Annuschka teilte uns das alles mit, und wir gaben es unserem Hauslehrer
Kolberg weiter. Kolberg aber erzählte es dem Onkel, um ihn zu amüsieren.
Als der Onkel es hörte, sagte er: »Der Chraposchka ist gut!« und
klatschte dreimal in die Hände.
Das war das Signal für den alten französischen Kammerdiener Ustin
Petrowitsch, einen ehemaligen Kriegsgefangenen vom Jahre 1812.
Ustin Petrowitsch, oder eigentlich Justin, erschien in seinem
saubergebürsteten lila Frack mit silbernen Knöpfen, und mein Onkel gab
ihm den Befehl, daß man bei der bevorstehenden Bärenjagd als
Reserveschützen einen gewissen Flegont, der niemals sein Ziel verfehlte,
und Chrapon aufstellen solle.
Der Onkel erwartete sich offenbar vom Kampfe der widerstrebenden Gefühle
in der Seele des armen Burschen eine große Belustigung. Wenn es ihm
einfiele, auf den Bären entweder überhaupt nicht zu schießen oder ihn
absichtlich nicht zu treffen, so würde es ihm teuer zu stehen kommen;
Flegont würde aber das Tier mit dem zweiten Schuß sicher erlegen.
Ustin verbeugte sich und ging hinaus, um den Befehl weiterzugeben. Wir
Kinder sahen aber erst jetzt ein, was wir angestellt hatten, und
fühlten, daß etwas Schreckliches im Anzuge sei. Gott weiß, wie das enden
sollte. Unter diesen Umständen hatten wir weder an dem schmackhaften
Weihnachtsessen, das der Sitte gemäß spät abends eingenommen wurde, noch
an den vielen Gästen, die zum Teil mit ihren Kindern gekommen waren,
rechte Freude.
Sganarell und Ferapont taten uns leid, und wir wußten nicht, mit wem von
beiden wir mehr Mitleid hatten.
Wir beide, d. h. ich und mein kleiner Vetter, wälzten uns lange in
unseren Bettchen. Wir schliefen spät ein, träumten von dem Bären und
fuhren einigemal schreiend aus dem Schlafe. Und als die Kinderfrau
sagte, daß wir vor dem Bären keine Angst zu haben brauchten, weil er im
Graben sitze und morgen erschossen werden solle, wurde meine Unruhe noch
größer.
Ich erkundigte mich sogar bei der Alten, ob es erlaubt sei, für
Sganarell zu beten. Diese Frage lag aber außerhalb ihrer religiösen
Kompetenz, und sie antwortete, in einem fort gähnend und sich den Mund
bekreuzigend, daß sie es nicht sicher wisse, weil sie sich danach noch
niemals beim Geistlichen erkundigt habe; der Bär sei aber sicher ein
Geschöpf Gottes und habe sich auch in der Arche Noahs befunden.
Die Erwähnung der Arche Noahs brachte mich auf den Gedanken, daß die
grenzenlose Barmherzigkeit Gottes sich nicht nur auf die Menschen,
sondern auch auf alle andern Geschöpfe erstrecke. Ich kniete in
kindlicher Andacht in meinem Bettchen nieder, drückte mein Gesicht in
das Kissen und flehte Gottes Majestät an, mir meine Bitte nicht als
Sünde anzurechnen und Sganarell zu retten.