Seelenleben abzuleiten ist, kann ich hier nur andeuten und muß dafür auf
eine bereitliegende ausführliche Darstellung in anderem Zusammenhange
verweisen. Im seelisch Unbewußten läßt sich nämlich die Herrschaft eines
von den Triebregungen ausgehenden _Wiederholungszwanges_ erkennen, der
wahrscheinlich von der innersten Natur der Triebe selbst abhängt, stark
genug ist, sich über das Lustprinzip hinauszusetzen, gewissen Seiten des
Seelenlebens den dämonischen Charakter verleiht, sich in den Strebungen
des kleinen Kindes noch sehr deutlich äußert und ein Stück vom Ablauf
der Psychoanalyse des Neurotikers beherrscht. Wir sind durch alle
vorstehenden Erörterungen darauf vorbereitet, daß dasjenige als
unheimlich verspürt werden wird, was an diesen inneren Wiederholungszwang
mahnen kann.
Nun, denke ich aber, ist es Zeit uns von diesen immerhin schwierig zu
beurteilenden Verhältnissen abzuwenden und unzweifelhafte Fälle des
Unheimlichen aufzusuchen, von deren Analyse wir die endgültige
Entscheidung über die Geltung unserer Annahme erwarten dürfen.
Im »Ring des Polykrates« wendet sich der Gast mit Grausen, weil er
merkt, daß jeder Wunsch des Freundes sofort in Erfüllung geht, jede
seiner Sorgen vom Schicksal unverzüglich aufgehoben wird. Der Gastfreund
ist ihm »unheimlich« geworden. Die Auskunft, die er selbst gibt, daß der
allzu Glückliche den Neid der Götter zu fürchten habe, erscheint uns
noch undurchsichtig, ihr Sinn ist mythologisch verschleiert. Greifen wir
darum ein anderes Beispiel aus weit schlichteren Verhältnissen heraus:
In der Krankengeschichte eines Zwangsneurotikers[9] habe ich erzählt,
daß dieser Kranke einst einen Aufenthalt in einer Wasserheilanstalt
genommen hatte, aus dem er sich eine große Besserung holte. Er war aber
so klug, diesen Erfolg nicht der Heilkraft des Wassers, sondern der Lage
seines Zimmers zuzuschreiben, welches der Kammer einer liebenswürdigen
Pflegerin unmittelbar benachbart war. Als er dann zum zweiten Mal in
diese Anstalt kam, verlangte er dasselbe Zimmer wieder, mußte aber
hören, daß dies bereits von einem alten Herrn besetzt sei und gab seinem
Unmut darüber in den Worten Ausdruck: Dafür soll ihn aber der Schlag
treffen. Vierzehn Tage später erlitt der alte Herr wirklich einen
Schlaganfall. Für meinen Patienten war dies ein »unheimliches« Erlebnis.
Der Eindruck des Unheimlichen wäre noch stärker gewesen, wenn eine viel
kürzere Zeit zwischen jener Äußerung und dem Unfall gelegen wäre oder
wenn der Patient über zahlreiche ganz ähnliche Erlebnisse hätte
berichten können. In der Tat war er um solche Bestätigungen nicht
verlegen, aber nicht er allein, alle Zwangsneurotiker, die ich studiert
habe, wußten Analoges von sich zu erzählen. Sie waren gar nicht
überrascht, regelmäßig der Person zu begegnen, an die sie eben --
vielleicht nach langer Pause -- gedacht hatten; sie pflegten regelmäßig
am Morgen einen Brief von einem Freund zu bekommen, wenn sie am Abend
vorher geäußert hatten: Von dem hat man aber jetzt lange nichts gehört,
und besonders Unglücks- oder Todesfälle ereigneten sich nur selten, ohne
eine Weile vorher durch ihre Gedanken gehuscht zu sein. Sie pflegten
diesem Sachverhalt in der bescheidensten Weise Ausdruck zu geben, indem
sie behaupteten, »Ahnungen« zu haben, die »meistens« eintreffen.
[9] Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrb. f.
Psychoanalyse, I, 1909 und Sammlung kl. Schriften, dritte Folge, 1913.
Eine der unheimlichsten und verbreitetsten Formen des Aberglaubens ist
die Angst vor dem »bösen Blick«, welcher bei dem Hamburger Augenarzt
_S. Seligmann_[10] eine gründliche Behandlung gefunden hat. Die Quelle,
aus welcher diese Angst schöpft, scheint niemals verkannt worden zu sein.
