. In seiner Bewegung, in seinem
plötzlichen Sprung war etwas Schreckliches: er war nicht einfach
weggelaufen, er hatte sich von uns losgerissen, war uns sozusagen auf
Nimmerwiedersehen entschwebt ... Wir hörten sogar seine Schritte nicht,
es war nur ein leises Rauschen durch den Korridor ... Der Pole stürzte
ihm augenblicklich nach ... Wir glaubten, daß er ihn einholen und des
Diebstahls überführen wolle; ich habe Ihnen schon erzählt, daß Sascha
vorher das Unglück gehabt hatte, aus Versehen in das Zimmer des Polen
einzudringen, was diesem das Recht gab, seinen Verdacht gerade auf ihn
zu richten. Übrigens waren wir alle davon überzeugt, daß der Pole das
Geld tatsächlich gehabt hatte und daß es ihm in unserem Kreise abhanden
gekommen war. Mehrere Offiziere stürzten zur Türe, um Awgust Matwejitsch
den Weg zu versperren, und der Oberst rief ihm zu:
»Sie bleiben hier! Ihr Geld wird Ihnen ersetzt werden!«
Der Pole aber stieß die Offiziere mit unerwarteter Kraft zurück und
antwortete dem Obersten:
»Der Teufel soll das Geld holen!« Und lief Sascha nach.
Jetzt erst sahen wir den unverzeihlichen Fehler ein, den wir vorhin
gemacht hatten, als wir uns selbst durchsuchen ließen und dasselbe nicht
auch vom Polen, der diese ganze Geschichte verschuldet hatte,
verlangten. Wir stürzten ihm nach, um ihn zu packen und ihm die
Möglichkeit zu nehmen, das Geld irgendwo zu verstecken und uns hinterher
zu beschuldigen; aber in diesem selben Augenblick, -- es ging viel
schneller, als ich es Ihnen erzähle, -- erklang im Korridor etwas wie
Händeklatschen ...
Uns durchzuckte der Gedanke, daß der Pole Sascha ins Gesicht geschlagen
hatte, und wir eilten unserem Kameraden zu Hilfe. Die Hilfe war aber
unnötig ...
In der Türe vor uns stand schwankend die lange, an eine Standuhr
gemahnende Gestalt Awgust Matwejitschs mit dem Grahamschen Zifferblatt,
dessen Zeiger nach unten wiesen ...
»Es ist zu spät ...« keuchte er: »_er hat sich erschossen_.«