Wenn Sie bei Bret Harte gelesen haben, welches Interesse ein Häuflein
Vagabunden in der amerikanischen Wüste für die Niederkunft einer fremden
Frau zeigte, so werden Sie auch das Interesse begreifen, mit dem wir,
verbummelte Offiziere, die Niederkunft unserer jungen Kommandeuse
erwarteten. Diesem Ereignisse maßen wir große Bedeutung bei und faßten
den Beschluß, die Geburt des Kindes durch ein Trinkgelage zu feiern. Wir
gaben unserem Restaurateur den Auftrag, einen ordentlichen Vorrat an
Sekt bereit zu halten. Um aber inzwischen die Zeit totzuschlagen,
setzten wir uns beim Abendläuten an die Kartentische.
Ich wiederhole, das Kartenspiel war für uns eine Beschäftigung, eine
Gewohnheit, eine Arbeit und das beste uns bekannte Mittel gegen
Langweile. Das Spiel begann auch an diesem Abend auf die gleiche Weise
wie an den vorhergehenden. Die älteren Offiziere, die Rittmeister und
die Stabsrittmeister mit den ersten grauen Haaren in den Schnurrbärten
und an den Schläfen machten den Anfang. Sie setzten sich an die
Kartentische just in dem Augenblick, als man zur Abendmesse zu läuten
anfing und die Bürger, einander mit großem Respekt begrüßend, in die
Kirchen zogen, um zu beichten und zu kommunizieren: das Ereignis, von
dem ich spreche, spielte sich am Freitag in der sechsten Fastenwoche ab.
Die Rittmeister blickten diesen guten Christen und auch der Hebamme
nach, die gerade in die Stadt einzog, wünschten ihnen allen in ihren
einfältigen Soldatenherzen Glück und Erfolg, ließen in dem größten
Hotelzimmer die grünen Kattunvorhänge herunter, zündeten die Leuchter an
und setzten sich an die Arbeit.
Die Jugend machte indessen noch einige Touren durch die Straßen,
wechselte im Vorbeigehen Blicke mit den Kaufmannstöchtern und erschien,
als es schon ganz dunkel geworden war, im gleichen Hotelzimmer.
Ich kann mich gut an diesen Abend und wie er diesseits und jenseits der
grünen Vorhänge verlief, erinnern. Draußen war es wunderschön. Der
heitere Märztag war im schönsten Abendrot verglommen; die Pfützen, die
während des Tages aufgetaut waren, überzogen sich wieder mit einer
Eiskruste; es wurde frisch und kühl, in der Luft aber schwebte schon der
Duft des Frühlings, und in der Höhe sangen die Lerchen. Die Kirchen
waren halbbeleuchtet, und die von ihren Sünden erlösten Beichtenden
kamen einzeln heraus. Ganz langsam, ohne mit jemand zu sprechen, gingen
sie durch die Gassen und verschwanden stumm in den Häusern. Sie alle
waren nur um das eine besorgt: jeder Ablenkung aus dem Wege zu gehen und
den Frieden, der ihre Herzen erfüllte, nicht zu verlieren.
In der ganzen Stadt, die ja auch sonst nicht sehr belebt war, wurde es
auf einmal still. Die Haustore wurden abgesperrt, hinter den Zäunen
erklirrten die Ketten der Hofhunde, und alle kleinen Wirtshäuser wurden
geschlossen; nur vor dem von uns besetzten Hotel standen noch immer zwei
Mietsdroschken mit ausgesucht schönen Pferden, in Erwartung, daß wir sie
noch zu irgendeinem Zweck brauchen würden.
Auf der hartgefrorenen Schneedecke der großen Straße klapperte plötzlich
ein mit drei Pferden bespannter Reiseschlitten. Er hielt vor dem Hotel,
ihm entstieg ein uns unbekannter schlanker Herr in einem Bärenpelz mit
langen Ärmeln und erkundigte sich, ob noch ein Zimmer frei sei.
Das geschah gerade in dem Augenblick, als ich und noch zwei junge
Offiziere vom letzten Rundgang durch die Straßen, in deren Fenstern
nochmals die spröden Kaufmannstöchter erschienen, ins Hotel
zurückkehrten.
