wird es interessant, die Wirkung zu erfahren, wenn uns einmal das Bild
der eigenen Persönlichkeit ungerufen und unvermutet entgegentritt.
_E. Mach_ berichtet zwei solcher Beobachtungen in der »Analyse der
Empfindungen«, 1900, Seite 3. Er erschrak das eine Mal nicht wenig,
als er erkannte, daß das gesehene Gesicht das eigene sei, das andere
Mal fällte er ein sehr ungünstiges Urteil über den anscheinend
Fremden, der in seinen Omnibus einstieg, »Was steigt doch da für ein
herabgekommener Schulmeister ein«. -- Ich kann ein ähnliches Abenteuer
erzählen: Ich saß allein im Abteil des Schlafwagens, als bei einem
heftigeren Ruck der Fahrtbewegung die zur anstoßenden Toilette
führende Türe aufging und ein älterer Herr im Schlafrock, die
Reisemütze auf dem Kopf, bei mir eintrat. Ich nahm an, daß er sich
beim Verlassen des zwischen zwei Abteilen befindlichen Kabinetts in
der Richtung geirrt hatte und fälschlich in mein Abteil gekommen war,
sprang auf, um ihn aufzuklären, erkannte aber bald verdutzt, daß
der Eindringling mein eigenes vom Spiegel in der Verbindungstür
entworfenes Bild war. Ich weiß noch, daß mir die Erscheinung gründlich
mißfallen hatte. Anstatt also über den Doppelgänger zu erschrecken,
hatten beide -- _Mach_ wie ich -- ihn einfach nicht agnosziert. Ob
aber das Mißfallen dabei nicht doch ein Rest jener archaischen
Reaktion war, die den Doppelgänger als unheimlich empfindet?
Anders verhält es sich mit dem Unheimlichen, das von verdrängten
infantilen Komplexen ausgeht, vom Kastrationskomplex, der
Mutterleibsphantasie usw., nur daß reale Erlebnisse, welche diese Art
von Unheimlichem erwecken, nicht sehr häufig sein können. Das
Unheimliche des Erlebens gehört zumeist der früheren Gruppe an, für die
Theorie ist aber die Unterscheidung der beiden sehr bedeutsam. Beim
Unheimlichen aus infantilen Komplexen kommt die Frage der materiellen
Realität gar nicht in Betracht, die psychische Realität tritt an deren
Stelle. Es handelt sich um wirkliche Verdrängung eines Inhaltes und um
die Wiederkehr des Verdrängten, nicht um die Aufhebung des _Glaubens an
die Realität_ dieses Inhalts. Man könnte sagen, in dem einen Falle sei
ein gewisser Vorstellungsinhalt, im anderen der Glaube an seine
(materielle) Realität verdrängt. Aber die letztere Ausdrucksweise dehnt
wahrscheinlich den Gebrauch des Terminus »Verdrängung« über seine
rechtmäßigen Grenzen aus. Es ist korrekter, wenn wir einer hier
spürbaren psychologischen Differenz Rechnung tragen und den Zustand, in
dem sich die animistischen Überzeugungen des Kulturmenschen befinden,
als ein -- mehr oder wenig vollkommenes -- _Überwundensein_ bezeichnen.
Unser Ergebnis lautete dann: Das Unheimliche des Erlebens kommt
zustande, wenn _verdrängte_ infantile Komplexe durch einen Eindruck
wieder belebt werden, oder wenn _überwundene_ primitive Überzeugungen
wieder bestätigt scheinen. Endlich darf man sich durch die Vorliebe für
glatte Erledigung und durchsichtige Darstellung nicht vom Bekenntnis
abhalten lassen, daß die beiden hier aufgestellten Arten des
Unheimlichen im Erleben nicht immer scharf zu sondern sind. Wenn man
bedenkt, daß die primitiven Überzeugungen auf das innigste mit den
infantilen Komplexen zusammenhängen und eigentlich in ihnen wurzeln,
wird man sich über diese Verwischung der Abgrenzungen nicht viel
verwundern.