Wer etwas Kostbares und doch Hinfälliges besitzt, fürchtet sich vor dem
Neid der anderen, indem er jenen Neid auf sie projiziert, den er im
umgekehrten Falle empfunden hätte. Solche Regungen verrät man durch den
Blick, auch wenn man ihnen den Ausdruck in Worten versagt, und wenn
jemand durch auffällige Kennzeichen, besonders unerwünschter Art, vor
den anderen hervorsticht, traut man ihm zu, daß sein Neid eine
besondere Stärke erreichen und dann auch diese Stärke in Wirkung
umsetzen wird. Man fürchtet also eine geheime Absicht zu schaden, und
auf gewisse Anzeichen hin nimmt man an, daß dieser Absicht auch die
Kraft zu Gebote steht.
[10] _S. Seligmann_, Der böse Blick und Verwandtes, 2 Bände, Berlin
1910 u. 1911.
Die letzterwähnten Beispiele des Unheimlichen hängen von dem Prinzip ab,
das ich, der Anregung eines Patienten folgend, die »Allmacht der
Gedanken« benannt habe. Wir können nun nicht mehr verkennen, auf welchem
Boden wir uns befinden. Die Analyse der Fälle des Unheimlichen hat uns
zur alten Weltauffassung des _Animismus_ zurückgeführt, die
ausgezeichnet war durch die Erfüllung der Welt mit Menschengeistern,
durch die narzißtische Überschätzung der eigenen seelischen Vorgänge,
die Allmacht der Gedanken und die darauf aufgebaute Technik der Magie,
die Zuteilung von sorgfältig abgestuften Zauberkräften an fremde
Personen und Dinge (Mana), sowie durch alle die Schöpfungen, mit denen
sich der uneingeschränkte Narzißmus jener Entwicklungsperiode gegen den
unverkennbaren Einspruch der Realität zur Wehre setzte. Es scheint, daß
wir alle in unserer individuellen Entwicklung eine diesem Animismus der
Primitiven entsprechende Phase durchgemacht haben, daß sie bei keinem
von uns abgelaufen ist, ohne noch äußerungsfähige Reste und Spuren zu
hinterlassen, und daß alles, was uns heute als »unheimlich« erscheint,
die Bedingung erfüllt, daß es an diese Reste animistischer
Seelentätigkeit rührt und sie zur Äußerung anregt[11].
[11] Vgl. hiezu den Abschnitt III Animismus, Magie und Allmacht der
Gedanken in des Verf. Buch: Totem und Tabu. 1913. Dort auch die
Bemerkung (S. 19 Note): »Es scheint, daß wir den Charakter des
`Unheimlichen´ solchen Eindrücken verleihen, welche die Allmacht der
Gedanken und die animistische Denkweise überhaupt bestätigen wollen,
während wir uns bereits im Urteil von ihr abgewendet haben.«
Hier ist nun der Platz für zwei Bemerkungen, in denen ich den
wesentlichen Inhalt dieser kleinen Untersuchung niederlegen möchte.
Erstens, wenn die psychoanalytische Theorie in der Behauptung recht hat,
daß jeder Affekt einer Gefühlsregung, gleichgültig von welcher Art,
durch die Verdrängung in Angst verwandelt wird, so muß es unter den
Fällen des Ängstlichen eine Gruppe geben, in der sich zeigen läßt, daß
dies Ängstliche etwas wiederkehrendes Verdrängtes ist. Diese Art des
Ängstlichen wäre eben das Unheimliche und dabei muß es gleichgültig
sein, ob es ursprünglich selbst ängstlich war oder von einem anderen
Affekt getragen. Zweitens, wenn dies wirklich die geheime Natur des
Unheimlichen ist, so verstehen wir, daß der Sprachgebrauch das Heimliche
in seinen Gegensatz, das Unheimliche übergehen läßt (S. 302), denn dies
Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem
Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der
Verdrängung entfremdet worden ist. Die Beziehung auf die Verdrängung
erhellt uns jetzt auch die _Schelling_sche Definition, das Unheimliche
sei etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten
ist.
Es erübrigt uns nur noch, die Einsicht, die wir gewonnen haben, an der
Erklärung einiger anderer Fälle des Unheimlichen zu erproben.