Wir hörten, wie der Neuankömmling ein Zimmer verlangte und wie der
Zimmerkellner Marko, der ihn mit »Awgust Matwejitsch« anredete, seine
Frage beantwortete:
»Ich wage es nicht, Sie anzulügen und zu sagen, daß wir kein Zimmer
haben. Wir haben wohl ein Zimmer, aber ich weiß wirklich nicht, ob es
Ihnen passen wird.«
»Was ist denn damit?« fragte der Gast: »Ist es schmutzig oder voller
Wanzen?«
»Nein, Sie wissen doch selbst, daß wir bei uns keinen Schmutz und keine
Wanzen dulden. Wir haben aber sehr viel Offiziere im Hause.«
»Machen die solchen Lärm?«
»Ja, Sie können es sich wohl selbst denken: es sind lauter Junggesellen,
die immer auf und ab rennen und pfeifen ... Ich muß es Ihnen sagen,
damit Sie uns später keine Vorwürfe machen ... Wir können ja die jungen
Leute nicht bändigen.«
»Das wäre ja nicht schlecht! Selbstverständlich darf sich niemand
unterstehen, Offizieren Ruhe zu gebieten! Was wäre das für ein Leben?
... Ich bin aber müde und glaube, daß ich schon irgendwie einschlafen
werde.«
»Natürlich werden Sie einschlafen. Ich mußte aber Euer Gnaden für jeden
Fall darauf aufmerksam machen. Darf ich das Gepäck und das Bettzeug
hinauftragen?«
»Trag es nur hinauf, mein Bester. Ich komme direkt aus Moskau, habe mich
unterwegs nirgends aufgehalten und bin so müde, daß mich wohl kein Lärm
wecken wird.«
Der Kellner führte den Gast hinauf, und wir begaben uns in das größte
Zimmer, das dem Schwadrons-Rittmeister gehörte. Hier war unsere ganze
Gesellschaft versammelt mit Ausnahme des Vetters der Kommandeuse: er
klagte über Unwohlsein, wollte weder trinken noch spielen und ging immer
den Korridor auf und ab.
Der Bruder der Kommandeuse hatte an unserer Fensterparade teilgenommen
und sich gleich uns an den Kartentisch gesetzt. Sascha aber blickte nur
einmal in das Spielzimmer hinein und begann dann wieder im Korridor auf-
und abzugehen.
Er machte einen seltsamen Eindruck, so daß wir auf ihn aufmerksam werden
mußten. Er schien entweder krank oder verstimmt; wenn man ihn aber
genauer ansah, schien keines von beiden der Fall zu sein. Er machte nur
den Eindruck, wie wenn er im Geiste irgendwo weit von uns allen
schweifte und an etwas, was uns allen fremd und ferne lag, dächte. Wir
sagten im Scherze: »Du hast dich wohl in die Hebamme vergafft!« legten
aber seinem Benehmen keine große Bedeutung bei. Er war ja noch sehr jung
und den beliebten Offizierstrank »aus neun Elementen« nicht gewohnt. Es
war sehr wahrscheinlich, daß sein Zustand nur eine Folge der
vorhergehenden Trinkgelage war. Im Spielzimmer war es wie immer so
vollgeraucht, daß man leicht Kopfweh bekommen konnte; schließlich war es
auch möglich, daß seine Finanzen zerrüttet waren: er hatte in der
letzten Zeit sehr hoch gespielt und größere Summen verloren; er hatte
aber gewisse moralische Grundsätze und scheute sich, seinen Eltern mit
solchen Dingen zu kommen.
Wir ließen also den jungen Mann in dem mit einem Tuchläufer belegten
Korridor auf und abgehen. Wir selbst aber spielten, tranken und aßen,
stritten und lärmten und dachten weder an die späte Stunde, noch an das
freudige Ereignis, das im Hause des Kommandeurs erwartet wurde. Diese
Vergessenheit wurde vollständig, als sich bald nach Mitternacht etwas
ereignete, wobei der unbekannte Gast, der, wie gesagt, vor unseren Augen
dem Reiseschlitten entstiegen war, die Hauptrolle spielte.
