IV

Mit der Auswahl dieses »klügsten« Bären wurde Chrapon betraut. Da er

mehr als alle andern mit den Bären zu tun hatte und als großer Kenner

ihres Charakters galt, wurde natürlich angenommen, daß er besser als

jemand anderer diese Wahl vornehmen könne. Chrapon hatte auch die volle

Verantwortung für die Folgen seiner Wahl zu tragen. Er wählte gleich das

erstemal einen ungewöhnlich gelehrigen und klugen Bären, der einen sehr

seltsamen Namen erhielt; während fast alle Bären in Rußland »Mischka«

heißen, wurde dieser mit dem spanischen Namen »Sganarell« ausgezeichnet.

Er hatte bereits fünf Jahre in Freiheit gelebt und noch keinen einzigen

dummen Streich verübt. Wenn man von einem Bären sagte, daß er »Streiche

mache«, so meinte man, daß er seine Tiernatur bereits irgendwie gezeigt

habe.

Einen solchen »Streichemacher« setzte man zunächst in den »Graben«, der

auf der geräumigen Wiese zwischen der Tenne und dem Walde angelegt war;

nach einiger Zeit ließ man ihn auf die Wiese hinaus, indem man einen

Balken in den Graben steckte, über den er dann selbst herauskletterte,

und hetzte ihn mit jungen »Blutegeln«. Wenn die jungen Hunde mit dem

Bären nicht fertig werden konnten und die Gefahr bestand, daß er in den

Wald entrinnen könne, traten zwei geschickte Jäger, die im Hinterhalt

aufgestellt waren, mit ihren ausgewählten Meuten in Aktion und machten

dem Bären ein schnelles Ende.

Und wenn auch diese Hunde sich so ungeschickt anstellten, daß der Bär

sich auf die »Insel«, d. h. in den Wald, der mit den weiten Brjansker

Wäldern zusammenhing, flüchten konnte, so feuerte auf ihn ein eigens

bereitgestellter Schütze aus einer langen schweren Kuchenreuterschen

Gabelmuskete die tödliche Kugel ab.

Es war noch nie vorgekommen, daß ein Bär allen diesen Gefahren entronnen

wäre; das wäre auch zu schrecklich gewesen, denn die Schuldigen wären

wohl kaum mit dem Leben davongekommen.

V

Die kluge und solide Natur Sganarells hatte zur Folge, daß es eine

solche Hetzjagd oder Bärenhinrichtung schon seit fünf Jahren nicht

gegeben hatte. Sganarell war in dieser Zeit zu einem großen Bären von

ungewöhnlicher Kraft, Schönheit und Gelenkigkeit herangewachsen. Er

hatte eine runde, stumpfe Schnauze und einen recht schlanken Körperbau,

so daß er eher einem riesengroßen Griffon oder Pudel, als einem Bären

ähnlich sah. Sein Hinterteil war etwas schmächtig und von kurzem,

glänzenden Fell bedeckt, aber die Schultern und das Genick waren stark

entwickelt und üppig behaart. Sganarell war so gescheit wie ein Pudel

und konnte einige, bei Bären sehr seltene Kunststücke: er verstand gut

und schnell auf den Hinterbeinen vorwärts und auch rückwärts zu laufen,

eine Trommel zu schlagen und mit einem langen Stock, der wie ein Gewehr

angemalt war, zu exerzieren; ebenso gerne und sogar mit größerer Freude

schleppte er mit den Bauern die schwersten Säcke zur Mühle und trug mit

unnachahmlicher drolliger Eleganz einen hohen, spitzen, mit einer

Pfauenfeder oder einem Strohwisch geschmückten Filzhut auf dem Kopfe.

Aber auch für Sganarell schlug einmal die Schicksalsstunde: die

Tiernatur gewann die Oberhand. Kurz vor meinem Besuch im Hause des

Onkels hatte sich Sganarell mehrere Verfehlungen zu schulden kommen

lassen, von denen eine schwerer war als die andere.

Das Programm der verbrecherischen Handlungen Sganarells war dasselbe wie

bei allen seinen Vorgängern: als erste Kraftprobe riß er einer Gans

einen Flügel ab; dann legte er seine Tatze einem Füllen, das seiner

Mutter nachlief, auf den Rücken und brach ihm das Rückgrat; zuletzt

erregten irgendein blinder alter Bettler und dessen Führer sein

Mißfallen; er wälzte sich mit ihnen im Schnee und zerquetschte ihnen

Arme und Beine.

Der Blinde und sein Führer kamen ins Krankenhaus, Chrapon aber erhielt

den Befehl, Sganarell in den Graben zu bringen, aus dem es nur einen Weg

-- in den Tod -- gab.

Als Annuschka mich und meinen kleinen Vetter abends zu Bett legte,

erzählte sie uns, daß es bei der Überführung Sganarells in den Graben,

wo er auf die Todesstrafe zu warten hatte, allerlei Rührendes gegeben

habe. Chrapon habe ihm nicht den üblichen Ring durch die Nase gezogen

und überhaupt nicht die geringste Gewalt angewandt, sondern nur gesagt:

»Tier, komm mit!«

Der Bär erhob sich und ging sofort mit; besonders komisch wirkte es, daß

er seinen Hut mit dem Strohwisch aufsetzte, Chrapon wie einen Freund

umarmte und mit ihm so bis zum Graben ging.

Sie waren ja auch wirkliche Freunde.

Eine Teufelsaustreibung, und andere Geschichten · 第 11 / 74 题