Im allerhöchsten Grade unheimlich erscheint vielen Menschen, was mit dem
Tod, mit Leichen und mit der Wiederkehr der Toten, mit Geistern und
Gespenstern zusammenhängt. Wir haben ja gehört, daß manche moderne
Sprachen unseren Ausdruck: ein unheimliches Haus gar nicht anders
wiedergeben können als durch die Umschreibung: ein Haus, in dem es
spukt. Wir hätten eigentlich unsere Untersuchung mit diesem, vielleicht
stärksten Beispiel von Unheimlichkeit beginnen können, aber wir taten es
nicht, weil hier das Unheimliche zu sehr mit dem Grauenhaften vermengt
und zum Teil von ihm gedeckt ist. Aber auf kaum einem anderen Gebiet hat
sich unser Denken und Fühlen seit den Urzeiten so wenig verändert, ist
das Alte unter dünner Decke so gut erhalten geblieben, wie in unserer
Beziehung zum Tode. Zwei Momente geben für diesen Stillstand gute
Auskunft: Die Stärke unserer ursprünglichen Gefühlsreaktionen und die
Unsicherheit unserer wissenschaftlichen Erkenntnis. Unsere Biologie hat
es noch nicht entscheiden können, ob der Tod das notwendige Schicksal
jedes Lebewesens oder nur ein regelmäßiger, vielleicht aber
vermeidlicher Zufall innerhalb des Lebens ist. Der Satz: alle Menschen
müssen sterben, paradiert zwar in den Lehrbüchern der Logik als Vorbild
einer allgemeinen Behauptung, aber keinem Menschen leuchtet er ein und
unser Unbewußtes hat jetzt so wenig Raum wie vormals für die Vorstellung
der eigenen Sterblichkeit. Die Religionen bestreiten noch immer der
unableugbaren Tatsache des individuellen Todes ihre Bedeutung und setzen
die Existenz über das Lebensende hinaus fort, die staatlichen Gewalten
meinen die moralische Ordnung unter den Lebenden nicht aufrecht erhalten
zu können, wenn man auf die Korrektur des Erdenlebens durch ein besseres
Jenseits verzichten soll, auf den Anschlagsäulen unserer Großstädte
werden Vorträge angekündigt, welche Belehrung spenden wollen, wie man
sich mit den Seelen der Verstorbenen in Verbindung setzen kann, und es
ist unleugbar, daß mehrere der feinsten Köpfe und schärfsten Denker
unter den Männern der Wissenschaft, zumal gegen das Ende ihrer eigenen
Lebenszeit, geurteilt haben, daß es an Möglichkeiten für solchen Verkehr
nicht fehle. Da fast alle von uns in diesem Punkt noch so denken wie die
Wilden, ist es auch nicht zu verwundern, daß die primitive Angst vor dem
Toten bei uns noch so mächtig ist und bereit liegt, sich zu äußern,
sowie irgend etwas ihr entgegen kommt. Wahrscheinlich hat sie auch noch
den alten Sinn, der Tote sei zum Feind des Überlebenden geworden und
beabsichtige, ihn mit sich zu nehmen, als Genossen seiner neuen
Existenz. Eher könnte man bei dieser Unveränderlichkeit der Einstellung
zum Tode fragen, wo die Bedingung der Verdrängung bleibt, die erfordert
wird, damit das Primitive als etwas Unheimliches wiederkehren könne.
Aber die besteht doch auch; offiziell glauben die sogenannten Gebildeten
nicht mehr an das Sichtbarwerden der Verstorbenen als Seelen, haben
deren Erscheinung an entlegene und selten verwirklichte Bedingungen
geknüpft, und die ursprünglich höchst zweideutige, ambivalente
Gefühlseinstellung zum Toten ist für die höheren Schichten des
Seelenlebens zur eindeutigen der Pietät abgeschwächt worden[12].
[12] Vgl.: Das Tabu und die Ambivalenz in »Totem und Tabu«.
Es bedarf jetzt nur noch weniger Ergänzungen, denn mit dem Animismus,
der Magie und Zauberei, der Allmacht der Gedanken, der Beziehung zum
Tode, der unbeabsichtigten Wiederholung und dem Kastrationskomplex haben
wir den Umfang der Momente, die das Ängstliche zum Unheimlichen machen,
so ziemlich erschöpft.
