IX

Der erste Weihnachtstag brach an. Wir kamen in unseren Festtagskleidern

in Begleitung unserer Hauslehrer und Erzieherinnen zum Frühstückstisch.

Außer den zahlreichen Verwandten und Gästen befanden sich im Saal auch

der Geistliche, der Diakon und zwei Küster.

Als der Onkel in den Saal trat, stimmte die Geistlichkeit einen

Weihnachtschoral an. Dann nahm man den Tee und gleich darauf ein

leichtes Frühstück ein. Zu Mittag wurde früher als sonst, nämlich um

zwei Uhr, gegessen. Gleich nach dem Essen sollte die Bärenjagd beginnen:

man durfte sie nicht auf eine spätere Stunde hinausschieben, weil es um

diese Jahreszeit früh Abend wurde und der Bär im Dunkeln leicht Reißaus

nehmen konnte.

Alles spielte sich genau nach dem festgesetzten Programm ab. Gleich nach

dem Essen zog man uns Hasenfellpelze und zottige, aus Ziegenwolle

gestrickte Stiefel an und setzte uns in die Schlitten, um zur Jagd zu

fahren. Rechts und links vom Hause standen schon viele lange, mit je

drei Pferden bespannte und mit Teppichen belegte Schlitten bereit. Zwei

Reitknechte hielten die englische Fuchsstute »Modedame« an den Zügeln

fest.

Der Onkel trat in einem kurzen Fuchspelz und einer spitzen

Fuchsfellmütze aus dem Hause, und sobald er in den mit einem schwarzen

Bärenfell bedeckten und mit Türkisen und Schlangenköpfen geschmückten

Sattel stieg, setzte sich unser ganzer langer Zug in Bewegung. In zehn

oder fünfzehn Minuten waren wir schon am Ziel. Alle Schlitten stellten

sich im Halbkreise auf dem glatten schneebedeckten Felde auf, das von

einer Kette berittener Jäger umstellt und in einiger Entfernung vom

Walde abgeschlossen war.

Dicht am Walde war im Gesträuch das Versteck für die Schützen

eingerichtet, unter denen sich auch Flegont und Chraposchka befinden

mußten.

Die Schützen selbst waren nicht zu sehen; einige zeigten auf die kaum

sichtbaren Büchsenstützen, von denen auf Sganarell gezielt werden

sollte.

Der Graben, in dem der Bär saß, war unsichtbar, und wir lenkten daher

unsere Aufmerksamkeit auf die schmucken Reiter, die mit den schönsten

Waffen ausgerüstet waren; es waren die Erzeugnisse der berühmtesten

Büchsenmacher: des Schweden Strabus, des Deutschen Morgenrath, des

Engländers Mortimer und des Warschauers Kolett.

Mein Onkel stellte sich mit seinem Pferde vor der Kette auf. Man gab ihm

die Leine zweier zusammengekoppelter junger »Blutegel« in die Hand und

legte auf den Sattel vor ihn ein weißes Tuch.

Die vielen jungen Hunde, die ihre Künste an dem zu Tode verurteilten

Sganarell üben sollten, benahmen sich höchst selbstbewußt und zeigten

brennende Ungeduld und Mangel an Selbstbeherrschung. Sie winselten,

bellten und sprangen um die Pferde herum; die uniformierten Piqueure

knallten in einem fort mit ihren Peitschen, um die außer Rand und Band

geratenen Hunde zur Vernunft zu bringen. Alles brannte vor Ungeduld,

sich über das Tier zu stürzen, dessen Nähe die Hunde mit ihren feinen

Nasen sofort witterten.

Nun kam der Zeitpunkt, wo Sganarell aus dem Graben heraus gelassen und

den Hunden preisgegeben werden sollte.

Mein Onkel winkte mit dem weißen Tuche, das vor ihm auf dem Sattel lag,

und sagte: »Los!«

X

Von der Schar der Jäger, die den Stab des Onkels bildeten, trennten sich

an die zehn Mann und gingen quer über das Feld.

Als sie etwa zweihundert Schritte weit gegangen waren, blieben sie

stehen und hoben vom Schnee einen langen, nicht sehr dicken Balken auf,

der uns bis dahin unsichtbar gewesen war.

