Unser Regimentskommandeur war ein nicht mehr junger, sehr anständiger
und guter Soldat, aber ein rauher, strenger Mensch, ganz »ohne
Zartgefühl für das weibliche Geschlecht«, wie man sich damals
ausdrückte. Er war einige fünfzig Jahre alt und schon zweimal
verheiratet gewesen; seine zweite Frau hatte er in T. verloren und war
eben im Begriff, ein junges Mädchen, das aus einer nicht sehr reichen
Gutsbesitzersfamilie stammte, zu heiraten. Sie hieß Anna Nikolajewna.
Dieser so gewöhnliche Name entsprach durchaus ihrer ganzen gewöhnlichen
Erscheinung. Sie war von mittlerem Wuchs, weder dick noch schlank, weder
hübsch noch häßlich, hatte blonde Haare, blaue Äuglein, rote Lippen,
weiße Zähne, ein rundes, weißes Gesicht und je ein Grübchen in jeder
rosigen Wange, -- mit einem Worte, ein Mädchen, das wenig Begeisterung
wecken kann, eines von denen, die man »Trost des Greisenalters« zu
nennen pflegt.
Unser Kommandeur lernte sie in Gesellschaft durch ihren Bruder, der bei
uns als Kornett diente, kennen und hielt durch Vermittlung dieses selben
Bruders um ihre Hand an.
Das wurde ganz einfach und kameradschaftlich gemacht. Er ließ den jungen
Offizier zu sich ins Kabinett kommen und sagte ihm:
»Hören Sie einmal, Ihre würdige Schwester hat auf mich den angenehmsten
Eindruck gemacht. Sie wissen wohl selbst, wie unangenehm es mir in
meinem Alter und bei meiner Position wäre, einen Korb zu bekommen. Wir
beide sind aber Soldaten, und Ihre Aufrichtigkeit kann mich unmöglich
verletzen ... Wenn mein Antrag angenommen wird, so ist es gut; wenn sie
mir aber absagen sollte, wird es mir auch im Traume nicht einfallen, es
Ihnen irgendwie übelzunehmen. Erkundigen Sie sich also ...«
Jener erwiderte ebenso einfach:
»Gut, ich werde mich erkundigen.«
»Danke.«
»Kann ich vielleicht zu diesem Zweck einen Urlaub von drei oder vier
Tagen bekommen?«
»Bitte sehr, auch für eine Woche.«
»Darf mich vielleicht mein Vetter begleiten?«
Sein Vetter war ein ebenso zarter und rosiger Jüngling wie er selbst.
Wir nannten ihn alle »Sascha die Rose«. Beide jungen Leute waren gleich
gewöhnlich und verdienen keine eingehende Schilderung.
Der Kommandeur fragte den Kornett:
»Was brauchen Sie Ihren Vetter in dieser Familienangelegenheit?«
Der Kornett antwortet, daß er den Vetter eben für diese
Familienangelegenheit brauche.
»Während ich mit den Eltern verhandeln werde,« sagt der Kornett, »wird
der Vetter meine Schwester in ein Gespräch ziehen und ihre
Aufmerksamkeit ablenken, bis ich mit den Eltern fertig geworden bin.«
Der Kommandeur antwortet:
»Gut, fahren Sie in diesem Falle alle beide hin, ich will auch Ihrem
Vetter einen Urlaub geben.«
Die beiden Kornetts fahren heim und führen den Auftrag zu voller
Zufriedenheit des Kommandeurs aus. Der Bruder des jungen Mädchens kommt
nach einigen Tagen zurück und meldet:
»Wenn Sie wollen, können Sie bei meinen Eltern brieflich oder mündlich
um die Hand meiner Schwester anhalten. Sie haben keine Absage zu
gewärtigen.«
»Und wie stellt sich Ihre Schwester dazu?«
»Auch die Schwester ist einverstanden.«
»Nun, freut sie sich oder nicht?«
»Ich weiß wirklich nicht.«
»Ist sie wenigstens zufrieden oder eher unzufrieden?«
»Die Wahrheit zu sagen, hat sie überhaupt nichts geäußert. Sie sagte nur
zu den Eltern: Ganz wie Sie es befehlen, ich will mich Ihnen fügen.«
»Es ist ja sehr schön, daß sie das sagte, aber man kann doch in den
Augen und im Gesicht lesen, was sich ein junges Mädchen dabei denkt!«
Der Kornett entschuldigt sich und sagt, er sei als Bruder an das Gesicht
seiner Schwester so gewöhnt, daß er darin nicht zu lesen verstünde und
den Ausdruck ihrer Augen nicht beobachtet habe; darum könne er darüber
nichts Bestimmtes sagen.