Das Unheimliche der Fiktion -- der Phantasie, der Dichtung -- verdient
in der Tat eine gesonderte Betrachtung. Es ist vor allem weit
reichhaltiger als das Unheimliche des Erlebens, es umfaßt dieses in
seiner Gänze und dann noch anderes, was unter den Bedingungen des
Erlebens nicht vorkommt. Der Gegensatz zwischen Verdrängtem und
Überwundenem kann nicht ohne tiefgreifende Modifikation auf das
Unheimliche der Dichtung übertragen werden, denn das Reich der Phantasie
hat ja zur Voraussetzung seiner Geltung, daß sein Inhalt von der
Realitätsprüfung enthoben ist. Das paradox klingende Ergebnis ist, _daß
in der Dichtung vieles nicht unheimlich ist, was unheimlich wäre, wenn
es sich im Leben ereignete, und daß in der Dichtung viele Möglichkeiten
bestehen unheimliche Wirkungen zu erzielen, die fürs Leben wegfallen_.
Zu den vielen Freiheiten des Dichters gehört auch die, seine
Darstellungswelt nach Belieben so zu wählen, daß sie mit der uns
vertrauten Realität zusammenfällt, oder sich irgendwie von ihr entfernt.
Wir folgen ihm in jedem Falle. Die Welt des Märchens z. B. hat den Boden
der Realität von vornherein verlassen und sich offen zur Annahme der
animistischen Überzeugungen bekannt. Wunscherfüllungen, geheime Kräfte,
Allmacht der Gedanken, Belebung des Leblosen, die im Märchen ganz
gewöhnlich sind, können hier keine unheimliche Wirkung äußern, denn für
die Entstehung des unheimlichen Gefühls ist, wie wir gehört haben, der
Urteilsstreit erfordert, ob das überwundene Unglaubwürdige nicht doch
real möglich ist, eine Frage, die durch die Voraussetzungen der
Märchenwelt überhaupt aus dem Wege geräumt ist. So verwirklicht das
Märchen, das uns die meisten Beispiele von Widerspruch gegen unsere
Lösung des Unheimlichen geliefert hat, den zuerst erwähnten Fall, daß im
Reiche der Fiktion vieles nicht unheimlich ist, was unheimlich wirken
müßte, wenn es sich im Leben ereignete. Dazu kommen fürs Märchen noch
andere Momente, die später kurz berührt werden sollen.
Der Dichter kann sich auch eine Welt erschaffen haben, die minder
phantastisch als die Märchenwelt, sich von der realen doch durch die
Aufnahme von höheren geistigen Wesen, Dämonen oder Geistern Verstorbener
scheidet. Alles Unheimliche, was diesen Gestalten anhaften könnte,
entfällt dann, soweit die Voraussetzungen dieser poetischen Realität
reichen. Die Seelen der Danteschen Hölle oder die Geistererscheinungen
in _Shakespeares_ Hamlet, Macbeth, Julius Caesar mögen düster und
schreckhaft genug sein, aber unheimlich sind sie im Grunde ebensowenig
wie etwa die heitere Götterwelt Homers. Wir passen unser Urteil den
Bedingungen dieser vom Dichter fingierten Realität an und behandeln
Seelen, Geister und Gespenster, als wären sie vollberechtigte
Existenzen, wie wir es selbst in der materiellen Realität sind. Auch
dies ist ein Fall, in dem Unheimlichkeit erspart wird.