Wir heißen auch einen lebenden Menschen unheimlich, und zwar dann, wenn
wir ihm böse Absichten zutrauen. Aber das reicht nicht hin, wir müssen
noch hinzutun, daß diese seine Absichten uns zu schaden sich mit Hilfe
besonderer Kräfte verwirklichen werden. Der »Gettatore«, ist ein gutes
Beispiel hiefür, diese unheimliche Gestalt des romanischen Aberglaubens,
die Albrecht _Schaeffer_ in dem Buche »_Josef Montfort_« mit poetischer
Intuition und tiefem psychoanalytischem Verständnis zu einer
sympathischen Figur umgeschaffen hat. Aber mit diesen geheimen Kräften
stehen wir bereits wieder auf dem Boden des Animismus. Die Ahnung
solcher Geheimkräfte ist es, die dem frommen Gretchen den Mephisto so
unheimlich werden läßt:
»Sie ahnt, daß ich ganz sicher ein Genie,
Vielleicht sogar der Teufel bin.«
Das Unheimliche der Fallsucht, des Wahnsinns, hat denselben Ursprung.
Der Laie sieht hier die Äußerung von Kräften vor sich, die er im
Nebenmenschen nicht vermutet hat, deren Regung er aber in entlegenen
Winkeln der eigenen Persönlichkeit dunkel zu spüren vermag. Das
Mittelalter hatte konsequenterweise und psychologisch beinahe korrekt
alle diese Krankheitsäußerungen der Wirkung von Dämonen zugeschrieben.
Ja, ich würde mich nicht verwundern zu hören, daß die Psychoanalyse, die
sich mit der Aufdeckung dieser geheimen Kräfte beschäftigt, vielen
Menschen darum selbst unheimlich geworden ist. In einem Falle, als mir
die Herstellung eines seit vielen Jahren siechen Mädchens -- wenn auch
nicht sehr rasch -- gelungen war, habe ich's von der Mutter der für
lange Zeit Geheilten selbst gehört.
Abgetrennte Glieder, ein abgehauener Kopf, eine vom Arm gelöste Hand wie
in einem Märchen von _Hauff_, Füße, die für sich allein tanzen wie in
dem erwähnten Buche von _A. Schaeffer_, haben etwas ungemein
Unheimliches an sich, besonders wenn ihnen wie im letzten Beispiel noch
eine selbständige Tätigkeit zugestanden wird. Wir wissen schon, daß
diese Unheimlichkeit von der Annäherung an den Kastrationskomplex
herrührt. Manche Menschen würden die Krone der Unheimlichkeit der
Vorstellung zuweisen, scheintot begraben zu werden. Allein die
Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß diese schreckende Phantasie nur die
Umwandlung einer anderen ist; die ursprünglich nichts Schreckhaftes war,
sondern von einer gewissen Lüsternheit getragen wurde, nämlich der
Phantasie vom Leben im Mutterleib.
Tragen wir noch etwas Allgemeines nach, was strenggenommen bereits in
unseren bisherigen Behauptungen über den Animismus und die überwundenen
Arbeitsweisen des seelischen Apparats enthalten ist, aber doch einer
besonderen Hervorhebung würdig scheint, daß es nämlich oft und leicht
unheimlich wirkt, wenn die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit
verwischt wird, wenn etwas real vor uns hintritt, was wir bisher für
phantastisch gehalten haben, wenn ein Symbol die volle Leistung und
Bedeutung des Symbolisierten übernimmt und dergleichen mehr. Hierauf
beruht auch ein gutes Stück der Unheimlichkeit, die den magischen
Praktiken anhaftet. Das Infantile daran, was auch das Seelenleben der
Neurotiker beherrscht, ist die Überbetonung der psychischen Realität im
Vergleich zur materiellen, ein Zug, welcher sich der Allmacht der
Gedanken anschließt. Mitten in der Absperrung des Weltkrieges kam eine
Nummer des englischen Magazins »Strand« in meine Hände, in der ich unter
anderen ziemlich überflüssigen Produktionen eine Erzählung las, wie ein
junges Paar eine möblierte Wohnung bezieht, in der sich ein seltsam
geformter Tisch mit holzgeschnitzten Krokodilen befindet. Gegen Abend
pflegt sich dann ein unerträglicher, charakteristischer Gestank in der
Wohnung zu verbreiten, man stolpert im Dunkeln über irgend etwas, man
glaubt zu sehen, wie etwas Undefinierbares über die Treppe huscht, kurz,
man soll erraten, daß infolge der Anwesenheit dieses Tisches
gespenstische Krokodile im Hause spuken, oder daß die hölzernen
Scheusale im Dunkeln Leben bekommen oder etwas Ähnliches. Es war eine
recht einfältige Geschichte, aber ihre unheimliche Wirkung verspürte man
als ganz hervorragend.