V
Gegen zwei Uhr nachts erschien in unserem Spielzimmer der Zimmerkellner
Marko und meldete nach einigem Zögern, daß der eben eingetroffene
fürstliche Generalbevollmächtigte sich höflichst entschuldige und
anfrage, ob die Herren Offiziere ihm gestatten möchten, zu ihnen zu
kommen und am Kartenspiel teilzunehmen; er könne nämlich nicht
einschlafen und langweile sich.
»Kennst du denn den Herrn?« fragte der älteste Offizier.
»Aber ich bitte Sie! Wie sollte ich denn Awgust Matwejitsch nicht
kennen? Man kennt ihn nicht nur hier, sondern in ganz Rußland, überall
wo der Fürst seine Güter hat. Awgust Matwejitsch ist sein
Generalbevollmächtigter, verwaltet alle fürstlichen Güter und
Besitztümer, und sein Gehalt allein beträgt an die vierzigtausend Rubel
im Jahre.« (Damals rechnete man noch nach Assignaten.)
»Ist er Pole?«
»Er stammt wohl von Polen ab, ist aber ein wirklich vornehmer Herr und
war einmal selbst Offizier.«
Wir alle hielten den Kellner, der uns das meldete, für zuverlässig und
uns ergeben. Er war intelligent und sehr religiös; er ging jeden Morgen
zur Frühmesse und sparte Geld, um seinem Heimatsorte eine Kirchenglocke
zu stiften. Als Marko sah, daß wir uns für den Fremden interessierten,
berichtete er uns noch mehr:
»Awgust Matwejitsch kommt jetzt direkt aus Moskau. Man sagt, daß er eben
zwei fürstliche Güter bei der Vormundschaftsbank verpfändet hat. Er wird
wohl eine nette Summe bei sich haben und möchte sich gerne zerstreuen.«
Die Offiziere wechselten Blicke, flüsterten miteinander und erklärten:
»Nun, soll er nur die Dukaten aus seinem Beutel in unsere Taschen
umquartieren. Der neue Mensch soll nur kommen und neues Leben in unsere
Gesellschaft bringen!«
»Garantierst du uns auch dafür,« fragten wir den Zimmerkellner, »daß er
Geld bei sich hat?«
»Aber erlauben Sie! Awgust Matwejitsch hat immer Geld bei sich.«
»Wenn es sich so verhält, so soll er nur mit seinem Geld kommen. Nicht
wahr, meine Herren?« wandte sich der älteste Rittmeister an uns alle.
Alle erklärten sich einverstanden.
»Schön. Sag ihm also, Marko, daß wir ihn bitten lassen.«
»Zu Befehl.«
»Deute ihm aber an oder sage es ihm auch geradeaus, daß wir, obwohl wir
Kameraden sind, auch unter uns nur um bares Geld spielen. Es gibt bei
uns weder Kreide noch Kredit.«
»Zu Befehl. Sie können aber unbesorgt sein: er hat immer Geld.«
»Gut, wir lassen bitten.«
Nach einer ganz kurzen Weile, die für einen Mann, der kein besonderer
Stutzer ist, eben genügt, um sich umzuziehen, geht die Türe auf, und in
unserer Rauchwolke erscheint ein schlanker, wohlgebauter, nicht mehr
junger Herr von höchst anständigem Aussehen. Er trägt Zivil, hält sich
aber wie ein Militär, man könnte beinahe sagen, wie ein Gardeoffizier,
d. h. kühn, selbstbewußt, nicht ohne eine träge Grazie und Blasiertheit,
wie es damals Mode war. Sein Gesicht ist hübsch, seine Züge sind darin
ebenso streng und regelmäßig verteilt wie die Ziffern auf dem
Metallzifferblatt einer englischen Standuhr von Graham. Alles bewegt
sich darin so abgemessen, wie die Zeiger auf einer solchen Uhr.
Er ist auch selbst so lang wie eine Standuhr, und seine Stimme klingt
wie ein Grahamsches Schlagwerk.