Anders nun, wenn der Dichter sich dem Anscheine nach auf den Boden der
gemeinen Realität gestellt hat. Dann übernimmt er auch alle Bedingungen,
die im Erleben für die Entstehung des unheimlichen Gefühls gelten, und
alles was im Leben unheimlich wirkt, wirkt auch so in der Dichtung. Aber
in diesem Falle kann der Dichter auch das Unheimliche weit über das im
Erleben mögliche Maß hinaus steigern und vervielfältigen, indem er
solche Ereignisse vorfallen läßt, die in der Wirklichkeit nicht oder nur
sehr selten zur Erfahrung gekommen wären. Er verrät uns dann
gewissermaßen an unseren für überwunden gehaltenen Aberglauben, er
betrügt uns, indem er uns die gemeine Wirklichkeit verspricht und dann
doch über diese hinausgeht. Wir reagieren auf seine Fiktionen so, wie
wir auf eigene Erlebnisse reagiert hätten; wenn wir den Betrug merken,
ist es zu spät, der Dichter hat seine Absicht bereits erreicht, aber ich
muß behaupten, er hat keine reine Wirkung erzielt. Bei uns bleibt ein
Gefühl von Unbefriedigung, eine Art von Groll über die versuchte
Täuschung, wie ich es besonders deutlich nach der Lektüre von
_Schnitzlers_ Erzählung »Die Weissagung« und ähnlichen mit dem
Wunderbaren liebäugelnden Produktionen verspürt habe. Der Dichter hat
dann noch ein Mittel zur Verfügung, durch welches er sich dieser unserer
Auflehnung entziehen und gleichzeitig die Bedingungen für das Erreichen
seiner Absichten verbessern kann. Es besteht darin, daß er uns lange
Zeit über nicht erraten läßt, welche Voraussetzungen er eigentlich für
die von ihm angenommene Welt gewählt hat, oder daß er kunstvoll und
arglistig einer solchen entscheidenden Aufklärung bis zum Ende
ausweicht. Im ganzen wird aber hier der vorhin angekündigte Fall
verwirklicht, daß die Fiktion neue Möglichkeiten des unheimlichen
Gefühls erschafft, die im Erleben wegfallen würden.
Alle diese Mannigfaltigkeiten beziehen sich streng genommen nur auf das
Unheimliche, das aus dem Überwundenen entsteht. Das Unheimliche aus
verdrängten Komplexen ist resistenter, es bleibt in der Dichtung -- von
einer Bedingung abgesehen -- ebenso unheimlich wie im Erleben. Das
andere Unheimliche, das aus dem Überwundenen, zeigt diesen Charakter im
Erleben und in der Dichtung, die sich auf den Boden der materiellen
Realität stellt, kann ihn aber in den fiktiven, vom Dichter geschaffenen
Realitäten einbüßen.
Es ist offenkundig, daß die Freiheiten des Dichters und damit die
Vorrechte der Fiktion in der Hervorrufung und Hemmung des unheimlichen
Gefühls durch die vorstehenden Bemerkungen nicht erschöpft werden. Gegen
das Erleben verhalten wir uns im allgemeinen gleichmäßig passiv und
unterliegen der Einwirkung des Stofflichen. Für den Dichter sind wir
aber in besonderer Weise lenkbar, durch die Stimmung, in die er uns
versetzt, durch die Erwartungen, die er in uns erregt, kann er unsere
Gefühlsprozesse von dem einen Erfolg ablenken und auf einen anderen
einstellen, und kann aus demselben Stoff oft sehr verschiedenartige
Wirkungen gewinnen. Dies ist alles längst bekannt und wahrscheinlich von
den berufenen Ästhetikern eingehend gewürdigt worden. Wir sind auf
dieses Gebiet der Forschung ohne rechte Absicht geführt worden, indem
wir der Versuchung nachgaben, den Widerspruch gewisser Beispiele gegen
unsere Ableitung des Unheimlichen aufzuklären. Zu einzelnen dieser
Beispiele wollen wir darum auch zurückkehren.