Zum Schlusse dieser gewiß noch unvollständigen Beispielsammlung soll
eine Erfahrung aus der psychoanalytischen Arbeit erwähnt werden, die,
wenn sie nicht auf einem zufälligen Zusammentreffen beruht, die schönste
Bekräftigung unserer Auffassung des Unheimlichen mit sich bringt. Es
kommt oft vor, daß neurotische Männer erklären, das weibliche Genitale
sei ihnen etwas Unheimliches. Dieses Unheimliche ist aber der Eingang
zur alten Heimat des Menschenkindes, zur Örtlichkeit, in der jeder
einmal und zuerst geweilt hat. »Liebe ist Heimweh«, behauptet ein
Scherzwort, und wenn der Träumer von einer Örtlichkeit oder Landschaft
noch im Traume denkt: Das ist mir bekannt, da war ich schon einmal, so
darf die Deutung dafür das Genitale oder den Leib der Mutter einsetzen.
Das Unheimliche ist also auch in diesem Falle das ehemals Heimische,
Altvertraute. Die Vorsilbe _un_ an diesem Worte ist aber die Marke der
Verdrängung.
III.
Schon während der Lektüre der vorstehenden Erörterungen werden sich beim
Leser Zweifel geregt haben, denen jetzt gestattet werden soll sich zu
sammeln und laut zu werden.
Es mag zutreffen, daß das Unheimliche das Heimliche-Heimische ist, das
eine Verdrängung erfahren hat und aus ihr wiedergekehrt ist, und daß
alles Unheimliche diese Bedingung erfüllt. Aber mit dieser Stoffwahl
scheint das Rätsel des Unheimlichen nicht gelöst. Unser Satz verträgt
offenbar keine Umkehrung. Nicht alles was an verdrängte Wunschregungen
und überwundene Denkweisen der individuellen Vorzeit und der
Völkerurzeit mahnt, ist darum auch unheimlich.
Auch wollen wir es nicht verschweigen, daß sich fast zu jedem Beispiel,
welches unseren Satz erweisen sollte, ein analoges finden läßt, das ihm
widerspricht. Die abgehauene Hand z. B. im _Hauff_schen Märchen »Die
Geschichte von der abgehauenen Hand« wirkt gewiß unheimlich, was wir auf
den Kastrationskomplex zurückgeführt haben. Aber in der Erzählung des
Herodot vom Schatz des Rhampsenit läßt der Meisterdieb, den die
Prinzessin bei der Hand festhalten will, ihr die abgehauene Hand seines
Bruders zurück, und andere werden wahrscheinlich ebenso wie ich
urteilen, daß dieser Zug keine unheimliche Wirkung hervorruft. Die
prompte Wunscherfüllung im »Ring des Polykrates« wirkt auf uns
sicherlich ebenso unheimlich wie auf den König von Ägypten selbst. Aber
in unseren Märchen wimmelt es von sofortigen Wunscherfüllungen und das
Unheimliche bleibt dabei aus. Im Märchen von den drei Wünschen läßt sich
die Frau durch den Wohlgeruch einer Bratwurst verleiten zu sagen, daß
sie auch so ein Würstchen haben möchte. Sofort liegt es vor ihr auf dem
Teller. Der Mann wünscht im Ärger, daß es der Vorwitzigen an der Nase
hängen möge. Flugs baumelt es an ihrer Nase. Das ist sehr eindrucksvoll,
aber nicht im geringsten unheimlich. Das Märchen stellt sich überhaupt
ganz offen auf den animistischen Standpunkt der Allmacht von Gedanken
und Wünschen, und ich wüßte doch kein echtes Märchen zu nennen, in dem
irgend etwas Unheimliches vorkäme. Wir haben gehört, daß es in hohem
Grade unheimlich wirkt, wenn leblose Dinge, Bilder, Puppen, sich
beleben, aber in den _Andersen_schen Märchen leben die Hausgeräte, die
Möbel, der Zinnsoldat und nichts ist vielleicht vom Unheimlichen
entfernter. Auch die Belebung der schönen Statue des _Pygmalion_ wird
man kaum als unheimlich empfinden.
Scheintod und Wiederbelebung von Toten haben wir als sehr unheimliche
Vorstellungen kennen gelernt. Dergleichen ist aber wiederum im Märchen
sehr gewöhnlich; wer wagte es unheimlich zu nennen, wenn z. B.