»Meine Herren, ich bitte um Vergebung, daß ich in Ihren Freundeskreis
eingedrungen bin. Ich heiße so und so, eile aus Moskau nach Hause, bin
aber sehr müde und wollte hier ausschlafen. Da hörte ich Ihre Stimmen,
und die Ruhe floh meine Augenlider. Ich fühlte mich wie ein altes
Schlachtpferd von Kampfeslust beseelt und danke Ihnen aufrichtig, daß
Sie mich in Ihren Kreis aufnehmen wollen.«
Man antwortet ihm:
»Wir bitten recht schön! Wir sind einfache Menschen und machen keine
großen Zeremonien. Wir sind unter uns Kameraden und halten uns ganz
ungezwungen.«
»Einfachheit«, antwortet er, »ist das Schönste in der Welt: Gott liebt
sie, und in ihr liegt die ganze Poesie des Lebens. Ich war ja einmal
selbst beim Militär. Obwohl ich aus Familienrücksichten den Dienst
quittieren mußte, bin ich den militärischen Sitten doch treu geblieben
und hasse alles Zeremonielle. Sie haben aber, wie ich sehe, Ihre Röcke
an, und hier ist es doch so heiß?«
»Offen gestanden, haben wir die Röcke erst unmittelbar vor Ihrem
Erscheinen angezogen.«
»Sie sollten sich schämen! Das befürchtete ich ja eben. Da Sie aber
schon einmal so freundlich waren, mich aufzunehmen, so können Sie mir
gleich bei Beginn unserer Bekanntschaft gar keine größere Freude machen,
als wenn Sie die Röcke wieder ablegen und sich ebenso ungezwungen
fühlen, wie Sie es vor meinem Erscheinen waren.«
Die Offiziere ließen sich überreden und saßen bald in Hemdärmeln da;
dasselbe verlangten sie aber auch vom Unbekannten. Awgust Matwejitsch
schlüpfte flink aus seiner elegant zugeschnittenen Joppe, die in den
Ärmeln mit blauer Seide gefüttert war, und erklärte sich bereit, unsere
Bekanntschaft mit einem Gläschen Schnaps einzuweihen.
Alle tranken mit und gedachten bei dieser Gelegenheit des Vetters
Sascha, der noch immer im Korridor auf und ab ging.
»Gestatten Sie«, sagte man dem Gast, »hier fehlt einer von den Unsrigen.
Wir müssen ihn holen!«
Awgust Matwejitsch fragte:
»Sie vermissen wohl den interessanten jungen Kornett, der in so
rührender Versunkenheit im Korridor auf und ab geht?«
»Ja, diesen. Ruft ihn doch her, meine Herren!«
»Er will nicht kommen.«
»Was für Dummheiten! ... Er ist sonst ein so lieber junger Kamerad und
hat in der Wissenschaft des Trinkens und Kartenspiels schon so schöne
Fortschritte gezeigt; heute ist er uns aber plötzlich untreu geworden
und benimmt sich so dumm. Meine Herren, bringt ihn mit Gewalt her!«
Viele protestierten, und es wurde die Meinung laut, daß Sascha
vielleicht tatsächlich krank sei.
»Was euch nicht einfällt! Ich setze meinen Kopf ein, daß er einfach müde
ist oder den letzten großen Verlust noch nicht verschmerzen kann.«
»Hat der Kornett viel verloren?«
»Ja, in der letzten Zeit hat er immer Pech gehabt. Er war irgendwie
aufgeregt und verlor jeden Einsatz.«
»Was Sie nicht sagen! So was kommt allerdings vor. Er sieht aber so aus,
wie wenn er weniger Unglück im Spiel als Unglück in der Liebe hätte.«
»Haben Sie ihn denn gesehen?«
»Gewiß. Ich habe sogar Gelegenheit gehabt, ihn mir sehr genau anzusehen.