Wir fragten vorhin, warum die abgehauene Hand im Schatz der Rhampsenit
nicht unheimlich wirke wie etwa in der _Hauff_schen »Geschichte von der
abgehauenen Hand«. Die Frage erscheint uns jetzt bedeutsamer, da wir die
größere Resistenz des Unheimlichen aus der Quelle verdrängter Komplexe
erkannt haben. Die Antwort ist leicht zu geben. Sie lautet, daß wir in
dieser Erzählung nicht auf die Gefühle der Prinzessin, sondern auf die
überlegene Schlauheit des »Meisterdiebes« eingestellt werden. Der
Prinzessin mag das unheimliche Gefühl dabei nicht erspart worden sein,
wir wollen es selbst für glaubhaft halten, daß sie in Ohnmacht gefallen
ist, aber wir verspüren nichts Unheimliches, denn wir versetzen uns
nicht in sie, sondern in den anderen. Durch eine andere Konstellation
wird uns der Eindruck des Unheimlichen in der _Nestroy_schen Posse »Der
Zerrissene« erspart, wenn der Geflüchtete, der sich für einen Mörder
hält, aus jeder Falltüre, deren Deckel er aufhebt, das vermeintliche
Gespenst des Ermordeten aufsteigen sieht und verzweifelt ausruft: Ich
hab' doch nur _einen_ umgebracht. Zu was diese gräßliche Multiplikation?
Wir kennen die Vorbedingungen dieser Szene, teilen den Irrtum des
»Zerrissenen« nicht, und darum wirkt, was für ihn unheimlich sein muß,
auf uns mit unwiderstehlicher Komik. Sogar ein »wirkliches« _Gespenst_
wie das in _O. Wildes_ Erzählung »Der Geist von Canterville« muß all
seiner Ansprüche, wenigstens Grauen zu erregen, verlustig werden, wenn
der Dichter sich den Scherz macht, es zu ironisieren und hänseln zu
lassen. So unabhängig kann in der Welt der Fiktion die Gefühlswirkung
von der Stoffwahl sein. In der Welt der Märchen sollen Angstgefühle,
also auch unheimliche Gefühle überhaupt nicht erweckt werden. Wir
verstehen das und sehen darum auch über die Anlässe hinweg, bei denen
etwas Derartiges möglich wäre.
Von der Einsamkeit, Stille und Dunkelheit können wir nichts anderes
sagen, als daß dies wirklich die Momente sind, an welche die bei den
meisten Menschen nie ganz erlöschende Kinderangst geknüpft ist. Die
psychoanalytische Forschung hat sich mit dem Problem derselben an
anderer Stelle auseinandergesetzt.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
steht.
ghastly, von einem Hause: haunted, von einem Menschen a repulsive
ghastly, von einem Hause: haunted, von einem Menschen: a repulsive
wie Hiob 11, 6; 15, 8, Weish. 2, 22; 1. Kor. 2, 7 etc. und so auch
wie Hiob 11, 6; 15, 8; Weish. 2, 22; 1. Kor. 2, 7 etc. und so auch
»_Heimlich_; adj. und adv. vernaculus, occultus; mhd. heimelîch,
_Heimlich_; adj. und adv. vernaculus, occultus; mhd. heimelîch,
wurden geschlagen an heimlichen örten. 1 Samuel 5, 12 ...
wurden geschlagen an heimlichen örten. 1 Samuel 5, 12 ...)
aber Coppelius[1]) lacht: »wartet nur, der kommt schon herunter von
aber Coppelius[1] lacht: »wartet nur, der kommt schon herunter von
auftaucht, ein solches infantiles Moment für die Enstehung des
auftaucht, ein solches infantiles Moment für die Entstehung des
unheimlichen Gefühls in Anspruch zu nehmen; werden wir auch zum Versuch
unheimlichen Gefühls in Anspruch zu nehmen, werden wir auch zum Versuch
_S. Seligman_[10] eine gründliche Behandlung gefunden hat. Die Quelle,
_S. Seligmann_[10] eine gründliche Behandlung gefunden hat. Die Quelle,
die Albrecht _Schäffer_ in dem Buche »_Josef Montfort_« mit poetischer
die Albrecht _Schaeffer_ in dem Buche »_Josef Montfort_« mit poetischer
_E. Mach_ berichtet zwei solcher Beobachtungen in der Ȁnalyse der
_E. Mach_ berichtet zwei solcher Beobachtungen in der »Analyse der
doch über diese hinausgeht. Wir reagieren auf seine Fiktionen so, wir
doch über diese hinausgeht. Wir reagieren auf seine Fiktionen so, wie
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