Mein seliger Onkel war leidenschaftlicher Liebhaber der Hetzjagd. Er
pflegte oft mit seiner Meute auszureiten und Wölfe, Hasen und Füchse zu
jagen. In seinem Zwinger gab es auch eigens für die Bärenjagd bestimmte
Hunde. Diese Hunde nannte man »Blutegel«. Sie bissen sich in das Tier
dermaßen fest, daß man sie nicht wieder losreißen konnte. Es kam vor,
daß der Bär, in den sich so ein Blutegel festgebissen hatte, ihn mit
einem Schlag seiner schrecklichen Tatze totschlug oder zerriß, es kam
aber niemals vor, daß der Blutegel lebend vom Tiere abließ.
Heute, wo die Bärenjagd nur noch mit dem Spieß und als Klapperjagd
betrieben wird, scheint die Rasse der Blutegel in Rußland ausgestorben
zu sein; aber in der Zeit, als sich diese Geschichte zutrug, gehörten
sie zum Bestande eines jeden Zwingers. In unserer Gegend gab es damals
auch sehr viel Bären, und die Bärenjagd zählte zu den beliebtesten
Vergnügungen.
Wenn es gelang, ein ganzes Bärennest auszuheben, nahm man die Jungen oft
lebend nach Hause mit. Sie wurden gewöhnlich in einem großen gemauerten
Stalle mit kleinen, ganz oben unter dem Dach angebrachten Fenstern
gehalten. In den Fenstern gab es keine Scheiben, sondern nur feste
Eisengitter. Die Bärenjungen kletterten manchmal übereinander bis zu den
Fenstern hinauf und hielten sich mit ihren kräftigen Krallen an den
Gittern fest. Nur auf diese Weise konnten sie aus dem Kerker in Gottes
freie Welt hinausschauen.
Wenn man uns am Vormittag spazieren führte, gingen wir gerne an diesem
Stalle vorbei, um uns die drolligen Bären, die durch die Gitter
hinausschauten, anzusehen. Unser deutscher Hauslehrer Kolberg pflegte
ihnen mittels eines langen Stockes Brotstücke zu reichen, die wir uns zu
diesem Zweck beim Frühstück aufsparten.
Die Bären pflegte und fütterte ein junger Jäger namens Ferapont; das
einfache Volk konnte diesen Namen schwer aussprechen und nannte ihn
»Chrapon« oder noch öfter »Chraposchka«. Ich kann mich seiner noch gut
erinnern. Chraposchka war von mittlerem Wuchs, gelenkig, kräftig und
etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Er galt als hübscher Bursche: er hatte
ein weißes Gesicht, rosige Wangen, schwarze Locken und große, schwarze,
etwas hervorquellende Augen. Dazu zeichnete er sich durch ungewöhnlichen
Mut aus. Seine Schwester Annuschka, die die Gehilfin der Kinderfrau war,
erzählte uns oft höchst unterhaltende Dinge über den ungewöhnlichen Mut
ihres kühnen Bruders und über seine Freundschaft mit den Bären, in deren
Stalle er im Sommer wie im Winter zu schlafen pflegte, wobei sie sich um
ihn drängten und ihre Köpfe auf ihn wie auf ein Kissen legten.
Vor dem Hause meines Onkels befand sich ein großes rundes, von einem
Schmuckgitter eingefaßtes Blumenbeet, dahinter erhob sich das breite
Tor; in der Mitte des Beetes, dem Tore gegenüber, ragte eine hohe,
glattgehobelte Stange, die man den »Mastbaum« nannte. An der Spitze des
Mastbaumes war eine kleine Plattform angebracht.
Unter den gefangenen jungen Bären wurde immer der »klügste«, das heißt
einer, der den zuverlässigsten und intelligentesten Eindruck machte,
gewählt. Dieser Bär wurde von der übrigen Gesellschaft getrennt und
durfte ganz frei auf dem Hofe und im Parke herumspazieren, hatte aber
die Obliegenheit, am Mastbaume vor dem Tore Posten zu stehen. Auf diesem
Posten verbrachte er den größten Teil des Tages. Er lag oft auf dem
Stroh am Fuße des Mastbaumes und hielt sich mit besonderer Vorliebe oben
auf der Plattform auf, wo er vor der Zudringlichkeit der Menschen und
Hunde sicher war.
Nicht alle Bären hatten ein Anrecht auf dieses schöne freie Leben,
sondern nur die klügsten und gutmütigsten unter ihnen und selbst diese
nicht ihr Leben lang, sondern nur solange sie nicht ihre tierischen, für
das Zusammenleben mit anderen Geschöpfen ungeeigneten Eigenschaften
zeigten, d. h. solange sie sich ruhig verhielten und weder Gänse noch
Hühner, weder Kälber noch Menschen anrührten.
Wenn ein Bär auch nur einmal den Burgfrieden störte, wurde er sofort zum
Tode verurteilt, und keine Macht der Welt konnte ihm Begnadigung
erwirken.