Er ist so sehr in Gedanken versunken, daß er vorhin aus Versehen in mein
Zimmer statt in das seinige eintrat, mich auf dem Bette garnicht liegen
sah, direkt auf die Kommode zuging und etwas zu suchen begann. Ich
glaubte sogar, daß es ein Schlafwandler sei, und rief Marko herbei.«
»Seltsam!«
»Als Marko ihn fragte, was er bei mir zu suchen habe, verstand er im
ersten Augenblick garnicht, was man von ihm wollte. Und als er seinen
Irrtum einsah, wurde er furchtbar verlegen ... Ich gedachte der alten
Zeiten und sagte mir gleich: der muß eine Herzensaffaire haben!«
»Ach, was, Herzensaffaire! Das wird wohl bald vergehen. Bei Ihnen in
Polen mißt man solchen Gefühlsduseleien viel zu viel Bedeutung bei; wir
Moskowiter sind aber ein rohes Volk.«
»Ja, der junge Mann sieht aber gar nicht roh aus; im Gegenteil, er
scheint mir sehr empfindsam und furchtbar erregt.«
»Er ist einfach müde, und unsere Lebensphilosophie lehrt, daß man in
einem solchen Falle Gewalt anwenden muß. Meine Herren, zwei von Ihnen
möchten hinausgehen und Sascha herbringen: soll er sich nur gegen die
Beschuldigung, daß er hoffnungslos verliebt sei, verteidigen.«
Zwei Offiziere gingen in den Korridor und kamen mit Sascha zurück, auf
dessen jugendlichem Gesicht Müdigkeit, Verlegenheit und ein Lächeln
miteinander kämpften.
Er sagte, er fühle sich tatsächlich unwohl, und es rege ihn auf, daß man
von ihm Rechenschaft fordere. Als man ihm im Scherz sagte, daß auch der
»fremde Herr« der Ansicht sei, es sei wohl eine Liebesaffaire im Spiele,
wurde Sascha plötzlich über und über rot, warf unserm Gast einen
unsagbar gehässigen Blick zu und rief erbost aus:
»Unsinn!«
Er bat um Erlaubnis, auf sein Zimmer zu gehen und sich schlafen zu
legen; wir erinnerten ihn aber daran, daß heute ein wichtiges Ereignis
bevorstehe, das wir alle gemeinsam begrüßen wollten; es sei daher
unstatthaft, die Gesellschaft zu verlassen. Als er vom »Ereignis« hörte,
erbleichte er wieder.
Man sagte ihm:
»Du darfst nicht fortgehen; trinke aber deinen Schnaps, und wenn du
nicht mitspielen willst, so ziehe deinen Rock aus und lege dich hier
aufs Sofa. Wenn dort das Kind zu schreien beginnt, werden wir es hier
hören und dich wecken.«
Sascha gehorchte, jedoch nicht ganz; er trank seinen Schnaps, zog aber
den Rock nicht aus und legte sich nicht hin, sondern setzte sich in den
Schatten am Fenster, aus dem, da es nicht ganz dicht war, ein frischer
Hauch ins Zimmer zog, und begann auf die Straße hinauszuschauen.
Ich weiß wirklich nicht, ob er auf jemand wartete, oder ob ihn
irgendetwas innerlich beunruhigte; jedenfalls blickte er unverwandt auf
die Straßenlaterne, die im Winde schwankte und flackerte, warf sich bald
in die Tiefe des Sessels zurück, und machte bald den Eindruck, wie wenn
er aufspringen und davonrennen wollte.
Unser Gast, neben den ich zu sitzen kam, merkte, daß ich Sascha
beobachtete, und beobachtete ihn auch selbst. Ich mußte es seinen
Blicken anmerken und auch seinen höchst unpassenden Worten, die ich mein
Leben lang nicht vergessen werde:
»Sind Sie mit dem jungen Kameraden gut befreundet?«
Bei diesen Worten streifte er den niedergeschlagenen Sascha mit einem
schnellen Blick.
»Selbstverständlich!« antwortete ich mit dem ganzen Eifer meiner Jugend,
die in dieser Frage eine allzu plumpe Vertraulichkeit erblickt hatte.
Awgust Matwejitsch bemerkte meine Aufregung und drückte mir unter dem
Tisch stumm die Hand. Ich blickte sein hübsches, ruhiges Gesicht an und
mußte wieder an die gleichmütige englische Standuhr im langen Gehäuse
mit dem Grahamschen Werk denken. Jeder Zeiger bewegt sich in der ihm
vorgeschriebenen Richtung und registriert Stunden und Tage, Minuten und
Sekunden, die Phasen des Mondes und die Tierkreiszeichen, das
Zifferblatt aber ist kühl und teilnahmslos: die Uhr zeigt alles, merkt
sich alles und bleibt dabei selbst unveränderlich.
