Auf dem Gute meines Onkels befand sich ein riesiges steinernes,
schloßartiges Gebäude. Es war ein prätentiöser, doch unschöner und sogar
häßlicher zweistöckiger Bau mit einer runden Kuppel und einem Turm, über
den allerlei scheußliche Geschichten erzählt wurden. Hier hatte einst
der verrückte Vater des jetzigen Gutsbesitzers gewohnt; später wurde in
diesen Räumen eine Apotheke eingerichtet. Auch das letztere galt aus
irgendeinem Grunde als unheimlich; am unheimlichsten war aber die
sogenannte Äolsharfe, die in einem offenen geschwungenen Fenster oben
auf dem Turme angebracht war. Wenn der Wind durch die Saiten dieses
launischen Instrumentes fuhr, gab es ebenso unerwartete wie seltsame
Töne von sich, die aus einem leisen Girren in unruhige, wilde Seufzer
und in ein wahnsinniges Getöse übergingen, das sich so anhörte, wie wenn
ein ganzer Schwarm von Angst getriebener Geister durch die Saiten zöge.
Alle Bewohner des Hauses konnten diese Harfe nicht leiden und glaubten,
daß sie dem gestrengen Gutsherrn etwas sagte, wogegen er sich nicht
aufzulehnen wagte, das ihn aber noch grausamer und unbeugsamer machte
... Eines stand jedenfalls fest: wenn nachts ein Sturm losbrach und die
Harfe auf dem Turme so laut dröhnte, daß die Töne über den Park und die
Teiche hinweg bis ins Dorf drangen, tat der Herr die ganze Nacht kein
Auge zu und war am Morgen noch finsterer und strenger als sonst; dann
pflegte er irgendeinen grausamen Befehl zu erteilen, der die Herzen
aller seiner Sklaven erbeben machte.
In diesem Hause war es Gesetz, daß jedes Vergehen unnachsichtliche Sühne
fand und niemand und unter keinen Umständen Verzeihung erlangte. Dieses
Gesetz galt ebenso für die Menschen wie für die Tiere und selbst für die
kleinsten Geschöpfe. Der Onkel kannte keine Barmherzigkeit, liebte sie
nicht und hielt sie für Schwäche. Unnachsichtige Strenge setzte er über
alle Nachsicht. Daher herrschte im Hause und in den zahlreichen Dörfern,
die diesem reichen Gutsbesitzer gehörten, eine ewige Trauer, die mit den
Menschen auch die Tiere teilten.