Der erste Weihnachtstag brach an. Wir kamen in unseren Festtagskleidern
in Begleitung unserer Hauslehrer und Erzieherinnen zum Frühstückstisch.
Außer den zahlreichen Verwandten und Gästen befanden sich im Saal auch
der Geistliche, der Diakon und zwei Küster.
Als der Onkel in den Saal trat, stimmte die Geistlichkeit einen
Weihnachtschoral an. Dann nahm man den Tee und gleich darauf ein
leichtes Frühstück ein. Zu Mittag wurde früher als sonst, nämlich um
zwei Uhr, gegessen. Gleich nach dem Essen sollte die Bärenjagd beginnen:
man durfte sie nicht auf eine spätere Stunde hinausschieben, weil es um
diese Jahreszeit früh Abend wurde und der Bär im Dunkeln leicht Reißaus
nehmen konnte.
Alles spielte sich genau nach dem festgesetzten Programm ab. Gleich nach
dem Essen zog man uns Hasenfellpelze und zottige, aus Ziegenwolle
gestrickte Stiefel an und setzte uns in die Schlitten, um zur Jagd zu
fahren. Rechts und links vom Hause standen schon viele lange, mit je
drei Pferden bespannte und mit Teppichen belegte Schlitten bereit. Zwei
Reitknechte hielten die englische Fuchsstute »Modedame« an den Zügeln
fest.
Der Onkel trat in einem kurzen Fuchspelz und einer spitzen
Fuchsfellmütze aus dem Hause, und sobald er in den mit einem schwarzen
Bärenfell bedeckten und mit Türkisen und Schlangenköpfen geschmückten
Sattel stieg, setzte sich unser ganzer langer Zug in Bewegung. In zehn
oder fünfzehn Minuten waren wir schon am Ziel. Alle Schlitten stellten
sich im Halbkreise auf dem glatten schneebedeckten Felde auf, das von
einer Kette berittener Jäger umstellt und in einiger Entfernung vom
Walde abgeschlossen war.
Dicht am Walde war im Gesträuch das Versteck für die Schützen
eingerichtet, unter denen sich auch Flegont und Chraposchka befinden
mußten.
Die Schützen selbst waren nicht zu sehen; einige zeigten auf die kaum
sichtbaren Büchsenstützen, von denen auf Sganarell gezielt werden
sollte.
Der Graben, in dem der Bär saß, war unsichtbar, und wir lenkten daher
unsere Aufmerksamkeit auf die schmucken Reiter, die mit den schönsten
Waffen ausgerüstet waren; es waren die Erzeugnisse der berühmtesten
Büchsenmacher: des Schweden Strabus, des Deutschen Morgenrath, des
Engländers Mortimer und des Warschauers Kolett.
Mein Onkel stellte sich mit seinem Pferde vor der Kette auf. Man gab ihm
die Leine zweier zusammengekoppelter junger »Blutegel« in die Hand und
legte auf den Sattel vor ihn ein weißes Tuch.
Die vielen jungen Hunde, die ihre Künste an dem zu Tode verurteilten
Sganarell üben sollten, benahmen sich höchst selbstbewußt und zeigten
brennende Ungeduld und Mangel an Selbstbeherrschung. Sie winselten,
bellten und sprangen um die Pferde herum; die uniformierten Piqueure
knallten in einem fort mit ihren Peitschen, um die außer Rand und Band
geratenen Hunde zur Vernunft zu bringen. Alles brannte vor Ungeduld,
sich über das Tier zu stürzen, dessen Nähe die Hunde mit ihren feinen
Nasen sofort witterten.
Nun kam der Zeitpunkt, wo Sganarell aus dem Graben heraus gelassen und
den Hunden preisgegeben werden sollte.
Mein Onkel winkte mit dem weißen Tuche, das vor ihm auf dem Sattel lag,
und sagte: »Los!«
X
Von der Schar der Jäger, die den Stab des Onkels bildeten, trennten sich
an die zehn Mann und gingen quer über das Feld.