Awgust Matwejitsch versöhnte mich durch seinen freundlichen Händedruck;
dann fuhr er fort:
»Seien Sie mir nicht böse, junger Mann. Glauben Sie mir: ich will von
Ihrem Freund nichts Böses sagen, ich habe aber schon manches erlebt, und
sein Zustand flößt mir seltsame Gedanken ein ...«
»Wie meinen Sie das?«
»Sein Zustand erscheint mir ... wie soll ich es Ihnen sagen? ..
irgendwie verhängnisvoll ... Er rührt und beunruhigt mich.«
»So, er beunruhigt Sie?«
»Ja, er beunruhigt mich.«
»Nun, ich kann Sie versichern, daß Ihre Unruhe grundlos ist. Ich kenne
alle Verhältnisse meines Freundes und bürge dafür, daß in ihnen nichts
enthalten ist, was seinen Lebensfaden verwirren oder zerreißen könnte.«
»_Zerreißen!_« wiederholte er: »C'est le mot! Das ist das richtige Wort:
den Lebensfaden zerreißen!«
Diese Worte machten auf mich einen unangenehmen Eindruck. Warum hatte
ich nur diesen Ausdruck gewählt, an den sich der Fremde gleich
festklammern konnte.
Awgust Matwejitsch machte auf mich plötzlich den unangenehmsten
Eindruck, und ich blickte feindselig auf sein präzises Grahamsches
Zifferblatt. Ich sah darin etwas Harmonisches und zugleich Drückendes
und Unwiderstehliches. Das Werk läuft gleichmäßig, läßt in bestimmten
Abständen seine metallischen Schläge erklingen und läuft unverändert
weiter. Alles, was der Mann an hat, ist von erster Qualität ... Sein
Hemd ist unvergleichlich feiner und weißer als unsere Hemden, und unter
den weißen Manschetten leuchtet wie Blut eine rotseidene Jacke hervor.
Es sieht so aus, wie wenn er unter den Kleidern keine Haut am Leibe
hätte. Am Handgelenk trägt er aber ein goldenes Damenarmband, das bald
nach unten rutscht und bald wieder im Ärmel verschwindet. Ich lese
darauf den in polnischen Schriftzeichen gravierten russischen
Frauennamen »Olga«.
Diese »Olga« erregt mein Mißfallen. Wer sie auch sei, -- seine Verwandte
oder seine Geliebte, -- ich muß mich über sie ärgern.
Warum? Ich weiß es nicht. Es war wohl eine von den zahllosen Dummheiten,
die uns, niemand weiß woher, in den Sinn kommen, um »die Gedanken des
Sterblichen zu verwirren«.
Ich will mich von der unangenehmen Wirkung des Wortes »zerreißen«, das
ich selbst zuerst gebraucht habe und dem er einen mir durchaus
unerwünschten Sinn unterschiebt, befreien und sage:
»Es tut mir leid, daß ich mich so ausgedrückt habe; das von mir
gebrauchte Wort kann aber gar nicht die Bedeutung haben, die Sie ihm
beilegen. Mein Freund ist jung, vermögend, der einzige Sohn seiner
Eltern und der Liebling aller ...«
»Ja, ja, und doch gefällt er mir nicht.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Er ist doch sterblich?«
»Selbstverständlich, wie Sie und ich, wie alle Menschen.«
»Sehr richtig, von den andern Menschen weiß ich aber nichts, und von uns
beiden trägt keiner die verhängnisvollen Zeichen, die ich an ihm sehe.«
»Was für verhängnisvolle Zeichen meinen Sie?«
Ich lachte ziemlich unerzogen auf.
»Warum lachen Sie darüber?«
»Entschuldigen Sie, ich will wohl zugeben, daß mein Lachen unpassend
ist; versetzen Sie sich aber in meine Lage: wir betrachten beide das
gleiche Gesicht, und Sie erzählen mir, daß Sie darin etwas
Ungewöhnliches wahrnehmen, während ich darin nur das sehe, was ich immer
gesehen habe.«
»Was Sie immer gesehen haben? Das kann nicht sein.«
»Ich versichere Sie.«
»Das hypokratische Gesicht!«
»Das verstehe ich nicht.«
»Sie verstehen es nicht? Es gibt doch einen solchen >agent psychique<!«
»Ich verstehe es nicht,« sagte ich und fühlte zugleich, wie mir dieses
Wort irgendeine dumme Angst einjagte.