»Aber Ihr Vetter hat doch etwas bemerken können. Haben Sie denn nicht
auf der Rückfahrt mit ihm darüber gesprochen?«
»Nein,« antwortet jener, »wir haben darüber nicht sprechen können: ich
wollte Ihnen die Antwort so schnell wie möglich überbringen, mein Vetter
ist aber noch dort geblieben, und ich habe die Ehre, Ihnen gehorsamst zu
melden: er ist plötzlich erkrankt, und wir haben sofort seine Eltern
benachrichtigt.«
»So! Was hat er denn?«
»Es war eine plötzliche Ohnmacht und ein Schwindelanfall.«
»Eine echte Mädchenkrankheit. Schön. Ich danke Ihnen. Da wir nun
miteinander so gut wie verwandt sind, bitte ich Sie, mit mir heute zu
Mittag zu essen.«
Beim Mittagessen fragt er ihn immer nach dem Vetter aus: was der für ein
Mensch sei, wie seine Eltern sich zu ihm verhielten, unter welchen
Umständen er in Ohnmacht gefallen sei. Dabei schenkt er dem jungen Mann
immer wieder Wein ein und macht ihn so betrunken, daß der Kornett sich
wohl sicher verschnappt hätte, wenn er etwas gewußt hätte;
glücklicherweise lag aber nichts vor, und der Kommandeur heiratete bald
darauf Anna Nikolajewna. Wir alle waren bei der Hochzeit und tranken
Bier und Wein. Die beiden Kornette -- der Bruder und der Vetter -- waren
aber Brautführer, und man konnte keinem von den Beteiligten auch nur das
Geringste anmerken. Die jungen Leute setzten ihr flottes Leben fort,
unsere Kommandeuse aber wurde von Tag zu Tag voller und begann seltsame
Gelüste zu äußern. Der Kommandeur freute sich darüber und bemühte sich,
alle ihre Wünsche zu befriedigen, und die beiden jungen Leute -- der
Bruder und der Vetter -- suchten ihn darin noch zu übertreffen. Wegen
jeder Kleinigkeit schickte man eine Troika nach Moskau. Ihr Appetit war
aber nicht auf irgendwelche ausgesuchte Leckerbissen, sondern auf ganz
gewöhnliche Dinge gerichtet, doch auf solche, die schwer zu beschaffen
waren: bald verlangte sie nach Sultan-Datteln, bald nach griechischer
Chalwa, mit einem Worte nach lauter einfachen und kindlichen Dingen, wie
sie auch selbst einen durchaus kindlichen Eindruck machte. Endlich kam
für sie die schwere Stunde, und man ließ aus Moskau eine Hebamme kommen.
Ich erinnere mich noch, daß diese Hebamme in die Stadt just um die
Stunde gefahren kam, als man in allen Kirchen zur Abendmesse läutete,
was unsere Heiterkeit erregte: »Schaut nur, die weise Frau wird mit
Glockengeläute begrüßt! Was für Freuden wird sie uns wohl bringen?« Und
wir warteten auf das Ereignis mit solcher Spannung, wie wenn das ganze
Regiment daran beteiligt wäre. Indessen geschah aber etwas ganz
Unerwartetes.