Schneewittchen die Augen wieder aufschlägt? Auch die Erweckung von Toten
in den Wundergeschichten z. B. des Neuen Testaments ruft Gefühle hervor,
die nichts mit dem Unheimlichen zu tun haben. Die unbeabsichtigte
Wiederkehr des Gleichen, die uns so unzweifelhafte unheimliche Wirkungen
ergeben hat, dient doch in einer Reihe von Fällen anderen, und zwar sehr
verschiedenen Wirkungen. Wir haben schon einen Fall kennen gelernt, in
dem sie als Mittel zur Hervorrufung des komischen Gefühls gebraucht wird
und könnten Beispiele dieser Art häufen. Andere Male wirkt sie als
Verstärkung u. dgl., ferner: woher rührt die Unheimlichkeit der Stille,
des Alleinseins, der Dunkelheit? Deuten diese Momente nicht auf die
Rolle der Gefahr bei der Entstehung des Unheimlichen, wenngleich es
dieselben Bedingungen sind, unter denen wir die Kinder am häufigsten
Angst äußern sehen? Und können wir wirklich das Moment der
intellektuellen Unsicherheit ganz vernachlässigen, da wir doch seine
Bedeutung für das Unheimliche des Todes zugegeben haben?
So müssen wir wohl bereit sein anzunehmen, daß für das Auftreten des
unheimlichen Gefühls noch andere als die von uns vorangestellten
stofflichen Bedingungen maßgebend sind. Man könnte zwar sagen, mit jener
ersten Feststellung sei das psychoanalytische Interesse am Problem des
Unheimlichen erledigt, der Rest erfordere wahrscheinlich eine
ästhetische Untersuchung. Aber damit würden wir dem Zweifel das Tor
öffnen, welchen Wert unsere Einsicht in die Herkunft des Unheimlichen
vom verdrängten Heimischen eigentlich beanspruchen darf.
Eine Beobachtung kann uns den Weg zur Lösung dieser Unsicherheiten
weisen. Fast alle Beispiele, die unseren Erwartungen widersprechen, sind
dem Bereich der Fiktion, der Dichtung, entnommen. Wir erhalten so einen
Wink, einen Unterschied zu machen zwischen dem Unheimlichen, das man
erlebt, und dem Unheimlichen, das man sich bloß vorstellt, oder von dem
man liest.
Das Unheimliche des Erlebens hat weit einfachere Bedingungen, umfaßt
aber weniger zahlreiche Fälle. Ich glaube, es fügt sich ausnahmslos
unserem Lösungsversuch, läßt jedesmal die Zurückführung auf
altvertrautes Verdrängtes zu. Doch ist auch hier eine wichtige und
psychologisch bedeutsame Scheidung des Materials vorzunehmen, die wir am
besten an geeigneten Beispielen erkennen werden.
Greifen wir das Unheimliche der Allmacht der Gedanken, der prompten
Wunscherfüllung, der geheimen schädigenden Kräfte, der Wiederkehr der
Toten heraus. Die Bedingung, unter der hier das Gefühl des Unheimlichen
entsteht, ist nicht zu verkennen. Wir -- oder unsere primitiven Urahnen
-- haben dereinst diese Möglichkeiten für Wirklichkeit gehalten, waren
von der Realität dieser Vorgänge überzeugt. Heute glauben wir nicht mehr
daran, wir haben diese Denkweisen _überwunden_, aber wir fühlen uns
dieser neuen Überzeugungen nicht ganz sicher, die alten leben noch in
uns fort und lauern auf Bestätigung. Sowie sich nun etwas in unserem
Leben _ereignet_, was diesen alten abgelegten Überzeugungen eine
Bestätigung zuzuführen scheint, haben wir das Gefühl des Unheimlichen,
zu dem man das Urteil ergänzen kann: Also ist es doch wahr, daß man
einen anderen durch den bloßen Wunsch töten kann, daß die Toten
weiterleben und an der Stätte ihrer früheren Tätigkeit sichtbar werden
u. dgl.! Wer im Gegenteile diese animistischen Überzeugungen bei sich
gründlich und endgültig erledigt hat, für den entfällt das Unheimliche
dieser Art. Das merkwürdigste Zusammentreffen von Wunsch und Erfüllung,
die rätselhafteste Wiederholung ähnlicher Erlebnisse an demselben Ort
oder zum gleichen Datum, die täuschendsten Gesichtswahrnehmungen und
verdächtigsten Geräusche werden ihn nicht irre machen, keine Angst in
ihm erwecken, die man als Angst vor dem »Unheimlichen« bezeichnen kann.
Es handelt sich hier also rein um eine Angelegenheit der Realitätsprüfung,
um eine Frage der materiellen Realität[13].