»Agent psychique oder das hypokratische Gesicht ist ein unerklärliches,
seltsames Zeichen, das den Menschen längst bekannt ist. Diese unfaßbaren
Züge erscheinen auf den Gesichtern der Menschen nur in jenen
verhängnisvollen Augenblicken ihres Lebens, wenn sie eben im Begriff
sind, den großen Schritt in das Land zu zu machen, aus dem noch kein
Wanderer zurückgekehrt ist ... Die Schotten und die Hindus der Blauen
Berge haben für diese Züge einen besonders scharfen Blick.«
»Waren Sie denn je in Schottland?«
»Ja, ich habe dort die Landwirtschaft studiert; ich bin auch in Indien
gewesen.«
»Und Sie behaupten, daß Sie diese verdammten Zeichen auf dem Gesicht
unseres guten Sascha sehen?«
»Ja, wenn dieser junge Mann heute noch Sascha heißt, so wird er wohl
bald _anders_ heißen.«
Ich fühlte mich plötzlich von einer namenlosen Angst erfaßt und war sehr
froh, daß in diesem Augenblick einer von unseren Offizieren, der schon
recht angeheitert war, auf mich zuging und fragte:
»Was hast du? Worüber streitest du mit diesem Herrn?«
Ich antwortete, daß wir uns gar nicht stritten, sondern uns nur über
sehr seltsame Dinge unterhielten. Und ich erzählte ihm kurz alles,
worüber ich eben mit dem Polen gesprochen hatte.
Der Offizier, ein einfacher und entschlossener Bursche, warf einen Blick
auf Sascha und sagte:
»Er sieht tatsächlich schlecht aus!« Darauf wandte er sich an Awgust
Matwejitsch und fragte ihn ziemlich barsch:
»Was sind Sie eigentlich: ein Phrenologe oder ein Wahrsager?«
Jener antwortete:
»Ich bin weder Phrenologe noch Wahrsager.«
»Sondern weiß der Teufel was?«
»Ich bin auch nicht >weiß der Teufel was<!« erwiderte jener ruhig.
»Was sind Sie dann: ein Zauberer?«
»Auch kein Zauberer.«
»Was denn?«
»Mystiker.«
»Ach so, Mystiker -- Whistiker! Sie lieben wohl Whist zu spielen. Solche
Mystiker kenne ich gut,« sagte der Offizier gedehnt. Obwohl er schon
ohnehin ordentlich betrunken war, wandte er sich wieder den Getränken
zu.
Awgust Matwejitsch blickte ihm halb bedauernd und halb verachtungsvoll
nach. Die Zeiger auf seinem Zifferblatt hatten sich verschoben; er stand
auf und ging zu den Spielenden, die polnischen Verse Krasinskis vor sich
hinmurmelnd:
»Ich will keinen Gott, ich will keinen Himmel ...«
Mir wurde es plötzlich so unheimlich zumute, wie wenn ich mit dem
berühmten Zauberer Pan Twardowski gesprochen hätte. Um mir neuen Mut zu
machen, trat ich an den Tisch, auf dem die Schnäpse standen, und
unterhielt mich eine Weile mit dem Kameraden, der vorhin die Bedeutung
des Wortes Mystiker erläutert hatte. Und als ich nach einiger Zeit, wie
von einer Welle erfaßt, zum Kartentisch geworfen wurde, hielt der Pole
schon die Bank.
Auf dem Tische vor ihm waren Riesensummen von Gewinnen und Verlusten
angekreidet, und alle Gesichter drückten Feindseligkeit gegen ihn aus,
die sich auch in allerlei dummen Bemerkungen äußerte. Die Situation
wurde von Augenblick zu Augenblick gespannter und drohte mit ernsten
Unannehmlichkeiten.
Es erschien mir ganz unmöglich, daß die Sache ohne Unannehmlichkeiten
ablaufen könnte: ein böses Ende schien schon vom Schicksal beschieden.