Das spielte sich unmittelbar an dem von unserem Standpunkt aus

gleichfalls nicht sichtbaren Graben ab, in dem Sganarell saß.

Der Balken wurde in die Höhe gehoben und mit dem einen Ende in den

Graben versenkt. Er lag etwas schräg, so daß das Tier ohne besondere

Mühe wie über eine Treppe herauskommen konnte.

Das andere Ende des Balkens ruhte auf dem Rande des Grabens und ragte

etwa eine Elle weit heraus.

Alle Augen verfolgten mit Spannung diese Vorbereitungen, die uns dem

interessantesten Augenblick näher brachten. Man erwartete, daß Sganarell

sofort zum Vorschein kommen würde; er witterte aber wohl Unheil und

blieb im Graben.

Nun begann man ihn mit Schneebällen zu bewerfen und mit langen Stangen

in dem Graben herumzutreiben; man hörte sein Gebrüll, er ließ sich aber

noch immer nicht blicken. Man gab einige blinde Schüsse in den Graben

ab; Sganarell brüllte noch wütender, kam aber noch immer nicht heraus.

Nun kam hinter der Schützenkette ein einfacher, mit nur einem Pferde

bespannter Schlitten, wie man ihn zum Mistfahren gebraucht, zum

Vorschein und raste in der Richtung zum Graben. Auf dem Schlitten lag

ein großer Haufen Stroh.

Das Pferd war groß und mager, eines von den Pferden, die sonst Futter

von der Tenne fahren; trotz seines Alters und seiner Magerkeit

galoppierte es mit erhobenem Schweif und gesträubter Mähne. Es war nicht

recht klar, ob dieser Feuereifer nur ein Überbleibsel seiner Jugendkraft

oder eine Folge der Angst und Verzweiflung war, die dem alten Pferde die

Nähe des Bären einflößte. Das letztere war wohl wahrscheinlicher; das

Pferd war außer der Kandare noch mit einer festen Schnur aufgezäumt, die

in seine vor Alter grauen Lippen einschnitt und sie bereits blutig

gerieben hatte. Der Stallknecht, der es lenkte, riß erbarmungslos an der

Schnur und bearbeitete gleichzeitig den Rücken des Pferdes mit einer

dicken Peitsche; das Pferd rannte wie wild und warf sich nach allen

Seiten.

Das Stroh wurde in drei Haufen geteilt, angezündet und im gleichen

Augenblick von drei verschiedenen Seiten in den Graben geworfen. Vom

Feuer unberührt blieb nur die eine Stelle am Rande, wo der Balken

herausragte.

Nun ertönte ein betäubendes, rasendes, mit Stöhnen untermengtes Brüllen,

der Bär kam aber noch immer nicht heraus.

Man erzählte sich, daß Sganarells Fell schon versengt sei; er hätte sich

die Tatzen auf die Augen gedrückt und liege so fest in einer Ecke des

Grabens, daß man ihn unmöglich heraustreiben könne.

Das Pferd mit den blutiggeriebenen Lippen lief im gleichen Galopp wieder

zurück .... Alle glaubten, daß es eine neue Portion Stroh holen sollte.

Unter den Zuschauern wurden Vorwürfe laut: warum hat man nicht schon im

Voraus eine genügende Menge Stroh vorbereitet? Mein Onkel wütete und

schrie etwas, was ich im allgemeinen Lärm, Hundegewinsel und

Peitschengeknall nicht verstehen konnte.

Das Ganze hatte aber eine gewisse Stimmung und eine eigene Harmonie. Das

alte Pferd galoppierte, sich wieder nach allen Seiten werfend und

keuchend, zum Graben, in dem Sganarell lag. Diesmal war es aber kein

Stroh: auf dem Schlitten saß Ferapont.

Der Befehl, den mein Onkel in seiner Wut gegeben hatte, lautete, daß

Chraposchka in den Graben steigen und seinen Freund _selbst_

herausführen solle ...

Eine Teufelsaustreibung, und andere Geschichten · 第 15 / 74 题