Als sie etwa zweihundert Schritte weit gegangen waren, blieben sie
stehen und hoben vom Schnee einen langen, nicht sehr dicken Balken auf,
der uns bis dahin unsichtbar gewesen war.
Das spielte sich unmittelbar an dem von unserem Standpunkt aus
gleichfalls nicht sichtbaren Graben ab, in dem Sganarell saß.
Der Balken wurde in die Höhe gehoben und mit dem einen Ende in den
Graben versenkt. Er lag etwas schräg, so daß das Tier ohne besondere
Mühe wie über eine Treppe herauskommen konnte.
Das andere Ende des Balkens ruhte auf dem Rande des Grabens und ragte
etwa eine Elle weit heraus.
Alle Augen verfolgten mit Spannung diese Vorbereitungen, die uns dem
interessantesten Augenblick näher brachten. Man erwartete, daß Sganarell
sofort zum Vorschein kommen würde; er witterte aber wohl Unheil und
blieb im Graben.
Nun begann man ihn mit Schneebällen zu bewerfen und mit langen Stangen
in dem Graben herumzutreiben; man hörte sein Gebrüll, er ließ sich aber
noch immer nicht blicken. Man gab einige blinde Schüsse in den Graben
ab; Sganarell brüllte noch wütender, kam aber noch immer nicht heraus.
Nun kam hinter der Schützenkette ein einfacher, mit nur einem Pferde
bespannter Schlitten, wie man ihn zum Mistfahren gebraucht, zum
Vorschein und raste in der Richtung zum Graben. Auf dem Schlitten lag
ein großer Haufen Stroh.
Das Pferd war groß und mager, eines von den Pferden, die sonst Futter
von der Tenne fahren; trotz seines Alters und seiner Magerkeit
galoppierte es mit erhobenem Schweif und gesträubter Mähne. Es war nicht
recht klar, ob dieser Feuereifer nur ein Überbleibsel seiner Jugendkraft
oder eine Folge der Angst und Verzweiflung war, die dem alten Pferde die
Nähe des Bären einflößte. Das letztere war wohl wahrscheinlicher; das
Pferd war außer der Kandare noch mit einer festen Schnur aufgezäumt, die
in seine vor Alter grauen Lippen einschnitt und sie bereits blutig
gerieben hatte. Der Stallknecht, der es lenkte, riß erbarmungslos an der
Schnur und bearbeitete gleichzeitig den Rücken des Pferdes mit einer
dicken Peitsche; das Pferd rannte wie wild und warf sich nach allen
Seiten.
Das Stroh wurde in drei Haufen geteilt, angezündet und im gleichen
Augenblick von drei verschiedenen Seiten in den Graben geworfen. Vom
Feuer unberührt blieb nur die eine Stelle am Rande, wo der Balken
herausragte.
Nun ertönte ein betäubendes, rasendes, mit Stöhnen untermengtes Brüllen,
der Bär kam aber noch immer nicht heraus.
Man erzählte sich, daß Sganarells Fell schon versengt sei; er hätte sich
die Tatzen auf die Augen gedrückt und liege so fest in einer Ecke des
Grabens, daß man ihn unmöglich heraustreiben könne.
Das Pferd mit den blutiggeriebenen Lippen lief im gleichen Galopp wieder
zurück .... Alle glaubten, daß es eine neue Portion Stroh holen sollte.
Unter den Zuschauern wurden Vorwürfe laut: warum hat man nicht schon im
Voraus eine genügende Menge Stroh vorbereitet? Mein Onkel wütete und
schrie etwas, was ich im allgemeinen Lärm, Hundegewinsel und
Peitschengeknall nicht verstehen konnte.
Das Ganze hatte aber eine gewisse Stimmung und eine eigene Harmonie. Das
alte Pferd galoppierte, sich wieder nach allen Seiten werfend und
keuchend, zum Graben, in dem Sganarell lag. Diesmal war es aber kein
Stroh: auf dem Schlitten saß Ferapont.
Der Befehl, den mein Onkel in seiner Wut gegeben hatte, lautete, daß
Chraposchka in den Graben steigen und seinen Freund _selbst_
herausführen solle ...